The Project Gutenberg EBook of Sturmzeichen, by Richard Skowronnek

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Title: Sturmzeichen

Author: Richard Skowronnek

Release Date: January 7, 2008 [EBook #24206]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STURMZEICHEN ***




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Sturmzeichen

Ullstein-Bcher

Eine Sammlung
zeitgenssischer Romane

[Illustration]

Ullstein & Co / Berlin und Wien




Sturmzeichen

Roman von

Richard Skowronnek

[Illustration]

Ullstein & Co / Berlin und Wien

Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung
vorbehalten. -- Copyright 1914 by Ullstein & Co.




In den ersten Maitagen hat die Berliner Illustrirte Zeitung den
Abdruck meines, im vorigen Jahre geschriebenen Romans begonnen. Als es
Hochsommer war, kam die sterreichische Note an Serbien, die
Mobilmachung Rulands und an dem denkwrdigen vorletzten Julitag die
Erklrung des Kriegszustandes fr das deutsche Reichsgebiet. Seitdem hat
sich in all seiner groartigen Wucht das gewaltige Drama verwirklicht,
der europische Krieg, dessen Nahen die Sturmzeichen ankndigten. Aus
der deutsch-russischen Spannung, die die Volkskmpfe am Balkan
hervorriefen, ist die Idee meines Romans geboren. Ich wute, wie es
jenseits der russischen Grenzpfhle, in den Kosakenquartieren aussah,
ich wollte warnen und zugleich meine ostpreuischen Landsleute schildern
in ihrer gelassenen Ruhe und ihrer unbeugsamen Kraft. So ist das
Grundgefhl, das meinen Roman durchzieht, die Liebe zur Heimat. Viel
Leid hat sie in den letzten Wochen erfahren, aber nur um so herrlicher
wird sie aus Verwstung und Not wiedererstehen.

                                             _Richard Skowronnek_

_Berlin_, im September 1914




1.


Neuer Sieg der Bulgaren ... die Trken in vollem Rckzuge ...
zweitausend Tote, fnftausend Verwundete ... Das neueste, das neueste,
das allerneueste Extrablatt ...

Gellend schrillte die laute Knabenstimme ber den in vornehmer Ruhe
liegenden Knigsplatz, der Portier des Groen Generalstabes verlie
seine Loge und trat durch die schwere Flgeltr auf die schon in
abendlichen Dmmer getauchte Strae hinaus.

Kostenpunkt, Kleener? und er griff in die Tasche.

For Sie, Herr Jeneral, jratis! Kinder unter zehn Jahren und Militr
von' Feldwebel abwrts man blo de Hlfte ...

Der kecke Junge in der Uniform einer groen Berliner Zeitung zog das
oberste Blatt von dem hohen Stapel, den er im linken Arme trug, und
rannte weiter: Neuer Sieg der Bulgaren ... die Trken in vollem
Rckzuge ... zweitausend Tote ... fnftausend Verwundete ...

Der Alte in dem wrdigen dunkelblauen Uniformrocke befestigte
umstndlich einen schwarzen Hornkneifer vor den weitsichtigen Augen und
entfaltete das noch feuchte Zeitungsblatt.

_Sofia_, 19. Juni. (_Telegramm unseres nach dem Kriegsschauplatze
entsandten Spezialkorrespondenten_.) Sicheren Berichten zufolge, die aus
dem Hauptquartier hierher gelangt sind, ist gestern den siegreichen
bulgarischen Waffen ein neuer Erfolg beschieden gewesen. Der Division
Radulowitsch ist es gelungen, den Feind aus seiner stark befestigten
Stellung auf den Hhen von Koprl-Burgas zu vertreiben. Die Trken
verloren zweitausend Tote und fnftausend Verwundete, die Verluste auf
bulgarischer Seite werden als gering bezeichnet. Die geschlagene
trkische Armee befindet sich in vollem Rckzuge auf ... Der alte Herr
unterbrach sich, rckte das Blatt ein wenig nher an die Augen ... Wie
heit das? I der Deuwel soll diese pollakschen Namen aussprechen!

Eine Sprengmaschine kam die Strae entlang, drei Jungen hinterher in
hohen Stiefeln und grauen Leinenrcken fhrten mit eingestemmten
Schiebern das rieselnde Wasser ber den feuchtglnzenden Asphalt, bis es
leise gurgelnd in den neben dem Trottoir liegenden Eisengittern
verschwand. Der Fhrer der Kolonne, der mit einem langgestielten Besen
der ausgiebigen Reinigung den letzten Schliff verlieh, fate militrisch
salutierend an die Schirmmtze und trat nher.

Jehorsamst juten Abend, Herr Feldwebel! Wat Neues?

I wo doch! Ejalwech dieselbe Jeschichte. Heut' haben zur Abwechslung
mal wieder de Bulgaren jesiegt. Morjen kommen de Trken und demangtieren
die Meldung. Die Blase da unten lgt doller wie die Franzosen Anno 70!

Sie meinen also, det alles, was in die Zeitungen geschrieben wird, is
nich wahr?

Na det jerade nich, 'n biken wat wird schon dran sind. Nur sie
iebertreiben ... mchtig! Aus jeder kleenen Priegelei machen se gleich 'ne
Schlacht. Jeradeso wie mein Kollege Fielitz aus 'n Kriegsministerium. Der
is Angler. Und jeder fingerlange Pltz, den er in' Liepnitzsee fngt an'
Sonntag, is hinterher 'n Hecht. Auf 'n linken Oberarm hat er schon 'ne
dicke Hornhaut, weil er jedesmal mit de rechte Hand hinschlgt, wie lang
det der Hecht gewesen is.

Und meinen Se nu, Herr Feldwebel, det wir in diese balkanischen Wirren
ooch reinverwickelt werden knnten?

Der alte Herr strich den schneeweien Kaiser-Wilhelm-Bart auseinander
und versetzte streng: Det is Amtsgeheimnis, mein Lieber! Darieber mu
man den Mund halten knnen, vastehn Se?

Der Beamte der Straenreinigung nahm unwillkrlich die Hacken zusammen.

Entschuld'gen Se jietigst, Herr Feldwebel! Nur jedetmal, wenn ick hier
an't Jeneralstabsjebude vorbeikomm' -- ick hab' nmlich hier den Rejong
um 'n Knigsplatz -- ja also, da mu ick immer denken, die da drin, die
wissen't. Und wenn man vier kleene Jren zu Haus hat und 'ne kranke
Frau, da macht man sich doch Jedanken. Wer ernhrt denn nu det kleene
Jewrm, wenn ick einrcken mu?

Na, da wird doch for jesorgt werden!

Kann sein, kann aber ooch nich sein! Und diese Unjewiheit is beinah'
so schlimm, wie wenn's schon wirklich Krieg wr. Sie, Herr Feldwebel,
merken das nich so, weil Se immer pnktlich Ihr Jehalt kriegen, aber
ich! Ich bin nmlich abends Logenschlieer ins Joethetheater. In zweiten
Rang. Hundeleer, sag ick Ihnen! Keen Mensch hat Jeld! Wenn se sich
amsieren wollen -- for zehn Fennje in Kientopp. Vor zwee Jahren ha'ck
noch mindestens 'n Taler einjenommen an Trinkjeld. Heute nich fufzig
Fennje! ... Und det stand neulich sehr richtig in de Zeitung: Wenn de
drckende Furcht vor'n Krieje nich von den Schultern des Volkes jenommen
wird, steuern wir rettungslos den wirtschaftlichen Unterjang entjejen!

Der alte Herr schob zwei Finger der Rechten zwischen die Knpfe seiner
Uniform und reckte sich.

Janz schn, aber wie denken sich das nu die Herrschaften in der
Zeitung? Soll vielleicht Seine Majestt an de Litfasulen kleben
lassen: 'Vlker Europas, beruhigt Euch! Unsere heilijsten Jter sind
nich in Jefahr, wenn diese Mauseratzenfaller da unten sich mit de Trken
'rumprgeln!'?

Der stdtische Reinigungsbeamte schttelte den Kopf.

Nee, Litfasule wr' ja nich jerade ntig. Nur, wenn er mal wieder 'ne
Ansprache hlt, bei 'n Dineh oder so ... Und wenn er blo 'ne Ahnung
htt, _wie_ gro de Uffrejung in' janzen Volke is! ... Man kommt aus
'n Theater nach Hause um halb zwlf ... Um fnf in der Frh mu man schon
wieder dastehen bei Kolonne, ja ... man zieht sich auf de Treppe de
Stiebeln aus, um de Olle nich uffzuwecken, aber se liejt da mit
jlockenklare Oogen! Und se schnffelt mit de Neese, um de Trnen
runterzuschlucken: 'Jott sei Dank, det Du man wieder da bist,
Heinrich!' 'Na, wieso denn? Meenste, ick wr' unter'n Rollwagen
jeraten?' 'Nee, det nich, aber wejen Mobilmachung! De Schultzen drieben
in Jrienkramkeller hat aus 'n Abendblatt vorjelesen, wir mten jetzt
ooch das Schwert ziehen, wenn de Russen jejen unsere Bundesbrieder, de
Oesterreicher, losjehn wrden.' 'Quatsch,' sag' ick natierlich, aber
innerlich is mir jarnich so. 'Unser Friedenskaiser wird doch nich uff
eenmal Krieg anfangen?' 'Nee,' sagt sie, 'er nich, aber die andern! Und
wat mach' ick krankes Wurm denn nachher mit die vier Jren, wenn se Dir
dotschieen? Ick steck' zehn Jroschen in' Jasautomaten, la de Kleenen
Schnaps trinken, und denn den Hahn uff.'

Der alte Feldwebel legte ihm die Hand auf die Schulter.

Na, na, na, beruhijen Se man det Frauchen! Und mit det Dotschieen is
es nicht so ngstlich! Sehen Se mich an! Vierundsechzig, Sechsundsechzig
und Siebzig hab' ich mitjemacht, zweiunddreiig Jefechte und Schlachten.
Darunter Dppeler Schanzen und St. Privat! Wat is mir passiert? De
Dejenscheide haben se mir abgeschossen, so da ick meinen Paddenspicker
barfu tragen mut'! Wat aber ihre sonstigen Beklemmungen sind, da sagen
Se ihr, Se htten mit _mir_ jesprochen! Nach meinen Informationen --
wenn nich janz wat Dolles passiert -- is an Krieg nich zu denken! Wir
halten das scharfgeschliffene Schwert in der Scheide und unser Pulver
trocken!

Na denn, Jott jebe, det es nich losjeht ...

Durch die halbgeffnete Flgeltr kam raschen Schrittes ein junger
Offizier in Generalstabsuniform. Sein offenes, frisches Gesicht, in dem
ein paar kluge blaue Augen standen, hatte etwas ungemein Liebenswrdiges
und Sympathisches. Er hob hflich die Hand an den Mtzenschirm.

Pardon, meine Herren, wenn ich stre ... Sagen Sie mal, lieber Schmidt,
ist Herr Hauptmann von Sternheimb schon gegangen?

Der Alte nahm die Hacken zusammen.

Nein, Herr Hauptmann, ich htte es sonst sehen mssen.

Also ich gehe langsam voran, da drben an der Litfaule werde ich
warten. Guten Abend.

Jehorsamst guten Abend, Herr Hauptmann! Werd's ausrichten ...

Der Beamte der Straenreinigung sah dem davonschreitenden Offizier
wohlgefllig nach.

'n nobler Herr! Haben Se jehrt, Herr Feldwebel? 'Pardong, meine
Herren,' hat er jesagt! Aber det so wat schon Hauptmann is ... ick hatt'
jedacht, da kommt 'n janz junger Leutnant!

Ja, sagte der alte Herr, und in seinem Ton klang liebevolle
Bewunderung mit, so wat von Karriere war ooch noch nich da! Een Kppken
-- det wird mal so sicher Kommandierender General, wie zwei mal zwei
vier is! Zum Herbst is er hier fertig, dann kriegt er in der Front 'ne
Schwadron, weil er doch frher Kavallerist war, und dann kommt er nach
zwei Jahren zurck in' Jeneralstab!

I der Tausend! Wie heet er denn?

Jaston Baron Foucar von Kerdesac!

Det klingt ja so franzs'sch!

Is et ooch! Aus 'ne alte franzsische Refugiehfamilje!

Der Beamte der Straenreinigung schttelte bedenklich den Kopf.

Und denn in preu'schen Jeneralstab? Wo er an alle Jeheimnisse 'ran
kann und so?

Der alte Herr brauste zornig auf.

Se werden sich Unannehmlichkeiten zuziehn, vastehn Se? Und haben Sie
'ne Ahnung! Mein Hauptmann Anno Siebzig hie Baron de Saint-Villiers!
Ooch 'n franzsischer Name, aber er jing druff wie Blcher!

       *       *       *       *       *

Hauptmann von Foucar stand wartend an der Litfasule, las mechanisch
die bunten Zettel, die das Vergngungsprogramm der Reichshauptstadt
enthielten, fr Leute, die Zeit hatten. Und unwillkrlich mute er
denken, fast fnf Jahre lebte er nun schon in Berlin, mit einer einzigen
kurzen Unterbrechung, und von alledem, was sich da anpries, kannte er
herzlich wenig. Frher, auf der Akademie, war er doch noch ab und zu
einmal ins Theater gekommen, jetzt aber, seit er zum Groen Generalstabe
kommandiert war, schluckte einen der Dienst mit Haut und Haaren auf. Ein
bichen einseitig wurde man dabei und vielleicht auch reichlich
weltfremd, aber das war nicht zu ndern.

Hinter ihm erklang das Rasseln eines Sbels, ein sporenklirrender Tritt.
Er wandte sich um, statt des erwarteten Kameraden kam sein
Abteilungschef gegangen. Ein hochgewachsener, hagerer Herr mit einem
bartlosen Gelehrtengesicht, dem ein paar scharfblickende Augen unter
buschigen Brauen einen Zug sthlerner Energie verliehen.

Oberst Wegener hob zwei Finger der Rechten in die Hhe des
Mtzenschirmes.

Na, lieber Hauptmann, studieren Sie, in welches Theater Sie gehen
wollen? Die breite Aussprache einzelner Vokale verriet den geborenen
Ostpreuen.

Gaston von Foucar erwiderte respektvoll den Gru seines Vorgesetzten.

Dazu drfte es schon zu spt sein, Herr Oberst!

Ja, nchstens wird man sich in der alten Bude sein Bett aufschlagen
mssen. Und, passen Sie auf, es kommt noch doller. Von Montag an werden
wir -- wie nennt man es doch in den Fabriken -- ja richtig,
Nachtschichten einlegen mssen! Na, wie ist's nun? Kommen Sie mit? Wenn
ich nicht irre, haben wir denselben Weg nach dem Westen.

Sehr wohl, Herr Oberst. Er nahm die Respektseite seines Chefs: Und es
ist natrlich keine Neugierde -- meinen Herr Oberst, da dieses erhhte
Arbeitspensum unserer Abteilung nicht blo eine Art von notwendiger
Vorsichtsmaregel ist? Da diesmal ein bestimmter Entschlu dahinter
steht?

Oberst Wegener hob die hageren Schultern.

Ich habe den Befehl, fr drei Armeekorps, die -- entgegen dem
bisherigen Mobilmachungsplan -- nach Osten geschmissen werden sollen,
die ntigen Befrderungsmittel und Fahrplne auszurechnen. Mehr wei ich
auch nicht, aber aus allerhand Anzeichen schliee ich, da es diesmal
endlich Ernst werden knnte. Es riecht _sehr_ sengerig.

Na, Gott sei Dank!

Nicht wahr? Es wre Zeit, da die Herrschaften da drauen einmal sehen
wrden, da unsere Armee nicht blo 'ne Vogelscheuche ist, der die
Spatzen auf der Nase 'rumhopsen drfen!

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her, der Oberst musterte
den neben ihm schreitenden Untergebenen mit einem gewissen Wohlgefallen.

Sagen Sie mal, lieber Foucar, Sie waren wohl nicht sehr begeistert, als
man Sie fr das letzte halbe Jahr in meine Abteilung verschmetterte?

Wenn ich ganz ehrlich sein soll, Herr Oberst, ich war in der Tat ein
bichen beteppert.

Kann ich verstehen. Den ganzen Tag Fahrplne schmieden, Waggons
'ranschaffen und Anschluzeiten ausrechnen ...

Sehr wohl, Herr Oberst! Die erste Woche war ich auch ganz trostlos.
Wenn ich abends 'rauskam, war mein Gehirn wie Brei von dem unablssigen
Rechnen, und ich schimpfte mchtig. Dann aber ging mir der Seifensieder
auf. Ich sah mit einem Male die grozgigen Linien in unserer Arbeit,
ich empfand -- mchte ich sagen -- mit einer gewissen Ehrfurcht ihre
Wichtigkeit fr den Erfolg des Schlages, zu dem der Feldherr ausholt.
Ich will mal aufs Geratewohl sagen, in Modrilewo in Ostpreuen sollen
genau zwei Tage nach der Mobilmachung drei Regimenter Infanterie, ein
Regiment Artillerie und -- meinetwegen -- die Gumbinner Ulanen stehen.
Aber sie sind nicht da. Der Offizier in der Eisenbahnabteilung des
Generalstabes hat ein paar Augenblicke lang gedst ... in der
Berechnung der Fahrplanzeiten hat sich ihm ein Fehler eingeschlichen,
der auch bei der Revision nicht entdeckt wird. Das Verhngnis ist da!
Also da, meine ich, mu man mit Respekt auch an diese Arbeit herangehen,
in jedem Augenblick an die groe Verantwortlichkeit denken, und dann
fngt sie -- merkwrdigerweise -- auf einmal an zu schmecken!

Um die bartlosen Lippen des Chefs flog ein Lcheln, er deutete auf die
schmale Ledermappe, die sein Begleiter unter dem linken Arm trug.

Na, und da haben Sie, genuschtiger Mensch, eine Portion davon ber
Sonntag nach Hause genommen?

Nicht fr mich, Herr Oberst. Ich habe zuflligerweise heute abend
Schlu machen knnen. Aber mein Nachbar, Oberleutnant Wentorp, mute
morgen zu dem Begrbnis einer alten Tante nach Frankfurt an der Oder.

Der Oberst brummte etwas vor sich hin, was wie vielleicht auch
Verlobung mit 'ner jungen Cousine klang, und laut fgte er hinzu: Da
haben Sie sich die Arbeit also gutmtigerweise aufhngen lassen!

Was sollte ich machen, Herr Oberst? Sie mu doch nun einmal bis Montag
frh fertig sein!

Wenn der Herr Wentorp in der Woche sich mehr 'rangehalten htte ... na
schn! Und wieder nach einer kurzen Pause fragte er weiter: Nach dem
Manver -- wenn mit Gottes Hilfe nichts dazwischen kommt -- werden Sie
nun wieder in die Front kommandiert. Sie mchten natrlich zu ihrem
alten Regiment zurck, zu den Karlsburger Ulanen?

Nein, Herr Oberst, ich mchte gerne an die Grenze nach Osten. Speziell
nach Ostpreuen. Ich habe mal in der Eisenbahn einen Roman gelesen, der
dort spielte. Vielleicht mute man von den begeisterten Schilderungen
ein wenig auf das Konto der Heimatsliebe setzen, die den Verfasser
beseelte ... aber seit der Zeit habe ich eine gewisse Sehnsucht nach
diesem Land der dunklen Wlder und blauen Seen. Nur, wo ich nicht die
geringste Protektion habe, keine Stelle wei, an der ich eine
bescheidene Bitte vortragen knnte ...

Der Oberst hob, ein wenig argwhnisch, den Kopf. Wenn das ein Schuster
war, war es jedenfalls ein sehr geschickter ... aber nein, aus
jahrelanger Praxis besa er ein Ohr, das fr diese Sorte von
streberischen Schmeichlern besonders geschrft war.

So, so, nach Ostpreuen! Ich kann Ihnen sagen, auch die Menschen dort
sind kein bler Schlag. Es lohnt sich, sie nher kennen zu lernen. Und
wenn Sie sich an einen gewissen Oberst Wegener wenden wollten ...

Ach Gott, Herr Oberst ...

Der Chef lachte kurz auf.

Ne, ne, man nicht so voreilig. Der Oberst Wegener ist blo ein kleines
Kirchenlicht, aber wenn's ntig ist, kennt er gewisse Schleichwege von
hinten 'rum. Und der Kommandeur von den Ordensburger Dragonern ist ein
guter Freund von ihm, in zirka fnf Wochen will der einen seiner
Schwadronchefs absgen, _sptestens_, hat er mir geschrieben, in fnf
Wochen. Also wrden Sie sehr beleidigt sein, wenn Sie ausnahmsweise
schon vor dem Manver hier aus der Rechnerei 'rauskommen wrden?

Ach Gott, Herr Oberst ..., und ich wei wirklich nicht ...

Ne, ne, _ich_ wei ja noch gar nicht, ob's auch einschnappen wird! Und,
was ich fragen wollte, hat der Dichter da, von dem Sie vorhin sprachen,
auch was ber die ostpreuischen Mdels geschrieben?

Einen Hymnus, Herr Oberst!

Da hat er recht! Und Sie sind doch hoffentlich noch frei?

Der Hauptmann von Foucar lachte.

Ganz und gar! Der knigliche Dienst lt einem ja keine Zeit ...

