The Project Gutenberg EBook of Bunte Steine, by Adalbert Stifter

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Title: Bunte Steine
       Ein Festgeschenk

Author: Adalbert Stifter

Release Date: July 31, 2009 [EBook #29553]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BUNTE STEINE ***




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                                                    Bunte Steine

                                                     Ad. Stifter


                              Dieses Buch
                        wurde als sechster Band
                      der fnften Auswahlreihe des
              Volksverbandes der Bcherfreunde hergestellt
                   und wird nur an dessen Mitglieder
                               abgegeben.
                              Das Nachwort
                   schrieb Dr. Bruno Adler in Weimar.
                         Den Einband zeichnete
                              Adolf Propp.




                              Bunte Steine

                          Ein Festgeschenk von
                            Adalbert Stifter


                              Berlin 1922
                     Volksverband der Bcherfreunde
                      Wegweiser-Verlag G.m.b.H.




Inhalt.


                            Seite

  Einleitung                    V

  Granit                        1

  Kalkstein                    38

  Turmalin                    106

  Bergkristall                149

  Katzensilber                204

  Bergmilch                   272

  Nachwort                    303




Einleitung.


Als Knabe trug ich auer Ruten, Gestruchen und Blten, die mich
ergtzten, auch noch andere Dinge nach Hause, die mich fast noch mehr
freuten, weil sie nicht so schnell Farbe und Bestand verloren wie die
Pflanzen, nmlich allerlei Steine und Erddinge. Auf Feldern, an Rainen,
auf Heiden und Hutweiden, ja sogar auf Wiesen, auf denen doch nur das
hohe Gras steht, liegen die mannigfaltigsten dieser Dinge herum. Da ich
nun viel im Freien umherschweifen durfte, konnte es nicht fehlen, da
ich bald die Pltze entdeckte, auf denen die Dinge zu treffen waren, und
da ich die, welche ich fand, mit nach Hause nahm.

Da ist an dem Wege, der von Oberplan nach Hossenreuth fhrt, ein
gerumiges Stck Rasen, welches in die Felder hineinfhrt und mit einer
Mauer aus losen Steinen eingefat ist. In diesen Steinen stecken kleine
Blttchen, die wie Silber und Diamanten funkeln, und die man mit einem
Messer oder mit einer Ahle herausbrechen kann. Wir Kinder hieen diese
Blttchen Katzensilber und hatten eine sehr groe Freude an ihnen.

Auf dem Berglein des Altrichters befindet sich ein Stein, der so fein
und weich ist, da man ihn mit einem Messer schneiden kann. Die Bewohner
unserer Gegend nennen ihn Taufstein. Ich machte Tfelchen, Wrfel, Ringe
und Petschaften aus dem Steine, bis mir ein Mann, der Uhren, Barometer
und Stammbume verfertigte und Bilder lackierte, zeigte, da man den
Stein mit einem zarten Firnisse anstreichen msse, und da dann die
schnsten blauen, grnen und rtlichen Linien zum Vorschein kmen.

Wenn ich Zeit hatte, legte ich meine Schtze in eine Reihe, betrachtete
sie und hatte mein Vergngen an ihnen. Besonders hatte die Verwunderung
kein Ende, wenn es auf einem Steine so geheimnisvoll glnzte und
leuchtete und ugelte, da man es gar nicht ergrnden konnte, woher denn
das kme. Freilich war manchmal auch ein Stck Glas darunter, das ich
auf den Feldern gefunden hatte und das in allerlei Regenbogenfarben
schimmerte. Wenn sie dann sagten, das sei ja nur ein Glas und noch dazu
ein verwitterndes, wodurch es eben diese schimmernden Farben erhalten
habe, so dachte ich: Ei, wenn es auch nur ein Glas ist, so hat es doch
die schnen Farben, und es ist zum Staunen, wie es in der khlen,
feuchten Erde diese Farben empfangen konnte, und ich lie es unter den
Steinen liegen.

Dieser Sammelgeist nun ist noch immer nicht von mir gewichen. Nicht nur
trage ich noch heutzutage buchstblich Steine in der Tasche nach Hause,
um sie zu zeichnen oder zu malen und ihre Abbilder dann weiter zu
verwenden, sondern ich lege ja auch hier eine Sammlung von allerlei
Spielereien und Kram fr die Jugend an, an dem sie eine Freude haben und
den sie sich zur Betrachtung zurechtrichten mge. Freilich mssen meine
jungen Freunde zu dieser Sammlung bedeutend lter sein als ich, da ich
mir meine seltsamen Feldsteine zur Ergtzung nach Hause trug. Es wird
der Fall nicht eintreten, da ein Juwel in der Sammlung sei, so wie kaum
die Gefahr vorhanden ist, da ich unter meinen Steinen einstens etwa
einen ungeschliffenen Diamanten oder Rubin gehabt habe und ohne mein
Wissen unermelich reich gewesen sei. Wenn aber manches Glasstck unter
diesen Dingen ist, so bitte ich meine Freunde, zu denken, wie ich bei
meinem Glase gedacht habe: es hat doch allerlei Farben und mag bei den
Steinen belassen bleiben.

Wenn man einem Verstorbenen eine Sammlung widmen knnte, wrde ich diese
meinem verstorbenen jungen Freunde Gustav widmen. Ich hatte ihn zufllig
kennengelernt, ihn lieb gewonnen, und er hatte mir wie ein Vater
vertraut. Er hatte Freude an Spielereien, so wie er auch gleich einem
Mdchen noch immer gelegentlich ein Stckchen Naschwerk liebte und, wenn
er bei mir zu Tische war, auch stets bekam. Mge er in seiner lichteren
Heimat manchmal an den lteren Freund denken, der noch immer in dieser
Welt ist und noch ein Stckchen Zeit dazubleiben wnscht.

Weil es unermelich viel Steine gibt, so kann ich gar nicht voraussagen,
wie gro diese Sammlung werden wird.

Im Herbste 1852.

                                                =Der Verfasser.=




Granit.


Vor meinem vterlichen Geburtshause, dicht neben der Eingangstr in
dasselbe, liegt ein groer, achteckiger Stein von der Gestalt eines sehr
in die Lnge gezogenen Wrfels. Seine Seitenflchen sind roh ausgehauen,
seine obere Flche aber ist von dem vielen Sitzen so fein und glatt
geworden, als wre sie mit der kunstreichsten Glasur berzogen. Der Stein
ist sehr alt, und niemand erinnert sich, von einer Zeit gehrt zu haben,
wann er gelegt worden sei. Die urltesten Greise unseres Hauses waren auf
dem Steine gesessen, so wie jene, welche in zarter Jugend hinweggestorben
waren und nebst all den andern in dem Kirchhofe schlummern. Das Alter
beweist auch der Umstand, da die Sandsteinplatten, welche dem Steine
zur Unterlage dienen, schon ganz ausgetreten und dort, wo sie unter der
Dachtraufe hinausragen, mit tiefen Lchern von den herabfallenden
Tropfen versehen sind.

Eines der jngsten Mitglieder unseres Hauses, welche auf dem Steine
gesessen waren, war in meiner Knabenzeit ich. Ich sa gern auf dem
Steine, weil man wenigstens dazumal eine groe Umsicht von demselben
hatte. Jetzt ist sie etwas verbaut worden. Ich sa gern im ersten
Frhling dort, wenn die milder werdenden Sonnenstrahlen die erste Wrme
an der Wand des Hauses erzeugten. Ich sah auf die geackerten, aber noch
nicht bebauten Felder hinaus, ich sah dort manchmal ein Glas wie einen
weien, feurigen Funken schimmern und glnzen oder ich sah einen Geier
vorberfliegen oder ich sah auf den fernen, blulichen Wald, der mit
seinen Zacken an dem Himmel dahingeht, an dem die Gewitter und
Wolkenbrche hinabziehen und der so hoch ist, da ich meinte, wenn man
auf den hchsten Baum desselben hinaufstiege, mte man den Himmel
angreifen knnen. Zu andern Zeiten sah ich auf der Strae, die nahe an
dem Hause vorbergeht, bald einen Erntewagen, bald eine Herde, bald
einen Hausierer vorberziehen.

Im Sommer sa gern am Abend auch der Grovater auf dem Steine und
rauchte sein Pfeifchen, und manchmal, wenn ich schon lange schlief oder
in den beginnenden Schlummer nur noch gebrochen die Tne hineinhrte,
saen auch teils auf dem Steine, teils auf dem daneben befindlichen
Holzbnkchen oder auf der Lage von Baubrettern junge Burschen und
Mdchen und sangen anmutige Lieder in die finstere Nacht.

Unter den Dingen, die ich von dem Steine aus sah, war fter auch ein
Mann von seltsamer Art. Er kam zuweilen auf der Hossenreuther Strae mit
einem glnzenden, schwarzen Schubkarren heraufgefahren. Auf dem
Schubkarren hatte er ein glnzendes, schwarzes Fchen. Seine Kleider
waren zwar vom Anfange an nicht schwarz gewesen, allein sie waren mit
der Zeit sehr dunkel geworden und glnzten ebenfalls. Wenn die Sonne auf
ihn schien, so sah er aus, als wre er mit l eingeschmiert worden. Er
hatte einen breiten Hut auf dem Haupte, unter dem die langen Haare auf
den Nacken hinabwallten. Er hatte ein braunes Angesicht, freundliche
Augen und seine Haare hatten bereits die gelblich weie Farbe, die sie
bei Leuten unterer Stnde, die hart arbeiten mssen, gern bekommen. In
der Nhe der Huser schrie er gewhnlich etwas, was ich nicht verstand.
Infolge dieses Schreiens kamen unsere Nachbarn aus ihren Husern heraus,
hatten Gefe in der Hand, die meistens schwarze, hlzerne Kannen waren,
und begaben sich auf unsere Gasse. Whrend dies geschah, war der Mann
vollends nher gekommen und schob seinen Schubkarren auf unsere Gasse
herzu. Da hielt er stille, drehte den Hahn in dem Zapfen seines Fasses
und lie einem jedem, der unterhielt, eine braune, zhe Flssigkeit in
sein Gef rinnen, die ich recht gut als Wagenschmiere erkannte, und
wofr sie ihm eine Anzahl Kreuzer oder Groschen gaben. Wenn alles
vorber war und die Nachbarn sich mit ihrem Kaufe entfernt hatten,
richtete er sein Fa wieder zusammen, strich alles gut hinein, was
hervorgequollen war, und fuhr weiter. Ich war bei dem Vorfalle schier
alle Male zugegen; denn wenn ich auch eben nicht auf der Gasse war, da
der Mann kam, so hrte ich doch so gut wie die Nachbarn sein Schreien
und war gewi eher auf dem Platze als alle andern.

Eines Tages, da die Lenzsonne sehr freundlich schien und alle Menschen
heiter und schelmisch machte, sah ich ihn wieder die Hossenreuther
Strae herauffahren. Er schrie in der Nhe der Huser seinen
gewhnlichen Gesang, die Nachbarn kamen herbei, er gab ihnen ihren
Bedarf und sie entfernten sich. Als dieses geschehen war, brachte er
sein Fa wie zu sonstigen Zeiten in Ordnung. Zum Hineinstreichen dessen,
was sich etwa an dem Hahne oder durch das Lockern des Zapfens an den
untern Fadauben angesammelt hatte, hatte er einen langen, schmalen,
flachen Lffel mit kurzem Stiele. Er nahm mit dem Lffel geschickt jedes
Restchen Flssigkeit, das sich in einer Fuge oder in einem Winkel
versteckt hatte, heraus und strich es bei den scharfen Rndern des
Spundloches hinein. Ich sa, da er dieses tat, auf dem Steine und sah
ihm zu. Aus Zufall hatte ich bloe Fe, wie es fter geschah, und hatte
Hschen an, die mit der Zeit zu kurz geworden waren. Pltzlich sah er
von seiner Arbeit zu mir herzu und sagte: Willst du die Fe
eingeschmiert haben?

Ich hatte den Mann stets fr eine groe Merkwrdigkeit gehalten, fhlte
mich durch seine Vertraulichkeit geehrt und hielt beide Fe hin. Er
fuhr mit seinem Lffel in das Spundloch, langte damit herzu und tat
einen langsamen Strich auf jeden der beiden Fe. Die Flssigkeit
breitete sich schn auf der Haut aus, hatte eine auerordentlich klare,
goldbraune Farbe und sandte die angenehmen Harzdfte zu mir empor. Sie
zog sich ihrer Natur nach allmhlich um die Rundung meiner Fe herum
und an ihnen hinab. Der Mann fuhr indessen in seinem Geschfte fort, er
hatte ein paar Male lchelnd auf mich herzugeblickt, dann steckte er
seinen Lffel in eine Scheide neben dem Fa, schlug oben das Spundloch
zu, nahm die Tragbnder des Schubkarrens auf sich, hob letzteren empor
und fuhr damit davon. Da ich nun allein war und ein zwar halb
angenehmes, aber desungeachtet auch nicht ganz beruhigtes Gefhl hatte,
wollte ich mich doch auch der Mutter zeigen. Mit vorsichtig in die Hhe
gehaltenen Hschen ging ich in die Stube hinein. Es war eben Samstag,
und an jedem Samstage mute die Stube sehr schn gewaschen und
gescheuert werden, was auch heute am Morgen geschehen war, so wie der
Wagenschmiermann gern an Samstagen kam, um am Sonntage dazubleiben und
in die Kirche zu gehen. Die gut ausgelaugte und wieder getrocknete
Holzfaser des Fubodens nahm die Wagenschmiere meiner Fe sehr begierig
auf, so da hinter jedem meiner Tritte eine starke Tappe auf dem Boden
blieb. Die Mutter sa eben, da ich hereinkam, an dem Fenstertische vorne
und nhte. Da sie mich so kommen und vorwrtsschreiten sah, sprang sie
auf. Sie blieb einen Augenblick in der Schwebe, entweder weil sie mich
so bewunderte oder weil sie sich nach einem Werkzeuge umsah, mich zu
empfangen. Endlich aber rief sie: Was hat denn dieser heillose,
eingefleischte Sohn heute fr Dinge an sich?

Und damit ich nicht noch weiter vorwrts ginge, eilte sie mir entgegen,
hob mich empor und trug mich, meines Schreckes und ihrer Schrze nicht
achtend, in das Vorhaus hinaus. Dort lie sie mich nieder, nahm unter
der Bodenstiege, wohin wir, weil es an einem andern Orte nicht erlaubt
war, alle nach Hause gebrachten Ruten und Zweige legen muten und wo ich
selber in den letzten Tagen eine groe Menge dieser Dinge angesammelt
hatte, heraus, was sie nur immer erwischen konnte, und schlug damit so
lange und so heftig gegen meine Fe, bis das ganze Laubwerk der Ruten,
meine Hschen, ihre Schrze, die Steine des Fubodens und die Umgebung
voll Pech waren. Dann lie sie mich los und ging wieder in die Stube
hinein.

Ich war, obwohl es mir schon vom Anfang bei der Sache immer nicht so
ganz vollkommen geheuer gewesen war, doch ber diese frchterliche
Wendung der Dinge und weil ich mit meiner teuersten Verwandten dieser
Erde in dieses Zerwrfnis geraten war, gleichsam vernichtet. In dem
Vorhause befindet sich in einer Ecke ein groer Steinwrfel, der den
Zweck hat, da auf ihm das Garn zu den Hausweben mit einem hlzernen
Schlgel geklopft wird. Auf diesen Stein wankte ich zu und lie mich auf
ihn nieder. Ich konnte nicht einmal weinen, das Herz war mir gepret und
die Kehle wie mit Schnren zugeschnrt. Drinnen hrte ich die Mutter und
die Magd beratschlagen, was zu tun sei, und frchtete, da, wenn die
Pechspuren nicht weggingen, sie wieder herauskommen und mich weiter
zchtigen wrden.

In diesem Augenblicke ging der Grovater bei der hintern Tr, die zu
dem Brunnen und auf die Gartenwiese fhrt, herein und ging gegen mich
hervor. Er war immer der Gtige gewesen und hatte, wenn was immer
fr ein Unglck gegen uns Kinder hereingebrochen war, nie nach dem
Schuldigen gefragt, sondern nur stets geholfen. Da er nun zu dem Platze,
auf dem ich sa, hervorgekommen war, blieb er stehen und sah mich an.
Als er den Zustand, in welchem ich mich befand, begriffen hatte, fragte
er, was es denn gegeben habe und wie es mit mir so geworden sei. Ich
wollte mich nun erleichtern, allein ich konnte auch jetzt wieder
nichts erzhlen, denn nun brachen bei dem Anblicke seiner gtigen
und wohlmeinenden Augen alle Trnen, die frher nicht hervorzukommen
vermocht hatten, mit Gewalt heraus und rannen in Strmen herab, so da
ich vor Weinen und Schluchzen nur gebrochene und verstmmelte Laute
hervorbringen und nichts tun konnte, als die Fchen emporheben, auf
denen jetzt auch aus dem Peche noch das hliche Rot der Zchtigung
hervorsah.

Er aber lchelte und sagte: So komme nur her zu mir, komme mit mir.

Bei diesen Worten nahm er mich bei der Hand, zog mich sanft von dem
Steine herab und fhrte mich, der ich ihm vor Ergriffenheit kaum folgen
konnte, durch die Lnge des Vorhauses zurck und in den Hof hinaus. In
dem Hofe ist ein breiter, mit Steinen gepflasterter Gang, der rings an
den Bauwerken herumluft. Auf diesem Gange stehen unter dem berdache
des Hauses gewhnlich einige Schemel oder derlei Dinge, die dazu dienen,
da sich die Mgde beim Hecheln des Flachses oder andern hnlichen
Arbeiten darauf niedersetzen knnen, um vor dem Unwetter geschtzt zu
sein. Zu einem solchen Schemel fhrte er mich hinzu und sagte: Setze
dich da nieder und warte ein wenig, ich werde gleich wiederkommen.

Mit diesen Worten ging er in das Haus, und nachdem ich ein Weilchen
gewartet hatte, kam er wieder heraus, indem er eine groe, grn
glasierte Schssel, einen Topf mit Wasser und Seife und Tcher in den
Hnden trug. Diese Dinge stellte er neben mir aus das Steinpflaster
nieder, zog mir, der ich auf dem Schemel sa, meine Hschen aus, warf
sie seitwrts, go warmes Wasser in die Schssel, stellte meine Fe
hinein und wusch sie so lange mit Seife und Wasser, bis ein groer,
wei- und braungefleckter Schaumberg auf der Schssel stand, die
Wagenschmiere, weil sie noch frisch war, ganz weggegangen und keine Spur
mehr von Pech auf der Haut zu erblicken war. Dann trocknete er mit den
Tchern die Fe ab und fragte: Ist es nun gut?

Ich lachte fast unter den Trnen, ein Stein nach dem andern war mir
whrend des Waschens von dem Herzen gefallen, und waren die Trnen schon
linder geflossen, so drangen sie jetzt nur mehr einzeln aus den Augen
hervor. Er holte mir nun auch andere Hschen und zog sie mir an. Dann
nahm er das trocken gebliebene Ende der Tcher, wischte mir damit das
verweinte Angesicht ab und sagte: Nun gehe da ber den Hof bei dem
groen Einfahrtstore auf die Gasse hinaus, da dich niemand sehe, und
da du niemandem in die Hnde fallest. Auf der Gasse warte auf mich, ich
werde dir andere Kleider bringen und mich auch ein wenig umkleiden. Ich
gehe heute in das Dorf Melm, da darfst du mitgehen und da wirst du mir
erzhlen, wie sich dein Unglck ereignet hat und wie du in diese
Wagenschmiere geraten bist. Die Sachen lassen wir da liegen, es wird sie
schon jemand hinwegrumen.

Mit diesen Worten schob er mich gegen den Hof und ging in das Haus
zurck. Ich schritt leise ber den Hof und eilte bei dem Einfahrtstore
hinaus. Auf der Gasse ging ich sehr weit von dem groen Steine und von
der Haustr weg, damit ich sicher wre, und stellte mich auf eine
Stelle, von welcher ich von ferne in die Haustr hineinsehen konnte. Ich
sah, da auf dem Platze, auf welchem ich gezchtigt worden war, zwei
Mgde beschftigt waren, welche auf dem Boden knieten und mit den Hnden
auf ihm hin und her fuhren. Wahrscheinlich waren sie bemht, die
Pechspuren, die von meiner Zchtigung entstanden waren, wegzubringen.
Die Hausschwalbe flog kreischend bei der Tr aus und ein, weil heute
unter ihrem Neste immer Strung war, erst durch meine Zchtigung und nun
durch die arbeitenden Mgde. An der uersten Grenze unserer Gasse, sehr
weit von der Haustr entfernt, wo der kleine Hgel, auf dem unser Haus
steht, schon gegen die vorbeigehende Strae abzufallen beginnt, lagen
einige ausgehauene Stmme, die zu einem Baue oder zu einem andern
hnlichen Werke bestimmt waren. Auf diese setzte ich mich nieder und
wartete.

Endlich kam der Grovater heraus. Er hatte seinen breiten Hut auf dem
Haupte, hatte seinen langen Rock an, den er gern an Sonntagen nahm, und
trug seinen Stock in der Hand. In der andern hatte er aber auch mein
blaugestreiftes Jckchen, weie Strmpfe, schwarze Schnrstiefelchen und
mein graues Filzhtchen. Das alles half er mir anziehen und sagte: So,
jetzt gehen wir.

Wir gingen auf dem schmalen Fuwege durch das Grn unseres Hgels auf
die Strae hinab und gingen auf der Strae fort, erst durch die Huser
der Nachbarn, auf denen die Frhlingssonne lag und von denen die Leute
uns grten, und dann in das Freie hinaus. Dort streckte sich ein weites
Feld und schner, grner Rasen vor uns hin, und heller, freundlicher
Sonnenschein breitete sich ber alle Dinge der Welt. Wir gingen auf
einem weien Wege zwischen dem grnen Rasen dahin. Mein Schmerz und mein
Kummer war schon beinahe verschwunden, ich wute, da ein guter Ausgang
nicht fehlen konnte, da der Grovater sich der Sache annahm und mich
beschtzte; die freie Luft und die scheinende Sonne bten einen
beruhigenden Einflu, und ich empfand das Jckchen sehr angenehm auf
meinen Schultern und die Stiefelchen an den Fen, und die Luft flo
sanft durch meine Haare.

Als wir eine Weile auf der Wiese gegangen waren, wie wir gewhnlich
gingen, wenn er mich mitnahm, nmlich da er seine groen Schritte
milderte, aber noch immer groe Schritte machte, und ich teilweise
neben ihm trippeln mute, sagte der Grovater: Nun sage mir doch auch
einmal, wie es denn geschehen ist, da du mit so vieler Wagenschmiere
zusammengeraten bist, da nicht nur deine ganzen Hschen voll Pech sind,
da deine Fe voll Pech waren, da ein Pechfleck in dem Vorhause ist,
mit Pech besudelte Ruten herumliegen, sondern da auch im ganzen Hause,
wo man nur immer hinkommt, Flecken von Wagenschmiere anzutreffen sind.
Ich habe deiner Mutter schon gesagt, da du mit mir gehest, du darfst
nicht mehr besorgt sein, es wird dich keine Strafe mehr treffen.

Ich erzhlte ihm nun, wie ich auf dem Steine gesessen sei, wie der
Wagenschmiermann gekommen sei, wie er mich gefragt habe, ob ich meine
Fe eingeschmiert haben wolle, wie ich sie ihm hingehalten und wie er
auf jeden einen Strich getan habe, wie ich in die Stube gegangen sei, um
mich der Mutter zu zeigen, wie sie aufgesprungen sei, wie sie mich
genommen, in das Vorhaus getragen, mich mit meinen eigenen Ruten
gezchtigt habe und wie ich danach auf dem Steine sitzen geblieben sei.

Du bist ein kleines Nrrlein, sagte der Grovater, und der alte
Andreas ist ein arger Schalk, er hat immer solche Streiche ausgefhrt
und wird jetzt heimlich und wiederholt bei sich lachen, da er den
Einfall gehabt hat. Dieser Hergang bessert deine Sache sehr. Aber siehst
du, auch der alte Andreas, so bel wir seine Sache ansehen mgen, ist
nicht so schuldig, als wir andern uns denken; denn woher soll denn der
alte Andreas wissen, da die Wagenschmiere fr die Leute eine so
schreckende Sache ist und da sie in einem Hause eine solche Unordnung
anrichten kann? Denn fr ihn ist sie eine Ware, mit der er immer umgeht,
die ihm seine Nahrung gibt, die er liebt und die er sich immer frisch
holt, wenn sie ihm ausgeht. Und wie soll er von gewaschenen Fubden
etwas wissen, da er jahraus, jahrein bei Regen und Sonnenschein mit
seinem Fasse auf der Strae ist, bei der Nacht oder an Feiertagen in
einer Scheune schlft und an seinen Kleidern Heu oder Halme kleben hat?
Aber auch deine Mutter hat recht; sie mute glauben, da du dir
leichtsinnigerweise die Fe selber mit so vieler Wagenschmiere
beschmiert habest und da du in die Stube gegangen seiest, den schnen
Boden zu besudeln. Aber lasse ihr nur Zeit, sie wird schon zur Einsicht
kommen, sie wird alles verstehen, und alles wird gut werden. Wenn wir
dort auf jene Hhe hinaufgelangen, von der wir weit herumsehen, werde
ich dir eine Geschichte von solchen Pechmnnern erzhlen, wie der alte
Andreas ist, die sich lange vorher zugetragen hat, ehe du geboren
wurdest und ehe ich geboren wurde, und aus der du ersehen wirst, welche
wunderbare Schicksale die Menschen auf der Welt des lieben Gottes haben
knnen. Und wenn du stark genug bist und gehen kannst, so lasse ich dich
in der nchsten Woche nach Spitzenberg und in die Hirschberge mitgehen,
und da wirst du am Wege im Fichtengrunde eine solche Brennerei sehen, wo
sie die Wagenschmiere machen, wo sich der alte Andreas seinen Vorrat
immer holt, und wo also das Pech her ist, womit dir heute die Fe
eingeschmiert worden sind.

Ja, Grovater, sagte ich, ich werde recht stark sein.

Nun, das wird gut sein, antwortete er, und du darfst mitgehen.

Bei diesen Worten waren wir zu einer Mauer aus losen Steinen gelangt,
jenseits welcher eine grne Wiese mit dem weien Fupfade war. Der
Grovater stieg ber den Steigstein, indem er seinen Stock und seinen
Rock nach sich zog, und mir, der ich zu klein war, hinberhalf; und wir
gingen dann auf dem reinen Pfade weiter. Ungefhr in der Mitte der Wiese
blieb er stehen und zeigte auf die Erde, wo unter einem flachen Steine
ein klares Wsserlein hervorquoll und durch die Wiese fortrann.

Das ist das Behringer Brnnlein, sagte er, welches das beste Wasser
in der Gegend hat, ausgenommen das wunderttige Wasser, welches auf dem
Brunnberge in dem berbauten Brnnlein ist, in dessen Nhe die
Gnadenkapelle zum guten Wasser steht. Manche Menschen holen sich aus
diesem Brnnlein da ihr Trinkwasser, mancher Feldarbeiter geht weit
herzu, um da zu trinken, und mancher Kranke hat schon aus entfernten
Gegenden mit einem Kruge hierher geschickt, damit man ihm Wasser bringe.
Merke dir den Brunnen recht gut.

Ja, Grovater, sagte ich.

Nach diesen Worten gingen wir wieder weiter. Wir gingen auf dem Fupfade
durch die Wiese, wir gingen auf einem Wege zwischen Feldern empor und
kamen zu einem Grunde, der mit dichtem, kurzem, fast grauem Rasen
bedeckt war und auf dem nach allen Richtungen hin in gewissen
Entfernungen voneinander Fhren standen.

Das, worauf wir jetzt gehen, sagte der Grovater, sind die
Drrschnbel; es ist ein seltsamer Name: entweder kommt er von dem
trockenen, drren Boden oder von dem mageren Krutlein, das
tausendfltig auf dem Boden sitzt, und dessen Blte ein weies
Schnblein hat mit einem gelben Znglein darin. Siehe, die mchtigen
Fhren gehren den Brgern zu Oberplan je nach der Steuerbarkeit, sie
haben die Nadeln nicht in zwei Zeilen, sondern in Scheiden wie grne
Borstbschel, sie haben das geschmeidige, fette Holz, sie haben das
gelbe Pech, sie streuen sparsamen Schatten, und wenn ein schwaches
Lftchen geht, so hrt man die Nadeln ruhig und langsam sausen.

Ich hatte Gelegenheit, als wir weiter gingen, die Wahrheit dessen zu
beobachten, was der Grovater gesagt hatte. Ich sah eine Menge der
weigelben Blmlein auf dem Boden, ich sah den grauen Rasen, ich sah auf
manchem Stamme das Pech wie goldene Tropfen stehen, ich sah die
unzhligen Nadelbschel auf den unzhligen Zweigen gleichsam aus
winzigen dunklen Stiefelchen herausragen, und ich hrte, obgleich kaum
ein Lftchen zu verspren war, das ruhige Sausen in den Nadeln.

Wir gingen immer weiter, und der Weg wurde ziemlich steil.

Auf einer etwas hheren und freieren Stelle blieb der Grovater stehen
und sagte: So, da warten wir ein wenig.

Er wendete sich um, und nachdem wir uns von der Bewegung des
Aufwrtsgehens ein wenig ausgeatmet hatten, hob er seinen Stock empor
und zeigte auf einen entfernten, mchtigen Waldrcken in der Richtung,
aus der wir gekommen waren, und fragte: Kannst du mir sagen, was das
dort ist?

Ja, Grovater, antwortete ich, das ist die Alpe, auf welcher sich im
Sommer eine Viehherde befindet, die im Herbste wieder herabgetrieben
wird.

Und was ist das, das sich weiter vorwrts von der Alpe befindet?
fragte er wieder.

Das ist der Httenwald, antwortete ich.

Und rechts von der Alpe und dem Httenwalde?

Das ist der Philippgeorgsberg.

Und rechts von dem Philippgeorgsberge?

Das ist der Seewald, in welchem sich das dunkle und tiefe Seewasser
befindet.

Und wieder rechts von dem Seewalde?

Das ist der Blckenstein und der Sesselwald.

Und wieder rechts?

Das ist der Tussetwald.

Und weiter kannst du sie nicht kennen; aber da ist noch mancher
Waldrcken mit manchem Namen, sie gehen viele Meilen weit in die Lnder
fort. Einst waren die Wlder noch viel grer als jetzt. Da ich ein
Knabe war, reichten sie bis Spitzenberg und die vordern Stiftshuser, es
gab noch Wlfe darin, und die Hirsche konnten wir in der Nacht, wenn
eben die Zeit war, bis in unser Bette hinein brllen hren. Siehst du
die Rauchsule dort, die aus dem Httenwalde aufsteigt?

Ja, Grovater, ich sehe sie.

Und weiter zurck wieder eine aus dem Walde der Alpe?

Ja, Grovater.

Und aus den Niederungen des Philippgeorgsberges wieder eine?

Ich sehe sie, Grovater.

Und weit hinten im Kessel des Seewaldes, den man kaum erblicken kann,
noch eine, die so schwach ist, als wre sie nur ein blaues Wlklein?

Ich sehe sie auch, Grovater.

Siehst du, diese Rauchsulen kommen alle von den Menschen, die in dem
Walde ihre Geschfte treiben. Da sind zuerst die Holzknechte, die an
Stellen die Bume des Waldes umsgen, da nichts brig ist als Strnke
und Strauchwerk. Sie znden ein Feuer an, um ihre Speisen daran zu
kochen und um auch das unntige Reisig und die ste zu verbrennen. Dann
sind die Kohlenbrenner, die einen groen Meiler trmen, ihn mit Erde und
Reisern bedecken und in ihm aus Scheitern die Kohlen brennen, die du oft
in groen Scken an unserm Hause vorbei in die ferneren Gegenden
hinausfhren siehst, die nichts zu brennen haben. Dann sind die
Heusucher, die in den kleinen Wiesen und in den vom Wald entblten
Stellen das Heu machen oder es auch mit Sicheln zwischen dem Gesteine
schneiden. Sie machen ein Feuer, um ebenfalls daran zu kochen oder da
sich ihr Zugvieh in den Rauch lege und dort weniger von den Fliegen
geplagt werde. Dann sind die Sammler, welche Holzschwmme, Arzneidinge,
Beeren und andere Sachen suchen und auch gern ein Feuer machen, sich
daran zu laben. Endlich sind die Pechbrenner, die sich aus Walderde fen
bauen oder Lcher mit Lehm berwlben und daneben sich Htten aus
Waldbumen aufrichten, um in den Htten zu wohnen und in den fen und
Lchern die Wagenschmiere zu brennen, aber auch den Teer, das Terpentin
und andere Geister. Wo ein ganz dnnes Rauchfdlein aufsteigt, mag es
auch ein Jger sein, der sich sein Stcklein Fleisch bratet oder der
Ruhe pflegt. Alle diese Leute haben keine bleibende Sttte in dem Walde;
denn sie gehen bald hierhin, bald dorthin, je nachdem sie ihre Arbeit
getan haben oder ihre Gegenstnde nicht mehr finden. Darum haben auch
die Rauchsulen keine bleibende Stelle, und heute siehst du sie hier und
ein anderes Mal an einem andern Platze.

Ja, Grovater.

Das ist das Leben der Wlder. Aber la uns nun auch das auerhalb
betrachten. Kannst du mir sagen, was das fr weie Gebude sind, die wir
da durch die Doppelfhre hin sehen?

Ja, Grovater, das sind die Pranghfe.

Und weiter von den Pranghfen links?

Das sind die Huser von Vorder- und Hinterstift.

Und wieder weiter links?

Das ist Glckelberg.

Und weiter gegen uns her am Wasser?

Das ist die Hammermhle und der Bauer David.

Und die vielen Huser ganz in unserer Nhe, aus denen die Kirche
emporragt, und hinter denen ein Berg ist, auf welchem wieder ein
Kirchlein steht?

Aber, Grovater, das ist ja unser Marktflecken Oberplan, und das
Kirchlein auf dem Berge ist das Kirchlein zum guten Wasser.

Und wenn die Berge nicht wren und die Anhhen, die uns umgeben, so
wrdest du noch viel mehr Huser und Ortschaften sehen: die Karlshfe,
Stuben, Schwarzbach, Langenbruck, Melm, Honnetschlag, und auf der
entgegengesetzten Seite Pichlern, Perneck, Salnau und mehrere andere.
Das wirst du einsehen, da in diesen Ortschaften viel Leben ist, da
dort viele Menschen Tag und Nacht um ihren Lebensunterhalt sich abmhen
und die Freude genieen, die uns hienieden gegeben ist. Ich habe dir
darum die Wlder gezeigt und die Ortschaften, weil sich in ihnen die
Geschichte zugetragen hat, welche ich dir im Heraufgehen zu erzhlen
versprochen habe. Aber la uns weitergehen, da wir bald unser Ziel
erreichen, ich werde dir die Geschichte im Gehen erzhlen.

Der Grovater wendete sich um, ich auch, er setzte die Spitze seines
Stockes in die magere Rasenerde, wir gingen weiter, und er erzhlte: In
allen diesen Wldern und in allen diesen Ortschaften hat sich einst eine
merkwrdige Tatsache ereignet, und es ist ein groes Ungemach ber sie
gekommen. Mein Grovater, dein Ururgrovater, der zu damaliger Zeit
gelebt hat, hat es uns oft erzhlt. Es war einmal in einem Frhlinge, da
die Bume kaum ausgeschlagen hatten, da die Bltenbltter kaum
abgefallen waren, da eine schwere Krankheit ber diese Gegend kam, und
in allen Ortschaften, die du gesehen hast, und auch in jenen, die du
wegen vorstehender Berge nicht hast sehen knnen, ja sogar in den
Wldern, die du mir gezeigt hast, ausgebrochen ist. Sie ist lange vorher
in entfernten Lndern gewesen und hat dort unglaublich viele Menschen
dahingerafft. Pltzlich ist sie zu uns hereingekommen. Man wei nicht,
wie sie gekommen ist: haben sie die Menschen gebracht, ist sie in der
milden Frhlingsluft gekommen oder haben sie Winde und Regenwolken
dahergetragen -- genug, sie ist gekommen und hat sich ber alle Orte
ausgebreitet, die um uns herum liegen. ber die weien Bltenbltter,
die noch auf dem Wege lagen, trug man die Toten dahin, und in dem
Kmmerlein, in das die Frhlingsbltter hineinschauten, lag ein Kranker,
und es pflegte ihn einer, der selbst schon krankte. Die Seuche wurde die
Pest geheien, und in fnf bis sechs Stunden war der Mensch gesund und
tot, und selbst die, welche von dem bel genasen, waren nicht mehr recht
gesund und recht krank, und konnten ihren Geschften nicht nachgehen.
Man hatte vorher an Winterabenden erzhlt, wie in andern Lndern eine
Krankheit sei und die Leute an ihr wie an einem Strafgericht
dahinsterben; aber niemand hatte geglaubt, da sie in unsere Lnder
hereinkommen werde, weil nie etwas Fremdes zu uns hereinkommt, bis sie
kam. In den Ratschlgerhusern ist sie zuerst ausgebrochen, und es
starben gleich alle, die an ihr erkrankten. Die Nachricht verbreitete
sich in der Gegend, die Menschen erschraken und rannten gegeneinander.
Einige warteten, ob es weitergreifen wrde, andere flohen und trafen die
Krankheit in den Gegenden, in welche sie sich gewendet hatten. Nach
einigen Tagen brachte man schon die Toten auf den Oberplaner Kirchhof,
um sie zu begraben, gleich darauf von nahen und fernen Drfern und von
dem Marktflecken selbst. Man hrte fast den ganzen Tag die Zgenglocke
luten, und das Totengelute konnte man nicht mehr jedem einzelnen Toten
verschaffen, sondern man lutete es allgemein fr alle. Bald konnte man
sie auch nicht mehr in dem Kirchenhofe begraben, sondern man machte
groe Gruben auf dem freien Felde, tat die Toten hinein und scharrte sie
mit Erde zu. Von manchem Hause ging kein Rauch empor, in manchem hrte
man das Vieh brllen, weil man es zu fttern vergessen hatte, und
manches Rind ging verwildert herum, weil niemand war, es von der Weide
in den Stall zu bringen. Die Kinder liebten ihre Eltern nicht mehr und
die Eltern die Kinder nicht, man warf nur die Toten in die Grube und
ging davon. Es reiften die roten Kirschen, aber niemand dachte an sie
und niemand nahm sie von den Bumen; es reiften die Getreide, aber sie
wurden nicht in der Ordnung und Reinlichkeit nach Hause gebracht wie
sonst, ja, manche wren gar nicht nach Hause gekommen, wenn nicht doch
noch ein mitleidiger Mann sie einem Bblein oder Mtterlein, die allein
in einem Hause gesund geblieben waren, einbringen geholfen htte. Eines
Sonntages, da der Pfarrer von Oberplan die Kanzel bestieg, um die
Predigt zu halten, waren mit ihm sieben Personen in der Kirche; die
andern waren gestorben oder waren krank oder bei der Krankenpflege oder
aus Wirrnis und Starrsinn nicht gekommen. Als sie dieses sahen, brachen
sie in ein lautes Weinen aus, der Pfarrer konnte keine Predigt halten,
sondern las eine stille Messe, und man ging auseinander. Als die
Krankheit ihren Gipfel erreicht hatte, als die Menschen nicht mehr
wuten, sollten sie in dem Himmel oder auf der Erde Hilfe suchen,
geschah es, da ein Bauer aus dem Amischhause von Melm nach Oberplan
ging. Auf der Drillingsfhre sa ein Vglein und sang:

    Et Enzian und Pimpinell,
    Steht auf, sterbt nicht so schnell.
    Et Enzian und Pimpinell,
    Steht auf, sterbt nicht so schnell.

Der Bauer entfloh, er lief zu dem Pfarrer nach Oberplan und sagte ihm
die Worte, und der Pfarrer sagte sie den Leuten. Diese taten, wie das
Vglein gesungen hatte, und die Krankheit minderte sich immer mehr und
mehr, und noch ehe der Hafer in die Stoppeln gegangen war und ehe die
braunen Haselnsse an den Bschen der Zune reiften, war sie nicht mehr
vorhanden. Die Menschen getrauten sich wieder hervor, in den Drfern
ging der Rauch empor, wie man die Betten und die andern Dinge der
Kranken verbrannte, weil die Krankheit sehr ansteckend gewesen war;
viele Huser wurden neu getncht und gescheuert, und die Kirchenglocken
tnten wieder friedfertige Tne, wenn sie entweder zu dem Gebete riefen
oder zu den heiligen Festen der Kirche.

In dem Augenblicke, gleichsam wie durch die Worte hervorgerufen, tnte
hell, klar und rein mit ihren deutlichen, tiefen Tnen die groe Glocke
von dem Turme zu Oberplan, und die Klnge kamen zu uns unter die Fhren
herauf.

Siehe, sagte der Grovater, es ist schon vier Uhr und schon
Feierabendluten; siehst du, Kind, diese Zunge sagt uns beinahe mit
vernehmlichen Worten, wie gut und wie glcklich und wie befriedigt
wieder alles in dieser Gegend ist.

Wir hatten uns bei diesen Worten umgekehrt und schauten nach der Kirche
zurck. Sie ragte mit ihrem dunklen Ziegeldache und mit ihrem dunklen
Turme, von dem die Tne kamen, empor, und die Huser drngten sich wie
eine graue Taubenschar um sie.

Weil es Feierabend ist, sagte der Grovater, mssen wir ein kurzes
Gebet tun.

Er nahm seinen Hut von dem Haupte, machte ein Kreuz und betete. Ich nahm
auch mein Htchen ab und betete ebenfalls. Als wir geendet, die Kreuze
gemacht und unsere Kopfbedeckung wieder aufgesetzt hatten, sagte der
Grovater: Es ist ein schner Gebrauch, da am Samstage nachmittags mit
der Glocke dieses Zeichen gegeben wird, da nun der Vorabend des Festes
des Herrn beginne und da alles strenge Irdische ruhen msse, wie ich ja
auch an Samstagen nachmittags keine ernste Arbeit vornehme, sondern
hchstens einen Gang in benachbarte Drfer mache. Der Gebrauch stammt
von den Heiden her, die frher in den Gegenden waren, denen jeder Tag
gleich war und denen man, als sie zum Christentum bekehrt waren, ein
Zeichen geben mute, da der Gottestag im Anbrechen sei. Einstens wurde
dieses Zeichen sehr beachtet; denn wenn die Glocke klang, beteten die
Menschen und setzten ihre harte Arbeit zu Hause oder auf dem Felde aus.
Deine Gromutter, als sie noch ein junges Mdchen war, kniete jederzeit
bei dem Feierabendluten nieder und tat ein kurzes Gebet. Wenn ich
damals an Samstagabenden, so wie ich jetzt in andere Gegenden gehe, nach
Glckelberg ging, denn deine Gromutter ist von dem vorderen Glckelberg
zu Hause, so kniete sie oft bei dem Klange des Dorfglckleins mit ihrem
roten Leibchen und schneeweien Rckchen neben dem Gehege nieder, und
die Blten des Geheges waren ebenso wei und rot wie ihre Kleider.

Grovater, sie betet jetzt auch noch immer, wenn Feierabend gelutet
wird, in der Kammer neben dem blauen Schreine, der die roten Blumen
hat, sagte ich.

Ja, das tut sie, erwiderte er, aber die andern Leute beachten das
Zeichen nicht, sie arbeiten fort auf dem Felde und arbeiten fort in der
Stube, wie ja auch die Schlage unseres Nachbars, des Webers, selbst an
Samstagabenden forttnt, bis es Nacht wird und die Sterne am Himmel
stehen.

Ja, Grovater.

Das wirst du aber nicht wissen, da Oberplan das schnste Gelute in
der ganzen Gegend hat. Die Glocken sind gestimmt, wie man die Saiten
einer Geige stimmt, da sie gut zusammen tnen. Darum kann man auch
keine mehr dazu machen, wenn eine brche oder einen Sprung bekme, und
mit der Schnheit des Gelutes wre es vorber. Als dein Oheim Simon
einmal vor dem Feinde im Felde lag und krank war, sagte er, da ich ihn
besuchte: 'Vater, wenn ich nur noch einmal das Oberplaner Glcklein
hren knnte!' aber er konnte es nicht mehr hren und mute sterben.

In diesem Augenblicke hrte die Glocke zu tnen auf, und es war wieder
nichts mehr auf den Feldern als das freundliche Licht der Sonne.

Komm, la uns weitergehen, sagte der Grovater.

Wir gingen auf dem grauen Rasen zwischen den Stmmen weiter, immer von
einem Stamme zum andern. Es wre wohl ein ausgetretener Weg gewesen,
aber auf dem Rasen war es weicher und schner zu gehen. Allein die
Sohlen meiner Stiefel waren von dem kurzen Grase schon so glatt
geworden, da ich kaum einen Schritt mehr zu tun vermochte und beim
Gehen nach allen Richtungen ausglitt. Da der Grovater diesen Zustand
bemerkt hatte, sagte er: Du mut mit den Fen nicht so schleifen; auf
diesem Grase mu man den Tritt gleich hinstellen, da er gilt, sonst
bohrt man die Sohlen glatt und es ist kein sicherer Halt mglich. Siehst
du, alles mu man lernen, selbst das Gehen. Aber komm, reiche mir die
Hand, ich werde dich fhren, da du ohne Mhsal fortkommst.

Er reichte mir die Hand, ich fate sie und ging nun gesttzt und
gesicherter weiter.

Der Grovater zeigte nach einer Weile auf einen Baum und sagte: Das ist
die Drillingsfhre.

Ein groer Stamm ging in die Hhe und trug drei schlanke Bume, welche
in den Lften ihre ste und Zweige vermischten. Zu seinen Fen lag eine
Menge herabgefallener Nadeln.

Ich wei es nicht, sagte der Grovater, hatte das Vglein die Worte
gesungen oder hat sie Gott dem Manne in das Herz gegeben: aber die
Drillingsfhre darf nicht umgehauen werden und ihrem Stamme und ihren
sten darf kein Schaden geschehen.

Ich sah mir den Baum recht an, dann gingen wir weiter und kamen nach
einiger Zeit allmhlich aus den Drrschnbeln hinaus. Die Stmme wurden
dnner, sie wurden seltener, hrten endlich ganz auf, und wir gingen auf
einem sehr steinigen Wege zwischen Feldern, die jetzt wieder erschienen,
hinauf. Hier zeigte mir der Grovater wieder einen Baum und sagte:
Siehe, das ist die Machtbuche, das ist der bedeutsamste Baum in der
Gegend, er wchst aus dem steinigsten Grunde empor, den es gibt. Siehe,
darum ist sein Holz auch so fest wie Stein, darum ist sein Stamm so
kurz, die Zweige stehen so dicht und halten die Bltter fest, da die
Krone gleichsam eine Kugel bildet, durch die nicht ein einziges uglein
des Himmels hindurchschauen kann. Wenn es Winter werden will, sehen die
Leute auf diesen Baum und sagen: Wenn einmal die Herbstwinde durch das
drre Laub der Machtbuche sausen und ihre Bltter auf dem Boden
dahintreiben, dann kommt bald der Winter. Und wirklich hllen sich in
kurzer Zeit die Hgel und Felder in die weie Decke des Schnees. Merke
dir den Baum und denke in spteren Jahren, wenn ich lngst im Grabe
liege, da es dein Grovater gewesen ist, der ihn dir zuerst gezeigt
hat.

Von dieser Buche gingen wir noch eine kleine Zeit aufwrts und kamen
dann auf die Schneidelinie der Anhhe, von der wir auf die jenseitigen
Gegenden hinbersahen und das Dorf Melm in einer Menge von Bumen zu
unsern Fen erblickten.

Der Grovater blieb hier stehen, zeigte mit seinem Stocke auf einen
entfernten Wald und sagte: Siehst du, dort rechts hinber der dunkle
Wald ist der Rindlesberg, hinter dem das Dorf Rindles liegt, das wir
nicht sehen knnen. Weiter links, wenn der Nadelwald nicht wre, wrdest
du den groen Alschhof erblicken. Zur Zeit der Pest ist in dem Alschhofe
alles ausgestorben bis auf eine einzige Magd, welche das Vieh, das in
dem Alschhofe ist, pflegen mute, zwei Reihen Khe, von denen die Milch
zu dem Kse kommt, den man in dem Hofe bereitet, dann die Stiere und das
Jungvieh. Diese mute sie viele Wochen lang nhren und warten, weil die
Seuche den Tieren nichts anhaben konnte und sie frhlich und munter
blieben, bis ihre Herrschaft Kenntnis von dem Ereignisse erhielt und von
den briggebliebenen Menschen ihr einige zu Hilfe sendete. In der groen
Hammermhle, die du mir im Heraufgehen gezeigt hast, sind ebenfalls alle
Personen gestorben bis auf einen einzigen krummen Mann, der alle
Geschfte zu tun hatte und die Leute befriedigen mute, die nach der
Pest das Getreide zur Mhle brachten und ihr Mehl haben wollten; daher
noch heute das Sprichwort kommt: 'Ich habe mehr Arbeit als der Krumme im
Hammer.' Von den Priestern in Oberplan ist nur der alte Pfarrer
briggeblieben, um der Seelsorge zu pflegen, die zwei Kaplne sind
gestorben, auch der Kster ist gestorben und sein Sohn, der schon die
Priesterweihe hatte. Von den Badhusern, die neben der kurzen Zeile des
Marktes die gebogene Gasse machen, sind drei gnzlich ausgestorben.

Nach diesen Worten gingen wir in dem Hohlwege und unter allerlei
lieblichen Spielen von Licht und Farben, welche die Sonne in den grnen
Blttern der Gestruche verursachte, in das Dorf Melm hinunter.

Der Grovater hatte in dem ersten Hause desselben, im Machthofe, zu tun.
Wir gingen deshalb durch den groen Schwibbogen desselben hinein. Der
Machtbauer stand in dem Hofe, hatte bloe Hemdrmel an den Armen und
viele hochgipflige Metallknpfe auf der Weste. Er grte den Grovater,
als er ihn sah, und fhrte ihn in die Stube; mich aber lieen sie auf
einem kleinen hlzernen Bnklein neben der Tr im Hof sitzen und
schickten mir ein Butterbrot, das ich verzehrte. Ich rastete,
betrachtete die Dinge, die da waren, als: die Wagen, welche abgeladen
unter dem Schuppendache ineinandergeschoben standen, die Pflge und
Eggen, welche, um Platz zu machen, in einem Winkel zusammengedrngt
waren, die Knechte und Mgde, die hin und her gingen, ihre
Samstagsarbeit taten und sich zur Feier des Sonntags rsteten; und die
Dinge gesellten sich zu denen, mit denen ohnehin mein Haupt angefllt
war, zu Drillingsfhren, Toten und Sterbenden und singenden Vglein.

Nach einer Zeit kam der Grovater wieder heraus und sagte: So, jetzt
bin ich fertig und wir treten unsern Rckweg wieder an.

Ich stand von meinem Bnklein auf, wir gingen dem Schwibbogen zu, der
Bauer und die Buerin begleiteten uns bis dahin, nahmen bei dem
Schwibbogen Abschied und wnschten uns glckliche Heimkehr.

Da wir wieder allein waren und auf unserm Rckwege den Hohlweg
hinanschritten, fuhr der Grovater fort: Als es tief in den Herbst
ging, wo die Preielbeeren reifen und die Nebel sich schon auf den
Mooswiesen zeigen, wandten sich die Menschen wieder derjenigen Erde zu,
in welcher man die Toten ohne Einweihung und Geprnge begraben hatte.
Viele Menschen gingen hinaus und betrachteten den frischen Aufwurf,
andere wollten die Namen derer wissen, die da begraben lagen, und als
die Seelsorge in Oberplan wieder vollkommen hergestellt war, wurde die
Stelle wie ein ordentlicher Kirchhof eingeweiht, es wurde feierlicher
Gottesdienst unter freiem Himmel gehalten und alle Gebete und Segnungen
nachgetragen, die man frher versumt hatte. Da wurde um den Ort eine
Planke gemacht und ungelschter Kalk auf denselben gestreut. Von da an
bewahrte man das Gedchtnis an die Vergangenheit in allerlei Dingen. Du
wirst wissen, da manche Stellen unserer Gegend noch den Beinamen Pest
tragen, zum Beispiel Pestwiese, Peststeig, Pesthang; und wenn du nicht
so jung wrest, so wrdest du auch die Sule noch gesehen haben, die
jetzt nicht mehr vorhanden ist, die auf dem Marktplatze von Oberplan
gestanden war und auf welcher man lesen konnte, wann die Pest gekommen
ist und wann sie aufgehrt hat und auf welcher ein Dankgebet zu dem
Gekreuzigten stand, der auf dem Gipfel der Sule prangte.

Die Gromutter hat uns von der Pestsule erzhlt, sagte ich.

Seitdem aber sind andere Geschlechter gekommen, fuhr er fort, die von
der Sache nichts wissen und die die Vergangenheit verachten; die
Einhegungen sind verlorengegangen, die Stellen haben sich mit
gewhnlichem Grase berzogen. Die Menschen vergessen gerne die alte Not
und halten die Gesundheit fr ein Gut, das ihnen Gott schuldig sei und
das sie in blhenden Tagen verschleudern. Sie achten nicht der Pltze,
wo die Toten ruhen, und sagen den Beinamen Pest mit leichtfertiger
Zunge, als ob sie einen andern Namen sagten, wie etwa Hagedorn oder
Eiben.

Wir waren unterdessen wieder durch den Hohlweg auf den Kamm der Anhhe
gekommen und hatten die Wlder, zu denen wir uns im Heraufgehen umwenden
muten, um sie zu sehen, jetzt in unserm Angesichte, und die Sonne
neigte sich in groem Geprnge ber ihnen dem Untergange zu.

Wenn nicht so die Abendsonne gegen uns schiene, sagte der Grovater,
und alles in einem feurigen Rauche schwebte, wrde ich dir die Stelle
zeigen knnen, von der ich jetzt reden werde, und die in unsere
Erzhlung gehrt. Sie ist viele Wegestunden von hier, sie ist uns gerade
gegenber, wo die Sonne untersinkt, und dort sind erst die rechten
Wlder. Dort stehen die Tannen und Fichten, es stehen die Erlen und
Ahorne, die Buchen und andere Bume wie die Knige, und das Volk der
Gebsche und das dichte Gedrnge der Grser und Kruter, der Blumen, der
Beeren und Moose stehen unter ihnen. Die Quellen gehen von allen Hhen
herab und rauschen und murmeln und erzhlen, was sie immer erzhlt
haben, sie gehen ber Kiesel wie leichtes Glas und vereinigen sich zu
Bchen, um hinaus in die Lnder zu kommen, oben singen die Vgel, es
leuchten die weien Wolken, die Regen strzen nieder, und wenn es Nacht
wird, scheint der Mond auf alles, da es wie ein genetztes Tuch aus
silbernen Fden ist. In diesem Walde ist ein sehr dunkler See, hinter
ihm ist eine graue Felsenwand, die sich in ihm spiegelt, an seinen
Seiten stehen dunkle Bume, die in das Wasser schauen, und vorne sind
Himbeer- und Brombeergehege, die einen Verhau machen. An der Felsenwand
liegt ein weies Gewirre herabgestrzter Bume, aus den Brombeeren steht
mancher weie Stamm empor, der von dem Blitz zerstrt ist, und schaut
auf den See, groe graue Steine liegen hundert Jahre herum, und die
Vgel und das Gewild kommen zu dem See, um zu trinken.

Das ist der See, Grovater, den ich im Heraufgehen genannt habe, sagte
ich, die Gromutter hat uns von seinem Wasser erzhlt, und den
seltsamen Fischen, die darin sind, und wenn ein weies Wlklein ber ihm
steht, so kmmt ein Gewitter.

Und wenn ein weies Wlklein ber ihm steht, fuhr der Grovater fort,
und sonst heiterer Himmel ist, so gesellen sich immer mehrere dazu, es
wird ein Wolkenheer, und das lst sich von dem Walde los und zieht zu
uns mit dem Gewitter heraus, das uns den schweren Regen bringt und auch
fter den Hagel. Am Rande dieses Waldes, wo heutzutage schon Felder
sind, wo aber dazumal noch dichtes Gehlze war, befand sich zur Zeit der
Pest eine Pechbrennerhtte. In derselben wohnte der Mann, von dem ich
dir erzhlen will. Mein Grovater hat sie noch gekannt, und er hat
gesagt, da man zeitweilig von dem Walde den Rauch habe aufsteigen
sehen, wie du heute die Rauchfden hast aufsteigen gesehen, da wir
heraufgegangen sind.

Ja, Grovater, sagte ich.

Dieser Pechbrenner, fuhr er fort, wollte sich in der Pest der
allgemeinen Heimsuchung entziehen, die Gott ber die Menschen verhngt
hatte. Er wollte in den hchsten Wald hinaufgehen, wo nie ein Besuch von
Menschen hinkmmt, wo nie eine Luft von Menschen hinkmmt, wo alles
anders ist als unten, und wo er gesund zu bleiben gedachte. Wenn aber
doch einer zu ihm gelangte, so wollte er ihn eher mit einem Schrbaume
erschlagen, als da er ihn nherkommen und die Seuche bringen liee.
Wenn aber die Krankheit lange vorber wre, dann wollte er wieder
zurckkehren und weiterleben. Als daher die schwarzen Schubkarrenfhrer,
die von ihm die Wagenschmiere holten, die Kunde brachten, da in den
angrenzenden Lndern schon die Pest entstanden sei, machte er sich auf
und ging in den hohen Wald hinauf. Er ging aber noch weiter, als wo der
See ist, er ging dahin, wo der Wald noch ist, wie er bei der Schpfung
gewesen war, wo noch keine Menschen gearbeitet haben, wo kein Baum
umbricht, als wenn er vom Blitze getroffen ist, oder von dem Winde
umgestrzt wird; dann bleibt er liegen, und aus seinem Leibe wachsen
neue Bumchen und Kruter empor; die Stmme stehen in die Hhe, und
zwischen ihnen sind die unangesehenen und unangetasteten Blumen und
Grser und Kruter.

Whrend der Grovater dieses sagte, war die Sonne untergegangen. Der
feurige Rauch war pltzlich verschwunden, der Himmel, an welchem keine
einzige Wolke stand, war ein goldener Grund geworden, wie man in alten
Gemlden sieht, und der Wald ging nun deutlich und dunkelblau in diesem
Grunde dahin.

Siehe, Kind, jetzt knnen wir die Stelle sehen, von der ich rede,
sagte der Grovater, blicke da gerade gegen den Wald, und da wirst du
eine tiefere blaue Frbung sehen; das ist das Becken, in welchem der See
ist. Ich wei nicht, ob du es siehst.

Ich sehe es, antwortete ich, ich sehe auch die schwachen grauen
Streifen, welche die Seewand bedeuten.

Da hast du schrfere Augen als ich, erwiderte der Grovater; jetzt
gehe mit den Augen von der Seewand rechts und gegen den Rand empor, dann
hast du jene hheren groen Waldungen. Es soll ein Fels dort sein, der
wie ein Hut berhngende Krempen hat und wie ein kleiner Auswuchs an dem
Waldrande zu sehen ist.

Grovater, ich sehe den kleinen Auswuchs.

Er heit der Hutfels und ist noch weit oberhalb des Sees im Hochwalde,
wo kaum ein Mensch gewesen ist. An dem See soll aber schon eine hlzerne
Wohnung gestanden sein. Der Ritter von Wittinghausen hat sie als
Zufluchtsort fr seine zwei Tchter im Schwedenkriege erbaut. Seine Burg
ist damals verbrannt worden, die Ruinen stehen noch wie ein blauer
Wrfel aus dem Thomaswalde empor.

Ich kenne die Ruine, Grovater.

Das Haus war hinter dem See, wo die Wand es beschtzte, und ein alter
Jger hat die Mdchen bewacht. Heutzutage ist von alledem keine Spur
mehr vorhanden. Von diesem See ging der Pechbrenner bis zum Hutfels
hinan und suchte sich einen geeigneten Platz aus. Er war aber nicht
allein, sondern es waren sein Weib und seine Kinder mit ihm, es waren
seine Brder, Vettern, Muhmen und Knechte mit, er hatte sein Vieh und
seine Gerte mitgenommen. Er hatte auch allerlei Smereien und Getreide
mitgefhrt, um in der aufgelockerten Erde anbauen zu knnen, da er sich
Vorrat fr die knftigen Zeiten sammle. Nun baute man die Htten fr
Menschen und Tiere, man baute die fen zum Brennen der Ware, und man
ste die Samen in die aufgegrabenen Felder. Unter den Leuten im Walde
war auch ein Bruder des Pechbrenners, der nicht in dem Walde bleiben,
sondern wieder zu der Htte zurckkehren wollte. Da sagte der
Pechbrenner, da er ihnen ein Zeichen geben solle, wenn die Pest
ausgebrochen sei. Er solle auf dem Hausberge in der Mittagsstunde eine
Rauchsule aufsteigen lassen, solle dieselbe eine Stunde gleichartig
dauern lassen und solle dann das Feuer dmpfen, da sie aufhre.
Dies solle er zur Gewiheit drei Tage hintereinander tun, da die
Waldbewohner daran ein Zeichen erkennen, das ihnen gegeben worden sei.
Wenn aber die Seuche aufgehrt habe, solle er ihnen auch eine Nachricht
geben, da sie hinabgehen knnten und die Krankheit nicht bekmen. Er
solle eine Rauchsule um die Mittagsstunde von dem Hausberge aufsteigen
lassen, solle sie eine Stunde gleichartig erhalten und dann das Feuer
lschen. Dies solle er vier Tage hintereinander tun, aber an jedem Tage
eine Stunde spter; an diesem besonderen Vorgange wrden sie erkennen,
da nun alle Gefahr vorber sei. Wenn er aber erkranke, so solle er den
Auftrag einem Freunde oder Bekannten als Testament hinterlassen, und
dieser ihn wieder einem Freunde oder Bekannten, so da einmal einer eine
Rauchsule errege und von dem Pechbrenner eine Belohnung zu erwarten
habe. Kennst du den Hausberg?

Ja, Grovater, antwortete ich, es ist der schwarze, spitzige Wald,
der hinter Pernek emporsteigt, und auf dessen Gipfel ein Felsklumpen
ist.

Ja, sagte der Grovater, der ist es. Es sollen einmal drei Brder
gelebt haben, einer auf der Alpe, einer auf dem Hausberge und einer auf
dem Thomaswalde. Sie sollen sich Zeichen gegeben haben, wenn einem eine
Gefahr drohte, bei Tage einen Rauch, bei Nacht ein Feuer, da es gesehen
wrde, und da die andern zu Hilfe kmen. Ich wei nicht, ob die Brder
gelebt haben. In dem hohen Walde wohnten nun die Ausgewanderten fort,
und als die Pest in unsern Gegenden ausgebrochen war, stieg um die
Mittagsstunde eine Rauchsule von dem Hausberge empor, dauerte eine
Stunde gleichartig fort und hrte dann auf. Dies geschah drei Tage
hintereinander, und die Leute in dem Walde wuten, was sich begeben
hatte. -- Aber siehe, wie es schon khl geworden ist, und wie bereits
der Tau auf die Grser fllt; komm, ich werde dir dein Jckchen
zumachen, da du nicht frierst, und werde dir dann die Geschichte
weitererzhlen.

Wir waren whrend der Erzhlung des Grovaters in die Drrschnbel
gekommen, wir waren an der Drillingsfhre vorbergegangen und unter den
dunklen Stmmen auf dem fast farblosen Grase bis zu den Feldern von
Oberplan gekommen. Der Grovater legte seinen Stock auf den Boden,
beugte sich zu mir herab, nestelte mir das Halstuch fester, richtete mir
das Westchen zurecht und knpfte mir das Jckchen zu. Hierauf knpfte er
sich auch seinen Rock zu, nahm seinen Stab, und wir gingen weiter.

Siehst du, mein liebes Kind, fuhr er fort, es hat aber alles nichts
geholfen, und es war nur eine Versuchung Gottes. Da die Bsche des
Waldes ihre Blten bekommen hatten, weie und rote, wie die Natur will,
da aus den Blten Beeren geworden waren, da die Dinge, welche der
Pechbrenner in Walderde gebaut hatte, aufgegangen und gewachsen waren,
da die Gerste die goldenen Barthaare bekommen hatte, da das Korn schon
weilich wurde, da die Haferflocken an den kleinen Fdlein hingen, und
das Kartoffelkraut seine grnen Kugeln und blulichen Blten trug: waren
alle Leute des Pechbrenners, er selber und seine Frau bis auf einen
einzigen kleinen Knaben, den Sohn des Pechbrenners, gestorben. Der
Pechbrenner und sein Weib waren die letzten gewesen, und da die
berlebenden immer die Toten begraben hatten, der Pechbrenner und sein
Weib aber niemand hinter sich hatten, und der Knabe zu schwach war, sie
zu begraben, blieben sie als Tote in ihrer Htte liegen. Der Knabe war
nun allein in dem frchterlichen, groen Walde. Er lie die Tiere aus,
welche in den Stllen waren, weil er sie nicht fttern konnte, er
dachte, da sie an den Grsern des Waldes eine Nahrung finden wrden,
und dann lief er selber von der Htte weg, weil er den toten Mann und
das tote Weib entsetzlich frchtete. Er ging auf eine freie Stelle des
Waldes, und da war jetzt berall niemand, niemand als der Tod. Wenn er
in der Mitte von Blumen und Gestruchen niederkniete und betete oder
wenn er um Vater und Mutter und um die andern Leute weinte und jammerte,
und wenn er da wieder aufstand, so war nichts um ihn als die Blumen und
Gestruche und das Vieh, welches unter die Bume des Waldes hinein
weidete und mit den Glocken lutete. Siehst du, so war es mit dem
Knaben, der vielleicht gerade so gro war wie du. Aber siehe, die
Pechbrennerknaben sind nicht wie die in den Marktflecken oder in den
Stdten, sie sind schon unterrichteter in den Dingen der Natur, sie
wachsen in dem Walde auf, sie knnen mit dem Feuer umgehen, sie frchten
die Gewitter nicht und haben wenig Kleider, im Sommer keine Schuhe und
auf dem Haupte statt eines Hutes die beruten Haare. Am Abend nahm der
Knabe Stahl, Stein und Schwamm aus seiner Tasche und machte sich ein
Feuer; das in den fen der Pechbrenner war lngst ausgegangen und
erloschen. Als ihn hungerte, grub er mit der Hand Kartoffeln aus, die
unter den emporwachsenden Reben waren, und briet sie in der Glut des
Feuers. Zu trinken gaben ihm Quellen und Bche. Am andern Tage suchte er
einen Ausweg aus dem Walde. Er wute nicht mehr, wie sie in den Wald
hinaufgekommen waren. Er ging auf die hchste Stelle des Berges, er
kletterte auf einen Baum und sphte, aber er sah nichts als Wald und
lauter Wald. Er gedachte nun zu immer hhern und hhern Stellen des
Waldes zu gehen, bis er einmal hinausshe und das Ende des Waldes
erblickte. Zur Nahrung nahm er jetzt auch noch die Krner der Gerste und
des Kornes, welche er samt den hren auf einem Steine ber dem Feuer
rstete, wodurch sich die Haare und Hlsen verbrannten, oder er lste
die rohen, zarten Kornkrner aus den Hlsen oder er schlte Rben, die
in den Kohlbeeten wuchsen. In den Nchten hllte er sich in Bltter und
Zweige und deckte sich mit Reisig. Die Tiere, welche er ausgelassen
hatte, waren fortgegangen, entweder weil sie sich in dem Walde verirrt
hatten oder weil sie auch die Totenhtte scheuten und von ihr flohen; er
hrte das Luten nicht mehr, und sie kamen nicht zum Vorscheine. Eines
Tages, da er die Tiere suchte, fand er auf einem Hgel, auf welchem
Brombeeren und Steine waren, mitten in einem Brombeergestrppe ein
kleines Mdchen liegen. Dem Knaben klopfte das Herz auerordentlich, er
ging nher, das Mdchen lebte, aber es hatte die Krankheit und lag ohne
Bewutsein da. Er ging noch nher, das Mdchen hatte weie Kleider und
ein schwarzes Mntelchen an, es hatte wirre Haare und lag so ungefg in
dem Gestrpp, als wre es hineingeworfen worden. Er rief, aber er bekam
keine Antwort, er nahm das Mdchen bei der Hand, aber die Hand konnte
nichts fassen und war ohne Leben. Er lief in das Tal, schpfte mit
seinem alten Hute, den er aus der Htte mitgenommen hatte, Wasser,
brachte es zu dem Mdchen zurck und befeuchtete ihm die Lippen. Dies
tat er nun fter. Er wute nicht, womit dem Kinde zu helfen wre, und
wenn er es auch gewut htte, so htte er nichts gehabt, um es ihm zu
geben. Weil er durch das verworrene Gestrpp nicht leicht zu dem Platze
gelangen konnte, auf welchem das Mdchen lag, so nahm er nun einen
groen Stein, legte ihn auf die kriechenden Ranken der Brombeeren und
wiederholte das so lange, bis er die Brombeeren bedeckt hatte, bis sie
niedergehalten wurden, und die Steine ein Pflaster bildeten. Auf dieses
Pflaster kniete er nieder, rckte das Kind, sah es an, strich ihm die
Haare zurecht, und weil er keinen Kamm hatte, so wischte er die nassen
Locken mit seinen Hnden ab, da sie wieder schnen, feinen,
menschlichen Haaren glichen. Weil er aber das Mdchen nicht heben
konnte, um es auf einen besseren Platz zu tragen, so lief er auf den
Hgel, ri dort das drre Gras ab, ri die Halme ab, die hoch an dem
Gesteine wuchsen, sammelte das trockene Laub, das von dem vorigen
Herbste brig war, und das entweder unter Gestrppen hing oder von dem
Winde in Steinklfte zusammengeweht worden war, und tat alles auf einen
Haufen. Da es genug war, trug er es zu dem Mdchen und machte ihm ein
weicheres Lager. Er tat die Dinge an jene Stellen unter ihrem Krper, wo
sie am meisten not taten. Dann schnitt er mit seinem Messer Zweige von
den Gestruchen, steckte sie um das Kind in die Erde, band sie an den
Spitzen mit Gras und Halmen zusammen und legte noch leichte ste darauf,
da sie ein Dach bildeten. Auf den Krper des Mdchens legte er Zweige
und bedeckte sie mit breitblttrigen Krutern, zum Beispiel mit
Huflattig, da sie eine Decke bildeten. Fr sich holte er dann Nahrung
aus den Feldern des toten Vaters. Bei der Nacht machte er ein Feuer aus
zusammengetragenem Holze und Moder. So sa er bei Tage bei dem
bewutlosen Kinde, htete es und schtzte es vor Tieren und Fliegen, bei
Nacht unterhielt er ein glnzendes Feuer. Siehe, das Kind starb aber
nicht, sondern die Krankheit besserte sich immer mehr und mehr, die
Wnglein wurden wieder lieblicher und schner, die Lippen bekamen die
Rosenfarbe und waren nicht mehr so bleich und gelblich, und die uglein
ffneten sich und schauten herum. Es fing auch an zu essen, es a die
Erdbeeren, die noch zu finden waren, es a Himbeeren, die schon reiften,
es a die Kerne der Haselnsse, die zwar nicht reif, aber s und weich
waren, es a endlich sogar das weie Mehl der gebratenen Kartoffeln und
die zarten Krner des Kornes, was ihm alles der Knabe brachte und
reichte; und wenn es schlief, so lief er auf den Hgel und erkletterte
einen Felsen, um berall herumzusphen; auch suchte er wieder die Tiere,
weil die Milch jetzt recht gut gewesen wre. Aber er konnte nichts
ersphen und konnte die Tiere nicht finden. Da das Mdchen schon strker
war und mithelfen konnte, brachte er es an einen Platz, wo berhngende
ste es schtzten, aber da er dachte, da ein Gewitter kommen und der
Regen durch die ste schlagen knnte, so suchte er eine Hhle, die
trocken war; dort machte er ein Lager und brachte das Mdchen hin. Eine
Steinplatte stand oben ber die Sttte, und sie konnten schn auf den
Wald hinaussehen. Ich habe dir gesagt, da jene Krankheit sehr heftig
war, da die Menschen in fnf bis sechs Stunden gesund und tot waren;
aber ich sage dir auch: wer die Krankheit berstand, der war sehr bald
gesund, nur da er lange Zeit schwach blieb und lange Zeit sich pflegen
mute. In dieser Hhle blieben nun die Kinder, und der Knabe ernhrte
das Mdchen und tat ihm alles und jedes Gute, was es notwendig hatte.
Nun erzhlte ihm auch das Mdchen, wie es in den Wald gekommen sei.
Vater und Mutter und mehrere Leute htten ihre ferne Heimat verlassen,
als sich die Krankheit genhert habe, um hhere Orte zu suchen, wo sie
von dem bel nicht erreicht werden wrden. In dem groen Walde seien sie
irregegangen, der Vater und die Mutter seien gestorben, und das Mdchen
sei allein briggeblieben. Wo Vater und Mutter gestorben seien, wo die
andern Leute hingekommen, wie es selber in die Brombeeren geraten sei,
wute es nicht. Auch konnte es nicht sagen, wo die Heimat sei. Der Knabe
erzhlte dem Mdchen auch, wie sie ihre Htte verlassen htten, wie alle
in den Wald gegangen wren, und wie sie gestorben seien, und er allein
nur am Leben geblieben wre. Siehst du, so saen die Kinder in der
Hhle, wenn der Tag ber den Wald hinberzog und das Grne beleuchtete,
die Vglein sangen, die Bume glnzten, und die Bergspitzen leuchteten;
oder sie schlummerten, wenn es Nacht war, wenn es finster und still war
oder der Schrei eines wilden Tieres tnte oder der Mond am Himmel stand
und seine Strahlen ber die Wipfel go. Du kannst dir denken, wie es
war, wenn du betrachtest, wie schon hier die Nacht ist, wie der Mond so
schauerlich in den Wolken steht, wo wir doch schon so nahe an den
Husern sind, und wie er auf die schwarzen Vogelbeerbume unsers
Nachbars herniederscheint.

Wir waren, whrend der Grovater erzhlte, durch die Felder von Oberplan
herabgegangen, wir waren ber die Wiese gegangen, in welcher das
Behringer Brnnlein ist, wir waren ber die Steinwand gestiegen, wir
waren ber den weichen Rasen gegangen und nherten uns bereits den
Husern von Oberplan. Es war indessen vllig Nacht geworden, der halbe
Mond stand am Himmel, viele Wolken hatten sich aufgetrmt, die er
beglnzte, und seine Strahlen fielen gerade auf die Vogelbeerbume, die
in dem Garten unsers Nachbars standen.

Nachdem das Mdchen sehr stark geworden war, fuhr der Grovater fort,
dachten die Kinder daran, aus dem Walde zu gehen. Sie beratschlagten
unter sich, wie sie das anstellen sollten. Das Mdchen wute gar nichts;
der Knabe aber sagte, da alle Wsser abwrts rinnen, da sie fort und
fort rinnen, ohne stille zu stehen, da der Wald sehr hoch sei, und da
die Wohnungen der Menschen sehr tief liegen, da bei ihrer Htte selber
ein breites, rinnendes Wasser vorbeigegangen wre, da sie von dieser
Htte in den Wald gestiegen seien, da sie immer aufwrts und aufwrts
gegangen und mehreren herabflieenden Wassern begegnet seien; wenn man
daher an einem rinnenden Wasser immer abwrts gehe, so msse man aus dem
Walde hinaus und zu Menschen gelangen. Das Mdchen sah das ein, und mit
Freuden beschlossen sie so zu tun. Sie rsteten sich zur Abreise. Von
den Feldern nahmen sie Kartoffeln, so viel sie tragen konnten, und viele
zusammengebundene Bschel von hren. Der Knabe hatte aus seiner Jacke
einen Sack gemacht, und fr Erdbeeren und Himbeeren machte er schne
Tschchen aus Birkenrinde. Dann brachen sie auf. Sie suchten zuerst den
Bach in dem Tale, aus dem sie bisher getrunken hatten, und gingen dann
an seinem Wasser fort. Siehst du, der Knabe leitete das Mdchen, weil es
schwach war, und weil er in dem Wald erfahrener war; er zeigte ihm die
Steine, auf die es treten, er zeigte ihm die Dornen und spitzigen
Hlzer, die es vermeiden sollte, er fhrte es an schmalen Stellen, und
wenn groe Felsen oder Dickichte und Smpfe kamen, so wichen sie
seitwrts aus und lenkten dann klug immer wieder der Richtung des Baches
zu. So gingen sie immerfort. Wenn sie mde waren, setzten sie sich
nieder und rasteten; wenn sie ausgerastet hatten, gingen sie weiter. Am
Mittage machte er ein Feuer, und sie brieten Kartoffeln und rsteten
sich ihre Getreidehren. Das Wasser suchte er in einer Quelle oder in
einem kalten Bchlein, die winzig ber weien Sand aus der schwarzen
Walderde oder aus Gebsch und Steinen hervorrannen. Wenn sie Stellen
trafen, wo Beeren und Nsse sind, so sammelten sie diese. Bei der Nacht
machte er ein Feuer, machte dem Mdchen ein Lager und bettete sich
selber, wie er sich in den ersten Tagen im Walde gebettet hatte. So
wanderten sie weiter. Sie gingen an vielen Bumen vorber, an der Tanne
mit dem herabhngenden Bartmoose, an der zerrissenen Fichte, an dem
langarmigen Ahorne, an dem weigefleckten Buchenstamme mit den
lichtgrnen Blttern, sie gingen an Blumen, Gewchsen und Steinen
vorber, sie gingen unter dem Singen der Vgel dahin, sie gingen an
hpfenden Eichhrnchen vorber oder an einem weidenden Reh. Der Bach
ging um Hgel herum oder er ging in gerader Richtung oder er wand sich
um die Stmme der Bume. Er wurde immer grer, unzhlige Seitenbchlein
kamen aus den Tlern heraus und zogen mit ihm, von dem Laube der Bume
und von den Grsern tropften ihm Tropfen zu und zogen mit ihm. Er
rauschte ber die Kiesel und erzhlte gleichsam den Kindern. Nach und
nach kamen andere Bume, an denen der Knabe recht gut erkannte, da sie
nach auswrts gelangten; die Zackentanne, die Fichte mit dem rauhen
Stamme, die Ahorne mit den groen sten und die knollige Buche hrten
auf, die Bume waren kleiner, frischer, reiner und zierlicher. An dem
Wasser standen Erlengebsche, mehrere Weiden standen da, der wilde
Apfelbaum zeigte seine Frchte, und der Waldkirschenbaum gab ihnen seine
kleinen, schwarzen, sen Kirschen. Nach und nach kamen Wiesen, es kamen
Hutweiden, die Bume lichteten sich, es standen nur mehr Gruppen, und
mit einem Male, da der Bach schon als ein breites, ruhiges Wasser ging,
sahen sie die Felder und Wohnungen der Menschen. Die Kinder jubelten und
gingen zu einem Hause. Sie waren nicht in die Heimat des Knaben
hinausgekommen, sie wuten nicht, wo sie hingekommen waren, aber sie
wurden recht freundlich aufgenommen und von den Leuten in die Pflege
genommen. Inzwischen stieg wieder eine Rauchsule von dem Hausberge
empor, sie stieg in der Mittagsstunde auf, blieb eine Stunde gleichartig
und hrte dann auf. Dies geschah vier Tage hintereinander, an jedem Tage
um eine Stunde spter; aber es war niemand da, das Zeichen verstehen zu
knnen.

Als der Grovater bis hierher erzhlt hatte, waren wir an unserm Hause
angekommen.

Er sagte: Da wir mde sind, und da es so warm ist, so setzen wir uns
ein wenig auf den Stein, ich werde dir die Geschichte zu Ende erzhlen.

Wir setzten uns auf den Stein, und der Grovater fuhr fort: Als man in
Erfahrung gebracht hatte, wer der Knabe sei und wohin er gehre, wurde
er samt dem Mdchen in die Pechbrennerhtte zu dem Oheime gebracht. Der
Oheim ging in den Wald hinauf und verbrannte vor Entsetzen die
Waldhtte, in welcher der tote Pechbrenner mit seinem Weibe lag. Auch
das Mdchen wurde von seinen Verwandten ausgekundschaftet und in der
Pechbrennerhtte abgeholt. Siehst du, es ist in jenen Zeiten auch in
andern Teilen der Wlder die Pest ausgebrochen, und es sind viele
Menschen an ihr gestorben; aber es kamen wieder andere Tage, und die
Gesundheit war wieder in unsern Gegenden. Der Knabe blieb nun bei dem
Oheime in der Htte, wurde dort grer und grer, und sie betrieben das
Geschft des Brennens von Wagenschmiere, Terpentin und andern Dingen.
Als schon viele Jahre vergangen waren, als der Knabe schon beinahe ein
Mann geworden war, kam einmal ein Wgelchen vor die Pechbrennerhtte
gefahren. In dem Wgelchen sa eine schne Jungfrau, die ein weies
Kleid und ein schwarzes Mntelchen anhatte und an der Brust ein
Brombeerstrulein trug. Sie hatte die Wangen, die Augen und die feinen
Haare des Waldmdchens. Sie war gekommen, den Knaben zu sehen, der sie
gerettet und aus dem Walde gefhrt hatte. Sie und der alte Vetter, der
sie begleitete, baten den Jngling, er mchte mit ihnen in das Schlo
des Mdchens gehen und dort leben. Der Jngling, der das Mdchen auch
recht liebte, ging mit. Er lernte dort allerlei Dinge, wurde immer
geschickter und wurde endlich der Gemahl des Mdchens, das er zur Zeit
der Pest in dem Walde gefunden hatte. Siehst du, da bekam er ein Schlo,
er bekam Felder, Wiesen, Wlder, Wirtschaften und Gesinde, und wie er
schon in der Jugend verstndig und aufmerksam gewesen war, so vermehrte
und verbesserte er alles und wurde von seinen Untergebenen, von seinen
Nachbarn und Freunden und von seinem Weibe geachtet und geliebt. Er
starb als ein angesehener Mann, der im ganzen Lande geehrt war. Wie
verschieden die Schicksale der Menschen sind! Seinen Oheim hat er oft
eingeladen, zu kommen, bei ihm zu wohnen und zu leben; dieser aber blieb
in der Pechbrennerhtte und trieb das Brenngeschft fort und fort, und
als der Wald immer kleiner wurde, als die Felder und Wiesen bis zu
seiner Htte vorgerckt waren, ging er tiefer in das Gehlz und trieb
dort das Brennen der Wagenschmiere weiter. Seine Nachkommen, die er
erhielt, als er in den Ehestand getreten war, blieben bei der nmlichen
Beschftigung, und von ihm stammt der alte Andreas ab, der auch nur ein
Wagenschmierfuhrmann ist und nichts kann, als im Lande mit seinem
schwarzen Fasse herumziehen und trichten Knaben, die es nicht besser
verstehen, die Fe mit Wagenschmiere anstreichen.

Mit diesen Worten hrte der Grovater zu erzhlen auf. Wir blieben aber
noch immer auf dem Steine sitzen. Der Mond hatte immer heller und heller
geschienen, die Wolken hatten sich immer lnger und lnger gestreckt,
und ich schaute stets auf den schwarzen Vogelbeerbaum des Nachbars.

Da streckte sich das Antlitz der Gromutter aus der Tr heraus, und sie
fragte, ob wir denn nicht zum Essen gehen wollten. Wir gingen nun in die
Stube der Groeltern, die Gromutter tat ein schnes, aus braun- und
weigestreiftem Pflaumenholze verfertigtes Hngetischchen von der Wand
herab, berdeckte es mit weien Linnen, gab uns Teller und Egerte und
stellte ein Huhn mit Reis auf. Da wir aen, sagte sie mit bser Miene,
da der Grovater noch trichter und unbesonnener sei als der Enkel,
weil er zum Waschen von Wagenschmierfen eine grnglasierte Schssel
genommen habe, so da man sie jetzt aus Ekel zu nichts mehr verwenden
knne.

Der Grovater lchelte und sagte: So zerbrechen wir die Schssel, da
sie nicht einmal aus Unachtsamkeit doch genommen wird, und kaufen eine
neue; es ist doch besser, als wenn der Schelm lnger in der Angst
geblieben wre. Du nimmst dich ja auch um ihn an.

Bei diesen Worten zeigte er gegen den Ofen, wo in einem kleinen Wnnchen
meine Pechhschen eingeweicht waren.

Als wir gegessen hatten, sagte der Grovater, da ich nun schlafen gehen
solle, und er geleitete mich selber in meine Schlafkammer. Als wir durch
das Vorhaus gingen, wo ich in solche Strafe gekommen war, zwitscherten
die jungen Schwalben leise in ihrem Neste wie schlaftrunken, in der
groen Stube brannte ein Lmpchen auf dem Tische, das alle
Samstagsnchte zu Ehren der heiligen Jungfrau brannte, in dem
Schlafgemache der Eltern lag der Vater in dem Bette, hatte ein Licht
neben sich und las, wie er gewhnlich zu tun pflegte; die Mutter war
nicht zu Hause, weil sie bei einer kranken Muhme war. Da wir den Vater
gegrt hatten, und er freundlich geantwortet hatte, gingen wir in das
Schlafzimmer der Kinder. Die Schwester und die kleinen Brderchen
schlummerten schon. Der Grovater half mir mich entkleiden, und er blieb
bei mir, bis ich gebetet und das Deckchen ber mich gezogen hatte. Dann
ging er fort. Aber ich konnte nicht schlafen, sondern dachte immer an
die Geschichte, die mir der Grovater erzhlt hatte, ich dachte an
diesen Umstand und an jenen, und es fiel mir mehreres ein, um was ich
fragen msse. Endlich machte doch die Mdigkeit ihr Recht geltend, und
der Schlaf senkte sich auf die Augen. Als ich noch im halben
Entschlummern war, sah ich bei dem Scheine des Lichtes, das aus dem
Schlafzimmer der Eltern hereinfiel, da die Mutter hereinging, ohne da
ich mich zu vollem Bewutsein emporrichten konnte. Sie ging zu dem
Gefe des Weihbrunnens, netzte sich die Finger, ging zu mir, bespritzte
mich und machte mir das Kreuzzeichen auf Stirn, Mund und Brust; ich
erkannte, da alles verziehen sei, und schlief nun pltzlich mit
Vershnungsfreuden, ich kann sagen beseligt, ein.

Aber der erste Schlaf ist doch kein ruhiger gewesen. Ich hatte viele
Sachen bei mir, Tote, Sterbende, Pestkranke, Drillingsfhren, das
Waldmdchen, den Machtbauer, des Nachbars Vogelbeerbaum, und der alte
Andreas strich mir schon wieder die Fe an. Aber der Verlauf des
Schlafes mu gut gewesen sein; denn als man mich erweckte, schien die
Sonne durch die Fenster herein, es war ein lieblicher Sonntag, alles war
festlich, wir bekamen nach dem Gebete Festtagsfrhstck, bekamen die
Festtagskleider, und als ich auf die Gasse ging, war alles rein, frisch
und klar, die Dinge der Nacht waren dahin, und der Vogelbeerbaum des
Nachbars war nicht halb so gro als gestern. Wir erhielten unsere
Gebetbcher und gingen in die Kirche, wo wir den Vater und Grovater auf
ihren Pltzen in dem Brgerstuhle sahen.

Seitdem sind viele Jahre vergangen, der Stein liegt noch vor dem
Vaterhause, aber jetzt spielen die Kinder der Schwester darauf, und oft
mag das Mtterlein auf ihm sitzen und nach den Weltgegenden ausschauen,
in welche ihre Shne zerstreut sind.

Wie es aber auch seltsame Dinge in der Welt gibt, die ganze Geschichte
des Grovaters wei ich, ja durch lange Jahre, wenn man von schnen
Mdchen redete, fielen mir immer die feinen Haare des Waldmdchens ein:
aber von den Pechspuren, die alles einleiteten, wei ich nichts mehr, ob
sie durch Waschen oder durch Abhobeln weggegangen sind, und oft, wenn
ich eine Heimreise beabsichtigte, nahm ich mir vor, die Mutter zu
fragen; aber auch das verga ich jedesmal wieder.




Kalkstein.