Na, denn verplempern Sie sich auch nicht etwa noch in den letzten
Wochen! Und lassen Sie sich nicht beirren, wenn nachher in Ordensburg
die kleinen Margellchen 'Kartoffelkeeilchen' sagen und 'Aerbsen mit
Spck' ... Das ist nur ein kleines Sommersprochen, tut der brigen
Schnheit keinen Eintrag. Aber jetzt adieu ... ich sehe da ein leeres
Auto kommen, und eben fllt mir ein, meine Frau hat fr heute abend ein
paar Gste geladen. Er grte rasch und ging mit langen Schritten ber
den Straendamm.

He, Chauffeur, Uhlandstrae 51! Und im Einsteigen rief er zurck:
Sehen Sie, lieber Foucar, manchmal geht's auch ohne Protektion! Man mu
nur vor die rechte Schmiede kommen ...

Gaston von Foucar winkte mit der Hand einen respektvollen Gru, und es
stieg ihm hei in den Augenwinkeln empor. Welch ein prchtiger Mensch,
sein sonst so verschlossener und wortkarger Chef! Die angebliche
Gesellschaft zu Hause war doch nichts weiter als ein Vorwand, sich den
Dankesbezeigungen seines Untergebenen zu entziehen! Na, das lie sich
ja am Montag im Bureau nachholen, oder besser noch, man bewies seinen
Dank mit der Tat. Arbeitete diese letzten Wochen noch schrfer als
bisher, damit der Oberst auch sah, da er seine Gunst keinem Unwrdigen
zugewandt hatte. Ein unbndiges Glcksgefhl schwellte seine Brust. In
fnf Wochen war er drauen, wieder in der Front! Sauste an der Spitze
einer Schwadron -- _seiner_ Schwadron -- ber das Blachfeld, den blanken
Sbel in der Faust ... Wenn das Glck gut war, gleich ber die Grenze,
in Feindesland ... Wahrhaftig, Zeit war es, da das deutsche Vaterland
sich einmal darauf besann, das Schwert aus der Scheide fliegen zu lassen
und mit mchtigen Schlgen um sich zu hauen. Die Herrschaften rechts und
links bildeten sich sonst womglich ein, es wre eine eingerostete alte
Plempe, auch kein Stahl mehr, sondern ein mit Stanniol beklebter
Waschlappen ... eia, das sollte eine Enttuschung geben! ... Und mitten
in aller Freude flog es ihm durch den Sinn, von welchen Zuflligkeiten
doch Menschenschicksale gelenkt wurden. Wenn er sich aus irgendeinem
Grunde ein paar Minuten lnger bei der Arbeit aufgehalten htte, wre
die so folgenreiche Begegnung mit dem Chef doch niemals zustande
gekommen.

Also hatte er mal wieder Glck gehabt, richtiges Soldatenglck, und
eigentlich htte es sich gehrt, auf dieses frhliche Ereignis eine gute
Flasche zu setzen. Aber schlielich, wenn er auch in das Restaurant
fuhr, in dem er sich ab und zu mit einigen Herren seiner Abteilung traf,
so nahe stand ihm keiner von ihnen, da er htte sagen knnen: Kommen
Sie, ich mu Ihnen bei 'nem Glas Sekt erzhlen, was ich eben fr einen
Riesendusel entwickelt habe ... So etwas verwahrte man am besten still
im eigenen Busen, wenn es bei dem anderen nicht sehr gut aufgehoben war
... Und dann war da auch die nun mal bernommene Arbeit, und schlielich
konnte man die gute Flasche auch fr sich allein zu Hause trinken, der
kleinen alten Dame im Schwabelndle einen Gru schicken ... Sie war doch
die einzige, die sich ehrlich freute, wenn ihr Junge wieder 'mal Glck
gehabt hatte. Die =S=-Bahn kam gefahren, bremste an der Haltestelle, er
stieg auf ... es ging ber den Groen Stern nach Hause.

Auf dem Hinterperron des Anhngewagens stand ein kleiner junger Herr in
modisch geschnittenem Sommerpaletot. Er lftete grend den Hut, an
seinem rechten Handgelenk blitzte ein goldenes Kettenarmband. Hauptmann
von Foucar erwiderte den Gru, aber konnte sich nicht entsinnen, wo er
den Herrn kennen gelernt haben mochte. Der stellte sich ihm gegenber:
Herr Hauptmann besinnen sich wohl nicht mehr auf mich?

Ich mu in der Tat sagen, so im Augenblick ...

Der kleine Herr lftete wieder seinen Hut.

Ich hatte vor einiger Zeit einmal im Pschorr die Ehre ... Segebrecht
von den Malchower Dragonern.

Ach so, jetzt natrlich ... Sie sind wohl wieder mal zum Rennen hier?

Ja, ich reite morgen im Grunewald den Marghilan meines
Regimentskameraden Hollenbeck. Wenn ich Herrn Hauptmann einen Tip geben
darf: da ist auf Sieg und Platz eine ganz anstndige Quote zu landen.

Danke verbindlichst, aber ich glaube kaum, da ich morgen Zeit finden
werde ...

Der Kleine griff eifrig in die Tasche.

Nun, fr alle Flle -- wenn ich mir gestatten darf -- ein
Tribnenbillett ...

Aber, ich bitte sehr, dafr werden Sie doch sicher eine bessere
Verwendung haben.

Nein, wahrhaftig nicht ... ich habe es zudem selbst geschenkt
gekriegt.

Nun denn, schnsten Dank -- Gaston von Foucar schob das Billett unter
den Aermelaufschlag seines Ueberrockes -- und Weidmannsheil fr
morgen!

Der Malchower Dragoner klappte die Hacken zusammen.

Weidmannsdank, Herr Hauptmann! Und merken Sie sich den Namen Marghilan
im Fortuna-Jagdrennen. Es ist das vorletzte. Herr Hauptmann knnen
getrost ein Pfund auf meine Chance riskieren. Es gibt todsicher
zwanzigfaches Geld, denn auer mir hat niemand eine Ahnung, da der Gaul
so grobe Klasse ist! Na und schlielich, der Steuermann, der draufsitzt,
ist doch auch kein Neuling zwischen den bunten Flaggen.

Gaston mute unwillkrlich lcheln. Wie siegesgewi der kleine Dragoner
dastand ...

Na, wenn die Sache so absolut sicher ist ... Aber wie soll ich mich nun
fr den zu erwartenden Riesengewinn revanchieren?

Indem Herr Hauptmann mir ebenfalls einen kleinen Tip geben. Der junge
Offizier trat ein wenig nher und sprach halblaut: Unsereins da in der
Provinz hat doch keinen Schimmer, was wirklich passiert ... also glauben
Herr Hauptmann, da es Krieg geben wird? Es war dieselbe Frage, die in
diesen aufgeregten und schweren Zeiten auf aller Lippen stand.

Gaston zuckte mit den Achseln.

Da fragen Sie mich zuviel, Herr Segebrecht. Das kann kein Mensch in
diesem Augenblick wissen.

Nun, ich meine, die Herren im Generalstabe knnen doch aus den ihnen
zugewiesenen Arbeiten immerhin einige Schlufolgerungen ziehen.

Ganz recht, aber Sie berschtzen mich. Ich bin in dem Riesenbetrieb
nur ein ganz kleines Rdchen, das an dem ihm zugewiesenen Platze
mechanisch sein Pensum herunterschnurrt.

Der kleine Dragoner machte ein etwas niedergeschlagenes Gesicht.

Herr Hauptmann wollen blo nicht! Und da kommt man nun bermorgen
zurck in das kleine Nest, alles bestrmt einen mit Fragen, der
Kommandeur an der Spitze: 'Na, Segebrecht, haben Sie in Berlin was Neues
gehrt? Wann reiten wir nun?' Da steht man denn ganz bld da ... Und zum
Schwindeln ist die Sache selbst doch viel zu ernst.

Ganz gewi! Vor allem viel zu ernst, um mit einigen leichtfertig
hingesprochenen Redensarten allerhand Befrchtungen oder Hoffnungen zu
wecken. Empfehlen Sie mich Ihrem Herrn Kommandeur, unbekannterweise, und
es lgen durchaus keine Anzeichen vor, aus denen man schlieen knnte,
der Krieg wre nher als sonst in all den letzten Jahren. Es wird scharf
gearbeitet natrlich.

Der Wagen hielt auf der Corneliusbrcke, der Malchower Dragoner streckte
seinem Gegenber respektvoll die Hand entgegen.

Heien Dank, Herr Hauptmann! Man wei doch jetzt Bescheid, und es wird
meinem Kommandeur riesig imponieren, wenn ich ihm auf Grund so
autoritativer Auskunft ein Expos ber unsere auswrtige Lage
hinschmettern kann -- aus dem Handgelenk! ... Aber jetzt mssen Herr
Hauptmann mich entschuldigen, ich habe in der Nhe noch einen Besuch in
Familie zu erledigen.

Er stieg eilig aus, und Gaston sah ihm lchelnd nach. Die Familie
schien in einer schlanken jungen Dame zu bestehen, die vom
Brckengelnder her mit ausgestreckter Hand auf ihn zutrat. Ein netter
kleiner Kfer war's, und er hatte recht, der Malchower Dragoner! Ein
paar weiche Mdchenlippen waren kurzweiliger als ein muffig riechendes
Aktenstck, in dem endlose Zahlenreihen umzurechnen waren. Und wer
mochte wissen, wer auf dem besseren Wege war, der ehrgeizige Arbeiter,
der sich kaum eine Pause des Verschnaufens gnnte auf dem steilen Wege
zum Ziel, oder der sorglos dahinlebende Leutnant? Kein Mdel am Wege,
dem er nicht keck den Hof machte, kein Trunk im Glase, den er
verschmhte. Wenn die Stunde schlug, hatte er wenigstens etwas genossen
vom Leben! Und die Kugel, die geflogen kam, machte keinen Unterschied.
Ob der Schdel da sich mit hochfliegenden Plnen trug, oder ob hinter
ihm leichtfertige Gedanken wohnten, Spiel, Weiber, Rennen und Jagen.

Das Blut ging ihm unruhiger als sonst durch die Adern. Als er jedoch zu
Hause war, setzte sich der Hauptmann von Foucar hinter das Aktenstck.
In ein paar Stunden glaubte er fertig zu sein, aber der Oberleutnant
Wentorp, der angeblich in Frankfurt an der Oder eine alte Tante begrub,
hatte von seiner kameradschaftlichen Geflligkeit einen etwas
ausgiebigen Gebrauch gemacht. Das war die Arbeit von zwei Tagen, die er
ihm da aufgehalst hatte.

Sein Bursche, ein biederer Schwab von den Karlsburger Ulanen, erschien
in der Stubentr.

Habe der Herr Hauptmann sonscht noch Befehle?

Ja, Hberle. Brhen Sie mir einen krftigen Tee auf, es wird heut wohl
wieder mal eine lange Nacht geben.

Befehl, Herr Hauptmann.




2.


Ueber der weiten Bahn im Grunewald schien die helle Sommersonne,
zauberte schimmernde Reflexe auf den grnen Rasen und die bunten
Toiletten, die den weiten Platz vor den Tribnen fllten. Ab und zu
brachte ein leichter Wind den wrzigen Duft der hohen Kiefern herber,
die die riesige Bahn umsumten, berall in der Runde mit ihren dunklen,
gezackten Kronen den Ausblick schlossen.

Als Gaston von Foucar sein Billett am Eingange vorzeigte, kam von den
Tribnen her ein wirres Durcheinander von Schreien und lauten Zurufen:
Mohnblte macht's ... Mohnblte ... feste, Bullock ... feste ..., und
schlielich ein einziges, wstes Gerusch, in dem nichts mehr zu
unterscheiden war. Jh danach eine kurze Pause, dann wieder wie ein
bers Feld rollender Donner: Mohnblte ... Bullock ... Mohnblte ...

Er schlenderte langsam der Tribne zu. Anscheinend hatte er den Anfang
versumt, die ersten Rennen waren schon geritten. Im Grunde
interessierte ihn nur das vorletzte. So stumpf wurde man im tglichen
Dienst, da man kaum noch teilnahm an den Kmpfen auf dem grnen Rasen,
die jedes Reiterherz doch hher schlagen lassen muten. Aus der
aufgezogenen Nummer an dem hohen, weien Gestell und aus dem Programm
ersah er, da die Graditzerin Mohnblte ein Lot von vierzehn, zum Teil
in England gezogenen Pferden geschlagen hatte. Das war ja ganz
erfreulich, gewi, aber er sah doch mit einem leisen Kopfschtteln zu,
wie das elegante Tribnenpublikum dem in schwarz-weiem Dre zur Wage
zurckreitenden Jockei eine Huldigung bereitete wie einem aus
siegreicher Schlacht heimkehrenden Feldherrn. Wenn die Damen aus so
unbetrchtlichem Anla schon mit begeisterten Schreien Blumen warfen,
Schirme schwenkten und dem blasiert lchelnden Jockei im Sattel die Hand
schttelten, welche Steigerung gab es da noch, wenn irgend eine groe
Tat zu krnen war im Dienste des Vaterlandes? Rissen sie sich da die
Kleider herunter und warfen sie die nackten Leiber vor die Rossehufe?
Ungesund war das alles, hysterische Uebertriebenheit, die sich kein Ma
zu finden wute.

Er ging durch die Gruppen, die sich um die Erfrischungsstellen drngten,
die Kassen des Totalisators strmten. Ueberall fieberte es von Erregung.
Die Kapelle der Gardedragoner im Musikpavillon intonierte ein
militrisches Potpourri, das mit dem alten Schlachtgesang anfing: Ich
bin ein Preue, kennt ihr meine Farben ... die Fahne schwebt mir schwarz
und wei voran. Ein Teil des Publikums sang mit ... wie eine Entweihung
kam es ihm vor.

Die Hauptrennen waren gelaufen, der Himmel verfinsterte sich pltzlich,
ein leichter Sommerregen strich ber die Flur. Da nahm die geputzte
Menge Reiaus. Nur die Wenigen blieben zurck, die an dem Ausgange der
letzten Ereignisse interessiert waren. Er mitten darunter -- er hatte
dem Malchower Dragoner ja versprochen, ein Goldstck auf -- wie hie der
Gaul doch gleich? -- ja, richtig, auf Marghilan zu setzen.

Das Pfund ging verloren, der hochbeinige Schinder zeigte schon am Start
das Gelst, seitwrts auszubrechen. Vor dem Wassergraben streikte er,
war weder mit Peitsche noch Sporn hinberzubringen. Da machte sich der
Hauptmann von Foucar auf den Weg. Und er lchelte. Das Selbstvertrauen
des kleinen Dragoners war ein wenig grer als sein reiterisches Knnen
gewesen. Auf solch einen Riesengaul gehrte einer, der strker war, der
diesem Verbrecher den Herrn und Meister zeigte, mit Faust und
Schenkeln. An den Tribnen ging er vorbei, ber den zweiten und dritten
Platz, wo Gentlemen ohne Hemdkragen, laut streitend, den Gewinn der
Wettgenossenschaft verrechneten. Die Treppe hinauf zu dem Restaurant.
Laute Musik -- in dem weiten, von einen Glasdache berdeckten Raume kein
Platz mehr frei.

An einem langen, dichtbesetzten Tische in der Nhe des Einganges reckte
sich ein blauer Aermel in die Hhe, besetzt von Silberlitzen. Ein
Landsberger Husar, der mit ihm zusammen die Akademie besucht hatte.
Leider mit mangelhaftem Erfolge, nicht mal zur hheren Adjutantur hatte
es gereicht. Er diente in der Front weiter als ein mivergngter alter
Oberleutnant.

Holla, Foucar, suchen Sie jemanden?

Nur einen Platz, um ein Kotelett zu essen! Ich komme fast um vor
Hunger.

Na, denn hierher, ran! Wenn wir ein bichen zusammenrcken, geht's
schon!

Er zwngte sich durch die engen Stuhlreihen. Der Landsberger Husar sagte
laut mit einer vorstellenden Handbewegung: Herr Hauptmann Baron von
Foucar vom Groen Generalstab ... Frau Rheinthaler -- noch vor kurzem
eine unserer gefeiertsten Bhnenknstlerinnen -- Herr Rheinthaler. Die
anderen Herrschaften mgen sich geflligst selbst ...

Die in der Nhe sitzenden Herren murmelten mit leichter Verneigung einen
Namen, die brige Gesellschaft nahm kaum Notiz von dem neuen
Tischgenossen. Ein Kellner brachte einen Stuhl herbei, Hauptmann von
Foucar schob sich neben den Landsberger Husar. Ihm gegenber sa Frau
Rheinthaler, eine junge Dame von etwa sechs- oder siebenundzwanzig
Jahren in einem raffiniert einfachen hellen Kleide, das alle Vorzge
ihrer ein wenig ppigen Figur zur Geltung brachte. Aus einem schmalen,
mit Venetianerspitzen besetzten Ausschnitte hob sich ein prachtvoller
Hals, darber ein klassisch schnes Gesicht ... groe, dunkle Augen,
deren Iris leicht blulich schimmerte, eine gerade, feine Nase mit
beweglichen Flgeln und unter einer wahren Flut dunkelblonden Haares ein
paar rosige kleine Ohren. Alles ein wenig zurechtgemacht. Unter den
groen Augen ein leichter Strich, die Lippen und Ohrlppchen ein bichen
zu rot, aber das Ganze von frappierender Wirkung. Eins jener Gesichter,
nach denen man sich unwillkrlich umsah, wenn man ihnen in der Menge der
gleichgltigen begegnete.

Frau Rheinthaler hob in komischem Zorn die Hummergabel gegen den
Landsberger Husar: Sie Bsewicht! Mssen Sie denn immer gleich
verraten, da ich frher einmal beim Theater war? Der neben ihr
sitzende Gatte, ein hagerer Herr mit starker Hakennase und eingefallener
Brust, fhrte hstelnd die knochige Hand zum Munde: Sei friedlich,
liebe Josepha, in fnf Minuten httest Du es dem Herrn Hauptmann da
drben ganz von selbst erzhlt. Und zu Herrn von Foucar gewendet,
fragte er: Sind Sie Theaterhabitu? Nicht ... na, dann mu ich noch
einmal vorstellen ... Er wies leicht auf die Gattin: Pepi Hohenthal,
vor einigen Jahren die entzckendste Dame =de chez Maxim=, die es je
gegeben hat. Als ich ihr mit Selbstmord drohte, wenn sie ihre
himmlischen Fugelenke noch fernerhin jedem Laffen zur Bewunderung
preisgbe, der vier Mark fnfzig Entree bezahlte, hatte sie Mitleid und
heiratete mich. Ihr Interesse am Theater beschrnkt sich jetzt nur noch
auf einige Gastspiele in der Proszeniumsloge bei den Premieren. Da
wartet sie, bis die frhere Kollegin auftritt, sich nach dem Herzen
greift und vor Aerger gelb und grn wird. Er hob sein Glas mit
eisgekhlter Erdbeerbowle und trank der Gattin lchelnd zu.

Die Umsitzenden brachen in Lachen aus, Herrn von Foucar wurde es ein
wenig unbehaglich zumute, an eine solche Unterhaltung war er nicht
gewhnt. Sein Nachbar aber stie ihn unter dem Tisch mit dem Fu an und
raunte ihm zu: Blo keine verwunderten Augen machen, sind in ihrer Art
ganz famose Leutchen und fhren das gastfreieste Haus im ganzen Westen
... Er nickte dazu. Was ging es ihn an? Heute hatte er diese Menschen
kennen gelernt, morgen sah er sie nicht mehr.

Die Unterhaltung am Tische wurde allgemein, man errterte die Ereignisse
des Renntages, und Gaston von Foucar erfuhr, da Herr Rheinthaler dem
Sport nicht nur als Zuschauer huldigte, sondern Besitzer eines namhaften
Stalles war. Zwei seiner Pferde hatten an der Hauptkonkurrenz des Tages
teilgenommen, das eine als Schrittmacher, das andere als erklrter
Sieger, beide aber htten durch die Schuld der Jockeis unter den
Unplacierten geendet. Der Landsberger Husar erklrte seinem Gegenber
eifrig, welche Fehler zu dem Verluste des Rennens gefhrt htten, Frau
Rheinthaler schob ihren Teller zur Seite und legte die schnen Arme auf
den Tisch.

Sie sind wohl fremd in Berlin, Herr Hauptmann?

Gaston verneigte sich leicht. Wie man's nehmen will, gndige Frau. Ich
bin schon einige Jahre hier. Zuerst auf Akademie, jetzt im Generalstab.
Aber ich habe mich nicht viel um Anschlu bemht. Ich hatte nmlich
immer reichlich zu arbeiten.

Interessieren Sie sich fr den Sport?

Natrlich! Jeder Kavallerist mu sich dafr interessieren. Die
Hindernisrennen sind gewissermaen die letzte hohe Schule fr unsere
Reiteroffiziere. Aus den auf dem grnen Rasen gewonnenen
Erfahrungen ...

Frau Rheinthaler schnitt ihm mit einer geringschtzigen Handbewegung die
Rede ab.

Ah was! Wegen der Wetten reiten doch blo die meisten von Ihnen, und
nachher wird gespielt. Manchmal, wenn ich schon wieder aufsteh', sitzen
sie noch mit meinem Mann zusammen im Herrenzimmer. Schrecklich -- er
ruiniert sich dabei. Nicht mit dem Geld. Da kann er verspielen, so viel
er will, aber mit der Gesundheit hlt er's nicht aus. Er hat einen
schlimmen Herzfehler, und seine Lungen sind angegriffen. Der Doktor
meint, jeden Tag knnt's eine Katastrophe geben, wenn er's so weiter
treibt, er aber lacht blo dazu. Er allein mt doch am besten wissen,
was ihm gut wr ... Und wenn er mal zusammengeklappt ist, eine halbe
Wochen zu Bett liegen mu, geht's hinterher um so rger los. Auf alle
Rennpltze schleppt er mich, nicht nur in Deutschland, und die Nchte
sitzt er mit den Karten in der Hand. Ich aber ... fr mich ist das alles
entsetzlich. Bei den Rennen langweil ich mich zum Sterben, versteh
partout nicht, wie man sich drum aufregen kann, ob eins von die Rsser
schneller lauft als das andere.

Frau Josepha machte eine kleine Pause, tippte ihren Gatten auf den Arm:
Du Fritzerl, bitt schn, a Zigaretten.

Herr Rheinthaler hielt ihr die Dose hin, ohne sich umzusehen oder sein
Gesprch mit dem Landsberger Husaren zu unterbrechen. Gaston von Foucar
aber fragte sich verwundert: Weshalb erzhlt mir die Frau blo das
alles? Vor kaum einer Viertelstunde hab ich sie kennen gelernt, und sie
breitet vor mir Intimitten aus, die man sonst doch fr sich behlt.

Frau Josepha hatte sich die Zigarette angesteckt und sprach weiter. Mit
einer leicht verschleierten, aber angenehm klingenden Stimme, der die
leise wienerische Frbung einen eigentmlichen Reiz verlieh. Und sie
nahm das Gesprch genau an dem Punkte wieder auf, an dem sie es
abgebrochen hatte.

Ja, also ... stumpfsinnig kann man bei diesem Leben werden. Und man
sehnt sich nach den Zeiten zurck, wo man noch Interessen hatte. Nicht
eine blde Rolle zweihundertmal nacheinander zu spielen, Abend fr
Abend, sondern neue Aufgaben zu gestalten. Ich war nmlich nicht nur in
Berlin am Theater, sondern frher in Wien, und da spielten wir mit
wechselndem Repertoire, Ibsen, Strindberg, Shaw, und man fand doch einen
Widerhall, wenn man was geleistet hatte. Die ganze Stadt sprach von so
einer neuen Rolle. Wie ich z. B. die Hedda Gabler kreiert hatte ...

Herr Rheinthaler wandte sich halb um, das letzte schien er gehrt zu
haben.

Entschuldige, liebe Josepha, ich mchte nur meine Zigaretten wieder
haben. Und mit einem leicht spttischen Lcheln fgte er hinzu: Sie
knnen nachher zu Hause die Kritiken lesen, Herr Hauptmann. Es war
phnomenal, ganz Wien war begeistert, hingerissen, verrckt. Ein
Jngling erscho sich an der Theaterkasse, weil er zu der zweiten
Vorstellung keinen Platz mehr kriegen konnte, und im Gemeinderat stellte
ein Abgeordneter den Antrag, der gttlichen Darstellerin der Hedda
Gabler schon jetzt ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof in sichere
Aussicht zu stellen, natrlich gratis und franko.

Frau Josepha blies gleichmtig einen kunstvollen Ring aus ihrer
Zigarette, hob ein wenig die vollen Schultern und machte zu ihrem
Gegenber eine bezeichnende Geste: Da, sehen Sie? Wenn wir uns nur
gegenseitig frozzeln knnen! Aber im Ernst: Ich mcht nicht, da Sie
glauben, ich schwatz Ihnen da was vor! Wollen Sie heute abend unser Gast
sein? Es sind nur ein paar Leute da. Es gibt auch blo eine Tasse
Kaffee, eine Zigarette und vielleicht, wenn die Stimmung danach ist, ein
bisserl Musik.

Gaston verneigte sich leicht: Sehr liebenswrdig, gndige Frau, aber
ich habe zu Hause eine Arbeit liegen, die ich unbedingt bis morgen
frh ...

Herr Rheinthaler fiel ihm ins Wort: Keine Ausflchte, Herr Baron! Das
Vaterland wird nicht in Gefahr geraten, wenn Sie sich zur Abwechslung
mal keine Schlachtplne ausdenken! Und jetzt auch nicht mehr lang
gefackelt! Die Autos stehen unten. Kellner, zahlen!

Es folgte ein allgemeiner Aufbruch. Herr von Foucar gedachte, sich auf
dem Wege zum Ausgange unauffllig zu entfernen. Da traf ihn ein
bittender Blick aus Frau Josephas Augen, und er ging mit.

An der Garderobe fand er Gelegenheit, den Landsberger Husar fr ein paar
kurze Minuten beiseite zu nehmen.

Sie, Wodersen, sagen Sie mal ...

Der Kleine hob die Hand: Wei schon! Sie wollen mich anpbeln, da ich
Sie in diese Gesellschaft da verschleppt habe! Glauben Sie mir, es ist
nicht die schlechteste. Der Mann fllt einem mit seinen ein bichen
saloppen Manieren ja auf die Nerven. Aber er macht von seinem immensen
Reichtum den denkbar vernnftigsten Gebrauch. Zwei Jahre hat er
hchstens noch zu leben -- da lebt er eben, wie's ihm Vergngen macht.
Rennen, Jagd, Kartenspielen. Namentlich das letzte. Wenn er zehn Stunden
beim Poker gesessen hat, und sein Arzt macht ihm Vorwrfe, zuckt er mit
den Achseln. Er sollte lieber seinen Scharfsinn anstrengen, einen neuen
Spieltisch zu erfinden, fr Leute, die nicht mehr viel Zeit haben. Mit
dem Mischen und Kartengeben gingen jedesmal drei kostbare Minuten
verloren.

Nun, und die Frau?

Ach, weil sie Ihnen gleich in der ersten Viertelstunde anvertraut hat,
was man sich manchmal erst nach lngerer Bekanntschaft erzhlt? Ich hab
mit halbem Ohr hingehrt -- da brauchen Sie sich nichts drauf
einzubilden! Das ist ihr gerade so durch den Kopf geschossen, und da
mute sie es aussprechen. Wenn sie zum Beispiel gefunden htte, da Ihre
Frisur Sie nicht kleidet, htte sie's vielleicht ebenso gesagt.

Aber das ist doch ...

Ein bichen unerzogen, wollen Sie sagen? Ich wei nicht! Ich werd' aus
der Frau nicht klug. Manchmal glaube ich, es ist bei ihr eine Art von
Koketterie, manchmal, sie ist so unbedingt wahrheitsliebend, da sie es
verschmht, anders zu sprechen, als sie im Augenblick gerade denkt. In
einer Art von souverner Unbekmmertheit wie eine Naturkraft, mchte ich
sagen, die nur ihren eigenen Gesetzen gehorcht. Na, Sie werden sich ja
selbst ein Urteil bilden knnen, wenn Sie von jetzt an fter in dem
Rheinthalerschen Hause verkehren.

Ich denke nicht daran, sagte er lachend. Der kleine Husar aber zuckte
mit einem leichten Seufzer die Achseln.

Ich kenne manche, die so hnlich gesprochen haben wie Sie ... aber so
ziemlich alle bisher sind wiedergekommen.

Ein Diener in dunkler Livree hatte Frau Josephas Htchen in einer
Lederschachtel verwahrt, sie trat in Automantel und Kapuze auf Gaston
zu.

Sie fahren neben mir, Herr Hauptmann! Ich steuere meinen Wagen selbst,
aber Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich hab' mich selbst viel zu
lieb, als da ich eine Unvorsichtigkeit begehen knnte. Und, als sie
nebeneinander die Treppe hinuntergingen, sah sie ihn lchelnd an.

Na, wie war nun der Steckbrief, den Herr von Wodersen Ihnen ber mich
gegeben hat?

=Fishing?= fragte er zurck.

In ihrer weien Stirn erschienen ein paar senkrechte Fltchen.

Ich wnsche nie, Komplimente zu hren. Merken Sie sich das, bitte, wenn
wir gute Freunde werden wollen! Und da trieb ihn eine seltsame Lust,
genau so aufrichtig zu sprechen, wie sie.

Gndige Frau, ich bitte gehorsamst um die Erlaubnis, sagen zu drfen,
da ich dazu keine Zeit haben werde. Ich habe viel zu viel zu arbeiten,
um daneben irgend welche Freundschaften pflegen zu knnen. Wenn ich
jetzt mit Ihnen fahre, weil ich zu hflich war, die Einladung Ihres
Herrn Gemahls abzulehnen, so kostet das mich meinen wohlverdienten
Schlaf. Die Arbeit, von der ich vorhin sprach, mu morgen frh fertig
sein.

Frau Josepha blickte, ein wenig verwundert, auf.

Und deswegen entschuldigen Sie sich? Herr von Wodersen hat mir schon
erzhlt, wie viel Sie zu arbeiten haben, vorhin, wie Sie mir auf dem
Rennplatz auffielen ...

Ich? Und wodurch, wenn ich fragen darf?

Sie errtete ein wenig.

Das sag' ich Ihnen ein andermal! Na, und nun der Steckbrief.

Ja, gndige Frau, ich wei nicht ... also gut, ich hatte mich
gewundert, da Sie so rckhaltlos zu mir sprachen. Ueber Dinge, die man
sonst ... na, und da versuchte Herr von Wodersen, mir das zu erklren.
Ich htte mir darauf nichts einzubilden, weil Sie immer aussprechen
wrden, was Sie gerade denken. Aus unbedingter Wahrheitsliebe oder --
ich wei nicht recht mehr -- aus Bequemlichkeit ...

Frau Josepha sah sinnend geradeaus.

Ich wei es selbst nicht. Als Kind hab' ich vielleicht zu wenig Schlg'
gekriegt. Ich war ein arg verzogener Fratz ... Aber in einem hat er
unrecht, der Herr von Wodersen nmlich: Sie drfen sich doch was drauf
einbilden! Ich war furchtbar rgerlich und verstimmt. Jeder andere htte
Grobheiten zu hren gekriegt, aber bei Ihnen war mir's halt so, als
mt' ich Ihnen erklren, weshalb ich so verstimmt war ...

Komisch, mute er unwillkrlich denken, das eitle kleine Frauenzimmer
da bildet sich wahrhaftig ein, es wre so etwas wie der Mittelpunkt der
Welt.

Frau Josepha setzte sich hinter das Steuer, er nahm zu ihrer Linken
Platz, der Chauffeur drehte die Kurbel an und sprang auf den langen
Seitentritt.

Wir haben nur ein paar Minuten zu fahren, sagte sie, lenkte den
schweren Wagen durch eine Lcke der die breite Heerstrae
entlangziehenden Fuhrwerke in freie Bahn. Und auf das, was Sie eben
gedacht haben, antwort' ich Ihnen zu Hause. Jetzt mu ich aufpassen ...

Sie brach ab. Eine Droschke kam angejagt, deren Lenker anscheinend die
Gewalt ber sein Rlein verloren hatte. Haarscharf bog das Auto an den
schleudernden Rdern vorbei. Da verfiel sie zornig in ihren heimatlichen
Dialekt: Kruzitrk'n, htt grad no g'fehlt! A Schlamperei is das, und,
Karl, rief sie dem Chauffeur zu, merken S' sich die Nummer von der
Droschken! So a Kerl, dem a lahme Zieg'n durchgehn tut, mu den
Fahrschein verlieren.

Die Villa Rheinthaler lag in einer Seitenstrae der Knigsallee,
inmitten eines groen Parkes, den dichtes Buschwerk und ein hohes
Eisengitter gegen zudringlichen Einblick der Vorbergehenden
verschlossen. Schlanke Kiefern hoben sich aus weiten Rasenpltzen,
seltene Zierbume vereinigten sich zu Gruppen, aus einem Teppich bunter
Blumenbeete sprang der mchtige Strahl einer Fontne. Als die Autos in
die Auffahrtsrampe lenkten, eilte ein halb Dutzend Diener herbei, die
Ankommenden in Empfang zu nehmen.

So, sagte Frau Josepha, jetzt entschuldigen Sie mich ein paar
Minuten. Ich bin gleich wieder da, will mich nur ein bichen hbsch
machen. Fr Sie!

Noch hbscher? fragte er kecker, als es sonst in seiner ein wenig
schwerflligen Art lag.

Mglichst hbsch, erwiderte sie lchelnd, um einen Spartaner seinen
strengen Grundstzen abwendig zu machen.

Da folgte er ihr in das Haus, ganz unsicher, was er von alledem halten
sollte. Glaubte diese, anscheinend ber die Maen verwhnte junge Frau
vielleicht, er wre mit ein paar liebenswrdigen Redensarten
einzufangen? Um nachher in ihrem Hofstaat einherzutraben, wie etwa der
kleine Landsberger Husar ...

Die weite Halle fllte sich mit Gsten. In den beiden Automobilen von
dem Grunewaldrestaurant mochte etwa ein Dutzend mitgekommen sein, die
brigen, mehr als zwanzig, hatten anscheinend schon auf die Heimkehr der
Wirte gewartet. Auf dem in der Mitte stehenden Billard war eine
Boulepartie im Gange. Die vier Spieler protestierten, teils scherzhaft,
teils im Ernst gegen die Strung. In einer Ecke bearbeitete ein Jngling
in weiem Tennisdre das Klavier, zwei, drei Paare tanzten Tango. Alles
schwatzte durcheinander, ein dicker Herr fuchtelte mit dem Arm in der
Luft und rief laut: Heda, Wirtschaft! Whisky und Soda! Ich komm' fast
um vor Durst ...

Doller Betrieb, was?

Gaston blickte auf, der Hausherr stand neben ihm.

Er verneigte sich hflich.

Wohl dem, der ein so gastfreies Haus zu fhren vermag.

Haus? Schon mehr ein Restaurant! Sehen Sie den Dicken da, der so nach
Whisky brllt? Das ist der gewerbsmige Spieler Leopold David! Wenn ich
ihn ansehe, fehlen mir ungefhr dreimalhunderttausend Mark. Ich bin
seiner eisernen Ruhe nicht gewachsen, aber gerade das reizt mich ...
und, was wollte ich doch sagen? Ja richtig -- so geht das hier jeden
Sonntag zu. In der Woche weniger. Da ladet meine Frau mir nur meine
stndige Pokerpartie ein, weil ich keinen Klub besuchen kann. Hier drin
nmlich ist alles kaput -- er schlug sich mit der Faust gegen die
Brust, ein kurzer, trockener Husten folgte danach, er sprach nur mit
Mhe weiter: Ja, also, was spielen Sie? Gar nichts? Das ist sehr
bedauerlich! Was wollen Sie da mal als pensionierte Exzellenz machen?
Ich lebe nur, wenn ich Karten in der Hand habe. Im Sarge gedenk' ich die
'Teufelspatience' zu legen, die geht erst am Jngsten Tag auf. Na denn,
auf Wiedersehen. Herr David winkt mir, die Partie kommt in Gang. Sie
entschuldigen mich wohl ... jeder amsiert sich hier auf seine eigene
Fasson. Wenn Sie flirten wollen, es ist alles da! Nicht wie bei armen
Leuten ... Wenden Sie sich nur an meine Frau, die wird's Ihnen
aussuchen. Erst vorige Woche hat sie eine Verlobung gestiftet, und der
Brutigam konnte lachen. Die einzige Tochter von Martin Neudecker ...
zwei Millionen bar auf den Tisch des Hauses, nach dem Ableben des
hochverehrten Papas und Erblassers das Vierfache. Und so was Aehnliches
luft hier noch in mehreren Exemplaren herum, zum Beispiel die reichere,
dafr jedoch hlichere Cousine der eben genannten, christlichen
Jungfrau und Braut -- aber jetzt entschuldigen Sie mich wohl wirklich.
Wenn Sie Durst oder Hunger haben, brauchen Sie nur zu klingeln.

Gaston fhlte einen feuchtkalten Hndedruck und stand allein. Allein in
einem Haufen von Menschen, die ihn nichts angingen, und deren Gebaren
ihm fremdartig vorkam, wie aus einer anderen Welt. Es war ja ganz
interessant, da mal hineinzublicken, aber damit auch holla ... Und jetzt
htte er sich still entfernen knnen, niemand achtete auf ihn. Nur es
reizte ihn, zu erfahren, ob Frau Josepha wirklich erraten haben mochte,
was er vor dem Besteigen des Autos gedacht hatte.

Der Jngling am Klavier intonierte pltzlich den Einzugsmarsch aus dem
Tannhuser, oben auf der Treppe, die von der Halle zu einer Galerie
fhrte, erschien Frau Josepha. In einem Kleid aus duftigem, weiem
Stoff, das Hals und Schultern frei lie, eine groe, purpurdunkle Rose
vor der Brust. In dem hoch aufgesteckten Haar blitzte ein Diadem aus
Brillanten und Rubinen ... wie eine Knigin stand sie da, lie ihre
Blicke gleichgltig ber die Menge da unten schweifen. Er sah hinauf, da
winkte sie mit dem Fcher, lachte und rief etwas hinab, was er bei der
drhnenden Musik nicht verstand. Nur ein gewisser Stolz erfllte ihn,
als die in der Nhe Stehenden ihn verwundert anblickten. Irgendwoher aus
der Menge kam eine fettige Stimme in unverflschtem Dialekt: Da schau
her, a neuches Schweinderl in Frau Circes Hofstaat! Noch schaut's aus
wie a Mensch, aber gib Obacht -- in a paar Tg wird's zu grunzen
anfangen ...

Brllendes Gelchter ringsum, die Zornrte stieg ihm ins Gesicht. Aber
tricht wre es gewesen, zu zeigen, da er sich getroffen fhlte, oder
gar den Rckzug anzutreten. Nur eins war natrlich klar: heute war er
zum ersten- und letztenmal in der Villa Rheinthaler gewesen ...

Frau Josepha kam langsam die Treppe hinab und ging durch die Menge wie
eine Frstin, die Cercle hielt. Hie und da sprach sie eine Dame oder
einen Herrn an, endlich stand sie vor Gaston.

Das ist nett von Ihnen, da Sie geblieben sind. Und bin ich jetzt schn
genug, da Sie ab und zu mal wiederkommen werden? Wenn Ihr strenger
Dienst es erlaubt?

Er bi sich auf die Lippen und verneigte sich stumm. Wollte sie ihn
lcherlich machen vor den anderen, oder warf sie sich ihm an den Hals?

Frau Josepha wartete einen Augenblick auf die Antwort, dann sprach sie
lchelnd weiter.

In einer Stunde wird das Auto vor der Tr stehen -- es ist nicht viel
anders, als htten Sie ein wenig lnger beim Nachtmahl gesessen.
Inzwischen gestatten Sie, da ich Sie ein bisserl bekannt mache. Sie
sah sich um, winkte einer jungen Dame, die von einem Kreise von
Courmachern umringt war: Ach, liebe Magda ...

Die junge Dame, eine Rotblondine mit mageren Schultern, blickte auf.

Was denn, liebe Josepha?

Gestatte, da ich Dir Herrn Hauptmann von ... pardon, wie war doch
gleich der Name?

Von Foucar ...

Herr Hauptmann von Foucar -- Frulein Magda Neudecker! Sie werden viele
Berhrungspunkte haben, meine Herrschaften, in der beiderseitigen
ernsten Lebensauffassung ...

Frau Josepha neigte lchelnd den Kopf mit den schweren Flechten und dem
funkelnden Diadem und schritt zu der nchsten Gruppe. Die junge Dame
trat einen Schritt nher und kniff die kurzsichtigen Augen zusammen.

Wie ich sehe, Herr Hauptmann, gehren Sie zum Generalstab, nach Ihrer
Uniform zu schlieen. Ja, da wird gearbeitet, das wei ich von einem
Vetter, einem Grafen Krottenburg -- er hat eine Cousine von mir
geheiratet. Wissen Sie, von der 'anderen' Linie der Neudecker ... wenn
Sie in der Berliner Gesellschaft ein bichen Bescheid wissen, werden Sie
sich auskennen.

Keine Ahnung, mein gndiges Frulein ...

So, nicht? Na, mir widerstrebt es ... lassen Sie sich das von unserer
Wirtin erklren, gelegentlich ... nur so viel, mein Vetter Krottenburg
hatte eine kleine Enttuschung zu verzeichnen infolge einer falschen
Auskunft -- es war wieder einmal eine Verwechslung passiert mit der
anderen Neudeckerschen Linie ... aber ja, was die ernsthafte
Lebensauffassung anbetrifft, da finden Sie in mir eine kongeniale
Seele.

So sprach sie noch eine Weile lang selbstgefllig fort, ihre Zunge lief
wie das Rad eines Scherenschleifers, und Gaston fhlte ordentlich, wie
sie ihn dabei mit prfenden Blicken betrachtete. Ob es sich wohl lohnte,
vom Standpunkt einer Millionenerbin aus, diesen neuen Bewerber, den man
ihr vorgefhrt hatte, ein wenig nher kennen zu lernen.

Als er sich nach schroffer Verneigung umwandte und zum Ausgang schritt,
begegnete ihm Frau Josepha mit einem, wie ihm scheinen wollte,
spitzbbischen Lcheln in den Augenwinkeln.

Was denn? Doch nicht etwa schon fort? Das Auto, das Sie heimbringen
soll, ist noch nicht vorgefahren. Es fehlt noch eine halbe Stunde --
genau auf neun hab' ich's befohlen. Und ich hab' Sie noch was zu
fragen.

Sie deutete auf eine offenstehende Tr, die zu einem hell erleuchteten,
saalartigen Zimmer fhrte. Er neigte den Kopf und folgte. Was lag
schlielich an der halben Stunde?