Ich erzhle hier eine Geschichte, die uns einmal ein Freund erzhlt hat,
in der nichts Ungewhnliches vorkmmt, und die ich doch nicht habe
vergessen knnen. Unter zehn Zuhrern werden neun den Mann, der in der
Geschichte vorkommt, tadeln, der zehnte wird oft an ihn denken. Die
Gelegenheit zu der Geschichte kam von einem Streite, der sich in der
Gesellschaft von uns Freunden darber entspann, wie die Geistesgaben an
einem Menschen verteilt sein knnen. Einige behaupteten, es knne ein
Mensch mit einer gewissen Gabe auerordentlich bedacht sein und die
andern doch nur in einem geringen Mae besitzen. Man wies dabei auf die
sogenannten Virtuosen hin. Andere sagten, die Gaben der Seele seien
immer im gleichen Mae vorhanden, entweder alle gleich gro oder gleich
mittelmig oder gleich klein, nur hnge es von dem Geschicke ab, welche
Gabe vorzglich ausgebildet wurde, und dies rufe den Anschein einer
Ungleichheit hervor. Raphael htte unter andern Jugendeindrcken und
Zeitverhltnissen statt eines groen Malers ein groer Feldherr werden
knnen. Wieder andere meinten, wo die Vernunft als das bersinnliche
Vermgen und als das hchste Vermgen des Menschen berhaupt in groer
Flle vorhanden sei, da seien es auch die brigen, untergeordneten
Fhigkeiten. Das Umgekehrte gelte jedoch nicht; es knne eine niedere
Fhigkeit besonders hervorragen, die hhern aber nicht. Wohl aber, wenn
was immer fr eine Begabung, sie sei selber hoch oder niedrig, bedeutend
ist, mssen es auch die ihr untergeordneten sein. Als Grund gaben sie
an, da die niedere Fhigkeit immer die Dienerin der hheren sei, und
da es ein Widersinn wre, die hhere gebietende Gabe zu besitzen und
die niedere dienende nicht. Endlich waren noch einige, die sagten, Gott
habe die Menschen erschaffen, wie er sie erschaffen habe, man knnte
nicht wissen, wie er die Gaben verteilt habe und knne darber nicht
hadern, weil es ungewi sei, was in der Zukunft in dieser Beziehung noch
zum Vorscheine kommen knne. Da erzhlte mein Freund seine Geschichte.

Ihr wit alle, sagte er, da ich mich schon seit vielen Jahren mit der
Mekunst beschftige, da ich in Staatsdiensten bin, und da ich mit
Auftrgen dieser Art von der Regierung bald hierhin, bald dorthin
gesendet wurde. Da habe ich verschiedene Landesteile und verschiedene
Menschen kennengelernt. Einmal war ich in der kleinen Stadt Wengen und
hatte die Aussicht, noch recht lange dort bleiben zu mssen, weil sich
die Geschfte in die Lnge zogen und noch dazu mehrten. Da kam ich fter
in das nahegelegene Dorf Schauendorf und lernte dessen Pfarrer kennen,
einen vortrefflichen Mann, der die Obstbaumzucht eingefhrt und gemacht
hatte, da das Dorf, das frher mit Hecken, Dickicht und Geniste umgeben
war, jetzt einem Garten glich und in einer Flle freundlicher Obstbume
dalag. Einmal war ich von ihm zu einer Kirchenfeierlichkeit geladen, und
ich sagte, da ich spter kommen wrde, da ich einige notwendige
Arbeiten abzutun htte. Als ich mit meinen Arbeiten fertig war, begab
ich mich auf den Weg nach Schauendorf. Ich ging ber die Feldhhen hin,
ich ging durch die Obstbume, und da ich mich dem Pfarrhofe nherte, sah
ich, da das Mittagsmahl bereits begonnen haben msse. In dem Garten,
der, wie bei vielen katholischen Pfarrhfen, vor dem Hause lag, war kein
Mensch, die gegen den Garten gehenden Fenster waren offen, in der Kche,
in die mir ein Einblick gegnnt war, waren die Mgde um das Feuer
vollauf beschftigt, und aus der Stube drang einzelnes Klappern der
Teller und Klirren der Egerte. Da ich eintrat, sah ich die Gste um
den Tisch sitzen und ein unberhrtes Gedeck fr mich aufbewahrt. Der
Pfarrer fhrte mich zu demselben hin und ntigte mich zum Sitzen. Er
sagte, er wolle mir die anwesenden Mitglieder nicht vorstellen und ihren
Namen nicht nennen, einige seien mir ohnehin bekannt, andere wrde ich
im Verlaufe des Essens schon kennenlernen, und die brigen wrde er mir,
wenn wir aufgestanden wren, nennen. Ich setzte mich also nieder, und
was der Pfarrer vorausgesagt hatte, geschah. Ich wurde mit manchem
Anwesenden bekannt, von manchem erfuhr ich Namen und Verhltnisse, und
da die Gerichte sich ablsten, und der Wein die Zungen ffnete, war
manche junge Bekanntschaft schon wie eine alte. Nur ein einziger Gast
war nicht zu erkennen. Lchelnd und freundlich sa er da, er hrte
aufmerksam alles an, er wandte immer das Angesicht der Gegend, wo eifrig
gesprochen wurde, zu, als ob ihn eine Pflicht dazu antriebe, seine
Mienen gaben allen Redenden recht, und wenn an einem andern Orte das
Gesprch wieder lebhafter wurde, wandte er sich dorthin und hrte zu.
Selber aber sprach er kein Wort. Er sa ziemlich weit unten, und seine
schwarze Gestalt ragte ber das weie Linnengedecke der Tafel empor, und
obwohl er nicht gro war, so richtete er sich nie vollends auf, als
hielte er das fr unschicklich. Er hatte den Anzug eines armen
Landgeistlichen. Sein Rock war sehr abgetragen, die Fden waren daran
sichtbar, er glnzte an manchen Stellen und an andern hatte er die
schwarze Farbe verloren und war rtlich oder fahl. Die Knpfe daran
waren von starkem Bein. Die schwarze Weste war sehr lang und hatte
ebenfalls beinerne Knpfe. Die zwei winzig kleinen Lppchen von weier
Farbe -- das einzige Weie, das er an sich hatte--, die ber sein
schwarzes Halstuch herabhingen, bezeugten seine Wrde. Bei den rmeln
gingen, wie er so sa, manchmal ein ganz klein wenig eine Art
Handkrausen hervor, die er immer bemht war wieder heimlich
zurckzuschieben. Vielleicht waren sie in einem Zustande, da er sich
ihrer ein wenig htte schmen mssen. Ich sah, da er von keiner Speise
viel nahm, und dem Aufwrter, der sie darreichte, immer hflich dankte.
Als der Nachtisch kam, nippte er kaum von dem besseren Weine, nahm von
dem Zuckerwerke nur kleine Stckchen und legte nichts auf seinen Teller
heraus, wie doch die andern taten, um nach der Sitte ihren Angehrigen
eine kleine Erinnerung zu bringen.

Dieser Eigenheiten willen fiel mir der Mann auf.

Als das Mahl vorber war und die Gste sich erhoben hatten, konnte ich
auch den brigen Teil seines Krpers betrachten. Die Beinkleider waren
von demselben Stoffe und in demselben Zustande wie der Rock, sie
reichten bis unter die Knie und waren dort durch Schnallen
zusammengehalten. Dann folgten schwarze Strmpfe, die aber fast grau
waren. Die Fe standen in weiten Schuhen, die groe Schnallen hatten.
Sie waren von starkem Leder und hatten dicke Sohlen. So angezogen stand
der Mann, als sich Gruppen zu Gesprchen gebildet hatten, fast allein
da, und sein Rcken berhrte beinahe den Fensterpfeiler. Sein
krperliches Aussehen stimmte zu seinem Anzuge. Er hatte ein lngliches,
sanftes, fast eingeschchtertes Angesicht mit sehr schnen, klaren,
blauen Augen. Die braunen Haare gingen schlicht gegen hinten zusammen,
es zogen sich schon weie Fden durch sie, die anzeigten, da er sich
bereits den fnfzig Jahren nhere, oder da er Sorge und Kummer gehabt
haben msse.

Nach kurzer Zeit suchte er aus einem Winkel ein spanisches Rohr hervor,
das einen schwarzen Beinknopf hatte, wie die an seinen Kleidern waren,
nherte sich dem Hausherrn und begann Abschied zu nehmen. Der Hausherr
fragte ihn, ob er denn schon gehen wolle, worauf er antwortete, es sei
fr ihn schon Zeit, er habe vier Stunden nach seinem Pfarrhofe zu gehen,
und seine Fe seien nicht mehr so gut wie in jngeren Jahren. Der
Pfarrer hielt ihn nicht auf. Er empfahl sich allseitig, ging zur Tr
hinaus, und gleich darauf sahen wir ihn durch die Kornfelder
dahinwandeln, den Hgel, der das Dorf gegen Sonnenuntergang begrenzte,
hinansteigen und dort gleichsam in die glnzende Nachmittagsluft
verschwinden.

Ich fragte, wer der Mann wre, und erfuhr, da er in einer armen Gegend
Pfarrer sei, da er schon sehr lange dort sei, da er nicht weg verlange
und da er selten das Haus verlasse, auer bei einer sehr dringenden
Veranlassung.--

Es waren seit jenem Gastmahle viele Jahre vergangen, und ich hatte den
Mann vollstndig vergessen, als mich mein Beruf einmal in eine
frchterliche Gegend rief. Nicht da Wildnisse, Schlnde, Abgrnde,
Felsen und strzende Wsser dort gewesen wren -- das alles zieht mich
eigentlich an--, sondern es waren nur sehr viele kleine Hgel da, jeder
Hgel bestand aus nacktem, grauem Kalksteine, der aber nicht, wie es oft
bei diesem Gesteine der Fall ist, zerrissen war oder steil abfiel,
sondern in rundlichen, breiten Gestalten auseinanderging und an seinem
Fue eine lange, gestreckte Sandbank um sich herum hatte. Durch diese
Hgel ging in groen Windungen ein kleiner Flu namens Zirder. Das
Wasser des Flusses, das in der grauen und gelben Farbe des Steines und
Sandes durch den Widerschein des Himmels oft dunkelblau erschien, dann
die schmalen grnen Streifen, die oft am Saume des Wassers hingingen,
und die andern einzelnen Rasenflecke, die in dem Gesteine hier und da
lagen, bildeten die ganze Abwechslung und Erquickung in dieser Gegend.

Ich wohnte in einem Gasthofe, der in einem etwas besseren und darum sehr
entfernten Teile der Gegend lag. Es ging dort eine Strae ber eine
Anhhe und fhrte, wie das in manchen Gegenden der Fall ist, den Namen
Hochstrae, welchen Namen auch der Gasthof hatte. Um nicht durch Hin-
und Hergehen zu viele Zeit zu verlieren, nahm ich mir immer kalte
Speisen und Wein auf meinen Arbeitsplatz mit und a erst am Abende mein
Mittagsmahl. Einige meiner Leute wohnten auch in dem Gasthofe, die
andern richteten sich ein, wie es ging, und bauten sich kleine hlzerne
Httchen in dem Steinlande.

Die Gegend namens Steinkar, obwohl sie im Grunde nicht auerordentlich
abgelegen ist, wird doch wenigen Menschen bekannt sein, weil keine
Veranlassung ist, dorthin zu reisen.

Eines Abends, als ich von meinen Arbeiten allein nach Hause ging, weil
ich meine Leute vorausgeschickt hatte, sah ich meinen armen Pfarrer auf
einem Sandhaufen sitzen. Er hatte seine groen Schuhe fast in den Sand
vergraben, und auf den Schen seines Rockes lag Sand. Ich erkannte ihn
in dem Augenblicke. Er war ungefhr so gekleidet wie damals, als ich
ihn zum ersten Male gesehen hatte. Seine Haare waren jetzt viel grauer,
als htten sie sich beeilt, diese Farbe anzunehmen, sein lngliches
Angesicht hatte deutliche Falten bekommen, und nur die Augen waren blau
und klar wie frher. An seiner Seite lehnte das Rohr mit dem schwarzen
Beinknopfe.

Ich hielt in meinem Gange inne, trat nher zu ihm und grte ihn.

Er hatte keinen Gru erwartet, daher stand er eilfertig auf und bedankte
sich. In seinen Mienen war keine Spur vorhanden, da er mich erkenne; es
konnte auch nicht sein; denn bei jenem Gastmahle hat er mich gewi viel
weniger betrachtet, als ich ihn. Er blieb nun so vor mir stehen und sah
mich an. Ich sagte daher, um ein Gesprch einzuleiten: Euer Ehrwrden
werden mich nicht mehr kennen.

Ich bin nicht der Ehre teilhaftig, antwortete er.

Aber ich habe die Ehre gehabt, sagte ich, auf den Ton seiner
Hflichkeit eingehend, mit Euer Ehrwrden an ein und derselben Tafel zu
speisen.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, erwiderte er.

Euer Ehrwrden sind doch derselbe Mann, sagte ich, der einmal vor
mehreren Jahren auf einem Kirchenfeste bei dem Pfarrer zu Schauendorf
war und nach dem Speisen der erste fortging, weil er, wie er sagte, vier
Stunden bis zu seinem Pfarrhofe zu gehen htte?

Ja, ich bin derselbe Mann, antwortete er, ich bin vor acht Jahren zu
der hundertjhrigen Jubelfeier der Kircheneinweihung nach Schauendorf
gegangen, weil es sich gebhrt hat, ich bin bei dem Mittagsessen
geblieben, weil mich der Pfarrer eingeladen hat, und bin der erste nach
dem Essen fortgegangen, weil ich vier Stunden nach Hause zurckzulegen
hatte. Ich bin seither nicht mehr nach Schauendorf gekommen.

Nun, an jener Tafel bin ich auch gesessen, sagte ich, und habe Euer
Ehrwrden heute sogleich erkannt.

Das ist zu verwundern -- nach so vielen Jahren, sagte er.

Mein Beruf bringt es mit sich, erwiderte ich, da ich mit vielen
Menschen verkehre und sie mir merke, und da habe ich denn im Merken eine
solche Fertigkeit erlangt, da ich auch Menschen wiedererkenne, die ich
vor Jahren und auch nur ein einziges Mal gesehen habe. Und in dieser
abscheulichen Gegend haben wir uns wiedergefunden.

Sie ist, wie sie Gott erschaffen hat, antwortete er, es wachsen hier
nicht so viele Bume wie in Schauendorf, aber manches Mal ist sie auch
so schn, und zuweilen ist sie schner als alle andern in der Welt.

Ich fragte ihn, ob er in der Gegend ansssig sei, und er antwortete,
da er siebenundzwanzig Jahre Pfarrer in dem Kar sei. Ich erzhlte ihm,
da ich hierher gesendet worden sei, um die Gegend zu vermessen, da
ich die Hgel und Tler aufnehme, um sie auf dem Papier verkleinert
darzustellen, und da ich in der Hochstrae drauen wohne. Als ich ihn
fragte, ob er oft hierherkomme, erwiderte er: Ich gehe gern heraus, um
meine Fe zu ben, und sitze dann auf einem Steine, um die Dinge zu
betrachten.

Wir waren whrend dieses Gesprches ins Gehen gekommen, er ging an
meiner Seite, und wir redeten noch von manchen gleichgltigen Dingen,
vom Wetter, von der Jahreszeit, wie diese Steine besonders geeignet
seien, die Sonnenstrahlen einzusaugen, und von anderm.

Waren seine Kleider schon bei jenem Gastmahle schlecht gewesen, so waren
sie jetzt womglich noch schlechter. Ich konnte mich nicht erinnern,
seinen Hut damals gesehen zu haben; jetzt aber mute ich wiederholt auf
ihn hinblicken; denn es war nicht ein einziges Hrchen auf ihm.

Als wir an die Stelle gelangt waren, wo sein Weg sich von dem meinigen
trennte und zu seinem Pfarrhofe in das Kar hinabfhrte, nahmen wir
Abschied und sprachen die Hoffnung aus, da wir uns nun fter treffen
wrden.

Ich ging auf meinem Wege nach der Hochstrae dahin und dachte immer an
den Pfarrer. Die ungemeine Armut, wie ich sie noch niemals bei einem
Menschen oberhalb des Bettlerstandes angetroffen habe, namentlich nicht
bei solchen, die andern als Muster der Reinlichkeit und Ordnung
vorzuleuchten haben, schwebte mir bestndig vor. Zwar war der Pfarrer
beinahe ngstlich reinlich, aber gerade diese Reinlichkeit hob die Armut
noch peinlicher hervor und zeigte die Lockerheit der Fden, das
Unhaltbare und Wesenlose dieser Kleidung. Ich sah noch auf die Hgel,
welche nur mit Stein bedeckt waren, ich sah noch auf die Tler, in
welchen sich nur die langen Sandbnke dahinzogen, und ging dann in
meinen Gasthof, um den Ziegenbraten zu verzehren, den sie mir dort fter
vorsetzten.

Ich fragte nicht um den Pfarrer, um keine rohe Antwort zu bekommen.

Von nun an kam ich fter mit dem Pfarrer zusammen. Da ich den ganzen Tag
in dem Steinkar war und abends noch fter in demselben herumschlenderte,
um verschiedene Richtungen und Abteilungen kennenzulernen, da er auch
zuweilen herauskam, so konnte es nicht fehlen, da wir uns trafen. Wir
kamen auch einige Male zu Gesprchen. Er schien nicht ungern mit mir
zusammenzutreffen, und ich sah es auch gerne, wenn ich mit ihm
zusammenkam. Wir gingen spter fter miteinander in den Steinen herum
oder saen auf einem und betrachteten die andern. Er zeigte mir manches
Tierchen, manche Pflanze, die der Gegend eigentmlich waren, er zeigte
mir die Besonderheiten der Gegend und machte mich auf die
Verschiedenheiten mancher Steinhgel aufmerksam, die der sorgfltigste
Beobachter fr ganz gleichgebildet angesehen haben wrde. Ich erzhlte
ihm von meinen Reisen, zeigte ihm unsere Werkzeuge und erklrte ihm bei
Gelegenheit unserer Arbeiten manchmal deren Gebrauch.

Ich kam nach der Zeit auch einige Male mit ihm in seinen Pfarrhof
hinunter. Wo das strkste Gestein sich ein wenig auflst, gingen wir
ber eine sanftere Abdachung gegen das Kar hinab. An dem Rande der
Gesteine lag eine Wiese, es standen mehrere Bume darauf, unter ihnen
eine schne, groe Linde, und hinter der Linde stand der Pfarrhof. Er
war damals ein weies Gebude mit einem Stockwerke, das sich von dem
freundlicheren Grn der Wiese, von den Bumen und von dem Grau der
Steine schn abhob. Das Dach war mit Schindeln gedeckt. Die Dachfenster
waren mit Trchen versehen, und die Fenster des Hauses waren mit grnen
Flgelbalken zu schlieen. Weiter zurck, wo die Landschaft einen Winkel
macht, stand gleichsam in die Felsen versteckt die Kirche mit dem rot
angestrichenen Kirchturmdache. In einem andern Teile des Kar stand in
einem drftigen Garten die Schule. Diese drei einzigen Gebude waren das
ganze Kar. Die brigen Behausungen waren in der Gegend zerstreut. An
manchem Stein gleichsam angeklebt lag eine Htte mit einem Grtchen mit
Kartoffeln ober Ziegenfutter. Weit drauen gegen das Land hin lag auch
ein fruchtbarerer Teil, der zu der Gemeinde gehrte und der auch Acker-,
Wiesen- und Kleegrund hatte.

Im Angesichte der Fenster des Pfarrhofes ging am Rande der Wiese die
Zirder vorber, und ber den Flu fhrte ein hoher Steg, der sich gegen
die Wiese herabsenkte. Die Wiesenflche war nicht viel hher als das
Flubett. Dieses Bild des hohen Steges ber den einsamen Flu war nebst
der Steingegend das einzige, das man von dem Pfarrhofe sehen konnte.

Wenn ich mit dem Pfarrer in sein Haus ging, fhrte er mich nie in das
obere Stockwerk, sondern er geleitete mich stets durch ein gerumiges
Vorhaus in ein kleines Stblein. Das Vorhaus war ganz leer; nur in einer
Mauervertiefung, die sehr breit, aber seicht war, stand eine lange
hlzerne Bank. Auf der Bank lag immer, so oft ich den Vorhof besuchte,
eine Bibel, ein groes, in starkes Leder gebundenes Buch. In dem
Stblein war nur ein weicher, unangestrichener Tisch, um ihn einige
Sessel derselben Art, dann an der Wand eine hlzerne Bank und zwei gelb
angestrichene Schreine. Sonst war nichts vorhanden, man mte nur ein
kleines, sehr schn aus Birnholz geschnitztes mittelalterliches Kruzifix
hierher rechnen, das ber dem ebenfalls kleinen Weihbrunnenkessel an dem
Trpfosten hing.

Bei diesen Besuchen machte ich eine seltsame Entdeckung. Ich hatte schon
in Schauendorf bemerkt, da der arme Pfarrer immer heimlich die
Handkrausen seines Hemdes in die Rockrmel zurckschiebe, als htte er
sich ihrer zu schmen. Dasselbe tat er auch jetzt immer. Ich machte
daher genauere Beobachtungen und kam darauf, da er sich seiner
Handkrausen keineswegs zu schmen habe, sondern da er, wie mich auch
andere Einblicke in seine Kleidung belehrten, die feinste und schnste
Wsche trug, welche ich jemals auf Erden gesehen hatte. Diese Wsche war
auch immer in der untadelhaftesten Weie und Reinheit, wie man es nach
dem Zustande seiner Kleider nie vermutet htte. Er mute also auf die
Besorgung dieses Teiles die grte Sorgfalt verwenden. Da er nie davon
sprach, schwieg ich auch darber, wie sich wohl von selber versteht.

Unter diesem Verkehre ging ein Teil des Sommers dahin.

Eines Tages war in den Steinen eine besondere Hitze. Die Sonne hatte
zwar den ganzen Tag nicht ausgeschienen, aber dennoch hatte sie den
matten Schleier, der den ganzen Himmel bedeckte, so weit durchdrungen,
da man ihr blasses Bild immer sehen konnte, da um alle Gegenstnde
des Steinlandes ein wesenloses Licht lag, dem kein Schatten beigegeben
war, und da die Bltter der wenigen Gewchse, die zu sehen waren,
herabhingen; denn obgleich kaum ein halbes Sonnenlicht durch die
Nebelschichte der Kuppel drang, war doch eine Hitze, als wren drei
Tropensonnen am heitern Himmel und brennten alle drei nieder. Wir hatten
sehr viel gelitten, so da ich meine Leute kurz nach zwei Uhr entlie.
Ich setzte mich unter einen Steinberhang, der eine Art Hhle bildete,
in welcher es bedeutend khler war als drauen in der freien Luft. Ich
verzehrte dort mein Mittagsmahl, trank meinen eingekhlten Wein und las
dann. Gegen Abend wurde die Wolkenschicht nicht zerrissen, wie es doch
an solchen Tagen sehr hufig geschieht, sie wurde auch nicht dichter,
sondern lag in derselben gleichmigen Art wie den ganzen Tag ber dem
Himmel. Ich ging daher spt aus der Hhle; denn so wie die Schleierdecke
am Himmel sich nicht gendert hatte, so war die Hitze auch kaum minder
geworden, und man hatte in der Nacht keinen Tau zu erwarten. Ich
wandelte sehr langsam durch die Hgel dahin, da sah ich den Pfarrer in
den Sandlehnen daherkommen und den Himmel betrachten. Wir nherten uns
und grten uns. Er fragte mich, wo wir heute gearbeitet htten, und ich
sagte es ihm. Ich erzhlte ihm auch, da ich in der Hhle gelesen habe,
und zeigte ihm das Buch. Hierauf gingen wir miteinander in dem Sande
weiter.

Nach einer Weile sagte er: Es wird nicht mehr mglich sein, da Sie die
Hochstrae erreichen.

Wieso? fragte ich.

Weil das Gewitter ausbrechen wird, antwortete er.

Ich sah nach dem Himmel. Die Wolkendecke war eher dichter geworden, und
auf allen kahlen Steinflchen, die wir sehen konnten, lag ein sehr
sonderbares, bleifarbenes Licht.

Da ein Gewitter kommen wird, sagte ich, war wohl den ganzen Tag zu
erwarten, allein wie bald die Dunstschicht sich verdichten, erkhlen,
den Wind und die Elektrizitt erzeugen und sich herabschtteln wird,
kann man, glaube ich, nicht ermessen.

Man kann es wohl nicht genau sagen, antwortete er, allein ich habe
siebenundzwanzig Jahre in der Gegend gelebt, habe Erfahrungen gesammelt
und nach ihnen wird das Gewitter eher ausbrechen als man denkt, und wird
sehr stark sein. Ich glaube daher, da es das beste wre, wenn Sie mit
mir in meinen Pfarrhof gingen und die Nacht heute dort zubrchten. Der
Pfarrhof ist so nahe, da wir ihn noch leicht erreichen, wenn wir auch
das Gewitter schon deutlich an dem Himmel sehen; dort sind Sie sicher
und knnen morgen an Ihre Geschfte gehen, sobald es Ihnen beliebt.

Ich erwiderte, da es desungeachtet nicht unmglich sei, da aus der
Dunstschicht sich auch nur ein Landregen entwickle. In diesem Falle sei
ich geborgen; ich habe ein Mntelchen aus Wachstaffet bei mir, das drfe
ich nur aus der Tasche ziehen und umhngen, und der Regen knnte mir
nichts anhaben. Ja, wenn ich auch ohne diesen Schutz wre, so sei ich in
meinem Amte schon so oft vom Regen durchnt worden, da ich, um ein
derartiges Ereignis zu vermeiden, nicht jemandem zur Last sein und
Unordnung in sein Hauswesen bringen mchte. Sollte aber wirklich ein
Gewitter bevorstehen, das Platzregen oder Hagel oder gar einen
Wolkenbruch bringen knnte, dann nhme ich sein Anerbieten dankbar an
und bitte um einen Unterstand fr die Nacht, aber ich mache die
Bedingung, da es wirklich nichts weiter sei als ein Unterstand, da er
sich in seinem Hause nicht beirren lasse und sich weiter keine Last
auferlege, als da er mir ein Pltzchen unter Dach und Fach gbe; denn
ich bedrfe nichts als eines solches Pltzchen. brigens fhre unser Weg
noch ein gutes Stck auf demselben gemeinschaftlichen Pfade fort, da
knnten wir die Frage verschieben, indessen den Himmel betrachten und
zuletzt nach der Gestalt der Sache entscheiden.

Er willigte ein und sagte, da, wenn ich bei ihm bliebe, ich nicht zu
frchten htte, da er sich eine Last auflege; ich wisse, da es bei ihm
einfach sei, und es werde keine andere Anstalt gemacht werden, als die
notwendig sei, da ich die Nacht bei ihm zubringen knnte.

Nachdem wir diesen Vertrag geschlossen hatten, gingen wir auf unserm
Wege weiter. Wir gingen sehr langsam, teils der Hitze wegen, teils weil
es von jeher schon so unsere Gewohnheit war.

Pltzlich flog ein schwacher Schein um uns, unter dem die Felsen
errteten.

Es war der erste Blitz gewesen, der aber stumm war und dem kein Donner
folgte.

Wir gingen weiter. Nach einer Weile folgten mehrere Blitze, und da der
Abend bereits ziemlich dunkel geworden war, und da die Wolkenschicht
auch einen dmmernden Einflu ausbte, stand unter jedem Blitze der
Kalkstein in rosenroter Farbe vor uns.

Als wir zu der Stelle gelangt waren, an welcher unsere Wege sich
teilten, blieb der Pfarrer stehen und sah mich an. Ich gab zu, da ein
Gewitter komme, und sagte, da ich mit ihm in seinen Pfarrhof gehen
wolle.

Wir schlugen also den Weg in das Kar ein und gingen ber den sanften
Steinabhang in die Wiese hinunter.

Als wir bei dem Pfarrhofe angelangt waren, setzten wir uns noch ein
wenig auf das hlzerne Bnklein, das vor dem Hause stand. Das Gewitter
hatte sich nun vollstndig entwickelt und stand als dunkle Mauer an dem
Himmel. Nach einer Weile entstanden auf der gleichmigen,
dunkelfarbigen Gewitterwand weie, laufende Nebel, die in langen,
wulstigen Streifen die untern Teile der Wolkenwand sumten. Dort war
also vielleicht schon Sturm, whrend bei uns sich noch kein Grschen und
kein Laub rhrte. Solche laufende, gedunsene Nebel sind bei Gewittern
oft schlimme Anzeichen; sie verknden immer Windausbrche, oft Hagel und
Wasserstrze. Den Blitzen folgten nun auch schon deutliche Donner.

Endlich gingen wir in das Haus.

Der Pfarrer sagte, da es seine Gewohnheit sei, bei nchtlichen
Gewittern ein Kerzenlicht auf den Tisch zu stellen und bei dem Lichte
ruhig sitzen zu bleiben, solange das Gewitter dauere. Bei Tage sitze er
ohne Licht bei dem Tische. Er fragte mich, ob er auch heute seiner Sitte
treu bleiben drfe. Ich erinnerte ihn an sein Versprechen, sich
meinetwegen nicht die geringste Last aufzulegen. Er fhrte mich also
durch das Vorhaus in das bekannte Stblein und sagte, da ich meine
Sachen ablegen mchte.

Ich trug gewhnlich an einem ledernen Riemen ein Fach ber der Schulter,
in welchem Werkzeuge zum Zeichnen, Zeichnungen und zum Teil auch
Mewerkzeuge waren. Neben dem Fache war eine Tasche befestigt, in der
sich meine kalten Speisen, mein Wein, mein Trinkglas und meine
Vorrichtung zum Einkhlen des Weines befanden. Diese Dinge legte ich ab
und hing sie ber die Lehne eines in einer Ecke stehenden Stuhles.
Meinen langen Mestab lehnte ich an einen der gelben Schreine.

Der Pfarrer war indessen hinausgegangen und kam nun mit einem Lichte in
der Hand herein. Es war ein Talglicht, welches in einem messingenen
Leuchter stak. Er stellte den Leuchter auf den Tisch und legte eine
messingene Lichtschere dazu. Dann setzten wir uns beide an den Tisch,
blieben sitzen und erwarteten das Gewitter.

Dasselbe schien nicht mehr lange ausbleiben zu wollen. Als der Pfarrer
das Licht gebracht hatte, war die wenige Helle, die von drauen noch
durch die Fenster hereingekommen war, verschwunden, die Fenster standen
wie schwarze Tafeln da, und die vllige Nacht war hereingebrochen. Die
Blitze waren schrfer und erleuchteten trotz des Kerzenlichts bei jedem
Aufflammen die Winkel des Stbleins. Die Donner wurden ernster und
dringender. So blieb es eine lange Weile. Endlich kam der erste Sto des
Gewitterwindes. Der Baum, welcher vor dem Hause stand, schauerte einen
Augenblick leise, wie von einem kurz abgebrochenen Lftchen getroffen,
dann war es wieder still. ber ein Kleines kam das Schauern abermals,
jedoch lnger und tiefer. Nach einem kurzen Zeitraume geschah ein
starker Sto, alle Bltter rauschten, die ste mochten zittern, nach der
Art zu urteilen, wie wir den Schall herein vernahmen, und nun hrte das
Tnen gar nicht mehr auf. Der Baum des Hauses, die Hecken um dasselbe
und alle Gebsche und Bume der Nachbarschaft waren in einem einzigen
Brausen befangen, das nur abwechselnd abnahm und schwoll. Dazwischen
schallten die Donner. Sie schallten immer schneller und immer heller.
Doch war das Gewitter noch nicht da. Zwischen Blitz und Donner war noch
eine Zeit, und die Blitze, so hell sie waren, waren doch keine
Schlangen, sondern nur ein ausgebreitetes, allgemeines Aufleuchten.

Endlich schlugen die ersten Tropfen an die Fenster. Sie schlugen stark
und einzeln gegen das Glas, aber bald kamen Genossen, und in kurzem
strmte der Regen in Flle herunter. Er wuchs schnell, gleichsam
rauschend und jagend, und wurde endlich dergestalt, da man meinte,
ganze zusammenhngende Wassermengen fielen auf das Haus hernieder, das
Haus drhne unter dem Gewichte, und man empfinde das Drhnen und chzen
herein. Kaum das Rollen des Donners konnte man vor dem Strmen des
Wassers hren, das Strmen des Wassers wurde ein zweites Donnern. Das
Gewitter war endlich ber unserm Haupte. Die Blitze fuhren wie feurige
Schnre hernieder, und den Blitzen folgten schnell und heiser die
Donner, die jetzt alles andere Brllen besiegten und in ihren tieferen
Enden und Auslufen das Fensterglas erzittern und klirren machten.

Ich war nun froh, da ich dem Rate des Pfarrers gefolgt hatte. Ich hatte
selten ein solches Gewitter erlebt. Der Pfarrer sa ruhig und einfach an
dem Tische des Stbleins, und das Licht der Talgkerze beleuchtete seine
Gestalt.

Zuletzt geschah ein Schlag, als ob er das ganze Haus aus seinen Fugen
heben und niederstrzen wollte, und gleich darauf wieder einer. Dann war
ein Weilchen Anhalten, wie es oft bei solchen Erscheinungen der Fall
ist, der Regen zuckte einen Augenblick ab, als ob er erschrocken wre,
selbst der Wind hielt inne. Aber es wurde bald wieder wie frher; allein
die Hauptmacht war doch gebrochen, und alles ging gleichmiger fort.
Nach und nach milderte sich das Gewitter, der Sturm war nurmehr ein
gleichartiger Wind, der Regen war schwcher, die Blitze leuchteten
blsser und der Donner rollte matter, gleichsam landauswrts gehend.

Als endlich das Regnen nur ein einfaches Niederrinnen war und das
Blitzen ein Nachleuchten, stand der Pfarrer auf und sagte: Es ist
vorber.

Er zndete sich ein Stmpfchen Licht an und ging hinaus. Nach einer
Weile kam er wieder herein und trug auf einem Ebrette mehrere Dinge,
die zu dem Abendmahle bestimmt waren. Er setzte von dem Ebrett ein
Krglein mit Milch auf den Tisch und go aus demselben zwei Glser voll.
Dann setzte er auf einem grnglasierten Schsselchen Erdbeeren auf, und
auf einem Teller mehrere Stcke schwarzen Brotes. Als Bestecke legte er
auf jeden Platz ein Messer und ein kleines Lffelchen; dann trug er das
Ebrett wieder hinaus.

Als er hereingekommen war, sagte er: Das ist unser Abendmahl, lassen
Sie es sich gengen.

Er trat zu dem Tisch, faltete die Hnde und sprach bei sich einen Segen,
ich tat desgleichen, und nun setzten wir uns zu unserm Abendessen
nieder. Die Milch tranken wir aus den Glsern, von dem schwarzen Brote
schnitten wir uns Stckchen mit dem Messer und aen die Erdbeeren mit
dem Lffelchen. Da wir fertig waren, sprach er wieder mit gefalteten
Hnden ein Dankgebet, holte das Ebrett und trug die Reste wieder fort.

Ich hatte in meiner Tasche noch Teile von meinem Mittagsmahle und in
meiner Flasche noch Wein. Ich sagte daher: Wenn Euer Ehrwrden
erlauben, so nehme ich die berbleibsel meines heutigen Mittagessens aus
meinem Rnzchen heraus, weil sie sonst verderben wrden.

Tun Sie nur nach Ihrem Gefallen, antwortete er.

Ich nahm daher meine Tasche und sagte: Da sehen Euer Ehrwrden auch
zugleich, wie ich bei meinem Wanderleben Tafel halte, und wie mein
Trink- und Egeschirr beschaffen ist.

Sie mssen wissen, fuhr ich fort, da, so sehr man das Wasser und
insbesondere das Gebirgswasser lobt, und so ntzlich und herrlich dieser
Stoff auch in dem groen Haushalte der Natur ist, dennoch, wenn man
tagelang auf offenem Felde im Sonnenscheine arbeitet, oder in heien
Steinen und heiem Sande herumgeht oder in Klippen klettert, ein Trunk
Wein mit Wasser ungleich mehr labt und Kraft gibt, als das lautere,
auserlesenste Wasser der Welt. Das lernte ich bei meinem Amte bald
kennen und versah mich daher stets bei allen meinen Reisen mit Wein.
Aber nur guter Wein ist es, der gute Dienste leistet. Ich hatte mir
daher auch auf die Hochstrae einen reinen guten Wein kommen lassen und
nehme tglich einen Teil mit in meine Steinhgel.

Der arme Pfarrer sah mir zu, wie ich meine Vorrichtungen
auseinanderpackte. Er betrachtete die kleinen blechernen Tellerchen,
deren mehrere in eine unbedeutende flache Scheibe zusammenzupacken
waren. Ich stellte die Tellerchen auf den Tisch. Dazu tat ich von meinem
Fache Messer und Gabeln. Dann schnitt ich Scheibchen von feinem, weiem
Weizenbrote, das ich wchentlich zweimal kommen lie, dann Scheibchen
von Schinken, von kaltem Braten und Kse. Das breitete ich auf den
Tellern aus. Hierauf bat ich um eine Flasche Wasser; denn das allein,
sagte ich, fhre ich nicht mit mir, da ich es in der Natur berall
finden msse. Als er in einem Kruge Wasser gebracht hatte, legte ich
meine Trinkvorrichtungen auseinander. Ich tat die Flasche, die noch halb
voll Wein war, heraus, ich stellte die zwei Glser -- eines habe ich
immer zum Vorrate -- auf den Tisch, und dann zeigte ich ihm, wie ich den
Wein khle. Das Glas wird in ein Fach von sehr lockerem Stoffe gestellt,
der Stoff mit einer sehr dnnen Flssigkeit, die ther heit, und die
ich in einem Flschchen immer mitfhre, befeuchtet, welche Flssigkeit
sehr schnell und heftig verdnstet und dabei eine Klte erzeugt, da der
Wein frischer wird, als wenn er eben von dem Keller kme, ja als ob er
sogar in Eis stnde. Da ich auf diese Weise zwei Glser Wein
aufgefrischt, mit Wasser vermischt und eins auf seinen Platz gestellt
hatte, lud ich ihn ein, mit mir zu speisen.

Er nahm, gleichsam um meiner Einladung die Ehre anzutun, ein winziges
bichen von den Dingen, nippte an dem Glase und war nicht mehr zu
bewegen, etwas weiteres zu nehmen.

Ich a von den aufgestellten Speisen nun auch nur sehr weniges und
packte dann alles wieder zusammen, indem ich mich der Unhflichkeit, die
ich eigentlich in der bereilung begangen hatte, schmte.

Ich tat schnell einen Blick in das Angesicht des Pfarrers; aber es
sprach nicht der kleinste Zug von Unfreundlichkeit aus.

Da der Tisch leer war, saen wir noch eine Zeit bei der Talgkerze und
sprachen. Dann schritt der Pfarrer daran, mein Bett zu bereiten. Er trug
eine groe wollene Decke herein, legte sie vierfach zusammen und tat sie
auf die Bank, die an der Mauer stand. Aus einer hnlichen Decke machte
er ein Kissen. Dann ffnete er einen der gelben Schreine, nahm ein
Leintuch von auerordentlicher Schnheit, Feinheit und Weie heraus, tat
es auseinander und breitete es ber mein Lager. Als ich bei dem
schwachen Scheine der Kerze die ungemeine Trefflichkeit des
Linnenstckes gesehen und dann unwillkrlich meine Augen auf ihn
gewendet hatte, errtete er in seinem Angesichte.

Als Hlle fr meinen Krper legte er eine dritte Wolldecke auf das
Lager.

Das ist Ihr Bett, so gut ich es machen kann, sagte er, Sie drfen nur
sagen, wenn Sie bereit sind, die Ruhe zu suchen.

Das berlasse ich Euer Ehrwrden, antwortete ich, wann Sie zum
Schlafen Ihre Zeit haben, richten Sie sich nach derselben. Ich bin an
keine Stunde gebunden, meine Lebensweise bringt es mit sich, da ich
bald kurz, bald lang schlafe, bald frher, bald spter mein Lager
suche.

Auch ich bin keiner Zeit untertan, erwiderte er, und kann den
Schlummer nach meinen Pflichten einrichten; aber da es wegen des
Gewitters heute spter geworden ist als sonst, da Sie morgen gewi sehr
bald aufstehen und wahrscheinlich in die Hochstrae gehen werden, um
manches zu holen, so dchte ich, wre Ruhe das beste, und wir sollten
sie suchen.

Ich stimme Ihnen vollstndig bei, Herr Pfarrer, sagte ich.

Nach diesem Gesprche verlie er das Stblein und ich dachte, er habe
sich nach seiner Schlafkammer begeben. Ich entkleidete mich daher,
soweit ich es immer gewohnt bin, und legte mich auf mein Bett. Eben
wollte ich das Licht, das ich auf einen Stuhl neben meinem Bette
gestellt hatte, auslschen, als der Pfarrer wieder hereintrat. Er hatte
sich umgekleidet und trug jetzt grauwollene Strmpfe, grauwollene
Beinkleider und eine grauwollene Jacke. Schuhe hatte er nicht, sondern
er ging auf den Strmpfen. So trat er in das Stblein.

Sie haben sich schon zur Ruhe gelegt, sagte er; ich bin gekommen,
Ihnen eine gute Nacht zu sagen und dann auch den Schlaf zu suchen. Also
schlummern Sie wohl, wie es auf dem Bette mglich ist.

Ich werde gut schlafen, erwiderte ich; und wnsche Ihnen ein
Gleiches.

Nach diesen Worten ging er zu dem Weihbrunnenkessel, der unter dem
kleinen, schn geschnitzten Kruzifixe hing, besprengte sich mit Tropfen
des Wassers und verlie das Stblein.

Ich sah bei dem Lichte meiner Kerze, wie er in dem gerumigen Vorhause
sich auf die hlzerne Bank, die in der Nische stand, legte und die Bibel
sich als Kissen unter das Haupt tat.

Als ich dieses gesehen hatte, sprang ich von meinem Lager auf, ging in
den Nachtkleidern in das Vorhaus hinaus und sagte: Mit nichten, Euer
Ehrwrden, so ist es nicht gemeint, Sie drfen nicht auf dieser nackten
Bank schlafen, whrend Sie mir das bessere Bett einrumen. Ich bin
gewohnt, auf allen Lagern zu schlafen, selbst im Freien unter einem
Baume; lassen Sie mich diese Bank bentzen und begeben Sie sich in das
Bett, das Sie mir abtreten wollten.

Nein, lieber Herr, antwortete er, ich habe Ihnen kein Bett
abgetreten; wo das Ihrige ist, wird sonst nie eines gemacht, und wo ich
jetzt liege, schlafe ich alle Nchte.

Auf dieser harten Bank und mit diesem Buche als Kissen schlafen Sie
alle Nchte? fragte ich.

Wie Sie durch Ihren Stand an alle Lager gewhnt sind, selbst an eines
im Freien, erwiderte er, so bin ich auch durch meinen Stand gewohnt,
auf dieser Bank zu schlafen und dieses Buch als Kissen zu haben.

Ist das wirklich mglich? fragte ich.

Ja, es ist so, antwortete er, ich sage keine Lge. Ich htte mir ja
auch auf dieser Bank ein Bett machen knnen, wie ich Ihnen eines auf der
Ihrigen gemacht habe; allein ich habe schon seit sehr langer Zeit her
angefangen, in diesen Kleidern und auf dieser Bank hier, wie Sie mich
sehen, zu schlafen, und tue es auch heute. Da ich noch immer
mitrauisch zgerte, sagte er: Sie knnen in Ihrem Herzen ganz beruhigt
sein, ganz beruhigt.

Ich wendete gegen dieses nichts mehr ein; namentlich war der Grund, da
er sich ja auch ein Bett htte machen knnen, berzeugend.

Nach einer Weile, whrend welcher ich noch immer dagestanden war, sagte
ich: Wenn es eine alte Gewohnheit ist, hochwrdiger Herr, so habe ich
freilich nichts mehr einzuwenden; aber Sie werden es auch begreifen, da
ich anfnglich dagegen sprach, weil man gewhnlich berall ein
gebettetes Lager hat.

Ja, man hat es, sagte er, und gewhnt sich daran, und meint, es msse
so sein. Aber es kann auch anders sein. An alles gewhnt sich der
Mensch, und die Gewohnheit wird dann sehr leicht, sehr leicht.

Nach diesen Worten ging ich wieder, nachdem ich ihm zum zweiten Male
eine gute Nacht gewnscht hatte, in mein Stblein und legte mich wieder
in mein Bett. Ich erinnerte mich nun auch, da ich wirklich nie ein Bett
gesehen habe, sooft ich frher in der Behausung des Pfarrers gewesen
war. Ich dachte noch eine Zeitlang an die Sache und konnte nicht umhin,
die uerste Feinheit des Linnens des Pfarrers sehr wohlttig an meinem
Krper zu empfinden. Nach einer kurzen Zeit lieferte der Pfarrer den
tatschlichen Beweis, da er an sein Lager gewohnt sei; denn ich hrte
aus dem sanften, regelmigen Atmen, da er bereits in tiefen Schlummer
gesunken sei.

Da ich nun auch ruhig war, da alles in dem Pfarrhause totenstille war,
da der Wind aufgehrt hatte, der Regen kaum nur leise zu vernehmen war
und die Blitze wie verloren nur mehr selten mit mattem Scheine das
Fenster berhrten, senkte sich auf meine Augen der Schlummer, und
nachdem ich die Kerze ausgelscht hatte, vernahm ich noch einige Male
das Fallen eines Tropfens an das Fenster, dann war mir's, als ob daran
der schwache Aufblick eines Leuchtens geschhe, und dann war nichts
mehr.

Ich schlief sehr gut, erwachte spt, und es war schon vlliger Tag, als
ich die Augen ffnete. Es war, als ob es ein zartes Gerusch gewesen
wre, das mein vlliges Aufwachen veranlat hatte. Als ich die Augen
vollkommen ffnete und herumsah, erblickte ich in dem Vorhause den
Pfarrer in seinen grauen Nachtkleidern, wie er eben beschftigt war,
meine Kleider mit einer Brste vom Staube zu reinigen. Ich erhob mich
schnell von meinem Lager, ging hinaus und strte ihn in seinem Beginnen,
indem ich sagte, das drfe nicht sein, so etwas knne ich von ihm nicht
annehmen, es liege nicht in seinem Stande, es mache der Staub nichts,
und wenn ich ihn fortwollte, so knnte ich ihn ja selber mit einer
Brste schnell abstreifen.

Es liegt nicht in meinem Stande als Priester, aber es liegt in meinem
Stande als Gastfreund, sagte er; ich habe nur eine einzige alte
Dienerin, die nicht in dem Hause wohnt: sie kommt zu gewissen Stunden,
um meine kleinen Dienste zu verrichten, und ist heute noch nicht da.

Nein, nein, das tut nichts, antwortete ich, ich erinnere Sie an Ihr
Versprechen, sich keine Last aufzulegen.

Ich lege mir keine Last auf, erwiderte er, und es ist schon bald
gut.

Mit diesen Worten tat er noch ein paar Striche mit der Brste auf dem
Rocke und lie sich dann beides, Brste und Kleider, nehmen. Er ging aus
dem Vorhause in ein anderes, mir bis dahin unbekanntes Gemach. Ich
kleidete mich indessen an. Nach einer Zeit kam auch er vollstndig
angekleidet herein. Er hatte die alten, schwarzen Kleider an, die er am
Tage und alle vorhergehenden Tage angehabt hatte. Wir traten an das
Fenster. Der Schauplatz hatte sich vollkommen gendert. Es war ein
durchaus schner Tag, und die Sonne erhob sich strahlend in einem
unermelichen Blau. Was doch so ein Gewitter ist! Das Zarteste, das
Weichste der Natur ist es, wodurch ein solcher Aufruhr veranlat wird.
Die feinen, unsichtbaren Dnste des Himmels, die in der Hitze des Tages
oder in der Hitze mehrerer Tage unschdlich in dem unermelichen Raume
aufgehngt sind, mehren sich immer, bis die Luft an der Erde so erhitzt
und verdnnt ist, da die oberen Lasten derselben niedersinken, da die
tieferen Dnste durch sie erkhlt werden, oder da sie auch von einem
andern kalten Hauch angeweht werden, wodurch sie sich sogleich zu
Nebelballen bilden, das elektrische Feuer erzeugen und den Sturm
wachrufen, neue Klte bewirken, neue Nebel erregen, sodann mit dem
Sturme daherfahren und ihre Mengen, die zusammenschieen, sei es in Eis,
sei es in geschlossenen Tropfen, auf die Erde niederschtten. Und haben
sie sie niedergeschttet und hat die Luft sich gemischt, so steht sie
bald wieder in ihrer Reinheit und Klarheit oft schon am andern Tage da,
um wieder die Dnste aufzunehmen, die in der Hitze erzeugt werden,
wieder allmhlich dasselbe Spiel zu beginnen und so die Abwechslung von
Regen und Sonnenschein zu bewirken, welche die Freude und das Gedeihen
von Menschen, Tieren und Gewchsen ist.

Der unermeliche Regen der Nacht hatte die Kalksteinhgel glatt gewaschen,
und sie standen wei und glnzend unter dem Blau des Himmels und unter
den Strahlen der Sonne da. Wie sie hintereinander zurckwichen, wiesen
sie in zarten Abstufungen ihre gebrochenen Glanzfarben in Grau,
Gelblich, Rtlich, Rosenfarbig, und dazwischen lagen die lnglichen,
nach rckwrts immer schneren, luftblauen Schatten. Die Wiese vor
dem Pfarrhofe war frisch und grn, die Linde, die ihre lteren und
schwcheren Bltter durch den Sturm verloren hatte, stand neugeboren da,
und die andern Bume und die Bsche um den Pfarrhof hoben ihre nassen
glnzenden ste und Zweige gegen die Sonne. Nur in der Nhe des Steges
war auch ein anderes, minder angenehmes Schauspiel des Gewitters. Die
Zirder war ausgetreten und setzte einen Teil der Wiese, von der ich
gesagt habe, da sie um ein wenig hher liegt als das Flubett, unter
Wasser. Der hohe Steg senkte sich mit seinem abwrtsgehenden Teile
unmittelbar in dieses Wasser. Allein, wenn man von dem Schaden absieht,
den die berschwemmung durch Anfhrung von Sand auf der Wiese verursacht
haben mochte, so war auch diese Erscheinung schn. Die groe Wasserflche
glnzte unter den Strahlen der Sonne, sie machte zu dem Grn der Wiese
und dem Grau der Steine den dritten stimmenden und schimmernden Klang,
und der Steg stand abenteuerlich wie eine dunkle Linie ber dem
silbernen Spiegel.

Der Pfarrer zeigte mir mehrere Stellen sehr entfernter Gegenden, die man
sonst nicht sehen konnte, die aber heute deutlich in der gereinigten
Luft wie klare Bilder zu erblicken waren.

Nachdem wir eine kleine Zeit das Morgenschauspiel, das die Augen
unwillkrlich auf sich gezogen hatte, betrachtet hatten, brachte der
Pfarrer kalte Milch und schwarzes Brot zum Frhmahle. Wir verzehrten
beides, und ich schickte mich dann zum Fortgehen an. Ich nahm mein Fach
und meine Tasche mit den Lederriemen ber die Schulter, nahm meinen Stab
von der Ecke neben dem gelben Schreine, nahm meinen weien Wanderhut und
sagte dem Pfarrer herzlichen Dank fr meine Beherbergung whrend des
starken Gewitters.

Wenn es nur nicht zu schlecht gewesen ist, sagte er.

Nein, nein, Euer Ehrwrden, erwiderte ich, es war alles lieb und gut
von Ihnen; ich bedaure nur, da ich Ihnen Strung und Unruhe verursacht
habe; ich werde knftig genau auf das Wetter und den Himmel sehen, da
meine Unvorsichtigkeit nicht wieder ein andrer ben mu.

Ich habe gegeben, was ich gehabt habe, sagte er.

Und ich wnsche sehr, einen Gegendienst leisten zu knnen, erwiderte
ich.

Menschen leben nebeneinander und knnen sich manchen Gefallen tun,
sagte er.

Mit diesen Worten waren wir in das Vorhaus hinausgelangt.

Ich mu Ihnen noch meine dritte Stube zeigen, sagte er; hier habe ich
ein Gemach, in welchem ich mich aus- und ankleide, da mich niemand
sieht, und in welchem ich noch mancherlei Sachen bewahrt habe.

Mit diesen Worten fhrte er mich aus dem Vorhause in ein Seitenzimmer
oder eigentlich in ein Gewlbe, dessen Tr ich frher nicht beachtet
hatte. In dem Gewlbe waren wieder sehr schlechte Gerte. Ein groer,
weicher, stehender Schrein, in dem Kleider und andere solche Dinge,
wahrscheinlich auch die Wolldecken meines Lagers, aufbewahrt wurden, ein
paar Sthle und ein Brett, auf dem schwarze Brote lagen und ein Topf mit
Milch stand: das war die ganze Gertschaft. Als wir wieder aus dem
Zimmer herausgetreten waren, schlo er es zu, wir nahmen Abschied und
versprachen, uns bald wiederzusehen.

Ich trat in die khle, reine Luft und auf die nasse Wiese hinaus. Ich
hatte wohl noch den Gedanken, wie es sonderbar sei, da wir immer nur in
dem Erdgeschosse gewesen seien und da ich doch in der Nacht und am
Morgen deutlich Tritte oberhalb unser in dem Pfarrhof vernommen hatte;
allein ich lie mich den Gedanken nicht weiter anfechten und schritt
vorwrts.

Ich ging nicht auf meinem eigentlichen Wege, sondern ich schlug die
Richtung gegen die Zirder ein. Wenn man ein Land vermit, wenn man viele
Jahre lang Lnder und ihre Gestalten auf Papier zeichnet, so nimmt man
auch Anteil an der Beschaffenheit der Lnder und gewinnt sie lieb. Ich
ging gegen die Zirder, weil ich sehen wollte, welche Wirkungen ihr
Austritt hervorgebracht hatte und welche Vernderungen er in der
unmittelbaren Nhe eingeleitet haben mge. Als ich eine Weile vor dem
Wasser stand und sein Walten betrachtete, ohne da ich eben andre
Wirkungen als den bloen Austritt wahrnehmen konnte, so erlebte ich
pltzlich ein Schauspiel, welches ich bisher noch nicht gehabt hatte,
und bekam eine Gesellschaft, die mir bisher in dem Steinlande nicht
zuteil geworden war. Auer meinen Arbeitern, mit denen ich so bekannt
war, und die mit mir so bekannt waren, da wir uns wechselweise wie
Werkzeuge vorkommen muten, hatte ich nur einige Menschen in meinem
Gasthause, manchen Wanderer auf dem Wege und den armen Pfarrer in den
Gesteinen gesehen. Jetzt sollte es anders werden. Als ich hinblickte,
sah ich von dem jenseitigen Ufer, welches hher und nicht berschwemmt
war, einen lustigen, frhlichen Knaben ber den Steg daherlaufen. Als er
gegen das Ende des Steges kam, welches sich in das berschwemmungswasser
der Zirder hinabsenkte, kauerte er sich nieder, und soviel ich durch
mein Handfernrohr wahrnehmen konnte, nestelte er sich die Schuhriemen
auf und zog Schuhe und Strmpfe aus. Allein nachdem er beides ausgezogen
hatte, ging er nicht in das Wasser herab, wie ich vermutet hatte,
sondern blieb an der Stelle. Gleich darauf kam ein zweiter Knabe und tat
dasselbe. Dann kam ein barfiger, der auch stehen blieb, dann mehrere
andre. Endlich kam ein ganzer Schwarm Kinder ber den Steg gelaufen, und
als sie gegen das Ende desselben gekommen waren, duckten sie sich
nieder, gleichsam wie ein Schwarm Vgel, der durch die Luft geflogen
kommt und an einer kleinen Stelle einfllt, und ich konnte unschwer
wahrnehmen, da sie smtlich damit beschftigt waren, Schuhe und
Strmpfe auszuziehen.

Als sie damit fertig waren, ging ein Knabe ber den Steg herab und
behutsam in das Wasser. Ihm folgten die andern. Sie nahmen auf ihre
Hschen keine Rcksicht, sondern gingen damit tief in das Wasser, und
die Rckchen der Mdchen schwammen um ihre Fe herum. Zu meinem
Erstaunen erblickte ich jetzt auch mitten im Wasser eine grere
schwarze Gestalt, die niemand anders als der arme Pfarrer im Kar war. Er
stand bis an die Hften im Wasser. Ich hatte ihn frher nicht gesehen
und auch nicht wahrgenommen, wie er hineingekommen war, weil ich mit
meinen Augen immer weiter hin gegen den Steg geblickt hatte und sie erst
jetzt mehr nach vorn richtete, wie die Kinder gegen meinen Standpunkt
heranschritten. Alle Kinder gingen gegen den Pfarrer zu, und nachdem sie
eine Weile bei ihm verweilt und mit ihm gesprochen hatten, traten sie
den Weg gegen das Ufer an, an dem ich stand. Da sie ungleich vorsichtig
auftraten, so zerstreuten sie sich im Hergehen durch das Wasser,
erschienen wie schwarze Punkte auf der glnzenden Flche und kamen
einzeln bei mir an. Da ich sah, da keine Gefahr in dem berall seichten
berschwemmungswasser vorhanden sei, blieb ich auf meiner Stelle stehen
und lie sie ankommen. Die Kinder kamen heran und blieben bei mir
stehen. Sie sahen mich anfangs mit trotzigen und scheuen Angesichtern
an; aber da ich von Jugend auf ein Kinderfreund gewesen bin, da ich
stets die Kinder als Knospen der Menschheit auerordentlich geliebt habe
und seit meiner Verehelichung selbst mit einer Anzahl davon gesegnet
worden bin, da zuletzt auch keine Art von Geschpfen so schnell erkennt,
wer ihnen gut ist, und auf diesem Boden ebenso schnell Vertrauen gewinnt
als Kinder: so war ich bald von einem Kreise plaudernder und rhriger
Kinder umringt, die sich bemhten, Fragen zu geben und Fragen zu
beantworten. Es war leicht zu erraten, auf welchem Wege sie sich
befanden, da sie smtlich an ledernen oder leinenen Bndern ihre
Schultaschen um die Schultern gehngt hatten. Weil aber auch ich meine
Tasche und mein Fach an einem ledernen Riemen um meine Schultern trug,
so mochte es ein lcherlicher Anblick gewesen sein, mich gleichsam wie
ein groes Schulkind unter den kleinen stehen zu sehen. Einige bckten
sich und waren bemht, ihre Schuhe und Strmpfe wieder anzuziehen,
andere hielten sie noch in den Hnden, sahen zu mir auf und redeten mit
mir.

Ich fragte sie, woher sie kmen, und erhielt zur Antwort, da sie aus
den Karhusern und Steinhusern seien und da sie in die Schule in das
Kar gehen.

Als ich sie fragte, warum sie auf dem Stege zusammen gewartet htten und
nicht einzeln, wie sie gekommen wren, in das Wasser gestiegen seien,
sagten sie, weil die Eltern befohlen htten, sie sollten sehr vorsichtig
sein und nicht allein, sondern alle zusammen in das Wasser gehen, wenn
ein solches jenseits des Steges der Zirderwiese sei.

Wenn aber das Wasser auf der Wiese so tief wre, da es ber das Haupt
eines groen Menschen hinausginge? fragte ich.

So kehren wir wieder um, antworteten sie.

Wenn aber erst das Wasser mit Gewalt daherkme, wenn ihr bereits ber
den Steg gegangen wret und euch auf der Wiese befndet, was ttet ihr
dann?

Das wissen wir nicht.

Ich fragte sie, wie lange sie von den Steinhusern und Karhusern
hierher brauchten, und erhielt die Antwort: eine Stunde. So weit mochten
auch die genannten Huser wirklich entfernt sein. Sie liegen jenseits
der Zirder in einem ebenso unfruchtbaren Boden wie das Kar, aber ihre
Bewohner treiben viele Geschfte, namentlich brennen sie Kalk aus ihren
Steinen und verfhren ihn weit.

Ich fragte sie, ob ihnen die Eltern auch aufgetragen htten, die Schuhe
und Strmpfe zu schonen, erhielt die Antwort Ja, und bewunderte die
Unfolgerichtigkeit, indem sie die trockenen Schuhe und Strmpfe in den
Hnden hielten und mit bitterlich nassen Hschen und Rckchen vor mir
standen.

Ich fragte, was sie in dem Winter tten.

Da gehen wir auch herber, sagten sie.

Wenn aber Schneewasser auf der Wiese ist?

Da ziehen wir die Schuhe nicht aus, sondern gehen mit ihnen durch.

Und wenn der Steg eisig ist?

Da mssen wir achtgeben.

Und wenn auerordentliches Schneegestber ist?

Das macht nichts.

Und wenn ungeheuer viel Schnee liegt und kein Weg ist?

Dann bleiben wir zu Hause.

In diesem Augenblicke kam der Pfarrer mit den letzten Kindern gegen mich
heran. Es war auch Zeit, denn die Kinder waren bereits so zutraulich
geworden, da mir ein winzig kleiner Knabe, der den Grund und Anfang
aller Wissenschaften auf einem kleinen Papptfelchen trug, seine
Buchstaben aufsagen wollte.

Da mich der Pfarrer in der Mitte der Kinder ansichtig wurde, grte er
sehr freundlich und sagte, das sei schn von mir, da ich auch zur Hilfe
herbeigeeilt wre.

Ich erschrak ber diese Zumutung, sagte aber gleich, ich sei eben nicht
zur Hilfe herbeigeeilt, da ich nicht gewut htte, da Kinder ber den
Steg kommen wrden, aber wenn Hilfe ntig geworden wre, so wrde ich
sie auch gewi geleistet haben.

Bei dieser Gelegenheit, als ich ihn so unter den Kindern stehen sah,
bemerkte ich, da er bei weitem tiefer im Wasser gewesen sein msse als
die Kinder; denn er war bis ber die Hften na, und dies htte bei
manchem Kinde beinahe an den Hals gereicht. Ich begriff den Widerspruch
nicht und fragte ihn deshalb. Er sagte, das sei leicht zu erklren. Der
Wennerbauer, dem das berschwemmte Stck Wiese gehre, auf dem er eben
im Wasser gestanden sei, habe vorgestern Steine aus der Wiese graben und
wegfhren lassen. Die Grube sei geblieben. Da er nun heute die Wiese
gegen die Zirder mit Wasser berdeckt gesehen htte, habe er geglaubt,
da der Weg der Kinder etwa nahe an dieser Grube vorbeigehen und da
eines in derselben verunglcken knnte. Deshalb habe er sich zu der
Grube stellen wollen, um alle Gefahr zu verhindern. Da sie aber
abschssig war, sei er selber in die Grube geglitten, und einmal darin
stehend, sei er auch darin stehen geblieben. Eines der kleineren Kinder
htte in der Grube sogar ertrinken knnen, so tief sei sie gegraben
worden. Man msse Sorge tragen, da die Wiese wieder abgeebnet werde;
denn das Wasser bei berschwemmungen sei trb und lasse die Tiefe und
Ungleichheit des Bodens unter sich nicht bemerken.

Die nassen Kinder drngten sich um den nassen Pfarrer, sie kten ihm
die Hand, sie redeten mit ihm, er redete mit ihnen, oder sie standen da
und sahen zutraulich zu ihm hinauf.

Er aber sagte endlich, sie sollten jetzt die nassen Rckchen auswinden,
das Wasser aus allen Kleidern drcken oder abstreifen, und wer Schuhe
und Strmpfe habe, solle sie anziehen, dann sollen sie gehen, da sie
sich nicht erkhlen, sie sollen sich in die Sonne stellen, da sie eher
trocken wrden, und sollen dann in die Schule gehen und dort sehr
sittsam sein.

Ja, das werden wir tun, sagten sie.

Sie folgten der Weisung auch sogleich, sie duckten oder kauerten sich
nieder, sie wanden die Rckchen aus, sie drckten das Wasser aus den
Fen der Hschen oder sie drngten und streiften es aus Falten und
Lppchen, und ich sah, da sie darin eine groe Geschicklichkeit hatten.
Auch war die Sache nicht so bedeutend, denn sie hatten alle entweder
ungebleichte oder rot- oder blaugestreifte leinene Kleidchen an, die
bald trocken werden wrden und denen man kaum ansehen wrde, da sie na
gewesen seien; und in Hinsicht der Gesundheit, dachte ich, wrde der
jugendliche Krper leicht die Feuchtigkeit berwinden. Da sie mit dem
Auspressen des Wassers fertig waren, gingen sie an das Anziehen der
Schuhe und Strmpfe. Als sie auch dieses Geschft beendigt hatten, nahm
der Pfarrer wieder von mir Abschied, dankte mir noch einmal, da ich
hierhergekommen sei, und begab sich mit den Kindern auf den Weg in das
Kar.

Ich rief den Kindern zu, sie sollten recht fleiig sein, sie riefen
zurck: Ja, ja! und gingen mit dem Pfarrer davon.

Ich sah die Gestalt des Pfarrers unter dem Kinderhaufen ber die nasse
Wiese der Karschule zugehen, wendete mich dann auch und schlug den Weg
in meine Steine ein. Ich wollte nicht mehr in die Hochstrae gehen,
sondern gleich meine Leute und meinen Arbeitsplatz aufsuchen, teils weil
ich keine Zeit zu verlieren hatte, teils weil ich ohnedem noch mit den
Resten von Lebensmitteln versehen war, die der Pfarrer gestern abend
verschmht hatte. Auch wollte ich meine Leute beruhigen, die gewi
erfahren haben wrden, da ich in der Nacht nicht in der Hochstrae
gewesen sei, und deshalb meinetwillen besorgt sein knnten.

Als ich in die Hhe der Kalksteinhgel hinaufstieg, dachte ich an die
Kinder. Wie gro doch die Unerfahrenheit und Unschuld ist! Sie gehen auf
das Ansehen der Eltern dahin, wo sie den Tod haben knnen; denn die
Gefahr ist bei den berschwemmungen der Zirder sehr gro und kann bei
der Unwissenheit der Kinder unberechenbar gro werden. Aber sie kennen
den Tod nicht. Wenn sie auch seinen Namen auf den Lippen fhren, so
kennen sie seine Wesenheit nicht, und ihr emporstrebendes Leben hat
keine Empfindung von Vernichtung. Wenn sie selbst in den Tod gerieten,
wrden sie es nicht wissen, und sie wrden eher sterben, ehe sie es
erfhren.

Als ich so dachte, hrte ich das Glcklein von dem Turme der Karkirche
in meine Steine hineinklingen, das eben zu der Morgenmesse rief, die der
Pfarrer abhalten und der die Kinder beiwohnen wrden.

Ich ging tiefer in die Steine hinein und fand meine Leute, die sich
freuten, mich zu sehen, und die mir Lebensmittel gebracht hatten.--

Da ich lange in der Gegend verweilte, konnte ich es nicht vermeiden,
auch aus dem Munde der Menschen manches ber den Pfarrer zu hren. Da
erfuhr ich, da es wirklich wahr sei, woran ich vermge seiner Aussage
ohnehin nicht mehr gezweifelt hatte, da er schon seit vielen Jahren in
seinem Vorhause auf der hlzernen Bank schlafe und die Bibel unter dem
Kopfe habe; da er hierbei im Sommer nur die grauen Wollkleider anhabe
und im Winter sich auch einer Decke bediene. Seine Kleider trage er so
lange und erhalte sie so beisammen, da sich niemand erinnern knne,
wann er sich einmal neue angeschafft htte. Das obere Stockwerk seines
Pfarrhofes habe er vermietet. Es sei ein Mann gekommen, der in einem
Amte gestanden, dann in den Ruhestand versetzt worden war, und der sein
Gehalt nun in der Gegend verzehre, in welcher er geboren worden sei. Er
habe den Umstand, da der Pfarrer seine Zimmer vermiete, bentzt, um
sich mit seiner Tochter da einzumieten, da er immer den Schauplatz vor
Augen habe, in dem er seine Kindheit zugebracht hatte. Es war mir diese
Tatsache wieder ein Beweis, wie s uns nach den Worten des Dichters der
Geburtsboden zieht und seiner nicht vergessen lt, da hier ein Mann
eine Gegend als ein Labsal und als eine Erheiterung seines Alters
aufsucht, aus der jeder andere fortzukommen trachten wrde. Der Pfarrer,
sagte man, esse zum Frhmahle und am Abend nur ein Stck schwarzen
Brotes und sein Mittagessen bereite ihm seine Dienerin Sabine, welche es
in ihrer Wohnung koche und es ihm in den Pfarrhof bringe. Es bestehe
hufig aus warmer Milch oder einer Suppe oder im Sommer selbst aus
kalten Dingen. Wenn er krank sei, lasse er keinen Arzt und keine Arznei
kommen, sondern liege und enthalte sich der Speisen, bis er gesund
werde. Von den Einknften seiner Miete und seines Amtes tue er Gutes,
und zwar an Leuten, die er sorgsam aussuche. Er habe keine Verwandten
und Bekannten. Seit den Jahren, seit denen er da sei, sei niemand bei
ihm auf Besuch gewesen. Alle seine Vorgnger seien nur kurze Zeit
Pfarrer in dem Kar gewesen und seien dann fortgekommen; er aber sei
schon lange da, und es habe den Anschein, da er bis zu seinem
Lebensende dableiben werde. Er gehe auch nicht auf Besuche in die
Nachbarschaft, ja, er gehe nicht viel mit Menschen um, und wenn er nicht
in seinen Amtsgeschften oder in der Schule sei, so lese er in seinem
Stblein oder er gehe ber die Wiese in das Steinkar, gehe dort im Sande
herum oder sitze dort einsam mit seinen Gedanken.

Es hatte sich in der Gegend der Ruf verbreitet, da er wegen seiner
Lebensweise Geld habe, und er ist deshalb schon dreimal beraubt worden.

Ich konnte von diesen Dingen weder wissen, was wahr sei, noch was nicht
wahr sei. Sooft ich zu ihm kam, sah ich die ruhigen, klaren blauen
Augen, das einfache Wesen und die bittere, ungeheuchelte Armut. Was
seine Vergangenheit gewesen sei, in das drang ich nicht ein und mochte
nicht eindringen.

Ich hatte auch mehrere Predigten von ihm gehrt. Sie waren einfach
christlich, und wenn auch von seiten der Beredsamkeit manches
einzuwenden gewesen wre, so waren sie doch klar und ruhig, und es war
eine solche Gte in ihnen, da sie in das Herz gingen.

Die Zeit meiner Arbeiten in jener Gegend zog sich in die Lnge. Die
Steinnester jener unwirtlichen Landschaften setzten uns solche
Hindernisse entgegen, da wir Aussicht hatten, doppelt so viel Zeit zu
brauchen, als auf einem gleichen Flchenraum einer gezhmten und
fruchtbaren Gegend. Dazu kam noch, da uns von den Behrden gleichsam
eine Frist gesetzt wurde, in der wir fertig sein sollten, indem wir die
Bestimmung bekamen, zu einer gewissen Zeit in einem andern Teile des
Reiches beschftigt zu werden. Ich wollte mir die Schande nicht antun,
mich saumselig finden zu lassen. Ich bot daher alles auf, das Geschft
in einen lebhaften Gang zu bringen. Ich verlie die Hochstrae, ich lie
mir in dem Teile des Steinkars, in dem wir arbeiteten, eine Bretterhtte
als Wohnung aufschlagen, ich wohnte dort und lie mir mit meinen Leuten
gemeinschaftlich an einem Feuer kochen. Ich zog auch alle Leute zu mir,
da sie auf dem Arbeitsschauplatze oder in der Nhe in errichteten
Httchen wohnten, und ich nahm noch mehrere fremde Menschen als
Handlanger auf, um nun alles recht tchtig und lebendig zu frdern.

Da ging es nun an ein Hmmern, Messen, Pflckeschlagen, Kettenziehen, an
ein Aufstellen der Metische, an ein Absehen durch die Glser, an ein
Bestimmen der Linien, Winkelmessen, Rechnen und dergleichen. Wir rckten
durch die Steinhgel vor, und unsere Zeichen verbreiteten sich auf dem
Kalkgebiete. Da es eine Auszeichnung war, diesen schwierigen Erdwinkel
aufzunehmen, so war ich stolz darauf, es recht schn und ansehnlich zu
tun, und arbeitete oft noch bis tief in die Nacht hinein in meiner
Htte. Ich zeichnete manche Bltter doppelt und verwarf die minder
gelungenen. Der Stoff wurde sachgem eingereiht.

Da mir bei diesen Arbeiten der Pfarrer in den Hintergrund trat, ist
begreiflich. Allein da ich ihn einmal schon lngere Zeit nicht im
Steinkar sah, wurde ich unruhig. Ich war gewhnt, seine schwarze Gestalt
in den Steinen zu sehen, von weitem sichtbar, weil er der einzige dunkle
Punkt in der graulich dmmernden oder unter dem Strahle der
hinabsinkenden Sonne rtlich beleuchteten Kalkflur war. Ich fragte
deshalb nach ihm und erfuhr, da er krank sei. Sogleich beschlo ich,
ihn zu besuchen. Ich bentzte die erste freie Zeit dazu, oder vielmehr,
ich machte mir den ersten Abend frei und ging zu ihm.

Ich fand ihn nicht auf seinem gewhnlichen Lager in dem Vorhause,
sondern in dem Stblein auf der hlzernen Bank, auf welcher er mir in
der Gewitternacht ein Bett gemacht hatte. Man hatte ihm die Wolldecken
unter den Leib gegeben, die ich damals gehabt hatte, und er hatte es
zugelassen, weil er krank war. Man hatte ihm auch eine Hlle gegeben, um
seinen Krper zudecken zu knnen, und man hatte den fichtenen Tisch an
sein Bett gerckt, da er Bcher darauf legen und andere Dinge darauf
stellen konnte.

So fand ich ihn.

Er lag ruhig dahin und war auch jetzt nicht zu bewegen gewesen, einen
Arzt oder eine Arznei anzunehmen, selbst nicht die einfachsten Mittel
zuzulassen, die man ihm in sein Zimmer brachte. Er hatte den seltsamen
Grund, da es eher eine Versuchung Gottes sei, eingreifen zu wollen, da
Gott die Krankheit sende, da Gott sie entferne oder den beschlossenen
Tod folgen lasse. Endlich glaubte er auch nicht so sehr an die gute
Wirkung der Arzneien und an das Geschick der rzte.

Da er mich sah, zeigte er eine sehr heitere Miene, es war offenbar, da
er darber erfreut war, da ich gekommen sei. Ich sagte ihm, da er
verzeihen mge, da ich erst jetzt komme, ich htte es nicht gewut, da
er krank sei, ich wre wegen der vielen Arbeiten nicht von meiner Htte
in dem Steinkar herausgekommen, ich htte ihn aber vermit, htte ihm
nachgefragt und sei nun gekommen.

Das ist schn, das ist recht schn, sagte er.

Ich versprach, da ich nun schon fter kommen werde.

Ich erkannte bei nheren Fragen ber seinen Zustand, da seine Krankheit
weniger eine bedenkliche als vielmehr eine lngere sein drfte, und ging
daher mit Beruhigung weg. Desungeachtet fuhr ich eines Tages mit
hereinbestellten Postpferden in die Stadt hinaus und beriet mich mit
einem mir bekannten Arzte daselbst, indem ich ihm alle Zustnde, die ich
dem Pfarrer in mehreren Besuchen abgefragt hatte, darlegte. Er gab mir
die Versicherung, da ich recht gesehen htte, da das bel kein
gefhrliches sei, da die Natur da mehr tun knne als der Mensch und da
der Pfarrer in etwas lngerer Zeit schon genesen werde.

Da ich nun fter zu dem Pfarrer kam, so wurde ich es so gewhnt, abends
ein wenig auf dem Stuhle neben seinem Bette zu sitzen und mit ihm zu
plaudern, da ich es nach und nach alle Tage tat. Ich ging nach meiner
Tagesarbeit aus dem Steinkar ber die Wiese in den Pfarrhof und
verrichtete meine Hausarbeit spter bei Licht in meiner Htte. Ich
konnte es um so leichter tun, da ich jetzt ziemlich nahe an dem
Pfarrhofe wohnte, was in der Hochstrae bei weitem nicht der Fall
gewesen war. Ich war aber nicht der einzige, der sich des Pfarrers
annahm. Die alte Sabine, seine Aushelferin, kam nicht nur fter in die
Wohnung des Pfarrers herber, als es eigentlich ihre Schuldigkeit
gewesen wre, sondern sie brachte die meiste Zeit, die sie von ihrem
eigenen Hauswesen, das nur ihre einzige Person betraf, absparen konnte,
in dem Pfarrhofe zu und verrichtete die kleinen Dienste, die bei einem
Kranken notwendig waren. Auer dieser alten Frau kam auch noch ein
junges Mdchen, die Tochter des Mannes, welcher in dem ersten Stockwerke
des Pfarrhofes zur Miete war. Das Mdchen war bedeutend schn, es
brachte dem Pfarrer entweder eine Suppe oder irgend etwas anderes, oder
es erkundigte sich um sein Befinden, oder es hinterbrachte die Frage des
Vaters, ob er dem Pfarrer in irgendeinem Stcke beistehen knne. Der
Pfarrer hielt sich immer sehr stille, wenn das Mdchen in das Zimmer
trat, er regte sich unter seiner Hlle nicht und zog die Decke bis an
sein Kinn empor.

Auch der Schullehrer kam oft herber, und auch ein paar Amtsbrder aus
der Nachbarschaft waren eingetroffen, um sich nach dem Befinden des
Pfarrers zu erkundigen.

War es nun die Krankheit, welche den Mann weicher stimmte, oder war es
der tgliche Umgang, der uns nher brachte: wir wurden seit der
Krankheit des Pfarrers viel besser miteinander bekannt. Er sprach mehr
und teilte sich mehr mit. Ich sa an dem fichtenen Tische, der an seinem
Bette stand, und kam pnktlich alle Tage an die Stelle. Da er nicht
ausgehen konnte und nicht in das Steinkar kam, so mute ich die
Vernderungen, die dort vorkamen, berichten. Er fragte mich, ob die
Brombeeren an dem Kulterloche schon zu reifen begnnen, ob der Rasen
gegen die Zirderhhe, welchen der Frhling immer sehr schn grn frbe,
schon im Vergelben und Ausdorren begriffen sei, ob die Hagebutten schon
reiften, ob das Verwittern des Kalksteins vorwrts gehe, ob die in die
Zirder gefallenen Stcke sich vermehrten und der Sand sich
vervielfltigte, und dergleichen mehr. Ich sagte es ihm, ich erzhlte
ihm auch andere Dinge, ich sagte ihm, wo wir gearbeitet htten, wie weit
wir vorgerckt wren und wo wir morgen beginnen wrden. Ich erklrte ihm
hierbei manches, was ihm in unsern Arbeiten dunkel war. Auch las ich ihm
zuweilen etwas vor, namentlich aus den Zeitungen, die ich mir
wchentlich zweimal durch einen Boten in das Steinkar hereinbringen
lie.

Eines Tages, da die Krankheit sich schon bedeutend zum Bessern wendete,
sagte er, er htte eine Bitte an mich.

Als ich ihm erwiderte, da ich ihm gerne jeden Dienst erweise, der nur
immer in meiner Macht stehe, da er nur sagen solle, was er wolle, ich
wrde es gewi tun, antwortete er: Ich mu Ihnen, ehe ich meine Bitte
ausspreche, erst etwas erzhlen. Bemerken Sie wohl, ich erzhle es
nicht, weil es wichtig ist, sondern damit Sie sehen, wie alles so
gekommen ist, was jetzt ist, und damit Sie vielleicht geneigter werden,
meine Bitte zu erfllen. Sie sind immer sehr gut gegen mich gewesen, und
Sie sind sogar neulich, wie ich erfahren habe, in die Stadt
hinausgefahren, um einen Arzt ber meine Zustnde zu befragen. Dies gibt
mir nun den Mut, mich an Sie zu wenden.

Ich bin der Sohn eines wohlhabenden Gerbers in unserer Hauptstadt. Mein
Urgrovater war ein Findling aus Schwaben und wanderte mit dem Stabe in
der Hand in unsere Stadt ein. Er lernte das Gerbergewerbe aus Gte
mildttiger Menschen, er besuchte dann mehrere Werksttten, um in ihnen
zu arbeiten, er ging in verschiedene Lnder, um sich mit seinen Hnden
sein Brot zu verdienen und dann die Art kennenzulernen, wie berall das
Geschft betrieben wird. Unterrichtet kehrte er wieder in unsere Stadt
zurck und arbeitete in einer ansehnlichen Lederei. Dort zeichnete er
sich durch seine Kenntnisse aus, er ward endlich Werkfhrer, und der
Herr des Gewerbes vertraute ihm mehrere Geschfte an und bertrug ihm
die Ausfhrung mancher Versuche zu neuen Bereitungen. Dabei versuchte
sich der Urgrovater in kleinen Handelsgeschften, er kaufte mit
geringen Mitteln Rohstoffe und verkaufte sie wieder. So erwarb er sich
ein kleines Vermgen. Da er schon an Jahren zunahm, kaufte er sich in
der entfernten Vorstadt einen groen Garten, an den noch unbentzte
Grnde stieen. Er baute auf diesem Grunde eine Werksttte und ein
Huschen, heiratete ein armes Mdchen und trieb nun als eigener Herr
sein Gewerbe und seine Handelschaft. Er brachte es vorwrts und starb
als ein geachteter, bei den Geschftsleuten angesehener Mann. Er hatte
einen einzigen Sohn, meinen Grovater.

Der Grovater trieb das Geschft seines Vaters fort. Er dehnte es noch
weiter aus. Er baute ein groes Haus am Rande des Gartens, da die
Fenster dahin gingen, wo in Zukunft eine Strae mit Husern sein wrde.
Rckwrts des Hauses baute er die Werksttten und Aufbewahrungspltze.
Der Grovater war berhaupt ein Freund des Bauens. Er baute auer dem
Hause noch einen groen Hof, der zu weiteren Werksttten und zu
verschiedenen Teilen unseres Geschftes bentzt wurde. Die den Grnde
neben unserm Garten verkaufte er, und weil die Stadt einen groen
Aufschwung nahm, so waren diese Grnde sehr teuer. Den Garten umgab er
mit einer Mauer, die wieder regelmige Unterbrechungen mit Eisengittern
hatte. Er brachte das Geschft sehr empor und legte die groen
Kaufgewlbe an, in welchen die Waren, die wir selbst erzeugten, und die,
mit welchen wir Handelschaft trieben, niedergelegt wurden. Der Grovater
hatte wieder nur einen Sohn, der das Gewerbe weiterfhrte, meinen und
meines Bruders Vater.

Der Vater baute nun noch die Trockenbden auf das Stockwerk der
Werksttte, er baute an das Haus einen kleinen Flgel gegen den Garten
und baute ein Gewchshaus. Zu seiner Zeit war schon vor den Fenstern des
Hauptgebudes eine Strae entstanden, welche mit Husern gesumt, mit
Steinen gepflastert und von Gehenden und Fahrenden besetzt war. Ich
erinnere mich noch aus meiner Kindheit, da unser Haus sehr gro und
gerumig war, da es viele Hfe und Fcher hatte, die zur Betreibung des
Gewerbes dienten. Am liebsten erinnere ich mich noch des schnen
Gartens, in dem Bume und Blumen, Kruter und Gemse standen. In den
Rumen der Gebude und der Hfe gingen die von ihrer Arbeit in ihren
Leinenkleidern fast gelbbraun gefrbten Gesellen herum, in dem groen
Gewlbe zu ebener Erde und in den zwei kleinen daranstoenden lagen
Lederballen aufgetrmt, auf den Stangen des Trockenbodens hingen Hute,
und in den groen Austeilzimmern wurden sie gesondert und geordnet. In
dem Verkaufsgewlbe lagen sie zierlich in den Fchern. Im Rinderstalle
standen Khe, im Pferdestalle waren sechs Pferde und in dem
Wagenbehltnis Kutschen und Wagen; ich erinnere mich sogar noch auf den
groen, schwarzen Hund Hassan, der im groen Hofe war und bei dem Tore
desselben jedermann hineinlie, aber niemand hinaus.

Unser Vater war ein groer, starker Mann, der in den weitlufigen
Rumen des Hauses herumging, alles besah und alles anordnete. Er ging
fast nie aus dem Hause, auer wenn er Geschfte hatte oder in die Kirche
ging; und wenn er zu Hause war und nicht eben bei der Arbeit nachsah, so
sa er an dem Schreibtische und schrieb. fter wurde er auch in dem
Garten gesehen, wie er mit den Hnden auf dem Rcken dahinging, oder wie
er so dastand und auf einen Baum hinaufsah, oder wie er die Wolken
betrachtete. Er hatte eine Freude an der Obstzucht, hatte einen eigenen
Grtner hierfr genommen und hatte Pfropfreiser aus allen Gegenden
Europas verschrieben. Er war gegen seine Leute sehr gut, er hielt sie
ausreichend, sah, da einem jeden sein Teil werde, da er aber auch tue,
was ihm obliege. Wenn einer krank war, ging er selber zu seinem Bette,
fragte ihn, wie er sich befinde, und reichte ihm oft selber die Arznei.
Er hatte im Hause nur den allgemeinen Namen Vater. Dem Prunke war er
abgeneigt, da er eher zu schlicht und unscheinbar daherging als zu
ansehnlich, seine Wohnung war einfach, und wenn er in einem Wagen
ausfuhr, so mute es ein sehr brgerlich aussehender sein.

Wir waren zwei Brder, Zwillinge, und die Mutter hatte bei unserer
Geburt ihr Leben verloren. Der Vater hatte sie sehr hoch geehrt und
daher keine Frau mehr genommen; denn er hat sie nie vergessen knnen.
Weil auf der Gasse zuviel Lrm war, wurden wir in den hintern Flgel
gegen den Garten getan, den der Vater an das Haus angebaut hatte. Es war
eine groe Stube, in der wir waren, die Fenster gingen gegen den Garten
hinaus, die Stube war durch einen langen Gang von der brigen Wohnung
getrennt, und damit wir nicht bei jedem Ausgange durch den vordern Teil
des Hauses gehen muten, lie der Vater in dem Gartenflgel eine Treppe
bauen, auf welcher man unmittelbar in den Garten und von ihm ins Freie
gelangen konnte.

Nach dem Tode der Mutter hatte der Vater die Leitung des Hauswesens
einer Dienerin anvertraut, welche schon bei der Mutter, ehe sie Braut
wurde, in Diensten gestanden und gleichsam ihre Erzieherin gewesen war.
Die Mutter hatte sie auf ihrem Totenbette dem Vater empfohlen. Sie hie
Luise. Sie fhrte ber alles die Leitung und Aufsicht, was die Speise
und den Trank betraf, was sich auf die Wsche, auf die Geschirre, auf
die Gerte des Hauses, auf Reinigung der Treppen und Stuben, auf
Beheizung und Lftung bezog, kurz ber alles, was das innere Hauswesen
anbelangt. Sie stand an der Spitze der Mgde. Sie besorgte auch die
Bedrfnisse von uns beiden Knaben.

Da wir grer geworden waren, bekamen wir einen Lehrer, der bei uns in
dem Hause wohnte. Es wurden ihm zwei schne Zimmer hergerichtet, die
sich neben unserer Stube befanden und mit dieser Stube den ganzen
hinteren Teil des Flgels ausmachten, der den Namen Gartenflgel fhrte.
Wir lernten von ihm, was alle Kinder zu Anfang ihres Lernens vornehmen
mssen: Buchstaben kennen, Lesen, Rechnen, Schreiben. Der Bruder war
viel geschickter als ich, er konnte sich die Buchstaben merken, er
konnte sie zu Silben verbinden, er konnte deutlich und in Abstzen
lesen, ihm kam in der Rechnung immer die rechte Zahl, und seine
Buchstaben standen in der Schrift gleich und auf der nmlichen Linie.
Bei mir war das anders. Die Buchstabennamen wollten mir nicht einfallen,
dann konnte ich die Silbe nicht sagen, die sie mir vorstellten, und beim
Lesen waren die groen Wrter sehr schwer, und es war eine Pein, wenn
sehr lange kein Beistrich erschien. In der Rechnung befolgte ich die
Regeln, aber es standen am Ende meistens ganz andere Zahlen da, als
herauskommen muten. Bei dem Schreiben hielt ich die Feder sehr genau,
sah fest auf die Linie, fuhr gleichmig auf und nieder, und doch
standen die Buchstaben nicht gleich, sie senkten sich unter die Linie,
sie sahen nach verschiedenen Richtungen, und die Feder konnte keinen
Haarstrich machen. Der Lehrer war sehr eifrig, der Bruder zeigte mir
auch vieles, bis ich die Sache machen konnte. Wir hatten in der Stube
einen groen eichenen Tisch, auf welchem wir lernten. An jeder der zwei
Langseiten des Tisches waren mehrere Fcher angebracht, die
herauszuziehen waren, wovon die eine Reihe dem Bruder diente, seine
Schulsachen hineinzulegen, die andere mir. In jeder der hintern Ecke der
Stube stand ein Bett und neben dem Bette ein Nachttischchen. Die Tr
unseres Zimmers stand nachts in das Schlafzimmer des Lehrers offen.