In einer Ecke stand ein runder Pokertisch, von einer groen Hngelampe
bestrahlt. Die sieben Pltze waren besetzt, hinter den Sthlen standen
ein paar schweigsame Zuschauer. Ein klapperndes Gerusch von Zeit zu
Zeit, wenn die beinernen Chips in die Mittelschale flogen, die
notwendigen Erklrungen im Spiel wurden nur halblaut gegeben. Einer der
Herren wandte den Kopf, eine Hakennase stand ber einem Paar flackernder
Augen.

Na, Baronchen, amsieren Sie sich?

Danke, ausgezeichnet!

Um so besser! ... Ein heiseres Lachen folgte: =Et quant  moi, ma
chrie= ... unberufen -- ein Festschieen! =Aujourd'hui j'ai une veine
comme un= ...

Ein einziger an dem runden Tische belachte die zynische Bemerkung: der
dicke Herr David, den der Hausherr vorhin als gewerbsmigen Spieler
bezeichnet hatte. Die anderen blickten nicht einmal auf, griffen mit
gespannten Gesichtern nach ihren Karten. Frau Josepha aber zog die
Augenbrauen zusammen. Sie seufzte leicht auf und wies auf einen breiten
Klubsessel.

Da bitt schn! Und wollen's was zum Trinken haben? Nicht ... na denn
... Sie setzte sich ebenfalls, kreuzte die kleinen Fe in den
Atlasschuhen und legte die weischimmernden Arme auf das dunkelrote
Leder der Seitenlehnen. Kein Schmuck strte die prachtvoll verlaufende
Linie bis zu dem feinen Handgelenk, nur an den schlanken Fingern
funkelten ein paar Ringe.

Alsdann ... ich hatte versprochen, ich wrd' Ihnen sagen, was Sie
gedacht haben, eh' da wir eingestiegen sind. Sie haben gedacht: 'Hat
die Frau einen Grenwahn! Bildet sich ein, alles auf dieser Welt dreht
sich um sie.' Stimmt das?

So hnlich!

Na, sehen Sie! Und jetzt will ich Ihnen erklren, wieso ich mir das
einbild'. Nmlich erstens denkt jede Frau so, die ein bisserl hbsch
ist, und zweitens, bei mir ist das immer so gewesen, in der Welt, die um
mich 'rum war. Schon als Kind ... Mein Vater betete mich an, jede
Ungezogenheit von mir war ein geistvolles Aperu, und ich ... als
siebenjhriges Mdel hab ich schon drauf gespitzt, ob die Leute auf der
Gassen sich nach mir umschauten! Und spter beim Theater -- wie ich
dahin gekommen bin, ist eine Geschichte fr sich -- ja, Sie drfen's
wirklich glauben, ganz Wien war in mich nrrisch! Jeden Tag Blumen und
Geschenke von ganz unbekannten Menschen, und alle Wochen fast ein
Heiratsantrag. Wissen's, die Leuteln da unten sind leichter beweglich
als hier oben ... also schlielich auch ein -- na, sagen wir mal, ein
sehr ein hochstehender junger Herr. Ein Brscherl noch, aber ein sehr
hochgeborenes. Ich lacht' ihn aus, aber er kam wieder, wollt' auf all'
seine Titel verzichten, wenn ich nur Ja sagen wrd' ... Ein paar Tage
drauf teilt mir mein Direktor mit, er knnt' meinen Kontrakt nicht
verlngern. Aha, sagt' ich, und ich wei schon, weshalb. Z'wegen hhere
Rcksichten! ... Und da wr' ich beinahe tck'sch geworden, htt' den
Herrn Verwandten von dem hochgeborenen Brscherl doch noch den Streich
gespielt! Aber ich besann mich, ich hatt' ein Beispiel vor Augen, auch
von so einer morganatischen Ehe ... also nach Berlin. Geheult hab' ich
... in Wien taten die Herren Rezensenten Feuilletons ber mich
schreiben, hier erwischt' ich bei der fnfzigsten Auffhrung ein
Notizerl von zwei Zeilen. Da kam mein Mann. Das heit, er wurd's erst
spter ... Herr Fritz Rheinthaler. Zuerst lud er mich mit einem
prachtvollen Ring aus Brillanten und Smaragden ein, ich mchte bei dem
nchsten seiner 'berhmten Herrenabende' mitwirken. Als ich ihm den Ring
zurckschickte, kam er persnlich. Ich lie ihn nicht vor ... er kam
aber jeden Tag wieder ... drei Wochen danach hatte ich eingewilligt,
seine Frau zu werden. Eigentlich wegen einem guten Witz. Er hatte mir
nmlich geschrieben, er selbst wr' hlich. Aber er htte das schnste
Haus in Berlin, die schnsten Autos und Pferde, nur die schnste Frau
tt' ihm noch fehlen ... Da mut' ich lachen ...

Frau Josepha machte eine kleine Pause, strich sich ber die Stirn und
sah nachdenklich auf ihre Fuspitzen.

Ja, so hab' ich ihn halt genommen. Auch weil er mir ein bisserl leid
tat ... Na, und jetzt -- Sie blickte wieder auf -- jetzt ist die Reih'
an Ihnen. Aber hbsch ausfhrlich, bitt' ich mir aus!

Er schrak unwillkrlich zusammen. Zuerst hatte er aufmerksam zugehrt,
dann war es wie ein sachtes Dmmern gekommen. In einem groen Garten
blhten tausend Rosen, und die allerschnste, eine tief purpurfarbene,
neigte sich ihm zu.

Ich, gndige Frau? Von mir ist wenig zu erzhlen. Zum mindesten nichts,
was Sie interessieren knnte.

Sie machte eine kurze Handbewegung.

Ah ... gehn's! Wenn man so ausschaut wie Sie ... Aber Sie haben ganz
recht! Sie brauchen nicht mit Erlebnissen zu renommieren, das sprt man
als Frau. Aber nur eins mcht' ich gern wissen: wer ist denn
augenblicklich die Glckliche?

Er errtete bis unter die Haarwurzeln, und es klang unwilliger, als er
beabsichtigt hatte: Gndigste Frau, ich mu gestehen, ber solche Dinge
habe ich noch nie zu einer Dame ...

Ah was, zu mir knnen's sprechen wie zu einem Bub'n ...

Nun denn, in meiner allerersten Leutnantszeit hatte ich ein paar kurze
wilde Wochen. Die liegen hinter mir. Und ich glaube, ich hatte heute
schon einmal Gelegenheit, auszusprechen, ich htte nicht einmal fr die
Freundschaft Zeit. Geschweige denn fr irgend welche leichtfertigen
Abenteuer!

Frau Josepha lachte leise auf.

Alsdann, wenn ich noch ein junges Mdel wr', in Sie tt ich mich
unrettbar verlieben! Aber jetzt will ich mal wieder ganz gesetzt sein:
so schrecklich viel mssen Sie arbeiten?

Ich mu nicht, es ist mein freier Wille. Tausende machen sich ihre
Karriere leichter.

An dem Spieltisch wurde es ein wenig lauter, man sprach lebhaft
durcheinander. Herr Rheinthaler wandte sich auf seinem Stuhle um: Du,
Josepha, das httest Du eben sehen sollen! So 'was war berhaupt noch
nicht da ... drei Vierer gegeneinander, und ich kaufe zu Coeur A,
Knig, Dame, Bube die Zehn -- =royal flush=! Also, Sie drfen mir heute
berhaupt nicht fort, Herr Hauptmann, Sie sind meine Maskotte.

Gaston erhob sich, ein pltzlicher Widerwille war in ihm aufgestiegen.
Gegen die frivole Gesellschaft hier und die Frau, deren ganzes Gehabe
doch darauf ausging, ihn listig zu umgarnen, zu einem Spielzeug zu
machen fr ihre Launen einer gewesenen Theaterprinzessin.

Ich bedaure sehr, Herr Rheinthaler, ich habe zu Hause noch eine
dringliche Arbeit zu erledigen. Gndige Frau, ich bitte gehorsamst um
die Erlaubnis, mich zurckziehen zu drfen.

Er klappte die sporenbewehrten Hacken zusammen, Herr Rheinthaler winkte
mit der Hand: Auf Wiedersehen denn. Frau Josepha sah ihn ordentlich
erschreckt an.

Ja, aber wieso denn? Es ist doch noch nicht neun Uhr, und ich wollt'
Sie noch so vieles fragen.

Ich mchte gern ein paar Schritte laufen. Die ganze Woche habe ich kaum
Zeit, am frhen Morgen meine beiden Gule zu bewegen.

Sie bi sich auf die Unterlippe.

Dann will ich Sie nicht lnger zurckhalten.

Auf dem Vorflur gesellte sich der Landsberger Husar zu ihm, schnallte
ebenfalls um und setzte die Mtze auf.

Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir ein Stck zusammen. Ich habe in
einem spontan entrierten Bac zwei Mille verloren. Das ist fr den
einzigen Sohn eines kmmerlich lebenden Agrariers reichlich genug.

Sagen Sie mal, -- Gaston deutete zurck -- das Haus da ist wohl so
eine Art von Mausefalle? Wie man's in den Romanen liest: die schne Frau
als Lockmittel, und den Gsten werden die Unkosten abgeknpft?

Der Kleine blieb entrstet stehen.

Foucar, ich glaube -- entschuldigen Sie den harten Ausdruck -- Sie sind
nicht recht bei Trost! Wissen Sie, was eine Kohlengrube ist?

Ich denke ...

Na, davon besitzt Herr Rheinthaler ungefhr ein Dutzend. Die ntigen
Httenwerke dazu -- sein Grovater schon war einer der reichsten Mnner
von ganz Schlesien, sein Vater hat das Vermgen verdreifacht, und nun
kann _er_ sich noch so viel Mhe geben, er kriegt's nicht einmal fertig,
die Hlfte seiner Zinsen auszugeben! Und die Frau? Wissen Sie, was die
fr eine Geborene ist? Eine richtige Baronin Nadanyi! Aus der
morganatischen Ehe eines Prinzen von Leuchtenfels, der in
sterreichischen Diensten stand, mit einer Dame aus bhmischem Adel. Und
das sind keine Theatermrchen, ich selbst habe die Dokumente gesehen!
Wie so etwas zur Bhne kommen konnte, wollen Sie fragen? Die Mutter war
frh gestorben, sie kam mit sechzehn Jahren ins Kloster. Da brannte sie
durch. Ein schngeistiger Pater hatte sie verrckt gemacht, weil sie
Corneillesche Verse deklamierte, da sich's anhrte wie Musik. Ihr Herr
Papa hatte keine Autoritt, war auch wohl in den Hnden irgend einer
Dame, die ihn ebenfalls morganatisch zu heiraten gedachte ... kurz, sie
setzte es durch. Ein paar Jahre war sie an sterreichischen
Provinzbhnen, dann kam sie nach Wien. Feierte beispiellose
Triumphe ...

Ich wei, sagte er lchelnd. Sie hat es mir vorhin erzhlt.

Ah nein, lieber Foucar, nicht so ironisch! Ich habe die Kritiken
gelesen. Es war fabelhaft! Hier in Berlin erlebte sie ja nachher eine
Enttuschung.

Aber sie hat sich mit Herrn Rheinthaler getrstet! Erzhlte sie mir
auch vorhin. Na und nun wollen wir von etwas anderem reden. Mssen Sie
noch heute nach Landsberg zurck?

Nein, ich hab', Gott sei Dank, drei Tage Urlaub erwischt. Aber jetzt
erlauben Sie mir eine Frage: Sind Sie wirklich so eine kaltschnuzige
Natur, oder verstellen Sie sich blo?

Wie meinen Sie das?

Nun, Sie haben heute eine der schnsten lebenden Frauen kennen gelernt
... Unsinn, _die_ schnste Frau berhaupt! Sie hatten den Dusel, von ihr
ausgezeichnet zu werden, und jetzt sagen Sie gewissermaen, na wenn
schon?

Ah nein, das nicht! Es hat mich sehr lebhaft interessiert, eine Sorte
von Menschen kennen zu lernen, die mir bisher fremd war. Menschen, die
den einzigen Trieb in sich haben, schrankenlos ihren Gelsten zu folgen,
fr die der Begriff Arbeit nicht zu existieren scheint, und die sich
infolgedessen viel zu viel mit dem eigenen Ich beschftigen. Dafr hab'
ich mal in einer Zeitung ein recht nettes Wort gelesen, das darauf
anzuwenden wre: 'Die janze Richtung pat mir nicht!' Es ist etwas in
diesem Betrieb, da strubt sich mein Empfinden als Offizier und Edelmann
dagegen. Es ist muffig! Treibhausatmosphre, in die unsereins nicht
hineingehrt.

Der Kleine neben ihm sthnte auf.

Herrgott, was sind Sie zu beneiden! Haben Sie vielleicht eine kleine
Eismaschine in der Brust? Ich bin seit einem halben Jahr ein bichen
verrckt. Ich mu das mal aussprechen, Sie werden es auch natrlich fr
sich behalten ...

Aber selbstverstndlich ...

Also die Frau ... ich glaube, ich schie mich ihretwegen noch einmal
tot. Sie hat etwas, was mich toll macht und meine Sinne reizt, irgend
ein Fluidum, das auch ihre unerhrten Erfolge beim Theater erklrt ...
jeden Abend ausverkauft, aber nur wenige Damen im Publikum, lauter
Herren.

Vielleicht mten Sie blo ein bichen forscher 'rangehen, lieber
Wodersen. Nur dem Khnen blht das Glck.

Der Landsberger Husar stie unwillig mit der Sbelscheide auf die
Steinfliesen des Trottoirs.

Sprechen Sie nicht so leichtfertig, Herr von Foucar! Das heit, pardon
... Sie kennen die Dame ja erst seit ein paar Stunden. Ich schwre
Ihnen, sie ist ihrem Manne unverbrchlich treu. Das wei ich genau, denn
ich lasse sie beobachten. Lachen Sie nicht ... ich lasse sie tglich
beobachten und bekomme tglich meinen Bericht. Es wrde mich wahnsinnig
machen, wenn ich verdursten sollte, whrend ein anderer ... na, ist gut!
Und immer laufe ich um ein Rtsel herum, wie um ein Haus, zu dem kein
Eingang zu finden ist ... weshalb hat sie nur diesen Menschen genommen?

Um sich glnzend zu versorgen, vielleicht?

Unsinn. Sie verfgt nach dem Tode ihres Vaters selbst ber ein recht
betrchtliches Vermgen.

Nun, vielleicht aus Mitleid?

Auch das stimmt nicht. Wenn er seine Anflle hat, betritt sie nicht mit
einem Fu das Krankenzimmer.

Na, dann wei ich wahrhaftig nicht. Mchte mir auch nicht den Kopf
darber zerbrechen.

Ein paar hundert Schritte gingen sie schweigend nebeneinander her. Dann
fing der Kleine wieder an:

Bei ihm kann ich's verstehen. Er mchte in seinen paar letzten Jahren
noch alles an Genu an sich reien, was auf dieser Welt zu haben ist.
Wenn damals der Riesendiamant in Sdafrika verkuflich gewesen wre --
er htte ihn gekauft. So macht er's mit allem, was seiner Gier
erreichbar ist.

Kann ich bis zu einem gewissen Grade begreifen. Aber unverstndlich ist
es mir, da er dieses mhsam errungene Juwel so schlecht behandelt. Pfui
Deuwel noch einmal! Zum Ohrfeigen! ...

Herr von Wodersen ballte die Faust.

Ich war schon fter drauf und dran. Aber man darf sich doch an so einem
klglichen Jammergestell nicht vergreifen. Und wer will sich in die
Empfindungen eines so degenerierten Menschen hineinversetzen? Eines
Menschen, der genau wei, da er in kurzer Frist ins Gras beien mu?
Vielleicht ist das noch der letzte Reiz fr ihn, zu besudeln, was andere
auf den Knien anbeten wrden ... Na, gute Nacht! Ich sehe dort an der
Ecke ein Auto stehen. Ich fahr' nach meinem Hotel, zieh' mich um und
geh' noch irgend wohin, mich betuben. Haben Sie Lust, mitzukommen?

Danke! Ich, im Gegenteil, brauche heute noch mein bichen Grips. Aber
eins noch: Weshalb gaben Sie mir heute abend in dem Grunewaldrestaurant
eine so wesentlich andere Auskunft ber diese schtzenswerte Familie
Rheinthaler?

Weil ... na also schn, auf die Gefahr hin, da Sie ein bichen
grenwahnsinnig werden -- Frau Josepha hatte mir schon auf der Rennbahn
befohlen, Sie heranzuschleifen. Sie waren ihr aufgefallen, und zwar
gleich so, da ich es mit der Eifersucht kriegte. Da hatte ich mich
zuerst natrlich geweigert. Dann aber, als Sie in das Restaurant kamen,
hatte sie mit ihren scharfen Augen Sie sofort entdeckt, ich mute
gehorchen. Und nachher, als Sie mich beiseite nahmen, konnte ich Ihnen
doch nicht gut raten: 'Drcken Sie sich wieder, so rasch als mglich!
Wenn Sie in kurzen vierzehn Tagen nicht ebenso ein trauriger Bonze
werden wollen wie ich --' Da htten Sie mich doch fr leicht verrckt
halten mssen! Ekelhaft ist das alles, nicht wahr? Na, gute Nacht,
Foucar, und auf Wiedersehen morgen abend oder sptestens nchsten
Sonntag.

Gute Nacht, Wodersen! Wenn Sie aber meinen sollten, in der Villa
Rheinthaler, frchte ich, wird aus dem Wiedersehen nichts werden!

Ich lege Ihnen hundert zu eins, bis nchsten Sonntag sind Sie
dagewesen!

Und ich bin nicht habschtig genug, Sie beim Wort zu nehmen: der
Ausgang der Wette wrde nur in meinem Belieben stehen. Aber da wir schon
dabei sind, ein paar von den Klappen hochzuziehen da innen, die man
sonst vor anderen geschlossen hlt, ja, da mchte ich bemerken, da ich
einige altmodische Grundstze habe. Einer davon lautet, man soll nicht
in eine Ehe einbrechen, auch wenn sie noch so schlecht verwahrt ist!
Oder die Tr sperrangelweit offen steht.

Der Kleine sah ihn fast feindselig an.

Sie tun ja ganz so, als brauchten Sie nur den Finger auszustrecken,
und ...

Er fiel ihm ins Wort: Das ist ein Miverstndnis. Ich sprach im
Augenblick ganz allgemein ... nichts lag mir ferner, als der von Ihnen
verehrten Dame irgendwie zu nahe zu treten.

Dann ist's gut -- danke. Was aber unsere Wette angeht ...

Also, wenn Sie Ihr Geld durchaus los werden wollen: ein gutes
Sektfrhstck! Jeder von uns darf ein paar Gste mitbringen.

Abgemacht! Und wir werden ja sehen, wer das Frhstck bezahlt.

Herr von Wodersen stieg in das Auto, er rief ihm lachend nach: Immer
derjenichte, welcher verloren hat ... und ging langsam seiner Wohnung
zu. Sie lag in der Rankestrae, wegen der bequemen Verbindung zu seiner
tglichen Dienststelle. Er hatte reichlich Zeit, die Ereignisse des
Nachmittags noch einmal zu berdenken. Und da berkam ihn fast ein
Gefhl der Miachtung gegen den kleinen Husaren ... Schlapp war es, sich
so widerstandslos einer -- im letzten Grunde doch verbrecherischen --
Leidenschaft hinzugeben! Da mute man sich einfach bei den Ohren nehmen,
holla, bis hierher und nicht weiter! Und die Zeiten der Troubadoure
waren doch vorber ... ein Ziel mute man sich ausrichten, nach dem man
strebte, da war Minnedienst vom Uebel!

Er stieg die drei Treppen zu seiner Wohnung empor, im Vorzimmer machte
er Licht und trat vor den Spiegel. Kopfschttelnd betrachtete er sein
Bild. Unsinn, es sah noch genau so aus wie sonst. Keine Spur eines
interessanten Helden, ein nchterner preuischer Offizier, der keinen
anderen Ehrgeiz kannte, als an dem Platze, auf den man ihn gestellt
hatte, vollauf seine Pflicht zu tun ...

Er entsann sich, da er nicht immer so gefestigt gewesen war wie heute,
ein paar Wochen in seiner frhesten Leutnantszeit gehabt hatte, wo er
beinahe unter die Rder gekommen wre ... Wegen eines raffinierten
kleinen Frauenzimmers, das er -- im Notfall unter Einsetzung der eigenen
Existenz -- aus dem Sumpfe zu erretten gedachte, in den es schuldlos
geraten war. Auf der Bhne eines vorstdtischen Gartenlokals sang sie in
langem Schleppkleide sentimentale Lieder, von der letzten Rose und dem
Vergimeinnicht am Bachesrand. Heute mute er darber lcheln, aber
damals war er so unsinnig verliebt gewesen, da ihn das Herz an allen
Ecken und Enden drckte. Und als die sentimentale Sngerin, die bei dem
vorstdtischen Publikum vielen Beifall fand, ihm bei einer Flasche
sauren Mosels ihr Vertrauen schenkte, da war sein Entschlu gefat.
Heilige Ehrenpflicht war es, die wegen eines einzigen Fehltritts von den
grausamen Eltern Verstoene vor dem Untergange zu bewahren, und kurz
entschlossen bot er ihr Herz und Hand. Sie begngte sich vorlufig mit
dem grten Teile seines monatlichen Wechsels, aber Gott allein mochte
wissen, zu welchen trichten Streichen ihn seine Verliebtheit getrieben
htte, wenn ihn nicht einer der lteren Regimentskameraden in eine Art
von Gewaltkur genommen htte. Er lud ihn zu einem greren Budenfest
mit Damen, ersuchte ihn aber, erst ein paar Stunden nach dem
offiziellen Anfange zu erscheinen. Unter den Damen befand sich auch
seine sentimentale Sngerin, aber sie schien sehr lustig, drehte sich
auf dem Tisch in einem unsglich frechen Tanz, und als er sie entsetzt
anstarrte, schlug sie ihm mit der Fuspitze die Mtze vom Kopf. Da
schossen ihm die hellen Trnen in die Augen vor grimmem Weh, dann aber
stieg ihm der Ekel empor in den Hals ...