Wir gingen sehr hufig in den Garten und beschftigten uns dort. Wir
fuhren oft mit unseren Schimmeln durch die Stadt, wir fuhren auch auf
das Land oder sonst irgendwo herum, und der Lehrer sa immer bei uns in
dem Wagen. Wir gingen mit ihm auch aus, wir gingen entweder auf einer
Bastei der Stadtmauer oder in einer Allee spazieren, und wenn etwas
Besonderes in der Stadt ankam, das sehenswrdig war, und es der Vater
erlaubte, so gingen wir mit ihm hin, es zu sehen.

Als wir in den Gegenstnden der unteren Schulen gut unterrichtet waren,
kamen die Gegenstnde der lateinischen Schule an die Reihe, und der
Lehrer sagte uns, da wir aus ihnen vor dem Direktor und vor den
Professoren werden Prfungen ablegen mssen. Wir lernten die lateinische
und griechische Sprache, wir lernten die Naturgeschichte und
Erdbeschreibung, das Rechnen, die schriftlichen Aufstze und andere
Dinge. In der Religion wurden wir von dem wrdigen Kaplane unserer
Pfarrkirche in unserm Hause unterrichtet, und der Vater ging uns in
religisen und sittlichen Dingen mit einem guten Beispiel voran. Aber
wie es in dem frheren Unterrichte gewesen war, so war es hier auch
wieder. Der Bruder lernte alles recht gut, er machte seine Aufgaben gut,
er konnte das Lateinische und Griechische deutsch sagen, er konnte die
Buchstabenrechnungen machen, und seine Briefe und Aufstze waren, als
htte sie ein erwachsener Mensch geschrieben. Ich konnte das nicht. Ich
war zwar auch recht fleiig, und im Anfange eines jeden Dinges ging es
nicht bel, ich verstand es und konnte es sagen und machen; aber wenn
wir weiter vorrckten, entstand eine Verwirrung, die Sachen kreuzten
sich, ich konnte mich nicht zurechtfinden und hatte keine Einsicht. In
den bertragungen aus der deutschen Sprache befolgte ich alle Regeln
sehr genau, aber da waren immer bei einem Worte mehrere Regeln, die sich
widersprachen, und wenn die Arbeit fertig war, so war sie voll Fehler.
Ebenso ging es bei den bertragungen in das Deutsche. Es standen in dem
lateinischen oder griechischen Buche immer so fremde Worte, die sich
nicht fgen wollten, und wenn ich sie in dem Wrterbuche aufschlug,
waren sie nicht darin, und die Regeln, die wir in unserer Sprachlehre
lernten, waren in den griechischen und lateinischen Bchern nicht
befolgt. Am besten ging es noch in zwei Nebengegenstnden, die der Vater
zu lernen befohlen hatte, weil wir sie in unserer Zukunft brauchen
knnten, in der franzsischen und italienischen Sprache, fr welche in
jeder Woche zweimal ein Lehrer in das Haus kam. Der Bruder und unser
Lehrer nahmen sich meiner sehr an und suchten mir beizustehen. Aber da
die Prfungen kamen, gengte ich nicht, und meine Zeugnisse waren nicht
gut.

So vergingen mehrere Jahre. Da die Zeit vorber war, welche der Vater
zur Erlernung dieser Dinge bestimmt hatte, sagte er, da wir jetzt unser
Gewerbe lernen mten, das er uns nach seinem Tode bergeben wrde, und
das wir gemeinsam so ehrenwert und ansehnlich fortzufhren htten, wie
es unsere Vorfahren getan htten. Er sagte, wir mten auf die nmliche
Weise unterrichtet werden wie unsere Voreltern, damit wir auf die
nmliche Weise zu handeln verstnden wie sie. Wir mten alle Handgriffe
und Kenntnisse unseres Geschftes von unten hinauf lernen, wir mten
zuerst arbeiten knnen wie jeder gute und der beste Arbeiter in unserm
Handwerke, damit wir den Arbeiter und die Arbeit beurteilen knnten,
damit wir wten, wie die Arbeiter behandelt werden sollen, und damit
wir von den Arbeitern geachtet wrden. Dann erst sollten wir zur
Erlernung der weiteren in der Handelschaft ntigen Dinge bergehen.

Der Vater wollte, da wir auch so leben sollten, wie unsere Arbeiter
lebten, da wir ihre Lage verstnden und ihnen nicht fremd wren. Er
wollte daher, da wir mit ihnen essen, wohnen und schlafen sollten.
Unser bisheriger Lehrer verlie uns, indem er jedem von uns ein Buch zum
Andenken hinterlie, wir zogen aus der Studierstube fort und gingen in
die Arbeiterwohnung hinber.

Der Vater hatte den besten Gesellen unseres Geschftes, der zugleich
Werkfhrer war, zu unserm Lehrmeister bestimmt und uns berhaupt seiner
Aufsicht bergeben. Wir bekamen jeder unsern Platz in seiner Werksttte,
waren mit dem Handwerkzeuge versehen und muten beginnen, wie jeder
Lehrling. Zum Speisen kamen wir an den nmlichen Tisch, an dem alle
unsere Arbeiter saen, aber wir kamen an die untersten Pltze, wo sich
die Lehrlinge befanden. Als Schlafgemach hatten wir auch das der
Lehrlinge, an welches das Schlafzimmer des Werkfhrers stie, der der
einzige war, welcher ein eigenes Zimmer zum Schlafen hatte. Deshalb
mute er immer nicht nur ein sehr geschickter Arbeiter sein, sondern
auch durch Rechtlichkeit, Sitte und Lebenswandel sich auszeichnen. Ein
anderer wurde in unserm Hause zu dieser Stelle gar nicht genommen. Er
hatte die besondere Aufsicht ber die Lehrlinge, weil diese noch einer
Erziehung bedurften. Zum Lager erhielten wir ein Bett wie die Lehrlinge
und zur Bekleidung hatten wir das Kleid aller unserer Arbeiter.

So begann die Sache. Aber auch hier war es genau wieder so, wie es in
allen vorhergegangenen Dingen gewesen war. Der Bruder arbeitete schnell
und seine Arbeitsstcke waren schn. Ich machte es genau so, wie der
Lehrmeister es angab, aber meine Stcke wurden nicht so, wie sie sein
muten und wurden nicht so schn wie die meines Bruders. Ich war aber
auerordentlich fleiig. Des Abends saen wir oft in der groen
Gesprchstube der Arbeiter und hrten ihren Reden zu. Es kamen auch bse
Beispiele von Arbeitern vor, aber sie sollten uns nicht verlocken,
sondern sie sollten uns befestigen und einen Abscheu einflen. Der
Vater sagte, wer leben soll, mu das Leben kennen, das Gute und das Bse
davon, mu aber von dem letzteren nicht angegriffen, sondern gestrkt
werden. An solchen Abenden holte ich den Arbeitern gern Dinge, um welche
sie mich schickten, Wein, Kse und andere Gegenstnde. Sie hatten mich
deshalb auch sehr lieb.

Wenn wir in einer Werksttte unterrichtet waren und die Sachen machen
konnten, kamen wir in eine andere, bis wir endlich freigesprochen wurden
und als Lehrlinge in die Handelschaft traten. Als wir auch da fertig
waren, kamen wir in die Schreibstube zu den Schreibereien unseres
Geschftes.

Da endlich nach geraumer Zeit unsere Lehrjahre vorber waren, kamen wir
in das Zimmer der Shne vom Hause und erhielten die einfachen Kleider,
wie sie unser Vater zu tragen pflegte.

Nicht lange nach der Zeit der Vollendung der Lehre, und da der Bruder
schon berall zu den Geschften beigezogen wurde, erkrankte der Vater.
Er erkrankte nicht so ernstlich, da eine Gefahr zu befrchten gewesen
wre, so wie er auch nicht in dem Bette liegen mute, aber seine starke
Gestalt nahm ab, sie wurde leichter, er ging viel in dem Hause und in
dem Garten herum und nahm sich nicht mehr so um die Geschfte an, wie es
frher seine Gewohnheit und seine Freude gewesen war.

Der Bruder nahm sich um die Fhrung des Gewerbes an, ich brauchte mich
nicht einzumischen, und der Vater blieb endlich den grten Teil des
Tages, wenn er nicht eben in dem Garten war, in seinem Wohnzimmer.

Um jene Zeit tat ich die Bitte, da man erlauben mge, da ich wieder
unsere alte Studierstube beziehen und dort wohnen drfe. Man gewhrte
die Bitte, und ich schaffte meine Habseligkeiten durch den langen Gang
in die Stube. Weil der Vater in dem Geschfte keine Anordnungen und
keine Befehle erteilte, und weil mir der Bruder keine Arbeit auftrug,
hatte ich Mue, zu tun, was ich wollte. Da man mir damals, als ich in
unsern Lehrgegenstnden keine gengenden Zeugnisse erhalten hatte,
keinen Vorwurf gemacht hatte, so beschlo ich, jetzt alles nachzuholen
und alles so zu lernen, wie es sich gebhrte. Ich nahm ein Buch aus der
Lade, setzte mich dazu und las den Anfang. Ich verstand alles und lernte
es und merkte es mir. Am andern Tage wiederholte ich das, was ich an den
vorigen Tagen gelernt hatte, versuchte, ob ich es noch wisse, und lernte
ein neues Stck dazu. Ich gab mir nur weniges zur Aufgabe, aber ich
suchte es zu verstehen und es grndlich in meinem Gedchtnisse
aufzubewahren. Ich gab mir auch Aufgaben zur Ausarbeitung und sie
gelangen. Ich suchte die Aufgaben hervor, welche uns damals von unserm
Lehrer gegeben worden waren, machte sie noch einmal und machte jetzt
keinen Fehler. Wie ich es mit dem einen Buche gemacht hatte, machte ich
es auch mit den andern. Ich lernte sehr fleiig, und nach und nach war
ich schier den ganzen Tag in der Stube beschftigt. Wenn ich eine freie
Zeit hatte, so sa ich gern nieder, nahm das Buch in die Hand, welches
mir mein Lehrer zum Angedenken gegeben hatte, und dachte an den Mann,
der damals bei uns gewesen war.

In der Stube war alles geblieben, wie es einst gewesen war. Der groe
eichene Tisch stand noch in der Mitte, er hatte noch die Male, die wir
entweder absichtlich mit dem Messer oder zufllig mit andern Werkzeugen
in sein Holz gebracht hatten, er zeigte noch die vertrockneten
Tintenbche, welche entstanden waren, wenn mit dem Tintengef ein
Unglck geschehen war und wenn mit allem Waschen und Reiben keine
Abhilfe mehr gebracht werden konnte. Ich zog die Fcher heraus. Da lagen
noch in den meinigen meine Lehrbcher mit dem Rtel- oder
Bleifederzeichen in ihrem Innern, wie weit wir zu lernen htten; es
lagen noch die Papierhefte darinnen, in welchen die Ausarbeitungen
unserer Aufgaben geschrieben waren, und es leuchteten die mit roter
Tinte gemachten Striche des Lehrers hervor, die unsere Fehler
bedeuteten; es lagen noch die veralteten, bestaubten Federn und
Bleistifte darinnen. Ebenso war es in den Fchern des Bruders. Auch in
ihnen lagen seine alten Lerngerte in bester Ordnung beisammen. Ich
lernte jetzt an demselben Tische meine Aufgaben, an welchem ich sie vor
ziemlich vielen Jahren gelernt hatte. Ich schlief in dem nmlichen Bette
und hatte das Nachttischchen mit dem Licht daneben. Das Bett des Bruders
aber blieb leer und war immer zugedeckt. In den zwei Zimmern, in welchen
damals der Lehrer gewohnt hatte, hatte ich einige Ksten mit Kleidern
und andern Sachen; sonst waren sie auch unbewohnt und hatten nur noch
die alten Gerte. So war ich der einzige Bewohner des hintern
Gartenflgels, und dieser Zustand dauerte mehrere Jahre.

Pltzlich starb unser Vater. Mein Schreck war frchterlich. Kein Mensch
hatte geglaubt, da es so nahe sei und da es berhaupt eine Gefahr
geben knnte. Er hatte sich zwar in der letzten Zeit immer mehr
zurckgezogen, seine Gestalt war etwas verfallen, auch brachte er oft
mehrere Tage in dem Bette zu; allein wir hatten uns an diesen Zustand so
gewhnt, da er uns zuletzt auch als ein regelmiger erschien. Jeder
Hausbewohner sah ihn als den Vater an; der Vater gehrte so notwendig zu
dem Hause, da man sich seinen Abgang nicht denken konnte, und ich habe
mir wirklich nie gedacht, da er sterben knnte und da er so krank sei.
In dem ersten Augenblick war alles in Verwirrung, dann aber wurden die
Leichenvorbereitungen gemacht. Mit seinem Leichenzuge gingen alle Armen
des Stadtbezirkes, es gingen die Mnner seines Geschftes mit, seine
Freunde, viele Fremde, die Arbeiter seines Hauses und seine zwei Shne.
Es wurden sehr viele Trnen geweint, wie man um wenige Menschen des
Landes weint, und die Leute sagten, da ein vortrefflicher Mann, ein
auserlesener Brger und ein ehrenvoller Geschftsmann begraben worden
sei. Nach einigen Tagen wurde das Testament erffnet und in demselben
stand, da wir beiden Brder als Erben eingesetzt seien und uns das
Geschft gemeinschaftlich zugefallen sei.

Der Bruder sagte mir nach einiger Zeit, da die ganze Last des
Geschftes nun auf unsern Schultern liege, und ich erffnete ihm nun
hierbei, da ich das Lateinische, Griechische, die Naturgeschichte, die
Erdbeschreibung und die Rechenkunst, worin ich damals, als wir
unterrichtet wurden, geringe Fortschritte gemacht hatte, nachgelernt
htte, und da ich jetzt beinahe vollkommen in diesen Dingen bewandert
wre. Er aber antwortete mir, da Lateinisch, Griechisch und die brigen
Fcher zu unserm Berufe nicht geradehin notwendig seien, und da ich zu
spt diese Mhe verwendet htte. Ich erwiderte ihm, da ich, so wie ich
diese Lernfcher nachgelernt htte, ich auch alle die Arbeiten und
Kenntnisse, die zu unserm Geschfte unmittelbar notwendig wren,
allmhlich nachlernen wrde. Hierauf sagte er wieder, da, wenn das
Geschft auf mich warten mte, ich zu einer Zeit fertig werden wrde,
wenn es bereits zugrunde gegangen wre. Er versprach aber, da er sich
so annehmen werde, wie es in seinen Krften mglich sei, und da er mir
berlasse zu tun, wie es mir gefalle, da ich Einsicht nehmen knne, da
ich mithelfen knne, da ich noch lernen knne, und da mein Teil mir
aber in jedem Falle unverkmmert bewahrt werden solle.

Ich ging wieder in die Studierstube zurck, mischte mich in die
Geschfte nicht, weil ich sie wohl nicht verstand, und er lie mich
dort. Ja, er schickte mir sogar bessere Gerte und versah mich mit
mehreren Bequemlichkeiten, da der Aufenthalt in der Stube mir nicht
unangenehm wrde. Nach einiger Zeit erschien er mit dem Rechtsanwalte
unseres Hauses, mit Personen des Gerichtes und mit Zeugen, welche
Freunde unsers Vaters gewesen waren, und gab mir ein gerichtliches
Papier, auf welchem verzeichnet war, was ich fr Ansprche an die
Erbschaft habe, welcher mein Teil sei, und was mir in der Zukunft
gebhre. Der Bruder, die Zeugen und ich unterschrieben die Schrift.

Ich fuhr nun mit dem Lernen fort; der Bruder leitete den ganzen Umfang
des Geschftes. Nach einem Vierteljahre brachte er mir eine Summe Geldes
und sagte, das seien die Zinsen, welche mir von meinem Anteile an der
Erbschaft, der in dem Gewerbe ttig sei, gebhren. Er sagte, da er mir
alle Vierteljahre diese Summe einhndigen werde. Er fragte mich, ob ich
zufrieden sei, und ich antwortete, da ich sehr zufrieden sei.

Nachdem so wieder eine Zeit vergangen war, stellte er mir einmal vor,
da mein Lernen doch zu etwas fhren msse, und er fragte mich, ob ich
nicht geneigt wre, zu einem der gelehrten Stnde hinzuarbeiten, zu
denen die Dinge, mit welchen ich mich jetzt beschftige, die Vorarbeit
seien. Als ich ihm antwortete, da ich nie darber nachgedacht habe und
da ich nicht wisse, welcher Stand sich fr mich ziemen knnte, sagte
er, das sei jetzt auch nicht notwendig, ich mchte nur aus den
Kenntnissen, die ich mir jetzt erworben htte, nach und nach die
Prfungen ablegen, damit ich beglaubigte Schriften ber meine
Anwartschaft in den Hnden htte, ich mchte mir die fehlenden
Wissenschaften noch zu erwerben trachten und mich ber sie gleichfalls
Prfungen unterziehen, und wenn dann der Zeitpunkt gekommen wre, mich
fr einen besonderen Stand zu entscheiden, htte ich wieder mehr
Erfahrungen gesammelt und sei dann leichter in der Lage, mich zu
bestimmen, wohin ich mich zu wenden htte.

Mir gefiel der Vorschlag recht gut, und ich sagte zu. Nach einiger Zeit
machte ich die ersten Prfungen aus den unteren Fchern, und sie fielen
auerordentlich gut aus. Dies machte mir Mut, und ich ging mit Eifer an
die Erlernung der weiteren Kenntnisse. Mir zitterte innerlich das Herz
vor Freude, da ich einmal einem jener Stnde, die ich immer mit so
vieler Ehrfurcht betrachtet hatte, die der Welt mit ihren Wissenschaften
und mit ihrer Geschicklichkeit dienen, angehren sollte. Ich arbeitete
sehr fleiig, ich kargte mir die Zeit ab, ich kam wenig in die andern
Rume des Hauses hinber, und nachdem wieder eine Zeit vergangen war,
konnte ich abermals eine Prfung mit gutem Erfolge ablegen.

So war ich vollstndig ein Bewohner des hinteren Gartenflgels
geworden, durfte es bleiben und konnte mich mit gutem Gewissen meinen
Bestrebungen hingeben.

An unsern hinteren Gartenteil stie ein zweiter Garten, der aber
eigentlich kein Garten war, sondern mehr ein Anger, auf dem hie und da
ein Baum stand, den niemand pflegte. Hart an einem Eisengitter unseres
Gartens ging der Weg vorber, der in dem fremden Garten war. Ich sah in
jenem Garten immer sehr schne, weie Tcher und andere Wsche auf
langen Schnren aufgehngt. Ich blickte oft teils aus meinen Fenstern,
teils durch das Eisengitter, wenn ich eben in dem Garten war, darauf
hin. Wenn sie trocken waren, wurden sie in einen Korb gesammelt, whrend
eine Frau dabeistand und es anordnete. Dann wurden wieder nasse
aufgehngt, nachdem die Frau die zwischen Pflcken gespannten Schnre
mit einem Tuche abgewischt hatte. Diese Frau war eine Witwe. Ihr Gatte
hatte ein Amt gehabt, das ihn gut nhrte. Kurz nach seinem Tode war auch
sein alter, gtiger Herr gestorben, und der Sohn desselben hatte ein so
hartes Herz, da er der Witwe nur so viel gab, da sie nicht gerade
verhungerte. Sie mietete daher das Grtchen, das an unsern Garten stie,
sie mietete auch das kleine Huschen, welches in dem Garten stand. Mit
dem Gelde, das ihr ihr Gatte hinterlassen hatte, richtete sie nun das
Huschen und den Garten dazu ein, da sie fr die Leute, welche ihr das
Vertrauen schenken wrden, Wsche besorgte, feine und jede andere. Sie
lie in dem Huschen Kessel einmauern und andere Vorrichtungen machen,
um die Wsche zu sieden und die Laugen zu bereiten. Sie lie Waschstuben
herrichten, sie bereitete Orte, wo geglttet und gefaltet wurde, und fr
Zeiten des schlechten Wetters und des Winters lie sie einen
Trockenboden auffhren. In dem Garten lie sie Pflcke in gleichen
Entfernungen voneinander einschlagen, an den Pflcken Ringe befestigen
und durch die Ringe Schnre ziehen, welche oft gewechselt wurden. Hinter
dem Huschen ging ein Bach vorber, welcher die Witwe verleitet hatte,
hier ihre Waschanstalt zu errichten. Von dem Bache fhrten Pumprinnen in
die Kessel, und ber dem Wasser des Baches war eine Waschhtte erbaut.
Die Frau hatte viele Mgde genommen, welche arbeiten und die Sache
gehrig bereiten muten, sie stand dabei, ordnete an, zeigte, wie alles
richtig zu tun sei, und da sie die Wsche nicht mit Brsten und groben
Dingen behandeln lie und darauf sah, da sie sehr wei sei und da das
Schlechte ausgebessert wurde, so bekam sie sehr viele Kundschaften, sie
mute ihre Anstalt erweitern und mehr Arbeiterinnen nehmen, und nicht
selten kam manche vornehme Frau und sa mit ihr unter dem groen
Birnbaume des Gartens.

Diese Frau hatte auch ein Tchterlein, ein Kind, nein, es war doch kein
Kind mehr -- ich wute eigentlich damals nicht, ob es noch ein Kind sei
oder nicht. Das Tchterlein hatte sehr feine rote Wangen, es hatte feine
rote Lippen, unschuldige Augen, die braun waren und freundlich um sich
schauten. ber den Augen hatte es Lider, die gro und sanft waren, und
von denen lange Wimpern niedergingen, die zart und sittsam aussahen. Die
dunkeln Haare waren von der Mutter glatt und rein gescheitelt und lagen
schn an dem Haupte. Das Mdchen trug manchmal ein lngliches Krbchen
von feinem Rohre; ber dem Krbchen war ein weies, sehr feines Tuch
gespannt, und in dem Krbchen mochte ganz auserlesene Wsche liegen,
welche das Kind zu einer oder der andern Frau zu tragen hatte.

Ich sah es gar so gern an. Manchmal stand ich an dem Fenster und sah
auf den Garten hinber, in welchem immer ohne Unterbrechung, auer wenn
es Nacht wurde oder schlechtes Wetter kam, Wsche an den Schnren hing,
und ich hatte die weien Dinge sehr lieb. Da kam zuweilen das Mdchen
heraus, ging auf dem Anger hin und wieder und hatte mancherlei zu tun,
oder ich sah es, obwohl das Huschen sehr unter Zweigen versteckt war,
an dem Fenster stehen und lernen. Ich wute bald auch die Zeit, an
welcher es die Wsche forttrug, und da ging ich manchmal in den Garten
hinunter und stand an dem eisernen Gitter. Da der Weg an dem Gitter
vorberging, mute das Mdchen an mir vorbeikommen. Es wute recht wohl,
da ich dastehe; denn es schmte sich immer und nahm sich im Gange
zusammen.

Eines Tages, da ich die Wschetrgerin von ferne kommen sah, legte ich
schnell einen sehr schnen Pfirsich, den ich zu diesem Zwecke schon
vorher gepflckt hatte, durch die ffnung der Gitterstbe hinaus auf
ihren Weg und ging in das Gebsch. Ich ging so tief hinein, da ich sie
nicht sehen konnte. Als schon so viele Zeit vergangen war, da sie lange
vorber gekommen sein mute, ging ich wieder hervor; allein der Pfirsich
lag noch auf dem Wege. Ich wartete nun die Zeit ab, wann sie wieder
zurckkommen wrde. Aber da sie schon zurckgekommen war und ich
nachsah, lag der Pfirsich noch auf dem Wege. Ich nahm ihn wieder herein.
Das nmliche geschah nach einer Zeit noch einmal. Beim dritten Male
blieb ich stehen, als der Pfirsich mit seiner sanften, roten Wange auf
dem Sande lag, und sagte, da sie in die Nhe kam: 'Nimm ihn.' Sie
blickte mich an, zgerte ein Weilchen, bckte sich dann und nahm die
Frucht. Ich wei nicht mehr, wo sie dieselbe hingesteckt hatte, aber das
wei ich gewi, da sie sie genommen hatte. Nach Verlauf von einiger
Zeit tat ich dasselbe wieder, und sie nahm wieder die Frucht. So geschah
es mehrere Male, und endlich reichte ich ihr den Pfirsich mit der Hand
durch das Gitter.

Zuletzt kamen wir auch zum Sprechen. Was wir gesprochen haben, wei ich
nicht mehr. Es mu gewhnliches Ding gewesen sein. Wir nahmen uns auch
bei den Hnden.

Mit der Zeit konnte ich nicht mehr erwarten, wenn sie mit dem Krbchen
kam. Ich stand allemal an dem Gitter. Sie blieb stehen, wenn sie zu mir
gekommen war, und wir redeten miteinander. Einmal bat ich sie, mir die
Dinge in dem Krbchen zu zeigen. Sie zog den linnenen Deckel mit kleinen
Schnrchen auseinander und zeigte mir die Sachen. Da lagen Krausen,
feine rmel und andere geglttete Dinge. Sie nannte mir die Namen, und
als ich sagte, wie schn das sei, erwiderte sie: 'Die Wsche gehrt
einer alten Grfin, einer vornehmen Frau, ich mu sie ihr immer selber
hintragen, da ihr nichts geschieht, weil sie so schn ist.' Da ich
wieder sagte: 'Ja, das ist schn, das ist auerordentlich schn,'
antwortete sie: 'Freilich ist es schn; meine Mutter sagt: die Wsche
ist nach dem Silber das erste Gut in einem Hause, sie ist auch feines
weies Silber und kann, wenn sie unrein ist, immer wieder zu feinem
weien Silber gereinigt werden. Sie gibt unser vornehmstes und nchstes
Kleid. Darum hat die Mutter auch so viele Wsche gesammelt, da wir nach
dem Tode des Vaters genug hatten, und darum hat sie auch die Reinigung
der Wsche fr andere Leute bernommen und lt nicht zu, da sie mit
rauhen und unrechten Dingen angefat werde. Das Gold ist zwar auch
kostbar, aber es ist kein Hausgert mehr, sondern nur ein Schmuck.' Ich
erinnerte mich bei diesen Worten wirklich, da ich an dem Krper der
Sprechenden immer am Rande des Halses oder an den rmeln die feinste
weie Wsche gesehen hatte, und da ihre Mutter immer eine schneeweie
Haube mit feiner Krause um das Angesicht trug.

Von diesem Augenblicke an begann ich von dem Gelde, welches mir der
Bruder alle Vierteljahre zustellte, sehr schne Wsche, wie die der
vornehmen Grfin war, anzuschaffen und mir alle Arten silberne
Hausgerte zu kaufen.

Einmal, da wir so beieinander standen, kam die Mutter in der Nhe
vorber und rief: 'Johanna, schme dich.' Wir schmten uns wirklich und
liefen auseinander. Mir brannten die Wangen vor Scham, und ich wre
erschrocken, wenn mir jemand im Garten begegnet wre.

Von der Zeit an sahen wir uns nicht mehr an dem Gitter. Ich ging
jedesmal in den Garten, wenn sie vorberkam, aber ich blieb in dem
Gebsche, da sie mich nicht sehen konnte. Sie ging mit gerteten Wangen
und niedergeschlagenen Augen vorber.

Ich lie nun in die zwei Zimmer, die an meine Wohnstube stieen, Ksten
stellen, von denen ich die oberen Fcher hatte schmal machen lassen, in
welche ich das Silber hineinlegte, die unteren aber breit, in welche ich
die Wsche tat. Ich legte das Zusammengehrige zusammen und umwand es
mit rotseidenen Bndern.

Nach geraumer Zeit sah ich das Mdchen lange nicht an dem eisernen
Gitter vorbergehen, ich getraute mir nicht zu fragen, und als ich
endlich doch fragte, erfuhr ich, da es in eine andere Stadt gegeben
worden sei, und da es die Braut eines fernen Anverwandten werden wrde.

Ich meinte damals, da ich mir die Seele aus dem Krper weinen msse.

Aber nach einer Zeit ereignete sich etwas Furchtbares. Mein Bruder
hatte einen groen Wechsler, der ihm stets auf Treu und Glauben das Geld
fr laufende Ausgaben bis zu einer festgesetzten Summe lieferte, um sich
nach Umstnden immer wieder auszugleichen. Ich wei es nicht, haben
andere Leute meinem Bruder den Glauben untergraben oder hat der Wechsler
selber, weil zwei Handelschaften, die uns bedeutend schuldeten, gefallen
waren und uns um unsern Reichtum brachten, Mitrauen geschpft: er
weigerte sich fortan die Wechsel unseres Hauses zu zahlen. Der Bruder
sollte mehrere mit Summen decken, und es fehlte hinlngliches bares Geld
dazu. Die Freunde, an welche er sich wendete, schpften selber
Mitrauen, und so kam es, da die Wechselglubiger Klage anstellten, da
unser Haus, unsere andern Besitzungen und unsere Waren abgeschtzt
wurden, ob sie hinreichten, ohne da man an unsere ausstehenden
Forderungen zu greifen htte. Da nun dies bekannt wurde, kamen alle,
welche eine Forderung hatten, und wollten sie erfllt haben; aber die,
welche uns schuldeten, kamen nicht. Der Bruder wollte mir nichts
entdecken, damit ich mich nicht krnkte, er gedachte es noch
vorberzufhren. Allein da der Verkauf unseres Hauses zu sofortiger
Deckung der Wechselschulden angeordnet wurde, konnte er es mir nicht
mehr verbergen. Er kam auf meine Stube und sagte mir alles. Ich gab ihm
das Geld, das ich hatte; denn meine Bedrfnisse waren sehr gering
gewesen, und ich hatte einen groen Teil meiner Einknfte ersparen
knnen. Ich ffnete die schmalen oberen Fcher meiner Ksten und legte
alles mein Silber auf unsern eichenen Lerntisch heraus und bot es ihm
an. Er sagte, da das nicht reiche, um das Haus und das Geschft zu
retten, und er weigerte sich, es anzunehmen. Auch das Gericht machte
keine Forderung an mich, aber ich konnte es nicht leiden, da mein
Bruder etwas unerfllt liee und sein Gewissen belastete, ich tat daher
alles zu den andern Werten. Es reichte zusammen hin, da allen
Glubigern ihre Forderungen ausgezahlt und sie bis auf das genaueste
befriedigt werden konnten. Allein unser schnes Haus mit seinem hinteren
Flgel und unser schner Garten waren verloren.

Ich wei nicht, welche andere Schlge noch kamen; aber auch die
Aussicht, mit dem ausstehenden Gelde noch ein kleines Geschft
einzuleiten und uns nach und nach wieder emporzuschwingen, war in kurzer
Zeit vereitelt.

Mein Bruder, welcher unverheiratet war, grmte sich so, da er in ein
Fieber verfiel und starb. Ich allein und mehrere Menschen, denen er
Gutes getan hatte, gingen mit der Leiche. Da vom Urgrovater her immer
nur ein Sohn als ein einziges Kind und Nachfolger bis auf uns beide
Brder gewesen war, da auch die Haushlterin Luise schon lnger vorher
mit Tod abgegangen war, so hatte ich keinen Verwandten und keinen
Bekannten mehr.

Ich hatte den Gedanken gefat, ein Verknder des Wortes des Herrn, ein
Priester, zu werden. Wenn ich auch unwrdig wre, dachte ich, so knnte
mir doch Gott seine Gnade verleihen, zu erringen, da ich nicht ein ganz
verwerflicher Diener und Vertreter seines Wortes und seiner Werke sein
knnte.

Ich nahm meine Zeugnisse und Schriften zusammen, ich ging in die
Priesterbildungsanstalt und bat beklemmt um Aufnahme. Sie wurde mir
gewhrt. Ich zog zur festgesetzten Zeit in die Rume ein und begann
meine Lernzeit. Sie ging gut vorber, und als ich fertig war, wurde ich
zum Diener Gottes geweihet. Ich tat meine ersten Dienste bei lteren
Pfarrern als Mitarbeiter in der Seelsorge, die ihnen anvertraut war. Da
kam ich in verschiedene Lagen und lernte Menschen kennen. Von den
Pfarrern lernte ich in geistlichen und weltlichen Eigenschaften. Als
eine solche Reihe von Jahren vergangen war, da man es mir nicht mehr zu
arg deuten konnte, wenn ich um eine Pfarre einkme, bat ich um die
jetzige und erhielt sie. Ich bin nun ber siebenundzwanzig Jahre hier
und werde auch nicht mehr weggehen. Die Leute sagen, die Pfarre sei
schlecht, aber sie trgt schon, wovon ein Verknder des Evangeliums
leben kann. Sie sagen, die Gegend sei hlich, aber auch das ist nicht
wahr, man mu sie nur gehrig anschauen. Meine Vorgnger sind von hier
auf andere Pfarrhfe versetzt worden. Da aber meine jetzt lebenden
Mitbrder, die in meinen Jahren und etwas jnger sind, sich whrend
ihrer Vorbereitungszeit sehr auszeichneten und mir in allen
Eigenschaften berlegen sind, so werde ich nie bitten, von hier auf
einen andern Platz befrdert zu werden. Meine Pfarrkinder sind gut, sie
haben sich manchem meiner lehrenden Worte nicht verschlossen und werden
sich auch ferner nicht verschlieen.

Dann habe ich noch einen anderen weltlicheren und einzelneren Grund,
weshalb ich an dieser Stelle bleibe. Sie werden denselben schon einmal
spter erfahren, wenn Sie nmlich die Bitte, die ich an Sie stellen
will, erhren. Ich komme nun zu dieser Bitte, aber ich mu noch etwas
sagen, ehe ich sie ausspreche. Ich habe zu einem Zwecke in diesem
Pfarrhofe zu sparen angefangen, der Zweck ist kein schlechter, er
betrifft nicht blo ein zeitliches Wohl, sondern auch ein anderes. Ich
sage ihn jetzt nicht, er wird schon einmal kund werden; aber ich habe um
seinetwillen zu sparen begonnen. Von dem Vaterhause habe ich kein
Vermgen mitgebracht; was noch an Gelde eingegangen ist, wurde zu
verschiedenen Dingen verwendet, und seit Jahren ist nichts mehr
eingegangen. Ich habe von dem vterlichen Erbe nur das einzige Kruzifix,
welches an meiner Tr dort ber dem Weihbrunngefe hngt. Der Grovater
hat es einmal in Nrnberg gekauft, und der Vater hat es mir, weil es mir
stets gefiel, geschenkt. So fing ich also an, von den Mitteln meines
Pfarrhofes zu sparen. Ich legte einfache Kleider an und suche sie lange
zu erhalten, ich verabschiedete das Bett und legte mich auf die Bank in
dem Vorhause und tat die Bibel zum Zeugen und zur Hilfe unter mein
Haupt. Ich hielt keine Bedienung mehr und mietete mir die Dienste der
alten Sabine, die fr mich hinreichen. Ich esse, was fr den
menschlichen Krper gut und zutrglich ist. Den oberen Teil des
Pfarrhofes habe ich vermietet. Ich habe schon zweimal darber einen
Verweis von dem hochwrdigen bischflichen Konsistorium erhalten, aber
jetzt lassen sie es geschehen. Weil die Leute bei mir bares Geld
vermuteten, was auch wahr gewesen ist, so bin ich dreimal desselben
beraubt worden, aber ich habe wieder von vorn angefangen. Da die Diebe
nur das Geld genommen hatten, so suchte ich es ihnen zu entrcken. Ich
habe es gegen Waisensicherheit angelegt, und wenn kleine Zinsen
anwachsen, so tue ich sie stets zu dem Kapitale. So bin ich nun seit
vielen Jahren nicht behelligt worden. In der langen Zeit ist mir mein
Zustand zur Gewohnheit geworden, und ich liebe ihn. Nur habe ich eine
Snde gegen dieses Sparen auf dem Gewissen: ich habe nmlich noch immer
das schne Linnen, das ich mir in der Stube in unserm Gartenflgel
angeschafft hatte. Es ist ein sehr groer Fehler, aber ich habe
versucht, ihn durch noch greres Sparen an meinem Krper und an andern
Dingen gutzumachen. Ich bin so schwach, ihn mir nicht abgewhnen zu
knnen. Es wre gar zu traurig, wenn ich die Wsche weggeben mte. Nach
meinem Tode wird sie ja auch etwas eintragen, und den ansehnlicheren
Teil gebrauche ich ja gar nicht.

Ich wute nun, weshalb er sich seiner herrlichen Wsche schmte.

Es ist mir nicht lieb, fuhr er fort, da ich hier den Menschen nicht
so helfen kann, wie ich mchte; aber ich kann es dem Zwecke nicht
entziehen, und es knnen ja nicht alle Menschen im ganzen Umfange
wohltun, wie sie wnschten; dazu wre der grte Reichtum nicht gro
genug.

Sehen Sie, nun habe ich Ihnen alles gesagt, wie es mit mir gewesen ist
und wie es noch mit mir ist. Jetzt kommt meine Bitte; Sie werden sie mir
vielleicht, wenn Sie an alles denken, was ich Ihnen erzhlt habe,
gewhren. Sie ist aber beschwerlich zu erfllen, und nur Ihre
Freundlichkeit und Gte erlaubt mir, sie vorzubringen. Ich habe mein
Testament bei dem Gerichte zu Karsberg in dem Schlosse niedergelegt. Ich
vermute, da es dort sicher ist, und ich habe den Empfangschein hier in
meinem Hause. Aber alle menschlichen Dinge sind wandelbar; es kann
Feuer, Verwstung, Feindeseinbruch oder sonst ein Unglck kommen und das
Testament gefhrden. Ich habe daher noch zwei gleichlautende Abschriften
verfat, um sie so sicher als mglich niederzulegen, da sie nach meinem
Tode zum Vorschein kommen mgen und ihr Zweck erfllt werde. Da wre nun
meine Bitte, da Sie eine Abschrift in Ihre Hnde nehmen und
aufbewahrten. Die andere behalte ich entweder hier oder ich gebe sie
auch jemandem, da er sie ebenfalls zu ihrem Zwecke aufbewahre. Freilich
mten Sie da erlauben, da ich Ihnen, wenn Sie von dieser Gegend
scheiden, von Zeit zu Zeit einen kleinen Brief schreibe, worin ich Ihnen
sage, da ich noch lebe. Wenn die Briefe ausbleiben, so wissen Sie, da
ich gestorben bin. Dann mten Sie das Testament durch ganz sichere
Hnde und gegen Bescheinigung nach Karsberg gelangen lassen oder
berhaupt dorthin, wo die mter sind, die es in Erfllung bringen
knnen. Es ist das alles nur zur Vorsicht, wenn das gerichtlich
Niedergelegte verlorengehen sollte. Das Testament ist zugesiegelt und
den Inhalt werden Sie nach meinem Tode erfahren, wenn Sie nmlich nicht
abgeneigt sind, meine Bitte zu erfllen.

Ich sagte dem Pfarrer, da ich mit Freuden in seinen Wunsch eingehe, da
ich das Papier sorgfltig bewahren wolle, wie meine eigenen besten
Sachen, deren Vernichtung mir unersetzlich wre, und da ich allen
seinen Weisungen gern nachkommen wolle. brigens hoffe ich, da der
Zeitpunkt noch sehr fern sei, wo das Testament und seine zwei andern
Genossen entsiegelt werden wrden.

Wir stehen alle in Gottes Hand, sagte er, es kann heute sein, es kann
morgen sein, es kann noch viele Jahre dauern. Zum Zwecke, den ich neben
meinen Seelsorgerpflichten verfolge, wnsche ich, da es nicht so bald
sei; aber Gott wei, wie es gut ist, und er bedarf zuletzt auch zur
Krnung dieses Werkes meiner nicht.

Da aber auch ich vor Ihnen sterben knnte, erwiderte ich, so werde
ich zur Sicherheit eine geschriebene Verfgung zu dem Testament legen,
wodurch meine Verpflichtung in andere Hnde bergehen soll.

Sie sind sehr gut, antwortete er, ich habe gewut, da Sie so
freundschaftlich sein werden, ich habe es gewi gewut. Hier wre das
Papier.

Mit diesen Worten zog er unter seinem Hauptkissen ein Papier hervor.
Dasselbe war gefaltet und mit drei Siegeln gesiegelt. Er reichte es in
meine Hand. Ich betrachtete die Siegel, sie waren rein und unverletzt
und trugen ein einfaches Kreuz. Auf der obern Seite des Papiers standen
die Worte: Letzter Wille des Pfarrers im Kar. Ich ging an den Tisch,
nahm ein Blatt aus meiner Brieftasche, schrieb darauf, da ich von dem
Pfarrer im Kar an dem bezeichneten Tage ein mit drei Siegeln, die ein
Kreuz enthalten, versiegeltes Papier empfangen habe, das die Aufschrift
Letzter Wille des Pfarrers im Kar trage. Die Bescheinigung reichte ich
ihm dar und er schob sie ebenfalls unter das Kissen seines Hauptes. Das
Testament tat ich einstweilen in die Tasche, in welcher ich meine
Zeichnungen und Arbeiten hatte.

Nach dieser Unterredung blieb ich noch eine geraume Zeit bei dem
Pfarrer, und das Gesprch wendete sich auf andre, gleichgltigere
Gegenstnde. Es kam Sabine herein, um ihm Speise zu bringen, es kam das
Mdchen aus dem ersten Stockwerk herunter, um sich nach seinem Befinden
zu erkundigen. Da die Sterne an dem hohen Himmel standen, ging ich durch
das bleiche Gestein und den weichen Sand in meine Htte und dachte an
den Pfarrer. Ich tat das Testament vorerst in meinen Koffer, wo ich
meine besten Sachen hatte, um es spter in meinem Hause gut zu
verwahren.

Die Zeit nach der Erzhlung des Pfarrers ging mir in meinem Steingewirre
dahin, wie sie mir vorher dahingegangen war. Wir maen und arbeiteten
und zeichneten; ich sammelte mir unter Tags Stoff, besuchte gegen Abend
den Pfarrer, sa ein paar Stunden an seinem Bette und arbeitete dann in
der Nacht in meiner Htte, whrend mir einer meiner Leute auf einem
Notherde derselben einen schmalen Braten briet.

Nach und nach wurde der Pfarrer besser, endlich stand er auf, wie es der
Arzt in der Stadt vorausgesagt hatte, dann ging er vor sein Haus, er
ging wieder in die Kirche und zuletzt kam er auch wieder in das
Steinkar, wandelte in den Hgeln herum oder stand bei uns und schaute
unsern Arbeiten zu.

Wie aber endlich alles ein Ende nimmt, so war es auch mit unserm langen
Aufenthalte im Steinkar. Wir waren immer weiter vorgerckt, wir nherten
uns der Grenzlinie unseres angewiesenen Bezirks immer mehr und mehr,
endlich waren die Pflcke auf ihr aufgestellt, es war bis dahin
gemessen, und nach geringen schriftlichen Arbeiten war das Steinkar in
seinem ganzen Abbilde in vielen Blttern in unserer Mappe. Die Stangen,
die Pflcke, die Werke wurden sofort weggeschafft, die Htten
abgebrochen, meine Leute gingen nach ihren Bestimmungen auseinander, und
das Steinkar war wieder von diesen Bewohnern frei und leer.

Ich packte meinen Koffer, nahm von dem Pfarrer, von dem Schullehrer, von
Sabine, von dem Mietsmann und seiner Tochter und von andern Leuten
Abschied, lie den Koffer in die Hochstrae bringen, ging zu Fu dahin,
bestellte mir Postpferde, und da diese angelangt waren, fuhr ich von dem
Schauplatz meiner bisherigen Ttigkeit fort.

Eines sehr seltsamen Gefhles mu ich Erwhnung tun, das ich damals
hatte. Es ergriff mich nmlich beinahe eine tiefe Wehmut, als ich von
der Gegend schied, welche mir, da ich sie zum ersten Male betreten
hatte, abscheulich erschienen war. Wie ich immer mehr und mehr in die
bewohnteren Teile hinauskam, mute ich mich in meinem Wagen umkehren und
nach den Steinen zurckschauen, deren Lichter so sanft und matt
schimmerten, und in deren Vertiefungen die schnen blauen Schatten
waren, wo ich so lange verweilt hatte, whrend ich jetzt zu grnenden
Wiesen, zu geteilten Feldern und unter hohe, strebende Bume hinausfuhr.

Nach fnf Jahren ergriff ich eine Gelegenheit, die mich in die Nhe
brachte, das Steinkar wieder zu besuchen. Ich fand den Pfarrer in
demselben zuweilen herumgehen, wie frher, oder gelegentlich auf einem
der Steine sitzen und herumschauen. Seine klaren, blauen Augen waren die
nmlichen geblieben.

Ich zeigte ihm die Briefe, die ich von ihm empfangen und die ich
aufbewahrt hatte. Er bedankte sich sehr schn, da ich auf jeden der
Briefe ihm eine Antwort gesendet htte, er freue sich der Briefe und
lese oft in denselben. Er zeigte sie mir, da wir in seinem Stbchen
wieder an dem fichtenen Tische beisammen saen.

Die Zirder flo mit ihrem himmelblauen Bande durch die Steine, diese
hatten die graue Farbe, und der Sand lagerte zu ihren Fen. Die grnen
Streifen und die wenigen Gestruche waren wie immer. In der Hochstrae
war der Wirt, die Wirtin und fast auch ihre Kinder wie frher, ja die
alten Gste schienen an den Tischen zu sitzen, so sehr bleiben die
Menschen die nmlichen, die in jenen Gegenden den Verkehr ber die
Anhhe treiben.

Nach diesem Besuche in jener Gegend fhrte mich weder ein Geschft mehr
dahin, noch fand ich Zeit, aus freiem Antriebe wieder einmal das Kar zu
besuchen. Viele Jahre gingen vorber, und der Wunsch des Pfarrers, da
ihn Gott seines Zweckes willen lange leben lassen mchte, schien in
Erfllung gehen zu wollen. Alle Jahre bekam ich mehrere Briefe von ihm,
die ich regelmig beantwortete, und die regelmig im nchsten Jahre
wieder anlangten. Nur eins glaubte ich zu bemerken, da die Buchstaben
nmlich etwas zeigten, als zittere die Hand.

Nach langen Jahren kam einmal ein Brief von dem Schullehrer. In
demselben schrieb er, da der Pfarrer erkrankt sei, da er von mir rede,
und da er gesagt habe: Wenn er es wte, da ich krank bin! Er nehme
sich daher die Erlaubnis, mir dieses zu melden, weil er doch nicht
erkennen knne, ob es nicht zu etwas gut sei, und er bitte mich deshalb
um Verzeihung, da er so zudringlich gewesen.

Ich antwortete ihm, da ich seinen Brief als keine Zudringlichkeit
ansehen knne, sondern da er mir einen Dienst damit erwiesen habe,
indem ich an dem Pfarrer im Kar groen Anteil nehme. Ich bitte ihn, er
mge mir fter ber das Befinden des Pfarrers schreiben, und wenn es
schlechter wrde, mir dieses sogleich anzeigen. Und sollte Gott wider
Vermuten schnell etwas Menschliches ber ihn verhngen, so solle er mir
auch dieses ohne geringstes Versumen melden.

An den Pfarrer schrieb ich auch zu seiner Beruhigung, da ich von seiner
Erkrankung gehrt habe, da ich den Schullehrer gebeten habe, er mge
mir ber sein Befinden fter schreiben; ich ersuchte ihn, da er sich
nicht selber anstrengen mchte, an mich zu schreiben, da er sich ein
Bett in das Stbchen machen lassen solle, und da sich, wie es ja auch
in frheren Jahren geschehen sei, sein Unwohlsein in kurzer Zeit wieder
heben knnte. Mein Beruf gestatte fr den Augenblick keinen Besuch.

Er antwortete mir desungeachtet in einigen Zeilen, da er sehr, sehr alt
sei, da er geduldig harre und sich nicht frchte.

Da der Schullehrer zwei Briefe geschrieben hatte, in denen er sagte, da
mit dem Pfarrer keine Vernderung vorgegangen sei, kam ein dritter, der
meldete, da derselbe nach Empfang der heiligen Sterbesakramente
verschieden sei.

Ich machte mir Vorwrfe, setzte jetzt alles beiseite und machte mich
reisefertig. Ich zog das versiegelte Papier aus meinem Schreine hervor,
ich nahm auch die Briefe des Pfarrers mit, die zur Erweisung der
Handschrift dienen knnten, und begab mich auf den Weg nach Karsberg.

Als ich daselbst angekommen war, erhielt ich die Auskunft, da ein
Testament des Pfarrers in dem Schlosse gerichtlich niedergelegt worden
sei, da man ein zweites in seiner Verlassenschaft gefunden habe, und
da ich mich in zwei Tagen in dem Schlosse einfinden solle, um mein
Testament vorzuzeigen, worauf die ffnung und Prfung der Testamente
statthaben wrde.

Ich begab mich whrend dieser zwei Tage in das Kar. Der Schullehrer
erzhlte mir ber die letzten Tage des Pfarrers. Er sei ruhig in seiner
Krankheit gelegen, wie in jener, da ich ihn so oft besucht habe. Er habe
wieder keine Arznei genommen, bis der Pfarrer aus der Wenn, ein Nachbar
des Pfarrers im Kar, welcher ihm die Sterbesakramente gereicht hatte,
ihm dargetan htte, da er auch irdische Mittel gebrauchen und es Gott
berlassen msse, ob sie wirkten oder nicht. Von dem Augenblicke an nahm
er alles, was man ihm gab, und lie alles mit sich tun, was man tun
wollte. Er lag wieder in seinem Stbchen, wo man ihm wieder aus den
Wolldecken ein Bett gemacht hatte. Sabine war immer bei ihm. Als es zum
Sterben kam, machte er keine besondere Vorbereitung, sondern er lag wie
alle Tage. Man konnte nicht annehmen, ob er es wisse, da er jetzt
sterbe oder nicht. Er war wie gewhnlich und redete gewhnliche Worte.
Endlich schlief er sanft ein, und es war vorber.

Man entkleidete ihn, um ihn fr die Bahre anzuziehen. Man legte ihm die
schnste seiner Wsche an. Dann zog man ihm sein fadenscheiniges Kleid
an und ber das Kleid den Priesterchorrock. So wurde er auf der Bahre
ausgestellt. Die Leute kamen sehr zahlreich, um ihn anzuschauen; denn
sie hatten so etwas nie gesehen; er war der erste Pfarrer gewesen, der
in dem Kar gestorben war. Er lag mit seinen weien Haaren da, sein
Angesicht war mild, nur viel blsser als sonst, und die blauen Augen
waren von den Lidern gedeckt. Mehrere seiner Amtsbrder kamen, ihn zur
Erde zu bestatten. Bei der Einsenkung haben viele der herbeigekommenen
Menschen geweint.

Ich erkundigte mich nun auch um den Mietmann im ersten Stockwerke. Er
kam selbst in das Vorhaus des Pfarrhofes herunter, in dem ich mich
befand, und sprach mit mir. Er hatte fast keine Haare mehr und trug
daher ein schwarzes Kppchen auf seinem Haupte. Ich fragte nach seiner
schnen Tochter, die damals, als sie in meiner Gegenwart fter in das
Krankenzimmer des Pfarrers gekommen war, ein junges, rasches Mdchen
gewesen war. Sie war in der Hauptstadt verheiratet und war Mutter von
beinahe erwachsenen Kindern. Auch diese war in den letzten Tagen des
Pfarrers nicht um ihn gewesen. Der Mietmann sagte mir, da er jetzt wohl
zu seiner Tochter werde ziehen mssen, da er bei der Wiederbesetzung der
Pfarre gewi seine Wohnung verlieren und im Kar keine andere finden
werde.

Die alte Sabine war die einzige, die sich nicht gendert hatte; sie sah
gerade so aus wie damals, als sie bei meiner ersten Anwesenheit den
Pfarrer in seiner Krankheit gepflegt hatte. Niemand wute, wie alt sie
sei, und sie wute es selbst nicht. Ich mute deshalb in dem Vorhause
des Pfarrhofes stehen bleiben, weil das Stblein und das neben dem
Vorhause befindliche Gewlbe versiegelt waren. Die einzige hlzerne
Bank, die Schlafsttte des Pfarrers, stand an ihrer Stelle, und niemand
hatte an sie gedacht. Die Bibel aber lag nicht mehr auf der Bank; man
sagte, sie sei in das Stblein gebracht worden.

Als die zwei Tage vorber waren, die man als Frist zur Erffnung des
Testaments anberaumt hatte, begab ich mich nach Karsberg und verfgte
mich zur festgesetzten Stunde in den Gerichtssaal. Es waren mehrere
Menschen zusammengekommen, und es waren die Vorstnde der Pfarrgemeinde
und die Zeugen geladen worden. Die zwei Testamente und das Verzeichnis
der Verlassenschaft des Pfarrers lagen auf dem Tische. Man wies mir
meine Bescheinigung ber den Empfang des Testamentes des Pfarrers vor,
die in der Verlassenschaft gefunden worden war, und forderte mich zur
Vorzeigung des Testamentes auf. Ich berreichte es. Man untersuchte
Schrift und Siegel und erkannte die Richtigkeit des Testamentes an.

Nach herkmmlicher Art wurde nun das gerichtlich niedergelegte Testament
zuerst erffnet und gelesen. Dann folgte das von mir bergebene. Es
lautete Wort fr Wort wie das erste. Endlich wurde das in der Wohnung
des Pfarrers vorgefundene erffnet, und es lautete ebenfalls Wort fr
Wort wie die beiden ersten. Die Zeitangabe und die Unterschrift war in
allen drei Urkunden dieselbe. Sofort wurden alle drei Testamente als ein
einziges, in drei Abschriften vorhandenes Testament erklrt.

Der Inhalt des Testamentes aber berraschte alle.

Die Worte des Pfarrers, wenn man den Eingang hinweglt, in dem er die
Hilfe Gottes anruft, die Verfgung unter seinen Schutz stellt und
erklrt, da er bei vollkommnem Gebrauche seines Verstandes und Willens
sei, lauten so:

Wie ein jeder Mensch auer seinem Amte und Berufe noch etwas finden
oder suchen soll, das er zu verrichten hat, damit er alles tue, was er
in seinem Leben zu tun hat, so habe auch ich etwas gefunden, was ich
neben meiner Seelsorge verrichten mu: ich mu die Gefahr der Kinder der
Steinhuser und Karhuser aufheben. Die Zirder schwillt oft an und kann
dann ein reiendes Wasser sein, das in Schnelle daherkommt, wie es ja in
den ersten Jahren meiner Pfarre zweimal durch Wolkenbrche alle Stege
und Brcken weggenommen hat. Die Ufer sind niedrig, und das am Kar ist
noch niedriger als das Steinhuser Ufer. Da sind drei Flle mglich:
entweder ist das Karufer berschwemmt, oder es ist auch das Steinhuser
Ufer berschwemmt, oder es wird sogar der Steg hinweggetragen. Die
Kinder aus den Steinhusern und Karhusern mssen aber ber den Steg ins
Kar in die Schule gehen. Wenn nun das Karufer berschwemmt ist und sie
von dem Stege in das Wasser gehen, so knnen manche in eine Grube oder
in eine Vertiefung geraten und dort verunglcken; denn das kotige Wasser
der berschwemmung lt den Boden nicht sehen; oder es kann das Wasser,
whrend die Kinder in ihm waten, so schnell steigen, da sie das
Trockene nicht mehr erreichen knnen und alle verloren sind; oder sie
knnen noch von dem Steinhuser Ufer auf den Steg kommen, knnen das
Wasser auf dem Karufer zu tief finden, knnen sich durch Beratschlagen
oder Zaudern so lange aufhalten, da indessen auch das Steinhuser Ufer
mit zu tiefem Wasser bedeckt wird; dann ist der Steg eine Insel, die
Kinder stehen auf ihm und knnen mit ihm fortgeschwemmt werden. Und wenn
auch dieses alles nicht geschieht, so gehen sie mit ihren Flein im
Winter in das Schneewasser, das auch Eisschollen hat, und fgen ihrer
Gesundheit groen Schaden zu.

Damit diese Gefahr in der Zukunft aufhre, habe ich zu sparen begonnen
und verordne, wie folgt: Von der Geldsumme, welche nach meinem Tode als
mein Eigentum gefunden wird, vermehrt um die Geldsumme, welche aus dem
Verkaufe meiner hinterlassenen Habe entsteht, soll in der Mitte der
Schulkinder der Steinhuser und Karhuser ein Schulhaus gebaut werden;
dann soll ein solcher Teil der Geldsumme auf Zinsen angelegt werden, da
durch das Ertrgnis die Lehrer der Schule erhalten werden knnen; ferner
soll noch ein Teil nutzbringend gemacht werden, da aus den Zinsen die
jhrliche Vergtung des Schadens entrichtet werden knne, welchen der
Schullehrer im Kar durch den Abgang der Kinder erleidet, und endlich,
wenn noch etwas brig bleibt, so soll es meiner Dienerin Sabine gehren.

Ich habe drei gleiche Testamente geschrieben, da sie sicherer seien,
und wenn noch was immer fr eine Verfgung oder Meinung in meinem
Nachlasse sollte gefunden werden, welche nicht den Inhalt und Jahres-
und Monatstag dieser Testamente trgt, so soll sie ungltig sein.

Damit aber in der Zeit schon die Gefahr vermindert werde, gehe ich alle
Tage auf die Wiese am Karufer und sehe, ob keine Graben, Gruben und
Vertiefungen sind, und stecke eine Stange dazu. Den Eigentmer der Wiese
bitte ich, da er entstandene Gruben und Vertiefungen so bald ausebnen
lasse, als es angeht, und er hat meine Bitten immer erfllt. Ich gehe
hinaus, wenn die Wiese berschwemmt ist, und suche den Kindern zu
helfen. Ich lerne das Wetter kennen, um eine berschwemmung voraussehen
zu knnen und die Kinder zu warnen. Ich entferne mich nicht weit von dem
Kar, um keine Versumnis zu begehen. Und so werde ich es auch in der
Zukunft immer tun.

Diesen Testamenten war die Geldrechnung bis zu dem Zeitpunkte ihrer
Abfassung beigelegt. Die Rechnung, die von dieser Zeit an bis gegen die
Sterbetage des Pfarrers lief, fand man in seinen Schriften. Die
Rechnungen waren mit groer Genauigkeit gemacht. Man ersah auch aus
ihnen, wie sorgsam der Pfarrer im Sparen war. Die kleinsten Betrge,
selbst Pfennige, wurden zugelegt und neue Quellen, die unscheinbarsten,
erffnet, daraus ein kleines Fdlein flo.

Zur Versteigerung des Nachlasses des Pfarrers wurde der fnfte Tag nach
Erffnung des Testamentes bestimmt.

Da wir von dem Gerichtshause fortgingen, sagte der Mietmann des Pfarrers
unter Trnen zu mir: O, wie habe ich den Mann verkannt, ich hielt ihn
beinahe fr geizig; da hat ihn meine Tochter viel besser gekannt, sie
hat den Pfarrer immer sehr lieb gehabt. Ich mu ihr die Begebenheit
sogleich schreiben.

Der Schullehrer im Kar segnete den Pfarrer, der immer so gut gegen ihn
gewesen sei, und der sich so gern in der Schule aufgehalten habe.

Auch die andern Leute erfuhren den Inhalt des Testamentes.

Nur die einzigen, die es am nchsten anging, die Kinder in den
Steinhusern und Karhusern, wuten nichts davon, oder wenn sie es auch
erfuhren, so verstanden sie es nicht und wuten nicht, was ihnen
zugedacht worden sei.

Weil ich auch bei der Versteigerung gegenwrtig sein wollte, so ging ich
wieder in das Kar zurck und beschlo die vier Tage dazu anzuwenden, um
manche Pltze im Steinkar und andern Gegenden zu besuchen, wo ich
einstens gearbeitet hatte. Es war alles unverndert, als ob diese Gegend
zu ihrem Merkmale der Einfachheit auch das der Unvernderlichkeit
erhalten htte.

Da der fnfte Tag herangekommen war, wurden die Siegel von den Tren der
Pfarrerswohnung abgenommen und die hinterlassenen Stcke des Pfarrers
versteigert. Es hatten sich viele Menschen eingefunden, und die
Versteigerung war in Hinsicht des Testamentes eine merkwrdige geworden.
Es trugen sich auffallende Begebenheiten bei derselben zu. Ein Pfarrer
kaufte einen unter den Kleidern des Verstorbenen gefundenen Rock, der
das Schlechteste war, was man unter nicht zerrissenen Kleidern finden
kann, um einen ansehnlichen Kaufschilling. Die Gemeinde des Kar erstand
die Bibel, um sie in ihre Kirche zu stiften. Selbst die hlzerne Bank,
die man nicht einmal eingesperrt hatte, fand einen Kufer.

Auch ich erwarb etwas in der Versteigerung, nmlich das kleine aus Holz
geschnitzte Kruzifix von Nrnberg und smtliche noch brigen, so schnen
und feinen Leinentcher und Tischtcher. Ich und meine Gattin besitzen
die Sachen noch bis auf den heutigen Tag und haben die Wsche sehr
selten gebraucht. Wir bewahren sie als ein Denkmal auf, da der arme
Pfarrer diese Dinge aus einem tiefen, dauernden und zarten Gefhle
behalten und nie benutzt hat. Zuweilen lt meine Gattin die Linnen
durchwaschen und gltten; dann ergtzt sie sich an der unbeschreiblichen
Schnheit und Reinheit, und dann werden die zusammengelegten Stcke mit
den alten ausgebleichten, rotseidenen Bndchen, die noch vorhanden sind,
umbunden und wieder in den Schrein gelegt.--

Nun stellt sich die Frage, was die Wirkung von all diesen Dingen gewesen
sei.

Die Summe, welche der Pfarrer erspart hatte, und die, welche aus der
Versteigerung seines Nachlasses gelst worden war, waren
zusammengenommen viel zu klein, als da eine Schule daraus htte
gegrndet werden knnen. Sie waren zu klein, um nur ein mittleres Haus,
wie sie in jener Gegend gebruchlich sind, zu bauen, geschweige denn ein
Schulhaus, mit den Lehrzimmern und den Lehrerswohnungen, ferner das
Gehalt der Lehrer festzustellen und den frheren Lehrer zu entschdigen.

Es lag das in der Natur des Pfarrers, der die Weltdinge nicht verstand
und dreimal beraubt werden mute, bis er das ersparte Geld auf Zinsen
anlegte.

Aber wie das Bse stets in sich selber zwecklos ist und im Weltplane
keine Wirkung hat, das Gute aber Frchte trgt, wenn es auch mit
mangelhaften Mitteln begonnen wird, so war es auch hier: Gott bedurfte
zur Krnung dieses Werkes des Pfarrers nicht. Als die Sache mit dem
Testamente und dessen Unzulnglichkeit bekannt wurde, traten gleich die
Wohlhabenden und Reichen in dem Umkreise zusammen und unterschrieben in
kurzem eine Summe, die hinlnglich schien, alle Absichten des Pfarrers
vollziehen zu knnen. Und sollte noch etwas ntig sein, so erklrte
jeder, da er eine Nachzahlung leisten wrde. Ich habe auch mein
Scherflein dazu beigetragen.

War ich das erstemal mit Wehmut von der Gegend geschieden, so flossen
jetzt Trnen aus meinen Augen, als ich die einsamen Steine verlie.--

Jetzt, da ich rede, steht die Schule lngst in den Steinhusern und
Karhusern; sie steht in der Mitte der Schulkinder auf einem gesunden
und luftigen Platze. Der Lehrer wohnt mit seiner Familie und dem
Gehilfen in dem Gebude; der Lehrer im Kar erhlt seine jhrliche
Entschdigung, und selbst Sabine ist noch mit einem Teile bedacht
worden. Sie wollte ihn aber nicht und bestimmte ihn im vorhinein fr die
Tochter des Schullehrers, die sie immer lieb hatte.

Das einzige Kreuz, das fr einen Pfarrer in dem Kirchhofe des Kar steht,
steht auf dem Hgel des Grnders dieser Dinge. Es mag manchmal ein Gebet
dabei verrichtet werden, und mancher wird mit einem Gefhle davor
stehen, das dem Pfarrer nicht gewidmet worden ist, da er noch lebte.




Turmalin.


Der Turmalin ist dunkel, und was da erzhlt wird ist sehr dunkel. Es hat
sich in vergangenen Zeiten zugetragen wie sich das, was in den ersten
zwei Stcken erzhlt worden ist, in vergangenen Zeiten zugetragen hat.
Es ist darin wie in einem traurigen Briefe zu entnehmen, wie weit der
Mensch kommt, wenn er das Licht seiner Vernunft trbt, die Dinge nicht
mehr versteht, von dem innern Gesetze, das ihn unabwendbar zu dem
Rechten fhrt, lt, sich unbedingt der Innigkeit seiner Freuden und
Schmerzen hingibt, den Halt verliert und in Zustnde gert, die wir uns
kaum zu entrtseln wissen.

In der Stadt Wien wohnte vor manchen Jahren ein wunderlicher Mensch, wie
in solchen groen Stdten verschiedene Arten von Menschen wohnen und
sich mit den verschiedensten Dingen beschftigen. Der Mensch, von dem
wir hier reden, war ein Mann von ungefhr vierzig Jahren und wohnte auf
dem Sankt-Peters-Platze in dem vierten Geschosse eines Hauses. Zu seiner
Wohnung fhrte ein Gang, der mit einem eisernen Gitter verschlossen war,
an welchem ein Glockenzug herniederhing, an dem man luten konnte,
worauf eine ltliche Magd erschien, welche ffnete und den Weg zu ihrem
Herrn hinein zeigte. Wenn man durch das Gitter eingetreten war, setzte
sich der Gang noch fort; rechts hatte er eine Tr, die in die Kche
fhrte, in welcher die Magd war, und deren einziges Fenster auf den Gang
herausging; links hatte er ein fortlaufendes eisernes Gelnder und den
offenen Hof. Sein Ende stie an die Tr zur Wohnung. Wenn man die braune
Tr ffnete, kam man in ein Vorzimmer, welches ziemlich dunkel war und
in welchem sich die groen Ksten befanden, die die Kleider enthielten.
Es diente auch zum Speisen. Von diesem Vorzimmer kam man in das Zimmer
des Herrn. Es war aber eigentlich ein sehr groes Zimmer und ein kleines
Nebenzimmer. In dem Zimmer waren alle Wnde ganz vollstndig mit
Blttern von Bildnissen berhmter Mnner beklebt. Es war kein Stckchen
auch nur handgro, das von der ursprnglichen Wand zu sehen gewesen
wre. Damit er, oder gelegentlich auch ein Freund, wenn einer kam,
diejenigen Mnner, die ganz nahe oder hart an dem Fuboden sich
befanden, betrachten konnte, hatte er ledergepolsterte Ruhebetten von
verschiedener Hhe und mit Rollfen versehen machen lassen. Das
niederste war eine Hand hoch. Man konnte sie zu was immer fr Mnnern
rollen, sich darauf niederlegen und die Mnner betrachten. Fr die hoch
und hher hngenden hatte er doppelgestellige Rolleitern, deren Rder
mit grnem Tuche berzogen waren, welche Leitern man in jede Gegend
rollen, und von deren Stufen aus man verschiedene Standpunkte gewinnen
konnte. berhaupt hatten alle Dinge in der Stube Rollen, da man sie
leicht von einer Stelle zu der andern bewegen konnte, um im Anschauen
der Bildnisse nicht beirrt zu sein. In Hinsicht des Ruhmes der Mnner
war es dem Besitzer einerlei, welcher Lebensbeschftigung sie angehrt
hatten und durch welche ihnen der Ruhm zuteil geworden war; er hatte sie
womglich alle.

In dem Zimmer stand auch ein sehr groer Flgel, auf dessen Pulte viele
Notenhefte lagen, und auf dem er gern spielte. Es waren auch zwei Fcher
auf zwei Gestellen, in welchen sich Geigen befanden, auf welchen er
ebenfalls spielte. Auf einem Tische war ein Fach mit zwei Flten, die er
zu seinem eigenen Vergngen und zu seiner Vervollkommnung in dieser
Kunst behandelte. An einem der Fenster stand eine Staffelei mit einem
Malerkasten, woran er Bilder in l malte. In dem Nebenzimmer hatte er
einen groen Schreibtisch, auf welchem er eine Menge Papiere liegen
hatte, Gedichte machte, Erzhlungen schrieb, und neben welchem sein
Bcherkasten stand, wenn er etwa ein Buch herausnehmen und sich mit
Lesen ergtzen wollte. In diesem Zimmer stand auch sein Bett, und in dem
Hintergrunde des Gemaches war eine Vorrichtung, in welcher er in Pappe
arbeiten konnte und Fcher, Behltnisse, Schirme und andere Kunstsachen
verfertigte.

Diesen Mann hieen sie im Hause den Rentherrn; die meisten aber wuten
nicht, ob er den Namen habe, weil er von einer Rente lebte oder weil er
in einem Rentamte angestellt war. Dies letztere aber konnte nicht der
Fall sein, weil er sonst zu bestimmten Zeiten htte in sein Amt gehen
mssen, er aber zu den verschiedensten Zeiten und oft ganze Tage lang zu
Hause war und in den mannigfaltigen Geschften, die er sich aufgeladen
hatte, herumarbeitete. Auerdem ging er in das Kaffeehaus, um den
Schachspielern zuzuschauen, oder er ging in der Stadt herum, um die
verschiedenen Dinge zu betrachten, die da zu sehen sind, oder er
besuchte ein Gasthauskrnzchen, zu dem sich regelmig an bestimmten
Tagen einige Freunde zusammenfanden. Er mute also offenbar eine kleine
Rente haben, von welcher er dieses Leben fhren konnte.

Dieser Mann hatte eine wunderschne Frau von etwa dreiig Jahren, die
ihm ein Kindlein, ein Mdchen, geboren hatte. Die Frau bewohnte ein
Gemach, das an das groe Zimmer ihres Mannes stie, ebenfalls so gro
war und ebenfalls ein kleineres Seitengemach hatte. Man konnte aus dem
Zimmer des Mannes in das der Frau gelangen, man konnte aber auch aus dem
Vorzimmer durch einen kleinen heimlichen Gang dahin kommen; denn die
vier Zimmer der Wohnung lagen in einer Reihe quer gegen die Richtung des
ueren Ganges. Der kleine Gang war darum ntzlich, weil die Frau, wenn
Freunde bei ihrem Manne waren, unbeirrt und die Mnner nicht strend in
das Vorzimmer und von da in die Kche hinausgehen konnte.

Die Zimmer der Frau waren nach ihrer Art eingerichtet. Das grere hatte
dunkle Vorhnge an den Fenstern; es standen weiche Ruhesitze von
demselben Stoffe darin, es stand ein schner, groer Tisch da, der immer
auf das glnzendste vom Staube reingehalten war und auf seiner Platte
einige Bcher oder Zeichnungen oder gelegentlich irgendein anderes Ding
trug. An den Fensterpfeilern waren Spiegel, unter denen schmale
Pfeilertische standen, auf welchen sich einige schne Dinge von Silber
oder Porzellan befanden. An einem Fenster stand ein sehr feines
Arbeitstischchen, auf dem schne Linnen, zarte Stoffe und andere
Arbeitsdinge lagen und davor ein knappes, in die Fenstervertiefung
passendes Sthlchen stand. An dem zweiten Fenster war der Stickrahmen
mit einem gleichen Sthlchen, und an der kurzen Seitenwand des dritten
stand der Schreibtisch, auf dessen reiner, grner Flche sich die Mappe,
das Tintengef und geordnete Schreibgerte zeigten. Um den Tisch wie im
Halbkreise standen hohe dunkle und zum Teil breitbltterige Pflanzen.
Die groe Wanduhr hatte kein Schlagwerk und ging so sanft, da man sie
kaum hrte. brigens war im Hintergrunde des Zimmers noch ein
Fachgestelle mit Glsern und Seidenvorhngen, da die Frau verschiedene
Dinge in die Fcher hineinstellen und die Seide davor zusammenziehen
konnte.

Das zweite, kleinere Zimmer hatte schneeweie, in dichte Falten gelegte
Fenstervorhnge; in der Nhe der Fenster stand ein Tisch, aber nicht
zum Darauflegen schner Sachen, sondern zu huslichen Zwecken bestimmt.
Dann war ein groes Ruhebett, verschiedene Sessel und Schemel. Im
Hintergrunde stand das weie Bett der Frau, von weien Vorhngen
umhllt; an demselben war ein Nachttischchen mit einem Leuchter, mit
einer Glocke, mit Bchern, Zndzeug und andern Dingen. In der Nhe
dieses Bettes stand auf einem Gestelle ein vergoldeter Engel, welcher
die Flgel um die Schultern zusammengefaltet hielt, mit der einen Hand
sich sttzte, die andere aber sanft ausstreckte und mit den Fingern die
Spitze eines weien Vorhanges hielt, der in reichen Falten in der
Gestalt eines Zeltes auseinander- und niederging. Unter diesem Zelte
stand auf einem Tische ein feiner Korb; in dem Korbe war ein feines
Bettchen, und in dem Bettchen war das Kind der beiden Eheleute, das
Mdchen, bei dem sie fter standen und die winzigen roten Lippen und die
rosigen Wangen und die geschlossenen uglein betrachteten. Zum Schlusse
war noch ein sehr schn gemaltes groes Bild in dem Zimmer, die heilige
Mutter mit dem Kinde vorstellend. Es war mit einer Faltung von dunklem
Sammet umgeben.

Die Frau waltete in ihrem Zimmer; sie besorgte alles Ntige, was das
Kindlein brauchte, beschftigte sich mit Arbeit, mit Lesen, mit Sticken,
mit Besorgung des Hauswesens und andern Dingen dieser Art. Sie verkehrte
nicht sehr viel mit der Auenwelt, so wie auch nicht hufig Frauen zu
ihr zum Besuche kamen.

Zu derselben Zeit, da dieses Ehepaar auf dem Sankt-Peters-Platze wohnte,
lebte in Wien auch ein anderer Mann, der von sich reden machte. Er war
ein glnzender Knstler, ein Schauspieler, und bildete damals das
Entzcken der Welt. Mancher alte Mann unserer Zeit, der ihn noch in
seiner Blte gekannt hat, gert in Begeisterung, wenn er von ihm
spricht, und erzhlt, wie er diese oder jene Rolle aufgefat und
dargestellt habe, und gewhnlich ist der Schlu solcher Reden, da man
jetzt dergleichen Knstler nicht mehr habe, und da alles, was die neue
Zeit bringe, keinen Vergleich mit dem aushalten knne, was die Vter in
dieser Art gesehen haben. Manche von uns, die sich jetzt dem hheren
Alter nhern, mgen jenen Schauspieler noch gekannt und mgen Leistungen
von ihm gesehen haben, aber wahrscheinlich haben sie ihn nicht in der
Mitte seines Ruhmes, sondern erst, da derselbe schon von dem Gipfel
abwrts ging, gekannt, obwohl er seinen Glanz sehr lange und fast bis in
das Greisenalter hinein behauptet hat. Der Mann namens Dall war
vorzglich im Trauerspiele berhmt, obwohl er auch in andern Fchern,
namentlich im Schauspiel, mit ungewhnlichem Erfolge auftrat. Es haben
sich noch Erzhlungen von einzelnen Augenblicken erhalten, in denen er
die Zuschauer bis zum uersten hinri, zur uersten Begeisterung oder
zum uersten Schauer, so da sie nicht mehr im Theater, sondern in der
Wirklichkeit zu sein meinten und mit Bangen den weiteren Verlauf der
Dinge erwarteten. Besonders soll seine Darstellung hoher Personen von
einer solchen Wrde und Majestt gewesen sein, da seither nicht mehr
dem hnliches auf der Bhne zum Vorschein gekommen sei. Ein sehr
grndlicher Kenner solcher Dinge sagte einst, da Dall seine Rollen
nicht durch knstliches Nachsinnen oder durch Vorbereitungen und
Einbungen sich zurechtgelegt, sondern da er sich in dieselben, wenn
sie seinem Wesen zusagten, hineingelebt habe, da er sich dann auf seine
Persnlichkeit verlie, die ihm im rechten Augenblicke eingab, was er zu
tun habe, und da er auf diese Weise nicht die Rollen spielte, sondern
das in ihnen Geschilderte wirklich war. Daraus erklrt sich, da, wenn
er sich der Lage grenzenlos hingab, er im Augenblicke Dinge tat, die
nicht nur ihn selber berraschten, sondern auch die Zuschauer
berraschten und ungeheure Erfolge hervorbrachten. Daraus erklrt sich
aber auch, da, wenn er in eine Rolle sich nicht hineinzuleben
vermochte, er sie gar nicht, nicht einmal schlecht, darstellen konnte.
Darum bernahm er solche Rollen nie und war durch kein Zureden und durch
kein noch so eindringliches Beweisen dazu zu bewegen.

Aus dem Gesagten erklrt sich aber auch das Wesen und die Lebensweise
Dalls auer dem Theater. Er hatte ein sehr einnehmendes uere, war in
seinen Bewegungen leicht und gefllig und trug seinen Krper als den
Ausdruck eines lebhaften und beweglichen Geistes, der sich durch dieses
Werkzeug sehr deutlich aussprach. Er war heiter, suchte seine Freude, wo
er sie fand, und liebte die gesellige Laune, daher man, wenn er hinter
einem Glase guten Weines bei plaudernden Freunden sa und selber
plauderte, unmglich glauben konnte, da das derselbe Mann sei, der
unsere Seele in seinen groartigen Darstellungen zu den tiefsten
Erschtterungen, zu Angst und Entsetzen und zu Freude und Entzcken
treiben konnte. Aber gerade weil er das war, was er spielte, und weil er
dafr in seinem Krper den treffendsten Ausdruck fand, so stellten sich
die Gefhle, die in seinem feurigen Geiste entstanden, auf der
Oberflche seines Krpers feurig dar, sei es in Bewegung, in Ausdruck,
in Stimme, und rissen hin. Darum war er der Liebling der Gesellschaft;
er belebte sie und gab ihr Empfindungen. Man suchte ihn und bestrebte
sich, ihn zu fesseln. Er bewegte sich in den mannigfachsten Kreisen und
lernte daraus die leichte und geebnete Freiheit seines Benehmens; aber
er wurde von keinem derselben gebannt: wie er sich im Spiele von seinem
Geiste leiten lie, so fhrte ihn derselbe auch unter Menschen, da er
mit ihnen lebe und empfinde, er fhrte ihn in die Natur, da er sie
anschaue und fhle; aber er entfhrte ihn auch wieder von den Menschen,
wenn seinem Geiste nichts mehr zur Bewegung gegeben wurde, und er
entfhrte ihn von der Natur, wenn ihre sanfte Sprache aufhrte ihn zu
erregen, und wenn er gewaltigere Eindrcke und tieferen Wechsel suchte.
Er lebte daher in Zustnden und verlie sie, wie es ihm beliebte.

Dieser Mann nun war mit dem Rentherrn bekannt, und man konnte sagen, da
er vielleicht in nichts so bestndig war als in dieser Bekanntschaft. Er
ging sehr gern, wenn er in was immer fr Umgebungen gewesen war, auf den
Sankt-Peters-Platz, stieg die vier Treppen empor, lutete an der Glocke
des Eisengitters, lie sich von der ltlichen Magd ffnen und ging durch
das Vorzimmer in die Heldenstube des Rentherrn. Da sa er und plauderte
mit dem Rentherrn ber die vielen verschiedenen Dinge, die dieser trieb.
Ja vielleicht kam er gerade deshalb so gern in die Gesellschaft des
Rentherrn, weil es da so Mannigfaltiges gab. Besonders war es die Kunst,
die Dall in allen ihren Gestalten, ja selbst Abarten anzog. Darum wurden
die Verse des Rentherrn besprochen, er mute auf einer seiner zwei
Geigen spielen, er mute auf der Flte blasen, er mute das eine oder
das andere Musikstck auf dem Flgel vortragen, oder man sa an der
Staffelei und sprach ber die Farben eines Bildes oder ber die Linien
einer Zeichnung. Gerade in dem letzteren war Dall am erfahrensten und
war selber ein bedeutender Zeichner. Zu den Pappgestalten des Rentherrn
gab er Lnge und Breite, er gab Beziehungen und Verhltnisse an.

In bezug auf die an die Wnde geklebten Bildnisse berhmter Mnner legte
er sich auf das niederste Ruhebett und musterte die untere Reihe durch.
Der Rentherr mute ihm bei jedem erzhlen, was er von ihm wute, und
wenn beide nichts Ausreichendes von einem Manne sagen konnten, als da
er berhmt sei, so suchten sie Bcher hervor und forschten so lange, bis
sie Befriedigendes fanden. Dann legte er sich auf die hheren
Ruhebetten, dann sa er auf dem nchsten, dann stand er, und endlich
befand er sich auf den verschiedenen Stufen der Leiter. Bei dieser
Gelegenheit lernte er die Bequemlichkeit solcher Ruhebetten kennen, und
der Rentherr mute ihm einen groen Rollsessel machen lassen, der eine
gepolsterte Rcklehne und gute Seitenarme hatte.

In diesem Rollsessel sa er gern, wenn er kam, und man berlie sich der
Plauderei.

Auf diese Weise verging eine geraume Zeit.

Endlich fing Dall ein Liebesverhltnis mit der Frau des Rentherrn an und
setzte es eine Weile fort. Die Frau selber sagte es endlich in ihrer
Angst dem Manne.

Dall mute davon gewut haben oder er mute es an dem Gewissen der Frau
gemerkt haben, da sie ihrem Manne das Verhltnis mit seinem Freunde
bekennen wrde. Denn er kam in diesen Tagen nicht, obwohl er sonst in
der letzten Zeit hufiger in die Wohnung am Sankt-Peters-Platze gekommen
war, als es in der frheren Zeit der Fall gewesen war.

Der Rentherr war in einer auerordentlichen Wut, er wollte zu Dall
rennen, ihm Vorwrfe machen, ihn ermorden; aber auch in seiner Wohnung
war Dall nicht zu finden, er spielte auch in jener Zeit nicht im
Theater, und man wute nicht, wo er war. Der Rentherr gab sich Mhe,
Dall aufzufinden, er ging alle Tage zu verschiedenen Zeiten in dessen
Wohnung, aber er fand ihn niemals, und die Leute sagten, Dall habe eine
kleine Erholungsreise gemacht. Dasselbe war auch in der Stadt in allen
Kreisen bekannt, und man sagte, der Knstler werde wohl bald wieder
zurckkehren und die Welt mit seinem Glanze erfreuen. Der Rentherr aber
lie sich nicht irremachen, er fuhr fort, Dall zu suchen. Er suchte ihn
in allen Teilen der Stadt, er suchte ihn an ffentlichen Pltzen, in der
Kirche, an Vergngungsorten, auf Spaziergngen, er suchte ihn neuerdings
in seiner Wohnung. Der Gesuchte war nirgends zu finden.

So trieb es der Rentherr eine geraume Weile fort. Pltzlich aber wurde
er sehr stille. Seine Freunde sahen, da die Unruhe, die ihn in der
letzten Zeit befallen hatte, verschwunden war. Er sa ruhig und sinnend.
Da ging er zu seinem Weibe und sagte, sie habe an Dall fallen mssen,
warum habe er ihn ins Haus gefhrt; sie habe ihm das Herz gegeben, wie
er es Tausenden an einem Schauspielabende aus dem Leibe nehme.

Selber gegen Freunde, denen aus leisen Vermutungen, die in der Stadt
herumgingen, die Sache im allgemeinen bekannt wurde, uerte er sich
bewut oder unbewut in einem Sinne, da sie eine Gemtslage in ihm
vermuten muten, wie die eben geschilderte war.

Auch Dall mute in seiner Entfernung von dem Stande der Sache Nachricht
erhalten haben, und er mute wissen, da der Rentherr ruhig sei; denn da
sich nichts Besonderes ereignete und die Dinge ihren Gang zu gehen
schienen, war Dall wieder in der Stadt und wurde wieder auf der Bhne
gesehen.

Eines Tages verschwand die Frau des Rentherrn. Sie war ausgegangen, wie
sie gewhnlich auszugehen pflegte, und war nicht wiedergekommen.

Der Rentherr hatte gewartet, er hatte bis in die Nacht gewartet; aber da
sie nicht erschien, hatte er gedacht, es knne sie ein Unglck betroffen
haben, und er fuhr in einem Mietwagen zu allen Bekannten und Freunden
und fragte, ob sie seine Gattin nicht gesehen htten; aber niemand wute
eine Auskunft zu geben. Am andern Tage zeigte er die Sache bei den
Behrden an; er forderte den Schutz der mter und er bekmmerte sich um
alle Verunglckten oder Aufgefundenen. Aber auch die mter fanden
nichts, und unter den Verunglckten, die sich vorfanden, war sie nicht,
und unter den Aufgefundenen, die sich als heimatlos auswiesen, war sie
nicht.

Da dachte der Rentherr, Dall knne sie irgendwohin gefhrt haben und
halte sie dort verborgen. Er ging zu Dall und forderte von ihm, da er
ihm sage, wo sein Weib sei, und da er ihm dasselbe zurckgebe. Dall
beteuerte, er wisse nichts von der Frau, er habe sie seit seinem letzten
Besuch in der Wohnung auf dem Sankt-Peters-Platze nicht mehr gesehen; er
gehe von seiner Wohnung nicht viel aus, und zwar nur in das Theater und
wieder zurck.

Der Rentherr ging nach Hause.

Nach einiger Zeit kam er wieder zu Dall, kniete vor ihm nieder, faltete
die Hnde und bat ihn um sein Weib. Dall erwiderte wieder, er wisse von
dem Weibe gar nichts, dasselbe habe sich nicht mit seinem Willen
entfernt, er kenne dessen Aufenthalt nicht und knne es nicht
zurckgeben.

Der Rentherr entfernte sich wieder.

Nach einigen Tagen kam er abermals, kniete abermals nieder und bat mit
gefalteten Hnden um sein Weib. Dall schwor, da er nicht wisse, wo die
Frau sei, und da er sie nicht zurckgeben knne.

Der Rentherr kam nach einigen Tagen noch einmal, tat dasselbe und bekam
dieselbe Antwort. Dann kam er nicht mehr. Er verabschiedete seine Magd,
er nahm das kleine Kindlein aus dem Bette, er nahm es auf den Arm, ging
aus seiner Wohnung, sperrte hinter sich zu und ging fort.

Wenn Freunde zu dem Rentherrn kamen, um ihn zu besuchen, so hrten sie
von den Leuten in dem Hause, der Rentherr sei fort, er msse eine Reise
angetreten haben; denn er habe das Kindlein mitgenommen und habe, obwohl
es Sommer war, den Mantel angehabt.

So stand die Wohnung in dem vierten Stockwerke des Hauses auf dem
Sankt-Peters-Platze leer, und das eiserne Gitter auf dem Gange war
geschlossen.

Als ein halbes Jahr vergangen war und weder der Rentherr zurckgekehrt
war noch auch jemand die Miete fr die Wohnung bezahlt hatte, zeigte der
Besitzer des Hauses den Vorfall bei der Obrigkeit an. Man lie mehrere
Freunde des Abwesenden kommen und fragte sie, ob sie dessen Aufenthalt
wten; allein keiner wute ihn. Man lie nach und nach alle kommen, von
denen man wute, da sie mit dem Rentherrn in Beziehung gewesen seien;
aber kein einziger konnte eine Auskunft geben. Auf das Anraten des
Gerichtes, und weil ihn sein eigenes Wohlwollen gegen den Rentherrn dazu
trieb, entschlo sich der Hausbesitzer, noch eine Zeit zu warten, ob der
Rentherr nicht etwa von selber zurckkehren wrde. Nach der Aussage der
Bewohner des Hauses und des Pfrtners desselben hatte der Rentherr nicht
das kleinste von seiner Wohnung fortbringen lassen; ja man erinnerte
sich nicht einmal genau, ob er bei seiner Abreise einen Koffer gehabt
habe oder nicht. Da man nun wute, da viele und kostbare Sachen in der
Wohnung seien, so war es wahrscheinlich, da der Rentherr nur verreist
sei, da ihn irgendein Zufall getroffen haben msse, der ihn hindere,
zurckzukehren oder eine Nachricht zu geben, und da er schon
wiederkommen werde.

Allein da bereits zwei Jahre vergangen waren, und da der Rentherr weder
selbst zurckgekehrt war noch auch eine Nachricht von sich gegeben
hatte, lie man ihn amtlich durch die Zeitungen auffordern, da er von
sich Nachricht zu geben und sich auszusprechen htte, ob er seine
dermalige Wohnung auf dem Sankt-Peters-Platze noch ferner behalten und
die Miete gesetzmig berichten wrde. Wenn in einer gegebenen Frist
keine Nachricht einginge, so wrde man seine Wohnung als aufgekndet
betrachten, wrde seine Zurcklassenschaft versteigern, davon die
angelaufene Miete bezahlen und den etwaigen Rest in gerichtliche
Verwahrung nehmen.

Allein auch die Frist verstrich, ohne da der Rentherr kam oder eine
Nachricht eintraf oder jemand erschien, der sich um die Wohnung annahm.

Da schritt man zur amtlichen ffnung derselben.

Ein Schlosser mute das Schlo des eisernen Gitters ffnen. Die ltliche
Magd erschien nicht mehr, die Leute in das Vorzimmer und in die Stube
des Rentherrn zu geleiten; ihr Kchenfenster war nicht glatt und rein
wie ehedem, sondern es war voll Staub und hing voll Spinngeweben. In der
Kche war alles wie nach dem Gebrauche; die Magd hatte vor ihrem
Weggange alles noch gereinigt und an seinen Platz gestellt; nur war
jedes Ding voll Staub, und die hlzernen Kferarbeiten waren zerfallen,
und die Reifen lagen um sie. In dem Vorzimmer waren die groen Ksten
mit Kleidern gefllt; von den wollenen flog eine Wolke Motten auf, die
andern waren unversehrt. Es hingen auch die Sachen der Frau da und
darunter schne seidene Gewnder. In dem Speisekasten befanden sich die
Egerte und das Silbergeschirr.

Da man das Zimmer des Rentherrn erffnet hatte, fand sich alles, wie es
sonst gewesen war. Der Flgel stand erffnet, die zwei Geigen waren da,
die Fcher mit den Flten; nur eine Flte fehlte. Auf der Staffelei war
ein angefangenes Bild, auf dem Schreibtische lagen Bcher und Schriften,
und das Bett war mit seiner feinen Decke berzogen. Die berhmten Mnner
waren bestaubt und von der eingeschlossenen Luft vergelbt. Die
Ruhebetten standen umher, aber sie waren lange nicht gerollt worden. Der
groe Armsessel des Schauspielers stand mitten in dem Zimmer.

In der Wohnung der Frau war schier keine Vernderung; es standen die
Gerte in der alten Ordnung, und es lagen die alten Sachen auf ihnen;
aber die kleinen Vernderungen, die doch vor sich gegangen waren,
zeigten, wie es hier anders geworden sei. Die schweren Vorhnge hingen
ruhig herab, da sie doch sonst bei den geffneten Fenstern sich leicht
bewegt hatten, die Blumen und Pflanzen standen als verdorrte Reiser, die
Uhr mit dem sanften Gange hatte auch diesen nicht, das Pendel hing
stille, und sie zeigte unabnderlich auf dieselbe Stunde. Die Linnen und
andern Arbeiten lagen wohl auf den Tischen, aber sie zeigten keine
anfassende Hand und trauerten unter dem Staube. In dem Seitengemache
hingen die weien Vorhnge in den vielen Falten hernieder, aber in den
Falten war der leichte, schnell rieselnde Staub; die heilige Mutter
schaute von dem Bilde nieder, die rote Umhllung war grau; der
vergoldete Engel hielt die Spitze des Linnenzeltes, aber auf dem Linnen
lag der Staub, und unter ihnen war der leere Korb, und in ihm nicht mehr
das rosige Angesicht des Kindes.

Das Amt nahm alle Gegenstnde dadurch in Empfang, da es dieselben in
ein Buch verzeichnete. Dann wurden sie in zwei Zimmer zusammengestellt,
da man sie besser bersehen und berwachen knnte. Hierauf wurde die
Wohnung wieder verschlossen und versiegelt.

Unter den vorgefundenen Sachen war nichts, was von dem Aufenthalte und
den weiteren Verhltnissen des Rentherrn htte Kunde geben knnen. Auch
kein Geld wurde gefunden; man vermutete, da er alles bare auf die Reise
mitgenommen habe.

Der Tag der Versteigerung wurde anberaumt, und als diese vor sich
gegangen war, wurde ein Teil des Erlses dem Besitzer des Hauses als
angewachsener Mietbetrag samt dessen Zinsen gegeben, der Rest fr den
abwesenden Rentherrn von dem Amte in Verwahrung genommen. Die Helden
waren smtlich von den Wnden abgelst worden, die Wohnung in dem
vierten Stockwerke im Hause auf dem Sankt-Peters-Platze stand leer, und
auf einem an dem Tore desselben angeschlagenen Zettel war zu lesen, da
sie an einen neuen Mieter zu vergeben sei.

Die Sache hatte in Wien groes Aufsehen gemacht; man hatte mehr oder
minder eine Ahnung von dem wahren Sachverhalte und redete eine geraume
Zeit davon. Einmal ging die Sage, der Rentherr sei in den bhmischen
Wldern, wohne dort in einer Hhle, halte das Kind in derselben
verborgen, gehe unter Tags aus, um sich den Lebensunterhalt zu erwerben,
und kehre abends wieder in die Hhle zurck. Aber es kamen andere
Ereignisse der groen Stadt, wie sich berhaupt die Dinge in solchen
Orten drngen; man redete von etwas anderem, und nach kurzem war der
Rentherr und seine Begebenheit vergessen.

Es war seit der Zeit, in welcher sich das zugetragen hatte, was oben
erzhlt worden ist, eine Reihe von Jahren vergangen. Die Erzhlung rhrt
von einer Freundin her, welche den Knstler recht gut gekannt hat, und
welche das genauere Verhltnis desselben zur Familie des Rentherrn von
seinen Freunden erfahren hatte. Denn sie selber war zur Zeit, da die
Begebenheit sich zugetragen hatte, noch zu jung gewesen, um viel von ihr
berhrt zu werden. Wir lassen nun aus ihrem Munde das Weitere folgen.

Vor ziemlich langer Zeit, erzhlte sie, als ich mit meinem Gatten
erst einige Jahre vermhlt war, hatten wir eine sehr angenehme und
freundliche Vorstadtwohnung. Mein Gatte konnte recht leicht den kleinen
Weg in die Stadt, in welche ihn tglich seine Amtsgeschfte riefen,
zurcklegen; ich kam nicht oft hinein, weil ich mit meiner Huslichkeit
sehr viel beschftigt war, weil mir damals die kleinen Kinder viel zu
tun gaben, weil ich mich ihrer Pflege sehr gern widmete, und wenn ich
doch in die Stadt mute, so war, wenn es schn war, der Weg nur ein
Spaziergang, und am Ende kostete bei schlechtem Wetter ein Wagen auch
nicht gar viel. Fr die Kinder aber war die luftige und freie Wohnung,
zu welcher auch ein gerumiger Garten gehrte, von entschiedenem
Vorteile, und ein bedeutender Arzt, der Freund meines Mannes, widerriet,
als der letztere einmal die Wohnung aufgeben wollte, ihm diesen Vorsatz
auf das eindringlichste. Die Fenster eines Teils der Wohnung gingen auf
den Garten und ber ihn weg auf andere Grten und endlich auf die nahen
Weinberge und Waldhgel der Umgebung. Hier war hauptschlich ich mit den
Kindern. Die vorderen Fenster sahen auf die breite, gerade und schne
Hauptstrae der Vorstadt, in welcher ein angenehmes, nicht zu bewegtes
Leben herrschte, Kaufbuden und Warenstnde waren und Wagen fuhren und
Menschen gingen. In diesem Teile der Wohnung war unser Gesellschaftszimmer,
noch ein schnes Zimmer und das Arbeitsgemach meines Mannes. Die
Entfernung zwischen der Stadt und dem Lande war so gleich und so kurz,
da wir zu keinem einen groen Weg zurckzulegen hatten.

Als einmal ein sehr schner, milder Morgen war -- ich glaube, es war zur
Zeit des Frhlingsanbruches--, als mein Gatte bereits in der Stadt war,
die Kinder aber sich in der Schule befanden, lie ich mich von der
einschmeichelnden Luft bewegen, die Fenster zu ffnen, um die Wohnung zu
lften, und bei dieser Gelegenheit, wie das immer so folgt, auch ein
wenig Staub abzuwischen, aufzurumen und dergleichen. Wir hrten in
unserer Wohnung gern das Kirchenglcklein des Krankenhauses, wenn es zur
Messe rief, und ich ging nicht selten, wenn ich eben danach angekleidet
war, hinber, meine Andacht zu verrichten. Eben tnte auch wieder das
Glcklein durch die Lfte, als ich bei einem Fenster unsers schnsten
Zimmers gegen die Strae hinaussah und ein Abwischtuch ausschwang. Ich
hatte aber auer dem Klingen des Glckleins auch noch einen andern
Eindruck, der mich bewog, noch ein Weilchen an dem Fenster zu bleiben.
Da ich nmlich hinuntersah, was denn fr Leute gingen, erblickte ich ein
seltsames Paar. Ein Mann, nach dem Rcken zu schlieen, den er mir
zukehrte, schon ziemlich bejahrt, mit einem dnnen, gelben
Moldonrckchen, blablauen Beinkleidern, groen Schuhen und einem
kleinen, runden Htchen angetan, ging auf der Strae dahin; er fhrte
ein Mdchen, das ebenso seltsam gekleidet war in einem braunen berwurf,
der ihr fast wie eine Toga um die Schultern lag. Das Mdchen hatte aber
einen so groen Kopf, da es zum Erschrecken gereichte, und da man
immer nach demselben hinsah. Beide gingen mig schnell ihres Weges,
aber beide so unbeholfen und ungeschickt, da man sogleich sah, da sie
Wien nicht gewohnt seien, und da sie sich nicht so zu bewegen
verstnden wie die andern Menschen. Aber bei aller Unbeholfenheit und
Ungeschicklichkeit war der Mann doch noch beflissen, das Mdchen zu
leiten, mit ihm den fahrenden Wagen auszuweichen und es vor dem
Zusammenstoe mit Personen zu hten. Sie schlugen gerade den Weg ein,
der zu dem Kirchlein fhrte, von dem eben das Glcklein tnte.

Von Neugierde getrieben und weil ich dachte, da der Mann etwa das
Mdchen in die Messe fhre, beschlo ich, auch dahin zu gehen, meine
Andacht zu verrichten und nebenbei auch etwas Nheres von den beiden zu
erfahren oder sie zu betrachten. Ich kleidete mich schnell an, warf ein
Tuch um, setzte den Hut auf und ging fort. Ich bog in das kleine Gchen
ein, das von unserer Hauptstrae um die Ecke der Soldatenarzneischule
herum gegen die Gegend des Kirchleins fhrt, wohin ich die zwei Menschen
hatte einlenken gesehen; allein ich erblickte sie nicht in dem Gchen.
Ich ging dasselbe entlang, ging durch den Schwibbogen, der dasselbe
damals noch schlo, wendete ich um die Huserecke und wandelte bis zur
Kirche; aber ich sah sie nirgends. Auch in der Kirche, in der wenig
Menschen waren, erblickte ich sie nicht. Ich verrichtete nun meine
gewhnliche Andacht, vertiefte mich in dieselbe, und da die Messe
vorber war und ich mich zum Fortgehen rstete, sah ich noch einmal
ringsherum, um ihnen Hilfe anzubieten, wenn sie deren vielleicht
bedrfen; allein ich hatte mich geirrt, das Paar war wirklich nicht in
der Kirche. Ich verfgte mich nun wieder nach Hause.

Es war seit diesem Vorfalle eine bedeutende Zeit vergangen, und ich
hatte ihn lngst vergessen, als ich mit meinem Gatten einmal in einer
sehr schnen Nacht von der Stadt nach Hause ging. Wir waren in dem
Theater in der Hofburg gewesen, und da die Nacht gar so schn und heiter
war, so bestimmte uns dieser Umstand, das Anerbieten eines Freundes, der
mit uns der Vorstellung beigewohnt hatte, anzunehmen und, bevor wir nach
Hause gingen, noch ein wenig bei seiner Familie einzutreten. Wie es zu
geschehen pflegt, man sprach dort von dem Stcke, man stritt hinber und
herber, man brachte Erfrischungen, und es wurde Mitternacht, ehe wir
aufbrachen. Wir lehnten den Antrag unseres Freundes, uns seinen Wagen zu
geben, ab und sagten, es wre ein Raub an dieser schnen Nacht, wenn wir
in dem Wagen sen und den freien Raum, der zwischen der Stadt und der
Vorstadt ist, durchflgen, statt ihn langsam zu durchwandeln und seine
freie, erhellte Schnheit zu genieen. Man widersprach uns nicht mehr,
und wir machten uns zu Fu auf.

Als wir aus dem Tore hinaustraten und die Stadt hinter uns lieen,
empfing uns der heitere groe Grasplatz mit seinen vielen Bumen, und
eine wirklich herrliche Mondnacht stand ber dem Raume. Ein ungeheurer
Himmel, wie aus einem Edelsteine gegossen, war ber der groen Rundsicht
der Vorstdte, nicht ein einziges Wlklein war an ihm, und von seinem
Gipfel schien das Rund des Mondes lichtausgieend nieder. Wir wandelten
an der Reihe der Bume, die den Fahrweg sumten, dahin; mancher einzelne
Wanderer und manches Paar begegneten uns. Weil die Nacht so duftend und
beinahe sdlich war, machten wir den Weg ber den freien Raum noch
einmal hin und zurck, so da wir endlich beinahe die letzten auf dem
Platze waren. Wir wendeten uns nun auch, um nach Hause zu gehen. Als wir
an der Huserreihe unserer Vorstadt hin gingen und uns kein Mensch mehr
begegnete, merkten wir, da wir doch nicht die einzigen waren, welche
von dieser schnen Mondnacht angezogen wurden, sondern da auch noch ein
anderer von ihren Strahlen in seinem Herzen erregt war; denn wir hrten
in der allgemeinen Stille, die nur durch unsere Tritte und durch manchen
fernen Ruf einer Nachtigall unterbrochen wurde, ein seltsames
Fltenspiel. Wir hrten es anfangs ganz leise, dann, da wir weiterkamen,
lauter. Wir blieben ein wenig stehen, um zu horchen. Wenn es ein
gewhnliches Fltenspiel gewesen wre, wrden wir wahrscheinlich bald
weitergegangen sein; denn es ist nichts Seltenes, da man auch noch spt
in der Nacht aus irgendeinem Hause unserer Stadt Musik hrt; aber das
Fltenspiel war so sonderbar, da wir lnger stehen blieben. Es war
nicht ein ausgezeichnetes Spiel, es war nicht ganz stmperhaft, aber was
die Aufmerksamkeit so erregte, war, da es von allem abwich, was man
gewhnlich Musik nennt, und wie man sie lernt. Es hatte keine uns
bekannte Weise zum Gegenstande; wahrscheinlich sprach der Spieler seine
eigenen Gedanken aus, und wenn es auch nicht seine eigenen Gedanken
waren, so gab er doch jedenfalls so viel hinzu, da man es als solche
betrachten konnte. Was am meisten reizte, war, da, wenn er einen Gang
angenommen und das Ohr verleitet hatte mitzugehen, immer etwas anderes
kam, als was man erwartete und das Recht hatte zu erwarten, so da man
stets von vorn anfangen und mitgehen mute und endlich in eine
Verwirrung geriet, die man beinahe irrsinnig htte nennen knnen. Und
dennoch war trotz des Unzusammenhanges eine Trauer und eine Klage und
noch etwas Fremdartiges in dem Spiele, als erzhlte der Spieler in
ungefgen Mitteln seinen Kummer. Man war beinahe gerhrt.

Das ist sonderbar, sagte mein Gatte, der mu das Fltenspiel auf
einem eigentmlichen Wege gelernt haben; er stimmt richtig an, er fhrt
nicht fort, er verhaftet die Sache, er kann mit dem Hauche nicht
aushalten, er berstrzt ihn und reit ihn ab und hat doch eine Gattung
Herz darin.

Wir konnten auch nicht ergrnden, woher das Spiel kam; fast htten wir
geglaubt, da es aus dem alten Perronschen Hause klinge, in dessen Nhe
wir uns befanden; aber das Haus war im Begriffe abgetragen zu werden, es
war schon nur mehr sehr wenig bewohnt, und die Tne klangen durchaus
nicht, als kmen sie von irgendeinem Fenster herab.

Als wir noch ein Weilchen gestanden waren, gingen wir weiter, das
seltsame Fltenspiel wurde hinter uns undeutlich, endlich hrten wir es
gar nicht mehr; wir kamen nach Hause und begaben uns neben unsern
Kindern, die schon mehr als die Hlfte ihres erquickenden Schlafes
ausgeschlafen hatten, zur Ruhe.

Nach dieser Begebenheit verging wieder eine geraume Zeit.

Wer schon lnger in unserer Stadt lebt, wird sich noch des alten
Perronschen Hauses erinnern. Wer berhaupt etwa fnfzehn bis zwanzig
Jahre her Wien kennt, der wird wissen, da diese Stadt in bestndigem
Umwandeln begriffen und da sie trotz ihres Alters eine neue Stadt ist;
denn die Huser werden immer nach neuer Art und zu dem Zwecke der
Bentzung umgebaut; alte, unvernderliche Denkmale, wie etwa die Kirche
von Sankt Stephan, gibt es zu wenige, als da sie der Stadt ein
allgemeines Aussehen aufdrcken knnten, und so sieht sie immer wie eine
von gestern aus. Das alte Perronsche Haus stand an der Hauptstrae der
Vorstadt, in welcher wir wohnten, und war nicht gar weit von unserer
Wohnung entfernt. Es hatte noch die Eigentmlichkeit, welche die
jetzigen jungen Bewohner der Hauptstadt nicht mehr kennen, da es
unterirdische Wohnungen hatte. Die Fenster solcher Wohnungen gingen
gewhnlich dicht an dem Pflaster der Straen heraus. Sie waren nicht
sehr gro, hatten starke eiserne Stbe, hinter denen sich gewhnlich
noch ein dichtes, eisernes Drahtgitter befand, das, wenn der Bewohner
nicht besonders reinlichkeitliebend war, mit dem hingeschleuderten und
getrockneten Kote der Strae bedeckt war und einen traurigen Anblick
gewhrte. Das Perronsche Haus war auch ohnedem schon ein sehr altes
Haus; es sah schwarz aus und hatte Verzierungen aus sehr alten Zeiten.
Es ging nur mit seiner schmleren Seite auf die Strae; mit den greren
Rumen ging es gegen einen Garten zurck. Es hatte ein kleines
Pfrtlein, das mit dunkelroter, fast schwarz gewordener Farbe
angestrichen und mit vielen metallenen Ngeln beschlagen war, deren
Stoff man nicht mehr erkennen konnte, weil sich die breiten Kpfe mit
Schwrze berzogen hatten. Es war wohl neben dem Pfrtchen ein greres
Haustor, aber dasselbe war seit undenklichen Zeiten nicht mehr bentzt
worden; es war geschlossen, es war voll Straenkot und Staub und hatte
zwei Querbalken, die mit eisernen Klammern an der Mauer befestigt waren.

Wir hatten damals einen Freund, der es auch in allen folgenden Zeiten
geblieben ist. Es war der Professor Andorf. Er war unvermhlt, war ein
heiterer, freundlicher Mann, voll geistiger Anlagen, er hatte ein
warmes, empfindendes Herz und war fr alles Gute und Schne empfnglich.
Er kam sehr oft zu uns, war mit meinem Manne in gelehrten Verbindungen,
und es wurde fter etwas Schnes vorgelesen oder Musik gemacht oder
traulich von verschiedenen Dingen gesprochen. Dieser Professor Andorf
wohnte in dem Perronschen Hause; er wohnte nicht einmal auf die Gasse
heraus, sondern in dem Hofe. Er hatte freiwillig diese Wohnung gewhlt,
weil sie fr seine Beschftigungen, die im Lesen, Schreiben oder etwas
Klavierspielen bestanden, sehr ruhig war; und obwohl er ein heiterer,
geselliger Mann war, hatte er doch gerade diese Wohnung gewhlt, weil es
seinen dichtenden Krften, die sich nicht sowohl im Hervorbringen als
vielmehr im Empfangen uerten, zusagte, das allmhliche Versinken,
Vergehen, Verkommen zu beobachten und zu betrachten, wie die Vgel und
andere Tiere nach und nach von dem Mauerwerke Besitz nahmen, aus dem
sich die Menschen zurckgezogen hatten; es gehe ihm in der Welt nichts
darber, pflegte er zu sagen, an einem Regentage an seinem Fenster zu
stehen und das Wasser von den Disteln, dem Huflattich und den anderen
Pflanzen, die in dem Hofe stehen, niedertrufeln und die Nsse sich in
den alten Mauern herabziehen zu sehen.

Einmal sagte mein Gatte, da er schon angezogen war und eben in sein Amt
gehen wollte: Da ist ein Buch, es gehrt dem Professor Andorf, es ist
sehr wichtig, mir ist daran gelegen, da es nicht in fremde Hnde komme;
sei so gut, schlage es in ein Papier ein, siegle das Papier zu und
schicke das Buch durch jemand Zuverlssigen an den Professor. Ich hatte
nicht mehr Zeit, das Geschft selber zu besorgen, und wende mich daher
an dich.

Er legte das Buch auf mein Nhtischchen; ich sagte ihm zu, da ich
seinen Auftrag vollziehen wrde, und er ging fort, um sich an seine
Dienstgeschfte zu begeben.

Da mir aber im Laufe des Vormittags einfiel, da ich ohnedem in die
Stadt gehen msse, und da ich da an dem Perronschen Hause vorbergehe,
so dachte ich, da ich bei dieser Gelegenheit das Buch selber abgeben
knnte, so knne es ganz gewi in keine unrechten Hnde kommen. Ich
beschlo, also so zu tun. Da die Zeit gekommen war, kleidete ich mich
an, tat das Buch in meine Arbeitstasche, die ich gern am Arme
mitzutragen pflege, und machte mich auf den Weg. Als ich zu dem
Perronschen Hause gekommen war, drckte ich auf die Klinke des kleinen,
roten Pfrtchens. Ich war nie in dem Hause gewesen. Die Klinke gab
leicht nach, und das Pfrtchen ffnete sich. Als ich aber in dem Gange
stand, der sich hinter dem Pfrtchen ffnete, sah ich mich vergeblich
nach einer Stube oder Wohnung um, in der ein Pfrtner oder dergleichen
wre, der mir Auskunft geben knnte. Ich ging also in dem Gange weiter,
der mir keine Treppe in die hheren Stockwerke zeigte, und gelangte in
den Hof. Derselbe war mit groen, aber zum Teile schon zerbrochenen
Steinen gepflastert. Ich sah da die Pflanzen des Professors Andorf
stehen, die ihn bei dem Regen mit ihrem triefenden Wasser ergtzten, ich
sah aber auch bei allen Fugen der Steine das Gras herausstehen, das
schn und unzertreten wuchs. An den Mauern, die den Hof bildeten, sah
ich mehrere Tore, die zu Stallungen oder Wagenbehltern fhren mochten,
aber die Tore wurden nie geffnet, was ihr ausgewittertes, vertrocknetes
und zum Teil zerfallenes Aussehen, das hohe Gras zu ihren Fen und die
braunverrosteten Angeln bewiesen. Es waren auch drei Mndungen, die zu
Treppen fhrten, aber die Mndungen sahen unwirtlich aus, und die
Treppen schienen nicht betreten zu werden. Unter den erblindeten oder
blulich schillernden oder teils mit hlzernen Lden verschlossenen
Fenstern sah ich auch einige mit reinem Glase, hinter denen weie
Vorhnge waren. Ich schlo, da diese zu der Wohnung des Professors
gehren mochten, wute aber nicht, wie ich zu dieser Wohnung
hinangelangen knnte.

In diesem Augenblick hrte ich leise Tritte hinter mir und vernahm eine
nicht unangenehme, etwas feine Mnnerstimme, die sagte: Wnschen Sie
etwas?

Ich wendete mich um und sah ein Mnnchen hinter mir stehen, das
sprliche graue Haare auf dem Haupte und einen schlichten Ausdruck in
dem Angesichte hatte. Es war nicht eigentlich angekleidet; denn es hatte
nur linnene Beinkleider an, eine hnliche Jacke, auf dem Kopfe nichts
und an den Fen Pantoffeln.

Ich suche den Herrn Professor Andorf, sagte ich.

Was wnschen Sie denn von dem Herrn Professor Andorf? erwiderte er.
Kann ich vielleicht eine Botschaft oder eine bergabe bestellen? Der
Herr Professor ist nicht zu Hause.

Ich sah den Mann nher an. Er hatte ein lngliches Angesicht und blaue
Augen. Seine Miene stie nicht ab.

Ich htte ein Buch zu bergeben, sagte ich, das nur in seine Hnde
gehrt; aber da er nicht zu Hause ist, so kann das Buch auch ein anderes
Mal zu ihm kommen, mein Gatte kann es ein anderes Mal herberschicken.

Ich bin der Pfrtner des Hauses, erwiderte er, Sie knnen mir das
Buch schon anvertrauen; wenn Sie es aber vorziehen, es ihm selbst zu
bergeben oder durch jemand Ihrer Leute bergeben zu lassen, so treffen
Sie den Professor tglich bis neun Uhr frh und meistens auch zwischen
vier Uhr und sechs Uhr nachmittags.

Da ich unschlssig zauderte und ihn ansah, sagte er: Verehrte Frau,
geben Sie mir das Buch; ich werde es behutsam anfassen, da es nicht
schmutzig werde, ich werde nicht in dasselbe hineinsehen und werde es
sogleich, wenn der Herr Professor Andorf nach Hause kommt, in seine
Hnde geben.

Ich sah ihn wieder an. Das Anstndige in seiner Stellung fiel mir auf.
Seine Worte waren in dem wenigen, was er mir sagte, sehr gewhlt, wie
man es in der besseren Gesellschaft findet; nur seine blauen Augen
hatten etwas Unstetes, als blickten sie immer hin und her. Ich hatte
nicht den Mut, ihn durch Mitrauen zu krnken, ich nestelte meine
Arbeitstasche auf, zog das Buch hervor und gab es in seine Hnde. Ich
hatte es in kein Papier eingeschlagen, weil ich es selber zu bergeben
gedachte. Er bemerkte den Umstand gleich und sagte: Ich werde das Buch
in ein Papier einwickeln, werde es so liegen lassen, bis der Herr
Professor kommt, und werde es ihm so bergeben.

Ja, tun Sie das, sagte ich, und mit diesen Worten schied ich aus dem
Hause.

Aber kaum war ich auf der Gasse, so bemchtigte sich meiner eine Unruhe.
Etwa zwanzig Schritte von dem roten Pfrtlein an der Mauer des nchsten
Hauses sa gern eine Obstfrau. Sie sa jeden Tag da, wenn nicht gar ein
zu abscheuliches Wetter war; denn an gewhnlichen Regentagen hatte sie
einen breiten Schirm ber ihr Warenlager ausgebreitet. Ich kannte die
Frau sehr gut und hatte oft schon fr die Kinder von ihr Obst gekauft.
Zu dieser Frau ging ich hin. Ich fragte sie, ob sie den Pfrtner des
Perronschen Hauses kenne. Sie sagte, da sie ihn kenne, da er ein
ordentlicher Mann sei, da, wenn er ausgehe, er gewi immer vor Anbruch
der Nacht nach Hause komme. Man knne ihm nichts nachsagen, er sei sehr
still. brigens sei es schon daran, da man das Perronsche Haus umbauen
msse; es wohnen schon nicht mehr viele Leute darinnen, vornehme schon
gar nicht, wenn man den Herrn Professor Andorf ausnehme, wie ich ja
selber sehr gut wisse, und in wenig Jahren werde gar niemand mehr darin
wohnen wollen. Wenn Herr Perron nicht immer in fremden Lndern wre, so
wrde er wissen, wie es mit dem Hause stehe, da es ihm nicht viel
eintrage, und da er besser fahren wrde, wenn er es niederrisse und ein
anderes an dessen Stelle aufbaute.

Ich kaufte von der Frau einiges Obst, tat es in meine Tasche und setzte
meinen Weg in die Stadt fort.

Als mein Gatte nach Hause gekommen war und wir bei dem Mittagessen
saen, drckte mich das Gewissen, und ich sagte ihm, was ich getan habe:
aber er nach seiner ihm von jeher innewohnenden Gte und Milde beruhigte
mich und sagte, ich htte vollkommen recht getan; er selber, wenn er das
Buch hinbergetragen htte und ihm das gleiche begegnet wre, htte
nicht anders gehandelt. Das Buch wrde schon in die rechten Hnde
kommen. Desungeachtet fragte ich den Professor, als er das erstemal nach
dieser Begebenheit zu uns kam, ob er das Buch erhalten habe; ich htte
es in die Hnde des Pfrtners des Perronschen Hauses gegeben.

Das Buch habe ich erhalten, sagte der Professor, aber ich habe
geglaubt, da Sie es mir durch jenen alten Mann berschickt haben. Da
wir im Perronschen Hause einen Pfrtner besitzen, habe ich gar nicht
gewut, und wenn wir einen haben, so mu er der stillste Pfrtner der
Welt sein; denn ich habe nie etwas von ihm vernommen. Ich habe einen
Schlssel, durch den ich mir das Pfrtchen ffne, wenn ich so spt nach
Hause komme, da es schon verschlossen ist. brigens tut es mir leid,
da ich nicht zu Hause gewesen bin, da Sie in das Perronsche Haus
gekommen sind, da ich Sie htte empfangen und Ihnen die vorkommenden
Merkwrdigkeiten des Hauses htte zeigen knnen.

Wieder war seit diesem Vorfalle eine bedeutende Zeit vergangen, als sich
ein neues Merkmal zutrug. Unser ltester Sohn Alfred kam einmal von der
Schule nach Hause. Er lief die Treppe heran, er strzte in die Stube und
rief: Mutter, ich habe ihm nichts getan; Mutter, ich habe ihm nichts
getan.

Alfred, sagte ich, was ist dir denn?

Mutter, du weit das Perronsche Haus, erwiderte er; da ging ich auf
dem breiten Pflaster des Weges fr die Fugnger, und da sah ich einen
Raben auf dem Pflaster sitzen, der sich nicht frchtete, der nicht
fliegen zu knnen schien, und der vor mir, da ich mich nherte, herging.
Ich duckte mich ein wenig, sprach zu ihm, langte nach ihm, und er lie
sich fangen. Mutter, ich habe ihm nichts getan, ich habe ihn nur
gestreichelt. Da sah bei den Erdfenstern des Perronschen Hauses ein
frchterlich groes Angesicht heraus und schrie: 'La, la!'

Ich blickte nach dem Kopfe hin; er hatte starre Augen, war sehr bla
und war erschreckend gro. Ich lie den Raben aus, richtete mich empor
und lief nach Hause. Mutter, ich habe ihm wirklich nichts getan, ich
habe ihn blo streicheln wollen.

Ich wei, Alfred, ich wei, sagte ich; lege deinen Schulsack ab, gehe
in die Kinderstube, da wirst du dein Nachmittagbrot bekommen und schlage
dir den Raben aus dem Sinn, es liegt nichts an ihm.

Der Knabe kte mir die Hand und ging leichten Gemtes in die
Kinderstube.

Aber mein Gemt war nicht so leicht, es war nachdenklich geworden. Mir
fiel nun das vor vieler Zeit gesehene Paar ein, dem ich einmal in der
Richtung nach der Kirche des Krankenhauses nachgegangen bin. Das Mdchen
hatte auch damals einen nach des Knaben Ausdruck frchterlich groen
Kopf gehabt. Ich fing nun an, die Begebenheiten zu verbinden. Wenn der
von Alfred gesehene Kopf der nmliche gewesen ist, den ich an jenem
Mdchen wahrgenommen hatte, so mu das Mdchen in einer unterirdischen
Wohnung des Perronschen Hauses wohnen. Wenn ich nun an den Pfrtner des
Perronschen Hauses dachte, dem ich das Buch fr den Professor Andorf
gegeben hatte, so drfte derselbe, wie mir jetzt vorkam, ungefhr die
Gestalt und Gre des Mannes haben, den ich mit dem Mdchen ber die
Strae gehen gesehen hatte. Dann war der Pfrtner vielleicht der Vater
des Mdchens.

Mir fiel auch noch einmal auf, wie ordentlich, ja anstndig sich damals
der Pfrtner benommen hatte, als er mir das Buch fr den Professor
Andorf abgentigt hatte, wie ausgewhlt und gut seine Sprache gewesen
sei, so da es den Anschein hat, als sei hier etwas Besonderes im
Spiele. Dies steigerte meine Teilnahme noch mehr, und ich nahm mir vor,
gelegentlich dem Pfrtner des Perronschen Hauses nachzuforschen und,
wenn etwa eine Hilfe notwendig sein sollte, sie nach den kleinen
Mitteln, die mir zu diesem Zwecke gegeben waren, zu leisten.

Die Zeit, in welcher Alfred die Begegnung mit dem Raben gehabt hatte,
war im Sptherbst gewesen. In dem sehr milden Winter, der darauf folgte,
ging ich oft mit meinem Gatten in die Stadt. Wir gingen zum Teil zu
Freunden, zum Teil besuchten wir auch das Theater, von dem ich damals
eine sehr groe Freundin gewesen war. Wenn wir in der Nacht nach Hause
gingen, hrten wir noch einige Male das seltsame Fltenspiel, das wir in
jener Mondnacht gehrt hatten, und wir vernahmen jetzt deutlich, da es
aus den unterirdischen Wohnungen des Perronschen Hauses kam.

Die Gelegenheit aber, mit dem Pfrtner des Perronschen Hauses bekannt zu
werden, war nicht leicht zu finden. Zuerst wollte ich nicht zudringlich
sein, dann war der Professor Andorf so wenig mit dem Pfrtner des Hauses
bekannt, da er nicht einmal gewut hatte, da das Haus einen Pfrtner
habe, und endlich kam berhaupt niemand in das Perronsche Haus, durch
den eine Verbindung htte eingeleitet werden knnen. Es verging ein Teil
des Winters, ohne da ich mein Vorhaben ins Werk setzen konnte.

Einmal war ich damit beschftigt, unsere schneren Zimmer ein wenig zu
ordnen. Wir hatten am Tage vorher eine Gesellschaft bei uns gehabt, und
es war manches in Unordnung geraten. Da hrte ich von der Gasse herauf
ein Gesumme und Gebrause, und da ich ein Fenster ffnete und
hinabschaute, sah ich mehrere Menschen an dem Pfrtchen des Perronschen
Hauses stehen und sah, da noch immer mehrere hinzugingen und sich zu
ihnen gesellten. Ich rief eines meiner Dienstmdchen und schickte
dasselbe hinab, um fragen zu lassen, was es denn gbe.

Das Mdchen kam nach einer Weile zurck und sagte, der Pfrtner des
Perronschen Hauses habe sich erschlagen. Ich warf sogleich einen Mantel
um, ging hinab und ging gegen das Perronsche Haus. Ich wollte mich aber
mit den Leuten, die vor dem roten Pfrtchen standen, in kein Gesprch
einlassen, sondern ging zu der mir bekannten Obstfrau, die bei ihrem
Stande sa, und fragte: Was ist es denn gewesen, und wie kann sich denn
ein Mensch selber erschlagen?

Es hat sich niemand erschlagen, antwortete die Frau, es ist nur der
Pfrtner des Perronschen Hauses gestorben. Vor einer Viertelstunde, da
eben niemand an dieser Seite der Huser ging, kam das Mdchen, seine
Tochter, aus der Wohnung zu mir und sagte mir heimlich, da der Vater
tot sei. Dann ging es gleich wieder in das Perronsche Haus zurck. Ich
aber rief den Lehrling des Schusters da herber, sagte es ihm und sagte,
da er auf das Stadthaus gehen und dort die Meldung von dem machen mge,
was mir das Mdchen gesagt habe. Der Lehrling wird es auf dem Wege den
Leuten vertraut haben, darum sind sie schon gekommen. Aber von dem
Stadthause mu auch bald jemand da sein, ein Amtmann, ein Arzt, ein
Beschauer, ein Geschworener oder wer es sein mag.

Whrend der Rede der Frau hatten sich noch mehr Menschen angesammelt; es
ging aber niemand von ihnen durch das rote Pfrtchen hinein, entweder
aus Achtung vor dem Toten, der im Innern lag, oder aus Scheu vor dem
seltsamen Perronschen Hause.

Endlich kamen auch die von dem Amte Abgeordneten, den Befund
aufzunehmen.

Diese Frau hat es mir gesagt, sagte der Lehrling, der auf die Obstfrau
zeigte.

Die Obstfrau mute mit den Amtsabgeordneten gehen. Sie tat es gern,
nachdem sie zuvor ein groes, weies Tuch auf ihren Obstkram gebreitet
hatte. Ich nannte mich den Amtsleuten und bat, mich mit in die Wohnung
zu nehmen, weil ich im Sinn habe zu helfen, wenn dort etwas nottun
sollte. Man gestand es gern zu. Der Lehrling, als in der Anzeige
beteiligt, mute ebenfalls mit.

Als wir zu dem Pfrtchen gelangt waren, drngte sich alles nach
demselben, aber die Mnner des Amtes sagten, da niemand, der nicht zu
dem Amte gehre oder von demselben aufgefordert sei, in das Innere des
Hauses drfe. Hierauf wurden zwei Diener der ffentlichen Sicherheit zu
beiden Seiten des Pfrtchens gestellt, das Pfrtchen wurde geffnet, wir
gingen hinein; die Sicherheitsdiener stellten sich dann in die Mndung
des Pfrtchens und lieen niemand mehr hinein.

Wir begaben uns durch den Gang, der hinter dem Pfrtchen war, in den Hof
und von dem Hofe unter die Einfahrt, welche durch das Tor geschlossen
war, und in der Seitenmauer der Einfahrt zeigte sich eine Tr. Die Tr
wurde geffnet. Hinter ihr ging eine Treppe in die Tiefe hinunter. Als
dort gelegen wurde die Wohnung des Pfrtners angegeben.

Da wir die Treppe hinuntergestiegen waren und die Wohnung betreten
hatten, sahen wir, da dieselbe nur aus einem einzigen Zimmer bestehe.
Neben einer Leiter, die gegen das Fenster emporlehnte, lag der alte,
tote Mann. Er hatte ein gelbes Molldonrcklein und blablaue Beinkleider
an. Als ihn die Mnner aufgehoben und auf ein Bett, das das seinige
schien, gelegt hatten, sah ich aus den Zgen, da es wirklich der
nmliche Mann sei, dem ich das Buch gegeben hatte. Man hatte anfangs die
Absicht gehabt, Versuche zu machen, ihn ins Leben zurckzurufen, aber
beim Anfassen hatte man schon empfunden, da er kalt sei, und bei
nherer Beschauung zeigte sich auch, da er unzweifelhaft tot sei.

Wann mute er denn gestorben sein?

Sonst war niemand in dem Zimmer als das Mdchen mit dem groen Haupte.
Es sa tief zurck auf einem weien, unangestrichenen Stuhle und sah von
fern zu, was man mit dem Mann beginne. Auf einem Schirme, der vor einem
Bette stand, das ich fr das des Mdchens hielt, sa die Dohle, denn
eine solche, kein Rabe war es gewesen, was Alfred hatte fangen wollen.
Der Vogel nickte mit dem Kopfe und sprach schier Laute, die aber
unverstndlich, verstmmelt und kaum menschenhnlich waren. Auf dem
Tische, der nicht weit von dem Sitze des Mdchens stand, sah ich die
Flte liegen.

Ich wollte, whrend die Mnner die Leiche besahen und auf dem Bette in
eine anstndige Lage zu bringen suchten, das Mdchen ansprechen, wollte
es zutraulich machen und es dann mit mir nehmen, um es aus der traurigen
Umgebung zu bringen. Ich nherte mich und sprach es an, wobei ich die
hflichste, aber einfachste Sprache versuchte. Das Mdchen antwortete
mir zu meinem Erstaunen in der reinsten Schriftsprache: aber was es
sagte, war kaum zu verstehen. Die Gedanken waren so seltsam, so von
allem, was sich immer und tglich in unserm Umgange ausspricht,
verschieden, da man das Ganze fr bldsinnig htte halten knnen, wenn
es nicht zum Teile wieder sehr verstndig gewesen wre.

Ich hatte zufllig in meinem Mantel einige Stcke Zuckerbckerei und
etwas Obst. Ich nahm ein Stckchen Backwerk heraus und bot es dem
Mdchen an. Es langte danach, a es und zeigte in den Zgen des groen
Antlitzes einen augenflligen Schein von Freude. Ich versuchte bei
dieser Gelegenheit auch, ob ich aus den Zgen herauslesen knnte, wie
alt das Mdchen sein mge; aber es war mir wegen der ungewhnlichen
Bildung des Hauptes und des Angesichtes nicht mglich. Es konnte
sechzehn Jahre alt sein, es konnte aber auch zwanzig Jahre alt sein.

Ich gab ihm nun noch ein zweites Stck, dann ein drittes und dann
mehrere.

Ich werde den Sinn dessen, was es sagte, ungefhr in unserer Sprache
oder Sprechweise geben, weil man die Gedankenfolge des Mdchens nicht
verstehen wrde, und weil ich auch nicht imstande wre, die Dinge so
genau aus dem Gedchtnisse zu wiederholen, wie es dieselben gesagt
hatte.

Ich fragte es, ob es solche Speisen gern e, wenn es dieselben htte,
ob sie gut seien.

Ja, gut, sagte es, gib mir noch mehr.

Ich werde dir mehr geben, antwortete ich, wenn du mit mir gehst und
in einer anderen Stube bleibst, bis es Nacht wird und bis es wieder Tag
wird. Dann werde ich dich wieder in diese deine Stube zurckfhren. Ich
habe hier keine solchen sen Dinge mehr, aber in der Stube, in welche
du mit mir gehen sollst, sind viele.

Ich gehe mit dir, sagte es, aber wenn der Tag kommt, gehen wir wieder
zu uns her.

Ja, dann gehen wir wieder in diese Stube, sagte ich.

Ich gab dem Mdchen nun auch einen Apfel von einer besseren Gattung. Es
a ihn mit dem Zeichen, da er ihm angenehm sei.

Ich fragte das Mdchen auch, ob es keine Mutter habe, oder ob keine
Geschwister am Leben seien.

Es habe keine Mutter, antwortete es, und es sei immer nur bei dem Vater
allein gewesen. Den Begriff Geschwister schien es gar nicht zu kennen.

Ich fragte es hierauf, wie denn der Vater gestorben sei.

Er ist auf die Leiter gestiegen, antwortete es, die zu unserm Fenster
hinauffhrt. Ich wei nicht, was er tun wollte, und da ist er
herabgefallen und ist liegen geblieben. Ich wartete, bis er wieder
gesund werden wrde; aber er ist nicht mehr gesund geworden. Er war tot.
Da eine Nacht und ein Tag vergangen waren, sagte ich es der Frau, die
immer nicht weit von unserm Pfrtlein sitzt. Seitdem sind die Leute
gekommen.

Ich teilte den Mnnern die Nachricht mit und sagte, da ich das Mdchen
in mein Haus fhren und einstweilen dasselbe verpflegen wrde. Die
Behrden, welche die Sachen leiten, knnten das Mdchen immer bei mir
finden, wenn sie dasselbe zurckfordern sollten. Ich wrde auch die
Begebenheit meinen Freunden und Bekannten anzeigen, da wir eine
Sammlung von Geld machen, damit man den Mann anstndig begraben knne.
Die Mnner wendeten dagegen nichts ein.

Sie waren unterdessen mit der Leiche fertig geworden. Es hatte sich
gezeigt, da der arme Mann aus was immer fr einer Ursache gefallen sein
msse, und zwar, wie der Anschein zeige und das Mdchen aussage, von der
Leiter, die gegen das Fenster lehnte, und da er sich hierbei die Wirbel
des Genickes verletzt haben msse, was den Tod augenblicklich zur Folge
gehabt habe. Man bedeutete mir, da den Gesetzen zufolge eine
gerichtliche Zergliederung statthaben msse, und da es daher um so
erwnschter erscheine, wenn das Mdchen aus der Wohnung entfernt wrde.
Die Aussage der Obstfrau und des Lehrlings waren zu Papier gebracht
worden, und man erklrte ihnen, da nichts im Wege stehe, da sie sich
entfernen knnten.

Ich trat noch ein wenig zu der Leiche. Sie lag jetzt in ihren Kleidern
auf dem Bette. Die Zge waren wenig verndert und waren fast so wie an
jenem Vormittag, als der Mann in dem Hofe des Perronschen Hauses vor mir
gestanden war und mir das Buch abgedrungen hatte. Die blauen Augen waren
geschlossen, und da ihre etwas auffllige Unruhe durch die Lider bedeckt
war, so hatte die Miene sogar einen Ausdruck von Milde. Das mochten auch
die andern fhlen; denn man stand einen Augenblick schweigend um das
Bett herum und betrachtete den Mann. Endlich entfernten sich der
Lehrling und die Obstfrau aus dem Zimmer. Ich trat auch von dem Anblicke
hinweg.

Ich nherte mich dem Mdchen und sagte ihm, da ich es jetzt mit mir
fhren wrde und da es mir folgen mge, wie es frher gesagt habe.

Das Mdchen erwiderte, da es schon mit mir gehe und da wir, wenn
wieder der Tag kommen wrde, auch wieder in die Stube zurckkehren
sollen.

Ich antwortete, das werde ganz gewi geschehen.

Es folgte mir nun ganz willig. Wir stiegen die Treppe hinan, ich nahm es
bei der Hand, wir gingen ber den Hof durch den Gang und bei dem roten
Pfrtchen auf die Gasse hinaus. Auf der Gasse standen noch immer Leute,
die sich im Gegenteil eher vermehrt hatten. Eine dichte Gruppe umgab die
Obstfrau und den Lehrling, die erzhlten, was sie im Innern des Hauses
gesehen und erfahren hatten. Ich beeilte meine Schritte, um mich und das
Mdchen aus der Menge zu bringen und den Betrachtungen und
Verwunderungen zu entziehen, die durch den Anblick des ungewhnlichen
Hauptes des Mdchens angeregt worden waren.

Ich fhrte es in meine Wohnung.

Dort gab ich ihm eine ordentliche Speise zu essen, da ich vermuten
konnte, da es seit gestern zu keinem regelmigen Essen werde gekommen
sein. Es mute auch so gewesen sein; denn das Mdchen a mit sichtlichem
Vergngen und es schien sehr erquickt zu werden. Es sagte mir
nachtrglich, da es alles Brot gegessen habe, was in der Wohnung
gewesen sei.

Wir hatten ein nach dem Garten gelegenes Gemach, das von einer alten
Kinderwrterin, die schon bei meinen Eltern im Dienste gewesen war und
dann meine Kinder gepflegt hatte, so lange bewohnt gewesen war, bis
endlich ihre Tochter geheiratet hatte, zu der sie dann ging, um bei ihr
zu leben und allenfalls auch an ihren Kindern zu tun, was sie so lange
an fremden getan hatte. Seit jener Zeit stand das Gemach leer; aber die
Gerte waren in demselben geblieben. Ich lie es nun fr das
mitgebrachte Mdchen zusammenrichten. Ich lie ein Bett machen und das
Stbchen recht warm beheizen. Dann fhrte ich das Mdchen in dasselbe
zurck. Ich hatte Sorge getragen, da das Mdchen keinem meiner
Dienstleute zu Gesicht gekommen war, damit sie es nicht etwa durch
unvernnftiges Anstaunen oder gar Ausrufen einschchterten. Darum hatte
ich ihm die Speisen in unser Speisezimmer, in dem es war, ehe es in das
Rckstbchen gefhrt werden konnte, selber gebracht und hatte den Befehl
gegeben, da niemand in das Speisezimmer eintreten drfe.

Wir hatten eine ltliche Magd, die seit unserer Verehelichung schon bei
uns gewesen war, die eine groe Anhnglichkeit an uns und unsere Kinder
hatte und eine Art Vorrecht geno, bei Familienangelegenheiten oder bei
andern wichtigen Sachen ein Wort mitzureden. Diese Magd rief ich, setzte
ihr den Fall mit dem fremden Mdchen auseinander und bat sie, da sie
bei dem Mdchen in dem Stbchen bleiben, da sie mit ihm freundlich
reden, ihm beistehen und ihm den Aufenthalt angenehm machen solle. Sie
versprach, alles dieses zu tun. Ich sorgte auch fr Wsche, wenn bei dem
fremden Mdchen hierin etwas notwendig sein sollte. Auch gab ich ihm in
dem Stbchen noch Zuckerwerk und Obst, um mein Versprechen, das ich
gegeben hatte, zu lsen.

Ich sagte dem Mdchen, da ich mich jetzt entfernen msse, weil ich
andere Dinge zu tun htte, da die Magd bei ihm bleiben, und da ich
schon wiederkommen wrde, um nachzusehen, wie es sich befinde.

Das Mdchen schien dies alles vollkommen zu begreifen.

Ich ging in mein Arbeitszimmer, setzte mich nieder und schrieb an
mehrere meiner Bekannten und Freunde, um sie um Beihilfe anzugehen.

Als am Abend mein Gatte nach Hause kam, erzhlte ich ihm alles, was
vorgefallen war und was ich getan hatte, und fragte ihn, ob es recht
gewesen sei.

Er sagte, da alles recht gewesen sei, er billigte alles und schlo sich
selber der Sache an. Er schrieb auch noch einige Briefe; dann nahm er
einen Wagen, um persnlich noch zu mehreren Freunden zu fahren. Als er
spt in der Nacht nach Hause kam, brachte er gute Zusicherungen, und es
waren auch freundliche Antworten auf mehrere Briefe noch an demselben
Abend eingegangen. Wir legten uns zufrieden schlafen.

Am andern Morgen ging mein Gatte mit mir in die unterirdische Wohnung.
Die gerichtliche Zergliederung hatte stattgefunden. Das Rckenmark war
an einer Stelle, wo der feinste Sitz des Lebens zu sein scheint, durch
Quetschung der Nackenwirbel verletzt worden, und dadurch ist der Tod
erfolgt. Die Leiche war bereits in einem Sarge und war bereitet,
beerdigt werden zu knnen. Wir machten Anzeige an die Kirche, um die Art
der Beerdigung einzuleiten. Whrend mein Gatte noch mehrere
Vorbereitungen machte, ging ich nach Hause, um das fremde Mdchen zu
veranlassen, da es in meiner Wohnung bleibe, bis die Beerdigung vorber
wre.

Es war schon erwacht und angezogen. Es verlangte nach Hause. Ich sagte
ihm, da ich jetzt nicht Zeit habe, da mehrere Dinge zu verrichten
wren, und da ich nach deren Beendigung gewi kommen und da ich es
dann selber wieder in seine Wohnung zurckfhren wrde. Es fgte sich in
diese Dinge, es erhielt ein Frhstck, und die Magd, welche ihm
beigegeben worden war, blieb bei ihm.

Der Professor Andorf war herbergekommen; er hatte die Sache erfahren.
Andere Freunde, an die wir geschrieben hatten, waren gekommen, um den
Fall persnlich zu sehen. Viele Menschen hatten sich wieder an dem roten
Pfrtchen gesammelt. Es waren grtenteils Personen aus den niederen
Stnden, welche die Neugierde und eine Art dumpfer Teilnahme, die dieser
Gattung eigen ist, herbeigefhrt hatte; dann, wie es in einer groen
Stadt geschieht, waren die Vorbergehenden stehengeblieben, hatten
gefragt, was es gbe, und hatten sich nach Erhaltung der Antwort, wenn
es ihre Zeit nur ein wenig erlaubte, an die Wartenden angeschlossen.

Gegen Ende des Vormittags erschien der Priester; die Leiche wurde
eingesegnet, wurde dann in die Kirche gebracht, erhielt dort wieder die
gebruchlichen Gebete und wurde dann auf den Kirchhof gefhrt. Wir
hatten die Beerdigung auf einfache Weise veranstaltet, damit von dem
gesammelten Gelde etwas fr das hinterlassene Mdchen erbrigt werden
knnte. Nach der Wegfhrung der Leiche hatten sich alle Menschen von dem
roten Pfrtchen entfernt.

Ich hielt es nun an der Zeit, das Mdchen wieder in seine unterirdische
Wohnung zu fhren. Ich sah deutlich ein, da ich mir nur durch genaues
Worthalten Zutrauen zu erwerben imstande wre; denn das Mdchen hatte
unter andern merkwrdigen Eigenschaften auch die, da es den Worten
eines andern blind glaubte. Ich ging daher in das Hinterstbchen, sagte,
da ich die Dinge, die mich frher gehindert htten, verrichtet habe,
und da ich jetzt das Mdchen wieder in seine Wohnung fhren wolle. Es
stand heiter von dem Stuhle auf und folgte mir.

Als wir in die unterirdische Stube gekommen waren, fragte es nach dem
Vater. Ich war in Verlegenheit; denn ich hatte gedacht, da es wisse,
da der Vater tot sei -- denn es hatte selbst das Wort gebraucht -- und
da es daher wissen werde, wohin er gebracht worden sei, wenn es
denselben nicht mehr in der Wohnung finden wrde. Ich sagte daher, da
es ja wisse, da der Vater gestorben sei, da es ja selber gesagt habe,
da er nicht mehr gesund geworden, sondern tot sei, und da er daher
nach dem Gebrauche unserer Religion begraben worden sei.

Es stutzte eine Weile, dann sagte es: Er wird gar nicht mehr kommen?

Ich hatte nicht den Mut, ja zu sagen, und ich hatte nicht den Mut, das
Mdchen durch Tuschung zu trsten, sondern blieb mitten in meiner
Halbheit von Zugeben.

Es sagte nach einer Weile wieder fragend: Er wird gar nicht mehr
kommen?

Nun hatte ich den Mut nicht mehr, unwahr zu sein, sondern ich sagte dem
Mdchen, da der Vater tot sei, da er sich nie mehr regen knne, da er
von uns unter die Erde getan worden sei, wie man es mit allen Toten tue,
und da er dort in Ruhe liegenbleiben werde.

Da fing es heftig zu weinen an; ich suchte es zu trsten, aber meine
Worte verfingen nichts, es weinte fort, bis es sich selber nach und nach
ein wenig snftigte. Ich fragte es, da es stiller geworden war, ob es
wieder mit mir in meine Wohnung gehen wollte, ich wrde es, sobald es
wollte, abermals hierher zurckfhren. Da die Wohnung leer war, machte
das Mdchen wenig Widerstand, und ich fhrte es in das Stbchen, in dem
es geschlafen hatte. Nach einer Weile gingen wir wieder in die
unterirdische Wohnung. Und so wiederholte ich das Verfahren im Laufe des
Tages mehrere Male, teils um das Mdchen zu beschftigen, teils um es an
eine Vernderung seiner Lage zu gewhnen und ihm den Schein von Freiheit
zu lassen, damit es nicht durch Empfindung eines Zwanges widersetzlich
und unbehandelbar wrde.

Ich gab ihm auch Speisen, von denen ich vermutete, da sie ihm zusagen
knnten.

Gegen Abend, da wir in der unterirdischen Stube waren, schlug ich vor,
da es wieder in dem Stbchen schlafen solle, in welchem es in der
vorigen Nacht geschlafen habe; es sei dort warm, es sei ein gutes Bett,
es sei die freundliche Magd dort und es sei ein Abendmahl bereitet.

Es sagte, da es mitgehe, wenn es die Dohle mitnehmen drfe.

Ich erlaubte es gern.

Es nherte sich der Dohle, gab ihr seltsamliche, unverstndliche Namen
und suchte sie zu haschen. Die Dohle duckte sich auf dem Schirme und
lie sich mit beiden Hndchen des Mdchens nehmen. So trug es dieselbe
fort, so kamen wir in mein Hinterstbchen. Ich setzte das Mdchen in
einen gerumigen Armstuhl nahe an den Ofen, ich rief die Magd herbei,
da sie Gesellschaft leiste, sorgte fr ein Abendmahl und begab mich
nach den Anstrengungen des Tages in mein Zimmer.

Die Sachen waren in der Wohnung des Pfrtners versiegelt und das
Bewegliche in Beschlag genommen worden. Nur den Schlssel zur Stubentr
lie man mir, damit ich fter mit der hinterlassenen Tochter die Stube
besuchen knnte. Meinen Gatten hatte man gefragt, ob er die
Vormundschaft ber das Mdchen bernehmen wolle, und er hatte
eingewilligt.

Ich wute nicht, was ich mit dem Mdchen tun sollte. Wir beschlossen
daher, dasselbe so lange bei uns zu behalten, bis meinem Manne alle
Papiere und etwaigen andern Dinge des Verstorbenen eingehndigt wrden,
woraus man dann die Verhltnisse des Verstorbenen wrde entnehmen und
wissen knnen, was mit dem Mdchen weiter zu geschehen htte.

Sehr schwer war es, das Mdchen von dem unterirdischen Gewlbe zu
entwhnen. Es hing mit einer Hartnckigkeit an dem Gemache, die
unbegreiflich war. Nur durch den fteren Besuch der unterirdischen
Wohnung, den ich mit ihm anstellte, durch zutrauliches Reden ber
gleichgltige Dinge und endlich durch sorgfltige Pflege, die ihm
wohltat, gewhnte ich es nach und nach an sein neues Stbchen. Ich gab
ihm gute Wsche und lie ihm Kleider von unsern Mgden verfertigen, die
ihm gut standen, in denen es sich wohlbefand und durch die es nicht mehr
so auffiel. Fast noch mehr als alles andere scheute es die freie Luft,
und wenn ich es ein wenig in den winterlichen Garten hinunter brachte,
benahm es sich linkisch und starrte die entlaubten Zweige an. In den
ersten Tagen kam niemand zu ihm als ich und die ltliche Magd; nach und
nach gewhnte es sich aber auch an den Anblick von andern aus unserer
Familie, und jedem Mitgliede derselben war eingeschrft, das Mdchen
freundlich zu behandeln und es etwa nicht durch aufflliges Betrachten
zu erschrecken.

Ich begann nach und nach zu untersuchen, was es denn gelernt habe.
Allein so gut gewhlt und rein seine Worte waren, die es sprach, so gut
sie gesetzt waren, wenn auch die Gedanken oft schwer erraten werden
konnten, so wenig hatte es eine Vorstellung oder eine Kenntnis von der
geringsten weiblichen Arbeit. Nicht einmal von dem Waschen und Reinigen
eines Lappens, von dem Zusammennhen zweier Flecke hatte es einen
Begriff. Der Vater mute alles das auer dem Hause besorgt haben. Dafr
sprach es oft, fr uns unverstndlich, mit der Dohle; wir trafen es
zuweilen leise singend an, und es konnte auf der Flte des Vaters, die
wir ihm hatten verschaffen mssen, ein wenig spielen.

Als es eine bedeutende Anhnglichkeit an mich gewonnen hatte, veranlate
ich es, von seiner Vergangenheit zu sprechen. Allein entweder hatte es
alles Frhere vergessen oder es hatten die unmittelbar zuletzt
vergangenen Dinge eine solche Gewalt ber sein Gedchtnis ausgebt, da
es sich an das, was vorher war, nicht mehr erinnerte. Es erzhlte nur
immer von dem unterirdischen Gemache.

Der Vater, sagte es, ging fort, nahm die Flte mit und kam oft erst
zur Zeit, da die Lichter brannten, zurck. Er brachte in einem Topfe
Speisen, die wir in dem kleinen Ofen wrmten und dann aen. Oft legte
ich auch Holzspne in den Ofen, wenn er nicht da war, und machte mir
eine Speise warm, die in einem Topfe auf dem Gestelle stand; denn es
blieb zuweilen viel brig. Ein anderes Mal hatte ich nichts als Brot,
welches ich a. Zuweilen blieb er auch zu Hause. Er lehrte mich
mancherlei Dinge und erzhlte viel. Er sperrte immer zu, wenn er
fortging. Wenn ich fragte, was ich fr eine Aufgabe habe, whrend er
nicht da sei, antwortete er: Beschreibe den Augenblick, wenn ich tot auf
der Bahre liegen werde, und wenn sie mich begraben; und wenn ich dann
sagte: Vater, das habe ich ja schon oft beschrieben, antwortete er: So
beschreibe, wie deine Mutter von ihrem Herzen gepeinigt herumirrt, wie
sie sich nicht zurckgetraut, und wie sie in der Verzweiflung ihrem
Leben ein Ende macht. Wenn ich sagte: Vater, das habe ich auch schon oft
beschrieben, antwortete er: So beschreibe es noch einmal. Wenn ich dann
mit der Aufgabe, wie der Vater tot auf der Bahre liegt, und wie die
Mutter in der Welt umherirrt und in der Verzweiflung ihrem Leben ein
Ende macht, fertig war, stieg ich auf die Leiter und schaute durch die
Drahtlcher des Fensters hinaus. Da sah ich die Sume von Frauenkleidern
vorbeigehen, sah die Stiefel von Mnnern, sah schne Spitzen von Rcken
oder die vier Fe eines Hundes. Was an den jenseitigen Husern vorging,
war nicht deutlich.

Als ich das Mdchen fragte, wo es die Ausarbeitungen der Aufgaben habe,
antwortete es, da der Vater dieselben alle gesammelt habe, und da sie
irgendwo aufbewahrt seien. Etwas weniges sei da. Mit diesen Worten ging
es zu einem Kleiderkasten, in welchem es seine Kleider hatte, tat aus
dem Sacke eines alten, abgelegten Rockes einige verknitterte Papiere
heraus und reichte sie mir. Ich faltete sie auseinander. Sie waren teils
mit Tinte, teils mit Bleifeder geschrieben und hufig durch Kreuze und
andere Zeichen ausgestrichen. Es war nicht viel daraus zu entnehmen.

Ich befragte es ber Gott, ber die Schpfung der Welt und ber andere
religise Gegenstnde. Es sagte die betreffenden Stellen aus dem
Katechismus sehr gelufig auf und blickte mit den ruhigen und
ausdruckslosen Augen umher. Ich suchte zu ergrnden, ob es den
religisen Handlungen unserer Kirche beigewohnt habe, und brachte
heraus, da es wiederholt die Kirche mit dem Vater besucht habe, da es
dort aber nie eine Musik, das heit ein Fltenspiel, wie es sich
ausdrckte, gehrt noch mit jemand gesprochen habe. Es mute also
hchstens bei stillen Messen gewesen sein.

Endlich wurde meinem Gatten die Vormundschaft bertragen und ihm die
gerichtlich vorgefundene und aufgezeichnete Verlassenschaft gegen
Bescheinigung bergeben. Aus den Papieren, die er sogleich sorgfltig
untersuchte, ging hervor, da der Verstorbene niemand anders war als
jener Rentherr, der einmal abgereist und sodann spurlos verschwunden
war. Wir hatten die Geschichte jenes Mannes nur so im allgemeinen gewut
und sie schon lngst wieder vergessen. Jetzt wurde sie aufs neue aus der
Erinnerung hervorgeholt und von manchem, der es wissen konnte, das
nhere einzelne erforscht.

Das Mdchen mit dem groen Haupte und den breiten Zgen war also das
rosige Kind gewesen, das unter dem Gezelte geschlafen hatte, dessen
Spitze der vergoldete Engel mit seinen Fingern gehalten hatte, dessen
Falten rings um das Bettchen auseinandergegangen waren, und das die
Eltern mit Wonne betrachtet hatten.

Von Eigentum hatten sich nur einige schlechte Gerte, einige alte
Kleider und die Betten vorgefunden. Von Barschaft war ein kleiner Sack,
mit Kupfermnzen gefllt, vorhanden. Weiter gar nichts.

Mein Gatte forschte unter den Papieren nach einer Aufklrung ber den
Vermgensstand des Verstorbenen; denn ein solcher mute doch vorhanden
gewesen sein; denn alle, die befragt worden waren, erinnerten sich
nicht, da der Rentherr, als er das Haus auf dem Sankt-Peters-Platze
bewohnt hatte, in irgendeinem Amte gestanden sei, noch da er
irgendeinen Erwerb getrieben habe, und dennoch habe er anstndig und
wohlhabend gelebt. Er mute daher von irgendeinem Anliegen Bezge
genossen haben. Aber in den gesamten Schriften und den kleinsten
Zettelchen war nicht das Geringste zu finden. Mein Gatte ging nun in
Wien zu allen mtern, die mit Geld oder irgend andern Werten auch nur
von fern zu tun hatten, und fragte an; aber nirgends konnte eine
Auskunft erhalten werden. Er besuchte nun nach und nach alle
Geschftsfhrer, Stellvertreter, Anwlte und wie diese Mnner alle
heien; aber bei keinem konnte er etwas in Erfahrung bringen. Endlich
griff er zu dem Mittel, den Fall in den Zeitungen bekanntzugeben,
inwiefern er sich auf die Vermgensfrage bezog, und jedermann zur
Mitteilung aufzufordern, der etwa Kenntnis haben knnte; aber es
erfolgte keine Antwort. Das Vermgen des armen Mdchens, wenn noch eines
vorhanden war, mute also verlorengegeben werden.

Die Summe, welche nach der Versteigerung der Gerte und andern Dinge,
die der Rentherr in seiner Wohnung auf dem Sankt-Peters-Platze
zurckgelassen hatte, und nach der Bezahlung der Schuld an den
Hausbesitzer noch briggeblieben und in die Verwahrung der Gerichte
gegeben worden war, wurde meinem Gatten fr das Mdchen eingehndigt.
Sie war durch die Zinsen whrend einer Reihe von Jahren nicht
unbetrchtlich angewachsen.

Von der Lebensweise und den Schicksalen des Verstorbenen seit seiner
Abreise von Wien konnte mein Gatte nichts Bestimmtes erfahren. Nur, da
er alle Wege zur Ermittlung des Lebenslaufes des Verstorbenen und
infolgedessen zur Ermittlung des Schicksales des Vermgens des Mdchens
einschlug, war das eine zu seiner Kenntnis gekommen, da ein Mann,
dessen Beschreibung ganz auf den Verstorbenen pate, in den Vorstdten,
welche sehr weit von der Wohnung des Verstorbenen entfernt waren, oft
gesehen worden war, da er mit seiner Flte in Gasthusern, in Grten
und an ffentlichen Orten erschienen war und dort fr kleine Gaben
gespielt habe. Aus Kchen habe er gern Speisen, die man ihm schenkte, in
seinem Topfe fortgetragen. Da er in der Nhe seiner Wohnung gespielt
habe, konnte man nicht erfahren.

Von dem Verwalter des Perronschen Hauses erfuhr mein Gatte, da der
Verstorbene zu irgendeiner Zeit -- er wisse es selbst nicht mehr genau,
wann es gewesen -- unentgeltlich in die unterirdische Wohnung
aufgenommen worden sei, um Pfrtnerdienste zu verrichten, obwohl bis
dahin die Inwohner Schlssel zu dem roten Pfrtchen gehabt hatten, die
sie auch fernerhin noch behielten. berhaupt konnte von dem Verwalter
des Perronschen Hauses nicht viel in Erfahrung gebracht werden, da er
sich der Verfallenheit des Hauses wegen wenig um dasselbe kmmerte und
von dem Besitzer auch nicht dazu angehalten wurde.

Eines Tages brachte mein Gatte einen groen Sto von Schriften in mein
Zimmer und reichte sie mir. Ich sah sie an, bltterte sie durch und sah,
da es die Ausarbeitungen und schriftlichen Aufstze des Mdchens waren.
Ich nahm mir nun, wenn ich Zeit hatte, die Mhe, den grten Teil dieser
Papiere zu durchlesen. Was soll ich davon sagen? Ich wrde sie
Dichtungen nennen, wenn Gedanken in ihnen gewesen wren, oder wenn man
Grund, Ursprung und Verlauf des Ausgesprochenen htte entrtseln knnen.
Von einem Verstndnisse, was Tod, was Umirren in der Welt und sich aus
Verzweiflung das Leben nehmen heie, war keine Spur vorhanden, und doch
war dieses alles der trbselige Inhalt der Ausarbeitungen. Der Ausdruck
war klar und bndig, der Satzbau richtig und gut, und die Worte, obwohl
sinnlos, waren erhaben.

Ich nahm von diesem Umstande Veranlassung, aus Dichtern oder andern
Schriftstellern Stze mit bestimmter, gehobener Betonung vorzutragen.
Das Mdchen merkte hoch auf. Bald sagte es selber solche Dinge her, und
spter trug es mit einer Art Schaustellung Teile aus den besten und
herrlichsten Schriften unseres Volkes vor. Wenn man aber nher in das
Werk einging, von dem es eine Stelle gesagt hatte, und nach dessen
Inhalt, Bedeutung und Gestalt forschte, verstand es nicht, was man
wollte. Auch war in der Verlassenschaft kein einziges der betreffenden
Bcher vorhanden. Das Aufsagen solcher Stellen war ein Reiz fr das
Mdchen, dem es sich schwrmerisch hingab. Wir kamen dahinter, da die
leisen Worte, die es zur Dohle sagte, hnliche Dinge enthielten, so wie
die Weisen, die es der Flte des Vaters abzulocken suchte, in demselben
Geiste erschienen.

Mein Gatte forschte auch der Mutter des Mdchens nach. Seine Absicht
war, dem Mdchen seine natrliche und erste Verwandte und Sttze zu
verschaffen, dann aber auch, von der erkundeten Mutter Angaben zu
erfahren, aus denen sich ber die Lage des Vermgens etwas entnehmen
liee. Mein Gatte forschte anfangs vorsichtig auf dem Wege der mter,
dann mit der grten Schonung teils durch einzelne Personen, teils durch
ffentliche Bltter; aber wie genau auch diese Forschungen angestellt
wurden, wie viele Briefe geschrieben, wie viele Auftrge erteilt, wie
viele Antworten eingegangen waren: von der Frau ist keine Auskunft
angelangt; niemand hatte bis auf den Tag etwas von ihr gehrt, sie ist
auch nie wieder zurckgekommen.

Von den frheren Schicksalen des Mdchens ist uns durch seine Aussagen
nie etwas bekanntgeworden.

Wir hatten unsern Hausarzt, den Freund meines Gatten, zu uns bitten
lassen, da er den krperlichen Zustand des Mdchens untersuche, da das
auffallend groe Haupt auf etwas Ungewhnliches schlieen lasse. Er
meinte, da in dumpfen Aufenthaltsorten und etwa durch Wahnsinn des
Vaters dieses Wuchern hervorgerufen worden sei, da sich Auftreibungen
und Drsenleiden eingestellt haben. Der Gebrauch von Jodbdern wrde in
beiden Richtungen vielleicht gute Dienste tun. Da ich nun im Frhling
ohnehin in die Gegend, wo sich das Bad befindet, eine Reise zu dem
Bruder meines Gatten vorhatte, um mehrere Wochen bei ihm zuzubringen, so
beschlo ich, das Mdchen mitzunehmen. Ich hoffte von der guten Luft und
der Reise nicht minder gute Wirkungen als von dem Bade. Das Haupt wurde
in der Tat nach einem zweimonatigen Aufenthalte auf dem Lande und nach
dem vorgeschriebenen Gebrauche des Bades etwas kleiner und gebildeter,
und die Zge des Angesichtes wurden geschmeidiger, klarer und
sprechender.

Wir unterrichteten das Mdchen auch in den gewhnlichen Dingen und
suchten es zu den unentbehrlichsten Verrichtungen des Lebens anzuleiten.
Wir suchten ihm Geschmack an Verfertigung von allerlei weiblichen
Handarbeiten beizubringen und endlich durch Gesprche und durch Lesen
einfacher Bcher, hauptschlich aber durch Umgang jene wilde und
zerrissene, ja fast unheimliche Unterweisung in einfache,
bereinstimmende und verstandene Gedanken umzuwandeln und ein Verstehen
der Dinge der Welt anzubahnen. Wie schwer das war, geht schon aus der
Tatsache hervor, da Monate vergehen muten, ehe es ertragen konnte, da
Alfred mit der Dohle sprach oder gar mit ihr spielte, gelegentlich auch
die Flte des Vaters anrhrte.

Als wir es endlich wagen konnten, mieteten wir dem Mdchen in unserer
Nhe ein Zimmer, in dem es wohnte. Die Frau, welche das Zimmer
vermietete, nahm sich um das Mdchen an, ein Priester unterwies es in
der Religion, wir kamen sehr oft zu ihm hinber, und so gestaltete es
sich milder, seine krperliche Beschaffenheit wurde nachtrglich auch
besser, so da es sich in den Lauf der Dinge schicken konnte, da ihm
mein Gatte, nachdem es die Volljhrigkeit erreicht hatte, die Urkunden
ber seine gerichtlich anliegende Summe und ber das, was bei der
Beerdigung des Vaters briggeblieben war, einhndigen konnte, und da es
endlich sogar Teppiche, Decken und dergleichen Dinge anfertigte, von
denen es im Vereine mit den Zinsen aus seinem kleinen Vermgen lebte,
was um so eher mglich wurde, als ihm die Leute, gerhrt durch seine
Schicksale, die fertigen Stcke immer gern abkauften.--

So erzhlte die Frau, und das Mdchen lebte so in den folgenden Jahren
fort.

Der groe Knstler ist schon lngst tot, der Professor Andorf ist tot,
die Frau wohnt schon lange nicht mehr in der Vorstadt, das Perronsche
Haus besteht nicht mehr, eine glnzende Huserreihe steht jetzt an
dessen und der nachbarlichen Huser Stelle, und das junge Geschlecht
wei nicht, was dort gestanden war, und was sich dort zugetragen hatte.




Bergkristall.


Unsere Kirche feiert verschiedene Feste, welche zum Herzen dringen. Man
kann sich kaum etwas Lieblicheres denken als Pfingsten und kaum etwas
Ernsteres und Heiligeres als Ostern. Das Traurige und Schwermtige der
Karwoche und darauf das Feierliche des Sonntags begleiten uns durch
das Leben. Eines der schnsten Feste feiert die Kirche fast mitten im
Winter, wo beinahe die lngsten Nchte und krzesten Tage sind, wo die
Sonne am schiefsten gegen unsere Gefilde steht und Schnee alle Fluren
deckt: das Fest der Weihnacht. Wie in vielen Lndern der Tag vor dem
Geburtsfeste des Herrn der Christabend heit, so heit er bei uns
der heilige Abend, der darauf folgende Tag der heilige Tag und die
dazwischenliegende Nacht die Weihnacht. Die katholische Kirche
begeht den Christtag als den Tag der Geburt des Heilandes mit ihrer
allergrten kirchlichen Feier; in den meisten Gegenden wird schon
die Mitternachtstunde als die Geburtsstunde des Herrn mit prangender
Nachtfeier geheiligt, zu der die Glocken durch die stille, finstere,
winterliche Mitternachtluft laden, zu der die Bewohner mit Lichtern oder
auf dunkeln, wohlbekannten Pfaden aus schneeigen Bergen an bereiften
Wldern vorbei und durch knarrende Obstgrten zu der Kirche eilen, aus
der die feierlichen Tne kommen, und die aus der Mitte des in beeiste
Bume gehllten Dorfes mit den langen, beleuchteten Fenstern emporragt.

Mit dem Kirchenfeste ist auch ein husliches verbunden. Es hat sich fast
in allen christlichen Lndern verbreitet, da man den Kindern die Ankunft
des Christkindleins -- auch eines Kindes, des wunderbarsten, das je auf
der Welt war -- als ein heiteres, glnzendes, feierliches Ding zeigt,
das durch das ganze Leben fortwirkt und manchmal noch spt im Alter bei
trben, schwermtigen oder rhrenden Erinnerungen gleichsam als Rckblick
in die einstige Zeit mit den bunten, schimmernden Fittigen durch den
den, traurigen und ausgeleerten Nachthimmel fliegt. Man pflegt den
Kindern die Geschenke zu geben, die das heilige Christkindlein gebracht
hat, um ihnen Freude zu machen. Das tut man gewhnlich am heiligen
Abende, wenn die tiefe Dmmerung eingetreten ist. Man zndet Lichter,
und meistens sehr viele an, die oft mit den kleinen Kerzlein auf den
schnen, grnen sten eines Tannen- oder Fichtenbumchens schweben, das
mitten in der Stube steht. Die Kinder drfen nicht eher kommen, als bis
das Zeichen gegeben wird, da der heilige Christ zugegen gewesen ist und
die Geschenke, die er mitgebracht, hinterlassen hat. Dann geht die Tr
auf, die Kleinen drfen hinein, und bei dem herrlichen, schimmernden
Lichterglanze sehen sie Dinge auf dem Baume hngen oder auf dem Tische
herumgebreitet, die alle Vorstellungen ihrer Einbildungskraft weit
bertreffen, die sie sich nicht anzurhren getrauen, und die sie
endlich, wenn sie sie bekommen haben, den ganzen Abend in ihren rmchen
herumgetragen und mit sich in das Bett nehmen. Wenn sie dann zuweilen in
ihre Trume hinein die Glockentne der Mitternacht hren, durch welche
die Groen in die Kirche zur Andacht gerufen werden, dann mag es ihnen
sein, als zgen jetzt die Englein durch den Himmel, oder als kehre der
heilige Christ nach Hause, welcher nunmehr bei allen Kindern gewesen ist
und jedem von ihnen ein herrliches Geschenk hinterbracht hat.

Wenn dann der folgende Tag, der Christtag, kommt, so ist er ihnen so
feierlich, wenn sie frh morgens mit ihren schnsten Kleidern angetan
in der warmen Stube stehen, wenn der Vater und die Mutter sich zum
Kirchgange schmcken, wenn zu Mittag ein feierliches Mahl ist, ein
besseres als in jedem Tage des ganzen Jahres, und wenn nachmittags oder
gegen den Abend hin Freunde und Bekannte kommen, auf den Sthlen und
Bnken herumsitzen, miteinander reden und behaglich durch die Fenster in
die Wintergegend hinausschauen knnen, wo entweder die langsamen Flocken
niederfallen, oder ein trbender Nebel um die Berge steht, oder
die blutrote, kalte Sonne hinabsinkt. An verschiedenen Stellen der
Stube, entweder auf einem Sthlchen oder auf der Bank oder auf dem
Fensterbrettchen, liegen die zauberischen, nun aber schon bekannteren
und vertrauteren Geschenke von gestern abend herum.

Hierauf vergeht der lange Winter, es kommt der Frhling und der
unendlich dauernde Sommer -- und wenn die Mutter wieder vom heiligen
Christ erzhlt, da nun bald sein Festtag sein wird, und da er auch
diesmal herabkommen werde, ist es den Kindern, als sei seit seinem
letzten Erscheinen eine ewige Zeit vergangen, und als liege die damalige
Freude in einer weiten, nebelgrauen Ferne.

Weil dieses Fest solange nachhlt, weil sein Abglanz so hoch in das
Alter hinaufreicht, so stehen wir so gern dabei, wenn Kinder dasselbe
begehen und sich darber freuen.--

In den hohen Gebirgen unsers Vaterlandes steht ein Drfchen mit einem
kleinen, aber sehr spitzigen Kirchturme, der mit seiner roten Farbe, mit
welcher die Schindeln bemalt sind, aus dem Grn vieler Obstbume
hervorragt und wegen derselben roten Farbe in dem duftigen und blauen
Dmmern der Berge weithin ersichtlich ist. Das Drfchen liegt gerade
mitten in einem ziemlich weiten Tale, das fast wie ein lnglicher Kreis
gestaltet ist. Es enthlt auer der Kirche eine Schule, ein Gemeindehaus
und noch mehrere stattliche Huser, die einen Platz gestalten, auf
welchem vier Linden stehen, die ein steinernes Kreuz in ihrer Mitte
haben. Diese Huser sind nicht bloe Landwirtschaftshuser, sondern sie
bergen auch noch diejenigen Handwerke in ihrem Schoe, die dem
menschlichen Geschlechte unentbehrlich sind und die bestimmt sind, den
Gebirgsbewohnern ihren einzigen Bedarf an Kunsterzeugnissen zu decken.
Im Tale und an den Bergen herum sind noch sehr viele zerstreute Htten,
wie das in Gebirgsgegenden sehr oft der Fall ist, welche alle nicht nur
zur Kirche und Schule gehren, sondern auch jenen Handwerken, von denen
gesprochen wurde, durch Abnahme der Erzeugnisse ihren Zoll entrichten.
Es gehren sogar noch weitere Htten zu dem Drfchen, die man von dem
Tale aus gar nicht sehen kann, die noch tiefer in den Gebirgen stecken,
deren Bewohner selten zu ihren Gemeindemitbrdern herauskommen und die
im Winter oft ihre Toten aufbewahren mssen, um sie nach dem
Wegschmelzen des Schnees zum Begrbnisse bringen zu knnen. Der grte
Herr, den die Drfler im Laufe des Jahres zu sehen bekommen, ist der
Pfarrer. Sie verehren ihn sehr, und es geschieht gewhnlich, da
derselbe durch lngeren Aufenthalt im Drfchen ein der Einsamkeit
gewhnter Mann wird, da er nicht ungern bleibt und einfach fortlebt.
Wenigstens hat man seit Menschengedenken nicht erlebt, da der Pfarrer
des Drfchens ein auswrtsschtiger oder seines Standes unwrdiger Mann
gewesen wre.

Es gehen keine Straen durch das Tal; sie haben ihre zweigleisigen Wege,
auf denen sie ihre Felderzeugnisse mit einspnnigen Wglein nach Hause
bringen; es kommen daher wenig Menschen in das Tal, unter diesen
manchmal ein einsamer Fureisender, der ein Liebhaber der Natur ist,
eine Weile in der bemalten Oberstube des Wirtes wohnt und die Berge
betrachtet, oder gar ein Maler, der den kleinen spitzen Kirchturm und
die schnen Gipfel der Felsen in seine Mappe zeichnet. Daher bilden die
Bewohner eine eigene Welt, sie kennen einander alle mit Namen und mit
den einzelnen Geschichten von Grovater und Urgrovater her, trauern
alle, wenn einer stirbt, wissen, wie er heit, wenn einer geboren wird,
haben eine Sprache, die von der der Ebene drauen abweicht, haben ihre
Streitigkeiten, die sie schlichten, stehen einander bei und laufen
zusammen, wenn sich etwas Auergewhnliches begibt.

Sie sind sehr stetig, und es bleibt immer beim alten. Wenn ein Stein aus
einer Mauer fllt, wird derselbe wieder hineingesetzt, die neuen Huser
werden wie die alten gebaut, die schadhaften Dcher werden mit gleichen
Schindeln ausgebessert, und wenn in einem Hause scheckige Khe sind, so
werden immer solche Klber aufgezogen, und die Farbe bleibt bei dem
Hause.

Gegen Mittag sieht man von dem Dorfe einen Schneeberg, der mit seinen
glnzenden Hrnern fast oberhalb der Hausdcher zu sein scheint, aber in
der Tat doch nicht so nahe ist. Er sieht das ganze Jahr, Sommer und
Winter, mit seinen vorstehenden Felsen und mit seinen weien Flchen in
das Tal herab. Als das Auffallendste, was sie in ihrer Umgebung haben,
ist der Berg der Gegenstand der Betrachtung der Bewohner, und er ist der
Mittelpunkt vieler Geschichten geworden. Es lebt kein Mann und Greis in
dem Dorfe, der nicht von den Zacken und Spitzen des Berges, von seinen
Eisspalten und Hhlen, von seinen Wssern und Gerllstrmen etwas zu
erzhlen wte, was er entweder selbst erfahren oder von andern erzhlen
gehrt hat. Dieser Berg ist auch der Stolz des Dorfes, als htten sie
ihn selber gemacht, und es ist nicht so ganz entschieden, wenn man auch
die Biederkeit und Wahrheitsliebe der Talbewohner hoch anschlgt, ob sie
nicht zuweilen zur Ehre und zum Ruhme des Berges lgen. Der Berg gibt
den Bewohnern auerdem, da er ihre Merkwrdigkeit ist, auch wirklichen
Nutzen; denn wenn eine Gesellschaft von Gebirgsreisenden hereinkommt, um
von dem Tale aus den Berg zu besteigen, so dienen die Bewohner des
Dorfes als Fhrer, und einmal Fhrer gewesen zu sein, dieses und jenes
erlebt zu haben, diese und jene Stelle zu kennen, ist eine Auszeichnung
die jeder gern von sich darlegt. Sie reden oft davon, wenn sie in der
Wirtsstube beieinander sitzen und erzhlen ihre Wagnisse und ihre
wunderbaren Erfahrungen und versumen aber auch nie zu sagen, was dieser
oder jener Reisende gesprochen habe, und was sie von ihm als Lohn fr
ihre Bemhungen empfangen htten. Dann sendet der Berg von seinen
Schneeflchen die Wasser ab, welche einen See in seinen Hochwldern
speisen und den Bach erzeugen, der lustig durch das Tal strmt, die
Brettersge, die Mahlmhle und andere kleine Werke treibt, das Dorf
reinigt und das Vieh trnkt. Von den Wldern des Berges kommt das Holz,
und sie halten die Lawinen auf. Durch die innern Gnge und Lockerheiten
der Hhen sinken die Wasser durch, die dann in Adern durch das Tal gehen
und in Brnnlein und Quellen hervorkommen, daraus die Menschen trinken
und ihr herrliches, oft belobtes Wasser dem Fremden reichen. Allein an
letzteren Nutzen denken sie nicht und meinen, das sei immer so gewesen.

Wenn man auf die Jahresgeschichte des Berges sieht, so sind im Winter
die zwei Zacken seines Gipfels, die sie Hrner heien, schneewei und
stehen, wenn sie an hellen Tagen sichtbar sind, blendend in der finstern
Blue der Luft; alle Bergfelder, die um diese Gipfel herumlagern, sind
dann wei; alle Abhnge sind so; selbst die steilrechten Wnde, die die
Bewohner Mauern heien, sind mit einem angeflogenen weien Reife bedeckt
und mit zartem Eise wie mit einem Firnisse belegt, so da die ganze
Masse wie ein Zauberpalast aus dem bereiften Grau der Wlderlast
emporragt, welche schwer um ihre Fe herum ausgebreitet ist. Im Sommer,
wo Sonne und warmer Wind den Schnee von den Steilseiten wegnimmt, ragen
die Hrner nach dem Ausdrucke der Bewohner schwarz in den Himmel und
haben nur schne weie derchen und Sprenkel auf ihrem Rcken, in der
Tat aber sind sie zart fernblau, und was sie derchen und Sprenkeln
heien, das ist nicht wei, sondern hat das schne Milchblau des fernen
Schnees gegen das dunklere der Felsen. Die Bergfelder um die Hrner aber
verlieren, wenn es recht hei ist, an ihren hheren Teilen wohl den Firn
nicht, der gerade dann recht wei auf das Grn der Talbume herabsieht,
aber es weicht von ihren unteren Teilen der Winterschnee, der nur einen
Flaum machte, und es wird das unbestimmte Schillern von Blulich und
Grnlich sichtbar, das das Geschiebe von Eis ist, das dann bloliegt und
auf die Bewohner unten hinabgrt. Am Rande dieses Schillerns, wo es von
ferne wie ein Saum von Edelsteinsplittern aussieht, ist es in der Nhe
ein Gemenge wilder, riesenhafter Blcke, Platten und Trmmer, die sich
drngen und verwirrt ineinandergeschoben sind. Wenn ein Sommer gar hei
und lang ist, werden die Eisfelder weit hinauf entblt, und dann schaut
eine viel grere Flche von Grn und Blau in das Tal, manche Kuppen und
Rume werden entkleidet, die man sonst nur wei erblickt hatte, der
schmutzige Saum des Eises wird sichtbar, wo es Felsen, Erde und Schlamm
schiebt, und viel reichlichere Wasser als sonst flieen in das Tal. Dies
geht fort, bis es nach und nach wieder Herbst wird, das Wasser sich
verringert, zu einer Zeit einmal ein grauer Landregen die ganze Ebene
des Tales bedeckt, worauf, wenn sich die Nebel von den Hhen wieder
lsen, der Berg seine weiche Hlle abermals umgetan hat, und alle
Felsen, Kegel und Zacken in weiem Kleide dastehen. So spinnt es sich
ein Jahr um das andere mit geringen Abwechslungen ab und wird sich
fortspinnen, solange die Natur so bleibt und auf den Bergen Schnee und
in den Tlern Menschen sind. Die Bewohner des Tales heien die geringen
Vernderungen groe, bemerken sie wohl und berechnen an ihnen den
Fortschritt des Jahres. Sie bezeichnen an den Entblungen die Hitze und
die Ausnahmen der Sommer.