Also diese Art temporren Wahnsinns um ein Weib hatte er auch
durchgemacht am eigenen Leibe. Da war es wohl ein wenig ungerecht, sich
ber den Landsberger Husaren wie ein Phariser zu erheben. Bei dem einen
entwickelten sich die Hemmungsgefhle, die den Menschen vor Torheiten
bewahren, frher, bei dem andern spter. Und schlielich, wer wollte
sagen, was er tun oder lassen wrde, wenn ihm eines Tages die
Leidenschaft wie ein Feuerbrand in die Seele schlug? ...

Er holte die Arbeit aus dem sicheren Verschlusse des Schreibtisches,
aber in den ersten Stunden wollte sie nicht recht schmecken. Ein paar
weie Arme strten ihn ab und zu zwischen den Zahlenreihen und eine
tiefpurpurne Rose. Und manchmal beschftigte ihn der Gedanke, was er
wohl beginnen wrde, wenn das Schicksal ihm so unermeliche Reichtmer
in den Scho geworfen htte wie diesem Manne, der als ein Gezeichneter
des Todes sich von Genu zu Genu schleppte. Da mute er lcheln. Beim
besten Willen gelang es ihm nicht, viel mehr zu verbrauchen, als ihm
jetzt schon im Jahre zur Verfgung stand. Hchstens ein schnittiges
Juckergespann htte er sich noch angeschafft und einen aus allerbestem
Blute stammenden englischen Hunter, der eine mannshohe Mauer wie ein
leichtes Hindernis sprang. Weiter reichten seine Wnsche nicht, und die
konnte er bei einiger Einschrnkung in der kleinen Garnison da fern im
Osten auch aus eigenen Mitteln bestreiten. Vierhundert Mark im Monat
neben seinem Gehalt als Rittmeister. Damit heirateten andere und
unterhielten eine Familie. Seine Gedanken flogen der nahen Zukunft
voraus. Wie hatte der Oberst Wegener gestern gesagt? Verplempern Sie
sich nicht, ehe Sie die kleinen ostpreuischen Mdels kennen gelernt
haben! Na, da war nicht viel Gefahr. Das kleine Abenteuer heute war
gewissermaen eine Probe aufs Exempel gewesen. Ein anderer htte
vielleicht schon lichterloh gebrannt unter den Augen der schnen Frau
Rheinthaler -- er hatte sich als der standhafte Zinnsoldat erwiesen. Nur
die fr den Oberleutnant Wentorp bernommene Arbeit machte bei diesen
irrlichterierenden Gedanken keine sonderlichen Fortschritte.

Der Sommermorgen blaute schon zum Fenster hinein, als er mit einem
Ausatmen die Feder aus der Hand legen durfte. Er ffnete die Flgel und
lehnte sich hinaus. Auf dem obersten Knaufe des turmartigen Aufbaues an
dem Eckhause drben sa eine Amsel und sang in die heilige Morgenstille
ein sehnschtiges Liebeslied. Nur ganz von ferne kam ein leises,
rhythmisch auf- und abschwellendes Gerusch. Der Atem der noch
schlafenden Riesenstadt. Und da berfiel ihn eine seltsam schwermtige
Stimmung. Ganz einsam stand er in der weiten Welt, auer der
gebrechlichen alten Dame daheim kein Mensch, der sich um ihn sorgte.
Keinen wirklichen Freund unter den vielen Kameraden, dem man sich in
vertraulicher Stunde ganz aufschlo, der in der Not fr einen eintrat,
wie fr sich selbst. Vielleicht lag es daran, da ihm die Fhigkeit
abging, eine sich entspinnende Bekanntschaft bis zur Freundschaft zu
pflegen. Immer hatte sich ihm im letzten Augenblick da innen eine Wand
emporgeschoben, ber die er nicht hinauskonnte. Und wenn er jetzt in
nicht allzu langer Zeit nach dem Osten ging, ri sein Scheiden in den
Kreis, der sich ein paarmal in der Woche zu versammeln pflegte, keine
Lcke. Hchstens, da der eine oder andere mit einer gewissen Bitterkeit
bemerkte: Na ja, er hat's wieder einmal geschafft, der kaltnasige
Streber! Kriegt seine Schwadron auer der Tour, berspringt ein Dutzend
Vordermnner, der Schuster!

Ein Vers flog ihm durch den Sinn, den er mal vor Jahren in einem
Gedichtbuche gelesen hatte:

    Auch keinem hat's den Schlaf vertrieben,
    Da ich am Morgen weitergeh --
    Sie konnten's halten nach Belieben,
    Von einer aber tut's mir weh -- -- --

Das letzte stimmte nicht recht, nicht ein einziges kleines Mdel in dem
ganzen groen Berlin dachte an ihn, wenn er sich anschickte, Abschied zu
nehmen. Von gar manchen seiner unverheirateten Kameraden wute er, da
sie in den Vierteln im Norden eine se kleine Verschwiegenheit hatten,
mit der sie im Ruberzivil am Sonntag irgendwohin ber Land fuhren. Er
war immer nur als ein Packesel dahingetrabt, dem die anderen Arbeit
aufhalsten. Wie dieser freche Schlot von Wentorp, dem er in ein paar
Stunden wegen der angeblich verstorbenen Tante einen Sack voll
Grobheiten zu sagen gedachte. Er selbst hatte keine Zeit fr trichte
Tndeleien, ging auf dem Heimweg gleichgltig gradeaus den
Kurfrstendamm hinunter, wenn er es auch zuweilen fhlte, da ihm ein
paar blaue oder braune Mdchenaugen wohlgefllig folgten. Und noch etwas
anderes hielt ihn zurck ... ein gewisses, hochgesinntes Spartanertum.
Schlechtbehtete junge Mdchen aus gutem Hause schienen ihm die meisten,
die da mit blnkernden Augen um sich sahen. Den Frevel mochten andere
begehen ... wenn ihn das Blut trieb, folgte er einigen lustigen
Kameraden. Irgendwohin, wo nichts mehr zu verderben war ... Da war es
ganz natrlich, da man einsam verblieb, trotzdem die schne Frau
Rheinthaler noch vor wenigen Stunden gesagt hatte, man she wie einer
aus, der seine tausend Abenteuer mit diskretem Lcheln verschwiege.
Wahrscheinlich achtete sie ihn jetzt gering, weil er so ehrlich
widersprochen hatte, und wieder war eine Chance verscherzt, die andere
vielleicht skrupellos wahrgenommen htten. Es wurde ihm hei bei dem
Gedanken. Als ihn endlich die Mdigkeit bermannte, lag er noch eine
ganze Weile mit offenen Augen. Die aller Hemmungen bare Phantasie in dem
Dmmerzustand zwischen Wachen und Trumen zauberte ihm allerhand
lockende Bilder vor ...




3.


Es kamen die Wochen, die der Chef vorausgesagt hatte. Wochen, die an die
Arbeitskraft der Herren in seiner Abteilung Anforderungen stellten,
denen man nur mit erhhter Anspannung des Pflichtbewutseins gewachsen
war. Zu einer Maschine wurde man, die ihr Letztes herzugeben hatte. Nach
Mitternacht vom Bureau ins Bett, ein paar Stunden Schlaf und wieder ins
Bureau. Minuten fr das Frhstck, eine Viertelstunde frs Mittagessen
... ein rasendes Eilzugstempo in der Arbeit, die trotz aller Hetze bis
aufs letzte Tpfelchen stimmen mute, und immer dabei das
niederdrckende Gefhl, das Ganze wre nicht viel anders als eine
spielerische Schachpartie. Die Diplomaten schoben gut und schlecht
Wetter wie ein Regisseur im Theater die hellen und dunklen Wolken auf
der Leinwand. In der letzten Woche endlich sah es wieder so aus, als
htte die ganze Arbeit einen wirklichen Zweck gehabt. Der politische
Horizont verfinsterte sich, Krieg, es gibt Krieg, lief es durch alle
Gassen. Das groe Haus am Knigsplatze glich jedem Wissenden als eine
rastlos im stillen arbeitende Maschine, deren aufgespeicherte Leistung
sich in einem langhinzndenden Schlage entlud ... Da endlich ein
Aufatmen, die Arbeit war fertig, es konnte losgehen. Wie bei einer
schweren Mensur: Herr Unparteiischer, wir von unserer Seite sind bereit
... Der oberste Kriegsherr hatte nur das Wort zu sprechen, das ein
ganzes Volk zu den Waffen rief, und der sorgsam vorbereitete Apparat
funktionierte wie eine seit Jahren eingespielte Maschine ... Nirgends
eine Stockung ... Die Hunderte sammelten sich in den kleinen Stdten und
Drfern. Die Tausende flossen zusammen in grere Rinnsale, und
schlielich schieden sie sich in zwei gewaltige Strme nach Westen und
Osten ...

Der Abteilungschef rief seine Untergebenen zusammen. Die Augen standen
ihm hohl unter der Stirn, denn er hatte sich mehr zugemutet als all die
brigen.

Ich danke Ihnen, meine Herren, ich glaube sagen zu drfen, wir haben
unsere Schuldigkeit getan. Wir sind fertig. Seine Majestt brauchen nur
auf den Knopf zu drcken, um sich davon zu berzeugen. Na denn: Guten
Abend allerseits ...

Kein Hurra danach, keine chauvinistische Phrase, nur man trennte sich
mit leuchtenden Augen. Es war mehr wert als ein Orden, da der im
Dienste sonst so wortkarge Chef sich zu dieser unerhrt langen Rede
aufgeschwungen hatte.

Gaston von Foucar hatte sich mit mehreren, gleich ihm unverheirateten
Kameraden zu einem kleinen Zivilbummel verabredet. Erst in ein
Weinrestaurant in der Franzsischen Strae, um dort einer guten Flasche
den Hals zu brechen, endlich einmal etwas Ordentliches zu essen nach all
den entbehrungsreichen Wochen, und dann wollte man weiter sehen ... Je
nach der Stimmung. Ein bescheidenes Glas Bier oder schumenden Sekt
irgendwo, wo es Musik gab und fesche Mdel. Aus der einen Flasche wurden
mehrere, man entschied sich fr den unsoliden Lebenswandel. Wer mochte
wissen, ob er in wenigen Wochen nicht schon ein toter Mann war! Da
schlugen auch ernsthafte Leute mal ber die Strnge ...

In dem eleganten Ballokal in der Jgerstrae war groer Betrieb. Alle
verfgbaren Pltze besetzt, in dem Mittelraum ein Gewoge tanzender
Paare, helle Toiletten und schwarze Fracks ... ber den weien
Hemdbrsten gebrunte Gesichter mit deutlich abgesetzter, heller Stirn
... ein reichliches Schock von Provinzleutnants, die das Boxer-,
Schmirgel- oder sonstige Kommando fr ein paar kurze Wochen nach Berlin
gefhrt hatte. Die Musik spielte den neuesten Schlager aus einer Posse,
ein Walzerlied, dessen Refrain unwillkrlich zum Mitsingen
herausforderte. Sektpfropfen knallten dazwischen, sinnlose Schreie,
Schwatzen und Lachen ... eine Welle von Licht, Lrm und berschumender
Tollheit schlug den Eintretenden entgegen.

Einer der Kameraden verhandelte mit dem Herrn Direktor ber die Frage,
fr fnf Personen Platz zu schaffen. Gaston stand an dem Eingange zum
Tanzsaal, ein schlankes blondes Mdel stie ihn an.

Du, ds' nich so! Da oben winkt Dir Eene egalwech zu, schon fast 'ne
halbe Stunde.

Er hob den Kopf, sein Blick folgte dem ausgestreckten Arm ...
wahrhaftig, da oben aus einer Loge winkte ein Fcher, und ein paar Augen
lachten ihm zu, an die er in diesen Zeiten kaum einmal ganz flchtig
zurckgedacht hatte ... Und jetzt hatte ihn auch der Gatte der schnen
Frau Rheinthaler erspht. Er legte die Hnde an den Mund und rief etwas
herunter, in dem Lrm jedoch war kein Wort zu verstehen. Da gab es kein
Ausweichen mehr. Gaston entschuldigte sich fr ein paar Minuten bei
seinen Kameraden und stieg die breite Treppe empor, die zu den Logen
fhrte. Mit Verwunderung und einigen Gewissensbissen. Wie, zum Teufel,
kamen diese Leute hierher, wo doch nur die ganz unzweideutige
Gesellschaft verkehrte? Und er entsann sich, eigentlich wre es doch
seine Pflicht gewesen, nach der ersten Einladung damals seine Karte
abzugeben. Auch sonst hatte er sich an jenem Abend ein wenig rauh
benommen. Aber Frau Josepha lie es ihn nicht entgelten, streckte ihm
mit aufrichtiger Freude die Hand entgegen.

Gr Gott, Herr von Foucar! Und ich glaubt' meinen Augen nicht trauen
zu drfen ... wie kommen Sie denn hierher? Der Gerechte unter die
Gottlosen?

Er beugte sich ber die schmale Hand mit den funkelnden Ringen: Ein
Junggeselle hat ab und zu mal das Recht, sich eine Nacht um die Ohren zu
schlagen, aber Sie, gndige Frau?

Frau Josepha zuckte mit den Achseln.

Meinen's, ich tu's zu meinem Vergngen? Die neueste Marotte meines
Mannes. Aber, Fritz, mchtest Du nicht ...

Herr Rheinthaler nannte ein paar Namen der Herren und Damen, die in der
Loge saen, es folgten einige Verbeugungen, dann fragte er laut: Nicht
wahr, Herr Hauptmann, wenn ich mich recht entsinne, Sie sind doch im
Generalstab?

Zu dienen ...

Also, gibt's nu endlich Krieg oder Frieden? Man kommt aus den ewigen
Beunruhigungen ja gar nicht mehr raus: soll man fixen oder kaufen?

Pardon, diese Ausdrcke sind mir unverstndlich.

Die herumsitzenden Herren lachten kurz auf, Herr Rheinthaler schnitt
eine Grimasse.

Beneidenswerter Mensch! Ich wollte, mir wren sie auch unverstndlich
geblieben, diese Ausdrcke -- da htte ich viel Geld erspart! Also ich
wollte fragen, ob man jetzt an der Brse auf Hausse oder Baisse
spekulieren soll. Wenn man einen sicheren Tip besitzen wrde, knnte man
einen hbschen Posten auf Gewinnkonto verbuchen.

Gaston parierte die taktlose Anzapfung mit einem Scherz, der die Lacher
auf seine Seite brachte.

Ich glaube, Sie verwechseln mich mit Sr. Exzellenz dem Herrn
Kriegsminister. Aber ich frchte, auch der knnte Ihnen keine ganz
sichere Auskunft geben.

Ein Herr mit glattrasiertem Gesicht, der neben Frau Josepha gesessen
hatte, stand auf.

I mu eh' schon z' Haus, die verwaisten Kinder schreien nach ihren
Vatter! Also, wenn's meinen Platz hab'n wolln, Herr Hauptmann ... Er
fhlte einen Widerwillen, klappte die Hacken zusammen.

Bitte sehr, sich durch mich nicht stren zu lassen! Meine Kameraden,
mit denen ich hierher gekommen bin, erwarten mich.

Frau Josepha stand auf, drckte den glattrasierten Herrn auf seinen
Platz zurck.

Sie kommen noch frh genug in den Klub, Ihre paar Kreuzerln los zu
werden ... und erlauben's mal ... Sie trat aus der Loge, raffte ihr
Kleid mit beiden Hnden und machte vor Gaston einen leichten Knix.

Fr mich haben's vielleicht noch ein paar Minuten brig. 'Damenwahl'
hat der Matre unten ausgerufen ... darf ich bitten, Herr Hauptmann?

Er trat unwillkrlich einen halben Schritt zurck.

Um Gottes willen, gndige Frau, das geht doch nicht ...

Ah was ... Sie warf den Kopf in den Nacken. Es geht schon in einem
hin, und mir ist halt gerad' so zumut.

Da verneigte er sich schweigend, bot ihr den Arm und fhrte sie die
Treppe hinab. Die Musik spielte einen Wiener Walzer mit seltsam
aufreizendem Rhythmus. Er mute aus einer bekannten Operette stammen,
die meisten der Tnzerinnen in phantastischen Hten und fliegenden
Seidenfhnchen sangen zu der Melodie den Text: Wo steht denn das
geschrieben, da man soll einen lieben? Man liebt oft mehrere, bald
Leichtere, bald Schwerere ... Einen hellen Juchzer gab es jedesmal, die
Herren schwenkten ihre Damen hoch in die Luft. Frau Josepha legte sich
in seinen Arm, er fhrte sie die erste Runde, als wenn er auf dem
Hofballe im Weien Saal von einer Prinzessin befohlen gewesen wre. Da
sprte er einen leichten Druck, seine Tnzerin schmiegte sich nher an
ihn, und er griff zu. Schlielich war er doch kein Sulenheiliger, und
er hatte zwei Flaschen alten Rauenthaler im Leibe, das Blut ging ihm
rascher als sonst durch die Adern. Da tanzte er wie all die anderen
Paare ringsum ... wenn es ihr recht war, weshalb sollte er nicht? Und
zum ersten Male sah er, wie schn die Frau eigentlich war, die,
anscheinend dem Tanze ganz hingegeben, in seinem Arme dahinflog ... wie
eine Feder so leicht. Den Kopf hatte sie ein wenig zurckgelegt, die
Augen hielt sie halb geschlossen, unter den leicht geffneten Lippen
blitzten die weien Zhne, und die feinen Nasenflgel zitterten. Da ging
ihm das erhitzte Blut mit der khlen Ueberlegung durch, mitten im
dichtesten Gewhl beugte er sich nach vorn, prete eine Sekunde lang
seine Lippen auf den schneeweien Hals, da wo er sich aus dem
spitzenbesetzten Kleidersaum hob. Sie schauerte leicht zusammen, lie
die Arme sinken: Bitte, fhren Sie mich wieder nach oben!

Auf der Treppe blieb er einen Augenblick lang stehen.

Sind Sie mir bse, gndige Frau?

Sie strich sich mit einer mden Bewegung eine kleine Haarstrhne aus dem
Gesicht.

Wieso denn? In unseren Kreisen nimmt man das nicht so genau ... Nur
... Sie brach ab und zog mit einer kurzen Bewegung das feine Batisttuch
durch die geschlossene Hand.

Na, was denn, wenn ich fragen darf?

Sie schttelte den Kopf mit den schweren Zpfen, auf denen ein
merkwrdiges Geflecht thronte aus gelbem Stroh und schwarzen Spitzen,
mit einem kostbaren Marabou an der Rckseite, der wie ein Helmbusch in
die Hhe ragte.

Ah na! Nur so viel: das, jetzt eben, stimmt nicht zu dem Bild, das ich
mir von Ihnen in all den Wochen zurechtgemacht hab'.

Da fhlte er den Drang, sich zu rechtfertigen.

Gndige Frau, ich bin wie ein ausgehungerter Wolf. Vier Wochen lag ich
an der Kette ... wie ein Kuli im Dienst. Heute hat man mich zum ersten
Male ein bichen wieder losgelassen, da heit es, die Stunde genieen.
Wer wei, morgen ndern sich vielleicht die Dispositionen, und die
Rechnerei fngt von neuem an. Oder es geht endlich los, die bsen
Bleikugeln pfeifen, und man kt keinen weien Frauenhals mehr, sondern
die kalte, schwarze Erde.

Sie sah ihn aus erschreckten Augen an.

Um Gottes willen, hren's auf! Aber haben Sie in dieser Zeit wenigstens
ab und zu einmal an mich gedacht?

Da antwortete er ehrlich: Wie sollte ich wohl, gndige Frau? An dem
ersten Abend freilich nach dem Rennen im Grunewald, da habe ich mich
viel mit Ihnen beschftigt. Nachher hatte ich keine Zeit. Zu viel
Dienst. Mein Abteilungschef hatte den sechzehnstndigen Normalarbeitstag
eingefhrt, und -- Sie wissen vielleicht -- bei den Militrsoldaten
ist's noch nicht blich, in solchen Fllen durch Streiken eine hhere
Gewinnbeteiligung zu erzwingen.

Sie nickte zufrieden.

Jetzt sind Sie wieder wie damals ... Und pltzlich lachte sie auf:
Gott, war das komisch an dem Abend! Wie schlecht Sie die verwhnte
Magda Neudecker behandelt haben!

Gndige Frau, ich war an dem Abend in einer seltsamen Mistimmung. Das
Ungehrige meiner Antwort wurde mir erst spter klar ...

Ungehrig? ... Frau Josepha schttelte den Kopf.

Entweder sind Sie wirklich was Besonderes, oder ein ganz ein
Raffinierter: Frulein Neudecker brennt lichterloh. Endlich mal hat sie
einen Mann entdeckt! Einen Mann, der nicht mit verdrehten Augen und
Liebesgegirr an die Millionenerbin herantritt! Wenn Sie morgen in der
Tiergartenstrae Besuch machen, knnen Sie in acht Tagen die hold
errtende Magda um das Jawort befragen ... Und nehmen's das nicht auf
die leichte Achsel! Vier Millionen sofort! Haben Sie eine Ahnung, was
schon eine Million bedeutet?

Er verneigte sich lchelnd.

Vielleicht, gndige Frau! Ich habe vierhundert Mark monatlichen
Zuschu! Den brauche ich blo mit zehn zu multiplizieren -- Sie werden
mir zugeben, ein lcherlich kleiner Koeffizient -- ja, und ich kriege
einen Begriff von den mir winkenden Freuden. Auch ohne die reizvolle
Zugabe von Frulein Magda. Aber ich hege nicht die geringste Absicht,
mein Leben als so eine Art von Prinzgemahl zu beschlieen.

Da lachte sie ihm zu, sie schttelten sich die Hnde wie ein paar gute
Kameraden.

Der Platz von Frau Josepha in der Loge war besetzt. Neben dem Herrn mit
dem glattrasierten Gesicht sa ein junges Mdchen in einer Balltoilette
aus grellfarbener Seide. Brust und Nacken tief entblt, auf dem
gefrbten Haar ein groer Hut mit wallenden Federn. Sie wute, da man
sie in eine sogenannte anstndige Gesellschaft geladen hatte ... Das war
neuerdings ja Mode geworden, da die Damen aus dem Westen in Begleitung
ihrer Herren die ffentlichen Ballsle besuchten. Und damit nicht genug,
bis in die schmutzigsten Nachtlokale kletterten sie hinab. Da brauchte
man also kein Blatt vor den Mund zu nehmen; wer sich unter die Treber
mengte, den fraen die Schweine. Und sie sprach unfltige Gemeinheiten,
Gemeinheiten, die man in ihrem gewohnten Kreise nicht geduldet htte,
weil man dort einen gewissen ueren Anstand bewahrte ... hier aber die
Damen wollten sich ausschtten vor Lachen! Nur die Herren sahen ein
wenig verlegen drein bei den ungenierten Kraftausdrcken, die sie
gebrauchte.

Frau Josepha hatte ein paar Augenblicke mit gerunzelter Stirn zugehrt,
jetzt zog sie ihren Begleiter in die hinter der Loge liegende
Fensternische. Ein Kellner in weier Jacke kaum herzugelaufen, suberte
eifrig mit der Serviette das Tuch auf dem kleinen Tisch.

Bitt' schn, hier die Weinkarte.

Sekt, entschied Frau Josepha, und, als der Kellner eingeschenkt hatte,
hob sie ihr Glas. Sah ihr Gegenber aus glitzernden Augen an.

Prost, Herr Hauptmann, und machen's nicht so ein verteufelt ernstes
Gesicht! Nehmen Sie sich ein Beispiel an meinem Herrn Ehegemahl, der
legt sich nicht den geringsten Zwang auf. Sie deutete auf den in der
Loge sitzenden Gatten, und der Zufall fgte es, da er sich gerade ber
den Nacken seiner Nachbarin beugte, sie mit einem himmelnden Ausdruck
in den Augen zwischen die gebrannten Halslckchen kte. Ein paar feine
Puderstubchen waren ihm in den Hals gefahren, er bekam einen
Hustenanfall, an dem er fast erstickte. Einer der Herren in der Loge
sprang auf, flte ihm ein paar Tropfen ein, Frau Josepha rhrte sich
nicht. Und feindselig sagte sie: Recht geschieht ihm! Wenn er nur
endlich a mal dabei bleiben tt ...

Gaston sah sie erschreckt an, sie zuckte mit den Achseln.

Was wollen Sie, vielleicht Mitleid mit ihm haben? Seit wir uns nicht
mehr gesehen haben, hat sich vieles hier gendert. Das traurige Gestell
da neben ihm soll meine Nachfolgerin werden. Ich bin ja nichts mehr,
eine Gre von vorgestern, um mich wird er nicht mehr beneidet. Aber die
da, die Lisa Sandori, ist die neueste Sensation. Wann sie abends im
Theater die Rckeln hebt ber die klapperdrren Knie und zu tanzen
anfangt vor dem Einbrecher, der zum Fenster eingestiegen ist, lauft all
die Trotteln im Parkett das Wasser im Mund zusammen. Jeden Abend seit
zwei Wochen sitzt er mitten drunter, seine Pokerpartie ist deswegen
auseinandergegangen. Und hinterher ladet er die Person zum Nachtmahl.
Ich immer dabei, denn das wr ja kein Vergngen fr ihn, wann ich nicht
dabei wr', die Demtigung nicht schlucken tt ...

Ah pfui Teufel! Er strzte ein Glas Sekt hinab und setzte es so heftig
auf den Tisch, da ihm der Stiel in der Hand zerbrach. Und das lassen
Sie sich gefallen?

Sie nickte, ihre Augen wurden pltzlich ganz dunkel.

Ich werd's ihm schon heimzahlen. Ich hab' mir was ausgedacht, und das
wird fr ihn schlimmer sein, als tt' ihn einer mit glhenden Zangen
kneifen. Nur noch zwei kurze Wochen Geduld, dann geht's an. Lustig
wird's werden ...

Sie leerte durstig ihr Glas.

So, und jetzt wollen wir von was anderem reden. Machen's mir ein
bisserl den Hof, wenn Sie's auch eine Ueberwindung kostet. Blo da ich
vor der Person da nicht so steh, als wr' ich auf einmal eine Bettlerin
... Kein Mensch tt mehr den Kopf nach mir wenden.

Er zog die schmale Hand, die sie ihm ber den Tisch entgegenstreckte, an
die Lippen.

Ueberwindung, gndige Frau? Vielleicht wre Furcht das Richtigere ...
Furcht, da aus dem Spiel Ernst werden knnte! Ich bin schlielich nicht
blo ein auf zwei Fen gehendes Bndel von Grundstzen, sondern daneben
auch ein ganzes Ende lang ein junger Kerl mit Blut in den Adern. Damals,
nach dem Rennen, gelang es mir, mich noch leidlich heil in Sicherheit zu
bringen, ich mchte die Gefahr nicht zum zweiten Male herausfordern ...
Halb aus Mitleid sprach er so, halb unter dem Einflusse der
Weingeisterchen, die ihm im Blute spukten. Und Frau Josepha beugte sich
zu ihm ber den schmalen Tisch, so da er ihren Atem sprte.

Ist ja alles nicht wahr, aber schn Dank! Wenn man die Gulden nicht
kriegen kann, mu man mit die Kreuzeln vorlieb nehmen ... Und jetzt will
_ich_ Ihnen ein Gestndnis machen, aber das drfen Sie Wort fr Wort
glauben. Wie ich Sie damals auf der Rennbahn sah, sprte ich ein ganz
seltsames Gefhl ... wie eine pltzliche Erkenntnis: den da htt'st ein
paar Jahre frher kennen lernen mssen, dann htt' vielleicht aus dir
was werden knnen! So aber, das Leben, das ich jetzt fhr' ... Sie
brach ab und sah starr geradeaus, in ihren Augenwinkeln schimmerte es
feucht.

Da stieg es ihm hei im Herzen empor, und nicht nur seine Sinne
entzndeten sich.

Wenn ich mich nun wirklich in Sie verlieben wrde, Frau Josepha?

Sie schttelte den Kopf.

Es wr' nicht gut! Nicht gut fr uns beide.

Und wenn ich's nun schon wre?

Dann ... Sie atmete tief aus ... Dann wr's halt unser Schicksal! Und
vielleicht wr's auch noch Zeit, sich zu dem zurckzufinden, was man
frher war.

Sie legte ihm die Hand ber den Arm, er erschauerte leicht unter der
Berhrung, sie blickten sich in die Augen.

Frau Josepha, ich bin ein schwerflliger Gesell. Ich kann keine schnen
Worte machen ... ich gehr' Ihnen von dieser Stunde an.

Du lieber Bub' ...

Er fuhr zusammen, einer jener klappernden bunten Blle, mit denen man
sich von Tisch zu Tisch bewarf, hatte seinen Kopf getroffen. Eine
Frauenstimme, die seltsam blechern klang, wie eine geborstene Glocke,
rief aus der Loge herber: Da sehen Sie nur, Rheinthalerchen! Und so
was lassen Sie sich gefallen?

Herr Rheinthaler wandte sich lssig um, seine Augen blickten schon ein
wenig verglast vom reichlichen Trunk.

Ist ja so egal! ... Die Hauptsache, hier ist's gleich Schlu -- also
gehen wir weiter!

Frau Josepha erhob sich.

Wenn's Dir recht ist, werden wir jetzt nach Hause fahren. Ich bin nicht
in der Stimmung.

Das kommt schon noch! Kellner, zahlen! ... Nmlich, pa auf, die junge
Dame, die da vorhin auf Deinem Platz sa, erzhlte von einem Caf in der
Ackerstrae. Das soll zum Kugeln sein. Die Herren ohne Kragen und in
gestickten Morgenschuhen, die Damen im Umschlagtuch. Fr einen Taler
tanzen sie 'ne neue Art von Apachentanz mit allen Schikanen -- Frulein
Sandori will fr ihren nchsten Sketch Studien machen. Sie kommen doch
selbstverstndlich mit, Herr Hauptmann?

Ich bedauere lebhaft!

Sind Sie vielleicht auch nicht in der Stimmung? Oder mssen Sie sich
heute wieder Schlachtplne ausdenken?

Keins von beiden. Mir ist es nur, selbst in Zivil, nicht mglich, ein
derartiges Lokal zu besuchen.

Na, dann knnen wir ja auch wo anders hingehen?

Frau Josepha schttelte den Kopf.

Ich fahre nach Hause!

Herr Rheinthaler verbarg mhsam den aufsteigenden Aerger.

Das ist doch nur 'ne Laune, liebes Kind! Und wir knnen unsere Gste
doch nicht einfach so stehen lassen.

Frulein Sandori zeigte hinter den tiefrot geschminkten Lippen zwei
Reihen blendend weier Perlenzhne, zu klein und zu regelmig, um echt
zu sein.

Aber, bitte, das macht doch nichts! Fahren Sie mit Ihrer Frau Gemahlin
nur ruhig nach Hause, Rheinthaler. Ich bummel' inzwischen mit dem Herrn
Rechtsanwalt weiter! Und wir beide werden schlielich auch nach der
Ackerstrae hinfinden, nicht wahr, Doktorchen? Sie hakte sich in den
Arm eines schwarzbrtigen Herrn, der ebenfalls in der Loge gesessen
hatte, und sah ihn mit kokettem Augenaufschlag an.

Herrn Rheinthaler stieg das Blut zu Kopfe.

Also, Josepha, jetzt sei vernnftig! Ich kann Dich doch nicht allein
fahren lassen, und was liegt schon an der einen Stunde?

Gar nichts liegt daran, da hast Du recht. Aber la Dich durch mich
nicht stren! Mein Auto steht unten, ich fahre nach Hause!

Frulein Sandori lachte kurz auf mit ihrer blechernen Stimme.

Stellen Sie Ihre Frau Gemahlin doch unter den Schutz der bewaffneten
Macht, Herr Rheinthaler! Und haben Sie 'ne lange Leitung! Darauf geht
doch die ganze Reise, da die beiden da uns versetzen wollen!

Frau Josepha hob den Saum ihres Kleides und trat mit zornsprhenden
Augen einen Schritt auf die andere zu.

Sie! Da i mi net verge'! Aber die Ehr' tu ich Ihnen nicht an, da ich
Ihnen darauf was antwort'. Ich tt' mich ja erniedrigen, wenn ich mich
mit Ihnen auf eine Stuf' stellen wollt'!

In den Nachbarlogen war man aufmerksam geworden, reckte die Kpfe. Das
Mdel, das vorhin in der Loge auf Josephas Stuhl gesessen hatte, kam
vorbei und blieb lachend stehen.

Immer feste, meine Damen! Nur nich lang gefackelt -- mit 'ne Sektpulle
ber'n Kopp, det schafft am besten.

Gaston von Foucar bi die Zhne aufeinander. Ekelhaft war das ... Er bot
Josepha den Arm.

Darf ich Sie zu Ihrem Wagen fhren, gndige Frau?

Sie gingen an den Logen vorber, die breite Treppe hinunter, an der
Garderobe holte sie Herr Rheinthaler, ein wenig auer Atem, ein.

Also, Josepha, wie Du Dich wieder einmal benommen hast ... Frulein
Sandori ist auer sich! Und wenn Du sie nicht sofort um Entschuldigung
bittest ...

Gaston fhlte ein seltsames Zucken im Arm, aber die lange gebte
Selbsterziehung erstickte die zornige Aufwallung im Keime.

Verzeihen Sie, Herr Rheinthaler, wenn ich mich einmische, aber bis zu
einem gewissen Grade bin ich an dem rgerlichen Auftritt beteiligt. Ich
habe keine Ahnung von dem sonstigen Umgangston bei diesen abendlichen
Vergngungen, aber die Bemerkung dieses Fruleins Sandori war eine
freche Verdchtigung. Die Dame mte also wohl zuerst um Entschuldigung
bitten, wenn Sie berhaupt eine solche Staatsaktion fr notwendig halten
sollten.

In dem hageren Gesicht leuchtete es auf. Herr Rheinthaler sah eine
Mglichkeit, mit leidlichem Anstande zu Frulein Sandori zurckkehren zu
knnen.

Da haben Sie recht! So etwas mu man am besten mit Stillschweigen
bergehen. Morgen sind die beiden Damen wieder die besten Freundinnen --
verlassen Sie sich d'rauf! Ich werde jetzt der Gegenpartei gut zureden!
Wenn Sie die Liebenswrdigkeit haben wollten, bei meiner Frau das
gleiche zu versuchen, wenn Sie sie jetzt nach Hause bringen ...

Mitten in aller Erregung mute Gaston auflachen.

Ich soll Ihre Frau Gemahlin nach Hause bringen?

Herr Rheinthaler schien den geheimen Unterton der Frage nicht verstanden
zu haben.

Selbstverstndlich, sie kann doch nicht allein fahren. Und ich mu die
Sache mit der Sandori noch heute aus der Welt schaffen, sonst schwatzt
morgen ganz Berlin davon. Sie versumen nicht viel ... das Auto fhrt
rasch, in dreiviertel Stunden knnen Sie wieder zurck in der Stadt
sein.

Frau Josepha hatte sich von der Garderobenfrau in den Mantel helfen
lassen.

Kommen Sie, Herr Hauptmann! Ihren Gatten sah sie mit einem
merkwrdigen Blick an: Na, alsdann adieu, Fritz.

Du bist mir doch nicht bs, Peperl?

I bewahre, komm nur nicht zu spt nach Haus.

Herr Rheinthaler wandte sich, sichtlich erleichtert, der anderen Gruppe
zu, die in erregter Unterhaltung von der Treppe her in den
Garderobenraum trat: Es ist alles in schnster Ordnung, meine
Herrschaften! Wir fahren in die Ackerstrae, teuerste Freundin ...

Das Auto bog durch das Brandenburger Tor in den Tiergarten, Frau Josepha
sa mit zusammengezogenen Augenbrauen, pltzlich schluchzte sie auf,
prete das feine Batisttuch, das sie in der Hand knllte, gegen den
Mund.

O, wie schimpflich ist das alles! Und wie mssen Sie mich verachten,
da ich mir das alles hab' gefallen lassen die ganze Zeit ber ...

Er ergriff ihre Linke, nahm sie in beide Hnde.

Das ist ein bichen tricht, was Sie da sagen, Frau Josepha. Woher
sollten Sie den Mut zum Widerstand nehmen? Aber jetzt ist das ja etwas
anderes ... Ich stehe neben Ihnen.

Sie rckte nher an ihn, sah ihm in die Augen.

Das ist nicht blo so im Augenblick und morgen ist alles wieder
verflogen?

Im allgemeinen pflege ich zu halten, was ich verspreche.

Sie brachte ihr Gesicht ganz nahe an das seinige.

Du, berleg's Dir wohl! Noch kannst Du zurck. Auf der Antwort jetzt
baut sich meine ganze Zukunft auf!

Ein feiner Duft drang aus ihren Haaren, aufreizend leuchteten ihre
Augen. Er schlang den Arm um ihren leicht erschauernden Rcken.

_Unsere_ Zukunft, wolltest Du wohl sagen, Liebstes! Ich bin doch kein
Knabe, der morgen vergit, was er heute geschworen hat?

Da bot sie ihm durstig die Lippen ...

Das Auto passierte eine hell erleuchtete Straenkreuzung, sie lste sich
hastig aus der Umarmung.

Sei nicht bs, aber ich mu vorsichtig sein. Er lt mich beobachten,
an jeder Ecke knnen seine Spione stehen. Die beiden Lackeln da vorn,
der Chauffeur und der Diener, sind auch in seinem Sold.

Ein hlicher Gedanke sprang ihn unversehens an ... Daher also
vielleicht die unverbrchliche Treue, von der damals der Herr von
Wodersen gesprochen hatte, als sie von der Grunewaldvilla heimgingen?

Frau Josepha hatte sich rckwrts gegen die Polster gelehnt, schlang
ihren weichen Arm in den seinigen.

Da komm her, Bubi, bring Dein liebes kleines Ohrwaschel nher 'ran, da
ich nicht so laut zu sprechen brauch' ... so ... und jetzt hr' fein zu
... Ich schwr' Dir bei der heiligen Mutter Gottes, ich hab' auer Dir
noch nie einen lieb gehabt, Du bist der erste. Und ich kann ja nichts
dafr, da ich Dich so spt kennen gelernt hab' ... Als Du damals im
Unwillen fortgingst, hab' ich hinterher geweint die ganze Nacht, aber
meine alte Kinderfrau hat mich getrstet. In den Karten hat gestanden,
ich wrd' Dich wiederfinden ... Und jetzt, b'ht Di Gott ... trum' von
mir und schlaf' gut heute nacht, ich hab' noch viel zu tun ...

So sprach sie halblaut, von Zeit zu Zeit berhrten ihre weichen Lippen
sein Ohr.

Das Auto hielt, der Diener ffnete den Schlag. Sie stieg aus.

Schn Dank, Herr Hauptmann, fr die liebenswrdige Begleitung. Karl,
Sie fahren den Herrn Hauptmann jetzt nach seiner Wohnung und kommen
zurck. Ich brauche Sie noch heute.

Zu Befehl, gndige Frau.

Gaston von Foucar wollte noch etwas sagen, aber Frau Josepha trat unter
dem Geleit eines Dieners in die geffnete Haustr, der Wagenschlag flog
zu, und das Auto fuhr von der breiten Rampe wieder auf die Strae
hinaus.

Rankestrae hundertsechzehn! rief er zum offenen Fenster hinaus und
lehnte sich in die Polster zurck. Der Kopf war ihm benommen, er konnte
keinen klaren Gedanken fassen, nur ein sehnschtiges Gefhl war in
seiner Brust. Noch hundert Meilen htte er so dahinfahren mgen wie
vorhin, und durstig sog er den zarten Duft ein, der noch das Innere des
Wagens fllte. Erst ganz allmhlich wurde er nchterner ...

Das also eben war die Entscheidung ber sein Schicksal gewesen.
Unauslslich war er jetzt an die Frau gebunden, die er zweimal bisher
gesehen hatte ... von der er nichts weiter wute als das wenige, was sie
selbst und der Landsberger Husar damals erzhlt hatten. Wie ein
Sturmwind war das gekommen, keinen Augenblick zu ruhiger Ueberlegung. Es
reute ihn nicht, wahrhaftig nicht, aber schier unbegreiflich erschien es
ihm jetzt, wie er bei seiner sonst so khl abwgenden Art so rasche
Entschlsse hatte fassen knnen. Wenn er einmal in miger Stunde davon
getrumt hatte, wie es sich wohl abspielen wrde, wenn er sich den guten
Kameraden frs ganze Leben gewann, hatte ihm immer etwas Zartes, Feines
vorgeschwebt, ein langsames scheues Annhern ... Irgendwo auf einem Fest
im Grnen sollte es anfangen, und monatelang stimmte man sich hinterher
aneinander ab, ehe man das entscheidende Wort sprach. Das war nun alles
anders gekommen. Im heien Atem einer jh emporlodernden Leidenschaft
... Und recht so! Ein Narr nur schneiderte sich sein Leben nach
Prinzipien zurecht, man mute das Glck nehmen, wie man es fand. Und nun
galt es, einige klare Entschlsse zu fassen. Morgen vormittag
depeschierte man an die kleine, alte Dame im Schwabenland: Liebes
Mutterle, in ein paar Tagen bring' ich Dir Deine zuknftige Tochter. Ich
wei, Du wirst ihr gut sein und sie freundlich bei Dir aufnehmen, bis
... Ja, wie zum Teufel, wie fate man das am besten in Worte? ... Bis
die unwrdige Fessel, die sie noch an einen anderen bindet, gelst ist!
Und er stand in Gedanken dabei, wie das liebe Mtterchen die Depesche
las. So, so, mei Bble! Wo hast Du sie denn kennen gelernt?

Ganz zufllig in dem Restaurant einer Rennbahn.

Und wo habt Ihr Euch verlobt?

Da stockte ihm zunchst die Zunge: In einem ffentlichen Ballokal. Auch
ganz zufllig ... noch eine Viertelstunde vorher hatte ich im Traum
nicht daran gedacht. Das kam wie ein Gewittersturz.

Das alte Frauchen nahm die Brille ab.