Was nun noch die Besteigung des Berges betrifft, so geschieht dieselbe
von dem Tale aus. Man geht nach der Mittagsrichtung zu auf einem guten,
schnen Wege, der ber einen sogenannten Hals in ein anderes Tal fhrt.
Hals heien sie einen mig hohen Bergrcken, der zwei grere und
bedeutendere Gebirge miteinander verbindet und ber den man zwischen
den Gebirgen von einem Tale in ein anderes gelangen kann. Auf dem Halse,
der den Schneeberg mit einem gegenberliegenden groen Gebirgszuge
verbindet, ist lauter Tannenwald. Etwa auf der grten Erhhung
desselben, wo nach und nach sich der Weg in das jenseitige Tal
hinabzusenken beginnt, steht eine sogenannte Unglckssule. Es ist
einmal ein Bcker, welcher Brot in seinem Korbe ber den Hals trug, an
jener Stelle tot gefunden worden. Man hat den toten Bcker mit dem Korbe
und mit den umringenden Tannenbumen auf ein Bild gemalt, darunter eine
Erklrung und eine Bitte um ein Gebet geschrieben, das Bild auf eine
rot angestrichene hlzerne Sule getan und die Sule an der Stelle des
Unglcks aufgerichtet. Bei dieser Sule biegt man von dem Wege ab und
geht auf der Lnge des Halses fort, statt ber seine Breite in das
jenseitige Tal hinberzuwandern. Die Tannen bilden dort einen Durchla,
als ob eine Strae zwischen ihnen hinginge. Es fhrt auch manchmal ein
Weg in dieser Richtung hin, der dazu dient, das Holz von den hheren
Gegenden zu der Unglckssule herabzubringen, der aber dann wieder mit
Gras verwchst. Wenn man auf diesem Wege fortgeht, der sachte bergan
fhrt, so gelangt man endlich auf eine freie, von Bumen entblte
Stelle. Dieselbe ist drrer Heideboden, hat nicht einmal einen Strauch,
sondern ist mit schwachem Heidekraute, mit trockenen Moosen und mit
Drrbodenpflanzen bewachsen. Die Stelle wird immer steiler, und man geht
lange hinan; man geht aber immer in einer Rinne, gleichsam wie in einem
aufgerundeten Graben hinan, was den Nutzen hat, da man auf der groen,
baumlosen und berall gleichen Stelle nicht leicht irren kann. Nach
einer Zeit erscheinen Felsen, die wie Kirchen gerade aus dem Grasboden
aufsteigen und zwischen deren Mauern man lngere Zeit hinangehen kann.
Dann erscheinen wieder kahle, fast pflanzenlose Rcken, die bereits in
die Luftrume der hheren Gegenden ragen und gerade zu dem Eise fhren.
Zu beiden Seiten dieses Weges sind steile Wnde, und durch diesen Damm
hngt der Schneeberg mit dem Halse zusammen. Um das Eis zu berwinden,
geht man eine geraume Zeit an der Grenze desselben, wo es von den Felsen
umstanden ist, dahin, bis man zu dem ltern Firn gelangt, der die
Eisspalten berbaut und in den meisten Zeiten des Jahres den Wanderer
trgt. An der hchsten Stelle des Firns erheben sich die zwei Hrner aus
dem Schnee, wovon eines das hhere, mithin die Spitze des Berges ist.
Diese Kuppen sind sehr schwer zu erklimmen; da sie mit einem oft
breiteren, oft engeren Schneegraben -- dem Firnschrunde -- umgeben sind,
der bersprungen werden mu, und da ihre steilrechten Wnde nur kleine
Abstze haben, in welche der Fu eingesetzt werden mu, so begngen sich
die meisten Besteiger des Berges damit, bis zu dem Firnschrunde gelangt
zu sein und dort die Rundsicht, soweit sie nicht durch das Horn verdeckt
ist, zu genieen. Die den Gipfel besteigen wollen, mssen dies mit Hilfe
von Steigeisen, Stricken und Klammern tun.

Auer diesem Berge stehen an derselben Mittagseite noch andere, aber
keiner ist so hoch, wenn sie sich auch frh im Herbste mit Schnee
bedecken und ihn bis tief in den Frhling hinein behalten. Der Sommer
aber nimmt denselben immer weg, und die Felsen glnzen freundlich im
Sonnenscheine, und die tiefer gelegenen Wlder zeigen ihr sanftes Grn
von breiten, blauen Schatten durchschnitten, die so schn sind, da man
sich in seinem Leben nicht satt daran sehen kann.

An den andern Seiten des Tales, nmlich von Mitternacht, Morgen und
Abend her, sind die Berge langgestreckt und niederer, manche Felder und
Wiesen steigen ziemlich hoch hinauf, und oberhalb ihrer sieht man
verschiedene Waldblen, Alpenhtten und dergleichen, bis sie an ihrem
Rande mit feingezacktem Walde am Himmel hingehen, welche Auszackung eben
ihre geringe Hhe anzeigt, whrend die mittglichen Berge, obwohl sie
noch groartigere Wlder hegen, doch mit einem ganz glatten Rande an dem
glnzenden Himmel hinstreichen.

Wenn man so ziemlich mitten in dem Tale steht, so hat man die
Empfindung, als ginge nirgends ein Weg in dieses Becken hinein und
keiner daraus hinaus; allein diejenigen, welche fter im Gebirge gewesen
sind, kennen diese Tuschung gar wohl: in der Tat fhren nicht nur
verschiedene Wege, und darunter sogar manche durch die Verschiebung der
Berge fast auf ebenem Boden in die nrdlichen Flchen hinaus, sondern
gegen Mittag, wo das Tal durch steilrechte Mauern fast geschlossen
scheint, geht sogar ein Weg ber den obenbenannten Hals.

Das Drflein heit Gschaid, und der Schneeberg, der auf seine Huser
herabschaut, heit Gars.

Jenseit des Halses liegt ein viel schneres und blhenderes Tal, als das
von Gschaid ist, und es fhrt von der Unglckssule der gebahnte Weg
hinab. Es hat an seinem Eingange einen stattlichen Marktflecken,
Millsdorf, der sehr gro ist, verschiedene Werke hat und in manchen
Husern stdtische Gewerbe und Nahrung treibt. Die Bewohner sind viel
wohlhabender als die in Gschaid, und obwohl nur drei Wegstunden zwischen
den beiden Tlern liegen, was fr die an groe Entfernungen gewhnten
und Mhseligkeiten liebenden Gebirgsbewohner eine unbedeutende
Kleinigkeit ist, so sind doch Sitten und Gewohnheiten in den beiden
Tlern so verschieden, selbst der uere Anblick derselben ist so
ungleich, als ob eine groe Anzahl Meilen zwischen ihnen lge. Das ist
in Gebirgen sehr oft der Fall und hngt nicht nur von der verschiedenen
Lage der Tler gegen die Sonne ab, die sie oft mehr oder weniger
begnstigt, sondern auch von dem Geiste der Bewohner, der durch gewisse
Beschftigungen nach dieser oder jener Richtung gezogen wird. Darin
stimmen aber alle berein, da sie an Herkmmlichkeiten und Vterweise
hngen, groen Verkehr leicht entbehren, ihr Tal auerordentlich lieben
und ohne dasselbe kaum leben knnen.

Es vergehen oft Monate, oft fast ein Jahr, ehe ein Bewohner von Gschaid
in das jenseitige Tal hinberkommt und den groen Marktflecken Millsdorf
besucht. Die Millsdorfer halten es ebenso, obwohl sie ihrerseits doch
Verkehr mit dem Lande drauen pflegen und daher nicht so abgeschieden
sind wie die Gschaider. Es geht sogar ein Weg, der eine Strae heien
knnte, lngs ihres Tales, und mancher Reisende und mancher Wanderer
geht hindurch, ohne nur im geringsten zu ahnen, da mitternachtwrts
seines Weges jenseits des hohen, herabblickenden Schneebergs noch ein
Tal sei, in dem viele Huser zerstreut sind, und in dem das Drflein mit
dem spitzigen Kirchturme steht.

Unter den Gewerben des Dorfes, welche bestimmt sind, den Bedarf des
Tales zu decken, ist auch das eines Schusters, das nirgends entbehrt
werden kann, wo die Menschen nicht in ihrem Urzustande sind. Die
Gschaider aber sind so weit ber diesem Stande, da sie recht gute und
tchtige Gebirgsfubekleidung brauchen. Der Schuster ist mit einer
kleinen Ausnahme der einzige im Tale. Sein Haus steht auf dem Platze in
Gschaid, wo berhaupt die besseren stehen, und schaut mit seinen grauen
Mauern, weien Fenstersimsen und grn angestrichenen Fensterlden auf
die vier Linden hinaus. Es hat im Erdgeschosse die Arbeitsstube, die
Gesellenstube, eine grere und kleinere Wohnstube, ein
Verkaufsstbchen, nebst Kche und Speisekammer und allen zugehrigen
Gelassen; im ersten Stockwerke, oder eigentlich im Raume des Giebels,
hat es die Oberstube oder eigentliche Prunkstube. Zwei Prachtbetten,
schne, geglttete Ksten mit Kleidern stehen da, dann ein
Glserkstchen mit Geschirren, ein Tisch mit eingelegter Arbeit,
gepolsterte Sessel, ein Mauerkstchen mit den Ersparnissen, dann hngen
an den Wnden Heiligenbilder, zwei schne Sackuhren, gewonnene Preise im
Schieen, und endlich sind auch Scheibengewehre und Jagdbchsen nebst
ihrem Zubehre in einem eigenen, mit Glastafeln versehenen Kasten
aufgehngt. An das Schusterhaus ist ein kleineres Huschen, nur durch
den Einfahrtsschwibbogen getrennt, angebaut, welches genau dieselbe
Bauart hat und zum Schusterhause wie ein Teil zum Ganzen gehrt. Es hat
nur eine Stube mit den dazu gehrigen Wohnteilen. Es hat die Bestimmung,
dem Hausbesitzer, sobald er das Anwesen seinem Sohne oder Nachfolger
bergeben hat, als sogenanntes Ausnahmestbchen zu dienen, in welchem er
mit seinem Weibe so lange haust, bis beide gestorben sind, die Stube
wieder leer steht und auf einen neuen Bewohner wartet. Das Schusterhaus
hat nach rckwrts Stall und Scheune; denn jeder Talbewohner ist, selbst
wenn er ein Gewerbe treibt, auch Landbebauer und zieht hieraus seine
gute und nachhaltige Nahrung. Hinter diesen Gebuden ist endlich der
Garten, der fast bei keinem besseren Hause in Gschaid fehlt, und von dem
sie ihre Gemse, ihr Obst und fr festliche Gelegenheiten ihre Blumen
ziehen. Wie oft im Gebirge, so ist auch in Gschaid die Bienenzucht in
diesen Grten sehr verbreitet.

Die kleine Ausnahme, deren oben Erwhnung geschah, und die
Nebenbuhlerschaft der Alleinherrlichkeit des Schusters ist ein anderer
Schuster, der alte Tobias, der aber eigentlich kein Nebenbuhler ist,
weil er nur mehr flickt, hierin viel zu tun hat und es sich nicht im
entferntesten beikommen lt, mit dem vornehmen Platzschuster in einen
Wettstreit einzugehen, insbesondere, da der Platzschuster ihn hufig mit
Lederflecken, Sohlenabschnitten und dergleichen Dingen unentgeltlich
versieht. Der alte Tobias sitzt im Sommer am Ende des Drfchens unter
Hollunderbschen und arbeitet. Er ist umringt von Schuhen und
Bundschuhen, die aber smtlich alt, grau, kotig und zerrissen sind.
Stiefel mit langen Rhren sind nicht da, weil sie im Dorfe und in der
Gegend nicht getragen werden; nur zwei Personen haben solche, der
Pfarrer und der Schullehrer, welche aber beides, flicken und neue Ware
machen, nur bei dem Platzschuster lassen. Im Winter sitzt der alte
Tobias in seinem Stbchen hinter den Hollunderstauden und hat warm
geheizt, weil das Holz in Gschaid nicht teuer ist.

Der Platzschuster ist, ehe er das Haus angetreten hat, ein
Gemsenwildschtze gewesen und hat berhaupt in seiner Jugend, wie die
Gschaider sagen, nicht gut getan. Er war in der Schule immer einer der
besten Schler gewesen, hatte dann von seinem Vater das Handwerk
gelernt, ist auf Wanderung gegangen und ist endlich wieder
zurckgekehrt. Statt, wie es sich fr einen Gewerbsmann ziemt, und wie
sein Vater es zeitlebens getan, einen schwarzen Hut zu tragen, tat er
einen grnen auf, steckte noch alle bestehenden Federn darauf und
stolzierte mit ihm und mit dem krzesten Lodenrocke, den es im Tale gab,
herum, whrend sein Vater immer einen Rock von dunkler, womglich
schwarzer Farbe hatte, der auch, weil er einem Gewerbsmanne angehrte,
immer sehr weit herabgeschnitten sein mute. Der junge Schuster war auf
allen Tanzpltzen und Kegelbahnen zu sehen. Wenn ihm jemand eine gute
Lehre gab, so pfiff er ein Liedlein. Er ging mit seinem Scheibengewehre
zu allen Schieen der Nachbarschaft und brachte manchmal einen Preis
nach Hause, was er fr einen groen Sieg hielt. Der Preis bestand
meistens aus Mnzen, die knstlich gefat waren, und zu deren Gewinnung
der Schuster mehr gleiche Mnzen ausgeben mute, als der Preis enthielt,
besonders da er wenig haushlterisch mit dem Gelde war. Er ging auf alle
Jagden, die in der Gegend abgehalten wurden, und hatte sich den Namen
eines guten Schtzen erworben. Er ging aber auch manchmal allein mit
seiner Doppelbchse und mit Steigeisen fort, und einmal sagte man, da
er eine schwere Wunde im Kopfe erhalten habe.

In Millsdorf war ein Frber, welcher gleich am Anfange des
Marktfleckens, wenn man auf dem Wege von Gschaid hinberkam, ein sehr
ansehnliches Gewerbe hatte, mit vielen Leuten, und sogar, was im Tale
etwas Unerhrtes war, mit Maschinen arbeitete. Auerdem besa er noch
eine ausgebreitete Feldwirtschaft. Zu der Tochter dieses reichen Frbers
ging der Schuster ber das Gebirge, um sie zu gewinnen. Sie war wegen
ihrer Schnheit weit und breit berhmt, aber auch wegen ihrer
Eingezogenheit, Sittsamkeit und Huslichkeit belobt. Dennoch, hie es,
soll der Schuster ihre Aufmerksamkeit erregt haben. Der Frber lie ihn
nicht in sein Haus kommen; und hatte die schne Tochter schon frher
keine ffentlichen Pltze und Lustbarkeiten besucht und war selten auer
dem Hause ihrer Eltern zu sehen gewesen: so ging sie jetzt schon gar
nirgends mehr hin als in die Kirche oder in ihrem Garten oder in den
Rumen des Hauses herum.

Einige Zeit nach dem Tode seiner Eltern, durch welchen ihm das Haus
derselben zugefallen war, das er nun allein bewohnte, nderte sich der
Schuster gnzlich. So wie er frher getollt hatte, so sa er jetzt in
seiner Stube und hmmerte Tag und Nacht an seinen Sohlen. Er setzte
prahlend einen Preis darauf, wenn es jemand gbe, der bessere Schuhe und
Fubekleidungen machen knne. Er nahm keine andern Arbeiter als die
besten und trillte sie noch sehr herum, wenn sie in seiner Werksttte
arbeiteten, da sie ihm folgten und die Sache so einrichteten, wie er
befahl. Wirklich brachte er es jetzt auch dahin, da nicht nur das ganze
Dorf Gschaid, das zum grten Teil die Schusterarbeit aus benachbarten
Tlern bezogen hatte, bei ihm arbeiten lie, da das ganze Tal bei ihm
arbeiten lie und da endlich sogar einzelne von Millsdorf und andern
Tlern hereinkamen und sich ihre Fubekleidungen von dem Schuster in
Gschaid machen lieen. Sogar in die Ebene hinaus verbreitete sich sein
Ruhm, da manche, die in die Gebirge gehen wollten, sich die Schuhe dazu
von ihm machen lieen.

Er richtete das Haus sehr schn zusammen, und in dem Warengewlbe
glnzten auf den Brettern die Schuhe, Bundstiefel und Stiefel; und wenn
am Sonntag die ganze Bevlkerung des Tales hereinkam und man bei den
vier Linden des Platzes stand, ging man gern zu dem Schusterhause hin
und sah durch die Glser in die Warenstube, wo die Kufer und Besteller
waren.

Nach seiner Vorliebe zu den Bergen machte er auch jetzt die
Gebirgsbundschuhe am besten. Er pflegte in der Wirtsstube zu sagen: es
gbe keinen, der ihm einen fremden Gebirgsbundschuh zeigen knne, der
sich mit einem der seinigen vergleichen lasse. Sie wissen es nicht,
pflegte er beizufgen, sie haben es in ihrem Leben nicht erfahren, wie
ein solcher Schuh sein mu, da der gestirnte Himmel der Ngel recht auf
der Sohle sitze und das gebhrende Eisen enthalte, da der Schuh auen
hart sei, damit kein Gerllstein, wie scharf er auch sei, empfunden
werde, und da er sich von innen doch weich und zrtlich wie ein
Handschuh an die Fe lege.

Der Schuster hatte sich ein sehr groes Buch machen lassen, in welches
er alle verfertigte Ware eintrug, die Namen derer beifgte, die den
Stoff geliefert und die Ware gekauft hatten, und eine kurze Bemerkung
ber die Gte des Erzeugnisses beischrieb. Die gleichartigen
Fubekleidungen hatten ihre fortlaufenden Zahlen, und das Buch lag in
der groen Lade seines Gewlbes.

Wenn die schne Frberstochter von Millsdorf auch nicht aus der Eltern
Hause kam, wenn sie auch weder Freunde noch Verwandte besuchte, so
konnte es der Schuster von Gschaid doch so machen, da sie ihn von ferne
sah, wenn sie in die Kirche ging, wenn sie in dem Garten war und wenn
sie aus den Fenstern ihres Zimmers auf die Matten blickte. Wegen dieses
unausgesetzten Sehens hatte es die Frberin durch langes, instndiges
und ausdauerndes Flehen fr ihre Tochter dahingebracht, da der
halsstarrige Frber nachgab, und da der Schuster, weil er denn nun doch
besser geworden, die schne reiche Millsdorferin als Eheweib nach
Gschaid fhrte. Aber der Frber war desungeachtet auch ein Mann, der
seinen Kopf hatte. Ein rechter Mensch, sagte er, msse sein Gewerbe
treiben, da es blhe und vorwrts komme, er msse daher sein Weib,
seine Kinder, sich und sein Gesinde ernhren, Hof und Haus im Stande des
Glanzes halten und sich noch ein Erkleckliches erbrigen, welches
letztere doch allein imstande sei, ihm Ansehen und Ehre in der Welt zu
geben; darum erhalte seine Tochter nichts als eine vortreffliche
Ausstattung, das andere ist Sache des Ehemanns, da er es mache und fr
alle Zukunft es besorge. Die Frberei in Millsdorf und die
Landwirtschaft auf dem Frberhause sei fr sich ein ansehnliches und
ehrenwertes Gewerbe, das seiner Ehre willen bestehen, und wozu alles,
was da sei, als Grundstock dienen msse, daher er nichts weggebe. Wenn
einmal er und sein Eheweib, die Frberin, tot seien, dann gehre
Frberei und Landwirtschaft in Millsdorf ihrer einzigen Tochter, nmlich
der Schusterin in Gschaid, und Schuster und Schusterin knnten dann
damit tun, was sie wollten: aber alles dieses nur, wenn die Erben es
wert wren, das Erbe zu empfangen; wren sie es nicht wert, so ginge das
Erbe auf die Kinder derselben, und wenn keine vorhanden wren, mit der
Ausnahme des lediglichen Pflichtteiles auf andere Verwandte ber. Der
Schuster verlangte auch nichts, er zeigte im Stolze, da es ihm nur um
die schne Frberstochter in Millsdorf zu tun gewesen, und da er sie
schon ernhren und erhalten knne, wie sie zu Hause ernhrt und erhalten
worden ist. Er kleidete sie als sein Eheweib nicht nur schner als alle
Gschaiderinnen und alle Bewohnerinnen des Tales, sondern auch schner,
als sie sich je zu Hause getragen hatte, und Speise, Trank und brige
Behandlung mute besser und rcksichtsvoller sein, als sie das gleiche
im vterlichen Hause genossen hatte. Und um dem Schwiegervater zu
trotzen, kaufte er mit erbrigten Summen nach und nach immer mehr
Grundstcke so ein, da er einen tchtigen Besitz beisammen hatte.

Weil die Bewohner von Gschaid so selten aus ihrem Tale kommen und nicht
einmal oft nach Millsdorf hinbergehen, von dem sie durch Bergrcken und
durch Sitten geschieden sind, weil ferner ihnen gar kein Fall vorkmmt,
da ein Mann sein Tal verlt und sich in dem benachbarten ansiedelt
(Ansiedlungen in groen Entfernungen kommen fter vor), weil endlich
auch kein Weib oder Mdchen gern von einem Tale in ein anderes
auswandert, auer in dem ziemlich seltenen Falle, wenn sie der Liebe
folgt und als Eheweib und zu dem Ehemann in ein anderes Tal kmmt: so
geschah es, da die schne Frberstochter von Millsdorf, da sie
Schusterin in Gschaid geworden war, doch immer von allen Gschaidern als
Fremde angesehen wurde, und wenn man ihr auch nichts bles antat, ja
wenn man sie ihres schnen Wesens und ihrer Sitten wegen sogar liebte,
doch immer etwas vorhanden war, das wie Scheu oder, wenn man will, wie
Rcksicht aussah und nicht zu dem Innigen und Gleichartigen kommen lie,
wie Gschaiderinnen gegen Gschaiderinnen, Gschaider gegen Gschaider
hatten. Es war so, lie sich nicht abstellen und wurde durch die bessere
Tracht und durch das erleichterte husliche Leben der Schusterin noch
vermehrt.

Sie hatte ihrem Manne nach dem ersten Jahre einen Sohn und in einigen
Jahren darauf ein Tchterlein geboren. Sie glaubte aber, da er die
Kinder nicht so liebe, wie sie sich vorstellte, da es sein solle, und
wie sie sich bewut war, da sie dieselben liebe; denn sein Angesicht
war meistens ernsthaft und mit seinen Arbeiten beschftigt. Er spielte
und tndelte selten mit den Kindern und sprach stets ruhig mit ihnen,
gleichsam so, wie man mit Erwachsenen spricht. Was Nahrung und Kleidung
und andere uerliche Dinge anbelangte, hielt er die Kinder untadelig.

In der ersten Zeit der Ehe kam die Frberin fter nach Gschaid, und die
jungen Eheleute besuchten auch Millsdorf zuweilen bei Kirchweihen oder
andern festlichen Gelegenheiten. Als aber die Kinder auf der Welt waren,
war die Sache anders geworden. Wenn schon Mtter ihre Kinder lieben und
sich nach ihnen sehnen, so ist dieses von Gromttern fter in noch
hherem Grade der Fall; sie verlangen zuweilen mit wahrlich krankhafter
Sehnsucht nach ihren Enkeln. Die Frberin kam sehr oft nach Gschaid
herber, um die Kinder zu sehen, ihnen Geschenke zu bringen, eine Weile
dazubleiben und dann mit guten Ermahnungen zu scheiden. Da aber das
Alter und die Gesundheitsumstnde der Frberin die fteren Fahrten nicht
mehr so mglich machten, und der Frber aus dieser Ursache Einsprache
tat, wurde auf etwas anderes gesonnen, die Sache wurde umgekehrt, und
die Kinder kamen jetzt zur Gromutter. Die Mutter brachte sie selber
fter in einem Wagen, fter aber wurden sie, da sie noch im zarten Alter
waren, eingemummt einer Magd mitgegeben, die sie in einem Fuhrwerke ber
den Hals brachte. Als sie aber grer waren, gingen sie zu Fu entweder
mit der Mutter oder mit einer Magd nach Millsdorf, ja, da der Knabe
geschickt, stark und klug geworden war, lie man ihn allein den
bekannten Weg ber den Hals gehen, und wenn es sehr schn war und er
bat, erlaubte man auch, da ihn die kleine Schwester begleite. Dies ist
bei den Gschaidern gebruchlich, weil sie an starkes Fugehen gewhnt
sind, und die Eltern berhaupt, namentlich aber ein Mann wie der
Schuster, es gern sehen und eine Freude daran haben, wenn ihre Kinder
tchtig werden.

So geschah es, da die zwei Kinder den Weg ber den Hals fter
zurcklegten als die brigen Drfler zusammengenommen, und da schon ihre
Mutter in Gschaid immer gewissermaen wie eine Fremde behandelt wurde,
so wurden durch diesen Umstand auch die Kinder fremd, sie waren kaum
Gschaider und gehrten halb nach Millsdorf hinber.

Der Knabe Konrad hatte schon das ernste Wesen seines Vaters, und das
Mdchen Susanna, nach ihrer Mutter so genannt, oder, wie man es zur
Abkrzung nannte, Sanna, hatte viel Glauben zu seinen Kenntnissen,
seiner Einsicht und seiner Macht und gab sich unbedingt unter seine
Leitung, gerade so wie die Mutter sich unbedingt unter die Leitung des
Vaters gab, dem sie alle Einsicht und Geschicklichkeit zutraute.

An schnen Tagen konnte man morgens die Kinder durch das Tal gegen
Mittag wandern sehen, ber die Wiese gehen und dort anlangen, wo der
Wald des Halses gegen sie herschaut. Sie nherten sich dem Walde, gingen
auf seinem Wege allgemach ber die Erhhung hinan und kamen, ehe der
Mittag eingetreten war, auf den offenen Wiesen auf der anderen Seite
gegen Millsdorf hinunter. Konrad zeigte Sanna die Wiesen, die dem
Grovater gehrten, dann gingen sie durch seine Felder, auf denen er ihr
die Getreidearten erklrte, dann sahen sie auf Stangen unter dem
Vorsprunge des Daches die langen Tcher zum Trocknen herabhngen, die
sich im Winde schlngelten oder nrrische Gesichter machten, dann hrten
sie seine Walkmhle und seinen Lohstampf, die er an seinem Bache fr
Tuchmacher und Gerber angelegt hatte, dann bogen sie noch um eine Ecke
der Felder und gingen in kurzem durch die Hintertr in den Garten der
Frberei, wo sie von der Gromutter empfangen wurden. Diese ahnte immer,
wenn die Kinder kamen, sah zu den Fenstern aus und erkannte sie von
weitem, wenn Sannas rotes Tuch recht in der Sonne leuchtete.

Sie fhrte die Kinder dann durch die Waschstube und Presse in das
Zimmer, lie sie niedersetzen, lie nicht zu, da sie Halstcher oder
Jckchen lfteten, damit sie sich nicht verkhlten, und behielt sie beim
Essen da. Nach dem Essen durften sie sich lften, spielen, durften in
den Rumen des grovterlichen Hauses herumgehen oder sonst tun, was sie
wollten, wenn es nur nicht unschicklich oder verboten war. Der Frber,
welcher immer bei dem Essen war, fragte sie um ihre Schulgegenstnde aus
und schrfte ihnen besonders ein, was sie lernen sollten. Nachmittags
wurden sie von der Gromutter schon ehe die Zeit kam, zum Aufbruche
getrieben, da sie ja nicht zu spt kmen. Obgleich der Frber keine
Mitgift gegeben hatte und vor seinem Tode von seinem Vermgen nichts
wegzugeben gelobt hatte, glaubte sich die Frberin an diese Dinge doch
nicht so strenge gebunden, und sie gab den Kindern nicht allein whrend
ihrer Anwesenheit allerlei, worunter nicht selten ein Mnzstck und
zuweilen gar von ansehnlichem Werte war, sondern sie band ihnen auch
immer zwei Bndelchen zusammen, in denen sich Dinge befanden, von denen
sie glaubte, da sie notwendig wren oder da sie den Kindern Freude
machen knnten. Und wenn oft die nmlichen Dinge im Schusterhause in
Gschaid ohnedem in aller Trefflichkeit vorhanden waren, so gab sie die
Gromutter in der Freude des Gebens doch, und die Kinder trugen sie als
etwas Besonderes nach Hause. So geschah es nun, da die Kinder am
heiligen Abende schon unwissend die Geschenke in Schachteln gut
versiegelt und verwahrt nach Hause trugen, die ihnen in der Nacht
einbeschert werden sollten.

Weil die Gromutter die Kinder immer schon vor der Zeit zum Fortgehen
drngte, damit sie nicht zu spt nach Hause kmen, so erzielte sie
hierdurch, da die Kinder gerade auf dem Wege bald an dieser, bald an
jener Stelle sich aufhielten. Sie saen gern an dem Haselnugehege, das
auf dem Halse ist, und schlugen mit Steinen Nsse auf oder spielten,
wenn keine Nsse waren, mit Blttern oder mit Hlzlein oder mit den
weichen, braunen Zpfchen, die im ersten Frhjahre von den Zweigen der
Nadelbume herabfielen. Manchmal erzhlte Konrad dem Schwesterchen
Geschichten, oder wenn sie zu der roten Unglckssule kamen, fhrte er
sie ein Stck auf dem Seitenwege links gegen die Hhen hinan und sagte
ihr, da man da auf den Schneeberg gelange, da dort Felsen und Steine
seien, da die Gemsen herumspringen und groe Vgel fliegen. Er fhrte
sie oft ber den Wald hinaus, sie betrachteten dann den drren Rasen und
die kleinen Strucher der Heidekruter; aber er fhrte sie wieder zurck
und brachte sie immer vor der Abenddmmerung nach Hause, was ihm stets
Lob eintrug.

Einmal war am heiligen Abende, da die erste Morgendmmerung in dem Tale
von Gschaid in Helle bergegangen war, ein dnner trockener Schleier
ber den ganzen Himmel gebreitet, so da man die ohnedem schiefe und
ferne Sonne im Sdosten nur als einen undeutlichen roten Fleck sah;
berdies war an diesem Tage eine milde, beinahe laulichte Luft
unbeweglich im ganzen Tale und auch an dem Himmel, wie die unvernderte
und ruhige Gestalt der Wolken zeigte. Da sagte die Schustersfrau zu
ihren Kindern: Weil ein so angenehmer Tag ist, weil es so lange nicht
geregnet hat und die Wege fest sind, und weil es auch der Vater gestern
unter der Bedingung erlaubt hat, wenn der heutige Tag dazu geeignet ist,
so drft ihr zur Gromutter nach Millsdorf gehen; aber ihr mt den
Vater noch vorher fragen.

Die Kinder, welche noch in ihren Nachtkleidchen dastanden, liefen in die
Nebenstube, in welcher der Vater mit einem Kunden sprach, und baten um
die Wiederholung der gestrigen Erlaubnis, weil ein so schner Tag sei.
Sie wurde ihnen erteilt, und sie liefen wieder zur Mutter zurck.

Die Schustersfrau zog nun ihre Kinder vorsorglich an, oder eigentlich,
sie zog das Mdchen mit dichten, gut verwahrenden Kleidern an; denn der
Knabe begann sich selber anzukleiden und stand viel frher fertig da,
als die Mutter mit dem Mdchen hatte ins reine kommen knnen. Als sie
dieses Geschft vollendet hatte, sagte sie: Konrad, gib mir wohl acht:
weil ich dir das Mdchen mitgehen lasse, so msset ihr beizeiten
fortgehen, ihr msset an keinem Platze stehen bleiben, und wenn ihr bei
der Gromutter gegessen habt, so msset ihr gleich wieder umkehren und
nach Hause trachten; denn die Tage sind jetzt sehr kurz, und die Sonne
geht gar bald unter.

Ich wei es schon, Mutter, sagte Konrad.

Und siehe gut auf Sanna, da sie nicht fllt oder sich erhitzt.

Ja, Mutter.

So, Gott behte euch, und geht noch zum Vater und sagt, da ihr jetzt
fortgehet.

Der Knabe nahm eine von seinem Vater kunstvoll aus Kalbfellen genhte
Tasche an einem Riemen um die Schulter, und die Kinder gingen in die
Nebenstube, um dem Vater Lebewohl zu sagen. Aus dieser kamen sie bald
heraus und hpften, von der Mutter mit einem Kreuze besegnet, frhlich
auf die Gasse.

Sie gingen schleunig lngs des Dorfplatzes hinab und dann durch die
Husergasse und endlich zwischen den Planken der Obstgrten in das Freie
hinaus. Die Sonne stand schon ber dem mit milchigen Wolkenstreifen
durchwobenen Wald der morgendlichen Anhhen, und ihr trbes, rtliches
Bild schritt durch die laublosen Zweige der Holzpfelbume mit den
Kindern fort.

In dem ganzen Tale war kein Schnee, die greren Berge, von denen er
schon viele Wochen herabgeglnzt hatte, wurden damit bedeckt, die
kleineren standen in dem Mantel ihrer Tannenwlder und im Fahlrot ihrer
entblten Zweige unbeschneit und ruhig da. Der Boden war noch nicht
gefroren, und er wre vermge der vorhergegangenen langen, regenlosen
Zeit ganz trocken gewesen, wenn ihn nicht die Jahreszeit mit einer
zarten Feuchtigkeit berzogen htte, die ihn aber nicht schlpfrig,
sondern eher fest und widerprallend machte, da sie leicht darauf
fortgingen. Das wenige Gras, welches noch auf den Wiesen und vorzglich
an den Wassergrben derselben war, stand in herbstlichem Ansehen. Es lag
kein Reif und bei nherem Anblicke nicht einmal ein Tau, was nach der
Meinung der Landleute baldigen Regen bedeutet.

Gegen die Grenzen der Wiesen zu war ein Gebirgsbach, ber welchen ein
hoher Steg fhrte. Die Kinder gingen auf den Steg und schauten hinab. Im
Bache war schier kein Wasser, ein dnner Faden von sehr stark blauer
Farbe ging durch die trockenen Kiesel des Gerlles, die wegen
Regenlosigkeit ganz wei geworden waren, und sowohl die Wenigkeit als
auch die Farbe des Wassers zeigten an, da in den greren Hhen schon
Klte herrschen msse, die den Boden verschliee, da er mit seiner Erde
das Wasser nicht trbe, und die das Eis erhrte, da es in seinem Innern
nur wenige klare Tropfen abgeben knne.

Von dem Stege liefen die Kinder durch die Grnde fort und nherten sich
immer mehr den Waldungen.

Sie trafen endlich die Grenze des Holzes und gingen in demselben weiter.

Als sie in die hheren Wlder des Halses hinaufgekommen waren, zeigten
sich die langen Furchen des Fahrweges nicht mehr weich, wie es unten im
Tale der Fall gewesen war, sondern sie waren fest, und zwar nicht aus
Trockenheit, sondern, wie die Kinder sich bald berzeugten, weil sie
gefroren waren. An manchen Stellen waren sie so berfroren, da sie die
Krper der Kinder trugen. Nach der Natur der Kinder gingen sie nun nicht
mehr auf dem glatten Pfade neben dem Fahrwege, sondern in den Gleisen,
und versuchten, ob dieser oder jener Furchenaufwurf sie schon trage. Als
sie nach Verlauf einer Stunde auf der Hhe des Halses angekommen waren,
war der Boden bereits so hart, da er klang und Schollen wie Steine
hatte.

An der roten Unglckssule des Bckers bemerkte Sanna zuerst, da sie
heute gar nicht dastehe. Sie gingen zu dem Platze hinzu und sahen, da
der runde, rot angestrichene Balken, der das Bild trug, in dem drren
Grase liege, das wie dnnes Stroh an der Stelle stand und den Anblick
der liegenden Sule verdeckte. Sie sahen zwar nicht ein, warum die Sule
liege, ob sie umgeworfen worden oder ob sie von selber umgefallen sei;
das sahen sie, da sie an der Stelle, wo sie in die Erde ragte, sehr
morsch war, und da sie daher sehr leicht habe umfallen knnen; aber da
sie einmal lag, so machte es ihnen Freude, da sie das Bild und die
Schrift so nahe betrachten konnten, wie es sonst nie der Fall gewesen
war. Als sie alles -- den Korb mit den Semmeln, die bleichen Hnde
des Bckers, seine geschlossenen Augen, seinen grauen Rock und die
umstehenden Tannen -- betrachtet hatten, als sie die Schrift gelesen
und laut gesagt hatten, gingen sie wieder weiter.

Abermals nach einer Stunde wichen die dunklen Wlder zu beiden Seiten
zurck, dnnstehende Bume, teils einzelne Eichen, teils Birken und
Gebschgruppen empfingen sie, geleiteten sie weiter, und nach kurzem
liefen sie auf den Wiesen in das Millsdorfer Tal hinab.

Obwohl dieses Tal bedeutend tiefer liegt als das von Gschaid und auch
um so viel wrmer war, da man die Ernte immer um vierzehn Tage frher
beginnen konnte als in Gschaid, so war doch auch hier der Boden
gefroren, und als die Kinder bis zu den Loh- und Walkwerken des
Grovaters gekommen waren, lagen auf dem Wege, auf den die Rder oft
Tropfen herausspritzten, schne Eistfelchen. Den Kindern ist das
gewhnlich ein sehr groes Vergngen.

Die Gromutter hatte sie kommen gesehen, war ihnen entgegengegangen,
nahm Sanna bei den erfrornen Hndchen und fhrte sie in die Stube.

Sie nahm ihnen die wrmeren Kleider ab, sie lie in dem Ofen nachlegen
und fragte sie, wie es ihnen im Herbergehen gegangen sei.

Als sie hierauf die Antwort erhalten hatte, sagte sie: Das ist schon
recht, das ist gut, es freut mich gar sehr, da ihr wieder gekommen
seid; aber heute mt ihr bald fort, der Tag ist kurz, und es wird auch
klter, am Morgen war es in Millsdorf nicht gefroren.

In Gschaid auch nicht, sagte der Knabe.

Siehst du, darum mt ihr euch sputen, da euch gegen Abend nicht zu
kalt wird, antwortete die Gromutter.

Hierauf fragte sie, was die Mutter mache, was der Vater mache, und ob
nichts Besonderes in Gschaid geschehen sei.

Nach diesen Fragen bekmmerte sie sich um das Essen, sorgte, da es
frher bereitet wurde als gewhnlich und richtete selber den Kindern
kleine Leckerbissen zusammen, von denen sie wute, da sie eine Freude
damit erregen wrde. Dann wurde der Frber gerufen, die Kinder bekamen
an dem Tische aufgedeckt wie groe Personen und aen nun mit Grovater
und Gromutter, und die letzte legte ihnen hierbei besonders Gutes vor.
Nach dem Essen streichelte sie Sannas unterdessen sehr rot gewordene
Wangen.

Hierauf ging sie geschftig hin und her und steckte das Kalbfellrnzchen
des Knaben voll und steckte ihm noch allerlei in die Taschen. Auch in
die Tschchen von Sanna tat sie allerlei Dinge. Sie gab jedem ein Stck
Brot, es auf dem Wege zu verzehren, und in dem Rnzchen, sagte sie,
seien noch zwei Weibrote, wenn etwa der Hunger zu gro wrde.

Fr die Mutter habe ich einen gut gebrannten Kaffee mitgegeben, sagte
sie, und in dem Flschchen, das zugestopft und gut verbunden ist,
befindet sich auch ein schwarzer Kaffeeaufgu, ein besserer, als die
Mutter bei euch gewhnlich macht, sie soll ihn nur kosten, wie er ist,
er ist eine wahre Arznei, so krftig, da nur ein Schlckchen den Magen
so wrmt, da es den Krper in den kltesten Wintertagen nicht frieren
kann. Die andern Sachen, die in der Schachtel und in den Papieren im
Rnzchen sind, bringt unversehrt nach Hause.

Da sie noch ein Weilchen mit den Kindern geredet hatte, sagte sie, da
sie gehen sollten.

Habe acht, Sanna, sagte sie, da du nicht frierst, erhitze dich
nicht; und da ihr nicht ber die Wiesen hinauf und unter den Bumen
lauft. Etwa kmmt gegen Abend ein Wind, da mt ihr langsamer gehen.
Gret Vater und Mutter und sagt, sie sollen recht glckliche Feiertage
haben.

Die Gromutter kte beide Kinder auf die Wangen und schob sie durch die
Tr hinaus. Nichtsdestoweniger ging sie aber auch selber mit, geleitete
sie durch den Garten, lie sie durch das Hinterpfrtchen hinaus, schlo
wieder und ging in das Haus zurck.

Die Kinder gingen an den Eistfelchen neben den Werken des Grovaters
vorbei, sie gingen durch die Millsdorfer Felder und wendeten sich gegen
die Wiesen hinan.

Als sie auf den Anhhen gingen, wo, wie gesagt wurde, zerstreute Bume
und Gebschgruppen standen, fielen uerst langsam einzelne
Schneeflocken.

Siehst du, Sanna, sagte der Knabe, ich habe es gleich gedacht, da
wir Schnee bekommen; weit du, da wir von Hause weggingen, sahen wir
noch die Sonne, die so blutrot war wie eine Lampe bei dem heiligen
Grabe, und jetzt ist nichts mehr von ihr zu erblicken, und nur der graue
Nebel ist ber den Baumwipfeln oben. Das bedeutet allemal Schnee.

Die Kinder gingen freudiger fort, und Sanna war recht froh, wenn sie mit
dem dunkeln rmel ihres Rckchens eine der fallenden Flocken auffangen
konnte, und wenn dieselbe recht lange nicht auf dem rmel zerflo. Als
sie endlich an dem uersten Rand der Millsdorfer Hhen angekommen
waren, wo es gegen die dunkeln Tannen des Halses hineingeht, war die
dichte Waldwand schon recht lieblich gesprenkelt von den immer
reichlicher herabfallenden Flocken. Sie gingen nunmehr in den dicken
Wald hinein, der den grten Teil ihrer noch bevorstehenden Wanderung
einnahm.

Es geht von dem Waldrande noch immer aufwrts, und zwar bis man zur
roten Unglckssule kommt, von wo sich, wie schon oben angedeutet wurde,
der Weg gegen das Tal von Gschaid hinabwendet. Die Erhebung des Waldes
von der Millsdorfer Seite aus ist sogar so steil, da der Weg nicht
gerade hinangeht, sondern da er in sehr langen Abweichungen von Abend
nach Morgen und von Morgen nach Abend hinanklimmt. An der ganzen Lnge
des Weges hinauf zur Sule und hinab bis zu den Wiesen von Gschaid sind
hohe, dichte, ungelichtete Waldbestnde, und sie werden erst ein wenig
dnner, wenn man in die Ebene gelangt ist und gegen die Wiesen des Tales
von Gschaid hinauskmmt. Der Hals ist auch, wenn er gleich nur eine
kleine Verbindung zwischen zwei groen Gebirgshuptern abgibt, doch
selbst so gro, da er, in die Ebene gelegt, einen bedeutenden
Gebirgsrcken abgeben wrde.

Das erste, was die Kinder sahen, als sie die Waldung betraten, war, da
der gefrorene Boden sich grau zeigte, als ob er mit Mehl beset wre,
da die Fahne manches dnnen Halmes des am Wege hin und zwischen den
Bumen stehenden drren Grases mit Flocken beschwert war, und da auf
den verschiedenen grnen Zweigen der Tannen und Fichten, die sich wie
Hnde ffneten, schon weie Flumchen saen.

Schneit es denn jetzt bei dem Vater zu Hause auch? fragte Sanna.

Freilich, antwortete der Knabe, es wird auch klter, und du wirst
sehen, da morgen der ganze Teich gefroren ist.

Ja, Konrad, sagte das Mdchen.

Es verdoppelte beinahe seine kleinen Schritte, um mit denen des
dahinschreitenden Knaben gleichbleiben zu knnen.

Sie gingen nun rstig in den Windungen fort, jetzt von Abend nach
Morgen, jetzt von Morgen nach Abend. Der von der Gromutter
vorausgesagte Wind stellte sich nicht ein; im Gegenteile war es so
stille, da sich nicht ein stchen oder Zweig rhrte, ja sogar es schien
im Walde wrmer, wie es in lockeren Krpern, dergleichen ein Wald auch
ist, immer im Winter zu sein pflegt, und die Schneeflocken fielen stets
reichlicher, so da der ganze Boden schon wei war, da der Wald sich
grau zu bestuben anfing, und da auf dem Hute und den Kleidern des
Knaben sowie auf denen des Mdchens der Schnee lag.

Die Freude der Kinder war sehr gro. Sie traten auf den weichen Flaum,
suchten mit dem Fue absichtlich solche Stellen, wo er dichter zu liegen
schien, um dorthin zu treten und sich den Anschein zu geben, als wateten
sie bereits. Sie schttelten den Schnee nicht von den Kleidern ab.

Es war groe Ruhe eingetreten. Von den Vgeln, deren doch manche auch
zuweilen im Winter in dem Walde hin und her fliegen, und von denen die
Kinder im Herbergehen sogar mehrere zwitschern gehrt hatten, war
nichts zu vernehmen, sie sahen auch keine auf irgendeinem Zweige sitzen
oder fliegen, und der ganze Wald war gleichsam ausgestorben.

Weil nur die bloen Fustapfen der Kinder hinter ihnen blieben, und weil
vor ihnen der Schnee rein und unverletzt war, so war daraus zu erkennen,
da sie die einzigen waren, die heute ber den Hals gingen.

Sie gingen in ihrer Richtung fort, sie nherten sich fter den Bumen,
fter entfernten sie sich, und wo dichtes Unterholz war, konnten sie den
Schnee auf den Zweigen liegen sehen.

Ihre Freude wuchs noch immer; denn die Flocken fielen stets dichter, und
nach kurzer Zeit brauchten sie nicht mehr den Schnee aufzusuchen, um in
ihm zu waten; denn er lag schon so dicht, da sie ihn berall weich
unter den Sohlen empfanden, und da er sich bereits um ihre Schuhe zu
legen begann; und wenn es so ruhig und heimlich war, so war es, als ob
sie das Knistern des in die Nadeln herabfallenden Schnees vernehmen
knnten.

Werden wir heute auch die Unglckssule sehen? fragte das Mdchen,
sie ist ja umgefallen, und da wird es darauf schneien, und da wird die
rote Farbe wei sein.

Darum knnen wir sie doch sehen, antwortete der Knabe, wenn auch der
Schnee auf sie fllt und wenn sie auch wei ist, so mssen wir sie
liegen sehen, weil sie eine dicke Sule ist und weil sie das schwarze
eiserne Kreuz auf der Spitze hat, das doch immer herausragen wird.

Ja, Konrad.

Indessen da sie noch weitergegangen waren, war der Schneefall so dicht
geworden, da sie nur mehr die allernchsten Bume sehen konnten.

Von der Hrte des Weges oder gar von Furchenaufwerfungen war nichts zu
empfinden, der Weg war vom Schnee berall gleich weich und war berhaupt
nur daran zu erkennen, da er als ein gleichmiger weier Streifen in
dem Walde fortlief. Auf allen Zweigen lag schon die schne, weie Hlle.

Die Kinder gingen jetzt mitten auf dem Wege, sie furchten den Schnee mit
ihren Flein und gingen langsamer, weil das Gehen beschwerlich ward.
Der Knabe zog seine Jacke empor an dem Halse zusammen, damit ihm nicht
der Schnee in den Nacken falle, und er setzte den Hut tiefer in das
Haupt, da er geschtzter sei. Er zog auch seinem Schwesterlein das
Tuch, das ihm die Mutter um die Schulter gegeben hatte, besser zusammen
und zog es ihm mehr vorwrts in die Stirne, da es ein Dach bilde.

Der von der Gromutter vorausgesagte Wind war noch immer nicht gekommen;
aber dafr wurde der Schneefall nach und nach so dicht, da auch nicht
mehr die nchsten Bume zu erkennen waren, sondern da sie wie neblige
Scke in der Luft standen.

Die Kinder gingen fort. Sie duckten die Kpfe dichter in ihre Kleider
und gingen fort.

Sanna nahm den Riemen, an welchem Konrad die Kalbfelltasche um die
Schulter hngen hatte, mit den Hndchen, hielt sich daran, und so gingen
sie ihres Weges.

Die Unglckssule hatten sie noch immer nicht erreicht. Der Knabe konnte
die Zeit nicht ermessen, weil keine Sonne am Himmel stand und weil es
immer gleichmig grau war.

Werden wir bald zu der Unglckssule kommen? fragte Sanna.

Ich wei es nicht, antwortete der Knabe, ich kann heute die Bume
nicht sehen und den Weg nicht erkennen, weil er so wei ist. Die
Unglckssule werden wir wohl gar nicht sehen, weil so viel Schnee
liegen wird, da sie verhllt sein wird, und da kaum ein Grschen oder
ein Arm des schwarzen Kreuzes hervorragen wird. Aber es macht nichts.
Wir gehen immer auf dem Wege fort, der Weg geht zwischen den Bumen, und
wenn er zu dem Platze der Unglckssule kommt, dann wird er abwrts
gehen, wir gehen auf ihm fort, und wenn er aus den Bumen hinausgeht,
dann sind wir schon auf den Wiesen von Gschaid, dann kmmt der Steg, und
dann haben wir nicht mehr weit nach Hause.

Ja, Konrad, sagte das Mdchen.

Sie gingen auf ihrem aufwrtsfhrenden Wege fort. Die hinter ihnen
liegenden Fustapfen waren jetzt nicht mehr lange sichtbar; denn die
ungemeine Flle des herabfallenden Schnees deckte sie bald zu, da sie
verschwanden. Der Schnee knisterte in seinem Falle nun auch nicht mehr
in den Nadeln, sondern legte sich eilig und heimlich auf die weie,
schon daliegende Decke nieder. Die Kinder nahmen die Kleider noch
fester, um das immerwhrende, allseitige Hineinrieseln abzuhalten.

Sie gingen sehr schleunig, und der Weg fhrte noch stets aufwrts.

Nach langer Zeit war noch immer die Hhe nicht erreicht, auf welcher die
Unglckssule stehen sollte und von wo der Weg gegen die Gschaider Seite
sich hinunterwenden mute.

Endlich kamen die Kinder in eine Gegend, in welcher keine Bume standen.

Ich sehe keine Bume mehr, sagte Sanna.

Vielleicht ist nur der Weg so breit, da wir sie wegen des Schneiens
nicht sehen knnen, antwortete der Knabe.

Ja, Konrad, sagte das Mdchen.

Nach einer Weile blieb der Knabe stehen und sagte: Ich sehe selber
keine Bume mehr, wir mssen aus dem Walde gekommen sein, auch geht der
Weg immer bergan. Wir wollen ein wenig stehenbleiben und herumsehen,
vielleicht erblicken wir etwas.

Aber sie erblickten nichts. Sie sahen durch einen trben Raum in den
Himmel. Wie bei dem Hagel ber die weien oder grnlich gedunsenen
Wolken die finsteren, fransenartigen Streifen herabstarren, so war es
hier, und das stumme Schtten dauerte fort. Auf der Erde sahen sie nur
einen runden Fleck Wei und dann nichts mehr.

Weit du, Sanna, sagte der Knabe, wir sind auf dem drren Grase, auf
welches ich dich oft im Sommer heraufgefhrt habe, wo wir saen und wo
wir den Rasen betrachteten, der nacheinander hinaufgeht, und wo die
schnen Kruterbschel wachsen. Wir werden da jetzt gleich rechts
hinabgehen!

Ja, Konrad.

Der Tag ist kurz, wie die Gromutter gesagt hat, und wie du auch wissen
wirst, wir mssen uns daher sputen.

Ja, Konrad, sagte das Mdchen.

Warte ein wenig, ich will dich besser einrichten, erwiderte der Knabe.

Er nahm seinen Hut ab, setzte ihn Sanna auf das Haupt und befestigte ihn
mit den beiden Bndchen unter ihrem Kinn. Das Tchlein, welches sie um
hatte, schtzte sie zu wenig, whrend auf seinem Haupte eine solche
Menge dichter Locken war, da noch lange Schnee darauffallen konnte, ehe
Nsse und Klte durchzudringen vermochten. Dann zog er sein Pelzjckchen
aus und zog dasselbe ber die rmelein der Schwester. Um seine eigenen
Schultern und Arme, die jetzt das bloe Hemd zeigten, band er das
kleinere Tchlein, das Sanna ber die Brust, und das grere, das sie
ber die Schultern gehabt hatte. Das sei fr ihn genug, dachte er, wenn
er nur stark auftrete, werde ihn nicht frieren.

Er nahm das Mdchen bei der Hand, und so gingen sie jetzt fort.

Das Mdchen schaute mit den willigen uglein in das ringsum herrschende
Grau und folgte ihm gern, nur da es mit den kleinen, eilenden Flein
nicht so nachkommen konnte, wie er vorwrts strebte gleich einem, der es
zur Entscheidung bringen wollte.

Sie gingen nun mit der Unablssigkeit und Kraft, die Kinder und Tiere
haben, weil sie nicht wissen, wie viel ihnen beschieden ist, und wann
ihr Vorrat erschpft ist.

Aber wie sie gingen, so konnten sie nicht merken, ob sie ber den Berg
hinabkmen oder nicht. Sie hatten gleich rechts nach abwrts gebogen,
allein sie kamen wieder in Richtungen, die bergan fhrten, bergab und
wieder bergan. Oft begegneten ihnen Steilheiten, denen sie ausweichen
muten, und ein Graben, in dem sie fortgingen, fhrte sie in einer
Krmmung herum. Sie erklommen Hhen, die sich unter ihren Fen steiler
gestalteten, als sie dachten, und was sie fr abwrts hielten, war
wieder eben, oder es war eine Hhlung, oder es ging immer gedehnt fort.

Wo sind wir denn, Konrad? fragte das Mdchen.

Ich wei es nicht, antwortete er.

Wenn ich nur mit diesen meinen Augen etwas zu erblicken imstande wre,
fuhr er fort, da ich mich danach richten knnte.

Aber es war rings um sie nichts als das blendende Wei, berall das
Wei, das aber selber nur einen immer kleineren Kreis um sie zog und
dann in einen lichten, streifenweise niederfallenden Nebel berging, der
jedes Weitere verzehrte und verhllte und zuletzt nichts anderes war als
der unersttlich fallende Schnee.

Warte, Sanna, sagte der Knabe, wir wollen ein wenig stehenbleiben und
horchen, ob wir nicht etwas hren knnen, was sich im Tale meldet, sei
es nun ein Hund oder eine Glocke oder die Mhle, oder sei es ein Ruf,
der sich hren lt; hren mssen wir etwas, und dann werden wir wissen,
wohin wir zu gehen haben.

Sie blieben nun stehen, aber sie hrten nichts. Sie blieben noch ein
wenig lnger stehen, aber es meldete sich nichts, es war nicht ein
einziger Laut, auch nicht der leiseste auer ihrem Atem zu vernehmen,
ja, in der Stille, die herrschte, war es, als sollten sie den Schnee
hren, der auf ihre Wimpern fiel. Die Voraussage der Gromutter hatte
sich noch immer nicht erfllt, der Wind war nicht gekommen, ja, was in
diesen Gegenden selten ist, nicht das leiseste Lftchen rhrte sich an
dem ganzen Himmel.

Nachdem sie lange gewartet hatten, gingen sie wieder fort.

Es tut auch nichts, Sanna, sagte der Knabe, sei nur nicht verzagt,
folge mir, ich werde dich doch noch hinberfhren. -- Wenn nur das
Schneien aufhrte!

Sie war nicht verzagt, sondern hob die Fchen, so gut es gehen wollte
und folgte ihm. Er fhrte sie in dem weien, lichten, regsamen,
undurchsichtigen Raume fort.

Nach einer Weile sahen sie Felsen. Sie hoben sich dunkel und undeutlich
aus dem weien und undurchsichtigen Lichte empor. Da die Kinder sich
nherten, stieen sie fast daran. Sie stiegen wie eine Mauer hinauf und
waren ganz gerade, so da kaum ein Schnee an ihrer Seite haften konnte.

Sanna, Sanna, sagte er, da sind die Felsen, gehen wir nur weiter,
gehen wir weiter.

Sie gingen weiter, sie muten zwischen die Felsen hinein und unter ihnen
fort. Die Felsen lieen sie nicht rechts und nicht links ausweichen und
fhrten sie in einem engen Wege dahin. Nach einer Zeit verloren sie
dieselben wieder und konnten sie nicht mehr erblicken. So wie sie
unversehens unter sie gekommen waren, kamen sie wieder unversehens von
ihnen. Es war wieder nichts um sie als das Wei, und ringsum war kein
unterbrechendes Dunkel zu schauen. Es schien eine groe Lichtflle zu
sein, und doch konnte man nicht drei Schritte vor sich sehen; alles war,
wenn man so sagen darf, in eine einzige weie Finsternis gehllt, und
weil kein Schatten war, so war kein Urteil ber die Gre der Dinge, und
die Kinder konnten nicht wissen, ob sie aufwrts ober abwrts gehen
wrden, bis eine Steilheit ihren Fu fate und ihn aufwrts zu gehen
zwang.

Mir tun die Augen weh, sagte Sanna.

Schaue nicht auf den Schnee, antwortete der Knabe, sondern in die
Wolken. Mir tun sie schon lange weh; aber es tut nichts, ich mu doch
auf den Schnee schauen, weil ich auf den Weg zu achten habe. Frchte
dich nur nicht, ich fhre dich doch hinunter ins Gschaid.

Ja, Konrad.

Sie gingen wieder fort; aber wie sie auch gehen mochten, wie sie sich
auch wenden mochten, es wollte kein Anfang zum Hinabwrtsgehen kommen.
An beiden Seiten waren steile Dachlehnen nach aufwrts, mitten gingen
sie fort, aber auch immer aufwrts. Wenn sie den Dachlehnen entrannen
und sie nach abwrts beugten, wurde es gleich so steil, da sie wieder
umkehren muten, die Flein stieen oft auf Unebenheiten, und sie
muten hufig Bheln ausweichen.

Sie merkten auch, da ihr Fu, wo er tiefer durch den jungen Schnee
einsank, nicht erdigen Boden unter sich empfand, sondern etwas anderes,
das wie lterer, gefrorner Schnee war; aber sie gingen immer fort und
sie liefen mit Hast und Ausdauer. Wenn sie stehenblieben war alles
still, unermelich still; wenn sie gingen, hrten sie das Rascheln ihrer
Fe, sonst nichts; denn die Hllen des Himmels sanken ohne Laut
hernieder und so reich, da man den Schnee htte wachsen sehen knnen.
Sie selber waren so bedeckt, da sie sich von dem allgemeinen Wei nicht
hervorhoben und sich, wenn sie um ein paar Schritte getrennt worden
wren, nicht mehr gesehen htten.

Eine Wohltat war es, da der Schnee so trocken war wie Sand, so da er
von ihren Fen und den Bundschhlein und Strmpfen daran leicht abglitt
und abrieselte, ohne Ballen und Nsse zu machen.

Endlich gelangten sie wieder zu Gegenstnden.

Es waren riesenhafte groe, sehr durcheinanderliegende Trmmer, die mit
Schnee bedeckt waren, der berall in die Klfte hineinrieselte, und an
die sie sich ebenfalls fast anstieen, ehe sie sie sahen. Sie gingen
ganz hinzu, die Dinge anzublicken.

Es war Eis -- lauter Eis.

Es lagen Platten da, die mit Schnee bedeckt waren, an deren beiden
Seitenwnden aber das glatte, grnliche Eis sichtbar war; es lagen Hgel
da, die wie zusammengeschobener Schaum aussahen, an deren Seiten es aber
matt nach einwrts flimmerte und glnzte, als wren Balken und Stangen
von Edelsteinen durcheinandergeworfen worden; es lagen ferner gerundete
Kugeln da, die ganz mit Schnee umhllt waren; es standen Platten und
andere Krper auch schief und gerade aufwrts, so hoch wie der Kirchturm
in Gschaid oder wie Huser. In einigen waren Hhlen eingefressen, durch
die man mit einem Arme durchfahren konnte, mit einem Kopfe, mit einem
Krper, mit einem ganzen groen Wagen voll Heu. Alle diese Stcke waren
zusammen- oder emporgedrngt und starrten, so da sie oft Dcher
bildeten oder berhnge, ber deren Rnder sich der Schnee herberlegte
und herabgriff wie lange, weie Tatzen. Selbst ein groer, schreckhaft
schwarzer Stein, wie ein Haus, lag unter dem Eise und war emporgestellt,
da er auf der Spitze stand, da kein Schnee an seinen Seiten liegen
bleiben konnte. Und nicht dieser Stein allein -- noch mehrere und
grere staken in dem Eise, die man erst spter sah, und die wie eine
Trmmermauer an ihm hingingen.

Da mu recht viel Wasser gewesen sein, weil so viel Eis ist, sagte
Sanna.

Nein, das ist von keinem Wasser, antwortete der Bruder, das ist das
Eis des Berges, das immer oben ist, weil es so eingerichtet ist.

Ja, Konrad, sagte Sanna.

Wir sind jetzt bis zu dem Eise gekommen, sagte der Knabe, wir sind
auf dem Berge, Sanna, weit du, den man von unserm Garten aus im
Sonnenscheine so wei sieht. Merke gut auf, was ich dir sagen werde.
Erinnerst du dich noch, wie wir oft nachmittags in dem Garten saen, wie
es recht schn war, wie die Bienen um uns summten, die Linden dufteten,
und die Sonne von dem Himmel schien?

Ja, Konrad, ich erinnere mich.

Da sahen wir auch den Berg. Wir sahen, wie er so blau war, so blau wie
das sanfte Firmament, wir sahen den Schnee, der oben ist, wenn auch bei
uns Sommer war, eine Hitze herrschte, und die Getreide reif wurden.

Ja, Konrad.

Und unten, wo der Schnee aufhrt, da sieht man allerlei Farben, wenn
man genau schaut, grn, blau, weilich -- das ist das Eis, das unten nur
so klein ausschaut, weil man sehr weit entfernt ist, und das, wie der
Vater sagte, nicht weggeht bis an das Ende der Welt. Und da habe ich oft
gesehen, da unterhalb des Eises die blaue Farbe noch fortgeht; das
werden Steine sein, dachte ich, oder es wird Erde und Weidegrund sein,
und dann fangen die Wlder an, die gehen herab und immer weiter herab,
man sieht auch allerlei Felsen in ihnen, dann folgen die Wiesen, die
schon grn sind, und dann die grnen Laubwlder, und dann kommen unsere
Wiesen und Felder, die in dem Tale von Gschaid sind. Siehst du nun,
Sanna, weil wir jetzt bei dem Eise sind, so werden wir ber die blaue
Farbe hinabgehen, dann durch die Wlder, in denen die Felsen sind, dann
ber die Wiesen, und dann durch die grnen Laubwlder, und dann werden
wir in dem Tale von Gschaid sein und recht leicht unser Dorf finden.

Ja, Konrad, sagte das Mdchen.

Die Kinder gingen nun in das Eis hinein, wo es zugnglich war.

Sie waren winzig kleine wandelnde Punkte in diesen ungeheuren Stcken.

Wie sie so unter die berhnge hineinsahen, gleichsam als gbe ihnen ein
Trieb ein, ein Obdach zu suchen, gelangten sie in einen Graben, in einen
breiten, tiefgefurchten Graben, der gerade aus dem Eise hervorging. Er
sah aus wie das Bett eines Stromes, der aber jetzt ausgetrocknet und
berall mit frischem Schnee bedeckt war. Wo er aus dem Eise hervorkam,
ging er gerade unter einem Kellergewlbe heraus, das recht schn aus Eis
ber ihn gespannt war. Die Kinder gingen in dem Graben fort und gingen
in das Gewlbe hinein und immer tiefer hinein. Es war ganz trocken, und
unter ihren Fen hatten sie glattes Eis. In der ganzen Hhlung aber war
es blau, so blau, wie gar nichts in der Welt ist, viel tiefer und viel
schner blau als das Firmament, gleichsam wie himmelblau gefrbtes Glas,
durch welches lichter Schein hineinsinkt. Es waren dickere und dnnere
Bogen, es hingen Zacken, Spitzen und Troddeln herab, der Gang wre noch
tiefer zurckgegangen, sie wuten nicht, wie tief, aber sie gingen nicht
mehr weiter. Es wre auch sehr gut in der Hhle gewesen, es war warm, es
fiel kein Schnee, aber es war so schreckhaft blau, die Kinder frchteten
sich und gingen wieder hinaus. Sie gingen eine Weile in dem Graben fort
und kletterten dann ber seinen Rand hinaus.

Sie gingen an dem Eise hin, sofern es mglich war, durch das Getrmmer
und zwischen den Platten durchzudringen.

Wir werden jetzt da noch hinbergehen und dann von dem Eise abwrts
laufen, sagte Konrad.

Ja, sagte Sanna und klammerte sich an ihn an.

Sie schlugen von dem Eise eine Richtung durch den Schnee abwrts ein,
die sie in das Tal fhren sollte. Aber sie kamen nicht weit hinab. Ein
neuer Strom von Eis, gleichsam ein riesenhaft aufgetrmter und
aufgewlbter Wall, lag quer durch den weichen Schnee und griff gleichsam
mit Armen rechts und links um sie herum. Unter der weien Decke, die ihn
verhllte, glimmerte es seitwrts grnlich und blulich und dunkel und
schwarz und selbst gelblich und rtlich heraus. Sie konnten es nun auf
weitere Strecken sehen, weil das ungeheure und unermdliche Schneien
sich gemildert hatte und nur mehr wie an gewhnlichen Schneetagen vom
Himmel fiel. Mit dem Starkmute der Unwissenheit kletterten sie in das
Eis hinein, um den vorgeschobenen Strom desselben zu berschreiten und
dann jenseits weiter hinabzukommen. Sie schoben sich in die
Zwischenrume hinein, sie setzten den Fu auf jedes Krperstck, das mit
einer weien Schneehaube versehen war, war es Fels oder Eis, sie nahmen
die Hnde zu Hilfe, krochen, wo sie nicht gehen konnten, und arbeiteten
sich mit ihren leichten Krpern hinauf, bis sie die Seite des Walles
berwunden hatten und oben waren.

Jenseits wollten sie wieder hinabklettern.

Aber es gab kein Jenseits.

Soweit die Augen der Kinder reichen konnten, war lauter Eis. Es standen
Spitzen und Unebenheiten und Schollen empor wie lauter furchtbares,
berschneites Eis. Statt ein Wall zu sein, ber den man hinbergehen
knnte, und der dann wieder von Schnee abgelst wrde, wie sie sich
unten dachten, stiegen aus der Wlbung neue Wnde von Eis empor,
geborsten und geklftet, mit unzhligen blauen, geschlngelten Linien
versehen, und hinter ihnen waren wieder solche Wnde, und hinter diesen
wieder solche, bis der Schneefall das Weitere mit seinem Grau verdeckte.

Sanna, da knnen wir nicht gehen, sagte der Knabe.

Nein, antwortete die Schwester.

Da werden wir wieder umkehren und anderswo hinabzukommen suchen.

Ja, Konrad.

Die Kinder suchten nun von dem Eiswalle wieder da hinabzukommen, wo sie
hinaufgeklettert waren, aber sie kamen nicht hinab. Es war lauter Eis,
als htten sie die Richtung, in der sie gekommen waren, verfehlt. Sie
wandten sich hierhin und dorthin und konnten aus dem Eise nicht
herauskommen, als wren sie von ihm umschlungen. Sie kletterten abwrts
und kamen wieder in Eis. Endlich, da der Knabe die Richtung immer
verfolgte, in der sie nach seiner Meinung gekommen waren, gelangten sie
in zerstreutere Trmmer, aber sie waren auch grer und furchtbarer, wie
sie gern am Rande des Eises zu sein pflegen, und die Kinder gelangten
kriechend und kletternd hinaus. An dem Eissaume waren ungeheure Steine,
sie waren gehuft, wie sie die Kinder ihr Leben lang nicht gesehen
hatten. Viele waren in Wei gehllt, viele zeigten die unteren schiefen
Wnde sehr glatt und fein geschliffen, als wren sie darauf geschoben
worden, viele waren wie Htten und Dcher gegeneinandergestellt, viele
lagen aufeinander wie ungeschlachte Knollen. Nicht weit von dem
Standorte der Kinder standen mehrere mit den Kpfen gegeneinander
gelehnt, und ber sie lagen breite, gelagerte Blcke wie ein Dach. Es
war ein Huschen, das gebildet war, das gegen vorn offen, rckwrts und
an den Seiten aber geschtzt war. Im Innern war es trocken, da der
steilrechte Schneefall keine einzige Flocke hineingetragen hatte. Die
Kinder waren recht froh, da sie nicht mehr in dem Eise waren und auf
ihrer Erde standen.

Aber es war auch endlich finster geworden.

Sanna, sagte der Knabe, wir knnen nicht mehr hinabgehen, weil es
Nacht geworden ist, und weil wir fallen oder gar in eine Grube geraten
knnten. Wir werden da unter die Steine hineingehen, wo es so trocken
und so warm ist, und da werden wir warten. Die Sonne geht bald wieder
auf, dann laufen wir hinunter. Weine nicht, ich bitte dich recht schn,
weine nicht, ich gebe dir alle Dinge zu essen, welche uns die Gromutter
mitgegeben hat.

Sie weinte auch nicht, sondern, nachdem sie beide unter das steinerne
berdach hineingegangen waren, wo sie nicht nur bequem sitzen, sondern
auch stehen und herumgehen konnten, setzte sie sich recht dicht an ihn
und war muschenstille.

Die Mutter, sagte Konrad, wird nicht bse sein, wir werden ihr von
dem vielen Schnee erzhlen, der uns aufgehalten hat, und sie wird nichts
sagen; der Vater auch nicht. Wenn uns kalt wird -- weit du -- dann mut
du mit den Hnden an deinen Leib schlagen, wie die Holzhauer getan
haben, und dann wird dir wrmer werden.

Ja, Konrad, sagte das Mdchen.

Sanna war nicht gar so untrstlich, da sie heute nicht mehr ber den
Berg hinabgingen und nach Hause liefen, wie er etwa glauben mochte; denn
die unermeliche Anstrengung, von der die Kinder nicht einmal gewut
hatten, wie gro sie gewesen sei, lie ihnen das Sitzen s, unsglich
s erscheinen, und sie gaben sich hin.

Jetzt machte sich aber auch der Hunger geltend. Beide nahmen fast zu
gleicher Zeit ihre Brote aus den Taschen und aen sie. Sie aen auch die
Dinge -- kleine Stckchen Kuchen, Mandeln und Nsse und andere
Kleinigkeiten--, die die Gromutter ihnen in die Tasche gesteckt hatte.

Sanna, jetzt mssen wir aber auch den Schnee von unsern Kleidern tun,
sagte der Knabe, da wir nicht na werden.

Ja, Konrad, erwiderte Sanna.

Die Kinder gingen aus ihrem Huschen, und zuerst reinigte Konrad das
Schwesterlein vom Schnee. Er nahm die Kleiderzipfel, schttelte sie,
nahm ihr den Hut ab, den er ihr aufgesetzt hatte, entleerte ihn von
Schnee, und was noch zurckgeblieben war, das stubte er mit einem Tuche
ab. Dann entledigte er auch sich, so gut es ging, des auf ihm liegenden
Schnees.

Der Schneefall hatte zu dieser Stunde ganz aufgehrt. Die Kinder sprten
keine Flocke.

Sie gingen wieder in die Steinhtte und setzten sich nieder. Das
Aufstehen hatte ihnen ihre Mdigkeit erst recht gezeigt, und sie freuten
sich auf das Sitzen. Konrad legte die Tasche aus Kalbfell ab. Er nahm
das Tuch heraus, in welches die Gromutter eine Schachtel und mehrere
Papierpckchen gewickelt hatte, und tat es zu grerer Wrme um seine
Schultern. Auch die zwei Weibrote nahm er aus dem Rnzchen und reichte
sie beide an Sanna. Das Kind a begierig. Es a eines der Brote und von
dem zweiten auch noch einen Teil. Den Rest reichte es aber Konrad, da es
sah, da er nicht a. Er nahm es und verzehrte es.

Von da an saen die Kinder und schauten.

Soweit sie in die Dmmerung zu sehen vermochten, lag berall der
flimmernde Schnee hinab, dessen einzelne winzige Tfelchen hie und da in
der Finsternis seltsam zu funkeln begannen, als htte er bei Tag das
Licht eingesogen und gbe es jetzt von sich.

Die Nacht brach mit der in groen Hhen gewhnlichen Schnelligkeit
herein. Bald war es ringsherum finster, nur der Schnee fuhr fort, mit
seinem bleichen Lichte zu leuchten. Der Schneefall hatte nicht nur
aufgehrt, sondern der Schleier an dem Himmel fing auch an, sich zu
verdnnen und zu verteilen; denn die Kinder sahen ein Sternlein blitzen.
Weil der Schnee wirklich gleichsam ein Licht von sich gab, und weil von
den Wolken kein Schleier mehr herabhing, so konnten die Kinder von ihrer
Hhle aus die Schneehgel sehen, wie sie sich in Linien von dem dunkeln
Himmel abschnitten. Weil es in der Hhle viel wrmer war, als es an
jedem andern Platze im ganzen Tage gewesen war, so ruhten die Kinder eng
aneinandersitzend und vergaen sogar die Finsternis zu frchten. Bald
vermehrten sich auch die Sterne, jetzt kam hier einer zum Vorschein,
jetzt dort, bis es schien, als wre am ganzen Himmel keine Wolke mehr.

Das war der Zeitpunkt, in welchem man in den Tlern die Lichter
anzuznden pflegt. Zuerst wird eines angezndet und auf den Tisch
gestellt, um die Stube zu erleuchten, oder es brennt auch nur ein Span,
oder es brennt das Feuer auf der Leuchte, und es erhellen sich alle
Fenster von bewohnten Stuben und glnzen in die Schneenacht hinaus; --
aber heute erst -- am heiligen Abende -- da wurden viel mehr angezndet,
um die Gaben zu beleuchten, welche fr die Kinder auf den Tischen lagen
oder an den Bumen hingen, es wurden wohl unzhlige angezndet; denn
beinahe in jedem Hause, in jeder Htte, jedem Zimmer war eines oder
mehrere Kinder, denen der heilige Christ etwas gebracht hatte, und wozu
man Lichter stellen mute. Der Knabe hatte geglaubt, da man sehr bald
von dem Berge hinabkommen knne, und doch, von den vielen Lichtern, die
heute in dem Tale brannten, kam nicht ein einziges zu ihnen herauf; sie
sahen nichts als den blassen Schnee und den dunkeln Himmel, alles andere
war ihnen in die unsichtbare Ferne hinabgerckt. In allen Tlern bekamen
die Kinder in dieser Stunde die Geschenke des heiligen Christ: nur die
zwei saen oben am Rande des Eises, und die vorzglichsten Geschenke,
die sie heute htten bekommen sollen, lagen in versiegelten Pckchen in
der Kalbfelltasche im Hintergrunde der Hhle.

Die Schneewolken waren ringsum hinter die Berge hinabgesunken, und ein
ganz dunkelblaues, fast schwarzes Gewlbe spannte sich um die Kinder
voll von dichten, brennenden Sternen, und mitten durch diese Sterne war
ein schimmerndes, breites, milchiges Band gewoben, das sie wohl auch
unten im Tale, aber nie so deutlich gesehen hatten. Die Nacht rckte
vor. Die Kinder wuten nicht, da die Sterne gegen Westen rcken und
weiterwandeln, sonst htten sie an ihrem Vorschreiten den Stand der
Nacht erkennen knnen; aber es kamen neue und gingen die alten, sie aber
glaubten, es seien immer dieselben. Es wurde von dem Scheine der Sterne
auch lichter um die Kinder; aber sie sahen kein Tal, keine Gegend,
sondern berall nur Wei -- lauter Wei. Blo ein dunkles Horn, ein
dunkles Haupt, ein dunkler Arm wurde sichtbar und ragte dort und hier
aus dem Schimmer empor. Der Mond war nirgends am Himmel zu erblicken,
vielleicht war er schon frh mit der Sonne untergegangen oder er ist
noch nicht erschienen.

Als eine lange Zeit vergangen war, sagte der Knabe: Sanna, du mut
nicht schlafen; denn weit du, wie der Vater gesagt hat, wenn man im
Gebirge schlft, mu man erfrieren, so wie der alte Eschenjger auch
geschlafen hat und vier Monate tot auf dem Steine gesessen ist, ohne da
jemand gewut hatte, wo er sei.

Nein, ich werde nicht schlafen, sagte das Mdchen matt.

Konrad hatte es an dem Zipfel des Kleides geschttelt, um es zu jenen
Worten zu erwecken.

Nun war es wieder stille.

Nach einer Zeit empfand der Knabe ein sanftes Drcken gegen seinen Arm,
das immer schwerer wurde. Sanna war eingeschlafen und war gegen ihn
herbergesunken.

Sanna, schlafe nicht, ich bitte dich, schlafe nicht, sagte er.

Nein, lallte sie schlaftrunken, ich schlafe nicht.

Er rckte weiter von ihr, um sie in Bewegung zu bringen, allein sie sank
um und htte auf der Erde liegend fortgeschlafen. Er nahm sie an der
Schulter und rttelte sie. Da er sich dabei selber etwas strker
bewegte, merkte er, da ihn friere, und da sein Arm schwerer sei. Er
erschrak und sprang auf. Er ergriff die Schwester, schttelte sie
strker und sagte: Sanna, stehe ein wenig auf, wir wollen eine Zeit
stehen, da es besser wird.

Mich friert nicht, Konrad, antwortete sie.

Ja, ja, es friert dich, Sanna, stehe auf, rief er.

Die Pelzjacke ist warm, sagte sie.

Ich werde dir emporhelfen, sagte er.

Nein, erwiderte sie und war still.

Da fiel dem Knaben etwas anderes ein. Die Gromutter hatte gesagt: Nur
ein Schlckchen wrmt den Magen so, da es den Krper in den kltesten
Wintertagen nicht frieren kann.

Er nahm das Kalbfellrnzchen, ffnete es und griff so lange, bis er das
Flschchen fand, in welchem die Gromutter der Mutter einen schwarzen
Kaffeabsud schicken wollte. Er nahm das Flschchen heraus, tat den
Verband weg und ffnete mit Anstrengung den Kork. Dann bckte er sich zu
Sanna und sagte: Da ist der Kaffee, den die Gromutter der Mutter
schickt, koste ihn ein wenig, er wird dir warm machen. Die Mutter gibt
ihn uns, wenn sie nur wei, wozu wir ihn ntig gehabt haben.

Das Mdchen, dessen Natur zur Ruhe zog, antwortete: Mich friert nicht.

Nimm nur etwas, sagte der Knabe, dann darfst du schlafen.

Diese Aussicht verlockte Sanna, sie bewltigte sich so weit, da sie
fast das eingegossene Getrnk verschluckte. Hierauf trank der Knabe auch
etwas.

Der ungemein starke Auszug wirkte sogleich, und zwar um so heftiger, da
die Kinder in ihrem Leben keinen Kaffee gekostet hatten. Statt zu
schlafen, wurde Sanna nun lebhafter und sagte selber, da sie friere,
da es aber von innen recht warm sei und auch schon in die Hnde und
Fe gehe. Die Kinder redeten sogar eine Weile miteinander.

So tranken sie trotz der Bitterkeit immer wieder von dem Getrnk, sobald
die Wirkung nachzulassen begann, und steigerten ihre unschuldigen Nerven
zu einem Fieber, das imstande war, den zum Schlummer ziehenden Gewichten
entgegenzuwirken.

Es war nun Mitternacht gekommen. Weil sie noch so jung waren und an
jedem heiligen Abend in hchstem Drange der Freude erst sehr spt
entschlummerten, wenn sie nmlich der krperliche Drang bermannt hatte,
so hatten sie nie das mitternchtliche Luten der Glocken, nie die Orgel
der Kirche gehrt, wenn das Fest gefeiert wurde, obwohl sie nahe an der
Kirche wohnten. In diesem Augenblicke der heutigen Nacht wurde nun mit
allen Glocken gelutet, es luteten die Glocken in Millsdorf, es
luteten die Glocken in Gschaid, und hinter dem Berge war noch ein
Kirchlein mit drei hellen, klingenden Glocken, die luteten. In den
fernen Lndern drauen waren unzhlige Kirchen und Glocken, und mit
allen wurde zu dieser Zeit gelutet, von Dorf zu Dorf ging die Tonwelle,
ja man konnte wohl zuweilen von einem Dorfe zum andern durch die
bltterlosen Zweige das Luten hren: nur zu den Kindern herauf kam kein
Laut, hier wurde nichts vernommen; denn hier war nichts zu verkndigen.
In den Talkrmmen gingen jetzt an den Berghngen die Lichter der
Laternen hin, und von manchem Hofe tnte das Hausglcklein, um die Leute
zu erinnern; aber dieses konnte um so weniger heraufgesehen und gehrt
werden, es glnzen nur die Sterne, und sie leuchteten und funkelten
ruhig fort.

Wenn auch Konrad sich das Schicksal des erfrorenen Eschenjgers vor
Augen hielt, wenn auch die Kinder das Flschchen mit dem schwarzen
Kaffee fast ausgeleert hatten, wodurch sie ihr Blut zu grerer
Ttigkeit brachten, aber gerade dadurch eine folgende Ermattung
herbeizogen: so wrden sie den Schlaf nicht haben berwinden knnen,
dessen verfhrende Sigkeit alle Grnde berwiegt, wenn nicht die Natur
in ihrer Gre ihnen beigestanden wre und in ihrem Innern eine Kraft
aufgerufen htte, welche imstande war, dem Schlaf zu widerstehen.

In der ungeheuern Stille, die herrschte, in der Stille, in der sich kein
Schneespitzchen zu rhren schien, hrten die Kinder dreimal das Krachen
des Eises. Was das Starrste scheint und doch das Regsamste und
Lebendigste ist, der Gletscher, hatte die Tne hervorgebracht. Dreimal
hrten sie hinter sich den Schall, der entsetzlich war, als ob die Erde
entzweigesprungen wre, der sich nach allen Richtungen im Eise
verbreitete und gleichsam durch alle derchen des Eises lief. Die Kinder
blieben mit offenen Augen sitzen und schauten in die Sterne hinaus.

Auch fr die Augen begann sich etwas zu entwickeln. Wie die Kinder so
saen, erblhte am Himmel vor ihnen ein bleiches Licht mitten unter den
Sternen und spannte einen schwachen Bogen durch dieselben. Es hatte
einen grnlichen Schimmer, der sich sachte nach unten zog. Aber der
Bogen wurde immer heller und heller, bis sich die Sterne vor ihm
zurckzogen und erblaten. Auch in andere Gegenden des Himmels sandte er
einen Schein, der schimmergrn sachte und lebendig unter die Sterne
flo. Dann standen Garben verschiedenen Lichtes auf der Hhe des Bogens
wie Zacken einer Krone und brannten. Es flo hell durch die benachbarten
Himmelsgegenden, es sprhte leise und ging in sanftem Zucken durch lange
Rume. Hatte sich nun der Gewitterstoff des Himmels durch den unerhrten
Schneefall so gespannt, da er in diesen stummen, herrlichen Strmen des
Lichtes ausflo, oder war es eine andere Ursache der unergrndlichen
Natur: nach und nach wurde er schwcher und immer schwcher, die Garben
erloschen zuerst, bis es allmhlich und unmerklich immer geringer wurde,
und wieder nichts am Himmel war als die tausend und tausend einfachen
Sterne.

Die Kinder sagten keines zu dem andern ein Wort, sie blieben fort und
fort sitzen und schauten mit offenen Augen in den Himmel.

Es geschah nun nichts Besonderes mehr. Die Sterne glnzten, funkelten
und zitterten, nur manche schieende Schnuppe fuhr durch sie.

Endlich, nachdem die Sterne lange allein geschienen hatten, und nie ein
Stckchen Mond an dem Himmel zu erblicken gewesen war, geschah etwas
anderes. Es fing der Himmel an, heller zu werden, langsam heller, aber
doch zu erkennen; es wurde seine Farbe sichtbar, die bleichsten Sterne
erloschen und die andern standen nicht mehr so dicht. Endlich wichen
auch die strkeren, und der Schnee vor den Hhen wurde deutlicher
sichtbar. Zuletzt frbte sich eine Himmelsgegend gelb, und ein
Wolkenstreifen, der in derselben war, wurde zu einem leuchtenden Faden
entzndet. Alle Dinge waren klar zu sehen, und die entfernten
Schneehgel zeichneten sich scharf in die Luft.

Sanna, der Tag bricht an, sagte der Knabe.

Ja, Konrad, antwortete das Mdchen.

Wenn es nur noch ein bichen heller wird, dann gehen wir aus der Hhle
und laufen ber den Berg hinunter.

Es wurde heller, an dem ganzen Himmel war kein Stern mehr sichtbar, und
alle Gegenstnde standen in der Morgendmmerung da.

Nun, jetzt gehen wir, sagte der Knabe.

Ja, wir gehen, antwortete Sanna.

Die Kinder standen auf und versuchten ihre erst heute recht mden
Glieder. Obwohl sie nicht geschlafen hatten, waren sie doch durch den
Morgen gestrkt, wie das immer so ist. Der Knabe hing sich das
Kalbfellrnzchen um und machte das Pelzjckchen an Sanna fester zu. Dann
fhrte er sie aus der Hhle.

Weil sie nach ihrer Meinung nur ber den Berg hinabzulaufen hatten,
dachten sie an kein Essen und untersuchten das Rnzchen nicht, ob noch
Weibrot oder andere Ewaren darinnen seien.

Von dem Berge wollte nun Konrad, weil der Himmel ganz heiter war, in die
Tler hinabschauen, um das Gschaider Tal zu erkennen und in dasselbe
hinunterzugehen. Aber er sah gar keine Tler. Es war nicht, als ob sie
sich auf einem Berge befnden, von dem man hinabsieht, sondern in einer
fremden, seltsamen Gegend, in der lauter unbekannte Gegenstnde sind.
Sie sahen heute auch in grerer Entfernung furchtbare Felsen aus dem
Schnee emporstehen, die sie gestern nicht gesehen hatten, sie sahen das
Eis, sie sahen Hgel und Schneelehnen emporstarren, und hinter diesen
war entweder der Himmel oder es ragte die blaue Spitze eines sehr fernen
Berges am Schneerande hervor.

In diesem Augenblicke ging die Sonne auf.

Eine riesengroe, blutrote Scheibe erhob sich an dem Schneesaume in den
Himmel, und in dem Augenblicke errtete der Schnee um die Kinder, als
wre er mit Millionen Rosen berstreut worden. Die Kuppen und die Hrner
warfen sehr lange, grnliche Schatten lngs des Schnees.

Sanna, wir werden jetzt da weiter vorwrtsgehen bis wir an den Rand des
Berges kommen, und hinuntersehen, sagte der Knabe.

Sie gingen nun in den Schnee hinaus. Er war in der heiteren Nacht noch
trockener geworden und wich den Tritten noch besser aus. Sie wateten
rstig fort. Ihre Glieder wurden sogar geschmeidiger und strker, da sie
gingen. Allein, sie kamen an keinen Rand und sahen nicht hinunter.
Schneefeld entwickelte sich aus Schneefeld, und am Saume eines jeden
stand alle Male wieder der Himmel.

Sie gingen desungeachtet fort.

Da kamen sie wieder in das Eis. Sie wuten nicht, wie das Eis daher
gekommen sei, aber unter den Fen empfanden sie den glatten Boden, und
waren gleich nicht die frchterlichen Trmmer, wie an jenem Rande, an
dem sie die Nacht zugebracht hatten, so sahen sie doch, da sie auf
glattem Eise fortgingen, sie sahen hie und da Stcke, die immer mehr
wurden, die sich nher an sie drngten, und die sie wieder zu klettern
zwangen.

Aber sie verfolgten doch ihre Richtung.