So, so, mei Bble! Und darauf willst Du Dein Lebensglck aufbaue? Das
ischt ungesund, aber i will Dir da nit dreinrede ... Du bischt ein
ausgewachsener Mann, mut selbscht am beschte wisse, was Dir frommt ...
Und wenn Du ihr Dein Wort gegeben hast ...

Mu ich es selbstverstndlich halten, da hast Du recht, Mutterle. Und,
sieh mal, man mu an Auergewhnliches nicht den Alltagsmastab legen.
Es gibt Situationen, wo langes Ueberlegen vom Uebel ist. Mit beiden
Fen zugleich mu man hineinspringen wie in ein Abenteuer, nur da
hier eben alle Garantien vorhanden sind, da es gut ausgeht. Sie ist von
ganz besonderem Schlag, ich kann Dir das nicht so mit Worten
ausschildern -- Du mut sie eben selbst kennen lernen! Und wenn wir erst
die paar unumgnglichen Widerwrtigkeiten der Scheidung berwunden
haben ...

Das Auto hielt, er gab dem Diener, der ihm den Schlag ffnete, ein
reichliches Trinkgeld und stieg langsam die drei Treppen zu seiner
Wohnung empor. Er machte Licht, vor dem Lampenfu lag eine Depesche. Er
ri sie mit ungeduldiger Hand auf und las bei dem Scheine des
verglimmenden Zndhlzchens: Gratuliere zur fnften Schwadron
Ordensburger Dragoner! Wegener.

Eine ganze Weile sa er mit dem Blatte im Dunkeln. Mit einer gewissen,
stumpfen Verwunderung, da der Chef sein vor Wochen gegebenes
Versprechen gehalten hatte. In der ganzen letzten Zeit war nicht mit
einem Worte mehr davon die Rede gewesen. Und morgen mute er sich dafr
bedanken. Wie sehr er gejubelt htte, da sich ihm sein sehnlichster
Wunsch so rasch erfllte, und da er bei dieser auerordentlichen
Auszeichnung sich eines Gefhls der Beschmung nicht erwehren knnte,
weil er nmlich einen Teil der Voraussetzungen, die damals vielleicht
mit bestimmend gewesen, nicht mehr erfllte. Er wre heute nicht mehr
frei, htte sein Schicksal an das einer anderen gebunden, der er von
jetzt an zur Seite stehen mte. Da erwiderte der gtige Chef wohl mit
einem Lachen: Na, lieber Foucar, deswegen brauchen Sie sich keine
grauen Haare wachsen zu lassen! Das war damals nur ein kleines
Scherzchen von mir. Und ich schtze, Sie haben in Ihrer klugen Art mit
Liebe, aber auch mit Vorsicht gewhlt. Eine junge Dame, die Sie im
Kreise des vornehmen alten Regiments mit Stolz prsentieren knnen ...
Und er mute darauf sagen: Verzeihung, Herr Oberst, das wei ich noch
nicht! Ich kenne von der Herkunft und Vergangenheit meiner Verlobten
blutwenig, eigentlich so gut wie gar nichts. Ich wei heute noch nicht
einmal, ob ich nicht gentigt sein werde, meinen Abschied zu nehmen,
wenn ich das ihr gegebene Versprechen einlsen soll.

Da schrie es pltzlich in ihm auf, verrckt war das, was er in dieser
letzten Stunde getan hatte! Ein sinnloser Karnevalsstreich war das
gewesen, den ihm ein anderer gespielt hatte, der fr eine kurze Weile in
seine Haut geschlpft war. Ein leichtfertiger Bursch, der halb im
Trunke, halb unter dem Einflusse seiner aufgepeitschten Sinne mit
Menschenschicksalen spielte ... dem ein bichen Mitleid, ein pltzliches
Begehren genug waren, die Worte zu sprechen, mit denen er sich fr das
ganze Leben verpflichtete. So sinnlos war das alles, da er keinen
Augenblick zgern durfte, sich aus dieser Verstrickung wieder zu lsen.

Er steckte die Lampe an und setzte sich, wie er ging und stand, in Hut
und Ueberzieher, an den Schreibtisch. Aber schon nach den ersten Zeilen
zerri er den Bogen in tausend kleine Fetzen, warf sie in den
Papierkorb. Wie und womit sollte er seine pltzliche Sinnesnderung
erklren? Noch vor kaum einer Stunde hatte er gesagt: Ich bin doch kein
Knabe mehr, der morgen vergit, was er heute geschworen hat. Sollte er
schreiben: Gndige Frau, als ich das sprach, war ich verrckt oder
betrunken, und jetzt, nachdem ich wieder zur Besinnung gekommen bin, mu
ich Sie bitten, mir mein Wort zurckzugeben? Zorn und Scham trieben ihm
das Blut ins Gesicht, allerhand wirre Gedanken und Bilder schossen ihm
durchs Hirn. Wort war Wort, und wenn man es nicht einlsen konnte, hatte
man es eben auf andere Weise zu zahlen. Solch ein haltloser Tropf, der
fr die Folgen seiner Handlungen nicht eintrat, hatte auf der Welt
nichts mehr zu suchen! Und ein lngst vergessenes Bild trat pltzlich
vor seine Augen. Ein armes junges Kerlchen aus seinem alten Regiment lag
da mit durchschossener Schlfe, weil es sein verpfndetes Wort nicht
hatte halten knnen. Eine in der Trunkenheit eingegangene Spielschuld
war es gewesen, und er selbst hatte damals unter den strengen Richtern
gesessen.

Da sthnte er auf wie ein weidwundes Tier und barg sein Gesicht in den
Hnden. Heute htte er wohl nicht so unbarmherzig geurteilt wie damals
vor acht oder neun Jahren. Und nur eine letzte leise Hoffnung hielt ihn
vor dem jhen Schritte ins Dunkle zurck, da die Frau, der er sein Wort
gegeben, morgen vielleicht auch schon anders dachte ... Vielleicht als
ein tndelndes Spiel ansah, was ihm in dem einen Augenblicke, da er die
Zucht ber sich verloren hatte, heiliger Ernst gewesen war. Als er sie
whrend den Tanzes aus den Hals kte, hatte sie ja selbst gesagt, in
ihren Kreisen nhme man es nicht so genau, wenn ein Herr einer
verheirateten Dame mit einer Huldigung nahte, die, bei Licht besehen,
eine bodenlose Unverschmtheit war ...

       *       *       *       *       *

Gegen Morgen mute ihn wohl die Mdigkeit bermannt haben. Als Gaston
von Foucar aus einem von wirren Trumen erfllten Schlafe erwachte,
schien die helle Sonne zum Fenster herein. Sein Bursche stand vor dem
Bett, mit einem Briefe in der Hand.

Herr Hauptmann werde gtigscht verzeihe, aber es ischt Zeit zum
Dienscht, und zudem, das alt Weible, was den Brief da bracht hat, will
sofort Antwort habe.

Gaston richtete sich im Bett auf.

Was fr ein altes Weib?

Die wo ebe gekomme ischt, Herr Hauptmann. Sie hockt im Vorzimmer,
schaut aus wie eine von dene Schpreewldlerinne, und der Herr Hauptmann
tt scho wisse, von wem da das Briefle wr'.

Sagen Sie ihr, sie soll noch ein paar Minuten warten! Und legen Sie mir
die erste Garnitur Ueberrock zurecht!

B'fehl, Herr Hauptmann!

Als der Bursche das Schlafzimmer verlassen hatte, hielt Gaston eine
ganze Weile lang den Brief unschlssig in der Hand. Mit einem Schlage
war ihm die Erinnerung zurckgekehrt, und ein Gefhl des Ekels vor sich
selbst schnrte ihm die Kehle zusammen. Krperliches Unbehagen nach dem
ungewohnten schweren Trunke und dazu ein ganzes Heer bohrender und
nagender Vorwrfe. Wie ein Verbrecher erschien er sich, der nach einer
im Rausche begangenen Freveltat erwachte. Der bleierne Schlaf hinterher
hatte sie nicht ungeschehen gemacht, nur um so schreckhafter stand sie
im klaren Tageslichte da! Und der Brief hier brachte ihm sein Urteil.

Mit zitternder Hand ri er ihn auf, das Herz schlug ihm bis in den Hals
hinauf.

                          Mein Liebstes!

    In aller Eile ein paar Zeilen, weil ich Dich beim Erwachen nicht
    ohne Gru lassen wollte. Ich habe die Nacht nicht geschlafen. Ich
    lag mit offenen Augen und konnte nicht fassen, was geschehen war.
    Immer hatte ich Angst, wenn es wieder Morgen wrde, wre es nicht
    wahr. Dann aber wiederholte ich mir alles, was Du gesprochen
    hattest, und die selige Gewiheit zog in mein Herz, da Du mir
    gehrst und ich Dir, fr immer! An Deiner Hand, Du Lieber, in ein
    neues Leben gehen zu drfen, die Seligkeit ist so gro, da ich sie
    kaum ertragen kann. In einem einzigen Lachen und Weinen gehe ich
    umher!

    Mit dem Widerwrtigen, was heute nacht noch geschah, will ich Dich
    verschonen, auch all das Ueble und Hliche soll Dir fernbleiben,
    was in dem Kampf um meine Freiheit nun mal nicht zu vermeiden ist.
    Er wird kurz sein, denn ich habe gute Waffen in der Hand.

    Heute nachmittag um fnf erwarte ich Dich. Da will ich noch einmal
    von Dir hren, da Du mich lieb hast. Dann aber mssen wir fr eine
    ganze Zeit Abschied voneinander nehmen. Sieh, mein liebster Bub, die
    Trnen fallen mir aus den Augen auf dieses Blatt, weil ich daran
    denke, da wir uns vielleicht auf Monate nicht wiedersehen sollen,
    aber auf unseren zuknftigen Bund soll kein hlicher Schatten
    fallen. Kein Gezischel und kein hmisches Gerede soll sich erheben
    drfen. Da wir uns heimlich versprochen haben, geht keinen Menschen
    was an!

    Meine alte Ursel, die um mich ist, seit ich auf der Welt bin,
    berbringt Dir diesen Brief. Gib ihr mndlich Bescheid, ob ich Dich
    um fnf erwarten darf. Den Brief aber verbrenne, denn die Leute, mit
    denen ich's jetzt zu tun bekomme, schrecken auch vor einem
    verschlossenen Schreibtisch nicht zurck.

    Ich umarme Dich und ksse Deine lieben, blauen Augen, die es mir
    zuerst angetan hatten bei Dir. Ich zhle die Minuten, bis Du bei mir
    bist.

                                                            Josepha.

Unwillkrlich regte sich in Gastons Brust etwas von dem Gefhl, das er
in der vergangenen Nacht empfunden hatte, als er die schne Frau im
Wagen heimgeleitete. In dem Briefe da war etwas, das ihn seltsam ans
Herz rhrte ... Und da er sich mit Skrupeln plagte, wo andere, die das
Leben leichter nahmen, mit beiden Hnden zugegriffen htten, lag
vielleicht nur an seiner bergroen Gewissenhaftigkeit. An einer schier
schulmeisterlichen Strenge, mit der er noch immer sich selbst erzog. Der
Landsberger Husar, Herr von Wodersen, war gewi ein Offizier und
Edelmann von untadeliger Gesinnung. Der aber wrde ohne ein Wimperzucken
sein Seelenheil verpfnden, wenn er in diesem Augenblick an seiner
Stelle stehen drfte! Und die Befrchtung, er mte seine Karriere
aufgeben, wenn er eine gewesene Schauspielerin heiratete, hielt bei
nherem Ueberlegen nicht stand. Da lie sich mit einigem guten Willen
zu einer kleinen Vertuschung ein Ausweg finden. In dem kleinen
ostpreuischen Stdtchen da oben an der Grenze gab es wohl keinen
Menschen, der Josepha auf der Bhne gesehen hatte. Da war sie nichts
anderes als die geborene Baronesse Nadanyi, die nach schuldlos
geschiedener Ehe den Rittmeister von Foucar heiratete. Wenn er sich aber
in dem Regiment erst die gesellschaftliche und dienstliche Stellung
geschaffen hatte, die ihm bei seinen Fhigkeiten sicher war, sollte wohl
niemand auf den Gedanken kommen, da bei seiner Verheiratung irgend
etwas zu bemkeln wre. Na, und nachher richtete man sich miteinander
ein, so gut es eben ging. Und was heute wie eine Art von Zwang aussah
nach dem gegebenen Wort, wurde vielleicht eine ehrliche Zuneigung, auf
der man sein Leben aufbauen konnte. Ein fester Entschlu aber mute
endlich gefat werden.

Er griff nach der Klingel, sein Bursche betrat das Zimmer.

Herr Hauptmann befehle?

Sagen Sie der Alten drauen, ich la mich ihrer gndigen Frau bestens
empfehlen. Ich werde heute nachmittag um fnf meine Aufwartung machen.

Der Bursche schttelte den Kopf.

Sell geht nit, Herr Hauptmann! Das alt Weible will partout den Herrn
Hauptmann persnlich schpreche.

Na, dann soll sie geflligst warten, bis ich mich angezogen habe!

Befehl, Herr Hauptmann!

Gaston sprang mit beiden Fen aus dem Bett, wusch und kleidete sich
rascher an als sonst. Als er aber den Rock zuknpfte, berfiel ihn eine
eigentmliche Beklommenheit. Als ginge er einem hochnotpeinlichen Examen
entgegen, so war ihm pltzlich zumut.

Er ffnete die Tr zum Vorzimmer: Darf ich bitten?

Eine seltsam gekleidete alte Frau erhob sich, trat einen Schritt nher.
Unter einem bunten Kopftuch stand ein schneeweier Scheitel. Die Fe
steckten in schwarzen Schnrschuhen, in der Rechten trug sie einen
derben Schirm, auf den sie sich sttzte, als wenn ihr das Stehen schwer
fiele. Aus dunklen Augen sah sie Gaston prfend an. Schlielich seufzte
sie leicht auf und kam langsam ins Zimmer. Gaston schlo hinter ihr die
Tr.

Sie wollten mich persnlich sprechen?

Ja, Herr Hauptmann, sagte sie, und sehen! Damals als Sie zum ersten
Male bei uns waren, hatte ich keine Gelegenheit.

Sie sprach ein ganz korrektes Deutsch, nur in der harten Betonung
gewisser Vokale verriet sich ein slawischer Anklang.

Gaston wurde es unter den musternden Blicken unbehaglich zumute.

Sie stehen zu Frau Rheinthaler wohl in einem besonders vertrauten
Verhltnis?

Ihre Mutter war zu eitel, da hab' ich sie genhrt. Seit sie zum ersten
Male in meinen Arm gelegt wurde, habe ich sie nicht mehr verlassen.

Na, das ist sehr nett von Ihnen! Ihm fiel im Augenblick nichts anderes
ein als diese banale Wendung. Und, mit einem Versuche zu scherzen,
fgte er hinzu: Sie sehen mich so prfend an. Gefalle ich Ihnen nicht?

Sie zuckte mit den Achseln.

Darauf kommt es nicht an. Nur eins: Sie haben ihren Brief gelesen.
Danach mute ich fast eine halbe Stunde warten! Haben Sie so lange Zeit
gebraucht, sich Ihre Antwort zu berlegen?

Gaston fuhr mit gemachtem Unwillen auf.

Htte ich Sie vielleicht im Schlafzimmer empfangen sollen? Ich mute
mich doch erst anziehen!

Sie schttelte den Kopf, ohne die forschenden Augen von seinem Gesicht
zu wenden.

Ich bin ein altes Weib, vor mir brauchten Sie sich nicht zu genieren. Und
es ist schon richtig. Sie sehen nicht aus wie einer, der sich vor Freude
nicht zu lassen wei! Aber ich werde ihr was vorlgen. Sie wrde sterben,
wenn ich ihr die Wahrheit sagen wollte! Seit dem ersten Tag, wo sie mir
von Ihnen erzhlte, ist sie krank. Erst als ich ausgekundschaftet hatte,
da Sie es mit keiner anderen hielten, da Sie frhmorgens in das groe
rote Haus am Knigsplatz fuhren und erst spt in der Nacht wieder
heimkehrten, beruhigte sie sich.

Gaston richtete sich auf. Es widerstrebte ihm, eine Unterhaltung
weiterzufhren, bei der er wie auf einem Armesnderbnklein sa.

Es ist genug. Empfehlen Sie mich Ihrer Herrin, ich werde mir erlauben,
um fnf Uhr bei ihr zu sein!

Weiter soll ich ihr nichts ausrichten?

Nein!

Die Alte trat nher, umklammerte seinen Arm.

Lieber, guter Herr, seien Sie nicht bse. Ich mte mich ja selbst
verfluchen, wenn ich mir sagen mte, ich htte etwas bei Ihnen
verfehlt. Nur, weil ich sie so sehr liebe, da ich mein Herzblut
verspritzen knnte fr sie, meine ich immer, allen anderen mte es
ebenso gehen. Also, Herr, sagen Sie mir nur ein einziges Wort, damit ich
mich vor meinem Kind nicht so zu verstellen brauch' ...

Gaston machte sich unwillig los.

Aber, meine Verehrteste, wer mutet Ihnen denn zu, da Sie sich
verstellen sollen! Richten Sie der gndigen Frau einen schnen Gru von
mir aus! Alles, was unsere Zukunft angeht, werde ich heute nachmittag
persnlich mit ihr besprechen.

Dazu wird vielleicht keine Gelegenheit sein. Heute nacht hatten wir
alles gepackt, um fortzugehen. Da kam der Herr nach Hause, von der
anderen. Wie er unsere Vorbereitungen sah, gab es einen schrecklichen
Anfall. Ich glaubte, es ging schon zu Ende, aber er erholte sich wieder.
Dann hat er geweint und gebettelt, sich die Haare gerissen und
geschworen, er wrde der anderen den Laufpa geben. Die Josepha hat ihm
nicht geantwortet, und jetzt lt er sie nicht aus den Augen. Sitzt in
seinem Stuhl und spricht kein Wort, bettelt nur immer mit den Augen.

Gaston wandte sich ab, unsglich widerwrtig war das alles.

Na, dann sagen Sie Ihrer Herrin, es tut mir leid, aber unter diesen
Umstnden kann ich keinen Fu in das Haus ihres Mannes setzen! Sie wird
mir das nachfhlen.

Die Alte hob die drre Hand.

Um Gottes willen, Herr, das geht nicht! Sie wartet auf Sie wie auf den
Heiland. Um Sie noch einmal zu sehen und daraus Mut zu schpfen fr
alles, was ihr noch bevorsteht. Wollen Sie ihr da dies kleine Opfer
nicht bringen?

Es ist gut, sagte er mit einem Aufatmen, ich komme! Und da es unter
all den Umstnden wohl keinen anderen Weg gibt -- richten Sie ihr etwas
aus, was ich ihr sonst persnlich gesagt htte. Ich setze allerdings
dabei voraus, da ich Ihnen vollkommen vertrauen darf.

Die Alte reckte ihre hagere Gestalt, ber ihr vertrocknetes Gesicht flog
ein heller Schein.

Sie vertraut mir, das mu Ihnen genug sein. Wie an einer Mutter hngt
sie an mir.

Nun denn ... Also sagen Sie der gndigen Frau, ich htte heute meine
Versetzung in die Front bekommen. In ein kleines Nest an der russischen
Grenze. Ob ich nach Berlin zurckkehre, hngt nicht von mir allein ab.
Ich hoffe es, aber ich wei es nicht bestimmt. Es kann ebenso gut sein,
da ich dort unten fr immer bleiben mu. Ich bitte die gndige Frau
daher, sie mchte es sich noch einmal reiflich berlegen. Ob sie mir
dorthin folgen will, in die engen und beschrnkten Verhltnisse ...

Um die welken Lippen der Alten flog ein bitteres Lcheln.

Ich verstehe! _Sie_ mchten sich's noch einmal berlegen. Aber das geht
nicht an, sie wrde es nicht verwinden. Und nun hren Sie mir gut zu!
Ich leide es nicht, da Sie ihr wehe tun. Strafen wird die heilige
Mutter Gottes Sie, wenn Sie Ihr Wort brechen, und ich werde ihr Werkzeug
sein. Ich schwre Ihnen, Sie knnen an das Ende der Welt fliehen, ich
werde Sie erreichen! Hochaufgerichtet stand sie da, die dunklen Augen
in dem gelben Gesicht blitzten in fanatischem Glanz.

Gaston hatte ihr rgerlich ins Wort fallen wollen, aber die Alte war
nicht zu beirren. Da lie er sie aussprechen. Ueber die Drohung zum
Schlu mute er lachen. Sie war auch berflssig, er hatte sich ja
lngst schon entschieden. Nur es war etwas in ihm, was ihn trieb, genau
so ehrlich zu sprechen wie die andere da, die ihrer Herrin in blinder
Treue ergeben war.

Sie haben richtig geraten, Frau ... Frau ...

Ursula hei' ich, fiel die Alte ein, Ursula Blazitschek aus
Deutsch-Brod in Bhmen.

Also, Frau Ursula, sagen Sie Ihrer Herrin, da ich heute nacht noch
gewissenhaft mit mir zu Rate gegangen bin. Da ich auch heute noch
berlegte, ob ich sie nicht bitten sollte, mir mein Wort wieder
zurckzugeben. Das ist jetzt anders geworden. Nach dem Brief da ...
nicht nach Ihren Drohungen. Die wrden mich nicht einen Schritt weiter
treiben, als ich zu gehen entschlossen wre. Ich habe vieles zu
berwinden, aber ich hoffe, es wird mir gelingen. Ich will ihr die Treue
halten, mehr kann ich heute nicht versprechen. Wenn sie damit zufrieden
ist, soll sie mir folgen. Gott gebe, da es ihr und mir zum Guten
ausschlgt.