Sie kletterten neuerdings an Blcken empor. Da standen sie wieder auf
dem Eisfelde. Heute bei der hellen Sonne konnten sie erst erblicken, was
es ist. Es war ungeheuer gro, und jenseits standen wieder schwarze
Felsen empor, es ragte gleichsam Welle hinter Welle auf, das beschneite
Eis war gedrngt, gequollen, emporgehoben, gleichsam als schbe es sich
nach vorwrts und flsse gegen die Brust der Kinder heran. In dem Wei
sahen sie unzhlige vorwrtsgehende, geschlngelte blaue Linien. Zwischen
jenen Stellen, wo die Eiskrper gleichsam wie aneinandergeschmettert
starrten, gingen auch Linien wie Wege, aber sie waren wei und waren
Streifen, wo sich fester Eisboden vorfand, oder die Stcke doch gar
nicht so sehr verschoben waren. In diese Pfade gingen die Kinder hinein,
weil sie doch einen Teil des Eises berschreiten wollten, um an den
Bergrand zu gelangen und endlich einmal hinunterzusehen. Sie sagten kein
Wrtlein. Das Mdchen folgte dem Knaben. Aber es war auch heute wieder
Eis, lauter Eis. Wo sie hinbergelangen wollten, wurde es gleichsam
immer breiter und breiter. Da schlugen sie ihre Richtung aufgebend den
Rckweg ein. Wo sie nicht gehen konnten, griffen sie sich durch die
Mengen des Schnees hindurch, der oft dicht vor ihrem Auge wegbrach und
den sehr blauen Streifen einer Erdspalte zeigte, wo doch frher alles
wei gewesen war; aber sie kmmerten sich nicht darum, sie arbeiteten
sich fort, bis sie wieder irgendwo aus dem Eise herauskamen.

Sanna, sagte der Knabe, wir werden gar nicht mehr in das Eis
hineingehen, weil wir in demselben nicht fortkommen. Und weil wir schon
in unser Tal gar nicht hinabsehen knnen, so werden wir gerade ber den
Berg hinabgehen. Wir mssen in ein Tal kommen, dort werden wir den
Leuten sagen, da wir aus Gschaid sind, die werden uns einen Wegweiser
nach Hause mitgeben.

Ja, Konrad, sagte das Mdchen.

So begannen sie nun in dem Schnee nach jener Richtung abwrts zu gehen,
welche sich ihnen eben darbot. Der Knabe fhrte das Mdchen an der Hand.
Allein, nachdem sie eine Weile abwrts gegangen waren, hrte in dieser
Richtung das Gehnge auf, und der Schnee stieg wieder empor. Also
nderten die Kinder die Richtung und gingen nach der Lnge einer Mulde
hinab. Aber da fanden sie wieder Eis. Sie stiegen also an der Seite der
Mulde empor, um nach einer andern Richtung ein Abwrts zu suchen. Es
fhrte sie eine Flche hinab, allein die wurde nach und nach so steil,
da sie kaum noch einen Fu einsetzen konnten und abwrts zu gleiten
frchteten. Sie klommen also wieder empor, um wieder einen andern Weg
nach abwrts zu suchen. Nachdem sie lange im Schnee emporgeklommen und
dann auf einem ebenen Rcken fortgelaufen waren, war es wie frher:
entweder ging der Schnee so steil ab, da sie gestrzt wren, oder er
stieg wieder hinan, da sie auf den Berggipfel zu kommen frchteten. Und
so ging es immer fort.

Da wollten sie die Richtung suchen, in der sie gekommen waren, und zur
roten Unglckssule hinabgehen. Weil es nicht schneit, und der Himmel so
hell ist, so wrden sie, dachte der Knabe, die Stelle schon erkennen, wo
die Sule sein solle, und wrden von dort nach Gschaid hinabgehen
knnen.

Der Knabe sagte diesen Gedanken dem Schwesterchen, und diese folgte.

Allein auch der Weg auf den Hals hinab war nicht zu finden.

So klar die Sonne schien, so schn die Schneehhen dastanden, und die
Schneefelder dalagen, so konnten sie doch die Gegenden nicht erkennen,
durch die sie gestern heraufgegangen waren. Gestern war alles durch den
frchterlichen Schneefall verhngt gewesen, da sie kaum einige Schritte
von sich gesehen hatten, und da war alles ein einziges Wei und Grau
durcheinander gewesen. Nur die Felsen hatten sie gesehen, an denen und
zwischen denen sie gegangen waren: allein auch heute hatten sie bereits
viele Felsen gesehen, die alle den nmlichen Anschein gehabt hatten, wie
die gestern gesehenen. Heute lieen sie frische Spuren in dem Schnee
zurck; aber gestern sind alle Spuren von dem fallenden Schnee verdeckt
worden. Auch aus dem bloen Anblick konnten sie nicht erraten, welche
Gegend auf den Hals fhre, da alle Gegenden gleich waren. Schnee, lauter
Schnee. Sie gingen aber doch immer fort und meinten, es zu erringen. Sie
wichen den steilen Abstrzen aus und kletterten keine steilen Anhhen
hinauf.

Auch heute blieben sie fter stehen, um zu horchen; aber sie vernahmen
auch heute nichts, nicht den geringsten Laut. Zu sehen war auch nichts
als der Schnee, der helle weie Schnee, aus dem hie und da die schwarzen
Hrner und die schwarzen Steinrippen emporstanden.

Endlich war es dem Knaben, als she er auf einem fernen, schiefen
Schneefelde ein hpfendes Feuer. Es tauchte auf, es tauchte nieder.
Jetzt sahen sie es, jetzt sahen sie es nicht. Sie blieben stehen und
blickten unverwandt auf jene Gegend hin. Das Feuer hpfte immer fort,
und es schien, als ob es nher kme; denn sie sahen es grer und sahen
das Hpfen deutlicher. Es verschwand nicht mehr so oft und nicht mehr
auf so lange Zeit wie frher. Nach einer Weile vernahmen sie in der
stillen blauen Luft schwach, sehr schwach etwas wie einen lange
anhaltenden Ton aus einem Hirtenhorne. Wie aus Instinkt schrieen beide
Kinder laut. Nach einer Zeit hrten sie den Ton wieder. Sie schrieen
wieder und blieben auf der nmlichen Stelle stehen. Das Feuer nherte
sich auch. Der Ton wurde zum dritten Male vernommen, und dieses Mal
deutlicher. Die Kinder antworteten wieder durch lautes Schreien. Nach
einer geraumen Weile erkannten sie auch das Feuer. Es war kein Feuer, es
war eine rote Fahne, die geschwungen wurde. Zugleich ertnte das
Hirtenhorn nher, und die Kinder antworteten.

Sanna, rief der Knabe, da kommen Leute aus Gschaid, ich kenne die
Fahne, es ist die rote Fahne, welche der fremde Herr, der mit dem jungen
Eschenjger den Gars bestiegen hatte, auf dem Gipfel aufpflanzte, da
sie der Herr Pfarrer mit dem Fernrohre she, was als Zeichen glte, da
sie oben seien, und welche Fahne damals der fremde Herr dem Herrn
Pfarrer geschenkt hat. Du warst noch ein recht kleines Kind.

Ja, Konrad.

Nach einer Zeit sahen die Kinder auch die Menschen, die bei der Fahne
waren, kleine schwarze Stellen, die sich zu bewegen schienen. Der Ruf
des Hornes wiederholte sich von Zeit zu Zeit und kam immer nher. Die
Kinder antworteten jedesmal.

Endlich sahen sie ber den Schneeabhang gegen sich her mehrere Mnner
mit ihren Stcken herabfahren, die die Fahne in ihrer Mitte hatten. Da
sie nherkamen, erkannten sie dieselben. Es war der Hirt Philipp mit dem
Horne, seine zwei Shne, dann der junge Eschenjger und mehrere Bewohner
von Gschaid.

Gebenedeiet sei Gott, schrie Philipp, da seid ihr ja. Der ganze Berg
ist voll Leute. Laufe doch einer gleich in die Sideralpe hinab und lute
die Glocke, da die dort hren, da wir sie gefunden haben, und einer
mu auf den Krebsstein gehen und die Fahne dort aufpflanzen, da sie
dieselbe in dem Tale sehen und die Bller abschieen, damit die es
wissen, die im Millsdorfer Walde suchen, und damit sie in Gschaid die
Rauchfeuer anznden, die in der Luft gesehen werden, und alle, die noch
auf dem Berge sind, in die Sideralpe hinab bedeuten. Das sind
Weihnachten!

Ich laufe in die Alpe hinab, sagte einer.

Ich trage die Fahne auf den Krebsstein, sagte ein anderer.

Und wir werden die Kinder in die Sideralpe hinabbringen, so gut wir es
vermgen, und so gut uns Gott helfe, sagte Philipp.

Ein Sohn Philipps schlug den Weg nach abwrts ein, und der andere ging
mit der Fahne durch den Schnee dahin.

Der Eschenjger nahm das Mdchen bei der Hand, der Hirt Philipp den
Knaben. Die andern halfen, wie sie konnten. So begann man den Weg. Er
ging in Windungen. Bald gingen sie nach einer Richtung, bald schlugen
sie die entgegengesetzte ein, bald gingen sie abwrts, bald aufwrts.
Immer ging es durch Schnee, immer durch Schnee, und die Gegend blieb
sich bestndig gleich. ber sehr schiefe Flchen taten sie Steigeisen an
die Fe und trugen die Kinder. Endlich nach langer Zeit hrten sie ein
Glckchen, das sanft und fein zu ihnen heraufkam und das erste Zeichen
war, das ihnen die niederen Gegenden wieder zusandten. Sie muten
wirklich sehr tief herabgekommen sein; denn sie sahen ein Schneehaupt
recht hoch und recht blau ber sich ragen. Das Glcklein aber, das sie
hrten, war das der Sideralpe, das gelutet wurde, weil dort die
Zusammenkunft verabredet war. Da sie noch weiter kamen, hrten sie auch
schwach in die stille Luft die Bllerschsse herauf, die infolge der
ausgesteckten Fahne abgefeuert wurden, und sahen dann in die Luft feine
Rauchsulen aufsteigen.

Da sie nach einer Weile ber eine sanfte, schiefe Flche abgingen,
erblickten sie die Sideralphtte. Sie gingen auf sie zu. In der Htte
brannte ein Feuer, die Mutter der Kinder war da, und mit einem
furchtbaren Schrei sank sie in den Schnee zurck, als sie die Kinder mit
dem Eschenjger kommen sah.

Dann lief sie herzu, betrachtete sie berall, wollte ihnen zu essen
geben, wollte sie wrmen, wollte sie in vorhandenes Heu legen; aber bald
berzeugte sie sich, da die Kinder durch die Freude strker seien, als
sie gedacht hatte, da sie nur einiger warmer Speisen bedurften, die sie
bekamen, und da sie nur ein wenig ausruhen muten, was ihnen ebenfalls
zuteil werden sollte.

Da nach einer Zeit der Ruhe wieder eine Gruppe Mnner ber die
Schneeflche herabkam, whrend das Httenglcklein immer fortlutete,
liefen die Kinder selber mit den andern hinaus, um zu sehen, wer es sei.
Der Schuster war es, der einstige Alpensteiger, mit Alpenstock und
Steigeisen, begleitet von seinen Freunden und Kameraden.

Sebastian, da sind sie, schrie das Weib.

Er aber war stumm, zitterte und lief auf sie zu. Dann rhrte er die
Lippen, als wollte er etwas sagen, sagte aber nichts, ri die Kinder an
sich und hielt sie lange. Dann wandte er sich gegen sein Weib, schlo es
an sich und rief: Sanna, Sanna!

Nach einer Weile nahm er den Hut, der ihm in den Schnee gefallen war,
auf, trat unter die Mnner und wollte reden. Er sagte aber nur:
Nachbarn, Freunde, ich danke euch.

Da man noch gewartet hatte, bis die Kinder sich zur Beruhigung erholt
hatten, sagte er: Wenn wir alle beisammen sind, so knnen wir in Gottes
Namen aufbrechen.

Es sind wohl noch nicht alle, sagte der Hirt Philipp, aber die noch
abgehen, wissen aus dem Rauche, da wir die Kinder haben, und sie werden
schon nach Hause gehen, wenn sie die Alphtte leer finden.

Man machte sich zum Aufbruch bereit.

Man war von der Sideralphtte gar nicht weit von Gschaid entfernt, aus
dessen Fenstern man im Sommer recht gut die grne Matte sehen konnte,
auf der die graue Htte mit dem kleinen Glockentrmlein stand; aber es
war unterhalb eine fallrechte Wand, die viele Klafter hoch hinabging,
und auf der man im Sommer nur mit Steigeisen, im Winter gar nicht
hinabkommen konnte. Man mute daher den Umweg zum Halse machen, um von
der Unglckssule aus nach Gschaid hinabzukommen. Auf dem Wege gelangte
man ber die Siderwiese, die noch nher an Gschaid ist, so da man die
Fenster des Drfleins zu erblicken meinte.

Als man ber diese Wiese ging, tnte hell und deutlich das Glcklein der
Gschaider Kirche herauf, die Wandlung des heiligen Hochamtes verkndend.

Der Pfarrer hatte wegen der allgemeinen Bewegung, die am Morgen in
Gschaid war, die Abhaltung des Hochamtes verschoben, da er dachte, da
die Kinder zum Vorschein kommen wrden. Allein endlich, da noch immer
keine Nachricht eintraf, mute die heilige Handlung doch vollzogen
werden.

Als das Wandlungsglcklein tnte, sanken alle, die ber die Siderwiese
gingen, auf die Knie in den Schnee und beteten. Als der Klang des
Glckleins aus war, standen sie auf und gingen weiter.

Der Schuster trug meistens das Mdchen und lie sich von ihm alles
erzhlen.

Als sie schon gegen den Wald des Halses kamen, trafen sie Spuren, von
denen der Schuster sagte: Das sind keine Fustapfen von Schuhen meiner
Arbeit.

Die Sache klrte sich bald auf. Wahrscheinlich durch die vielen Stimmen,
die auf dem Platze tnten, angelockt, kam wieder eine Abteilung Mnner
auf die Herabgehenden zu. Es war der aus Angst aschenhaft entfrbte
Frber, der an der Spitze seiner Knechte, seiner Gesellen und mehrerer
Millsdorfer bergab kam.

Sie sind ber das Gletschereis und ber die Schrnde gegangen, ohne es
zu wissen, rief der Schuster seinem Schwiegervater zu.

Da sind sie ja -- da sind sie ja -- Gott sei Dank, antwortete der
Frber, ich wei es schon, da sie oben waren, als dein Bote in der
Nacht zu uns kam, und wir mit Lichtern den ganzen Wald durchsucht und
nichts gefunden hatten -- und als dann das Morgengrau anbrach, bemerkte
ich an dem Wege, der von der roten Unglckssule links gegen den
Schneeberg hinanfhrt, da dort, wo man eben von der Sule weggeht, hin
und wieder mehrere Reiserchen und Rtchen geknickt sind, wie Kinder gern
tun, wo sie eines Weges gehen -- da wute ich es -- die Richtung lie
sie nicht mehr aus, weil sie in der Hhlung gingen, weil sie zwischen
den Felsen gingen, und weil sie dann auf dem Grat gingen, der rechts und
links so steil ist, da sie nicht hinabkommen konnten. Sie muten
hinauf. Ich schickte nach dieser Beobachtung gleich nach Gschaid, aber
der Holzknecht Michael, der hinberging, sagte bei der Rckkunft, da er
uns fast am Eise oben traf, da ihr sie schon habt, weshalb wir wieder
heruntergingen.

Ja, sagte Michael, ich habe es gesagt, weil die rote Fahne schon auf
dem Krebssteine steckt, und die Gschaider dieses als Zeichen erkannten,
das verabredet worden war. Ich sagte euch, da auf diesem Wege da alle
herabkommen mssen, weil man ber die Wand nicht gehen kann.

Und knie nieder und danke Gott auf den Knien, mein Schwiegersohn, fuhr
der Frber fort, da kein Wind gegangen ist. Hundert Jahre werden
wieder vergehen, da ein so wunderbarer Schneefall niederfllt, und da
er gerade niederfllt, wie nasse Schnre von einer Stange hngen. Wre
ein Wind gegangen, so wren die Kinder verloren gewesen.

Ja, danken wir Gott, danken wir Gott, sagte der Schuster.

Der Frber, der seit der Ehe seiner Tochter nie in Gschaid gewesen war,
beschlo, die Leute nach Gschaid zu begleiten.

Da man schon gegen die rote Unglckssule zu kam, wo der Holzweg begann,
wartete ein Schlitten, den der Schuster auf alle Flle dahinbestellt
hatte. Man tat die Mutter und die Kinder hinein, versah sie hinreichend
mit Decken und Pelzen, die im Schlitten waren, und lie sie nach Gschaid
vorausfahren.

Die andern folgten und kamen am Nachmittage in Gschaid an.

Die, welche noch auf dem Berge gewesen waren und erst durch den Rauch
das Rckzugszeichen erfahren hatten, fanden sich auch nach und nach ein.
Der letzte, welcher erst am Abende kam, war der Sohn des Hirten Philipp,
der die rote Fahne auf den Krebsstein getragen und sie dort aufgepflanzt
hatte. In Gschaid wartete die Gromutter, welche herbergefahren war.

Nie, nie, rief sie aus, drfen die Kinder in ihrem ganzen Leben mehr
im Winter ber den Hals gehen.

Die Kinder waren von dem Getriebe betubt. Sie hatten noch etwas zu
essen bekommen, und man hatte sie in das Bett gebracht. Spt gegen
Abend, da sie sich ein wenig erholt hatten, da einige Nachbarn und
Freunde sich in der Stube eingefunden hatten und dort von dem Ereignisse
redeten, die Mutter aber in der Kammer an dem Bettchen Sannas sa und
sie streichelte, sagte das Mdchen: Mutter, ich habe heut nachts, als
wir auf dem Berge saen, den heiligen Christ gesehen.

O, du mein geduldiges, du mein liebes, du mein herziges Kind,
antwortete die Mutter, er hat dir auch Gaben gesendet, die du bald
bekommen wirst.

Die Schachteln waren ausgepackt worden, die Lichter waren angezndet,
die Tr in die Stube wurde geffnet, und die Kinder sahen von dem Bette
auf den verspteten helleuchtenden freundlichen Christbaum hinaus.
Trotz der Erschpfung mute man sie noch ein wenig ankleiden, da sie
hinausgingen, die Gaben empfingen, bewunderten und endlich mit ihnen
entschliefen.

In dem Wirtshause in Gschaid war es an diesem Abend lebhafter als je.
Alle, die nicht in der Kirche gewesen waren, waren jetzt dort, und die
andern auch. Jeder erzhlte, was er gesehen und gehrt, was er getan,
was er geraten, und was fr Begegnisse und Gefahren er erlebt hatte.
Besonders aber wurde hervorgehoben, wie man alles htte anders und
besser machen knnen.

Das Ereignis hatte einen Abschnitt in die Geschichte von Gschaid
gebracht, es hat auf lange den Stoff zu Gesprchen gegeben, und man wird
noch nach Jahren davon reden, wenn man den Berg an heitern Tagen
besonders deutlich sieht, oder wenn man den Fremden von seinen
Merkwrdigkeiten erzhlt.

Die Kinder waren von dem Tage an erst recht das Eigentum des Dorfes
geworden, sie wurden von nun an nicht mehr als Auswrtige, sondern als
Eingeborene betrachtet, die man sich von dem Berge herabgeholt hatte.

Auch ihre Mutter Sanna war nun eine Eingeborene von Gschaid.

Die Kinder aber werden den Berg nicht vergessen und werden ihn jetzt
noch ernster betrachten, wenn sie in dem Garten sind, wenn wie in der
Vergangenheit die Sonne sehr schn scheint, der Lindenbaum duftet, die
Bienen summen, und er so schn und so blau wie das sanfte Firmament auf
sie herniederschaut.




Katzensilber.


In einem abgelegenen, aber sehr schnen Teile unseres Vaterlandes steht
ein stattlicher Hof. Er steht auf einem kleinen Hgel und ist auf einer
Seite von seinen Feldern und seinen Wiesen, und auf der andern von
seinem kleinen Walde umgeben. Man sollte eigentlich auch einen Garten
hierher rechnen; aber es wrde doch eine unrechte Benennung sein; denn
Grten der Art, wie sie in allen Lndern im Brauche sind, gibt es in
jenem hochgelegenen, mit Hgeln und Waldesspitzen besetzten Landesteile
nicht, weil die Strme des Winters und die Frste des Frhlings und des
Herbstes allen jenen Gewchsen bel mitspielen, die man vorzugsweise in
Grten hegt; aber der Besitzer des Hofes hat gegen eine Sandlehne hin,
die steil abfllt und in den warmen Lagen die Sonnenstrahlen recht hei
zurckwirft, Bume gepflanzt, die auf weichem, schnem Rasen stehen, vor
den Abend-, Mitternacht- und Morgenwinden geschtzt sind, durch die hhere
und eingeschlossene Lage vor dem Reife bewahrt werden und auf ihrem warmen
Platze so schnell gewachsen sind, da sie auf ihren Edelreisern, die
ihnen eingesetzt worden und zu bedeutenden sten gediehen sind, jhrlich
die groen schwarzen Kirschen, die Weichseln, die Birnen und die
rotwangigen pfel tragen. Von den kleineren Gewchsen, als Johannisbeeren,
Stachelbeeren, Erdbeeren, rede ich nicht. Sogar Pfirsiche und Aprikosen
reifen an einer an der Sandlehne aufgefhrten Mauer dann, wenn sich ein
heier Sommer ereignet, und wenn man das Zuhllen durch eine Rohrmappe
an khlen Frhlingsabenden nicht vergessen hat. Seine Blumen hegt der
Besitzer in verschiedenen glsernen Husern, stellt sie an schnen Tagen
und in den warmen Sommermonaten auf die hlzernen Gestelle vor dem Hause
oder in die Fenster. Selbst in den Zimmern sieht man die schnsten auf
dazu eingerichteten Tischen stehen. Diejenigen, welche fr die Luft und
das Wetter des Landes eingerichtet sind, stehen in dem freien Grunde.

Wenn man ber die Sandlehne emporgegangen ist, steigt noch ein Felsen
auf, der dem Berge Festigkeit gibt, dessen Geschiebe nicht gegen den
Garten absinken lt und zur Vermehrung der Wrme nicht wenig beitrgt.
Der Besitzer des Hofes hat einen Weg mit festem Gelnder durch die
Sandlehne und um den Felsen empor anlegen lassen, weil man von dort
recht schn auf das Haus, auf den Garten und auf die Landschaft
niedersieht. Er hat an einigen Stellen Bnkchen anbringen lassen, da
man da sitzen und die Dinge mit Ruhe betrachten kann. Hinter dem Felsen
gegen mitternachtwrts geht Gebsch, dann folgen noch auf dem immer
ansteigenden Boden einzelne Eichen und Birken, dann der Nadelwald, der
den Gipfel einnimmt und das Schauspiel beschliet.

Um das Haus liegen, wie es in jenem Lande immer vorkommt, in nheren und
ferneren Kreisen Hgel, die mit Feldern und Wiesen bedeckt sind, manches
Bauernhaus, manchen Meierhof zeigen und auf dem Gipfel jedesmal den Wald
tragen, der wie nach einem verabredeten Gesetze alle Gipfel jenes
hgeligen Landes besetzt. Zwischen den Hgeln, die oft, ohne da man es
ahnt, in steile Schluchten abfallen, gehen Bche, ja zuweilen Giebche,
ber welche Stege und in abgelegenen Teilen gar nur Baumstmme fhren.
Regelmige Brcken haben nur die Fahrwege, wo sie ber einen solchen
Bach gehen mssen. Das ganze Land geht gegen Mitternacht immer mehr
empor, bis die greren, dsteren, weitgedehnten Wlder kommen, die den
Beginn der bhmischen Lnder bezeichnen. Gegen mittag sieht man die
freundliche blaue Kette der Hochgebirge an dem Himmel dahinstreichen.

Der Besitzer des Hofes war einmal als ein sehr junger Mensch in die Welt
gegangen und hatte viele Dinge erfahren und viele Menschen
kennengelernt. Als er herangereift, als ihm der Vater gestorben war und
er von ihm und zwei unverehelichten Oheimen eine hinreichende Habe
geerbt hatte, ging er mit der Erbschaft und dem, was er sich selber
erworben hatte, auf bestndig in das Land seiner Geburt zurck, das er
frher nur zuweilen besucht hatte, und baute dort die Gebude des
Vaterhauses um und noch so viel daran, bis der liebliche Hof dastand.
Dann holte er sich aus der entfernten Hauptstadt ein sehr schnes
Mdchen und wurde mit demselben in der kleinen Pfarrkirche eingesegnet.
Er wollte lieber in der traulichen Einde seiner Heimat als bestndig
unter dem Gerusche der vielen und fremden Menschen der Hauptstadt
leben. Wenn es aber Winter wurde, dann ging er mit der Gattin in ihre
Geburtsstadt, um eine Weile dort zu sein und zu sehen, was die Menschen
indessen wieder gefrdert, was auf geistigem Felde sich zugetragen und
im Zusammenleben sich gendert hat. Mit der Rckkehr der Sonne kam er
wieder auf seinen Hof.

Auf demselben lebte auch seine Mutter, welche nie aus ihrer Heimat
entfernt gewesen war, nur die nchsten Orte kannte und blo ein einziges
Mal in der Hauptstadt des Landes gewesen war. Sie nahm die Tochter
liebreich auf, und es war reizend, wenn die schne junge Gattin neben
der ltlichen Frau ging, die die Tracht des Landes trug. Whrend des
Aufenthaltes der Eheleute in der Hauptstadt htete sie den Hof und
besorgte und ordnete alles. Wenn sie kommen sollten, sandte sie den
Knecht mit den Pferden entgegen und sah ihm nach, wenn der Wagen den
Hgel hinabfuhr.

Sogleich ging der ttige Sohn wieder an die unterbrochene Arbeit.
Anlagen wurden erweitert, neue begonnen, das Haus verbessert und
verschnert, und die Geschfte des Feldes gefhrt. Man sah ihn unter
seinem Gesinde und unter seinen Leuten.

Nach zwei Jahren schickte der Himmel einen Zuwachs der Familie, es
erschien das Tchterlein Emma. Gatte und Gattin, die bisher Sohn und
Tochter geheien hatten, wurden jetzt Vater und Mutter, und die Mutter
wurde Gromutter.

Sie nahm das Kindlein und lehrte die Tochter manche Dinge, wie es zu
behandeln sei.

Als dem Mdchen die Hrlein auf dem Haupte sich zu ringeln begannen und
in schner blonder Farbe herabfielen, erschien das zweite, dunkle
Schwesterlein Clementine, dessen Haupt schon bei der Geburt beschattet
war, und an dem sich bald die schwarzen Ringlein bildeten.

Wenn nun nicht mehr der Vater und Mutter allein im Winter wegfuhren,
sondern auch die Kindlein, hatte die Gromutter nun mehr zu sorgen, sie
hatte fr viere zu frchten, und wenn sie kamen, fanden sie die Gelasse
fr viere noch wohnlicher eingerichtet.

Die Kindlein wuchsen empor. Sie hatten einen unschuldigen Mund, rote
Wnglein, groe Augen und eine reine Stirn, und das eine hatte um
dieselbe die blonden, seidenweichen Locken des Vaters, das andere die
schwarzen der Mutter.

Gromutter war ihre Gespielin, sie lockte sie in ihr Gemach, sie
siedelte sich mit ihnen im Garten an, in der schattigen Laube am Stamme
des Apfelbaumes oder in den Glashusern oder an der Lehne des Sandes.

Da sie schon grer waren, da sie mit den Flein ber Hgel und Tler
gehen konnten, da die Krperchen schlanker und behender emporzielten,
gingen sie mit Gromutter auf den hohen Nuberg. Wenn der Hafer
bleichte, und das Korn und die Gerste in der Scheune zur Ruhe war, dann
frbten sich die Haselnsse mit braunen oder rosenfarbenen Wnglein.

Die Kinder hatten beide Strohhte auf, sie hatten Kleider, aus deren
rmeln die Arme hervorgingen, sie hatten weie Hschen und hatten
Schuhe, die so stark waren, da sie das Gerlle des Berges nicht
empfanden. An der Hand trugen sie ein Krblein, in der andern eine weie
Rute mit einem Haken, da sie die Haselzweige herabbeugen konnten. Die
Rute war selber von einem Haselstrauche genommen und war abgeschlt
worden. Sie gingen unter den Obstbumen hin, sie gingen hinter den
Glashusern in der Sandlehne empor, sie hielten sich mit den Hndchen an
dem Gelnder, und sie rasteten auf den Sitzen. Wenn sie in den Felsen
hinaufgekommen waren, saen sie auf einem Bnklein oder auf einem Stcke
Stein, nahmen eine Stecknadel aus den Bndern ihres Hutes oder baten die
Gromutter um ein spitziges Messerlein, das sie in ihrer Armtasche
hatte, und gruben die kleinen feinen Blttchen und Flinserchen aus den
Steinen, die da staken und so funkelten und glnzten. Sie taten
dieselben in ein Papierchen und hoben sie im Schrzensckchen oder in
der Armtasche der Gromutter auf. Die Gromutter wartete auf sie oder
half ihnen oder erzhlte Geschichten. Wenn sie noch hher hinaufkamen,
da war wieder die Erde, und auf ihr war das Heidekraut und die Grser
und Kruter, und da stand auch ein Wacholderstrauch oder der Strunk
einer Birke, oder eine Distel. Und bei denselben saen sie wieder nieder
und ruhten wieder. Sie waren die einzigen weien Punkte, und um sie
waren die Hgel, die von den lichten Stoppeln der Ernte glnzten oder
von den gepflgten Feldern brannten oder von dem Grn der Gewchse, die
man nach der Ernte gebaut hatte, mannigfach gefrbt waren, da lagen die
Tler, die Wiesen mit dem zweiten Grn, oder ein glnzendes Wasser, es
erklommen die Wldchen die Gipfel der Hgel, ein Erdbruch leuchtete, ein
Huschen oder ein Gemuer von Hfen schimmerte, und weit, weit drauen
lagen die blauen Berge, die mit den schwachen Felsen durchwirkt waren
und die kleinen Tfelchen von Schnee zeigten.

Da sie einmal in dem drren Grase saen und die hohen Halme wankten,
erzhlte die Gromutter folgende Geschichte: Wo dort hinter dem
spitzigen Walde die weien Wolken ziehen, liegt das Hagenbucher Haus.
Der Hagenbucher war ein strenger Mann, und es konnte kein Dienstbote
bei ihm aushalten, und kein Knecht und keine Magd konnte die Arbeit
verrichten, die das groe Haus verlangte. Sie gingen immer davon oder
er schickte sie fort. Einmal erschien eine groe Magd mit braunem
Angesichte und starken Armen und sagte, sie wolle ihm dienen, wenn er
ihr nur die Nahrung gbe und manchmal ein Tuch auf einen Rock und ein
Linnen auf ein Hemd. Der Bauer dachte, er knne es versuchen. Die braune
Magd waltete und wirtschaftete nun, als ob zwei gekommen wren, und a
doch nur fr eine und lernte immer besser schaffen und arbeiten. Der
Bauer dachte, er habe es getroffen, und die Magd war Jahre in dem Hause.
Einmal, da der Bauer zwei Ochsen zu verkaufen hatte, und da er sie in
einem Joche den Gallbruner Wald hinunter nach Rohrach auf den Viehmarkt
getrieben und verkauft hatte, nahm er das ledige Joch auf seine
Schultern und ging durch den Wald nach Hause zurck. Da hrte er eine
Stimme, die rief: 'Jochtrger, Jochtrger, sag' der Sture Mure, die
Rauh-Rinde sei tot -- Jochtrger, Jochtrger, sag' der Sture Mure, die
Rauh-Rinde sei tot.' Der Bauer sah unter die Bume, er konnte aber
nichts sehen und erblicken, und da frchtete er sich und fing so schnell
zu gehen an, als er konnte, und kam nach Hause, da ihm der Schwei ber
die Stirne rann. Als er beim Abendessen die Sache erzhlte, heulte das
groe Mdchen, lief davon und wurde niemals wieder gesehen.

Ein anderes Mal erzhlte die Gromutter: Sehet, ihr Kinder, wo der
Gallbruner Wald aufhrt, da geht ein fahles Ding empor, das sind die
Karesberge, und dort sind die Karesberger Huser auf dem Grase und
zwischen den Steinen.

Zu den Karesbergern kam einmal ein Wichtelchen und sagte, es wolle
ihnen die Ziegen hten, sie drften ihm keinen Lohn geben; aber abends,
wenn die Ziegen im Stalle wren, mten sie ihm ein weies Brot auf den
hohlen Stein legen, der auerhalb der Karesberge ist, und es werde es
sich holen. Die Karesberger willigten ein, und das Wichtelchen wurde bei
ihnen Geier. Die Ziegen liefen des Morgens fort, sie liefen auf die
Weide hinaus und holten sich das Futter, sie kamen mittags mit den
gefllten Eutern und liefen wieder fort, und kamen am Abende mit
gefllten Eutern und gediehen und wurden immer schner und vermehrten
sich, sowohl weie als schwarze, sowohl scheckige als braune. Die
Karesberger freuten sich und legten das weie Brot, das sie eigens
backen lieen, auf den Stein. Da dachten sie, sie mten dem Geier eine
Freude machen, und lieen ihm ein rotes Rcklein machen. Sie legten das
Rcklein abends auf den Stein, da die Ziegen schon zu Hause waren. Das
Wichtelchen legte das rote Rcklein an und sprang damit, es sprang wie
toll vor Freude unter den grauen Steinen, sie sahen es immer weiter
abwrts springen wie ein Feuer, das auf dem grnen Rasen hpft, und da
der andere Morgen gekommen war, und die Ziegen auf die Weide liefen, war
das Wichtelchen nicht da, und es kam gar nie wieder zum Vorscheine.

So erzhlte die Gromutter, und wenn sie aufgehrt hatte, so standen sie
auf und gingen wieder weiter. Sie gingen an den Gebschen der Schlehen
und Erlen dahin: da waren die Kfer, die Fliegen, die Schmetterlinge um
sie, es war der Ton der Ammer zu hren oder das Zwitschern des
Zaunknigs und Goldhhnchens. Sie sahen weit herum und sahen den
Hhnergeier in der Luft schweben. Dann kamen sie zu den weien Birken,
die die schnen Stmme haben, von denen sich die weien Hutchen lsen
und die braune feine Rinde zeigen, und sie kamen endlich zu den Eichen,
die die dunklen, starren Bltter und die knorrigen, starken ste haben,
und sie kamen zuletzt in den Nadelwald, wo die Fhren sausen, die
Fichten mit den herabhngenden grnen Haaren stehen, und die Tannen die
flachzeiligen, glnzenden Nadeln auseinanderbreiten. Am Rande des Waldes
sahen sie zurck, um das Haus und den Garten zu sehen. Diese lagen
winzig unter ihnen, und die Scheiben der Glashuser glnzten wie die
Tfelchen, die sie mit einer Stecknadel oder mit dem spitzigen
Messerlein der Gromutter aus dem Steine gebrochen hatten.

Dann gingen sie in den Wald, wo es dunkel war, wo die Beeren und
Schwmme standen, die Moossteine lagen, und ein Vogel durch die Stmme
und Zweige scho. Sie pflckten keine Beeren, weil sie nicht Zeit
hatten, und weil schon der Sommer so weit vorgerckt war, da die
Heidelbeere nicht mehr gut war, die Himbeere schon aufgehrt hatte, die
Brombeere noch nicht reif war und die Erdbeere auf dem Erdbeerenberge
stand. Sie gingen auf dem sandigen Wege fort, den der Vater an vielen
Stellen hatte ausbessern lassen. Und als sie bei dem Holze vorbei waren,
das im Sommer geschlagen worden war, und noch ein Weilchen auf dem
Sandwege gegangen waren, kamen sie wieder aus dem Walde hinaus.

Sie sahen nun einen grauen Rasen vor sich, auf dem viele Steine lagen,
dann war ein Tal, und dann stand der hohe Nuberg empor.

Da gingen sie nun auf dem Rasen abwrts, der eine Mulde hatte, in dem
ein Wsserlein flo. Sie gingen zwischen den grauen Steinen, auf denen
ein verdorrtes Reis oder eine Feder lag, oder die Bachstelze hpfte und
mit den Steuerfedern den Takt schlug. Und als sie zu dem Bchlein
gekommen waren, in welchem die grauen, flinken Fischlein schwimmen, und
um welches die blauen, schnen Wasserjungfern flattern, und als sie ber
den breiten Stein gegangen waren, den ihnen der Vater als Brcke ber
das Bchlein hatte legen lassen, kamen sie gegen den hohen Nuberg
empor.

Sie gingen auf den Nuberg, der ringsherum rund ist, der eine Spitze
hat, an dessen Fue die Steine liegen, der die vielen Gebsche trgt
-- die Krppelbirke, die Erle, die Esche und die vielen, vielen
Haselnustauden -- und der weit herumsieht auf die Felder, auf denen
fremde Menschen ackern, und auf weitere unbekannte Gegenden.

Gromutter hatte Schwarzkpfchen an der Hand. Blondkpfchen ging allein
und sprang ber die Steine. Da sie zu dem Nuberge kamen, gingen sie
unter das Gehege hinein, die Gromutter bckte sich, Blondkpfchen
bckte sich auch, es bckte sich sogar Schwarzkpfchen, und sie kamen
zu den Gebschen der Nsse. Da waren nun sie und viele andere Dinge auf
dem Berge. Es waren die rtlichen Muslein, die auch Nsse fressen,
die unter den Wurzeln die trockenen Gnge bohren, in welche sie die
Smereien des Berges und andere Dinge zu Mahlzeiten tragen, in welche
sie Halme und Heu fr die Nester der Jungen tragen, und in welchen sie
die Nsse mit den Zhnen benagen, um zu dem sen, krftigen Kerne zu
gelangen -- da war der flchtige Hher, der mit den Flgeln, in die er
die blaugestreiften Tfelchen eingesetzt hat, durch die ste dahinflog
-- da war das Eichhrnchen, das ber den Rasen schlpfte und auf einem
hohen dicken Aste hielt, die Vorderpfoten an den Mund nahm und emsig
nagte, -- und wer wei, was noch da war, seine Freude und Lust auf dem
hohen Nuberge zu suchen, was Flgel hat, oder wie die Wiesel und
Iltisse in der Sandgrube lief.

Es standen die grnen ste zu dem blauen Himmel empor, und Bltter
und Nsse starrten an ihnen, bald einzeln, bald zwei, bald drei, bald
zu groen Knpfen vereinigt, und hatten blasse oder grnliche oder
brunliche oder rtliche Wangen. Die Kinder langten mit den Hndlein in
die Zweige oder sie faten dieselben mit dem Haken und zogen sie nieder,
um die Nsse zu pflcken. Und wenn sie sich geirrt und einen tauben
Zweig herabgebogen hatten, lieen sie ihn gleich wieder los und suchten
nach einem andern. So waren sie emsig und fleiig. Und wenn die ste zu
hoch waren oder wenn sie stark waren, da sie durch die Kraft der Kinder
nicht gebogen werden konnten, so half die Gromutter, sie langte den
Zweig herunter und hielt ihn so lange, bis die Hnde der Kinder die
Nsse gefunden und gepflckt hatten. Sie fhrte sie auch in Gegenden, wo
die Zweige recht gefllt waren und von Nssen an Nssen prangten. Wenn
dann die Kinder recht viel gelesen hatten, wenn sie ihre Krblein voll
hatten, wenn sie auch in ihre Tschlein noch gesteckt, ja sogar in ihre
Tchlein gebunden hatten, so blieben sie noch auf dem Berge, sie gingen
herum, sie gingen auf den Gipfel empor und setzten sich an einer dicken
und veralteten Haselwurzel, die sehr einladend war, nieder und
verweilten in der weiten, glnzenden Luft.

Die Gromutter sagte ihnen, da sei es auch gewesen, wo das Hhnlein und
das Hhnlein auf den Nuberg gegangen seien, wo das Hhnlein so viel
gedurstet, und das Hhnlein ihm Wasser gebracht habe, und wo auch noch
andere Dinge geschehen seien. Sie zeigte ihnen dann herum und sagte
ihnen die wunderlichen Namen der Berge, sie nannte manches Feld, das zu
erblicken war, und erklrte die weien Pnktlein, die kaum zu sehen
waren und ein Haus oder eine Ortschaft bedeuteten. Und wenn gar reine,
schne Himmelsferne war, und die Gebirge deutlich standen, entrtselte
sie die seltsamen Spitzen, die hinaufragten, und erzhlte von manchem
Rcken, der sich dehnte, und wenn schwache Wolken ber dem Gebirge
waren, so sagte sie, sie gleichen wirklichen Palsten oder Stdten oder
Lndern oder Dingen, die niemand kennt. Und gegen Mitternacht sahen sie
auf den Gallbruner Wald und die Karesberge und dahinter auf den Streifen
des Sesselwaldes, ber dem oft eine lange, matte Wolke war, die nicht so
schn glnzte wie die gegen Mittag ber dem Gebirge.

Und wenn sie recht viel in das Land gesehen hatten, erzhlte ihnen die
Gromutter auch von den Mnnern, die in demselben gelebt hatten, von den
Rittern, die herumgeritten, von den schnen Frauen und Mdchen, die auf
Zelter gesessen seien, von den Schfern mit den klugen Schafen und von
den Fischern und von den Jgern.

Dann gingen sie zurck. Sie ordneten die zerdrckten Kleidchen, nahmen
Korb und Rute und gingen auf dem nmlichen Wege hinab, auf dem sie
gekommen waren.

Sie gingen an den Haselstauden abwrts, sie gingen ber die Steine, sie
gingen ber das Bchlein mit den grauen Fischlein und den blauen
Wasserjungfern, sie gingen ber den Rasen, sie gingen durch den Wald,
sie gingen in dem Felsen in dem Gebsche und in die Sandlehne nieder und
kamen von den Glashusern auf dem Rasen gegen den Hof vorwrts, wo die
Mutter oft in ihrem schnen Gewande und mit dem Sonnenschirme wandelte
und ihnen entgegenging.

Dann bekamen sie ein Essen, weil sie sehr hungerte. Sie hatten zwei
Nuknacker, Blondkpfchen einen greren und ernsteren, Schwarzkpfchen
einen kleineren und nrrischeren, der einen drolligen Mund hatte und
frchterliche Augen machte. In die Muler der Nuknacker taten sie die
Nsse, die sie gebracht und von den grnen Hlsen befreit hatten,
drckten mit dem Znglein und zerbrachen die Nsse, indem die Knacker
gewaltig die Kinnladen zusammentaten und erschreckliche Gesichter
erzeugten. Sie gaben von den Kernen und von den Nssen dem Vater und der
Mutter und auch der Gromutter, die selten Nsse von dem hohen Nuberge
mitbrachte, und dann immer nur wenige, die sie stets auf das Tischlein
der Kinder legte, so wie sie auch die geschenkten ihnen immer wieder
zurckschenkte.

Als Blondkpfchen schon recht gro geworden war und zu lernen anfing,
als Schwarzkpfchen auch schon lernte, und ein freundlicher Lehrer aus
der Stadt gekommen war und mit ihnen auf einem Tische in der Kinderstube
die schnen Bcher aufmachte und die Dinge in denselben deutete: wurde
auch ein Brderlein geboren, Sigismund. Und wie Blondkpfchen der Vater,
Schwarzkpfchen die Mutter war, so war Sigismund Vater und Mutter, er
war Blondkpfchen und Schwarzkpfchen; denn wie sich seine Haare zu
entwickeln begannen, so wurden sie anfangs licht und bildeten sich dann
zu braunen Ringeln, die Augen waren nicht blau oder schwarz, sondern
braun.

Jetzt konnten sie nicht mehr mit der Gromutter auf den hohen Nuberg
gehen, weil sie bei dem kleinen Brderlein bleiben muten. Mit jemand
andern durften sie nicht gehen und muten bei dem Hause verweilen. Da
gingen sie nun in dem Garten herum, schauten die Obstbume an, oder sie
waren in den Glashusern und betrachteten die Blumen.

Als aber das Brderlein zweimal in dem Winter im groen Wagen mit in die
Stadt gefahren und zweimal im Sommer wiedergekommen war, so war es schon
so stark geworden, da es mit den Schwesterlein und mit der Gromutter
herumgehen konnte. Sie gingen durch die Felder, sie gingen in den Wald
und bten die Fe. Dann gingen sie auch wieder auf den hohen Nuberg.

Die Schwesterlein hatten weie Kleider an, sie hatten gelbe Strohhte
auf, von denen der eine sich mit Blondkpfchens Locken unkenntlich
vermischte, der andere sich von Schwarzkpfchens Haupte wie im Schein
abhob, sie hatten rote Bnder an den Hten und Kleidern, sie trugen
Krblein an dem Arme und die weie Haselrute mit dem Haken in der Hand.
Der Knabe hatte weie Hslein, ein blaues Jckchen, auch ein
Strohhtchen auf den braunen Locken und eine kleinere weie Rute mit
einem Haken. Statt des Krbleins hatte er ein Tschchen von gelbem Leder
an grnen Bndern ber seine Schultern hngen. Sie gingen viel
langsamer, sie rasteten fter, und die Schwesterlein zeigten dem Bruder
viele Dinge an dem Wege, die sie schon kannten, und zeigten auch, wie
schnell sie gehen knnten, wenn sie wollten, indem sie auf dem Rasen
hpften, auf den Steinen hpften, vorwrts und wieder rckwrts liefen.
Sie gingen durch die Sandlehne, das Gestrppe, durch die Felsen, den
Wald, ber die graue Mulde und den hohen Nuberg hinan. Sie pflckten
sich die Nsse in ihre Krblein, das Brderlein langte auch mit seinem
kleinen Hklein, und alle halfen zusammen, bis es auch sein Tschchen
voll hatte.

Als sie an der dicken, veralteten Haselwurzel saen, erzhlte die
Gromutter wieder eine Geschichte. Sie sagte: Bei dem Sesselwalde, an
seinem steilen Mittagsfalle, war einstens auch ein Wald, aber er war
nicht dicht, es standen Birken und Ahorne auf dem Rasen. Da war ein
Schfer, der die Schafe in das Gehlz fhrte, da sie auf dem Rasen
weideten, und da sie ihm Milch und Wolle gaben. Da kam aus dem
Sesselwalde ein schwarzer Mann herunter, der sagte, da in der
Harthhle, wo das Silber rinne, das blutige Licht sei. Der Schfer wute
nicht, wer der Mann sei und was das Silber und das blutige Licht sei,
und konnte ihn auch nicht fragen, weil er gleich fortging. Aber er
wartete, bis er wiederkme. Allein der Mann kam nicht mehr. Da der
Schfer eines Tages ein verlorenes Lamm suchte, ging er dem Bache
entgegen, wo er herabfliet, da er die springenden Wellen in den Augen
hatte. Da er das Lamm immer wieder weiter oben blken hrte, ging er
fort und fort. Er ging so weit hinauf, da der Wald schon sehr dick
war, da der Bach ber Steine und Kugeln flo, und da an den beiden
Seiten harte Felsenwnde standen. Da sah er aus einem Steine Wasser
herausflieen und herabfallen, als ob lauter silberne Bnder und Fransen
ber die Steine herabgebreitet wren. Da stieg er an dem Steine empor
und suchte sich an dem glatten Felsen mit Fen und Hnden zu halten.
Als er oben war, sah er, da das Wasser aus einer Hhle herausrinne,
und da die Hhle sehr glnzend hart sei, als wre sie aus einem
kunstreichen Steine gehauen worden. Er ging in die Hhle hinein. Sie
wurde immer enger und wurde immer finsterer, und das Wsserlein flo aus
ihr hervor. Da sah er es pltzlich in einem Winkel leuchten, als ob ein
roter blutiger Tropfen dort lge. Er ging nher, und es leuchtete fort.
Da gab es ihm ein, er solle die Hand ausstrecken und den Tropfen nehmen.
Er nahm den Tropfen, aber es war ein kalter, rauher Stein, den er in der
Hand sprte, und der Stein war so gro, da er ihn kaum mit der Hand
fassen konnte. Er trug den Stein hervor, bis er an das Tageslicht kam,
und da sah er, da es ein Feldstein war, wie man Tausende findet, und
da aus dem Feldsteine ein rotes uglein hervorschaue, wie wenn es
von den Lidern der harten Steinrinde bedeckt wre und nur rosenfarben
blinzen knne. Wenn man den Stein drehte, warf er Funken auf die Dinge.
Der Schfer stieg eilig die Felsenwand herab, er ging den flieenden
Bach entlang und sputete sich, bis er zu seiner Herde kam. Das Lamm, das
er verloren und nicht gefunden hatte, war zu Hause und trank an seiner
Mutter. Er wickelte den Stein in ein Tuch und bewahrte ihn sorgsam. Da
kam einmal ein Hochbauer, und er verkaufte ihm den Stein um fnf Schafe.
Und der Hochbauer verkaufte ihn einem Arzt um ein Pferd, und der Arzt
verkaufte ihn einem Lombarden um hundert Goldstcke, und der Lombarde
lie ihn von dem gemeinen Gesteine befreien und schleifen, und jetzt
tragen ihn Frsten und Knige in ihren Kronen, er ist sehr gro und
leuchtend und ist ein Karfunkel oder ein anderer roter Stein, sie
beneiden sich darum, und wenn sie das Land erobern, wird der Stein
sorgsam fortgetragen, als ob man eine eroberte Stadt in einem
Schchtelchen davontrge.

Zu einem andern Male sagte die Gromutter: In unsern Wssern, die braun
und glnzend sind, weil sie den Eisenstaub aus den Bergen fhren, ist
nicht blo das Eisen enthalten, es glnzt der Sand, als ob er lauter
Gold wre, und wenn man ihn nimmt und wenn man ihn mit Wasser vorsichtig
abschwemmt, so bleiben kleine Blttchen und Krner zurck, die eitel und
wirkliches Gold sind. In frheren Jahren haben seltsame Menschen, die
weit von der Ferne gekommen sind, das Gold in unsern Bchen gewaschen
und sind reich von dannen gezogen; es haben dann auch mehrere von uns in
den Wssern gewaschen und manches gefunden; aber jetzt ist es wieder
vergessen worden, und niemand achtet das Wasser weiter, als da er sein
Vieh darin trnkt. Dann liegen noch kstlichere Sachen in demselben.
Wenn man eine Muschel findet und sie die rechte ist, so liegt in ihr
eine Perle, die so kostbar ist, da man sie durchbohrt und, mit mehreren
vereinigt an einer Schnur gefat, den schnen Frauen als sanften Schmuck
um den Hals tut oder Heiligenbilder umwindet und heilige Gefe
einfat.

Wenn die Kinder und die Gromutter lange gesessen waren, standen sie
wieder auf und gingen nach Hause.

Aber auch auf andere Stellen gingen die Kinder mit der Gromutter, sie
gingen auf die Wiesen, wo die Schmalz- und Butterblumen waren und
besonders die Vergimeinnicht, die wie klare Fischuglein aus den Wellen
schauen und auf einem Gefe mit Wasser lange auf dem Tische der Mutter
blhen. Sie gingen auf den Erdbeerenberg, wo die wrzigen Erdbeeren
standen, die kleiner, aber besser waren, als die der Vater an der
Sandlehne zog. Sie gingen in die Felder, wo der brennende Mohn, die
blauen Kornblumen und die hellgelben Frauenschhlein blhten.

Fr sich allein standen die Kinder gern am Bache, wo er sanft fliet und
allerlei krause Linien zieht und blickten auf den Sand, der wohl wie
Gold war, wenn die Sonne durch das Wasser auf ihn schien, und der
glnzende Blttchen und Krner zeigte. Wenn sie aber mit einem
Schufelchen Sand herausholten und gut wuschen und schwemmten, so waren
die Blttchen Katzensilber, und die Krner waren schneeweie Stckchen
von Kiesel. Muscheln waren wenige zu sehen, und wenn sie eine fanden, so
waren sie im Innern glatt und es war keine Perle darin.

Als Blondkpfchen und Schwarzkpfchen schon schner und wunderbarer
geworden waren, als Sigismund schon gro geworden war, und sie wieder
einmal auf dem hohen Nuberg an der dicken, veralteten Haselwurzel
saen, kam aus dem Gebsche ein fremdes, braunes Kind heraus. Es war ein
Mdchen, es war fast so gro und noch schlanker als Blondkpfchen, hatte
nackte Arme, die es an der Seite herabhngen lie, hatte einen nackten
Hals und hatte ein grnes Wams und grne Hschen an, an welchem viele
rote Bnder waren. In dem Angesichte hatte es schwarze Augen. Es blieb
an dem Gebsche der Haseln stehen und sah auf die Gromutter und auf die
Kinder. Die Gromutter sagte nichts und fuhr fort zu reden. Die Kinder
aber sahen auf das Mdchen. Als Gromutter geendet hatte, redete sie das
Mdchen an und sagte:

Wer bist du denn?

Das Mdchen aber antwortete nicht, es sprang in die Gebsche und lief
davon, da man die Zweige sich rhren sah. Die Gromutter und die Kinder
gingen von dem hohen Nuberge, ohne weiter von dem Mdchen etwas zu
sehen oder zu hren.

Als sie wieder einmal an der dicken, veralteten Haselwurzel saen und
die Gromutter redete, kam das braune Mdchen wieder, trat wieder aus
den Gebschen, blieb stehen und sah die Kinder an. Als man es fragte,
lief es nicht davon wie das erste Mal, zog sich aber gegen das Gebsch
zurck, da die Bltter seine nackten Arme deckten, und sah auf die
Kinder. Da man sich erhob, um wegzugehen, lief es wieder ber den hohen
Nuberg hinunter.

Die Kinder verlangten nun fter nach dem hohen Nuberge, um das braune
Mdchen zu sehen.

Die Gromutter ging mit ihnen hinauf. Sie gingen wohl fter, ohne das
braune Mdchen zu erblicken, aber einmal, als sie ihre Krbchen mit
Nssen gefllt hatten und an der Haselwurzel saen, kam das Mdchen
wieder aus den Gebschen, blieb wieder stehen und sah auf Blondkpfchen
hin. Es mochte wohl hinsehen, da es selber nicht die langen, blonden
Locken, sondern kurz abgeschnittene, schwarze Haare hatte. Als man es
nach einer Weile freundlich anredete, wich es nur ein wenig zurck,
lchelte, zeigte wunderbare, weie Zhne, antwortete aber nicht. Die
Kinder blieben lnger sitzen, die Gromutter sprach allerlei, und das
braune Mdchen stand und sah zu. Da man fortging, lief es nicht so eilig
davon wie die zwei ersten Male, sondern ging auch langsam auf einem
Wege, der den Kindern nahe war, den Berg hinunter und konnte einige Male
in den Gebschen gesehen werden. Es hatte immer die nmlichen Kleider
an, die es das erste Mal angehabt hatte.

Der Vater erlaubte den Kindern gern, da sie auf den hohen Nuberg
gingen, sagte aber, da sie dem fremden Kinde nichts zuleide tun
sollten. Wenn sie oben waren, kam das Kind, blieb an dem Rande der
Gebsche stehen und sah zu. Es lchelte recht freundlich, wenn man zu
ihm sprach, antwortete aber nicht. Wenn man fortging, ging es hinterher
bis an das Ende der Gebsche.

Einmal erschien es auch mit einer weien, abgeschlten Haselrute, wie
die Kinder hatten, und hielt die Rute hoch empor.

Ein anderes Mal, da die Kinder herabgingen und es hinter ihnen ging, und
die Kinder etwas langsamer gingen, nherte es sich ihnen immer mehr und
berhrte endlich Blondkpfchen mit der Rute.

Nach und nach legte es sich auch in das Gras, wenn die Gromutter
erzhlte, es sttzte den braunen Arm auf den Ellbogen, das Haupt auf die
Hand und richtete die schwarzen Augen auf die Gromutter. Es verstand
die Worte, weil es in dem Angesicht die Empfindungen ausdrckte. Die
Kinder hatten es recht lieb.

Sie brachten ihm Spielzeug und pfel, legten sie zu ihm in das Gras, und
es nahm dieselben und steckte sie zu sich.

Da es nach und nach tief in den Herbst gegangen war, da keine Nsse mehr
an den Zweigen hingen, da die Zweige sich schon mit Gelb frbten, die
geackerten Felder der Ferne schon das Grn der Wintersaaten angenommen
hatten, und die Tage kurz waren, da man bald nach Hause gehen
mute, war einmal ein gar heier, schner Herbsttag, wie kaum seit
Menschengedenken einer gewesen sein mochte. Die Kinder saen wieder auf
dem hohen Nuberge, das braune Mdchen sa in dem Grase, und die
Gromutter sa auf einem Steine.

Es war ihnen wohl, in der spten, warmen Sonne sitzen zu knnen. Die
Zge der alten Frau waren beleuchtet, die Steine glnzten, an den Zacken
und Hervorragungen hingen gespannte silberne Fden, und die roten Bnder
des braunen Mdchens schimmerten, wenn sie die Sonne an einer Stelle
traf, und sie hingen herab wie glhende Streifen.

Die Gromutter erzhlte wieder von einer schnen Grfin, die auf dem
Walle gestanden war und sich allein gegen die Bauern im Bauernkriege
verteidigte, als dieselben mit Gabeln, Dreschflegeln, Morgensternen und
andern Dingen das Schlo erbrechen und anznden wollten, bis endlich von
fernen Landen ihr Mann kam und wie ein Sturmwind die Aufrhrer
zerschmetterte und vertilgte.

An dem Himmel, da sie sprach, standen Wolken, die eine Wand machten und
mit den Bergen verschmolzen, da alles in einem lieblichen Dufte war,
und die Stoppelfelder noch heller und glnzender schimmerten und
leuchteten.

Die Kinder blieben auf dem Berge. Sie spielten und hatten dem fremden
Mdchen liebliche Dinge mitgebracht.

Die Wolken aber wurden nach und nach immer deutlicher und an ihren
oberen Rndern waren sie von der Sonne beschienen und glnzten, als ob
geschmolzenes Silber herabflsse.

Die Hitze wurde immer grer, und weil man in ihr im Herbste mder wird
als im Sommer, so blieben sie noch immer auf dem Berge sitzen.

Die Gromutter schaute nach den Wolken. Wenn es Sommer gewesen wre,
wrde sie gedacht haben, da ein Gewitter kommen knnte; aber in dieser
Jahreszeit war das nicht mglich, und es war daran nicht zu denken. Das
braune Mdchen sah auch nach den Wolken.

Wenn im blen Falle ein leichter Herbststaubregen kme, dachte die
Gromutter, so macht das nichts, da die Kinder gewohnt seien, na zu
werden, und da dies ihrer Gesundheit eher zutrglich ist.

Aber bald sollte sie anders denken. Man hrte aus den Wolken schwach
donnern.

Man wartete noch ein Weilchen, und der Donner wiederholte sich.

Die Gromutter berlegte nun, was zu tun sei. Zwischen dem hohen
Nuberge und dem Hofe ihres Sohnes war kein Haus und keine Htte, man
konnte also nirgends eine Unterkunft finden. In dem Walde knnten wohl
die Bume einen Schutz vor dem Regen gewhren, aber dafr waren sie
desto gefhrlicher wegen des Blitzes und man durfte dort keine Zuflucht
suchen. Ob sie mit den Kindern noch vor Ausbruch des Gewitters nach
Hause kommen knnte, war zweifelhaft. Aber sie dachte, wenn auch das
Gewitter erschiene, so knne es auf keinen Fall in der spten Jahreszeit
stark sein, der Regen werde nicht in Strmen herabflieen wie im Sommer,
und so wrde er leicht zu berstehen sein.

Indessen hatte sich die Gestalt der Wolken verndert. Sie bildeten eine
dunkle Wand und auf dem Grunde dieser Wand zeigten sich weiliche,
leichte Flocken, die dahinzogen. Es wurden auch schon Blitze in den
Wolken gesehen, aber die Donner, die ihnen folgten, waren noch so fern,
als wren sie hinter den Bergen. Die Sonne schien noch immer auf den
hohen Nuberg und die umringende Gegend.

Die Kinder frchteten sich nicht. Sie hatten schon starke Gewitter
gesehen, wie sie in ihrem Hgellande vorkommen, und da Vater und Mutter
ihre Geschfte ruhig forttaten, so waren ihnen Gewitter nicht
entsetzlich.

Das braune Mdchen war in der Nhe der Stelle, auf welcher sie gesessen
waren, hin und her gegangen. Es hatte unter manche Haselbsche
hineingesehen, es hatte unter Wurzelgeflechte geblickt oder in kleinere
Erdhhlungen geschaut.

Die Wolken hatten nach und nach die Sonne verschlungen. Die vielen
Haseln auf dem Berge lagen im Schatten, die anstoende Gegend war im
Schatten, und nur noch die fernen Stoppeln gegen Morgen waren beleuchtet
und schimmerten.

Ich wei nicht, liebe Kinder, sagte die Gromutter, ob es nun auch
wirklich wahr ist, was meine Mutter oft erzhlt hat, da die heilige
Mutter Maria, als sie zu ihrer Base Elisabeth ber das Gebirge ging,
unter einer Haselstaude untergestanden sei, und da deshalb der Blitz
niemals in eine Haselstaude schlage; aber wir wollen uns doch eine
dichte Haselstaude suchen, deren Zweige gegen Morgen hngen und ein
berdach bilden, und deren Stmme gegen Abend stehen und den von daher
kommenden Regen abhalten. Unter derselben wollen wir sitzen, so lange
der Regen dauert, da er uns nicht so schaden kann, und da wir nicht zu
na werden. Dann gehen wir nach Hause.

Ja, so tun wir, Gromutter, riefen die Kinder, so tun wir.

Sie gingen nun daran, eine solche Staude zu suchen.

Das braune Mdchen aber scho in die Gebsche und lief davon.

Nach einem Weilchen kam es wieder und trug ein Reisigbndel in den
Hnden, wie man sie aus dnnern und dickern Zweigen und Stben macht,
aufschichtet, trocken werden lt und gegen den Winter zum Brennen nach
Hause bringt.

Es lief nun wieder fort und brachte zwei Bndel. Und so fuhr es mit
groer Schnelligkeit fort, da die braunblassen Wangen glhten und der
Schwei von der Stirne rann.

Whrend das braune Mdchen die Bndel trug, und die Kinder und die
Gromutter eine Haselstaude suchten, waren die Wolken, die frher so
langsam gewesen waren, nun viel schneller nher gekommen, und der Donner
rollte klarer und deutlicher.

Das braune Mdchen hrte endlich mit dem Herbeitragen von Bndeln auf
und begann aus denselben gleichsam ein Huschen zu bauen. Es suchte eine
Stelle aus, die gegen Abend mit dichten Haseln umstanden war, stellte
Bndel gleichsam als Sulen auf, legte quer darber Stangen und Stbe,
die es von dem Bndelstoe herbeigetragen hatte, bedeckte dieselben
wieder mit Bndeln und hufte immer mehr und mehr Bndel auf, da im
Innern eine Hhlung war, die Unterstand bot.

Da es fertig war und da die Gromutter und die Kinder auch bereits eine
taugliche Haselstaude gefunden hatten, unter derselben saen und auf das
Gewitter warteten, ging es zu ihnen hin und sagte etwas, das sie nicht
verstanden. Darauf machte es ein Zeichen, weil es die Sache nicht mit
Worten sagen konnte: es hielt die linke Hand flach auf, hob die rechte
hoch, machte eine Faust und lie dieselbe auf die geffnete Hand
niederfallen. Dann schaute es auf die Gromutter und zeigte auf die
Wolken.

Die Gromutter ging unter der Haselstaude hervor und stellte sich auf
einen Platz, wo sie die Wolken sehen konnte. Dieselben waren grnlich
und fast weilich licht, aber trotz dieses Lichtes war unter ihnen auf
den Hgeln eine Finsternis, als wolle die Nacht anbrechen. So wogten sie
nher, und bei der Stille des Nuberges hrte man in ihnen ein Murmeln,
als ob tausend Kessel stten.

Heiliger Himmel, Hagel! schrie die Gromutter.

Sie begriff nun sogleich, was das Mdchen wollte, sie begriff die
Kenntnis und Vorsicht des braunen Mdchens, die es mit den Reisigbndeln
gezeigt hatte, sie lief gegen die Haselstaude, ri die Kinder hervor,
bedeutete ihnen zu folgen, das fremde Mdchen lief voran, die Gromutter
eilte mit den Kindern hinterher, sie kamen zu den Bndeln, das Mdchen
zeigte, da man hineinkriechen sollte, Sigismund wurde zuerst hineingetan,
dann folgte Clementia, dann folgten Emma und die Gromutter nebeneinander,
und am uersten Rande schmiegte sich das braune Mdchen an und hielt
die blonden Locken Emmas in der Hand.

Die Kinder hatten kaum Zeit gehabt, sich unter die Bndel zu legen,
und eben wollten sie lauschen, was geschehen wrde, als sie in den
Haselstauden einen Schall vernahmen, als wrde ein Stein durch das Laub
geworfen. Sie hrten spter das noch einmal, dann nichts mehr. Endlich
sahen sie wie ein weies, blinkendes Gescho einen Hagelkern vor ihrem
Bndelhause auf das Gras niederfallen, sie sahen ihn hoch emporspringen
und wieder niederfallen und weiterkollern. Dasselbe geschah in der Nhe
mit einem zweiten. Im Augenblicke kam auch der Sturm, er fate die
Bsche, da sie rauschten, lie einen Atemzug lang nach, da alles
totenstill stand, dann fate er die Bsche neuerdings, legte sie um,
da das Weie der Bltter sichtbar wurde, und jagte den Hagel auf sie
nieder, da es wie weie, herabsausende Blitze war. Es schlug auf das
Laub, es schlug gegen das Holz, es schlug gegen die Erde, die Krner
schlugen gegeneinander, da ein Gebrlle wurde, da man die Blitze sah,
welche den Nuberg entflammten, aber keinen Donner zu hren vermochte.
Das Laub wurde herabgeschlagen, die Zweige wurden herabgeschlagen, die
ste wurden abgebrochen, der Rasen wurde gefurcht, als wren eiserne
Eggenzhne ber ihn gegangen. Die Hagelkrner waren so gro, da sie
einen erwachsenen Menschen htten tten knnen. Sie zerschlugen auch
die Haseln, die hinter den Bndeln waren, da man ihren Schlag auf die
Bndel vernahm.

Und auf den ganzen Berg und auf die Tler fiel es so nieder. Was
Widerstand leistete, wurde zermalmt, was fest war, wurde zerschmettert,
was Leben hatte, wurde gettet. Nur weiche Dinge widerstanden, wie die
durch die Schloen zerstampfte Erde und die Reisigbndel. Wie weie
Pfeile fuhr das Eis in der finstern Luft gegen die schwarze Erde, da
man ihre Dinge nicht mehr erkennen konnte.

Was die Kinder fhlten, wei man nicht, sie wuten es selber nicht.
Sie lagen enge aneinandergedrckt und drckten sich noch immer enger
aneinander, die Bndel waren bereits durch den Hagelfall niedergesunken
und lagen auf den Kindern, und die Gromutter sah, da bei jedem
heftigeren Schlag, den eine Schloe gegen die Bndel tat, ihre leichten
Krperchen zuckten. Die Gromutter betete. Die Kinder schwiegen, und das
braune Mdchen rhrte sich nicht.

Die Stumpfen der Haselnustauden, die hinter den Bndeln waren, machten,
da der Wind nicht in die Bndel fahren und sie auseinanderwerfen konnte.

Nach lngerer Zeit hrte es ein wenig auf, da man den Donner wieder
hren konnte, der jetzt als ein mildes Rollen erschien. Die Schloen
fielen dichter, waren aber kleiner, und endlich kam ein Regen, der ein
Wolkenbruch war. Er fiel nicht wie gewhnlich in Tropfen oder Schnren,
sondern es war, als ob ganze Tcher von Wasser niedergingen. Dasselbe
drang durch die Fugen und Zwischenrume der Bndel auf die Kinder
hinein.

Nach und nach milderte es sich, der Wind wurde leichter, und der Donner
war entfernter zu hren. Das braune Mdchen kroch aus den Bndeln
hervor, stand auf und sah mit den schwarzen Augen unter die Bndel
hinein.

Die Gromutter stand auch auf und sah nach dem Himmel. Die Wolken hatten
sich gegen Aufgang gezogen, dort war es finster, und man hrte das
Niederfallen des Wassers und Eises herber. Aber auf den Bergen gegen
Untergang war es lichter, lichtere graue Wolken zogen herber und
zeigten, da der Hagel nicht mehr zurckkehren werde.

Die Gromutter zog nun zuerst Blondkpfchen hervor, dann Schwarzkpfchen,
dann Braunkpfchen.

Die nassen Kinder gingen unter den Bndeln hervor, und die Kleider
klebten an ihren Krpern. Das braune Mdchen hatte auch sein schnes
Gewand verdorben, es war na und beschmutzt an seinem Krper. Das
Mdchen blutete an dem nackten rechten Arme. Weil es sich nicht ganz
unter das Reisig hatte hineinlegen knnen, so war es von einem Eisstcke
gestreift und geritzt worden. Da die Kinder hinzugingen, um es zu
betrachten, da die Gromutter es untersuchen wollte, wandte es sich ab
und machte eine Bewegung, als ob es sagen wollte, da die Sache keiner
Mhe wert sei.

Man richtete sich zum Fortgehen.

Die Gromutter nahm die zwei Krbchen der Mdchen und das Ledertschchen
des Knaben, band alles mit einem nassen Tuche zusammen und trug es
selber, damit die Kinder leichter wren, damit sie sich beim Fortgehen
an sie anhalten und ihre Kleidchen aufheben konnten. Sie hielt sie bei
sich, da sie nicht auf der nassen Erde und in den Hagelkrnern
ausgleiten und fallen knnten. Das braune Mdchen ging mit ihnen.

Die Kinder sahen, wie der Wind das drre Gras, die Bltter und andere
Dinge in die Stmme der Haseln hineingeblasen hatte, sie sahen, wie
keine Bsche mehr auf dem Berge standen, sondern nur lauter dicke
Strnke, sie sahen, wie schier kein Gras war, sondern nur beinahe
schwarze Erde, die mit dem Wasser einen Brei machte. Und wo die Erde
nicht zu sehen war, dort lagen lauter weie Haufen von Schloen, wie im
Frhling die Schneelehnen liegen, wenn er auf den sonnigen Stellen schon
weggeschmolzen war. Wenn die Kinder eine Schloe anrhrten, war sie sehr
kalt, und wenn sie dieselbe genau ansahen, war sie so schn wie eine
Glaskugel und hatte im Innern eine kleine Flocke von Schnee. Auf allen
Seiten des Berges rannen die Wasser des Regens nieder.

Die Gromutter gab sehr acht, da die Kinder nicht gleiteten.

Der Regen hatte aufgehrt, und es fiel nur mehr ein nasser Staub von dem
Himmel.

Sie kamen an den Rand des hohen Nuberges, und das braune Mdchen ging
dieses Mal mit ihnen auf den grauen Rasen hinaus.

Aber es war kein grauer Rasen mehr. Er war zerschlagen worden und war
schwarze Erde, so wie die Steine, die durch den Regen na geworden
waren, schwarz erschienen. Da lagen groe, weie Strecken von Hagel.

Als sie zu dem Bchlein gekommen waren, war kein Bchlein da, in welchem
die grauen Fischlein schwimmen und um welches die Wasserjungfern
flattern, sondern es war ein groes, schmutziges Wasser, auf welchem
Hlzer und viele, viele grne Bltter und Grser schwammen, die von dem
Hagel zerschlagen worden waren. Es standen sonst immer kleine Gestruche
an dem Bache, die im Sommer rote Blten hatten und dann, wenn die Blten
abgefallen waren, schne, weie Ktzchen bekamen. Von diesen Gestruchen
schauten die Spitzen aus dem Wasser.

Die Gromutter ging zu dem kleinen, steinernen Brcklein, allein
dasselbe war nicht zu sehen, und man konnte die Stelle nicht erkennen,
an welcher es sei.

Da die Gromutter zauderte und sich bemhte, den Platz des Brckleins
aufzufinden, zeigte das braune Mdchen auf eine Stelle, und als man noch
immer zgerte, ging es ruhig und entschlossen gegen das Wasser. Es ging
in dasselbe hinein, ging durch dasselbe hindurch und ging wieder zurck,
gleichsam um den sichtbaren Beweis zu geben, da man hindurchgelangen
knne. Weil ihm das Wasser nur gegen die Hften reichte, sah man
deutlich, da es auf dem Brcklein gehe.

Da es zurckgekommen war, bckte es sich sanft und freundlich gegen
Sigismund und streckte ihm die Arme entgegen. Der Knabe verstand die
Bewegung, er lie die Hand der Gromutter los und begab sich in den
Schutz des braunen Mdchens. Dieses nahm ihn auf den Arm, er schlug
beide rmchen um den Hals desselben, und es trug ihn fest und sicher
schreitend auf das jenseitige Ufer.

Die Gromutter hatte Schwarzkpfchen auf den Arm genommen, hatte
Blondkpfchen fest an der Hand gefat und ging hinter dem braunen
Mdchen. Sie empfand bald an den Fen, da sie das Brcklein unter sich
habe und kam auch an das andere Ufer.

Als das fremde Mdchen Sigismund, und die Gromutter Schwarzkpfchen auf
die Erde gestellt hatten, muten sie weitergehen. Sie sahen auf das
Wasser zurck. Die Spitzen der Gestrucher waren nicht mehr zu sehen,
und das Wasser war viel breiter geworden. Es eilte mit dem Holze, mit
dem Laube und mit den fremden, schwarzen Dingen, die auf ihm schwammen,
dahin.

Sie gingen nun auf dem Rasen aufwrts gegen den Wald. Sie muten den
weien Haufen von Schloen ausweichen, sie muten den Wssern
ausweichen, die in den Vertiefungen standen, und sie muten den Bchen
ausweichen, die berall herabflossen. Daher muten sie fter von einem
Steine auf den andern springen, um fortzukommen, und fter durch ein
flieendes Wsserlein gehen. Die Gromutter lie ihre eigenen Gewnder
dem Wasser und dem Schmutze der Erde preis, um die Kinder zu wahren und
zu helfen, da die Kleinen leichter fortkommen knnten. Das braune
Mdchen ging mit.

Als sie in die Nhe des Waldes kamen, sahen sie aus demselben Mnner
heraustreten und ber den Rasen herabeilen. Da dieselben gegen sie
herankamen, erkannten sie den Vater, der an der Spitze aller seiner
Knechte und Mnner daherkam. Sie trugen Stangen, Stricke und trockene
Kleider.

Als der Vater nher kam, rief er: Da sind ja die Kinder, Gott sei
gedankt, sie leben! Mutter, wo habt ihr sie denn geborgen?

Unter Bndeln drren Reisigs, antwortete die Gromutter.

Schwarzkpfchen und Braunkpfchen gingen in ihrem durch und durch nassen
Anzuge zu ihm hin, wie sie es am Morgen vor ihrem Frhmale zu tun
gewohnt waren, und kten ihm die Hand. Blondkpfchen blieb stehen, weil
es schon begriff, da das sich hier nicht schicke.

Der Vater nahm die Kinder zu sich auf, kte sie auf die Wangen,
untersuchte sie und sagte: Ihr armen Dinger!

Das fremde Mdchen stand in der Ferne, wie es sonst an dem Rande der
Haselbsche zu stehen gewohnt war, aufrecht und steif.

Mutter, sagte der Vater, wir haben geglaubt, da ihr in dem Walde
hinter einem dicken Stamme oder hinter einem Holzstoe werdet Sicherheit
gesucht haben. Darum gingen wir gleich nach dem Hagel in den Wald, wir
hatten trockene Kleider in einem Bndel mit, um die Kinder anzukleiden,
und suchten auch an allen Stellen neben dem Wege und riefen nach euch.
Da wir euch nicht fanden und da keine Stimme antwortete, sandte ich
schnell einige Knechte um Stangen und Stricke zurck, weil ich dachte,
ihr knntet etwa jenseits des Baches sein, der bei solchen Anlssen
immer sehr anschwillt, und wir knnten die Werkzeuge zum Durchdringen
des Wassers brauchen. Da die Knechte gekommen waren, gingen wir weiter.
Ich hatte groe Angst, aber ich hatte auch groe Hoffnung zu euch, liebe
Mutter, da ihr werdet eine Stelle gefunden haben, euch alle zu
sichern.

Ich werde dir gleich erzhlen, wie es gekommen ist, sagte die Mutter,
aber la uns weitergehen. Die Kinder knnen hier nicht umgekleidet
werden, und in den nassen Kleidern drfen sie nicht stehenbleiben. Wenn
sie gehen, wird ihnen wrmer, und die Nsse schadet nicht.

Und auch Ihr seid durchnt, liebe Mutter, sagte der Vater.

Ich bin ein Weib aus den alten Bergen unsres Landes, antwortete die
Gromutter, mir schadet die Nsse nicht. Ich bin na geworden, mein
Kind, da ich kaum einige Jahre zhlte, ich bin durchnt gewesen, da ich
ein Mdchen war, und wie oft habe ich tagelang nasse Kleider gehabt, da
ich schaffen mute, weil du noch klein warst und der Vater schon
krnkelte. Aber schicke sogleich einen Knecht ab, da er laufe, was er
kann, und die arme Frau zu Hause beruhige, die um die Kinder in Angst
vergehen wird.

Der Vater tat es sogleich. Die Knechte waren bisher in einem dichten
Kreise um den Vater, die Kinder und die Gromutter gestanden. Nachdem
einer abgeschickt worden war, setzte man sich in Bewegung. Der Vater,
die Kinder und die Gromutter gingen voran, dann folgten die Knechte.
Der Vater fhrte Blondkpfchen und Braunkpfchen an der Hand, die
Gromutter Schwarzkpfchen. Sie erzhlte ihm nun, was sich auf dem
Nuberge begeben hatte und wie sie bis zu der Stelle gelangt seien, an
der er sie gefunden habe.

Aber du bist ja selber ganz na, schlo sie.

Weil wir whrend des Wolkenbruches in den Wald hinaufgegangen sind,
antwortete er, da nur einmal der Hagel nachgelassen hatte.

Sie kamen nun in den Wald und hier sah es zum Erschrecken aus.

Wie man eine Streu aus Tannenreisern macht, wenn in einem Jahre wegen
Drre oder andern Unglcksfllen die Halme nicht geraten, so lagen auf
dem ganzen Boden die Tannenzweige gehuft, mancher starke Ast lag
mehrere Male getroffen und also gebrochen darunter, an den Stmmen waren
Risse der Rinde sichtbar, da hie und da das weie Holz hervorstand, und
durch den Wald war ein feiner Harzgeruch verbreitet, wie er ist, wenn
Nadelholz gesgt oder gespalten wird. Die Schloen lagen mit der
Tannenstreu untermischt und von ihr bedeckt und hauchten eine unsgliche
Klte unter den Stmmen aus, welche im Freien drauen nicht so empfunden
worden war. Der Vater und die Knechte muten den Weg suchen, weil er mit
Streu bedeckt und nicht zu sehen war.

Aus dem Walde kam man wieder in das Freie und ging bis zu den Felsen
nieder, von denen aus man das Haus und die Felder sehen konnte.

Der Garten war verschwunden, nur einzelne Stmme mit verstmmelten Armen
standen empor. Das Grn war dahin, und die Felder jenseits des Gartens
sahen aus, als wren sie schlecht geeggt worden.

Der Vater ging mit den Kindern in der Sandlehne nieder.

Da sahen sie, da alle Fenster der Glashuser zerstrt waren und da im
Innern an der Stelle, wo die Blumen in Tpfen und Kbeln gestanden
waren, weie Haufen von Schloen lagen. Die Fenster des Hauses, welche
gegen Abend schauten, waren zertrmmert, die Ziegeldcher und die
Schindeldcher waren zerschlagen, da sie teils wie ein Sieb aussahen,
teils groe, ausgebrochene Stellen hatten, durch die das innere Bauholz
hervorsah. Die Verzierungen und der Anwurf der Mauern waren an der
Wetterseite heruntergeschlagen, da die Mauern nicht etwa wie neu, ehe
der Anwurf geschieht, sondern wie mit Hmmern ausgeschlagen dastanden.

Als sie gegen das Ende der Sandlehne kamen, sahen sie eine weie Gestalt
durch den ehemaligen Garten eilen, durch nasses Gras, durch Schloen,
ber die herabgestrzten Baumste laufen und ihnen an der Ecke der
Glashuser begegnen.

Es war die Mutter.

Sie lief gegen die Kinder und sah sie an.

Auf den Wangen der Kinder war durch das Gehen ein schner, rosiger Hauch
erblht und ihre Haare lagen wohl na und zusammengeklebt, aber
wunderschn um ihr Antlitz.

Vater, Vater, schrie sie, du hast sie mir gebracht.

Ja, ohne Makel, ohne Beschdigung, erwiderte er.

Mein Gott, mein Gott, du bist gtig, da du mir sie gegeben hast. O
Clementia, o Emma, o Sigismund! rief die Frau.

Sie ri die Kinder an sich, sie drckte sie, herzte sie und hatte alle
drei in ihren Armen.

Mutter, wir haben keine Nsse gebracht, sagte der Knabe.

Aber dich selbst, du kleines, unvernnftiges Kind, sagte die Mutter,
das mir lieber ist als goldene Nsse.

Schauerlich war es und beinahe prchtig, sagte Emma.

Lasse mir das Bild nicht vor die Augen, Vater, ich bitte dich -- -- was
htte werden knnen! sagte die Mutter.

Sie lagen unter Reisigbndeln, antwortete der Vater, aber lasse uns
in das Haus gehen, ich werde dir alles erzhlen, gib ihnen trockene
Kleider und etwas zu essen, da ihr Blut wieder in gleichmige Bewegung
komme.

So kommt, ihr Kinder, sagte die Mutter.

Sie wendete sich, um durch den Garten in das Haus zu gehen. Die Kinder
schlossen sich an. Sie fhrte alle drei, soweit dies mglich ist, an der
Hand. Dann folgte die Gromutter und der Vater, dann die Knechte.

Als man zu dem Haupteingange des Hauses gekommen war, wandte sich der
Vater zu den Knechten um, dankte ihnen, entlie sie, sagte, sie sollten
das, was sie tragen, an die rechte Stelle tun, sollen sich umkleiden,
sollen alle Arbeit ruhen lassen, und er werde ihnen ein Glas Wein zu
ihrem Abendessen senden.

Und ich danke euch auch, sagte die Mutter, die mit den Kindern bei
den Worten ihres Gatten vor dem Hause stehengeblieben war und sich
umwendete, ich danke euch auch und werde es euch gewi vergelten.

Es ist nicht ntig, sagte der Altknecht, wir haben nichts Besonderes
getan, als was unsere Schuldigkeit gewesen ist.

Die Knechte fingen nun an sich zu zerstreuen.

Als sie auseinandergegangen waren, und man die Aussicht auf den Weg
hatte, auf dem man hergekommen war, sah man das braune Mdchen in
einiger Entfernung im Garten stehen.

Man hatte es bei dem ersten Anblicke des Vaters und bei seinem Empfange,
da man von den Knechten umstanden war, nicht beachtet, man hatte es im
Nachhausegehen, da die Knechte gerade hinter dem Vater, den Kindern und
der Gromutter gingen, nicht gesehen und hatte geglaubt, da es nach
seiner Art schon lngstens umgekehrt sein werde. Als die Kinder es
sahen, lieen sie von den Hnden der Mutter los, hatten groe Freude,
da das fremde Kind in ihrem Garten stehe, liefen zu ihm hin und
sprachen zu ihm.

Die Mutter aber sagte: Wer ist denn das?

Der Vater sagte ihr, da es das braune Mdchen von dem hohen Nuberge
sei und erzhlte ihr, was es heute zu dem Schutze der Gromutter und der
Kinder getan habe.

Dann wendete er sich zu der Gruppe der Kinder und sagte: Komme her, du
liebes Kind, wir werden dir sehr viel Gutes tun.

Das Mdchen zog sich bei diesen Worten langsam von den Kindern zurck,
und da es ein Stckchen entfernt war, fing es zu laufen an, es lief
durch den Garten zurck, es lief um die Glashuser herum und in dem
nchsten Augenblicke sah man es schon in der Sandlehne emporlaufen.

Die Kinder gingen wieder zu ihren Eltern zurck.

Schade, da das Kind nicht nher kommt und so scheu ist, sagte der
Vater.

Ich fange das Ding, sagte ein Knecht.

Alle drei Kinder taten auf diese Aeuerung einen Angstschrei der
Abwehrung.

Lasse das, sagte der Vater, das Mdchen hat meiner Mutter und meinen
Kindern heute den grten Dienst erwiesen. Darf man es berhaupt nicht
rauh behandeln, so darf man es jetzt um so weniger, so lange es sich
nicht schdlich erweist. Wir werden es schon auszukundschaften und zu
finden wissen, dann mu es gut behandelt werden, da es Zutrauen
gewinnt, und wir werden die Art schon finden, wie wir das Kind belohnen
und ihm sein Leben vielleicht ntzlicher machen knnen, als es jetzt
ahnt.

Indessen war das Mdchen schon wie ein Hirsch auf die hchste Hhe
gekommen, war noch einen Augenblick in den Klippen sichtbar und war dann
verschwunden.

Der Tag neigte sich schon gegen den Abend, und man war nicht ohne
Besorgnis um das Kind, besonders, da die Gromutter erzhlt hatte, da
es an dem rechten Arm blute. Aber der Himmel war lichter, ein
schweigender Nebel stand an demselben, und es war kein Regen mehr zu
befrchten. Man mute der Ansicht des Vaters beipflichten, da das
Mdchen am besten aufgehoben sei, wenn man es seinem eigenen Ermessen
berlasse, da es ein Waldgeschpf sei, dem Berge und Hgel nichts
anhaben, und da ihm, wenn man es suchen oder beobachten liee, ein
greres Ungemach zustiee, als ihm so bevorstehen knne.

Man ging nun in das Haus. Die Mutter hatte die Kinder in ein an der
Morgenseite des Hauses gelegenes, gut erhaltenes und gut verwahrtes
Zimmer gebracht, das sie auf die Nachricht des vorausgeschickten
Knechtes in Anbetracht der eingetretenen Klte sogar schwach hatte
heizen lassen. Dort wurden die Kinder entkleidet, auf wenige Augenblicke
in ein warmes Bad getan und hierauf mit wohlgetrockneten und
durchwrmten Kleidern angetan. Weil sie durch die vorangegangene
Begebenheit aufgeregt waren, so gingen sie trotz der Mdigkeit selbst
beim Kerzenschein und, als sie das Abendmahl eingenommen hatten, noch
nicht zu Bette; und als die Gromutter sich umgekleidet hatte und wieder
zu ihnen hereinkam, saen sie um den Tisch und knackten mit ihren drei
Nuknackern die Nsse auf, die sie noch vorrtig hatten und die ihnen
die Gromutter gegeben hatte. Sie erzhlten auch von dem Gewitter und
erzhlten so, da man sah, da sie auch nicht die entfernteste Ahnung
von der Gefahr hatten, in der sie geschwebt waren. Sie nahmen die
Reisigbndel als etwas an, das sich von selber verstehe und das so da
sei, wie im Winter das warme Haus, da sie nicht erfrieren.

Als man die Gromutter fragte, ob sie das Gewitter nicht htte kommen
gesehen, antwortete sie: Ich habe die Wolken nicht fr ein Gewitter
gehalten, und da es zu regnen anfing, war es zu spt, den Wald zu
erreichen.

Auf die Frage, ob sie die Wolken als Hagelwolken erkannt habe,
antwortete sie: Ich habe wohl eine kleine Vermutung gehabt, da aus den
Wolken Hagel kommen knnte; aber ich habe eine so dichte Haselstaude
ausgesucht, da ein gewhnlicher Hagel nicht durchgedrungen wre. Nur
das braune Mdchen hat die Reisigbndel herbeigetragen.

Ich will den Anblick und das Bild dessen, was sich htte zutragen
knnen, wenn die Bndel frher nach Hause gefhrt worden wren, in den
Hintergrund und in die Ferne rcken, sagte der Vater zu der Mutter, da
die Kinder den hohen Nuberg so lieben, da die Gromutter sie gern dahin
begleitet, und da es hart wre, ihnen diese Freude zu rauben, so werde
ich ein Stckchen Landes dort kaufen und werde auf demselben ein
winziges, kleines Huschen zum Schutze bauen. Wenn es auch fast gewi
ist, da die Kinder schon erwachsene Personen, ja vielleicht schon
Greise sein werden, ehe sich ein Hagelwetter wiederholt, wie das heutige
war, ja wenn auch in mehreren Menschenaltern, wie zu vermuten ist, kein
solches mehr kommen wird, so wie in den vergangenen Menschenaltern
keines verzeichnet ist, das so entsetzlich gewesen wre, so wrden in
deinem und meinem Gemte doch immer Hagelwolken heraufsteigen, so oft
die Kinder auf dem hohen Nuberge wren. Bei einer Ueberraschung finden
sie in dem Huschen Schutz, und wenn sie auf dem Heimwege ein Gewitter
sehen, so gibt auch der Wald die notdrftige Unterkunft, und wir drfen
beruhigt sein, wenn sie auf jenem Wege gehen, besonders wenn man fleiig
auf die Wolken und den Himmel blickt.

Es ist hufig geblickt worden, erwiderte die Gromutter, aber wenn
Gott zur Rettung kleiner Engel ein sichtbares Wunder tun will, da wir
uns daran erbauen, so hilft alle menschliche Vorsicht nichts. Ich habe
in siebenzig Jahren alle Wolken gesehen, die in diesem Lande sind; aber
wenn es heute nicht wie ein Nebel ausgesehen hat, der in dem Herbste
blau auf allen fernen Wldern liegt, an den Rndern wei funkelt, gegen
abend in die Tler und auf das Land heruntersteigt und morgens doch
wieder weggeht und die helle Sonne scheinen lt: so will ich eine sehr
harte Strafe hier und dort erdulden. Und sind in dieser Zeit des Jahres
schon fter Gewitter gewesen? Ein altes Wort sagt: Um das Fest der
Geburt der heiligen Jungfrau ziehen die Wetter heim, und heute ist es
sechs Wochen nach jenem Feste. Dein alter Vater wird sich in der
Ewigkeit wundern, wenn er es wei oder wenn ich komme und es ihm sage,
da nach Gallus ein so groes, auerordentliches Gewitter gewesen sei,
und da es die Bume und die Huser zerschlagen habe. Es ist ein Wunder,
wie Gott in dem Haupte des braunen, wilden Kindes die Gedanken weckte,
da es die Wolken sah und da es die Bndel herbeitrug.

Ihr habt recht, teure Mutter, antwortete der Vater, es war das nicht
zu erwarten, was gekommen ist. Kein Mensch konnte erraten, was geschehen
wrde, und es ist ein Glck, da sich alles so gewendet hat. Wir waren
in dem Garten, die Knechte arbeiteten in den nchsten Gemarken, als es
donnerte. Da die ersten Hagelkrner fielen, konnten die Knechte nur
verwundert in die Scheune springen und wir in das Haus, und als es mit
Getose niederging, die Fenster, die Mauern und das Dach zerschlagen
wurde, fiel die Mutter ohnmchtig auf den Teppich des Fubodens.

Der Mensch ist eine Blume, sagte die Gromutter, zuerst ist er ein
Veilchen, dann eine Rose, dann eine Nelke, bis er eine Zeitlose wird.
Und wer eine Zeitlose werden soll, der kann nicht als ein Veilchen
zugrunde gehen, darum war die dunkle Blume da, da die lichten leben.

Nur die Annahme, da es fast gewi sei, da ihr alle den dichten Wald
als Schutz gesucht habt und hinter einem dicken Stamme desselben
geborgen seid, sagte der Vater, konnte der Mutter und mir Trost geben
und die Verzweiflung abhalten.

Es wre die dichte Haselstaude hinreichend gewesen, antwortete die
Mutter, aber weil sie nicht hinreichend war, waren die Bndel da, und
es war die Hand schon bestimmt gewesen, welche sie einst schneiden
mute.

Als wir euch in dem Walde nicht errufen konnten, sagte der Vater, da
fate auch mich das Entsetzen.

Ich sage dir ja, erwiderte die Mutter, da die Hand schon bestimmt
war die Bndel zu tragen, so wie einmal der Fu schon bestimmt war, da
er durch den Wald zwischen Jericho und Jerusalem gehe, damit der
verwundete und geschlagene Mann, der dort lag, gepflegt und geheilt
werde.

Amen, teure Schwiegermutter, sagte die Frau, das ist ein
trostreicher, herzlindernder Glaube.

Gib dich ihm hin und du wirst dein Leben lang gut fahren, antwortete
die alte Frau.

Die Kinder waren unterdessen in ihrem Geplauder fortgefahren, sie sagten
allerlei zu den Erwachsenen und unter sich und verstanden nichts von dem
ernsthaften Gesprche, das ihretwillen stattgefunden hatte.

Als es spter geworden war, als doch schon der Sand in die schnen
uglein zu kommen anfing, wurden sie zu Bette gebracht. Blondkpfchen
hatte sein Schlafgemach neben dem der Eltern, Braunkpfchen hatte es auf
der entgegengesetzten Seite, und Schwarzkpfchen hatte sich noch von der
Gromutter nicht trennen knnen; es schlief in dem Gemache derselben und
entschlummerte, wenn das Auge der alten Frau sein Bett behtete, und
erwachte, wenn dasselbe Auge auf seine Lider schaute und ihr ffnen
erwartete. Die zwei ersten Kinder wurden in ihre Schlafkmmerlein
gefhrt, Schwarzkpfchen wurde von der Gromutter auf den Arm genommen
und, nachdem man gute Nacht gesagt hatte, ber den Gang in die
gemeinschaftliche Schlafstube getragen. Was die beiden Eltern vor dem
Bilde des Gekreuzigten gebetet haben, wei niemand, weil es nur ein
eheliches Geheimnis ist, wenn sie ihre Freude oder ihren Schmerz vor
Gott ausschtten.

Am andern Morgen war ein khler Tag. Wolkenhaufen zogen bestndig von
der Gegend des Sonnenunterganges nach der des Sonnenaufganges, und wenn
man oft meinte, die Sonne werde jetzt durchbrechen, die Wolken sich
zerteilen und dem blauen Himmel Platz machen, so entstanden wieder neue,
deckten wieder die frher lichteren Stellen und zogen wieder gegen
Morgen. Es regnete aber nicht. Die ungeheuren Mengen von Schloen,
welche auf die Gegend niedergefallen waren, verbrauchten Wrme, die
Klte verdichtete daher bestndig die in der Luft befindlichen Dnste
und erzeugte die unaufhrlichen Wolken.

Das erste, was der Vater am Morgen vernehmen lie, war, da er das
Innere der Glashuser reinigen lie. Die Schloen wurden mit Schaufeln
auf Karren getan und in eine Grube gefahren, aus der einst Steine
gebrochen worden waren, und die der Vater wieder dadurch ausfllen
wollte, da er alle festen Abflle des Hauses, wie Geschirrtrmmer, oder
des Feldes, wie ausgelesene Steine, in dieselbe werfen lie. Der Hagel
wurde dorthin gefhrt, weil nirgends ein passender Ort fr ihn war. Die
Gewchse, von denen man hoffen konnte, da sie noch zu retten sein
knnten, wurden ausgelesen, die brigen und die Scherben der Tpfe
wurden in obbesagte Grube gebracht. Auch wurden Knechte auf den Boden
des Hauses geschickt, um den Schaden dort zu untersuchen, und andere
muten in Verbindung mit Mgden das Reisig von den zerschlagenen
Obstbumen aus dem Garten wegrumen. Ein Bote wurde nach dem
Glasarbeiter geschickt. Der Vater besah die Bume, ob manchen von ihnen
noch zu helfen sei. Wenn dieses wre, so mte bald dazu geschritten
werden, weil sonst der Herbst zu weit vorrckte, und die Klte die
Wiederbelebungskraft der Bume nicht wirksam werden liee.

Die Kinder gingen in der Khle mit der Gromutter in die Luft. Die
ungeheuer vielen kleinen Glastfelchen, die an der Abendseite des Hauses
lagen, waren wie die kleinen, flimmernden Tfelchen, welche sie gern aus
den Steinen der Sandlehne und aus andern auslsten. Die Bume des
Gartens erkannten sie aus den Stumpfen nicht und konnten sich nicht
erinnern, was der Stamm einst getragen habe. Im Freien sahen sie, wie
Menschen damit beschftigt waren, die noch immer hie und da liegenden
Schloenhaufen von den Vertiefungen der Felder wegzuschaffen. An dem
Wiesenbache, der zurckgetreten war, dessen Wasser sich aber noch immer
nicht geklrt hatte, sahen sie, da die Weidenruten zerschlagen und
weggeschwemmt waren, da sich Schlamm und Steine auf den Wiesenrndern
befanden, und da tote Fische dalagen, die das Weie des Bauches
emporzeigten.

Am Tage zuvor war es wie Sommer gewesen, jetzt war tiefer Herbst
eingetreten.

Nachmittags ging der Vater zu dem eine halbe Stunde Wegs entfernten
Pfarrer hinber, dessen Pfarrhaus neben der kleinen Pfarrkirche war, und
fragte ihn wegen des braunen Mdchens.

Der Pfarrer wute nichts. Es war kein Ding dieser Art in die Pfarr- oder
Schulbcher eingetragen und war auch nie unter den Pfarrkindern zu sehen
gewesen.

Der Vater ging nun zu dem Jger, der oft durch Felder, Wlder und Fluren
strich und alle Dinge derselben kennen mute.

Allein auch dieser wute nichts.

Es seien Banden gewesen, sagte er, aber sie seien immer in den hheren
Bergen, die gegen Bayern hinberziehen, gewesen und htten sich lngs
des Saumes aufgehalten, an dem sie durch die Lnder gewandert sind. Sein
Nachbar aus den jenseitigen Gegenden wisse auch nichts.

Der Vater kehrte unverrichteter Dinge wieder heim.

Die folgenden Tage waren ebenso kalt und unfreundlich wie der
vergangene. Immer kamen Wolken, selten waren Sonnenblicke, und der Wind
wehte zwar nicht stark, aber rauh. Auf den Dchern waren die Arbeiter
und hmmerten die Latten und Schindeln fest oder setzten die Ziegel ein.
Die Glasarbeiter, die anfangs durch die viele Arbeit verhindert waren,
kamen endlich doch, und es wurde ihnen zur Herstellung aller Fenster
des Hauses und der Gewchshuser der groe Saal eingerumt. Die
Maurer arbeiteten an der Auenseite des Hauses, damit noch alles in
vollkommenen Stand gesetzt wrde, ehe die kalte Zeit kme und die
meisten Hausbewohner fortzgen. Der Vater war mit Beihilfe von Arbeitern
beschftigt, die verwundeten Bume zu verbinden oder die Stmme zu
berstreichen. Die Mgde muten die Pltze vor dem Hause reinigen.

Endlich, da lange die Nachwehen des Gewitters angehalten hatten, kamen
noch tief im Herbste schnere Tage, die im Verhltnisse zur Jahreszeit
sehr warm genannt werden konnten.

Der Vater munterte die Kinder selber auf, auf den hohen Nuberg zu
gehen. Er sagte, er werde mitgehen, um etwa das braune Mdchen zu sehen.
Er mchte sich ihm gern dankbar beweisen.

Die Kinder gingen mit der Gromutter wie immer auf den hohen Nuberg.
Der Vater begleitete sie.

Sie gingen durch den Saum der Stumpfen hinein, die traurig dastanden und
die wohl den ganzen Winter so bleiben wrden.

Das braune Mdchen sahen sie nicht.

Sie gingen bis zu dem Gipfel, sie gingen zu der alten, dicken
Haselwurzel, sie gingen endlich zur Stelle, wo sie Schutz vor dem Hagel
gefunden hatten. Die Reisigbndel lagen noch da. Der Vater schlug vor,
die Bndel mit vereinten Krften auf den Platz zurckzutragen, von dem
sie genommen worden waren. Er fand den Platz nach einigem Suchen, und
man schaffte die Bndel wieder zu denen, von denen sie genommen worden
waren. Blondkpfchen konnte ein ganzes tragen und Schwarzkpfchen und
Braunkpfchen trugen eins miteinander, bei dem auch die Gromutter half.
Als alles geschehen war, blieb man noch lange auf dem Berge, man ging zu
dieser und jener Stelle und wartete. Aber das braune Mdchen erschien
nicht. Da ging man nach Hause.

Der Vater ging ein zweites Mal mit den Kindern auf den hohen Nuberg, er
zeigte ihnen die Stelle, wo er das Schutzhuschen bauen wollte, und
wartete; aber das braune Mdchen kam auch dieses Mal nicht.

Und so ging er mehrere Male; aber das braune Mdchen war nicht zu sehen.

Da gingen die Kinder allein auf den hohen Nuberg und die Gromutter
ging mit ihnen.

Die Sonne schien warm, der Himmel war blau, das Heidebchlein war klar,
die grauen, flinken Fischlein spielten darin, und da die Kinder zu der
Grenze des Geheges kamen, lief das braune Mdchen durch die laub- und
zweigelosen Stumpfen der Haseln, Birken und Eschen daher und gesellte
sich zu den Kindern. Alle schauten sich mit freudigen Augen an, und da
die Kinder hingingen und den Arm des Mdchens und seine Bnder
berhrten, da nahm es Blondkpfchens Haare in die Hnde und drckte sie
fest, und nahm dann Schwarzkpfchens Locken und hielt sie.
Braunkpfchen, das mehr Mut bekommen hatte, weil es von dem braunen
Mdchen getragen worden war, nahm dessen Finger und hielt ihn, und das
braune Mdchen lie es geschehen, es nahm dessen Hand und lie es auch
geschehen. Es ging mit ihnen auf den hohen Nuberg empor, und sie
schauten ins Weite und Breite, und die Gromutter erzhlte. Es redete
Worte und die Kinder verstanden sie. Sie gaben ihm Kuchen, Brot und was
sie sonst mitgebracht hatten. Das Mdchen hatte ihnen nichts zu geben
und hielt die leeren Hnde hin.

Das braune Mdchen hatte denselben Anzug, den es immer gehabt hatte,
aber er war in jenem Gewitter sehr verdorben worden, er war unrein und
verknittert.

Die Gromutter erzhlte ihnen von den Bumen, die von dem Berge
herabgefallen waren und doch nicht aufgehrt hatten zu leben -- dann
erzhlte sie ihnen von den Knigen mit den drei Sesseln -- dann von dem
Weizen, der nicht hatte blhen knnen -- dann sprach sie von den fernen
Lndern, deren hohe Gebirge man gar nicht mehr sehen knne -- und
endlich von den unbeschlagenen Wgen und Ackerwerkzeugen, mit denen man
vor Zeiten die Felder bestellt hatte.

Hierauf traten sie den Rckweg nach Hause an.

Die Sonne schien auch im Herabgehen warm, der Himmel war blau, die
Schatten waren lang, weil es schon tief in den Herbst ging, die Grser
wurden gelb, und die grauen flinken Fischlein in dem klaren Bchlein der
Mulde spielten so lustig wie im Sommer.

Das braune Mdchen war mit ihnen gegangen. Es war mit ihnen den hohen
Nuberg herabgegangen, es war mit ihnen ber das Bchlein gegangen und
ging mit ihnen ber den grauen Rasen, durch den Wald, durch die Klippen
und ber die Sandlehne herab. Und da man zu den Glashusern des Gartens
gekommen war, da sagte es anmutige Worte und lief dann wieder ber die
Sandlehne empor und ward nicht mehr gesehen.

Die Kinder erzhlten den Eltern, da das braune Mdchen nun dagewesen
und da es mit ihnen gegangen sei.

Sie gingen nun, so oft es mglich war, auf den hohen Nuberg, das fremde
Mdchen kam immer und sie spielten und kosten. Sie brachten dem braunen
Mdchen schne Sachen. Das braune Mdchen brachte ihnen auch bunte
Steine, es brachte ihnen versptete Brombeeren, es trug in seinem Wamse
Haselnsse herbei, die es im Sommer gesammelt hatte, oder brachte ihnen
die gefleckte Feder eines Geiers oder die schwarze eines Raben.

Wenn die Kinder nach Hause gingen, so ging das braune Mdchen immer mit
ihnen bis zu den Glashusern, man hielt sich bei den Hnden und
scherzte. Bei den Glashusern liebkosten sie sich, und das fremde
Mdchen lief dann immer ber die Sandlehne zurck.

Wenn es Nacht war und wenn die Kinder an dem Tische mit den Lichtern
saen, da sprachen sie von dem fremden Mdchen und stritten, wer es
lieber habe.

Die Gromutter erzhlte den Eltern von dem braunen Mdchen, und Vater
und Mutter achteten auf das, was sie sagte, und merkten es sich in ihrem
Sinne gar wohl.

Es wurde immer spter und spter im Jahre. Die Fden, die auf dem Rasen
und zwischen dem Wacholder gesponnen hatten, waren verschwunden, die
Beeren der Moore, die in dem Sumpfgrase oder neben der schwarzen Erde so
rot und wei geglnzt hatten, waren vergangen, die spte Preielbeere,
die unter dem Schutze eines Steines oder eines Baumes von dem Hagel
verschont worden war, war dahin, ihr Kraut und das krftige der
Heidelbeere war ein drres Stengelbschlein, der Wald wurde sehr
durchsichtig, die Berge waren rot, an den Morgen lag der weie Reif auf
der Gegend, oder es war der lange Nebel da, und die Sonne, die spt kam,
konnte ihn kaum zerstreuen, die Hgelgipfel etwas blicken lassen und
dann untergehen; oder es kamen die frostigen Wolken, schtteten den
Regen in kleinen Trpflein herunter, und wenn sie vergingen, war der
hohe, ferne Wald wei bestubt.

Da wurde eines Tages der groe Wagen herausgeschoben, er wurde gepackt,
alles Ntige hineingetan, und in Mntel und warme Kleider gehllt
stiegen der Vater und die Mutter ein, es stiegen die Kinder ein und
fuhren davon.

Die Kinder weinten, als ob ihnen ein tiefer Schmerz und ein tiefer
Kummer angetan worden wre.

Erst als sie schon weit gefahren waren, als sie schon durch Drfer,
Marktflecken und Stdte gekommen waren und Wlder und Flsse gesehen
hatten, milderte sich die Trauer, sie sprachen und redeten
untereinander, bis sie in die groe Stadt einfuhren, die hohen Huser
mit den glnzenden Fenstern dastanden, dicht gedrngt die schn
gekleideten Menschen gingen, prchtige Wagen fuhren, und vor den
Verkaufslden die schnen Waren und Kleinodien unter Glastafeln
funkelten.--

Da die weien Hllen ber die Berge und Tler vergangen waren, da der
Himmel wieder fter blau lchelte, als er trb verhllt war, da die
Sonne schon hher stieg und krftiger niederleuchtete, kam der Wagen
wieder gegen den Hof in dem Hgellande gefahren, und Vater und Mutter
und die Kinder stiegen aus.

Es war noch kein Grslein, es war kein Blttchen, die Felder waren
nackt, nur die Wintersaaten, die sich schon regten, legten grne Tafeln
auf die braune Erde, und an manchem Morgen war es noch ein wenig
gefroren, da der Weg zhe war, und an dem Rande vom Wsserlein
Eisspitzen glnzten: aber die Sonne schien sehr freundlich, sie siegte
alle Tage mehr und fllte alle Tage schner die Zimmer der Kinder und
der Gromutter auf dem lndlichen Hofe mit Licht und Wrme.

Als man die Kleider der Stadt eingepackt hatte, als man die Kleider des
Landes aus den Ksten des Hauses hervorgetan hatte, fand sich, da
manches gendert werden mute. Die Sume der Kleider der Mdchen muten
aufgelassen werden, da die Kleider tiefer reichten, die Jacken von
Braunkpfchen muten erweitert werden, und die Strohhtchen von
Blondkpfchen, von Schwarzkpfchen und von Braunkpfchen muten weggetan
und es mute um neue geschrieben werden.

Da die Sonne schon sehr warm schien, da man schon begann, die
Sommerfrucht in die geeggte Erde zu sen, da es schon trocken war, und
in der Frhlingssonne die Flimmer der Steine und Felder funkelten,
begehrten die Kinder auf den hohen Nuberg. Die Gromutter legte ihnen
wrmere Kleider an, als sie sonst im Sommer hatten, tat selbst wrmere
Gewnder an und fhrte sie auf den hohen Nuberg. Sie hatten ihre
Haselruten mit den Haken nicht mit, wie sie dieselben berhaupt nie
mitnahmen, als wenn die Nsse reif waren. Sie trugen nur ihre Krbchen
am Arme. Sie gingen ber die Sandlehne empor, sie gingen durch die
Felsen und den Wald. Als sie ber die graue Heide gingen, lief ihnen das
braune Mdchen von weitem entgegen. Sie freuten sich, sie jubelten, sie
liebkosten sich, und Braunkpfchen schlang seine zwei rmlein um den
Nacken des braunen Mdchens und hielt ihn fest.

Aber nicht blo an den Kindern war, whrend sie abwesend gewesen waren,
eine Vernderung vorgegangen, sondern auch das braune Mdchen hatte sich
verndert. So wie man bei ihnen die Sume der Kleider hatte auflassen
mssen, da sie ihnen wieder recht wren, so waren dem braunen Mdchen
seine grnen Hschen zu kurz geworden; es war grer und schlanker
geworden und lie seine nackten Arme dicht an seinem Krper hinabhngen.
Die vielen schwarzen Haare, die ihm immer abgeschoren waren, trug es
jetzt nicht mehr so, sondern es hatte auch Locken bis auf den Nacken
hinab, wie sie die Kinder bisher gehabt hatten.

Sie gingen auf den Nuberg, sie gingen weit und breit herum, sie sahen
alle Stellen und sahen auf die Berge des Landes hinaus.

Auf der Erde war noch kein neues Gras, aber sie war trocken; an den
zerschlagenen sten war kein Laublein, aber die reine Luft war um sie,
und die Sonne schien hold auf sie hernieder.

Als die Kinder nach Hause gingen, ging das fremde Mdchen bis zu den
Glashusern mit ihnen und lief dann zurck.

Die Kinder kamen nun wie immer oft auf den hohen Nuberg, und das fremde
Mdchen erschien hufig.

Nach und nach lockte die Sonne die grne Farbe auf die Erde. Die Wiesen
wurden grn, und die Unzahl der gelben, weien, roten, blauen Blmlein
mischte sich darunter. Die Felder wurden grn, weil die junge Saat
hervorsprote und die hellgrne Farbe zeigte, und weil die Wintersaat
weiter wuchs und die dunkelgrne beigesellte. Der Vater hatte viele
Pflanzen und Gewchse kommen lassen, und sie standen jetzt neben den
noch erhaltenen in den Glashusern, und es war, als ob nie ein Schaden
angerichtet worden wre. An den verstmmelten Bumen wuchsen zahlreiche
kleine Zweige hervor, die so schn waren und so lebhaft wuchsen, als
wre das Abschlagen der Zweige kein Unglck gewesen, sondern als htte
ein weiser Grtner dieselben beschnitten, da sie nur desto besser
emportrieben. An den Zweiglein, die der Vater vielen abgeschnittenen
sten eingepfropft und die er mit Pflastern verbunden hatte, prangten
zwei oder vier groe Bltter. Im Walde, im Gestrppe oberhalb der
Sandlehne, ja sogar auf der grauen Heidemulde war alles ttig. Die
Zweige sproten als mten sie eine Versumnis einbringen, sie drngten
sich und strebten empor. Endlich, da die Erde weithin grn war, da die
Zweige sich verlngert hatten, kamen auch Blten, sie kamen spter und
waren weniger als in andern Jahren, aber sie waren da und waren fast
noch zutraulicher und lieblicher als in frheren Zeiten.

Einmal in der Flle des Frhlings, da alles blhte und duftete und sich
das menschliche Herz erfreute, da die Kinder von dem hohen Nuberge nach
Hause gingen, das braune Mdchen sie begleitete, und man bis zu den
Glashusern gekommen war, hatte Blondkpfchen mit ernsten Augen die Hand
des braunen Mdchens gefat. Braunkpfchen hatte es am Arme genommen.
Blondkpfchen sah dem braunen Mdchen in das Angesicht und sagte: Komme
mit, komme mit.

Braunkpfchen sagte auch: Komme mit, komme mit.

Das braune Mdchen sah die Kinder an und tat einen Schritt vorwrts.

Braunkpfchen war auerordentlich erfreut, es ging einen Schritt voraus
und sagte lockend: Komme mit, komme mit.

Das braune Mdchen ging zgernd nach. Es ging von den Glashusern gegen
die Bume vorwrts, es ging auf dem Kieswege durch das Grn des Gartens,
es ging ber den Sandplatz vor dem Hause, es ging ber die Treppe empor
und stand auf dem Teppiche des Besuchzimmers.

Es war in dem Zimmer niemand zugegen. Die Gromutter ging gleich, da man
die Treppe emporgekommen war, in ein anderes Gemach.

Das fremde Mdchen stand und ffnete seine groen Augen noch mehr und
schaute auf den Spiegel an der Wand, auf die Uhr, auf den Schrein, auf
welchem schne Gefe standen, auf Tische und Sthle und Sessel und auf
den wunderbaren Teppich.

Die Kinder liefen und brachten se Milch in einer Schale und brachten
feines Weizenbrot und silberne Lfflein. Das fremde Kind trank die Milch
aus der Schale, nahm ein Stckchen Brot in die Hand, bi davon ab und
verzehrte es so.

Die Kinder brachten ihre Spielzeuge und zeigten sie. Das braune Kind
wute damit nichts anzufangen. Die Kinder brachten auch ihre Nuknacker,
ihre schneren Kleider und ihre Bnder.

Endlich kam auch die Mutter in einem feinen weien Anzuge und trug
gezuckerte, eingemachte Frchte auf einer Tasse und bot dem fremden
Mdchen davon an.

Das braune Mdchen wich zurck, bis es mit dem Rcken aufrecht an der
Wand stand. Es rhrte keine Hand, es blickte die Frchte an und lie die
Arme an dem Krper herabhngen.

Da wendete sich die Mutter wieder um und ging, ohne weiter ein Wort zu
reden, aus dem Zimmer.

Die Kinder traten zu dem fremden Mdchen, liebkosten es, es gab die
Liebkosungen zurck, und nachdem dies ein Weilchen gedauert hatte,
nachdem man geredet, nachdem das fremde Kind geantwortet hatte, und da
es die Augen immer auf die Tr geheftet hielt, liefen alle zur Tr
hinaus, liefen ber die Treppe hinab, liefen durch den Garten, und
hinter den Glashusern lief das fremde Mdchen dann allein ber die
Sandlehne empor.

So wie es an diesem Tage gewesen war, war es wieder einmal an einem
andern. Da die Kinder auf dem Nuberge gewesen waren, da das fremde
Mdchen zu ihnen gekommen war, da man nach Hause gegangen und bei den
Glashusern angekommen war, hielt Braunkpfchen das fremde Mdchen an
dem Arme, zog es nach sich und bat, da es mitgehen mchte. Das braune
Mdchen lie sich ziehen, es folgte dem Knaben willig, man ging durch
den Garten, man ging ber die Treppen, und man ging dieses Mal in das
Spielzimmer der Kinder. Dort lie sich das braune Mdchen gar bewegen,
sich niederzusetzen. Es sa an der Seite des Knaben, es lie sich von
ihm Kuchen, gedrrte Pflaumen, Milch, Butter und Honig geben. Als man
gegessen hatte, als man einen Kreisel gezeigt, und als man einen
Federball versucht und ein Bilderbuch aufgeschlagen hatte, ging man
wieder fort, die Kinder begleiteten das braune Mdchen bis an die
Glashuser, kten und herzten es dort wie immer, nahmen Abschied und
lieen es ber die Sandlehne emporgehen.

Indessen war der Sommer vorgerckt. Der hohe Nuberg hatte sich ber und
ber mit grnen Zweigen bedeckt. Wie es in dem Garten des Vaters gewesen
war, so geschah es auch hier. Die zerschlagenen Stmme der Haseln, der
Birken, der Eschen, der Erlen suchten durch ihren steigenden Saft die
verlorenen ste zu ersetzen und trieben Zweige, die schnell wuchsen,
dick wurden und Bltter hatten, deren Gre und dunkle Farbe nie vorher
auf dem Nuberge gesehen worden war. Die wenigen ste, welche von frher
briggeblieben waren, bedeckten sich mit Nssen, die in dicken Knpfen
und enge geschart an den Zweigen saen, als mten diese die Pflicht der
verlorengegangenen ste bernehmen und soviel Nsse, als sie nur immer
knnten, auf die Welt bringen. Dieselben waren noch grnlich und
weilich, fingen aber bereits an, sich mit einem sanften, roten Hauche
zu frben.

In der Zeit war auch das Schutzhuschen des Vaters fertig geworden. Er
hatte ein Stckchen Landes gekauft, das an der Morgenseite des Berges
gelegen war, woher am seltensten ein Gewitter zu kommen pflegte. Er
hatte das Huschen so gebaut, da es gegen Mittag und Abend ein Fenster
mit eisernen Fensterlden hatte, und da gegen Morgen die Tr war. Im
Innern stand an der Mitternachtseite ein Bnklein an der Wand, davor ein
Tischlein war. Es befanden sich noch Sthle und Schemel in dem Huschen.

Die Kinder waren fter, wenn sie auf dem Nuberge waren, zu der Stelle
gegangen, an der man arbeitete, und hatten zugeschaut. Auch das braune
Mdchen stand dabei und betrachtete, was da wurde.

Es war von auen nicht angestrichen oder angeworfen worden, sondern
sah so aus, wie die Steine oder die Steinhaufen aussehen, die auf dem
Nuberge liegen. Das Dach war mit dunkelbrauner Farbe gemalt. Im Innern
hatte es der Vater sehr schn grn machen und hatte in jeder Ecke ein
Strulein von wilden Rosen, von Kamillen und Zyanen malen lassen. Da
es fertig war, begleitete einmal der Vater die Kinder auf den hohen
Nuberg, um das Huschen einzuweihen. Sie traten hinein. Die Kinder
waren auerordentlich erfreut, als sie das nette Zimmerchen und alle die
netten Dinge sahen. Die Gromutter hatte in ihrer Tasche eine Flasche
mit Milch, Kuchen, in einer Dose Butter und andere Dinge nebst dem
Tischgerte mitgebracht. Sie deckte wie das wohlttige Weiblein den
Knappen Rolands ein weies Tuch ber das Tischlein, das so glnzte wie
die Blten des Kirschbaumes, sie legte an jedem Sitze ein Tellerchen auf
das Tischlein, sie tat auf das Tellerchen ebenfalls ein weies Tchlein
und legte ein Lffelchen, Messerlein und Gabel zu jedem Teller. Dann tat
sie aus der Flasche Milch in das Milchtpflein und legte einen silbernen
Schpfer dazu, dann tat sie den reinen Honig auf die weien Tassen, da
er wie Gold in denselben stand, dann legte sie Butter auf einen Teller
und gab zu jedem Sitze ein feines weies Brot. Die Kinder aen nun in
ihrem Hause, und der Vater war ihr Gast. Da gegessen war, wurden die
Reste wieder weggerumt und eingepackt. Die Kinder freuten sich ber
dieses Vesperbrot sehr. Das braune Mdchen war an diesem Tage nicht
gekommen, und der Vater wunderte sich, warum denn das Mdchen immer
nicht komme, wenn er auf dem hohen Nuberge sei.

Die Kinder gingen nun dem Huschen zulieb auf den Berg. Sie waren immer
in demselben, und wenn das braune Mdchen kam, mute es mit in das
Huschen gehen, auf einem Sthlchen sitzen und mit ihnen tafeln. Es
waren in der Zwischenzeit die Erdbeeren gekommen, und wenn die Kinder in
ihre Birkenrindentschchen im Wald und an Rainen und oberhalb der
Sandlehne Erdbeeren gelesen hatten, so tat die Gromutter sie im
Huschen auf einen der Teller, die in der Tischlade aufbewahrt wurden,
und man verzehrte vergngt das Nachmittagsmahl.

Aber die Freude an dem Huschen wurde nach und nach geringer. Die Kinder
gingen stets weniger hinein, und als eine Zeit vergangen war, schien es
gar nicht mehr da zu stehen. Sie saen wieder an ihrer alten, dicken
Haselwurzel, und wenn sie nicht dasaen, so gingen sie herum, waren in
den Gebschen, lasen verschiedene Dinge und Steinchen zusammen und
sprachen mit der Gromutter.

Wenn das braune Mdchen kam, ging man frher als gewhnlich nach Hause,
weil das Mdchen mitging, weil es mit den Kindern in ihre Stube ging und
dort bei ihnen war und a und sprach und gegen Abend wieder fortzog.

Die Mutter ging bei solchem Anlasse fter durch das Zimmer, aber sie
nherte sich dem braunen Mdchen nicht und sprach nicht zu ihm. Sie
hatte ein blasses Kleidchen angetan, wie Schwarzkpfchen eines anhatte,
ihre Locken waren in den Nacken gekmmt, wie Schwarzkpfchen hatte, so
da sie ihm in allem glich und ein groes Schwarzkpfchen war. In dieser
Weise brachte sie einmal auf einem Teller viele groe, schne Erdbeeren,
die in dem Walde und auf der Heide nicht wachsen, sondern die der Vater
in eigenen Beeten, auf welche im Frhling Glas gelegt wird, zog. Die
Mutter hatte frher auf alle Pltze der Kinder an dem Tische Tellerchen
legen lassen. Sie ging zu dem Tellerchen Blondkpfchens, tat mit einem
Lffel Erdbeeren auf dasselbe, und Blondkpfchen begann zu essen.
Sie ging zu dem Tellerchen Schwarzkpfchens, tat Erdbeeren darauf,
und Schwarzkpfchen fing an zu essen. Sie ging zu dem Tellerchen
Braunkpfchens, tat Erdbeeren darauf, und Braunkpfchen a sie. Sie ging
zu dem Tellerchen des braunen Mdchens, legte Erdbeeren darauf, und das
braune Mdchen begann zu essen. Dann ging sie wieder zur Tr hinaus.
Ein anderes Mal kam sie wieder, war wieder ein Schwarzkpfchen, brachte
allerlei Dinge und war unter den Kindern. So tat sie nun fter, bis
das braune Mdchen auch mit ihr redete, sich immer mehr an das Haus
gewhnte, mit den Kindern in der Stube spielte und mit ihnen auch im
Garten war. Da bekam es von der Mutter auch ein Kleid, welches wie das
frhere war, nur da es viel schner war, und da es rmel hatte, die
bis zu den Ellenbogen herabgingen.

Der Vater bekmmerte sich jetzt wieder um die Herkunft des braunen
Mdchens. Er fragte Nachbarn und Bekannte, sie wuten gar nichts von
ihm. Er beschlo nun, die Landleute, die armen Husler, die Holzhauer,
die Pechbrenner, die Waldhttler zu fragen. Er ging deshalb auf den Berg
der Ahorne, der hinter der Grenze seiner Besitztmer emporsteigt, und
wo eine Htte mit zwei alten Leuten war, die einen jungen Sohn hatten,
der Fsser und Bottiche machte und viel in die Wlder kam. Sie wuten
nichts. Er ging an dem Steingehege aufwrts und fragte bei den Htten
der Steinbrecher. Das Kind wird wohl von weiter oben sein, war die
Antwort. Er ging weiter hinauf und fragte. Das Mdchen knne zu
den Heideleuten gehren, sagten sie. Er fragte an der Heide, sie
antworteten, das Mdchen komme etwa von den Moorhtten herab. Er fragte
an den Mooren. Sie wuten dort nichts. Er kam nun zu den hohen Wldern.
Die Holzhauer und Pechbrenner sagten, es gbe allerlei Leute. Und wenn
er das Mdchen beschrieb, so sagten sie insgesamt, sie htten es schon
gesehen, und wenn sie das Mdchen beschrieben, so beschrieb es der eine
so, der andere anders, ein jeder auf seine Weise. Der Vater kehrte
wieder nach Hause.

Wenn die Mutter das Mdchen selber leise fragte, so war es still und
sagte nichts. Die Kinder fragten nie. So verging nun die Zeit.

Das Mdchen kam jetzt auch zuweilen allein zu dem Hause. Wenn man an
einem Morgen die Lehnen der Fenster ffnete, stand es na in dem
betauten Grase des Gartens und wartete.

Wenn die Kinder lernen muten, stand es dabei und sah zu. Pltzlich
konnte es einmal die Buchstaben sagen und konnte dann lesen. Es wurde
fter um das Gelernte gefragt und zu weiterem Lernen veranlat.

Wenn die Gromutter mit den Kindern fortging, hing es sich so gut an die
Schrze derselben wie die andern Kinder und ging mit. Einmal ber die
Nacht in dem Hause zu bleiben und sich in ein Bettlein zu legen, konnte
es nicht bewogen werden.

Und wie der Sommer immer vorrckte, wie das Getreide reifte und in die
Scheunen gesammelt wurde, und wie der Hafer goldig dastand, die leichten
Fden zitterten, und die Hlse den weien Schnabel aufsperrte, was immer
auch die Zeit der Reife der Haselnsse ist, so gingen die Kinder im
Sonnenscheine mit ihren Haselruten auf den hohen Nuberg. Sie gingen
nachmittags, wenn sie ihre Aufgaben gelernt und ihre Schriften
geschrieben hatten. Das braune Mdchen hatte einen langen Stab, an dem
ein gut gerichteter Haken war. Sie gingen ber die Sandlehne empor, sie
gingen durch die Felsen, durch das Gestrppe und Geniste, sie gingen
durch den Wald, ber die graue Heide und durch die grauen Steine, wo
wieder das Bchlein so lieb wie immer war, die Fischlein spielten, die
Wasserjungfern flogen, und die roten Blumen standen, die ein Samenhaus
voll weier Wolle machen wrden, sie gingen ber das Steingerlle in das
Gehege der Nsse. Sie muten heuer sehr mhsam suchen, um die wenigen
Stellen zu finden, an denen jetzt Nsse waren, sie riefen einander, wenn
sie sie fanden, und sie langten mit ihren Haken nach den bedeckten
Zweigen, und das braune Mdchen schwang sich empor und zog mit seinem
Stabe die hchsten ste herab, da Braunkpfchen die Nsse sammeln und
in seine lederne Tasche tun konnte. Dann suchte man noch die lieben
Stellen des Nuberges, wo allerlei Dinge im Gesteine, im Sande und im
Gebsche waren, und sa dann noch wie gewhnlich an der alten Wurzel.

Und wie der Hafer endlich von den Feldern verschwunden war, wie die
Haselstauden sich entfrbten, und die Bltter sich runzelten und
rollten, wie auf den Hgeln die weien Flecke der Stoppeln sich in
braune verwandelten, wie auf den Feldern nichts mehr als die Kartoffeln,
der Kohl und die Rben, wie kein Apfel und keine Birne mehr in den
Zweigen der Bume war, ja wie die Bltter schon von diesen Bumen
abfielen, wie die Blumen, die der Vater vor dem Hause in Tpfen stehen
hatte, wieder in die Glashuser gesammelt wurden, wie die blauen
Wacholderbeeren an den Wacholderstruchern immer blauer wurden und die
grnen schwollen und sich mit einem Taue berzogen, wie wieder der
Fadensommer spann, und die Gromutter immer trauriger wurde und immer
zrtlicher die Locken aller Kinder streichelte: so wuten sie, da die
Zeit da sei, da sie bald scheiden muten, da der traurige Herbst und
die Nebel die Gegend bedecken werden, und da sie lange nicht werden
beisammen sein knnen.

Als diese Zeit gekommen, als der letzte Tag vergangen war, an dem sie
noch beisammen sein konnten, nahmen sie, da das braune Mdchen fortging,
Abschied, sie umhalsten es und weinten, und Braunkpfchen schenkte dem
fremden Mdchen seine Bilderbcher und seine Trompete.

Und sie fuhren wieder fort, da die Gromutter voll Kmmernis bei dem
Wagen stand, da die Knechte und Mgde bei dem Wagen waren, da der Vater
noch mit weinenden Augen die faltenreichen Wangen der Gromutter kte,
ihre Hand kte, wie er auch noch in seinen Mannestagen tat, in den
Wagen stieg, und die Pferde die Rder in Bewegung setzten.

Es verging der lange Winter, und das Schneegestber, das das Haus, den
Garten, die Glashuser, die Sandlehne, den Wald, die Felder, den hohen
Nuberg, alle Berge und Wohnungen der Menschen eingehllt hatte, hrte
auf, die Sonne kam wieder, die harten Winde gingen in mildere Lfte
ber, und der Vater, die Mutter und die Kinder kehrten wieder in ihr
Haus auf dem Lande zurck.

Sie fanden alles, wie sie es verlassen hatten. Die Gromutter war
gesund, alle Knechte und Mgde waren gesund, und alle Tiere des Hauses
lebten und waren frhlich.

Das braune Mdchen war wieder grer geworden, und die schnen,
schwarzen Haare gingen noch in grerer Flle und noch dichter auf den
Nacken herab. Die Kinder liefen ihm entgegen, als es in das Haus kam,
sie begrten es und gaben ihm die vielen Sachen, die sie ihm aus der
Stadt mitgebracht hatten.

Es ging nun das Leben auf dem Lande wieder an, sie waren beisammen, sie
lernten, sie arbeiteten, und da, wie es im vergangenen Jahre war, die
Grser auf den Wiesen und Rainen sproten, da die Schwalben kamen und
mit ihren braunen Kehlchen und dem weien Bauche tief an dem Wege
dahinfuhren und wieder hoch in die Lfte schossen, da das Rotkehlchen in
dem Gebsche sa, mit dem Vorderleibe nickte und seine Stimme schmettern
lie, da alle Bume mit Blten bedeckt waren, kleine Laubbschel
bekamen, und nichts mehr von dem Unglcke des Hagels zu erblicken war,
da die Felder grn waren und die weien Wolken darauf niederleuchteten:
da ging man wieder herum und ergtzte sich, wie man sich in frheren
Zeiten ergtzt hatte.

Das braune Mdchen war nun auch nicht scheu, wenn der Vater bei den
Kindern war, und es wich vor den Knechten und Mgden nicht zurck,
welche im Hause, im Garten und auf den Feldern herumgingen und
arbeiteten.

Da auf diese Weise der Sommer sehr weit vorgerckt war, da eines Tages
die Sonne schon gegen Untergang neigte, da die Kinder von ihrer
Wanderung heimgekehrt waren, ihr Vesperbrot gegessen hatten, das fremde
Mdchen schon fortgegangen war, und die Kinder mit der Mutter allein in
der Stube gegen den Garten hinaus saen, weil der Vater verreist war:
geschah es, da Blondkpfchen wiederholt sagte, es rieche etwas
unangenehm, als wrden widrige Gegenstnde verbrannt. Man sah berall
nach. Auf dem Herde war kein Feuer, in den Kaminen war auch keines, da
man in der Hitze des hohen Sommers keines brauchte. Auf den Feuerstellen
der Dienstmdchen war ebenfalls kein Feuer, an dem sie etwa Eisen zum
Gltten gehitzt oder irgend Wsche oder dergleichen gesotten htten. Man
schaute aus den Fenstern, alles lag ruhig und freundlich da, und nicht
einmal ein Rauch ging aus nahen und fernen Schornsteinen empor.

Die Mutter sprach mit den Kindern ber die Sache, und man wunderte
sich, wie solche Eindrcke in die Sinne kommen knnen, Blondkpfchen
verteidigte sich, andere griffen es an, und wie man so redete, geschah
drauen ein Schrei, es geschahen sogleich mehrere, und wie alle an die
Fenster liefen, um zu sehen, was es gbe, stieg ein dicker, qualmender
Rauchknuel als schwarze, finstere Sule von dem Scheuerdache empor, er
wirbelte schnell, und gleich darauf scho die blitzende Flamme zu ihm
hinauf, und whrend die Kinder und die Mutter noch schauten, lief es
geschftig und prasselnd, als ob die Sommerhitze alles vorbereitet
htte, in lichten kleinen Flmmchen von der Scheuer lngs des
Dachfirstes der Stallungen und Wagenbehlter gegen das Haus hervor, mit
eins geschah ein Knall, wie wenn ein auf glhende Kohlen gelegtes Papier
pltzlich seiner ganzen Flche nach Feuer fngt, und das ganze Dach der
Stlle und Wagenbehlter stand unter einer einzigen breiten, nach
aufwrts gehenden Flamme, das Scheuerdach aber war ein Krper von Glut
und von Flamme. Knechte und Mgde rannten unten herum und schrien, und
das Fichtenholz der Sparren und Latten krachte furchtbar unter dem
Feuer.

Kinder! um mich! schrie die Mutter.

Mutter, Mutter, Gromutter, Sigismund, Clementia, Emma! schrien die
Kinder.

Sie schossen in das Zimmer zurck, sie ergriffen Dinge, sie zu retten,
und wuten nicht, was sie taten. Sie nahmen eine Puppe, einen Lappen
oder sonst etwas, das ihnen in die Hnde kam, ob es Wert hatte oder
nicht. Die Mutter hatte schnell einen Schreibtisch geffnet, der in der
Nebenstube stand, hatte ein Kstchen aus demselben genommen, strzte
wieder in die Stube zurck, raffte die Kinder, die mit Verschiedenem
beladen waren, zusammen und fhrte sie die Vordertreppe, die von dem
Feuer weggewendet war, hinunter ins Freie. Da sie die Haustr hinter
sich hatten, hrten sie erst recht das Brllen, Wehen und Krachen der
furchtbaren Macht, die hinter ihnen auf der andern Seite des Hauses in
ihrem Eigentume herrschte. Die stille Luft drckte den Rauch nieder, der
sich an der Abendseite des Hauses lagerte, und durch den die
untergehende Sonne wie eine blutige Scheibe schien. Viele Leute, man
konnte nicht unterscheiden, ob es eigene oder schon herzugelaufene
waren, drngten sich wild durcheinander.

Die Mutter fhrte die Kinder nach der Morgenseite des Gartens. Da die
Hitze den nach aufwrts strebenden Wind erzeugt hatte, und derselbe die
feurigen Lappen, die aus brennenden Schindeln, aus Stroh, Heu oder
Linnen und Gewndern der Leute herstammten, wie frevelnde Geister in die
Luft hinauf und auseinander schleuderte, so mute die Mutter die Kinder
vor dem fallenden Feuer zu sichern suchen, damit sich ihre Kleidchen
nicht entzndeten. Sie fhrte daher dieselben unter dichten Bumen und
Gebschen weg. Sie fhrte sie in die uerste Laube an der Morgenseite
des Gartens, vor der zwei reiche Linden standen, die sogar jeden Funken
abhielten, der etwa in dieser Richtung htte fallen knnen.

Kinder, bleibt nun hier, entfernt euch ja nicht, sagte die Mutter,
was ihr auch hren mgt. Hier geschieht euch nichts, ich mu fort, ich
komme aber bald wieder. Bewahrt indessen das Kstchen.

Ja, sagten die Kinder, wir werden bleiben.

Nach diesen Worten lief die Mutter aus der Laube und lief entschlossen
in den Hof, und da ihr Gatte nicht anwesend war, bernahm sie seine
Stelle und drang bei den Knechten, die fast den Verstand verloren
hatten, darauf, da sie in den Stall gingen und die Pferde herauszogen,
damit sie nicht etwa erstickten, und da sie dieselben an die Bume
anbanden, da sie nicht wieder in das Feuer liefen. Ein Teil der Leute
hatte es mit dem Rindvieh schon so gemacht. Man rettete aus dem
brennenden Stalle ein Pferd nach dem andern, die Mutter leitete das
Unternehmen und gab die Stellen an, wo die Pferde angebunden werden
sollten. Den Haushund hatte jemand losgelassen. Er kam in groen
Sprngen auf die Frau zu, strebte an ihr empor und gab seine Freude zu
erkennen, gleichsam als wte er, da eine Gefahr vorhanden gewesen war
und da die Frau ihr glcklich entronnen sei.

In den Zwischenaugenblicken lief die Frau in den Garten, um nach den
Kindern zu sehen, und wenn sie sich berzeugt hatte, da dieselben in
der Laube seien, kehrte sie wieder zu dem Feuer zurck.

Endlich fand sie eine Magd, die sie zu den Kindern senden konnte, da
sie bei denselben in der Laube bliebe.

Die Knechte hatten indessen alle Tiere gerettet.

Die Tauben kreuzten in der Luft und fielen wie die Mcken, die um ein
Licht flattern, mit versengten Flgeln in die Flammen.

Die Wagenbehlter grenzten an die Holzlage, in welcher die groen
Vorrte von Winterholz und Kochholz aufgehuft waren. Wenn dieses Holz
Feuer finge, so waren die Wgen samt dem Wagenbehlter verloren. Darum
lie die Frau auch die Wgen aus ihren Behltern ziehen und lie sie in
dem Garten unter den Bumen in Sicherheit bringen.

Da die Leute bei dieser Beschftigung waren, hrte man hoch oben ein
neues pltzliches Krachen und Prasseln, und da man hinaufsah, so
erblickte man das Dach des Wohnhauses von den Flammen ergriffen. Es war
wohl eine Feuerspritze in dem Hause, es war auch Wasservorrat teils im
Hause, teils in dem nahen Bache, die Spritze hatte immer auf das
Hausdach gespielt, die Hausleute und die Nachbarn die schnell genug
herbeigeeilt waren, hatten das Wasser stets in hinreichender Menge
herangeschafft: aber die Hitze des Sommers hatte das Holzwerk zu sehr
ausgetrocknet, die Gewalt des Feuers auf den angrenzenden Dchern war zu
mchtig gewesen, der Wasserstrahl verdnstete fast in der Luft, die
Tropfen auf dem Dache waren ohnmchtig, und da das Holzwerk einmal Feuer
gefangen hatte, so war das ganze Dach bald ein sausender, krachender,
brodelnder Feuerberg. Das Spritzen in die Flamme war nun unntz, ja es
belebte dieselbe nur noch mehr. Die Frau befahl daher, jetzt die
Feuerhaken zu gebrauchen, die vielfach in dem Hause vorhanden waren, und
die brennenden Sparren von dem Dache soviel als mglich
herunterzureien.

Fr die Gemcher frchtete die Frau nicht viel, weil ihre Decken mit
sehr dickem Estrich belegt waren, und weil die Glut, die von dem
brennenden Dache auf das Estrich fiel, mittels der Haken und spter
durch Schaufeln eher entfernt werden konnte, ehe das Estrich so erhitzt
wrde, da die Tragbalken ergriffen wrden, in Brand gerieten und die
Decke einstrzen lieen. Daher hatte sie aus den Gemchern nichts
herausrumen lassen, auer was Mgde bereitwillig und aus unbefohlenem
Eifer herausgetragen hatten.

Da nun die Feuerhaken angelegt waren, und die Mnner an ihnen
bereitstanden, um die Sparren, sobald sie durch das Feuer ein wenig
geledigt wren, herunterzureien, so glaubte die Frau einen Augenblick
fr sich gewinnen zu knnen, weil nun kein Hausteil mehr war, der von
der Flamme ergriffen werden konnte, und sie ging hinweg, um nach ihren
Kindern in der Laube zu sehen.

Als sie zu der Laube kam, liefen ihr Emma und Clementia entgegen und
riefen: Mutter, wir sind nicht fortgegangen und haben das Kstchen
aufbewahrt.

Wo ist Sigismund? rief die Mutter.

Er wird bei der Gromutter sein, sagte Emma.

War die Gromutter auch bei euch in der Laube hier? fragte die Mutter.

Nein, sagten die Kinder.

Ist die Gromutter nicht bei euch hier in der Laube gewesen und hat
Sigismund mit sich fortgenommen? fragte die Mutter noch einmal.

Mutter, du hast ja Sigismund gar nicht mit uns ber die Stiege
herabgenommen, riefen die beiden Mdchen einstimmig.

Dann mu er ja bei der Gromutter sein, sagte die Mutter und rief in
den Garten hinaus: Gromutter, Gromutter!

Die Gromutter kam in dem Augenblicke, da sie so gerufen wurde, gegen
die Laube herzu, entweder weil sie den Ruf gehrt hatte oder weil sie zu
den Kindern gehen wollte.

Wo ist Sigismund? rief ihr die Mutter entgegen.

Ist er nicht bei dir? antwortete die Gromutter.

Nein, sagte die Mutter.

Ich habe ihn in dem Augenblicke, da Feuer gerufen wurde, gehrt, sagte
die Gromutter, ich habe ihn vor meinem Zimmer 'Gromutter' rufen
gehrt, und da ich in dem nmlichen Augenblicke auch deine Stimme
vernahm, wie du die Kinder zusammenriefst, und da ich dich die vordere
Treppe mit ihnen hinuntergehen hrte, so meinte ich, er sei bei dir,
sperrte die Tr, die von dem Gange aus dem Kinderzimmer zu meinem
Gemache fhrt, zu, ging durch die andere hinaus, sperrte sie ebenfalls
hinter mir zu und ging ber die hintere Treppe hinab.

Die Mutter durchzuckte ein Strahl.

Von dem Kinderzimmer fhrte eine Tr auf einen Gang, der ganz allein zu
dem Zimmer der Gromutter ging. Die Tr von dem Kinderzimmer in den Gang
fiel gern ins Schlo und dasselbe konnte Sigismund mit seiner schwachen
Kraft nicht ffnen. Es war daher wahrscheinlich, da er von dem
Kinderzimmer gegen das Zimmer der Gromutter geeilt war, sie zu warnen,
da hinter ihm das Schlo zugefallen war, da er das Zimmer der
Gromutter verschlossen fand, da er zurck wollte, nicht mehr ins
Kinderzimmer konnte, und nun auf dem Gange eingesperrt sei.

Als diese Gedanken pltzlich durch den Kopf der Mutter liefen, schrie
sie. O du heilige, himmlische Barmherzigkeit, dann ist er durch den
Gang zu Euch gelaufen, um Euch zu helfen, hat hinter sich die Tr ins
Schlo geworfen, konnte in Euer Zimmer nicht hinein und ist nun auf dem
Gange eingeschlossen. Ich habe alle Kinder, wie sie mit ihren Lappen
beladen waren, ber die Treppe hinabgebracht, ohne zu achten, ob sie
zwei oder drei seien. Er kann ersticken, es kann das Estrich einbrennen.
Der Schlssel steckt von innen in der Tr des Kinderzimmers, ich mu
hinauf, ihn zu befreien.

Nachdem sie diese Worte gerufen hatte, lief sie, ohne auf die andern
Kinder zu achten, dem brennenden Hause zu. Sie lief gerade durch alle
Pflanzen und mitten durch den Funkenregen hindurch. Die Gromutter
folgte ihr. Die Magd, die bei den Kindern war, konnte dieselben nicht
zurckhalten, sie liefen auch zu dem Feuer, und die Magd lief mit ihnen.

Als die Mutter bei der Feuersttte angekommen war, war es dort bei
weitem nicht so gefahrlos fr die Zimmer, als sie gedacht hatte. Der
Dachstuhl war beinahe zusammengebrannt, wenigstens war er schon
zusammengestrzt. Ein furchtbarer Gluthaufen, der die Luft vor Hitze
zittern machte, lag auf der Decke der Zimmer. Von dieser Glut trennte
nur eine Lage Estrich die Tragbalken, sie konnten sich erhitzen,
brennen, und die Decke konnte einstrzen. Die Mnner mit den Feuerhaken
hatten auerordentlich gearbeitet. Einen groen Teil der Sparren hatten
sie herabgerissen, und die Trmmer lagen um das Haus und brannten und
rauchten; aber ein anderer Teil hing noch oben und konnte aus der
Verbindung nicht gerissen werden. Die Nacht war mittlerweile
eingebrochen, und in der dstern Finsternis war das Leuchten des Feuers
und des Rauches, das Glhen der vorragenden Balken und das Glnzen der
umstehenden Bume doppelt unheimlich.

Die Mutter lief gerades Weges gegen die Tr zu, von welcher die Treppe
gegen das Kinderzimmer emporfhrte. Sie wollte in das Zimmer gelangen,
dort an der Tr zu dem Gange den Schlssel umdrehen und den Knaben
befreien. Aber als sie gegen die Tr kam, lag ein Haufen herabgerissener
Balken vor derselben und brannte.

Es war unmglich, durchzukommen.

Reit das Holz weg, Sigismund ist in dem Hause, schrie sie zu den
Mnnern, die da waren.

Die Mnner verstanden sie. Sie nherten sich dem Feuerhaufen, schlugen
die Haken ein und suchten die Balken wegzubringen. Aber es war
vergeblich. Die Balken waren teils noch in Verbindung, teils hatten sich
andere herabgestrzte mit ihnen verschlungen, so da die angestrengteste
Kraft aller Mnner nicht hinreichte, das zusammenhngende Gewirr eher
hinwegzubringen, als bis es mehr ausgebrannt wre, und die Verbindungen
sich gelst htten.

Das geht nicht, rief die Mutter, wir mssen durch die hintere Treppe
in Euer Zimmer hinauf, Gromutter, um von demselben in den Gang zu
kommen. Wo habt Ihr die Schlssel?

Ich wei es nicht, ich werde sie in meiner Armtasche haben, die ich
vielleicht in den Glashusern niedergelegt habe, antwortete die
Gromutter, ich werde sie gleich holen.

Um des Himmels willen, warum habt Ihr zugesperrt? rief die Mutter.

Der Diebe wegen, rief die Gromutter und eilte, von einem Knechte
begleitet davon.

Noch war es Zeit; denn alle Fenster des Hauses waren noch schwarz, zum
Zeichen, da das oberhalb herrschende Feuer noch nirgends in die Zimmer
hineingebrochen war.

Aber es kam der Knecht gelaufen und sagte, da die Schlssel der
Gromutter nirgends zu finden seien.

Die Mutter nderte ihren Plan. Sie ging um die Ecke des Hauses und kam
zu einer Seite, die mit Weingelnder bepflanzt war, die gegen den Garten
sah, und in welcher ein offenes Fenster der Kinderstube war. Sie zeigte
gegen das Fenster empor und rief: Eine Leiter, eine Leiter, da kann man
in das Kinderzimmer einsteigen.

Die Knechte liefen nach einer Leiter. Andere schlossen sich an. Die
Leitern waren unter einem eichenen Dchlein auf einem eigenen Gestell
angehngt, das in der Nhe des Wagenbehlters war. Dort brannte aber
jetzt in einer entsetzensvollen ruhigen Flamme, die majesttisch in die
Hhe ging, der gesamte Vorrat des Holzes des Hauses. Es war unmglich,
sich zu nhern. Ein Mann, der, in eine nasse Decke gehllt, es gewagt
hatte, war durch den heien Atem umgeworfen worden, und man konnte ihn
nur mittels eines Feuerhakens retten, mit dem man ihn aus der heien
Luft zog. Im nchsten Augenblicke hatte auch das Leiterdchlein Feuer
gefangen, und dasselbe und die Leitern brannten.

Die Knechte kamen zurck und meldeten es der Mutter.

Da strzte sie auf die Knie, breitete die Arme auseinander und schrie:
So rette du ihn, der die Macht und das Vollbringen hat, und der ein
unschuldiges Leben nicht vernichten kann!

In diesem Augenblick tnte ein gellender Schrei: Braunkpfchen,
Braunkpfchen!

Und ehe man sich's versah, huschte eine dunkle Gestalt gegen das Haus
und kletterte wie ein Eichhrnchen an dem Weingelnder empor, und war in
dem nchsten Augenblick durch das Fenster verschwunden.

Alle vergaen ihre Arbeit oder was sie immer im Herzen hatten und
richteten ihre Augen auf das Fenster.

Es dauerte nicht lange, so kamen zwei Gestalten am Fenster an. Sie waren
durch brennende Balken, die oberhalb ihrer ber die Mauer des Hauses
hervorragten, wie von Fackeln beleuchtet. Es war das braune Mdchen und
Sigismund.

Ein Schrei ertnte einstimmig aus dem Munde aller Umstehenden bei diesem
Anblicke.

Emma und Clementia kreischten vor Entsetzen und vor Freude.

Aber die Kinder konnten nicht herunter. Das braune Mdchen htte es
gekonnt; allein den Knaben konnte es nicht auf das Weingelnder bringen.
Wie ein Nachtbild, das ein Knstler gemalt und mit der uern Glut
beleuchtet hat, standen sie in dem schwarzen Rahmen des Fensters.

Leintcher, Leintcher, bindet Leintcher zusammen, riefen mehrere
Stimmen hinauf.

Da ist eine Leiter, hrte man rufen, die Leiter wird reichen, sie
wird halten, fr Kinder hlt sie schon.

In dem Augenblicke drngten sich der Altknecht und der Pferdeknecht
durch die hier zusammengepreten Menschen und trugen eine Leiter herbei.
Sie war von den Wgen, die aus Gottes Vorsicht und mit dem Willen der
Frau gerettet worden waren, genommen und aus zwei Leitern eines
Erntewagens zusammengebunden worden.

Sie wurde angelehnt und reichte.

Das braune Mdchen stieg zuerst aus dem Fenster. Es fate festen Fu auf
den Sprossen und half dann dem Knaben auch aus dem Fenster heraus. Die
beiden Kinder kletterten nun schnell und geschickt ber die Leiter
herab.

Als sie auf dem Grase waren, kniete das braune Mdchen vor dem Knaben
nieder, setzte sich auf seine eigenen Fersen und sah den Knaben mit den
schwarzen Augen an.

Man htte in der dunkeln Nacht und bei dem Scheine des Feuers sehen
knnen, wie diese Augen freudesprhend waren, da er gerettet sei.

Der Knabe konnte nicht reden, er schwindelte, und es war, als sollte er
umfallen.

Da eilte die Mutter herbei, nahm ihn in die Arme, wischte ihm die Stirne
ab und suchte ihn zu trsten.

In diesem Augenblicke kam auch die Gromutter, so schnell sie in ihrem
Alter laufen konnte, in von der Hast in Unordnung geratenen Kleidern und
mit den Schlsseln in der Hand herbei.

Da sie den Knaben gerettet sah, bemhte sie sich mit der Mutter um ihn.
Die andern Kinder standen dabei, und viele Menschen drngten sich herzu.

Da das Kind noch immer im halben Bewutsein war, so hoben es die Mutter
und die Gromutter auf, brachten es zum Brunnen im Garten und benetzten
dort mit frischem Wasser seine Stirne und Schlfe.

Da sich der Knabe hierauf erholt hatte, brachten sie ihn in die Laube,
in welcher zu Anfang des Feuers die Kinder gewesen waren.

Whrend dort die Mutter mit dem Knaben beschftigt war, ihn zu
untersuchen, ob er keine Beschdigung erlitten habe, ihn zu befragen und
zu besnftigen, sah man die alte Frau an dem Stamme eines Obstbaumes
knien und mit gefalteten Hnden beten.

Das Kind war nach und nach beruhigt. Die Mutter richtete ihm die Kleider
zurecht und streichelte ihm die Wangen und die Haare. Die zwei
Schwesterlein streichelten ihm auch Locken und Wangen und gaben ihm
Liebkosungen.

Der Knabe hatte wirklich keine Beschdigung erlitten. Er war in der Tat
von der Kinderstube in den Gang geeilt, der zu dem Zimmer der Gromutter
fhrte, um zu ihr zu gehen und ihr zu sagen, da Feuer im Hause sei, und
da sie fortgehen solle. Er hatte auch, wie es ihm fter geschah, die
Gangtr hinter sich zugeworfen, und der Riegel war in den Haken
gesprungen. Da er bei der Tr der Gromutter nicht hineinkonnte, als er
sie auch nicht zu errufen vermochte, wollte er zurck. Allein da sah er
zu seinem Schreck, da er die Tr zugesperrt habe. Er versuchte mit
allen Krften den Riegel aufzuziehen, aber die Feder war zu stark, und
er konnte nichts ausrichten. Da klopfte er mit beiden Fusten bald an
die Tr der Kinderstube, bald an die der Gromutter. Er schrie auch aus
allen Krften, damit er gehrt wrde. Allein da er dies eine Weile
getan, und ihn niemand vernommen hatte, setzte er sich in dem Gange auf
dem Boden nieder und wartete, ob jemand kommen und ihm ffnen wrde. Er
hrte da das Krachen und Sausen des Feuers oberhalb seiner.

Da kam das braune Mdchen, fhrte ihn fort und stieg mit ihm die Leiter
herab.

Als er sich schon ganz von seiner Angst erholt hatte, bergab ihn die
Mutter der Gromutter und den Mgden, die in der Laube waren, und ging
wieder fort, um bei dem Feuer nachzusehen.

Die Mnner rissen die letzten Balken herab. Der Gluthaufe, der ber den
Zimmern des Herrn und der Seinigen stand, wrde die Decke durchgebrannt
haben, da alles Spritzen mit Wasser nichts fruchtete; allein es war in
der Zeit, als die Mutter in der Laube war, der Pfarrer mit den
Kirchenleitern gekommen. Sie waren mit ihren eisernen Haken an die
Mauerrnder des brennenden Hauses gelegt worden, die Mnner stiegen
hinauf und begannen mit Schrhaken die Glut hinabzuwerfen. Sie
wechselten hierbei ab. Da die Glut immer weniger wurde, wurde das
hinaufgespritzte Wasser immer wirksamer, indem es zum Teile die Glut
dmpfte, zum Teile dem ausgedrrten und geklfteten Estrich wieder
Feuchtigkeit gab, da es die Hitze nicht so durchlasse und den
Tragbalken keinen Schaden zufge. Auf diese Weise wurden die Zimmer
gerettet.

Da man den Gesindezimmern nicht zugleich die nmliche Hilfe zuwenden
konnte, brannten wirklich einige ein. Als man aber die Herrenzimmer in
Sicherheit wute, wendete man sich jetzt auch dorthin und tat dem
Weitergreifen des Feuers Einhalt.

Hierauf wurden die Balken und Sparren, die rings um das Haus
herumgestreut lagen und brannten, beiseitegebracht und gelscht. Und ehe
Mitternacht gekommen war, war die Hauptsache vorber. Nur das vorrtige
Brennholz brannte noch mit stiller aber heftiger Glut und Lohe weiter.
Die Spritze vermehrte nur den Brand, da sich das Wasser zersetzte und
das Brennen frderte. Man htte mit Schaufeln Erde auf das Feuer werfen
knnen; aber die Hitze erlaubte nicht, sich so weit zu nhern, da man
mit Werfen das Feuer htte erreichen knnen. Es blieb daher nur brig,
das Feuer zu umstehen, es zusammenbrennen zu lassen und nur zu sorgen,
da es sich nicht neuerdings weiterverbreite. Auch um alle Teile des
Hauses wurden Wachen gestellt, da kein Funke sich neu belebe oder
weitergetragen werde. Der in der niedergebrannten Scheune stehende und
rauchende Stock von Heu konnte zwar nicht gelscht werden, wurde aber
durch die Spritze in einer Grenze gehalten, da das Feuer nicht
lebhafter wurde und da es endlich unter seiner Asche ersticke.

Da nun alles soweit gesnftigt und in eine Ordnung gebracht war, dachte
die Mutter auch daran, die Kinder zur Ruhe zu bringen. Sie ging in die
Laube, nahm ihr Kstchen, nahm die Kinder bei der Hand und fhrte
dieselben nach rckwrts in die Glashuser. Weil man den Zustand der
verschont gebliebenen Zimmer nicht kannte, hatte die Mutter die
Glashuser gewhlt. Da Sommer war, und ein Teil der Blumen im Freien
stand, so war in einem der Glashuser hinreichend Platz. Die Mutter lie
durch die Mgde Betten, Decken und alles Notwendige aus den Zimmern
bringen. Sogar Tischchen, Sthle und Schemel wurden herbeigeschafft.

Bei dieser Gelegenheit sah man auch nach dem braunen Mdchen. In der
Verwirrung und Angst und in der Ttigkeit, die die Mutter noch bei dem
Feuer anwenden mute, hatte man auf das Mdchen nicht gedacht. Jetzt
aber war es nirgends zugegen. Man ngstigte sich aber nicht weiter, es
werde wieder fortgegangen sein, weil es nie in der Nacht in dem Hause
geblieben war.

Es wurden nun die Betten teils auf den Bnken des Glashauses, teils auf
der Erde gemacht, und als die Kinder gebetet hatten, wurde jedes unter
sein Decklein gebracht, und sie sahen noch, wie das Feuer des Holzstoes
in den Tafeln des Glashauses glnzte, und entschlummerten dann sanft und
beruhigt.

Auch die Mutter und Gromutter suchten auf kurze Zeit die Ruhe.

Mit der Morgenrte stand das braune Mdchen im Garten und wartete. Die
Kinder gingen zu ihm hinaus, und auch die Gromutter und die Mutter
gesellten sich dazu. Man ging an alle Stellen. Der Garten war ein
Viehstall; denn an den Bumen waren Pferde, Ochsen, Khe und Klber
angebunden und hatten Heu vor sich; denn es waren schon vor Tagesanbruch
Nachbarn und andere Leute mit Wgen gekommen und hatten Heu, Stroh und
Lebensmittel gebracht; erschreckte Hhner liefen unter den Blumen und
Gebschen herum, und Schweine zerwhlten den Rasen. Die Mauern des
Hauses waren schwarz und beschmutzt, der Sandplatz und der Rasen vor dem
Hause waren schwarz wie ein Kohlenmeiler, die Sttte des Brennholzes war
ein Haufen nasser Kohlen und Asche, und aus dem Heu stieg noch schwarzer
Rauch mit widrigem Geruche empor.

Als die Kinder alles gesehen hatten, ging die Mutter mit ihnen auf die
Wiese hinaus, wo die Wgen standen, welche eine Beisteuer gebracht
hatten, und bei denen noch die Leute waren, welche die Wgen hergefhrt
hatten. Die Mutter bedankte sich recht herzlich bei allen.

Dann machte sie bei ihren Leuten und bei denen, die bereitwillig zu
helfen gekommen waren, Anstalten, was getan werden sollte.

Die Kinder hatten ihre Wohnung im Glashause, in welches man noch mehrere
Sachen brachte, die gestern nicht notwendig gewesen waren.

Am Nachmittage kam der Vater. Er hatte in der Nacht die Feuerrte am
Himmel gesehen. Er hatte gedacht, da es bei ihm sein knne; er gab
seine Geschfte einem Bevollmchtigten und reiste ab. In der Nhe hatte
er erfahren, da sein Hof abgebrannt sei, und er mietete ein Pferd zum
Reiten, da er auf Fuwegen oder nheren Feldwegen schneller nach Hause
kommen knnte.

Als er seine Mutter, die Gattin und die Kinder gesehen hatte, als er
erfahren hatte, da kein Mensch bei dem Brande verunglckt sei, war er
sehr freudig und fragte nicht, was er noch weiter verloren habe.

Er schritt nun zur Ausbesserung des Schadens.

Zuerst muten die Decken der Zimmer untersucht werden. Da sich die
Tragbalken als gut erwiesen, und da sich gezeigt hatte, da sie durch
die Hitze und durch den zerklfteten Estrich nicht schadhaft geworden
waren noch auch durch Nsse gelitten hatten, zogen die Mutter, die
Kinder und die Gromutter wieder in ihre Zimmer ein. Am andern Tage
wurde zur einstweiligen Abhilfe ein Notdach aus Brettern ber das Haus
gemacht.

Dann wurden alle Pltze vor dem Hause gereinigt, damit das Bild des
Schmutzes und der Unordnung nicht mehr sichtbar wre. Die Tiere wurden,
da ihre wohlgewlbten und erhaltenen Stlle nun durch Lftung vom Rauche
und Gestanke befreit waren, wieder in dieselben getan. Das Heu lie er
vollkommen lschen und dann in einem abgelegenen Orte auf einen Haufen
tun, damit es sich zum Dnger verwandele. Er lie auch die gebrochenen
Fensterscheiben sogleich einschneiden, und dem Gesinde ersetzte er
seinen Verlust reichlich, weil es sich so sehr zur Rettung seiner
Wohnung hatte verwenden lassen.

Nachdem alles dies geschehen war, fing man zu bauen an.

Auf dem Hofe wurden Sparren aufgezogen, und auf demselben waren
Zimmerleute und hmmerten die Latten an, und waren Ziegeldecker und
hngten die Ziegel ein. Der Vater lie die Scheune vllig einwlben und
die Zugfenster und ffnungen mit eisernen Tren versehen, da im Falle
eines Feuers diese und die Tore geschlossen und das Feuer erstickt
werden knne. Die Auenmauern wurden gereinigt, frisch angeworfen und
getncht. Das Weingelnder, welches der Vater schon oft, weil die Reben
in diesen Gegenden keine Trauben tragen und die Ausschmckung des Hauses
durch Weinlaub auch nicht so schn ist wie in andern Lndern, hatte
wegtun wollen, wurde jetzt nicht weggetan, sondern noch fester und
schner gemacht und der Vorsatz gefat, die Reben recht zu pflegen. Das
Schlo an der Tr der Kinderstube, welche auf den Gang geht, wurde mit
einem neuen vertauscht, dessen Riegel nicht mehr vorspringen konnte. Die
Holzlage wurde ebenfalls ein Gewlbe, das von allen Seiten mit eisernen
Tren und Fensterladen zu schlieen war. Das Leiterhuschen wurde an
einer sehr zugnglichen Stelle in dem Garten aufgerichtet; sein Dchlein
wurde rot angestrichen, und unter ihm hingen die neuen Leitern wagerecht
in allen Abstufungen der Lnge.

Der ganze Sommer verging mit Bauen, und als der Herbst gekommen war,
stand das Haus schner und stattlicher da, als es je gewesen war.

Wie das Feuer entstanden war, konnte nicht ergrndet werden.
Wahrscheinlich war irgendeine Unvorsichtigkeit schuld, da es in der
Scheune ausgebrochen war.

Sie gingen heuer frher als gewhnlich in die Stadt, weil mehreres zu
besorgen war, und gingen unruhiger dahin als zu anderen Zeiten.

Aber keine Unruhe ging in Erfllung. Als die Lenzlfte wehten, kam man
wieder zurck und traf alles gut und wohlbehalten an.

Die Mutter hatte dem braunen Mdchen Stoffe gebracht, um es recht schn
zu kleiden, und gab ihm dieselben, indem sie es mit liebevollen und
zrtlichen Augen ansah.

Der Vater und die Mutter hatten beschlossen, das braune Mdchen zu
erziehen und es demjenigen Glcke zuzufhren, dessen es nur immer fhig
wre. Man war sehr vorsichtig, da man es nicht verscheuche, und man
lie es nur selbst gewhren, da es immer mehr Zutrauen gewinne.

Es kam recht oft mit den Kindern; es kam von selber, und da es die neuen
Kleider hatte, die dem Schnitte nach wie die alten gemacht waren, blieb
es auch manchmal ber Nacht da, wozu man ihm ein eigenes Bettchen
hergerichtet hatte.

Von den Eltern des Mdchens vermutete man keinen Widerstand, weil man
sah, da sie sich so wenig um dasselbe kmmerten, weil sie es so in der
Gegend herumgehen lieen, weil sie sich nie meldeten, da sie doch wissen
muten, da das Kind oft in dem Hause sei, und da sie die neuen Kleider
sehen muten, die man ihm gegeben hatte.

An das Haus hoffte man es zu binden, indem man, wie bisher, die sanften
Fden der Liebe und Nachsicht walten lie, bis sein Herz von selber in
dem Hause sein wrde, bis es nicht mehr fortginge und sein Gemt ohne
Rckhalt hingbe.

Das Mdchen hatte frher schon vieles mit den Kindern gelernt, und man
hatte es gefragt und es in das Gesprch gezogen, ohne da es eine
Absicht merkte, und hatte das Gelernte geordnet und erweitert.
Jetzt traf man die Einrichtung, da der junge Priester, der den
Religionsunterricht der Kinder besorgte, zweimal in der Woche von der
Pfarre herberkam, um das Mdchen Gott und die Gebruche unserer
heiligen Religion kennen zu lehren. Die Mutter wiederholte die Lehre und
erzhlte dem Kinde von heiligen Dingen.

Das Mdchen lernte sehr feurig, und so wie es den Kindern in
krperlicher Fertigkeit und Gewandtheit voraus war und sie es
nachahmten, besonders Sigismund, so lernte es von ihnen wieder andere
Dinge, wenn sie in den Zimmern beschftigt waren, oder wenn sie sich bei
der Gromutter befanden oder mit ihr in der Gegend herumgingen.

So verflossen mehrere Jahre. Das braune Mdchen gewhnte sich immer mehr
an das Haus, es blieb immer da und ging schier gar nicht mehr fort. Es
lernte allerlei Arbeiten, wie sie die andern Mdchen machten, und
verrichtete solche Dinge wie sie.

In die Stadt mitzugehen, konnte es nicht bewogen werden. Es blieb im
Winter immer bei der Gromutter.

Endlich brachte man es auch dahin, da es weibliche Kleider trug. Die
Mutter hatte die Stoffe dazu gekauft; diese wurden zu Kleidern
verarbeitet und mit Bndern nach dem Gebrauche verziert.

Da es weibliche Kleider trug, war es scheuer und machte krzere
Schritte.

Nach und nach wuchsen die Kinder heran, da sie so gro wie die Eltern
waren. Es waren nun drei Schwarzkpfchen. Da die Mutter ihre dunkeln
Haare noch immer schn und glnzend bewahrt hatte, war sie das eine,
Clementia war das zweite, und das braune Mdchen das dritte.
Blondkpfchen waren der Vater und Emma. Braunkpfchen war Sigismund
allein. Auch ein Weikpfchen war unter den Kindern vorhanden -- die
Gromutter. Ihre Haare, die grau waren, waren endlich so wei geworden,
da, wenn eine Locke neben der Krause der weien Haube zufllig
hervorschaute, sie von derselben nicht zu unterscheiden war.

Emma war eine schne Jungfrau geworden, die ernsthaft blickte, blaue
Augen im stillen Haupte trug, die Flle der blonden Haare auf den Nacken
gehen lie und wie ein altdeutsches Bild war. Clementia war rosig und
zart, und das se Feuer der schwarzen Augen schaute unter den schwarzen
Haaren aus der Tiefe der Seele. Sigismund war mutig, heiter und frei, er
war wirklich ein Mund des Sieges; denn wenn seine Rede tnte, flogen ihm
die Herzen zu.

Es kamen aus der Nachbarschaft Leute, Jnglinge und Mdchen; selbst aus
der fernen Hauptstadt kamen Bekannte, die Bewohner des abgelegenen Hofes
zu besuchen. Alle waren frhlich, nur das braune Mdchen nicht. Seine
Wangen waren, wie wenn es krank wre, und sein Blick war traurig. Wenn
alle freudig waren, sa es im Garten und schaute mit den einsamen Augen
um sich.

Eines Sommers an einem sehr schnen Tage, da Fremde da waren, da man in
dem groen Saale des Hauses Tanz, Klavierspiel, Pfnderspiele und
stdtische Vergngen trieb, gingen Vater und Mutter gegen die Sandlehne
zurck. Dort lag auf einem Sandhaufen in seinen schnen Kleidern das
braune Mdchen und schaute mit den verweinten Augen gegen die Erde. Die
Mutter nherte sich und fragte: Was ist dir denn?

Das Mdchen erhob sich ein wenig, und da Vater und Mutter sich auf ein
Bnkchen neben dem Sandhaufen niedergelassen hatten, sa es ihnen
gleichsam zu Fen.

Liebes, teures Mdchen, sagte die Mutter, betrbe dich nicht, alles
wird gut werden; wir lieben dich, wir geben dir alles, was dein Herz
begehrt. Du bist ja unser Kind, unser liebes Kind. Oder hast du noch
Vater und Mutter, so zeige es uns an, da wir auch fr sie tun, was wir
knnen.

Sture Mure ist tot, und der hohe Felsen ist tot, sagte das Mdchen.

So bleibe bei uns, fuhr die Mutter fort, hier ist deine Mutter, hier
ist dein Vater; wir teilen alles mit dir, was wir haben, wir teilen
unser Herz mit dir.

Bei diesen Worten brach das Mdchen in ein Schluchzen aus, das so heftig
war, da es dasselbe erschtterte, und da es schien, als msse es ihm
das Herz zerstoen. Es fiel pltzlich mit dem Angesichte gegen den Sand
nieder, es drckte mit den Hnden ein Teilchen von dem Saume des
Gewandes der Frau in einen Knauf zusammen und prete diesen Knauf an
seine Lippen. Da es nach einem Weilchen die Hand der Frau auf seinen
dichten, dunkeln, schnen Locken sprte, die dort ruhte, und freundlich
drckte, sprang es auf, hob die Arme, die nun nicht mehr so voll und
glnzend waren, auf, schlang sie fest um den Nacken der Frau, kte sie
auf die Wange, als mte es Lippen und Zhne in dieselbe eindrcken, und
weinte fort, da die Trnen ber die Wange der Frau herabflossen und ihr
Kleid benetzten. Als sich dieses nach und nach lste, als das Mdchen
das Haupt zurckbog und nach dem Vater sah, als es merkte, da es dieser
bei der Hand halte, da er aber nicht sprechen knne, weil seine Augen
in Wasser schwammen: da konnte es auch nicht mehr sprechen, seine Lippen
bebten, sein Herz hob sich krampfhaft in kurzen Sten, und so ging es
hinter die Glashuser zurck.

Der Vater und die Mutter wollten dem Mdchen nicht folgen, damit es sich
einsam beruhigen knnte. Sie dachten, es werde sich geben.

Aber es gab sich nicht. Sie sahen das Mdchen ber die Sandlehne
emporgehen und sahen es seitdem nie wieder.

Da eine Zeit vergangen war, ohne da das braune Mdchen erschien,
meinten die Eltern und Kinder, es sei nur fortgegangen und bleibe lnger
aus, als man jetzt glauben sollte; aber als das Ausbleiben bedenklicher
wurde, stellte der Vater Nachforschungen an, und da das Mdchen immer
nicht kam, wurden diese Nachforschungen mit allen Mitteln, die es nur
gab, betrieben. Aber sie waren, wie die frheren, ohne Erfolg. In der
Nhe kannte man das Mdchen als ein solches, das immer zu den Kindern
auf den Hof kam, und betrachtete es fast als ein Mitglied der Familie;
in der Ferne wute man gar nichts von ihm. Alle Bewohner des Hauses,
Vater, Mutter, Kinder und Gromutter, waren betrbt, und die Wunde wurde
immer heier.

Aber als Monate und Jahre vergangen waren, milderte sich der Schmerz,
und die Erscheinung sank, wie andere, immer tiefer in das Reich der
Vergangenheit zurck.

Aber vergessen konnte man das Mdchen nie. Immer redeten alle, besonders
die Kinder von ihm, und als schon viele Jahre vergangen waren, als die
Gromutter schon gestorben war, als der Vater schon gestorben war, als
die Mutter eine Gromutter war, als die Schwestern Gattinnen in fernen
Gegenden waren: war es Sigismund, wenn er auf den Anhhen stand, wo
jetzt das Bchlein mit den grauen Fischlein recht klein geworden war, wo
der hohe Nuberg recht klein geworden war, als husche der Schatten des
braunen Mdchens an ihm vorber; er fhlte ein tiefes Weh im Herzen und
dachte: wie oft mute es herbergekommen sein, wie oft mute es einsam
gewartet haben, ob seine Gespielen kmen, und wie hat es seinen Schmerz,
den es sich in der neuen Welt geholt hatte, in seine alte zurckgetragen!
Er dachte: wenn dem Mdchen nur recht, recht viel Gutes in der Welt
beschieden wre.




Bergmilch.


In unserm Vaterlande steht ein Schlo, wie man in manchen Gegenden sehr
viele findet, das mit einem breiten Wassergraben umgeben ist, so zwar,
da es eigentlich aussieht, als stnde es auf der Insel eines Teiches.
Von solchen Verteidigungsmitteln sind gewhnlich diejenigen Schlsser
umgeben, die auf Flchen liegen, also das Verteidigungsmittel des
Wassers haben, aber dafr desjenigen entbehren, das ihre stolzen
Schwestern auf hohen Bergen und schroffen Felsen besitzen. Sie mssen
die geringere Sicherheit, die ein Wassergraben gibt, noch mit feuchter
Luft, mit Frschequaken und Fliegenungeziefer erkaufen, whrend ihre
erhabenen Schwestern zu dem greren Schutz der hohen Felsen noch die
reine Luft und die Aussicht als Zugabe erhalten. Dafr knnen die ersten
sich gegen Winterstrme in ein ganzes Bett von Bumen verhllen, whrend
die letzten dem Anfalle der Winde so hingegeben sind wie ein Kiesel im
Flusse dem ewigen Gltten durch Wasser. Seit aber unsere Mitmenschen
nach und nach den Harnisch abgelegt haben, seit das Pulver erfunden
worden ist, gegen welches ein Wassergraben und ein hoher Fels nichts
ntzt, ziehen sich die Mchtigeren von den Bergen und aus den Teichen
heraus und lassen die Trmmer wie ein abgelegtes, zerrissenes Kleid auf
ihrem frheren Platze stehen. Wer aber nicht so mchtig und reich ist,
der mu sein frheres Haus bewohnen und sich gegen die schlechten
Einflsse so gut als mglich zu sichern suchen. So sieht man noch
manches bewohnte Schlo in seinem Teiche wie einen Fehler der
Zeitrechnung stehen und manches mit verwahrten Fenstern und Fensterlden
von einem Felsen herniederschauen. In dem einen versumpft das Wasser
immer mehr, in dem andern wird die Wetterseite preisgegeben, und die
Zimmer ziehen sich tiefer zurck.

Unser zu Anfang dieser Zeilen erwhntes Wasserschlo heit Ax. Es ist
von den Besitzern in neuerer Zeit etwas getan worden, um die Lage zu
erleichtern. Es ist statt der frheren Bogenbrcke, die immer
ausgebessert werden mute, und die an dem Schlotore gar in eine
Zugbrcke endete, an welcher es stets Anstnde gab, ein groer fester
Steindamm gebaut worden, auf dem eine mit runden Kieseln gepflasterte
und mit Mauern eingefate Strae luft, auf welcher man in gerumigen
Wagen oder zu Pferde lustig in gerader Richtung von dem Schlosse
wegsprengen kann, whrend es frher not tat, da man sogar mit einem
Schubkarren sehr sachte fuhr, da Zug- und Bogenbrcke nicht beschdigt
wrden. Der Grovater des letzten Besitzers hat sogar mit vielen
Tausenden von Fuhren von Steinen und Erde aus seinem Anteile im Axwalde
den Teich hinter dem Hause ausfllen lassen, hat Erde aufgefhrt, hat
Bume gepflanzt und hat so den Garten seiner Wohnung unmittelbar an das
Gebude angestoen. Er hat dadurch der Festigkeit des Schlosses, wenn es
einer bedrfen sollte, nichts genommen, denn der Garten ist mit einer
sehr hohen, sehr alten, sehr dicken und aus Steinen gebauten Mauer
umgeben, die ein Gittertor aus starkem Eisen hat, das auf das Feld
hinausfhrt.

Der Nachfolger hatte nichts getan, und der letzte Besitzer, der ein
Junggeselle geblieben ist und gar keine Verwandten hatte, so da er
nicht einmal wute, wem er sein Gut vermachen sollte, hat gar keine
Neigung versprt, das Erbe seiner Ahnen irgendwie zu verndern. Und so
stand das Gebude noch da, wie es zu Grovaters Zeiten gewesen ist; es
hatte vor den Fenstern noch das Wasser aus den Ritterzeiten und aus dem
Bauernkriege, und atmete noch die Sumpfluft, und erlitt noch das
Froschgequake und das Mckenstechen, wie es die Ritter und Bauern
gelitten haben, die hier gehaust und gekmpft hatten.

Das Schlo hatte allerlei Rundungen, Brustwehren, dicke Mauern, kleine
Schielcher und Dinge, die wir heute nicht mehr begreifen, die aber ein
solches Gebude einst sehr fest machten und heute in den Augen junger
Leute ihm ein sehr geheimnisvolles und merkwrdiges Ansehen geben,
besonders wenn noch eine Armschiene oder ein Helm in irgendeinem Winkel
des Hauses gefunden wird. Was aber unserm Schlosse ein besonders
auffallendes Ansehen gibt, ist ein runder, sehr dicker und sehr hoher
Turm, der gar kein Fenster und also im Innern nur finstere Rume hat,
der statt eines Daches mit Steinen gepflastert ist, die das Regenwasser
in einer Rinne an einer Stelle ablaufen lassen, und die mit einer vier
bis fnf Fu hohen Mauer als Brustwehre umgeben sind. Der Turm hat
wahrscheinlich, weil das Schlo in der Ebene liegt, als Warte, als
Luginsland und bei Belagerungen als Verteidigungsmittel gedient. Jetzt
sind in seinen innern Rumen, die wegen der Dicke der Steinmauern sehr
khl sind, alle Gattungen von Grnwaren, Gemsen, Kartoffeln, Rben,
selbst Wein und Bier aufbewahrt, denen man an khlen Tagen Luft durch
geffnete Zuglcher zulassen kann. Die Hhe des Turmes dient jetzt blo
mehr zur Aussicht, welche aber leider nur in eine groe, fruchtbare
Ebene geht.

Der letzte Besitzer hat, wie wir sagten, nie geheiratet. Er war der
einzige Sohn seines Vaters, von der Mutter etwas verzogen und von der
Natur widersprechend ausgestattet. Whrend er nmlich ein wunderschnes
Angesicht und einen sehr wohlgebildeten Kopf hatte, war der brige
Krper zu klein geblieben, als gehrte er jemand anderm an. Er hie im
Hause seines Vaters der Kleine, obwohl es einen grern nicht gab, da er
der einzige war. Er fuhr auch fort, der Kleine zu heien, da er schon
dreiig Jahre alt war und man nicht mehr daran denken konnte, da er
noch wachse. Er hie auch auf der lateinischen Schule und auf der
Universitt der Kleine. Mit diesem Widerspruche der Krperteile war noch
einer der Geistesvermgen verbunden. Er hatte ein so reines Herz, im
Alter fast noch knabenhaft rein, da er die Liebe und Verehrung der
Edelsten erworben htte; er hatte einen klaren, sicheren Verstand, der
mit Schrfe das Richtige traf und den Tchtigsten Achtung eingeflt
htte: aber er hatte auch eine so bewegliche, lebhafte und ber seine
andern Geisteskrfte hinausragende Einbildungskraft, da sie immer die
uerungen seiner andern Geistesttigkeiten zuschanden und sich in
struppigen, wirren und zackigen Dingen Luft machte. Wre sie bildend
gewesen, so wre er ein Knstler geworden; aber sie blieb nur
abschweifend, zerbrochen und herumspringend, so da er Dinge sagte, die
niemand verstand, da er witzig war, da er lcherlich wurde und vor
lauter Plnen zu keinem rechten Tun kam. Daraus folgte, da in seinem
Leben nur Anfnge ohne Fortsetzung und Fortsetzungen ohne Anfnge waren.

Er wurde einmal, da sein Vater und seine Mutter schon tot waren, der
Gegenstand groer Zuneigung eines Mdchens. Er liebte das Mdchen so
sehr, da kein Wesen auf der Erde war, dem er eine gleiche oder nur
annhernde Neigung htte schenken knnen. Es schienen also alle
Bedingungen zu einer glcklichen Vereinigung vorhanden zu sein. Aber
einmal machte er sich in Gesellschaft vieler Menschen durch seine Reden
und Wortsprnge so lcherlich, da das Mdchen mit Glut und Scham
bergossen dasa. Er schrieb des andern Tages an seine Braut, da er
ihrer unwrdig wre, und da er sie nicht unglcklich machen knne. Alle
Zuredungen seiner Freunde waren umsonst, das Mdchen bereute bitter
seine Empfindung und beweinte den Tag: aber es war vergebens, und die
Verbindung blieb getrennt.

So kam er nicht dazu, seine Gaben, besonders sein Herz zu verwerten, und
lebte vereinzelt dem Alter entgegen.

Da er einmal entschlossen war, sich nicht mehr zu verehelichen, machte
er es sich zur Aufgabe, sich seinen knftigen Erben zu suchen. Das Gut,
das auer dem Schlosse in liegenden Grnden, besonders Wldern, bestand
und die landesblichen Bezge hatte, war einst ein landesfrstliches
Lehen gewesen, war aber infolge groer Verdienste eines Ahnherrn mit
Abfindung entfernter Anwrter in wirkliches Eigentum bergegangen.
Der Schloherr, wie sie ihn in der ganzen Gegend nannten, konnte
also mittels Testaments ber das Gut verfgen. Er wollte aber der
gesetzlichen Erbfolge zugetan bleiben, wollte dem, der ihm, wenn er ohne
Testament strbe, gesetzlich folgen wrde, auch testamentlich seine
Nachlassenschaft zuwenden; nur wollte er den Erben vorher kennenlernen,
ob er der Erbschaft auch wrdig wre.

Er schlug also das Ahnenbuch auf. Abkmmlinge von ihm waren natrlich
nicht da. Also zu den Geschwistern. Die waren ebenfalls nicht da. Also
zu den Vorfahren. Vater und Mutter waren tot, beide hatten keine
Geschwister. Also zu den Groeltern. Der einzige Grovater
vterlicherseits hatte einen einzigen Bruder, dessen nachkommende Linie
aber erloschen war. Also zu den Urgroeltern. Alle von ihnen abwrts
gehenden Linien, die er in dem Buche verzeichnet fand und in den Lndern
erforschte, reichten nicht in die Gegenwart. Ihr Erlschen war amtlich
belegt. Er ging eine Stufe hher, die Sache wurde immer schwieriger.
Aber alle Linien, die von allen Stufen, sie mgen wie hoch immer sein,
hinabliefen, rissen ab; ihr Abri war beurkundet, und er kam endlich
dort an, wo nichts mehr zu wissen ist, und wo keine Abstammung mehr
erhellt oder erweislich ist. Nachdem er so viele Reisen gemacht, nachdem
er einen Teil seines Lebens damit zugebracht, nachdem er sogar in den
Zeitungen einen Aufruf hatte ergehen lassen, wer mit ihm verwandt sei,
mge sich melden, und nachdem manche gekommen waren, aber keinen Beweis
hatten beibringen knnen, gelangte er zu der traurigen Entdeckung, da
er ganz und gar keinen Erben besitze.

Er wollte daher wenigstens fr den Fall sorgen, wenn er schnell und
unversehens von der Erde genommen wrde, und setzte aus Vaterlandsliebe
den Kaiser zum Erben ein. Er tat das Testament in die Lade seines
Schreibtisches.

Wenn er es auch aufgegeben hatte, sein Herz noch an eine Frau zu hngen,
so war dies nicht auch mit Freunden der Fall. Er hatte solche immer
gehabt, und da er alt wurde, bekam er derselben noch mehr. Ja sogar die
Frauen wurden ihm wieder zugetaner, freilich nicht in dem Sinne, da sie
ihn htten ehelichen wollen; denn da er lter wurde, stachen seine
Wunderlichkeiten, obwohl sie noch grer geworden waren, nicht mehr so
hervor, ja sie wurden, da sie von Witz und Einbildungskraft untersttzt
wurden, zur Lebhaftigkeit, die einen alten Mann ganz besonders zierte,
und er wurde berall liebenswrdig geheien. Auch seine krperliche
Nichtstimmung verschwand, da man Schnheit und bereinstimmung bei einem
Alten nicht suchte.

Unter seinen Freunden war der erste und geliebteste sein eigener
Verwalter. Schon in frher Jugend -- und er ist sehr frh zum Besitze
seines Vermgens gelangt -- sah er ein, da er durch seine
Einbildungskraft sich zu Versuchen, steten Abnderungen, ja zu
Vernachlssigungen seines Anwesens hinreien lasse, die namentlich im
Landbaue stets von schlechten Erfolgen begleitet sind. Daher sah er sich
nach einem jungen Manne um, der ihm sein Vermgen verwalten knnte, und
weil er mit seinem Verstande sehr gut die Eigenschaften anderer Menschen
abzuschtzen wute, so gelang es ihm auch, einen sehr tchtigen zu
finden. Er erwarb ihn als Vorstand seiner Gter mit einem sehr
anstndigen Gehalte und mit der Bedingung, da er sich von niemandem
etwas einreden lasse, am allerwenigsten von ihm selber. Der Vertrag
wurde unterzeichnet, und die Mnner fuhren recht gut miteinander. Der
Verwalter verstand seine Sachen trefflich, machte das Gut nach und nach
immer besser, verliebte sich in dasselbe, betrachtete es und behandelte
es zuletzt wie sein eigenes und gewhnte sich, zu seinem Herrn zu sagen,
er solle sich nicht in fremde Sachen mischen; nur da sie Geld und
Geldsachen in einer eigenen Truhe behandelten, zu der jeder einen
Schlssel hatte, da sie das Geld wie das eines Dritten ansahen und sich
ihre Bezge davon auszahlten. Der Verwalter hatte auch seine
Wunderlichkeiten und ging namentlich in die Bcher und politischen
Ansichten seines Herrn ein, so da sie sich liebten, da der Schloherr
immer auf seinem Schlosse blieb, und da der Verwalter keine bessere
Stelle verlangte. Beide schienen dasselbe Los des nicht verehelichten
Lebens gezogen zu haben.

Aber wie die Schicksale der Menschen wandelbar sind: der Verwalter
geriet noch in seinen vorgerckteren Jahren in die Fallstricke eines
Mdchens und heiratete es.

Nun kam ein ganz seltsames Verhltnis ber den Schloherrn. So wie der
Verwalter sich als Eigentmer des Gutes betrachtete und selbes so
behandelte, so betrachtete sich der Schloherr als verheiratet. Wenn
sein Verwalter immer auf den Feldern, Wiesen, in den Wldern war und
sagte: mein Hafer, meine Bume, mein Holz, mein neugekauftes Feld, -- so
war der andere immer in dem Schlosse und sagte: unser Kasten, unsere
Aussicht, unsere neuen Gerte, unsere Kinder.

So wie der Verwalter und der Schloherr frher immer an demselben Tische
gespeist hatten, so blieb es auch jetzt, und der Schloherr speiste mit
der Familie des Verwalters. Da einmal Kinder kamen, da zeigte es sich
recht, wie sehr der Schloherr zu dem Familienleben geeignet gewesen
wre; denn er war ein Kinderfreund, und die Kinder merkten das sehr
bald, und es kam die Tatsache zum Vorscheine, da alle vier zu dem
Schloherrn du sagten; es war ihnen mit aller Strenge nicht
abzugewhnen; er war froh darber und wre betrbt geworden, wenn es
ihnen abzugewhnen gewesen wre. Die Schlobewohner wohnten alle in
demselben Flgel, und wenn ein Fremder gekommen wre, der die
Verhltnisse nicht gekannt htte, so wrde er geglaubt haben, der
Schloherr sei ein alter Verwandter, der unter seinen Angehrigen seine
letzten Tage verbringe.

Das erste Kind, welches dem Verwalter geboren wurde, war ein Mdchen. Es
bekam den Namen Ludmilla. Der Schloherr wollte es nicht so nennen, er
nannte es nur immer abgekrzt Lulu.

Das zweite Kind war ein Knabe, Alfred, das dritte ein Mdchen, Clara,
und das vierte ein Knabe, Julius.

Damit war die Reihe abgeschlossen, es erschienen keine mehr.

Lulu wuchs heran. Sie bekam die verstndigen, ruhigen braunen Augen
ihres Vaters und den lieblichen Mund der Mutter. Und wie sie waren alle
Kinder das eine oder andere Gemisch ihrer Eltern.

Sie begannen heranzuwachsen; der Schloherr fhrte sie allerorten herum,
hatte seinen Stolz ber sie, nahm stets immer ihre Partei gegen die
Eltern und htte sie, wren nicht andere treffliche Eigenschaften und
Umstnde ins Mittel getreten, vollstndig verzogen.

Einer dieser Umstnde war die Mutter selbst. Sie war eine gelassene,
vernnftige Hausfrau mit einem wohlwollenden Herzen. Sie waltete in
Reinlichkeit, Ordnung und Sittsamkeit im Hause, und diese Eigenschaften
verstand sie in einem gewissen Grade auch ihrem Gesinde einzupflanzen
und daher auch den Kindern. Sie zankte nie, war aber unermdlich,
dieselbe Sache so oft zu befehlen und tun zu lassen, bis sie dem damit
Beauftragten zur Gelufigkeit und Gewohnheit war. Durch die Gleichheit
und Heiterkeit ihres Wesens kam Gleichheit und Heiterkeit in die Kinder;
durch Abwesenheit jedes Harten, Rohen und Unziemlichen wurden sie fein
und anstndig, und besonders war es die Scham, etwas Unrechtes zu tun,
was ihnen ein Beistand war, und das Errten war eine harte Strafe, weil
die Mutter selbst mit groem Ernste allem aus dem Wege ging, was sich
nicht schickte.

Ein zweiter Umstand war der Vater. Die grte Rechtlichkeit und
Biederkeit in seinem Wesen verfehlte nicht, auf die Kinder, selbst da
sie noch sehr klein waren, einen groen Eindruck zu machen. Er war ihnen
das Bild der Vollkommenheit und des Wissens, und als ihnen von dem Vater
im Himmel erzhlt wurde, dachten sie sich denselben so wie ihren Vater
auf Erden, nur lter. Sie hatten vor dem freundlichen Vater, der nie
einen Verweis, sondern hchstens einen Rat gab, mehr Furcht und Scheu
als vor der oft rgenden und ermahnenden Mutter.

Der dritte Umstand war der Lehrer der Kinder. So wie der Schloherr sich
mit Umsicht einen Verwalter ausgesucht hatte, so suchte sich der
Verwalter mit Umsicht einen Lehrer aus. Er brachte einen Mann in das
Haus, der in den Jahren schon etwas vorgerckt, ruhig und ernst war, und
von dem der Verwalter wute, da er die Kinder sehr bald lieben wrde.
Er hatte ein kleines Gehalt von seiner frheren Erziehung her, von dem
er, da er unverehelicht war, htte leben knnen; aber das Erziehen war
ihm so zur Natur geworden, da es ihm eine groe Freude gewhrte, da
ihm der Verwalter den Antrag machte, und da er die Last wie ein
Geschenk hinnahm.

Der Mann stimmte zu den beiden andern Mnnern in Gutem und Trichtem so,
da die Leute halb im Ernste, halb im Scherze sagten: Nun, der hat
ihnen noch gefehlt.

Er sagte nach kurzer Zeit gleichfalls wie die zwei andern Mnner: Mein
Hauswesen, meine Kinder.

Die Kinder liebten ihn sehr, aber sie neckten ihn nie, was sie mit
dem Schloherrn fter taten. In verschiedenen Abstufungen hatten
alle drei Mnner etwas Sonderbares, was die Kinder aber nur bei dem
Ausgezeichnetsten, bei dem Schloherrn, merkten. Die Mutter allein war
die immer klare und einfache.

Als Lulu heranwuchs, als sie sehr schn und lieb zu werden versprach,
als sie die groen Augen demtig niederschlug, die Wimpern darber
hinabzielten und nicht mehr so oft wie frher sich vorlaut erhoben, als
endlich auch noch das Letzte eintrat, nmlich ein oftmaliges heies
Errten ohne Grund und Ursache: da schlich der Schloherr einmal leise
auf sein Zimmer, riegelte hinter sich die Tr zu, ging heimlich zu der
Lade seines Schreibtisches, tat sie auf, nahm das Testament heraus, in
welchem er den Kaiser zum Erben eingesetzt hatte, und durchstrich es
ganz und gar. Dann schrieb er emsig ein neues und setzte Lulus Namen
hinein. Er warf den andern drei Kindern Vermchtnisse aus, die Lulu
auszuzahlen hatte, wodurch sie Lulu zwar nherkamen, aber sie doch nicht
erreichten. Als er das getan hatte, ging er mit einem glnzenden
Angesichte in den Garten, als htte er einen Schabernack verbt und
freue sich auf dessen Bekanntwerden. Um gar kein Aufhebens zu machen und
keine Vermutungen und kein Gerede zu veranlassen, lie er keine Zeugen
unterfertigen, sondern tat unserm Gesetze, das er gut kannte, damit
Genge, da er am Eingange schrieb: Mit meiner eigenhndigen Schrift
und Unterschrift.

Dennoch htte Lulu einmal seine Gunst und wahrscheinlich auch die
Erbschaft, von der sie nichts wute, vom Grunde aus verscherzt, htte
sie ihn nicht ohne ihr Wissen bereits so unterjocht gehabt, da er sich
nicht mehr aus der Sklaverei zu befreien vermochte.

Es waren jene traurigen Tage eingetreten, in denen ein auswrtiger Feind
den Boden unseres Vaterlandes betrat, lange und wiederholt da verweilte
und durch Schlachten ihn verwstete, bis er durch jene ruhmwrdigen
Anstrengungen groer Mnner, an denen unser Vaterland einen glnzenden
Anteil nahm, aus allen Fluren, wo man die deutsche Sprache spricht,
wieder verjagt wurde.

Schon bei dem Beginne der franzsischen Kriege kamen die drei Mnner in
die grte Aufregung. Sie waren insgesamt sehr eifrige Vaterlandsfreunde,
lieen an den Franzosen nichts Gutes gelten, wnschten sie nur bald
geschlagen, aufgerieben, vernichtet und zugrunde gerichtet. Am weitesten
ging hierin der Schloherr, der in dem Angriffe gegen unser Land
geradezu die unverzeihlichste Schandtat erblickte, was sich schon aus
seiner Anhnglichkeit an den vterlichen Boden und aus der Tatsache
erklren lie, da er, ehe ihn sein Herz anders verleitete, fr seine
Erbschaft keinen wrdigeren Erben zu finden gewut hatte als den Kaiser.
Er meinte, die Franzosen seien blo Ruber und Mrder, man msse sie
ausrotten wie Ungeziefer und jeden und alle, wo sie sich blicken lieen,
erschlagen, wie man einen Wolf erschlage, wenn er durch die Felder in
den Hof hereingerannt komme. Nicht einmal in dem Himmel gab er ihnen
einen Platz, sondern jeder mute in die Hlle. Ob er mit dem Erschlagen,
wenn es dazu gekommen wre, rechten Ernst gemacht htte, wei man nicht,
da bisher keine Gelegenheit war, sein Wesen bis zu ttigem Ingrimme
emporzusteigern.

Als die Franzosen Fortschritte machten, wurde es noch rger, die Mnner
redeten von nichts als Zeitungen, Nachrichten und dergleichen und
fhrten grausame Worte in dem Munde. Die Kinder wuten von nichts, sie
hatten damals nur die Obliegenheit zu wachsen, und waren die einzigen,
die von den Ereignissen unberhrt blieben.

Die Mutter war in einer schmerzlichen Lage. Sie konnte jene hohe Freude
nicht teilen, die die Mnner ber jeden Vorteil hatten, den die unsrigen
errangen, sie fhlte nur die Wunden, die geschlagen wurden, ob sie auch
dem Feinde galten, und wenn sie auch wnschte, da Friede wrde, und
unsere Fluren von dem Feinde befreit wren, so wnschte sie das nicht
durch Erschlagen aller Feinde, sondern nur durch ihr Vertreiben, und sie
konnte es nicht verhehlen, da es ihr sehr widrig sei, da vernnftige
Wesen ihren Streit nicht in Vernunft und nach Gerechtigkeit austragen
knnen, sondern da sie sich gegenseitig dabei tteten, und sie schalt
die Wildheit der drei Mnner, welche auch nicht mehr die Tatsachen
rechts und links shen, sondern nur den Feind im Auge htten, auf den
sie blind losrennen wollten.

So waren die Sachen endlich zu jenem Stande gediehen, da unsere Truppen,
auf unserm Boden geschlagen, sich nach Norden zogen, um dort noch
tiefere und schmerzlichere Wunden zu empfangen, bis das Ma voll war,
bis das Gericht eintrat, und der bermut und die Willkr wieder in ihre
Grenzen zurckgeworfen, ja dort hart gestraft werden sollten.

Als unsere Truppen sich damals vor dem Sieger zurckzogen, geschah es
zum ersten Male, da auch eine Abteilung unserer Kriegsmacht, und zwar
eine Hauptabteilung, in die Gegend kam, in welcher das Schlo lag. Den
ganzen Tag waren Truppen gezogen, Richter, Geschworene, Gemeindemnner
hatten zu tun, Vorspann und Wegezeigung mute geleistet werden, und
jedes Haus gab, was es vermochte. Die Bewohner der Umgebung hatten
herbeigebracht, was sie konnten, und hatten es auf dem Platz des Dorfes
aufgehuft.

Gegen Abend kam eine Abteilung Russen. Sie schienen nicht mehr
weitergehen, sondern hier Nachtruhe halten zu wollen. Sie schienen aber
ihrer Sache nicht sehr gewi zu sein und schickten sich an, groe
Vorsichtsmaregeln zu treffen. Sie zerstreuten sich nicht, wurden nicht
in die Huser verlegt und brachen ihre kriegerisch eingeteilten Glieder
nicht ab. Von der Umgebung mute Stroh herbeigebracht werden, das an
jener Stelle zum Bette diente, an welcher der Schlummernde aufspringen
und sogleich auf seinem Platze stehen konnte. Die Wachenden waren zur
bersicht und Warnung versendet und ausgestellt. Manche Abteilungen
lagen weiter zurck in den Feldern, und alle waren nach gewissen
Anordnungen verteilt. Die Bewohner muten Lebensmittel, Brennbedarf und
andere Dinge herbeischaffen und an bestimmte Stellen abliefern. Sie
durften aber nicht zwischen den Gliedern herumgehen, sich nicht in die
kriegerischen Anordnungen eindrngen und etwa da Unordnung anrichten.
Sie hatten Befehl, wenn die Dmmerung eingetreten wre, ihre Wohnungen
nicht mehr zu verlassen.

Da das alles die grte Aufregung unter den Bewohnern hervorbrachte,
lt sich denken. Sie gaben ihre Beitrge gern, sie htten alles
gegeben, wenn sie den Sieg htten auf unsere Seite bringen knnen; aber
sie waren unruhig, was die Nacht, was der kommende Tag bringen knnte.
Da kein einziger an Ruhe dachte, ist begreiflich.

Der Schloherr hatte seine Vorratskammer, seine Speicher, seine Kche
und seinen Keller geffnet, er gab mehr als gefordert wurde, und er
sandte unter Tags Knechte mit Wgen an entfernte Stellen seines Gutes,
wo er Scheunen und Getreidebden hatte, um Vorrat herbeizufhren, wenn
etwa der folgende Tag noch etwas in Anspruch nehmen sollte.

So war die Nacht hereingebrochen. Sie war dunkel, weil es spter Herbst
war und weil tiefe Wolken den Himmel bedeckten.

In den Husern des Dorfes waren Lichter, weil die Leute nicht schlafen
gingen. Es war stille, nur da ein gedmpfter Ruf der Wachen oder das
Klirren und der Sto einer Waffe die Ruhe zuweilen unterbrach.

Die ganze Familie des Schlosses, selbst Gesinde eingerechnet, war in der
sogenannten Gartenhalle untergebracht. Die Gartenhalle ist ein groes
Gemach und heit deshalb so, weil es rckwrts gegen den Garten liegt.
Es ist gewlbt, hat sehr starke, dicke Steinmauern, die Fenster sind mit
eisernen Stben versehen, und die Gerte sind sehr alt und sehr stark.
Man kam gern im Sommer dahin, weil das Gemach khl war, und weil die
grnen Zweige sehr anmutig an den Fenstern spielten. Im Winter war es
hufig an den langen Abenden der Aufenthalt der Mgde, die da spannen
oder andere Arbeiten verrichteten, weil es sich gut heizen lie, und
nicht selten geschah es, da die Verwalterfamilie, der Schloherr und
der Lehrer herabkamen, man versammelte sich um den Ofen und geriet fter
in das Erzhlen von Mrchen und Geschichten.

Da man gerade heute dieses Gemach zum Aufenthalte gewhlt hatte, war
das Werk des Vaters. Wenn es doch zu etwas kommen sollte und Kugeln
fliegen wrden, war man hier fr die ersten Augenblicke am sichersten.
Gegen das Dorf und den Teich hin war man durch die ganze Dicke des
Schlosses gedeckt, gegen die Seiten schtzte die halbe Schlolnge, weil
das Gemach in der Mitte lag, und gegen den Garten der Garten, der sehr
lang war und daher den Lauf einer Kugel schwchte, und der in der Nhe
der Fenster des Gemaches seine dicksten und dichtstehendsten Bume
hatte, die sie auffangen konnten. Man hatte beschlossen, die ganze Nacht
da zuzubringen. In keinem andern Teile des Schlosses war ein Licht. Nur
ein paar Knechte, die in dem Meierhofe waren, hatten eines in ihrer
Stube, das aber bald erlosch, da sie schlafen gingen. Die Mgde aber
waren alle in der Gartenhalle und spannen.

Als man sich in die Lage gesetzt hatte, die jedem zusagte, als die zwei
kleineren Kinder eingeschlafen waren, die zwei greren in der Nhe der
Mutter bei dem Ofen sich zusammengekauert hatten, und die Spinnrder
schnurrten, kam man wieder ins Erzhlen, aber heute mit Eifer in das der
Kriegsereignisse, und zwar noch dazu in die Frbung, wie sie der
Leidenschaft eines jeden zusagte.

Als der Lehrer eine vergleichende Tatsache aus der alten Geschichte
erzhlt hatte, sagte der Schloherr: Da machten es die Tiroler noch
besser und heier; als die Franzmnner durch das Tal der Gleres
herunterzogen, war kein Mensch in dem Dorfe. Die Mnner waren mit ihren
Stutzen in die Steine hinaufgegangen, die zu beiden Seiten der Strae
emporragen, und die Weiber und Kinder waren noch viel hher in den Wald
und gar bis gegen den Schnee hinangebracht worden. Nur ein
achtzigjhriger Zimmermann, der keinen Freund und keinen Feind hatte,
war im Dorfe zurckgeblieben. Er stand hinter seiner Scheuer und hatte
den Stutzen geladen. Als die schneeweien Mntel kamen -- denn die
Reiterei der Franzosen hatte weie Mntel und war in der Vorhut -- hielt
er den Atem an und gebrauchte die Augen. Der beste Federbusch, der in
der Mitte wehte, schien dem Vornehmsten anzugehren, weil die andern ihm
Ehrfurcht erwiesen. Der Zimmermann sprang hinter der Scheuer hervor,
legte an, ein Rauch -- ein Blitz -- ein Krach -- der Federbusch war
verschwunden, und der Reiter lag tot unter dem Pferde. Sie hieben im
nchsten Augenblicke den Zimmermann zusammen, er lachte in sich und lie
es geschehen. Jetzt sprengten sie in das Dorf, durchsuchten alles,
fanden keinen Menschen, fanden keine Schtze, und da ihre Kameraden, die
Fugnger, nachgekommen waren, zndeten sie das Dorf an allen Ecken an
und zogen weiter. Es ging ganz gut, sie zogen in der Stille der Berge
fort, bis das Tal enger wurde, und die Gleres an der Strae rann. Da
wurden die Klippen lebendig, lauter Rauch und lauter Blitzen und
Krachen, und auf jeden Schu fiel ein Mann, und es wurde immer geladen,
und es krachte immer wieder, als ob ihrer viele Tausende oben wren; und
wenn die Soldaten hinaufschossen, so trafen sie niemand, weil sie
niemand sahen, und wenn sie hinauf wollten, so konnten sie nicht, weil
die Felsen zu steil waren, und weil sie erschossen wurden. Und als sie
sich beeilten und im Laufe fort wollten, um aus dem entsetzlichen Wege
zu kommen, und als sie gegen den Ausgang gelangten, wo die Strae durch
die engsten Schluchten luft, da sprangen unzhlige Felsstcke von den
Bergen nieder, aufgehngte Bume rollten herab, schmetterten alles
nieder, machten in der Enge einen Verhau, die Franzosen konnten nicht
vor, sie muten zurck, sie flogen, sie rannten -- da hatten sie aber
das brennende Dorf, das sie selbst angezndet hatten, unter den Fen,
die hlzernen Huser waren alle in Glut, da man nicht zwischen ihnen
durch konnte. Da waren sie in der Not, da war mancher schneeweie Mantel
ein roter, mancher schwamm in der Gleres, mancher lag auf der Decke des
Pferdes, ohne da der Reiter dabei war, viele Mnner lagen auf der
Strae, viele verbrannten, und wenige kamen auf einsamen Pfaden nur
durch, um drauen zu sagen, was ihnen begegnet sei, oder um auf ihren
Irrwegen von den Landleuten gefangen und erschlagen zu werden.

Da es nach dieser Erzhlung eine Weile still war, sagte er: So sollten
wir es auch machen; wir haben zwar keine Berge und keine engen Tler, in
denen wir auf sie warten knnten wie die Tiroler; aber wir sollten uns
zusammentun wie sie, wir sollten Waffen tragen, uns ben, uns
verabreden, Kundschaft einziehen, und wenn wir erfahren, da ein Trupp,
dem wir gewachsen sind, durch einen Wald oder Busch oder Hohlweg zieht,
sollten wir ihm auflauern und alle, die er enthlt, erschieen. In den
obern Lndern sind in ein Seitendorf, ich wei nur seinen Namen nicht zu
nennen, ich habe mir die Sache erzhlen lassen, zwlf franzsische
Reiter gekommen, um zu plndern. Die Bauern verstanden aber die Sache
schlecht und berfielen sie, da sie in einem einsamen Wirtshause
zechten, und schlugen sie bei einem einzigen tot. Die Pferde, welche im
Hofe angebunden waren, trieben sie weit nach Ungarn und verkauften sie,
die Sttel, die Kleider, die weien Mntel und die Waffen verbrannten
sie im Feuer. So mgen manche Feinde von ihrer Hauptabteilung
weggekommen, nicht mehr zurckgelangt sein, und niemand wei, wohin sie
geraten sind.

Aber, sagte die Mutter, wenn es schon unter den Vlkern festgesetzt
ist, da die Kriege durch die Armeen ausgefochten werden, so sollten die
Bevlkerungen sich ruhig verhalten und die Sache in die Hnde des Heeres
legen. Einen einzelnen Feind, der sich harmlos nhert, zu erschlagen,
scheint mir ein sndlicher Mord zu sein.

Sie nahen sich aber nicht harmlos, sagte der Schloherr, wie haben
sie nur in ihrem eigenen Lande gewirtschaftet, sie haben ihre Landsleute
erwrgt, ersuft, erschossen, enthauptet, weil sie ihnen verdchtig
waren oder den Knig liebten, und dann sind sie herausgegangen und
wollten es bei uns auch so machen. Wir sollten gegeneinander sein und
das Land in Zerwrfnis bringen, daraus es kaum entrinnen knnte. Darum
sollen wir sie verfolgen, ausrotten, vertilgen, wie wir nur knnen; und
wenn sie darber zornig werden und wten, so ist es nur desto besser,
damit die Menschen es nicht mehr ertragen knnen, sich zusammentun und
sie aus dem Lande jagen, da kein Huf und kein Helmbusch von ihnen mehr
bei uns ist. Wenn morgen die Franzosen nachkommen, knnen Dinge
geschehen -- wer wei, was geschieht.

Whrend er so sprach, hrten die Dienstleute zu, die Mgde hatten das
Spinnrad stillstehen lassen, die Knechte, die da waren, sahen ihn an,
und der Verwalter und der Lehrer blickten vor sich. Es war mittlerweile
so finster geworden, da es schien, als wren die Fenster des Gemaches
nur schwarze Tafeln, von drauen hrte man nicht das Geringste herein,
und nur die Uhr pickte eintnig an der Wand. Die zwei jngsten Kinder
schliefen fest, Alfred kauerte neben der Mutter und frchtete sich, Lulu
stand neben ihm und half frchten.

In diesem Augenblicke regte sich ein leises Gerusch an der Klinke der
Tr, die Tr ffnete sich, und es trat ein Mann herein, der einen
glnzenden Helm auf hatte und in einen langen, weien Mantel gewickelt
war.

Alle schauten auf ihn.

Ich habe Licht durch diese Fenster scheinen gesehen, sagte er in guter
deutscher Sprache, und bin hereingekommen, eine Bitte vorzubringen.

Und welche? fragten der Verwalter und der Schloherr zugleich.

Sie werden mir geflligst auf die Spitze des dicken Turmes folgen,
sagte der Fremde, indem er auf den Verwalter zeigte.

Er hatte hierbei den einen Arm erhoben, den Mantel gelftet, und man
sah, da er in der Hand des andern Armes eine doppellufige Pistole
hatte.

Wer kann das fordern, ich bin hier der Gebieter, rief der Schloherr.

So, Sie sind der Gebieter? sagte der fremde Mann, Sie gehen auch mit
hinauf.

Hiebei griff er mit der freien Hand auf die Pistole und spannte beide
Hhne, da man sie knacken hrte.

Sie werden eine Laterne auf die Treppe mitnehmen und vor mir gehen,
fuhr er fort, es wird keinem ein Haar gekrmmt, solange alles ruhig
ausgefhrt wird. Wenn ich aber Verrat merke, mu ich von den Waffen
Gebrauch machen, es geschehe dann, was wolle. Bleibt hier ruhig sitzen,
ihr andern, bis sie wieder zurckkehren.

Er war mit dem Rcken gegen den Trpfosten stehengeblieben, hatte die
Pistole in der Hand und sah alle an.

Es ist nichts, seid nur ruhig, und Ihr folgt uns, sagte der Verwalter,
indem er den Schloherrn bei der Hand nahm, und ihr verlat keines das
Gemach, bis wir wiederkommen.

Er langte bei diesen Worten mit der Hand nach der Laterne, die neben dem
Weihbrunnenkessel hing, machte sie auf, zndete das Stmpfchen Kerze in
derselben an, schlo sie wieder gut zu, schritt in die Stube vor und
sagte: Wenn es gefllig ist.

Der fremde Mann lie, indem er sich seitwrts stellte, den Verwalter und
den Schloherrn bei der Tr hinaus und folgte ihnen dann, mit dem Krper
seitwrts gewendet, da er die in der Stube und die Vorangehenden
zugleich berblicken konnte.

Die Zurckgebliebenen hatten kein Wort gesagt, die Sache war einesteils
so schnell vor sich gegangen, und die Ruhe des Verwalters hatte ihnen
andernteils Vertrauen eingeflt.

Die zwei Mnner gingen mit der Laterne den Gang entlang, der zu dem
Turme fhrte, der Fremde folgte ihnen, da sie die Sporen, die er an den
Fen hatte, stets hinter sich klirren hrten.

Sie kamen an die Treppe und stiegen hinan. Als der Fremde merkte, da
sie bald oben seien, befahl er ihnen, stille zu stehen, die Laterne auf
eine Stufe zu stellen, zu ffnen und mehrere Stufen aufwrts zu gehen.

Als sie das getan hatten, nherte er sich der Laterne, zog aus seiner
Manteltasche ein sehr kleines Laternchen heraus, zndete ein fast
unscheinbares Lichtchen in demselben an, lie die andere Laterne auf der
Treppe stehen, stieg gegen die Mnner, die indessen gewartet hatten,
hinan und befahl ihnen, weiterzugehen.

Als man auf das Steinpflaster des Turmes hinausgekommen war, welches,
wie oben gesagt wurde, die Stelle des Daches vertritt, hie er die
Mnner an einem Platze der Brustwehr, wo er sie sehen konnte,
stehenbleiben, er selber ging an eine andere Stelle der Brustwehr,
stellte sein sehr kleines Laternchen darauf, legte die Pistole daneben,
zog eine Brieftasche heraus und fing an, bei dem Scheine seines
Lichtchens in dieselbe zu schreiben oder zu zeichnen. Die Nacht war so
finster, da man von der Gegend nichts sah als einen einzigen schwarzen
Raum, in welchem die Lichter und Wachtfeuer wie rote Sternchen sich
zeichneten. Von dem Dorfe sah man nichts als den Umri mancher Dcher
und der Kirche. Von dem Platze war ein Teil durch die Feuer der Truppen
beleuchtet.

Als der Fremde eine Weile gezeichnet oder geschrieben hatte, steckte er
seine Brieftasche wieder ein, nahm sein Laternchen in die eine, seine
Pistole in die andere Hand und hie die Mnner vor sich hinabgehen.

Als man zu der Stelle gekommen war, wo die Laterne stand, muten sie
dieselbe nehmen und den Mann in der Weise, wie man heraufgekommen war,
wieder zurckfhren.

Da man an der Tr der Gartenhalle angekommen war, sagte der Fremde, da
ihn nun die zwei Mnner auch durch den Garten bis zu dem Gitter, das auf
das Feld hinausfhrt, begleiten mten. Wenn er auerhalb des Gitters
wre, knnten sie zurckkehren. Die Laterne mten sie in dem Torwege,
der an der Halle vorbeifhrt, stehen lassen.

Der Schloherr und der Verwalter gingen also in dem finstern Garten vor
dem Fremden her.

Nicht weit von dem Schlosse fand man ein Pferd an einem Baume
angebunden. Der Fremde lste es los, schlang den Zgel um den Arm und
fhrte es hinter sich her. Er fhrte es nicht auf dem Gartenwege, auf
dem die zwei Wegweiser gingen, sondern auf dem Rasen daneben, damit die
Hufschlge nicht gehrt wrden.

Als man in die Nhe des Gitters kam, zeigten sich dunkle Gestalten an
demselben. Der Fremde nherte sich den beiden Vorgngern und flsterte
ihnen zu: Halt.

Dann schaute er sehr lange und, wie es schien, anstrengend auf die
Gestalten.

Endlich sagte er sehr leise, sie sollten ihn wieder zu der Halle
zurckfhren.

Sie taten es, er zog sein Pferd hinter sich her.

Da sie bei der Halle angekommen waren, befahl er ihnen, das Tor, welches
den an der Halle vorbeifhrenden Torweg schlo und berhaupt das
Haupttor des Schlosses war, zu ffnen.

Der Verwalter ging nach dem Schlssel, whrend der Schloherr in der
Gewalt des Fremden bleiben mute, und da der Verwalter aus der
Gartenhalle, in welcher sich der Schlssel befunden hatte, heraustrat,
folgten ihm auch neugierig die Leute, die in der Halle gewesen waren.
Der Fremde hielt sich an sein Pferd, hatte den Schloherrn immer im Auge
und die Pistole in der Hand. Der Verwalter und ein Knecht sperrten das
Tor auf, taten im Laternenscheine den groen eichenen Querbalken weg,
ffneten die beiden Flgel, da man in den schwarzen Raum hinaussah.

Tut die Laterne zurck, sagte der Fremde.

Als man das getan hatte, schaute er eine Weile scharf bei dem Tore
hinaus, den Blick aber jeden Augenblick kurz auf den Schloherrn
richtend, da derselbe sich nicht entfernen konnte. Dann, soweit man bei
dem Scheine der Laterne beurteilen konnte, richtete er etwas an dem
Pferde, prfte anderes, und da es gut befunden war, schwang er sich
hinauf. Da er einmal oben sa, war es nur ein Augenblick, in welchem er
sich gleichsam festzusetzen suchte, dann gab er die Sporen, tat einen
Ruf, und mit einer so frchterlichen Schnelligkeit, da man kaum mit den
Augen blicken konnte, da die Funken in Schwrmen sprhten, flog er ber
den Steindamm hinaus. Als er jenseits war, wie man aus dem schwcheren
Hufschlage schlieen konnte, scho er rechts und links einen
Pistolenschu ab, worauf sogleich Blitze hinter ihm sichtbar wurden,
Schsse krachten, Geschrei sich erhob und sich ferner zog.

Das ist ein Mann, rief Lulu jubelnd.

Du Scheusal, du kleine Ausgeburt, schrie der Schloherr, du fllst in
Bewunderung unseren Feinden zu.

Er ist ja kein Franzose, antwortete Lulu, er spricht so schn
deutsch.

Um so schlechter, um so tausendmal schlechter ist er, sagte der
Schloherr, als ein Deutscher sollte er lieber in die fernsten Gegenden
ziehen und betteln, ehe er mit dem Erzfeinde sich verbindet, ja er
sollte lieber den Tod leiden. So aber nimmt er von unserm Turme die
Stellung der Verbndeten auf, verrt sie, und wir werden es morgen frh
schon sehen, wenn sie ihn nicht niedergeschossen oder erwischt haben.

Er rennt mit seinem Pferde an ein Haus an und zerschmettert sich und
das Tier, sagte eine Magd.

Der rennt nicht an, erwiderte ein Knecht, er sieht sich die Sache gut
zusammen und versteht sein Ding.

Er ist doch ein Mann, wenn er auch ein Feind ist, sagte Lulu.

Warum hast du ihn denn nicht umgebracht, da er einen weien Mantel
hat? fragte Alfred den Schloherrn.

Dieser schaute den Fragenden an und antwortete nicht.

Kinder, Leute, wir werden hier bald ein anderes Schauspiel haben,
sagte der Verwalter, dieser khne Mann mag nun umgekommen sein oder
nicht, er ist ein Feind, wie sich aus seinem Tun gezeigt hat, er ist aus
unserm Schlosse in unsere Verbndeten gesprengt, bald werden sie da sein
und werden Rechenschaft fordern. Sehe jeder, da er sich genau merke,
wie die Sache, bei der er war, hergegangen ist, damit er die Wahrheit
bekennen knne, da sich keine Widersprche finden, die uns arge Dinge
bereiten knnten. Die Soldaten im Dorfe drauen sind auf dem Rckzuge
begriffen und sind erbittert. Lat uns das Tor wieder schlieen, aber
bei dem ersten Stoe an dasselbe es gern und schnell ffnen. Bis dahin
gehen wir wieder in die Gartenhalle.

Die Knechte schlossen das Tor, taten den Eichenbalken vor, gaben dem
Verwalter den Schlssel, und man ging mit der Laterne wieder in die
Halle.

Man war noch nicht lange dort, als sich Schlge an das Tor vernehmen
lieen.

Die Mutter tat einen schwachen Schrei und bewegte sich gegen den Vater
hin. Dieser beruhigte sie, lie das Tor ffnen und ging selber den
Eintretenden mit einem Lichte entgegen. Es waren zwei Vorgesetzte mit
Begleitung von Soldaten. Der Steindamm war mit Soldaten bedeckt.

Sind noch mehrere Feinde hier? fragte einer der Vorgesetzten in
ziemlich verstndlicher Sprache.

Es war der einzige, der eben hinausgeritten ist, antwortete der
Verwalter.

Sofort lie der Krieger alle Ausgnge, alle Tren und die Ausgnge in
den Garten mit Mannschaft besetzen. Die Schloleute wurden in der Halle
bewacht, und der Schloherr und der Verwalter muten unter Bedeckung
von Soldaten in alle Rume des Schlosses gehen, da man dieselben
untersuchte. Der Schloherr war viel geselliger, gesprchiger und
freundlicher gegen die jetzigen vielen, bewaffneten Soldaten, die ihn
begleiteten, als er es frher gegen den einzigen gewesen war. Als man
nirgends etwas Verdchtiges fand, kehrte man zu der Gartenhalle zurck.
Den Garten untersuchte man nicht, nur wurden die Ausgnge aus dem
Schlosse zu ihm sehr verrammelt, da ein Feind, wenn einer im Garten
wre, schon dadurch gefangen war.

Dann schritt man zum Verhre. Der Verwalter erzhlte die Sache, wie sie
sich begeben hatte. Er stellte die Vermutung auf, da der Fremde durch
den Garten gekommen sein msse, weil das Tor gegen das Dorf geschlossen
gewesen sei, und in dem Dorfe sich ja die Verbndeten befunden htten.
Wenigstens habe der Fremde durch den Garten fortgewollt, dies werde sich
deutlich in den Fustapfen und namentlich in den Hufspuren im Grase
zeigen, wenn man sie morgen bei Tage untersuchen wolle.

Man wird die Sache untersuchen, sagte der Krieger.

Hierauf wurde der Schloherr abgesondert vernommen, und dann alle
andern, selbst die Kinder.

Als dieses vorber war, wurden die Mnner in ein Gewlbe des Turmes
abgefhrt, dort eingesperrt und bewacht. Die Weiber und die Kinder
wurden in der Gartenhalle gelassen, wurden aber dort ebenfalls
eingesperrt und bewacht.

Von da an verging die Zeit, die ngstlichkeit und die Besorgnis
abgerechnet, ruhig. Nicht ein Laut war zu vernehmen, als zuweilen der
Schritt einer Wache vor der Tr, das Rasseln eines Gewehres oder ein
Kolbensto. An dem Himmel war kein Lftchen, die Wolken schienen
unbeweglich dort zu stehen, und die Wipfel der Bume im Garten regten
sich nicht. Unter diesen Betrachtungen brachten die Gefangenen der
Gartenhalle die Nacht zu. Da kein Schlaf in ihre Augen kam, ist
begreiflich. Wohin man die Mnner gebracht hatte, wuten sie nicht.

Als endlich das Morgengrauen anbrach, hrte man verworrenes Getse, wie
Fahren, Reiten, Gehen, Rufen, man hrte endlich Hrnerklnge, Trompeten
und Trommeln, aber alles gedmpft, da es von der entgegengesetzten Seite
des Schlosses herkam. Sehen konnte man nichts, da die Tr verschlossen
war, und vor den Fenstern nur die Bume des Gartens standen, deren
dunkle Wipfel sich immer deutlicher gegen den grauen, lichter werdenden
Himmel zeichneten.

Endlich geschah ein dumpfer, ferner Schlag, der aber so schwer war, da
die Luft beinahe erzitterte. Gleich darauf ein zweiter. Sie folgten nun
schneller, und es war beinahe wie ein entfernter Donner, der so tief
ging, da manchmal die Fenster leise klirrten. Die Trompetenklnge, das
Blasen der Hrner, das Wirbeln der Trommeln nahm in der Nhe zu.

Der Tag wuchs immer mehr dem Morgen entgegen.

Das Rollen des Donners kam nher, es ging in ein Krachen ber, und
hinter den Gipfeln der Bume stieg ein weier Rauch auf. Endlich krachte
es auch ganz nahe an dem Schlosse, man konnte nicht erkennen, woher es
kam, bald war es rechts, bald links, bald vorn, bald hinten, bald mehr,
bald weniger, aber furchtbar war es, da das Gemach sich zu rhren
schien; und wenn der kleinste Zwischenraum eintrat, so hrte man einen
Ton, wie wenn unzhlige Hlzlein aneinandergeschlagen wrden, es waren
die Schsse der kleinen Gewehre. Sogar die Trommeln konnte man zuweilen
vernehmen.

Der Rauch war endlich so in den Garten gedrungen, da er wie ein Nebel
in den Bumen war. Er vermehrte und verdichtete sich stets, da kaum die
nchsten Stmme zu sehen waren. Im Zimmer entstand bler Geruch.

Als dieses lange gedauert hatte, zog sich der Donner auf der
entgegengesetzten Seite in die Ferne, das Rollen wurde dumpfer, einzelne
Schlge waren in der Nhe noch zu vernehmen, aber man hrte Geschrei,
Brausen und verworrenes Getse. Zuletzt wurde auch das immer schwcher,
man hrte nichts mehr, der Rauch zog sich langsam aus den Bumen, die
Wolken waren auch gleichsam durch den Schall verjagt worden, und die
Sonne, die anfangs als eine rote Scheibe in dem Rauch gestanden war,
glnzte endlich freundlich in den Garten hinunter.

Die Frauen in der Halle warteten lange. Als aber gar kein Ton sich
vernehmen lie, als sie auch gar kein Gerusch von der Wache vernahmen,
die auer der Tr war, so riefen sie auf dieselbe. Sie erhielten keine
Antwort. Sie riefen noch einmal und strker, aber erhielten wieder keine
Antwort. Da versuchten sie, an der Tr und an dem Schlosse zu rtteln.
Von auen erfolgte kein Zeichen und kein Widerstand. Nun rissen sie
wirklich mittels Beilen und Stemmeisen, die in der Gartenhalle als
brauchbare Werkzeuge immer vorrtig waren, das Schlo herunter und
ffneten die Tr. Kein Mensch war vor derselben. Die Torflgel standen
weit offen. Im Dorfe rauchte noch kohlendes Stroh und von einer
entfernten Htte, die brannte, ging Rauch auf. Sonst sah man keine
Beschdigung, aber man sah auch keinen Menschen im Dorfe. Unter dem
Schwibbogen des Tores lag eine eiserne Kugel, und eine andere stak in
der Mauer des Schlosses.

Als man noch so schaute, hrte man pltzlich Gerassel und Getrappe
rennender Pferde, und in dem Augenblicke kam um eine Ecke der Huser ein
Schwarm weier Reiter, bog gegen das Schlo und ritt ber den Steindamm
herein. Lulu rief beinahe vor Freude auf, als sie an ihrer Spitze den
Mann im weien Mantel erblickte, der in der Nacht im Schlosse gewesen
war. Man hoffte, da man wenigstens von der Ungewiheit, vielleicht auch
von der Angst und Bangigkeit befreit werden wrde.

Der Mann ritt auf die Versammelten zu. Bei der Beleuchtung des Tages
sahen sie erst jetzt, da er noch sehr jung sei und ein blhendes
Angesicht habe. Er stieg sogleich von dem Pferde und sagte: Ich habe
nur kurze Zeit; ich mute Ihnen gestern Schrecken und Gewalt antun,
damit wir heute die Frchte ernten. Wir haben sie geerntet und sind im
Vorrcken begriffen. Ich aber bin auf einen Augenblick gekommen, um mir
Verzeihung einzuholen, da ich von einer harten Kriegsregel Gebrauch
gemacht habe, und ich bin auch gekommen, um die Bewohner ebenfalls von
einer Unannehmlichkeit, die ihnen mein Verfahren knnte zugezogen haben,
zu befreien. Wo sind die Mnner?

Wir wissen es nicht, wir haben uns in diesem Augenblicke aus unserm
Gefngnisse in der Gartenhalle befreit, sie sind in der Nacht gefangen
abgefhrt worden, sagte die Mutter.

So mssen wir sie suchen, erwiderte der Fremde, vielleicht sind sie
im Hause.

Er nahm aus Vorsicht mehrere bewaffnete Reiter mit, und aus Kenntnis der
Kriegsgebruche schlug er gleich den Weg zu dem Turme ein. Alle Frauen
folgten ihm. Der Schlssel stak an der Tr des Gewlbes, in welchem sich
die Mnner befanden. Man drehte ihn um, traf da die Gefangenen und lie
sie heraus.

Als die Angehrigen sich gegenseitig berzeugt hatten, da keines einen
Schaden genommen habe, und als sich die Unruhe von Fragen und Antworten
ein wenig gelegt hatte, trat der Fremde gegen die Mnner heran und
sagte: Wir haben, und ich hege die Hoffnung, nicht ganz ohne Zutun
meiner gestrigen Beobachtungen, den Sieg errungen. Ich bin gekommen,
verehrte Herren, um den Augenblick, der mir vergnnt ist, zu bentzen,
Sie um Verzeihung wegen meines Verfahrens gegen Sie in dieser Nacht zu
bitten. Hier ist eine Karte mit meinem Namen und Stande, Sie knnen an
meiner Person und meinem Vermgen Genugtuung fordern, wenn Sie eine zu
fordern fr gut befinden sollten. Bei diesen Worten reichte er dem
Schloherrn ein Blatt Papier.

Den Frauen, fuhr er fort, kann ich freilich keine Genugtuung fr die
Angst und den Schrecken geben, um so inniger bedarf ich ihrer Verzeihung,
und um so mehr bitte ich sie darum.

Die beste Genugtuung wrde sein, sagte der Schloherr, wenn Sie nicht
auf jener Seite stnden, auf der Sie stehen.

Mein Herr, erwiderte der Fremde, wenn Sie diese Ansicht bei meinem
Knige durchsetzen knnen, so werde ich eine Tat wie die von heute Nacht
mit leichterem Herzen verrichten, als ich sie heute verrichtet habe.
Aber bei dem Krieger heit es gehorchen. Nun lebt wohl, meine Zeit ist
sehr gemessen.

Er reichte dem Schloherrn die Hand, der sie nahm.

Haben Sie doch keine Verletzung erlitten? fragte der Verwalter.

Keine einzige, antworte der junge Mann.

Nun, so leben Sie wohl, sagte der Verwalter, und mgen Ihre Taten
bald von leichten Gefhlen begleitet sein.

Amen, sagte der junge Mann.

Er beugte sich vor den Mnnern, aber noch tiefer vor den Frauen, selbst
vor den Mgden, seine Begleiter schwenkten sich, und er ging mit ihnen
davon.

Man sah ihnen nach, sah sie unter dem Torbogen zu Pferde sitzen und ber
den Steindamm hinausreiten.

Jetzt war nichts mehr von Kriegern zu sehen.

Nachdem der Verwalter und der Schloherr die Unordnung im eigenen Hause,
soweit es mglich war, besichtigt hatten, wobei einige schne, von
Kugeln arg verletzte Gartenbume zu bedauern waren, verfgten sie sich
in das Dorf, um dort und in der Umgegend den Bewohnern in den Maregeln
beizustehen, die infolge des stattgehabten Gefechtes notwendig geworden
waren. Unterbringung der noch aufgefundenen oder nach und nach
eintreffenden Verwundeten von Freund und Feind war das erste. Der Arzt
richtete im Schlosse ein Hospital ein, und die Verwalterin kochte fr
Freunde und Feinde. Das zweite war die Beerdigung der Toten. Endlich
ging man an das Einsammeln und Aufbewahren von Waffen und Kriegsgerten
und an das allmhlige Ausbessern der Verletzungen an eigenen Husern und
Gebuden.

Es pflegte in diesen Tagen mancher Verwundete seinen Nachbar, der noch
rger verwundet war. Mancher trug einen Feind zur Verpflegung herbei,
und am dritten Tage verbreitete sich die Nachricht, da ein Pferd
regungslos bei seinem toten Reiter in den Kohlgrten auf der Anhhe
stehe, und da ein Spitz nicht von dem Grabe seines Herrn wegzubringen
sei.

Anfangs zogen noch viele feindliche Abteilungen den Fliehenden nach,
dann aber hrte dies auf, es kam nichts mehr, und Schlo und Dorf hat
bis zum Frieden weder feindliche noch freundliche Krieger mehr
gesehen.------

Es waren zehn Jahre nach diesem Ereignisse vergangen. Die Feinde, die
damals gesiegt hatten, waren nun vollkommen geschlagen, ihre Hauptstadt
erobert, ihr weltberhmter Fhrer auf Elba und endlich nach seinem
Hervorbruche gar auf St. Helena verbannt, und der Friede ruhte segnend
auf allen Lndern, die so lange verwstet worden waren. Die Menschen,
welche den Krieg noch gesehen hatten, erkannten vollkommen dessen
Entsetzliches, und da ein solcher, der ihn mutwillig entzndet, wie
sehr ihn sptere, verblendete Zeiten auch als Helden und Halbgott
verehren, doch ein verabscheuungswrdiger Mrder und Verfolger der
Menschheit ist, und sie meinten, da nun die Zeiten aus seien, wo man
solches beginne, weil man zur Einsicht gekommen: aber sie bedachten
nicht, da andere Zeiten und andere Menschen kommen wrden, die den
Krieg nicht kennen, die ihre Leidenschaften walten lassen und im
bermute wieder das Ding, das so entsetzlich ist, hervorrufen wrden.

Es war in unserm Schlosse abermals der Herbst gekommen, aber ein so
lieblicher, da man die meiste Zeit im Freien zubringen konnte, und da
die Bewohner des Schlosses tglich groe Spaziergnge machten, um noch
das letzte ruhige Lcheln der Natur vor den Strmen und Frsten zu
genieen.

So saen sie auch einmal alle an einem Nachmittage auf einem Hgel, der
in dem Garten nahe an dem Gittertore, das auf das Feld fhrt, entstanden
war. Alfred und Julius hatten nmlich alle Ferien aller ihrer
Studienjahre dazu verwendet, mit eigenen Hnden und kleinen Schubkarren
einen Hgel aufzufhren und darauf ein Sulenhuschen aufzurichten, in
dem die ganze Bewohnerschaft des Schlosses Platz hatte. Der Schloherr
und der Verwalter hatten die Knaben walten lassen, weil sie es fr
besser hielten, da sie da bauten, wenn auch etwas so Ungeschlachtetes
als einen Hgel, als da sie durch Vogelfangen oder Jagen zerstrten.
Weil die Sonne gar so lieblich schien, wollte man in dem Sulenhuschen
den Nachmittagskaffee verzehren. Man hatte die ganze Gertschaft auf dem
Tische, wollte aufgieen, und spielte mit den gelben Blttern, die
herumlagen, oder mit den Herbstfden, die heuer besonders reichlich
flogen und an den Sulen des Huschens und an den Gewndern der
Gesellschaft hingen.

Pltzlich tat Lulu, die eine erwachsene und, wir mssen es sagen, sehr
schne Jungfrau geworden war, einen Schrei.

Hat dich eine Spinne geschreckt? fragte man.

Nein, ein weier Mantel, antwortete sie, und zeigte nach der Stelle,
nach welcher sie bei Ausstoung ihres Schreies geblickt hatte.

Alle schauten hin.

Auerhalb des Gitters stand auf dem Feldwege, der um den Garten ging,
ein Wagen, in demselben sa ein einzelner Mann, der einen weien Mantel
um die Schultern hngen hatte und unverwandt auf die Gesellschaft
hineinsah.

Lauf, Julius, sagte der Vater, und frage, ob er etwas wnscht.

Der Knabe lief hin, redete mit dem Manne, kam zurck und sagte:
Eingelassen wnscht er zu werden, er sagt, er sei nicht ganz fremd.

Der Knabe erhielt den Schlssel, den man zur Bequemlichkeit bei
Spaziergngen immer mit sich fhrte, er schlo das Tor auf, der Fremde
ging herein, stieg den Hgel hinan und stellte sich der Gesellschaft
vor.

Man erkannte ihn augenblicklich. Es war der junge Mann aus jener
schrecklichen Kriegsnacht. Aber er war nun kein Jngling mehr, sondern
ein freundlicher Mann, der so gtig blickte, da man unmglich htte
glauben knnen, da er derselbe sei, der damals das frchterliche Spiel
auf Leben und Sterben getrieben habe.

Verzeihen Sie, meine Herren und Frauen, sagte er, da ich zu Ihnen
komme, ich bin Ihnen nicht fremd, Sie haben nicht Ursache, mir irgend
gut zu sein; aber Sie werden mich doch auch nicht hassen, was ich daraus
schlieen mu, da seit den vielen Jahren her keine Genugtuung von mir
wegen jener Nacht gefordert worden ist.

Nein, nein, es wird auch keine mehr gefordert werden, rief man und
ntigte ihn zum Sitzen.

Er tat es und sagte: Lassen Sie mich nur noch einen Augenblick
fortfahren. Jeder Mensch hat einen Punkt der Sehnsucht in seinem Leben,
nach dem es ihn immer hinzieht und den er erreichen mu, wenn er ruhig
sein will. Meine Sehnsucht ist jenes Gitter dort. Seit ich damals in der
Nacht sein Schlo erbrach, um auf den Turm zu gehen und die
Lichterstellung des Feindes zu zeichnen, seit jenem Augenblicke, wo ich
es, da ich zurckkehrte, von dem Feinde besetzt fand und nun nur noch
die Aussicht vor mir hatte, entweder als Spion gefangen und schimpflich
aufgehngt zu werden, oder durch einen tollkhnen Ritt von vorn heraus
in die berraschten Feinde zu sprengen, um entweder ehrlich zu fallen
oder eben durch die Unglaublichkeit des Wagstckes durchzukommen -- nach
rckwrts htte ich wegen des geackerten Bodens und der andern
Hindernisse nicht hinaussprengen knnen -- seit jenem Augenblicke zog es
mich immer zu dem Gitter, und ich dachte, ich msse es doch einmal
sehen. Darum kam ich her und fuhr auf dem Feldwege um den Garten zu dem
Gitter. Und lassen Sie mich es offenherzig sagen, einen nicht minderen
Anteil an meinem Kommen hat der Gedanke, Sie alle zu sehen, mir wegen
des bels, das ich Ihnen zufgte und das mir immer Unruhe machte, Ihre
vollkommene Verzeihung zu holen und Ihre Achtung zu erwerben; denn ich
habe seither in vielen Schlachten mit jenem leichten Herzen gekmpft,
das mir dieser Herr damals gewnscht hat.

Er zeigte mit diesen Worten auf den Verwalter.

So gefallen Sie mir viel besser, junger Mann, als in jener Nacht,
sagte der mit rotem Angesichte und schneeweien Haaren prangende
Schloherr.

Ja, lieber Herr, erwiderte der Fremde, ich kenne kein frhlicheres
Gefhl, als mit entlasteter Brust an der Seite seiner Stammes- und
Sprachgenossen einem bermtigen und anmaenden Feinde des schnen
Vaterlandes entgegen zu reiten. Mir ist dies Gefhl zuteil geworden, ich
habe gesucht, die Scharte, die meine Dienstpflicht in jener Nacht der
gemeinschaftlichen Sache vielleicht geschlagen hat, wieder gut zu
machen, und mgen alle Himmel geben, da das so tieffhlende, denkende,
edelherzige Volk der Deutschen nie wieder in seinen altersgrauen Fehler
zurckfalle und gegen sich selber kmpfe.

Ja, gebe es Gott, gebe es Gott, sagten die Mnner.

Es war indessen der Kaffee eingeschenkt worden, und die Hausfrau gab dem
Fremden die erste Tasse. Der Verwalter lie den Wagen um die Gartenmauer
herum in das Schlo bringen, und der Schloherr und alle luden den
Fremden ein, nun in Ruhe und Mue in dem Schlosse zu bleiben, um das
Gartengitter so oft anzuschauen, als er wolle.

Die Einladung wurde angenommen.

Der Fremde blieb nun in dem Schlosse. Er konnte das Gitter, den Turm,
den Garten und die Gegend betrachten, soviel er nur immer wollte. Aber
das Schicksal hatte auch noch ganz andere Zwecke mit seiner Reise
verbunden. Alle gewannen ihn sehr lieb. Zwischen Lulu und ihm hatte sich
das Verhltnis vollstndig umgekehrt. So wie sie ihn in jener Nacht
bewundert hatte, so konnte nun er von seiner Seite aus nicht aufhren
und kein Ziel finden, das Mdchen zu bewundern. Und da er es dem Kinde
schon in jener Nacht angetan hatte, und da er jetzt gar so gut und
freundlich war, so konnte es nicht fehlen, da auch ihn die Jungfrau
bald auerordentlich liebte und die Verehrung eine vollkommen
gegenseitige war.

Da er wegen des guten Verhltnisses, das sich mit allen angeknpft
hatte, und wegen des Wunsches aller immer lnger im Schlosse blieb, da
er sich ber Stand und Vermgen auswies, ja sogar endlich ein
benachbartes, feilgewordenes Gut kaufte, um in der Gegend ansssig zu
werden, so stand einem Bndnisse nichts entgegen, und die zwei Leutchen
wurden in der Pfarrkirche des Dorfes ehelich eingesegnet.

Und von nun an begann ein ruhiges, friedliches und glckliches Leben.
Oft, wenn die Ehegatten in der Zukunft allein beieinander saen, wenn er
Lulu seine Freude und sein hchstes Glck auf dieser Welt nannte, sagte
sie: Wie hast du durch dein Herz die schnste Genugtuung gegeben, die
du geben konntest.

Es ist doch gut, da ich ihn damals nicht erschlagen habe, sagte noch
lange und fter der uralte, gleichsam immer kleiner werdende Schloherr.

Lulu lchelte jedesmal bei dieser Rede, spter lchelten auch Alfred und
Julius und endlich alle, selbst der graue Lehrer, obgleich er der
Schach- und Spaziergenosse des Schloherrn geworden war.

Die weien Mntel spielten noch lange eine Rolle in der Familie. Nicht
nur trugen Alfred und Julius, die in dem kaiserlichen Heere dienten,
weie Mntel, sondern auch der kleinere Alfred und der kleinere Julius,
die Buben Lulus, hatten im Winter, wenn sie im Schlitten ber die Ebene
gefahren wurden, weie Mntel an, die aus jenem weien Mantel entstanden
waren, den der Vater angehabt hatte, als er auf seinem Zuge begriffen
war, das alte, eiserne Gitter zu suchen. Der Vater hatte mit den Waffen
die weien Mntel abgelegt und trug jetzt im Winter dunkle und
ausgezeichnete Pelze.




Nachwort.


Adalbert Stifter ist einer von den groen Dichtern, die einsam wie
erratische Blcke im weiten Gebiet der deutschen Literatur stehen. Diese
Dichter ohne Vorlufer und ohne Nachfolger mssen von Epoche zu Epoche
erst immer wiederentdeckt werden. Sie sind zu Lebzeiten wohl berhmt
gewesen, aber bald verschwanden sie in den Grften der Literaturgeschichte,
um nur in Sonderlingsbibliotheken oder in den Lesebchern der Jugend
ihre Unsterblichkeit fortzufristen. Bis dann immer einmal ein Tag kam,
der sie ausgrub; da blhte in seinem Licht unverwelkte Schnheit auf,
das Leben des Kunstwerks strmte in die Menschen, und die Menschen waren
beglckt, ein altes Erbe zu erwerben, um es zu besitzen. So ist es den
Deutschen mit manchen ihrer Besten ergangen, und auch unsere Gegenwart
erfhrt jenes Entdeckerglck: man denke an Friedrich Hlderlins frischen
Ruhm oder an Matthias Claudius und man denke an Adalbert Stifter.

Mag es auch in keiner Beziehung statthaft sein, diese drei Dichter
miteinander zu vergleichen -- ihr posthumes Schicksal bringt sie in eine
gewisse Verwandtschaft. Als ob die Nachwelt Blick und Gefhl fr die
ganzen Dimensionen dieser Erscheinungen verloren gehabt htte, wurden
sie, die nicht bequem in Dichterschulen unterzubringen waren, in die
Fesseln einer Formel geschlagen, und obgleich das Schlagwort kaum die
Kontur des Schaffens zeichnete, den jene groen Gestalten durch die
Generationen warfen, blieb es dabei. So war Hlderlin fr lange Zeiten
als der unglckliche Griechensnger abgetan, so ist Matthias Claudius
heute noch den meisten der biedere Hausvater, der manchmal harmlose
Verse gemacht hat, und Stifters Geltung beruht im allgemeinen auf einer
nachsichtigen Anerkennung fr den typischen Erzhler des vormrzlichen
Kleinbrgertums, fr den Schilderer geruhsamen Lebens mit einer
behaglichen und fast pedantischen Liebe zu den kleinen Dingen der
Menschen, der Natur, der Welt.

Es ist brigens merkwrdig, da diese drei Dichter auch eine hnlichkeit
ihrer knstlerischen Entwicklung miteinander verbindet. Sie sind nmlich
-- gerade sie, die man so gern unter die sogenannten Originalgenies zhlt
-- nur sehr allmhlich im Verlauf ihres Schaffens zum Ausdruck und zur
Verfestigung ihres eigensten Wesens gelangt. Hier, wo nicht der Ort ist,
diese Analogie nher auszufhren, sei fr Stifter etwa auf den vielsagenden
Gegensatz verwiesen, der innerlich und uerlich zwischen den Feldblumen
und Zwei Schwestern[*] besteht und der den Entwicklungsgang des
Erzhlers beraus gut erkennen lt. Die Feldblumen sind ein Frhwerk
des Sptvollendeten und ihre farbenreiche, traumwirre Schnheit, ihre
berschwnglichkeit in Sprache und Empfindung ist ohne das geliebte
Vorbild Jean Pauls undenkbar. Die andere der beiden Erzhlungen aber ist
ein Beispiel fr die reifste Prosakunst Stifters, wie sie sich erst im
langsamen Wachstum der Persnlichkeit ausgebildet hat. Hier ist alles
still und verhalten, wo dort Leidenschaft und Sturm ist, und wie erst
alles Glck und alle Schnheit ungemischt und nicht gro genug
geschildert werden kann, ist spter die berlegene Weisheit ttig; das
Ideal bleibt gleich rein und erhaben, aber an die Stelle der Erfllung
tritt die Entsagung ... Darnach wrde auch der Leser der Bunten Steine
unschwer feststellen knnen, da die letzte Erzhlung des Bandes nach
ihrer Entstehungszeit den andern der Sammlung vorangeht: sie verrt am
wenigsten die charakteristische Kunst des Dichters.

  [*] Diese beiden Erzhlungen sind als 3. Sonderdruck der dritten
      Auswahlreihe des Volksverbandes der Bcherfreunde erschienen.

                                   *

Vom Weg und Werden Adalbert Stifters geben uns eben diese Erzhlungen,
welche, im Lauf eines Jahrzehnts entstanden, unter dem Titel Bunte
Steine vereinigt sind, ein deutliches Bild. Es deckt sich wie nur immer
im Schaffen eines geistigen Menschen mit dem Bild der Persnlichkeit.

Der eben erwhnte Gegensatz zwischen der frhen und der spteren
Kunstform besteht notwendig auch zwischen der ungebrochenen Natur des
jugendlichen und der geistigen Haltung des alternden Dichters, es ist
der Gegensatz romantischer und klassischer Gesinnung. Das Stiftersche
Werk ist zur knstlerischen Gestalt gewordene berwindung dieser
Polaritt, und jedes seiner Teile enthllt die ganze Problematik des
Werdegangs, der ein schwerer Kampf gewesen ist; ein Kampf zwischen Geist
und Natur, in dem der Sieg nur mglich war auf Kosten der verleugneten
Realitt. Je grer der Triumph des Knstlers war, um so tiefer mute
der Mensch leiden. Aus dem berschwang des Gefhls, aus dem
dichterischen Traum von groartigen und erschtternden Begebenheiten,
aus Unfreiheit und Unbefriedigtheit, die im Jenseits der Phantasie
erschaffen will, was ihr die schmerzensvolle Gegenwart vorenthlt,
gewinnt das Werk in zielstrebiger Anspannung eines immer entschiedener
werdenden Kunstwollens seine bedeutende Form. Gewinnt es, sich
bescheidend und konzentrierend, die Kraft der Liebe, seine starke und
zarte Verhaltenheit, seine stille Musik, und die in sich beruhigte,
klingende Harmonie.

Man mu daran erinnern, da diese heiteren klaren Erzhlungen aus einem
unsagbar einsamen Leben kamen, dem kein tieferes Verstndnis und Glck
der Wirkung beschieden war. In Armut verlebte Stifter seine Jugend, sein
ganzes Leben in ihm verhater Einschrnkung; eine unglckliche Liebe
grub ihre Spur tief in seine Seele, und in einer wenn nicht
unglcklichen, so doch glcklosen Ehe gingen dreiig Jahre dahin.
Kinderlosigkeit, Leid ber Leid in der Familie, Erfolglosigkeit in der
Berufsarbeit, Unzufriedenheit mit den politischen und seelischen
Zustnden der Gesellschaft, und zuletzt die schwere Erkrankung, die zum
Tode fhrte -- das war der dstere Hintergrund, von dem sich das
dichterische Werk abhebt; eine selbstgeschaffene Welt des Lebens in
Freiheit, Sonne und Wohlstand, des Familienglcks und der Verwirklichung
aller Ideale.

Wenn ein Zeitgenosse einst schrieb, Stifter sei wie kein zweiter mit
seinen Bchern identisch, so ist das trotz des scheinbaren Widerspruches
ein ebenso richtiges wie schnes Urteil. Nur ist das seinen Bchern
entsprechende Dasein freilich nicht die Realitt des ueren Lebens,
welches dieser stille und ttige, dieser sehnschtige und wenig geliebte
Mensch auf Erden gefhrt hat. Nicht etwa, da er wie ein weltfremder
Schwrmer in einem Doppelleben, in einer Traumwelt den illusionren
Ersatz fr alles Entbehrte gesucht hat -- so einfach, wie unsere
Psychologen glauben machen wollen, wenn sie das Werden eines Knstlers
und seines Werkes mit dem Wort vom Ressentiment erledigen, so einfach
ist das Problem eines Dichterlebens sicherlich nicht zu lsen. Das
redliche Leben jedes bedeutenden Menschen, nach seinem Ablauf
berblickt, verkndet die Macht eines Gesetzes, dem die ueren und die
inneren Ereignisse dieses Daseins gehorchen muten, um die lebendige
Einheit zu gestalten. Angesichts eines solchen Lebens empfinden wir
stets ehrfrchtig das Walten der hheren Notwendigkeit, in welche sich
die Schicksale und Werke fgten, und keine Wissenschaft kann uns
tieferes sagen, als da hier ein Mensch auserwhlt war, im Leid zu sein
und im Glck und immer nur im Dienst an seinem Werk.

                                   *

Man nennt Adalbert Stifter mit Recht einen Landschaftsdichter. Die
Landschaft ist das eigentliche Thema seiner Erzhlungen. Sie ist nicht
der Prospekt, vor dem sich das von ihr mehr oder weniger beeinflute
Ereignis abspielt, sie ist kein Akzidens mit der Aufgabe, einen ueren
Rahmen oder eine innere Stimmung zu erzeugen, sie ist der wesentliche
und Hauptinhalt dieser Geschichten, und die Menschen und Ereignisse,
deren Begegnungen den Stoff der Handlung geben, sind von ihr bestimmt,
ja sie sind in ihrer individuellen Erscheinung nur in ihr verstndlich
und mglich; von der berpersnlichen Natur werden sie nicht blo
umgeben, sondern geschaffen und geleitet. Und weil diese Landschaft, die
Stifter vornehmlich schildert, seine heimatliche Landschaft, eine
_epische_ ist, und Stifter wie wenig andere in der Erde seiner Heimat
wurzelte, atmet in seiner Sprache der groe Rhythmus dieser Hhenzge,
Ebenen und Waldberge, aus denen er kam und die ihn nie verlassen haben.
Das ist aber wiederum nicht so zu verstehen, als ob er das Beispiel
eines Heimatknstlers darstelle, der seine Eigenart aus der mtterlichen
Kraft der Scholle nhrt und dessen Frucht nur auf dieser Scholle
gedeiht. Solche Verengung aufs Bodenstndige, aufs Bodenbedingte, die
aus unknstlerischen Tendenzen an vielen versucht wurde, verginge sich
gegen Stifters wahre Gre. Denn dieser Provinziale, der in einem
entlegenen Winkel des deutschen Sprachgebietes zu Hause war und blieb,
hat mit der Kunst seiner Sprache und mit dem Wissen um alle Weiten und
Tiefen der menschlichen Natur die Welt gewonnen.

Es wre im Zusammenhang mit den Bunten Steinen besonders vermessen,
ber die Gesinnung und die Grundprinzipien der Stifterschen Kunst zu
sprechen. In dem Vorwort zu diesem Buche hat er alles, was er darber zu
sagen hatte, zusammengefat. Fast mchte man es Friedrich Hebbel zu Dank
wissen, da er durch seine verstndnislose Beurteilung der Studien
den Anla zu dieser Rechtfertigungsschrift gegeben hat, die uns um ein
edles, mnnliches und weises Bekenntnis bereichert. Wir wollen das
sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht
geleitet wird ... -- dieser Blick auf das Totale, diese Anschauung aus
der Hhe einer weltberschauenden Weisheit widmet sich nun dem besonderen
Einzelnen und setzt es Zug um Zug zum groen Bild des Alls zusammen. Wie
wenig angebracht ist es doch, hier mit Unterschtzung oder gar spttisch
von Kleinmalerei zu sprechen! Aus dieser vom Transzendenten zum
Irdischen, vom Allgemeinsten zum Begrenztesten gerichteten Bewegung
ergibt sich das rtselhafte knstlerische Ereignis, da -- in ihrer
Umkehr -- jedes Stck zu einem epischen Ganzen wird; denn alles
Einzelne, die Steine und Grser des Feldes und die leisen Regungen in
den Seelen der Menschen sind nur Spiegelbilder von kosmischen Zustnden
und Bewegungen, welche die Welt beherrschen und bilden.

Eine kleine Erzhlung wie Granit ist durchleuchtet von dieser groen
Kunst. Da gibt es keinen Rahmen, kaum eine Handlung, keine Tendenz,
alles scheint naturhafte Willkr; und doch lebt das Ganze in einer
vollkommenen Verbundenheit der Motive und Sphren. Wie eine unbedeutende
Anekdote aus der Kindheit zum Ausgangspunkt der Erzhlung wird -- man
merkt es kaum--, wie sich das geschichtliche und das landschaftliche
Panorama ineinander entfalten, wie die Wanderung durch das Gelnde und
durch die schweren alten Zeiten geht, und wie schlielich alles wieder
in die Gegenwart der Kindheit zurckkehrt, halb Traum, halb
Wirklichkeit, das ist epische Dichtung. Episch auch der Untergrund von
Volkssagen und Geheimnis und die innige Verwobenheit von Menschen und
Landschaft. Schauder der Vergangenheit dringt in den friedlichen
Sommertag und die Jugend des Kindes verbindet Gewesenes und Seiendes mit
aller Zukunft. Die Sprache hat die Klarheit der Gebirgsluft und ihr
Gefge ist stark und streng wie Granit.

Eine besondere Entdeckung Stifters ist die arme Schnheit. Es gibt
keine Kreatur auf Erden, und wre sie die geringste, die gottverlassen
ist, und nicht die kahlste und klteste de ist trostlos und ohne
Wunder. Der wsten, traurigen Landschaft gewinnt diese Kunst einen
bezwingenden Reiz ab, und der armseligste Mensch enthllt sich ihr in
seiner natrlichen Schne, wie der bitterlich arme Pfarrer im Kar, der
Heilige im Kalkstein.

Was in dieser Erzhlung geschildert wird, ist die Gestalt eines
Menschen. Wie immer, sind auch hier die Elemente der Natur im Einklang
mit den ueren und den seelischen Vorgngen; aber nun ist es die im
Mittelpunkt der Handlung stehende Person, welche die ganze Atmosphre
beherrscht. Man knnte sagen, da sich die Atmosphre zu dieser
krperlichen Erscheinung verdichtet. Sie wird zur Gestalt, zum
lebendigen Symbol; aus Einfalt und Armut wchst sie empor zu einem
Bildnis der unendlichen Gte, des Heldentums und der Heiligkeit. Der
Dichter spricht das freilich nicht aus, seine Worte unterdrcken
vielmehr fast ngstlich jeden vollen Ton, alles schimmert nur schwach
in den gebrochenen Farben und Schatten der Kalksteinheide; aber die
wahrhafte Liebe zaubert aus dieser Kargheit einen luftigen Glanz,
der die kahlen Hgel und das Leben in ihnen verklrt, und der die
Erscheinung des Pfarrers, dieses armen Glcklichen, ewig umstrahlt.

Es ist ein allerpersnlichstes Thema, das Stifter hier anschlgt: das
Hohelied der Entsagung, der opferbereiten Hingabe. Dieser Pfarrer im
Kar ist ein Asket, ohne selbstqulerisch und weltflchtig zu sein, er
kasteit sich nicht um der Bue willen, sondern um durch jeden denkbaren
Verzicht die Verwirklichung seines humanen Ideals zu frdern, er
verleugnet sich selbst, um fr die Welt und fr sein Werk zu leben, ein
Realist wie jeder Fromme und wie der Knstler. Und wenn er sagt, da
jeder Mensch auer seinem Amte und Berufe noch etwas finden oder suchen
soll, das er zu verrichten hat, damit er alles tue, was er in seinem
Leben zu tun hat, so ist damit dem kategorischen Imperativ der Pflicht
noch ein briges hinzugetan, eine Forderung, die nur den Frommen und den
Knstler angeht. In diesem Sinne ist der Pfarrer das Gegenbild seines
Dichters, und es ist unsagbar rhrend, wie aus einzelnen Zgen an jener
Gestalt ein Licht ins Innere des Dichters dringt. Der stille Held der
Erzhlung, der allem leicht entsagt hat, was das Leben erleichtert und
verschnt, kann sich von dem einzigen Luxus, den er aus einer fernen
Vergangenheit in Wohlstand sich bewahrt hat, von seiner feinen Wsche
nicht trennen, er leidet unter dieser Schwche und sie macht ihn doch
nur liebenswerter und ehrwrdiger. Dieser Zug setzt nun am Eingang der
Geschichte ein, geht ganz behutsam durch sie hindurch, verwebt sich mit
der hauchzarten Schilderung einer ersten Liebesahnung zweier junger
Herzen und wird am Ende dann in den persnlichen Bereich des Erzhlers
gehoben. Wie er in seiner tiefen Bedeutsamkeit fr das Schicksal und
Wesen der Hauptfigur immer nur leise angedeutet und niemals gedeutet
ist, das zeigt deutsche Prosadichtung auf einer selten erreichten Hhe.

In der Erzhlung, die Stifter Turmalin benannt hat -- ursprnglich
Der Pfrtner im Herrenhause -- begibt er sich auf von ihm nicht oft
betretenes Gebiet. In den wenigen Worten, die er der Geschichte
vorausschickt, spricht er ihren dunklen Sinn so aus: Es ist darin wie
in einem traurigen Briefe zu entnehmen, wie weit der Mensch kommt, wenn
er das Licht seiner Vernunft trbt, die Dinge nicht mehr versteht, von
dem inneren Gesetze, das ihn unabwendbar zu dem Rechten fhrt, lt,
sich unbedingt der Innigkeit seiner Freuden und Schmerzen hingibt, den
Halt verliert und in Zustnde gert, die wir uns kaum zu entrtseln
wissen. Diese Worte werden hier wiederholt um der Bedeutung willen, die
ihnen fr die Glaubens- und Gedankenwelt Stifters zukommt. Das Wort
_Schicksal_ ist heute ein altmodischer Begriff geworden, dessen Substrat
die moderne Gewitztheit schlankweg im Krperlichen lokalisieren zu
knnen glaubt. (Es fiele ihr gewi nicht schwer, die Eigenart
Stifterscher Charaktere aus der Analyse ihrer Kindheitserlebnisse zu
erklren und den dichterischen Erlebnisproze als neurotische
Erscheinung auszudeuten.)

Was nun vorhin von dem metaphysischen Entwicklungsgesetz gesagt wurde,
da es ber dem gerade gelebten Menschenleben sichtbar waltet, das ist
das religise Grundgefhl, aus dem der Dichter seine Gestalten zu ihren
Konflikten und zu ihrer Harmonie gelangen lt. Der Glaube an die
unwandelbare Sicherheit des inneren Gesetzes, von dem der Mensch nicht
ohne Gefahr lassen darf, mag dem Dichter den Ruf eines gtigen
Optimisten eingetragen haben, aber solche Bezeichnung wird seiner
Gesinnung nur sehr oberflchlich gerecht; sie trifft durchaus nicht die
Lebensanschauung in ihrer Tiefe. Dort ist _Glauben_, und das fromme
Vertrauen in die schicksalhafte Notwendigkeit ist der Urgrund, auf
welchem die _Vernunft_ die Formen baut, in denen der Mensch seine Mae
und Ziele findet. Wer diese Bedingtheit miachtet, wer sich der
Intensitt seiner Empfindungen hemmungslos berlt, mu sich im
Labyrinth der eigenen Innenwelt, die ungeformt die eigene Unterwelt ist,
verlieren; er verliert sein Weltverhltnis und seine geistige Aufgabe
und geht den Weg in die Nacht, die dunkelschn und rtselvoll ist wie
die Farbe des Turmalins. Ein solches Schicksal zu schildern, mute
Stifter, der spter den Sinn seines Dichtens vornehmlich in der
sittlichen Erziehung sah, sehr angelegen sein. Aus diesem Bestreben ist
die Geschichte von dem unglcklichen Ratsherrn entstanden, fast eine
Novelle. Sie bewltigt freilich das Thema nicht in dem sonst erreichten
Mae; es geht ein Ri durch sie, der die Einheit des Ganzen bedroht, und
wir vermissen den Schein jener berwirklichkeit, der ber Stifters
besten Erzhlungen ausgebreitet ist. Die Darstellung bemht sich mit
Erfolg um eine gewisse Naturtreue, die gewhnlich auf Kosten der
knstlerischen Wahrheit erzielt wird. Vielleicht ist es kein Zufall,
da gerade im Turmalin das Landschaftliche keine Rolle spielt.

Um so reiner und selbstndiger wirkt es sich im Bergkristall aus, der
berhmten Weihnachtsgeschichte, in welcher die Schilderung der Natur in
der Tat zur Handlung erhht ist. Es ist ber diese vollendete Erzhlung
wenig zu sagen; ihre Schnheit hat je und je den Leser beseligt. Der
Dichter selbst hielt sie neben Katzensilber fr das beste Stck der
Sammlung, wenngleich er, nie zufrieden mit seinem Werk, sich die
Mglichkeit wnschte, diesen Kristall noch einmal zu reinigen und zu
fassen -- er knnte noch ein Diamant werden. Man mu in der Biographie
Stifters das geringfgige Begebnis nachlesen, das den Anla zu der
Dichtung gegeben hat, in der nicht viel mehr erzhlt wird, als da zwei
Kinder, im Hochgebirge wandernd, infolge eines dichten Schneefalls den
Weg verfehlen und die Christnacht im Gletschereis verbringen, bis sie am
Morgen gerettet werden. Aber das ist nicht mehr dargestellt, sondern das
Walten der Elemente nimmt Gestalt an, die Stille der Nacht wird hrbar,
wir selber sind die Kinder geworden, die da durch den heiligen Abend
gehen und gehen mit der Unablssigkeit und Kraft, die nur Kinder und
Tiere haben, und wir erleben das Wunder.

Und was soll ber das Wunder dieser Sprache gesagt werden? Ihre
Einfachheit enthlt alle Flle, ihre Ruhe alle Bewegtheit der Welt. Die
Schilderung des Schneefalls ist schon oft verherrlicht worden; und wenn
ein alter Kritiker sagte, da das Ja Konrad des geduldig glubigen
Mdchens mehr bedeute als eine ganze Ostermesse von Novellen, so besteht
dieses gute Urteil erst heute, in dieser Zeit der Sprachverwilderung,
ganz zu Recht.

Katzensilber ist unter den Erzhlungen dieser Sammlung am sptesten
entstanden, eine rein epische Dichtung, die ihre stilistische
Fortsetzung in den groen Altersromanen Stifters gefunden hat. Wenn ihr
nicht derselbe Beifall beschieden war wie anderen seiner Erzhlungen, so
rhrt das daher, da das knstlerische Prinzip der spteren Werke
unverstanden blieb. So sah man Langatmigkeit, Pedanterie und
Unwirklichkeit in einer Darstellungsform, zu deren eigentlichem Wesen
das gelassene Nacheinander, das tiefgrndig Grndliche, Breite und
Realittssteigerung gehren. Stifter ist seinen schweren Weg
unverdrossen gegangen -- im Nachsommer ist die Hhe gewonnen und
Katzensilber ist der Vorbote. Der Stoff dieser Geschichte vom braunen
Mdchen ist karg, die Handlung fast Nebensache, alles ist zur Form
verdichtet, zur Form, der der Dichter nie genug tun zu knnen glaubte.
In dieser Erzhlung stehen Stze von einer vollkommenen Epik; es sind
die langen Perioden, deren scheinbare berflssigkeit oft belchelt
wird; so z.B. wenn der Weg beschrieben wird, der vom hohen Nuberg nach
Hause fhrte, oder wenn der Hausrat aufgezhlt oder wenn geschildert
wird, wie die Mutter den Kindern, einem nach dem andern der Reihe nach,
Erdbeeren auf die Teller legt -- da ist das Wesen der Erzhlung zum
Ausdruck seiner selbst gelangt. Das Gegenstndliche tritt so sehr
zurck, da z.B. die Hauptfigur in ihrer tatschlichen Existenz vllig
unerklrt bleibt, wodurch nun ein Mythisch-Geheimnisvolles leise in die
Welt der Wirklichkeiten eindringt, um endlich ebenso still und
rtselhaft diese Welt wieder zu verlassen. Unvergleichlich aber ist der
erste Teil, in dem das Gehen der Menschenkinder, das Gehen der
Jahreszeiten und der Jahre mit den einfachsten Mitteln gestaltet ist.
Wre alles so, wie die ersten Bogen von 'Katzensilber', oder wie einige
Partien des alten Pfarrers -- was knnte das fr ein Buch sein! Das war
das eigene Urteil des Dichters.

Es ist schon erwhnt worden, da Bergmilch seine Eigenart am wenigsten
verrt. Es ist eine frh entstandene, fr eine Zeitschrift verfate
Erzhlung, die nur aus ueren Grnden den Bunten Steinen angegliedert
wurde. Freilich enthlt auch sie manches Schne; wie glcklich ist
allein das Motiv des weien Mantels und seiner Wirkung durchgefhrt --
in einer hchst kriegerischen Szene regt sich ein junges Mdchenherz und
die Liebesandeutung spinnt sich unterirdisch durch die Geschichte
weiter. Was aber das Auszeichnende an ihr ist, ist das Bekenntnis gegen
Krieg und rohe Gewalt, fr den Frieden und die Sittlichkeit, und dieses
Bekenntnis gibt auch ihr einen Wert in aller Zeit. Denn Stifter, der
Seelenfrieden-Stifter, war ein Tendenzdichter, und ein Wort von ihm
verdient wiederholt zu werden, nicht nur weil es schn, sondern weil es
auch fr uns gesprochen ist:

Meine Bcher sind nicht Dichtungen allein (als solche mgen sie von
sehr vorbergehendem Werte sein), sondern als sittliche Offenbarungen,
als mit strengem Ernst bewahrte menschliche Wrde haben sie einen Wert,
der bei unserer elenden, frivolen Literatur lnger bleiben wird als der
poetische; in diesem Sinne sind sie eine Wohltat der Zeit.

                                                  _Bruno Adler._





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