Die Alte beugte sich hinab. Ehe er es verhindern konnte, hatte sie den
Scho seines Ueberrockes an die Lippen gezogen.

Dank, Herr! Jetzt wird sich alles zum besten wenden. Nur ihr werde ich
nicht alles wiedersagen, was wir gesprochen haben. Wozu soll sie sich
mit Zweifeln betrben? Sie hat genug gelitten in dieser Zeit! Um Euer
Glck aber ist mir nicht bange ... Und jetzt, Gott befohlen, Herr! Ich
werde zusehen, ob es nicht mglich sein wird, da Ihr Euch heute
nachmittag fr ein paar Minuten allein sehen knnt.

Sie knixte und ging eilig hinaus, ohne sich umzublicken. Ein paar
Augenblicke war ihm zumute, als ginge das alles nicht ihn an, sondern
einen Fremden. Wie in einem Theater kam er sich vor, in dem sich
allerhand seltsame Geschehnisse abspielten. Wenn der Vorhang fiel, war
die Tuschung vorber. Man zog sich den Paletot an und trat wieder in
die Wirklichkeit hinaus. Er schttelte den Kopf und begann nachzudenken.
Ein Mann, der sich fest in der Hand zu halten glaubte, trieb willenlos
in dem Strom des Schicksals, Zuflle bestimmten ihm den Weg, blinde und
alberne Zuflle, die jhlings einfielen, wie eine aus verkehrter
Richtung in die Segel schieende Be. Einen Tag spter war die Arbeit
fertig, und er htte die Frau, die jetzt sein Schicksal wurde,
vielleicht nie wiedergesehen. Oder der Hauptmann Sternheimb, der gestern
die Arrangements des lustigen Abends besorgte, wre auf die Idee
gekommen, ein anderes Ballokal fr den Nachtbummel vorzuschlagen.
Verrckt konnte man werden, wenn man darber nachdachte.

Der Bursche brachte das Frhstck herein, Gaston strzte hastig eine
Tasse Tee hinunter. Es war hchste Zeit, sich in den Dienst zu begeben.
Und allmhlich mute er sich auch in eine Art von Freudengefhl
hineinsteigern, damit seine Danksagung bei dem Oberst Wegener nicht der
ntigen Wrme entbehrte. Aber es gelang nicht. Immer mute er denken,
da er in den so hei ersehnten neuen Wirkungskreis nicht eine lockende
Hoffnung mitnahm, sondern eine drckende Last -- -- --

       *       *       *       *       *

Der Oberst war sehr guter Laune, als er seinen Schtzling empfing. Nur
hatte er wenig Zeit, denn er war zum Vortrage befohlen worden, konnte
jeden Augenblick abgerufen werden. Er ordnete Papiere und Akten, als
Gaston in sein Zimmer trat.

Na, lieber Foucar, wie ist Ihnen jetzt zumute? rief er ihm entgegen.
Freuen Sie sich?

Auerordentlich! Und ich wei gar nicht, wie ich Herrn Oberst fr all
die Gte und Frsorge ...

Ist schon gut, ich freue mich mit, da ich's hab' zurechtschieben
knnen. Hauptschlich fr den Ordensburger Kommandeur. Der kann Leute
wie Sie gebrauchen. Ich hab's Ihnen wohl schon neulich gesagt, er ist
ein guter Freund von mir, der Oberstleutnant Harbrecht -- noch von der
Kriegsschule her. Ich hab' ihn um ein paar Nasenlngen berholt ... na
schn. Gren Sie ihn von mir! Und sagen Sie ihm im Vertrauen, er soll
den alten Sbel schleifen. Es liegt eine verdammt schwle Spannung in
der Atmosphre.

Gaston atmete tief auf. Und jetzt kam endlich die Freude ber ihn. Das
war vielleicht die Lsung aus all der Wirrsal, in die ihn diese
vergangene Nacht gestrzt hatte.

Glauben Herr Oberst wirklich?

Der Chef zuckte mit den Achseln.

Ich vermute nur! Ich habe mich in dieser Zeit schon so oft mit meinen
Prophezeiungen blamiert. Vielleicht heit's morgen, wieder 'rin in die
Kartoffeln! Aber wo der Oberstleutnant Harbrecht mit seinen Dragonern an
_der_ Seite sozusagen am dransten ist, kann's nicht schaden, wenn er noch
schrfer aufpat als sonst. Ich glaube, unsere Herren Nachbarn im Osten
werden sich im Ernstfalle nicht lange mit der Vorrede aufhalten. Sie
haben um Szuczin, Grajewo, und wie die Nester alle sonst heien mgen,
einen ganz anstndigen Pulk Kosaken versammelt, und unsere Grenze bis zu
dem masurischen Seendefilee ist offen. In einer Nacht knnen sie bis
Ltzen reiten.

Ich danke Herrn Oberst fr die Mitteilung. Ich werde es Herrn
Oberstleutnant Harbrecht ausrichten.

Na, dem erzhlen Sie mit dem letzten keine Neuigkeiten, der wei in
seinem Kram Bescheid. Das war mehr fr Sie, damit Sie sich gleich zu
Anfang bei ihm ein bichen nett einfhren knnen!

Herzlichen Dank, Herr Oberst. Ich hatte inzwischen auch schon
Gelegenheit genommen, mich wenigstens oberflchlich ber die dortigen
Verhltnisse zu unterrichten. Herr Major Nahmacher hatte die Gte, mir
auf meine Bitte das einschlgige Material in seinem Bureau fr eine
Stunde zur Einsicht zu berlassen.

Der Chef nickte wohlgefllig.

Um so besser! Aber jetzt einen kleinen Tropfen Wermut in den Becher der
Freude: Urlaub is nich! Wenn die Zeiten wider Erwarten ruhig bleiben
sollten, nach dem Manver.

Sehr wohl, Herr Oberst. Ich hatte sowieso nicht darauf gerechnet. Jetzt
natrlich erst recht nicht, ich mte mich ja schmen. Und ich habe hier
nicht viel zu besorgen. Ein paar Abschiedsbesuche. Die rgste
Zeitversumnis wre die neue Uniform. Sonst knnte ich schon heute abend
reisen.

Der Oberst Wegener lachte laut auf.

So doll ist das Vaterland nun nicht in Gefahr! Die Russen werden ja
nicht gleich morgen anfangen.

Eine Ordonnanz betrat das Zimmer, stand an der Tr stramm.

Was' los?

Exzellenz erwarten den Herrn Oberst.

Es ist gut, ich komme sofort!

Der Chef griff nach seiner Mappe.

Tut mir leid, lieber Foucar, ich htte gerne noch ein Weilchen mit
Ihnen geplaudert. Von meinem lieben Ostpreuen. Ich hab' da 'ne Masse
Verwandte, denen knnen Sie Gre bestellen! Die Leitners in Prawdowen,
die Ahrens in Sarken, den Reichs- und Landtagsabgeordneten Gorski auf
Kalinzinnen ... mit einem himmlischen Kerl von Tochter. Ich alter Esel,
als ich das letzte Mal auf Urlaub war, verscho mich in das Mdel, da
meine gute Alte beinahe eiferschtig wurde ... Na, das soll natrlich
kein Wink mit dem Zaunpfahl sein. Von diesen herrlichen Edelfohlen
luft da auf dem Lande noch eine ganze Masse herum. Also, jetzt Schlu,
lieber Foucar, und adieu! Er schttelte seinem gewesenen Untergebenen
krftig die Hand: Alles Gute auf den Weg, und schreiben Sie mir mal!

Gaston fhlte es hei im Herzen aufsteigen. Ganz unwillkrlich beugte er
sich ber die Hand, die seine Rechte hielt. Wie die Hand eines Vaters
kam sie ihm vor.

Der Oberst machte eine rasche Bewegung.

Unsinn, sagte er, aber seine Stimme klang ein wenig rauh. Ich hatte
vom ersten Tage an ein Auge auf Sie geworfen, um Sie fr mein geliebtes
altes Regiment und die Heimat einzuheimsen. Und jetzt Schlu ... Gott
befohlen! Er wandte sich ab, ging eilig zur Tr hinaus. Gaston aber
stand noch eine Weile allein, ehe er sich in sein Zimmer zurckbegab. Er
fhlte sich bedrckt von diesem Vertrauen und kam sich nicht mehr so
sauber vor wie frher.

Sein alter Stubenkamerad, Hauptmann von Sternheimb, hob bei seinem
Eintritt den Kopf.

Sie, Foucar, hier in der Abteilung hat sich eine seltsame Mr
verbreitet. Die Herren im Nachbarzimmer haben es deutlich gehrt: der
Alte soll ein paarmal gelacht haben, whrend Sie Audienz bei ihm hatten.
Richtig gelacht. Also das ist ein so merkwrdiges Vorkommnis ... Morgen
haben wir entweder Erdbeben oder Krieg nach drei Fronten.

Vielleicht habe ich ihm einen guten Witz erzhlt.

Herr von Sternheimb lachte.

So sehen Sie aus! Aber, wenn es nicht indiskret ist: Was wollten Sie
eigentlich bei ihm? So feierlich im besten Ueberrock, mit Zylinderhut
und Sbel?

Mich abmelden! Ich bin als Rittmeister zu den Ordensburger Dragonern
versetzt worden.

Hauptmann von Sternheimb sprang auf.

Mann Gottes, und das sagen Sie mit so einer Leichenbittermiene? Sausen
wieder mal ber ein paar Dutzend Vordermnner weg -- unter anderen auch
ber mich -- kommen in die Front, whrend wir hier wie die Kulis im
Schwitzkasten sitzen mssen. Die hohe Dame, die da unten in der kleinen
sddeutschen Residenz Ihre Schicksale lenkt, scheint wieder einmal recht
ttig gewesen zu sein.

Gaston verfrbte sich.

Wie meinen Sie das, Herr von Sternheimb?

Der andere wurde ein wenig verlegen.

Entschuldigen Sie, das ist mir so herausgefahren. Aber es geht hier
unter uns eine Legende, Sie erfreuten sich da unten in Sddeutschland,
noch von Ihrem seligen Herrn Vater her, ganz besonders guter
Beziehungen.

Das ist ein Irrtum. Mein Papa ist gestorben, als ich kaum ein Jahr alt
war. Ich habe mir mein bichen Weg allein gemacht, ohne jede Protektion!
Die Versetzung jetzt zu so ungewhnlicher Zeit verdanke ich unserem
Abteilungschef. Er hat sie mir selbst angetragen!

Herr von Sternheimb lchelte vielsagend.

Er schien Ihnen schon immer wohlgewogen zu sein. Na dann: gratuliere
herzlichst!

Gaston runzelte die Stirn. So wie der hier, dachten alle brigen.
Kameradschaft existierte doch nur dort, wo einer den anderen nicht zu
beneiden hatte.

Ich hatte die Absicht, die Herren in unserer Abteilung heute abend zu
einem Abschiedstrunk zu laden. Bitte, empfehlen Sie mich ihnen! Ich mu
frher in Ordensburg antreten, als ich gedacht hatte. Nach der
Stichprobe hier eben zu schlieen, wird man mir ja auch nicht allzu viel
Trnen nachweinen.

Herr von Sternheimb machte eine lssige Handbewegung.

Ihre eigene Schuld, Herr von Foucar! Sie haben sich ja immer von uns
zurckgezogen. Gestern kriegten wir eine Art von Erklrung und verziehen
Ihnen mit schndem Neid im Herzen. Minnedienst geht vor Kameradschaft.

Wie meinen Sie das? fragte er, ein wenig unsicher.

Na, das feuchte Weib, mit dem Sie allein im Auto nach Hause gondelten.
Donnerwetter noch mal, war das 'ne pompse Erscheinung! Und anscheinend
eine Klasse fr sich. Eigenes Auto mit Chauffeur und Diener.

Herr von Sternheimb, ich mache Sie darauf aufmerksam. Sie sprechen von
einer Dame der Gesellschaft!

Ah, pardon! Der Ansicht war ich nmlich auch, als wir nachher noch bei
einem Glschen Pilsner beisammensaen, aber der lange Bledow hatte
zufllig neben Ihnen getanzt und ganz deutlich gesehen, wie Sie Ihrer
Partnerin einen zrtlichen Ku auf den schneeweien Schwanenhals
applizierten! Das gab er natrlich unter allgemeiner Heiterkeit zum
besten.

Gaston wandte sich ab und bi sich auf die Lippen. Herr von Sternheimb
trat nher und legte ihm die Hand auf den Arm.

Na, Foucar, nichts fr ungut! Wollen nicht im Aerger auseinandergehen.
Wir haben in der Zeit hier doch immer sehr brav zusammengehalten! Und
soll ich vielleicht noch feierlich erklren, da ich nicht die geringste
Absicht hatte, der Dame zu nahe zu treten?

Ist nicht ntig, erwiderte er mhsam. Nach den Beobachtungen, die
Herr von Bledow gemacht hatte, konnte es sehr wohl den Anschein haben
... also erledigt!

Herr von Sternheimb sah ihn nicht ohne Teilnahme an.

Es tut mir furchtbar leid, lieber Foucar, falls ich da an etwas gerhrt
haben sollte ... Ich habe mir nichts dabei gedacht! Aber Sie werden mir
zugeben, es ist doch, gelinde gesagt, ein bichen ungewhnlich, da eine
Dame der Gesellschaft sich mitten unter diese kleinen Mdchen mischt.

Ist ja schon gut, sagte Gaston geqult, wollen die Sache nicht unntz
breittreten! Nur so viel noch: wenn sich jemand Vorwrfe zu machen hat,
bin ich es, ganz allein. Ich habe die junge Frau, die sich in Begleitung
ihres Mannes und noch einiger Herrschaften den Balltrubel aus Neugierde
'mal ansehen wollte ... dabei ist doch nichts, nicht wahr? ... Ja also,
ich habe die Dame dazu verleitet, mit mir einmal herumzutanzen. Da ich
mir nachher diese unbegreifliche Unverschmtheit erlaubte, dafr kann
sie nichts. Ich mu gestern nicht recht bei Sinnen gewesen sein. Sie
wrden mich zu Dank verpflichten, lieber Sternheimb, wenn Sie den
Herren, die gestern mit von der Partie waren, in dieser Richtung --
gelegentlich einmal -- eine Aufklrung geben wrden.

Aber natrlich! Herzlich gerne, beeilte sich der andere zu versichern.
Wir hatten ja alle gestern ein bichen scharf getrunken. Wenn man da
einer schnen Frau ein wenig allzu keck huldigt, noch dazu in einer
solchen Umgebung ... na, das lt sich begreifen. Sie scheint es Ihnen
ja auch nicht belgenommen zu haben, stieg mit Ihnen ganz vergngt in
das Auto ... Der lange Below rief Ihnen noch zu: Viel Vergngen! aber
Sie hrten nicht mehr.

Nein, allerdings nicht ... ist mir ganz entgangen, sonst htte ich dem
Herrn wohl eine recht deutliche Zurechtweisung ... Na ist gut! ... Also
dann adieu, Sternheimb.

Adieu, lieber Foucar, gren Sie mir das liebe alte Nest da an der
Grenze. Wenn nichts dazwischen kommt, sehen wir uns zum Herbst
vielleicht wieder. Ich habe da einen weitlufigen Vetter, der hebt mir
immer ein paar gute Rehbcke auf. Sie kennen ihn brigens auch. Vor 'nem
Jahr ungefhr hat er mich hier besucht, und Sie waren so liebenswrdig,
den endlosen Nachtbummel mitzumachen. Der junge Kersten war noch dabei,
von den Knigsberger Krassieren.

Ganz recht, jetzt entsinne ich mich. Na dann nochmals adieu und
hoffentlich auf Wiedersehen.

Auf Wiedersehen, lieber Foucar, und alles Gute.

Als Gaston nach der Erledigung der blichen Formalitten und den
notwendigen Abmeldungen das groe Gebude am Knigsplatz verlie, wrgte
ihn etwas am Halse.

Ganz erbrmlich kam er sich vor, aber es ging nicht anders, er mute die
Fessel wieder abstreifen, in die er sich bei nicht ganz klaren Sinnen
verstrickt hatte. Was er sich unter dem Eindruck des Briefes am frhen
Morgen zurechtgelegt hatte, als knnte er mit Frau Josepha in dem
kleinen Stdtchen wie auf einer Insel leben, war frommer Selbstbetrug
gewesen. Torheit war es doch, zu glauben, da dort niemand hinkommen
knnte, der Josephas Vergangenheit kannte. Das Gesprch eben mit dem
Hauptmann von Sternheimb war lehrreich genug gewesen.

Zwei Dinge gab es nur, zwischen denen er zu whlen hatte: seine Karriere
als Soldat oder die Frau. Da mute man hart sein, alle sentimentalen
Regungen ber die linke Schulter werfen und sich frei machen!

Und schlielich, wenn man sich die ganze Angelegenheit jetzt einmal im
klaren Tageslichte besah, was war denn Groes geschehen? Eines jener
hysterischen Weibchen, die in Berlin zu Tausenden herumliefen, hatte
sich in ihn verliebt. Sah in ihm den Retter aus aller Not und -- mal das
Ding beim richtigen Namen genannt -- warf sich ihm an den Hals. Er hatte
sich einfangen lassen in der seltsam gesteigerten Stimmung der Nacht.
Jetzt war es wieder heller Tag, und da kam man zur Besinnung. Richtete
seinen Weg nach vernnftigen Ueberlegungen, statt nach unklaren und halb
trunkenen Empfindungen. Wenn es dabei auch nicht ohne eine gewisse
Brutalitt abging. Das war gesunder Selbsterhaltungstrieb!

Und unwillkrlich mute er denken, ein anderer an seiner Stelle htte
vielleicht skrupellos die Gelegenheit benutzt, die schne Frau zu
seiner Mtresse zu machen. Er aber, in dem Respekt, den nur von einer
Mutter erzogene Mnner vor allem hegten, was Weib hie, er hatte gleich
sich selbst eingesetzt und seinen Namen. Da stand denn doch Gewinn zu
Verlust in einem zu argen Miverhltnis. Und wenn er wenigstens noch
eine Spur von Liebe empfunden htte! Aber nichts, rein gar nichts als
ein bichen Mitleid.

Er sthnte auf und ballte im hastigen Dahinschreiten die Faust: Schwerenot
noch einmal, das war nicht genug, um darauf ein Mannesschicksal
aufzubauen! Er konnte sich an diesem Mitleid doch nicht einfangen lassen
wie an einem Strick. Da mute man sich losreien mit ein paar kurzen
Worten heute nachmittag und nach dem Abschied nicht rckwrts schauen.
Auch nicht grbeln und sich selber Moralpauken halten. Eine dunkle Stunde,
an die er nicht ohne eine gewisse Scham zurckdachte, hatte schlielich
jeder in seinem Leben. Das mute man nicht tragisch nehmen. Namentlich,
wenn es um eine Frauenzimmerangelegenheit ging. Da gab es ein bichen
Geflenn und Geplrre, man plagte sich selbst eine Weile lang mit
Gewissensbissen, schimpfte sich mal Schweinehund -- wenn's gar zu arg
wurde, betubte man sich mit einer guten Flasche. Und dann kam die liebe
Zeit, brachte allmhlich Vergessenheit. Man mute sich nur von gewissen
altfrnkischen Vorstellungen losmachen. Da Wort Wort war! Ob man es nun
einem Manne abgegeben hatte oder einem Weibe, in der Trunkenheit oder bei
vollkommen klaren Sinnen.




4.


Als Gaston nach Hause kam, lag auf dem Tische die offizielle Besttigung
der privaten Nachricht, die er in der gestrigen Nacht erhalten hatte.

Er berlegte. Wenn er eine Depesche an seinen neuen Kommandeur schickte,
htte der ihm die paar Tage Urlaub wohl nicht abgeschlagen. Eigentlich
brauchte er nicht viel mehr als sechsunddreiig Stunden, um zu seinem
alten Mtterchen hin und zurck zu fahren. Und da htte er sich in einer
Aussprache wohl Klarheit und Trost holen knnen. Aber wie sollte er es
anfangen, der schlichten alten Frau all das zu schildern, was in seinem
besonderen Falle mitspielte? Sie htte ihn vielleicht gar nicht
verstanden, nach dem altberkommenen Schema Schwarz oder Wei geurteilt.
Da modern empfindende Menschen da allerhand Schattierungen und
Zwischenstufen einschoben und danach ihr verstndnisvolles Urteil
einrichteten, htte sie wohl nicht begriffen. Und danach wre sie, wie
immer, auf den eigenen Kummer gekommen, der ihr ganzes Leben zerstrt
hatte. Auf den allzufrhen Verlust des Gatten, der nach kaum
zweijhriger Ehe in den sicheren Tod gegangen war. Als Kammerherr und
Hofmarschall der Grofrstin Anna Feodorowna, die sich als Witwe an den
heimatlichen kleinen Hof zurckgezogen hatte. Fr den Ruf seiner Herrin
hatte er sich geschlagen, den ein frecher Hfling in den Staub gezerrt.
Aus glatter, blanker Vasallentreue hatte er sich geschlagen, wie ein
Kavalier des =Ancien rgime=, aber seine Frau witterte etwas anderes
dahinter, ein Verhltnis mit der leichtlebigen Grofrstin. Und davon
war sie nicht abzubringen, auch nicht, nachdem sie den Brief gelesen
hatte, der ihrem Sohne von dem Vormunde eingehndigt wurde an dem Tage,
als er Offizier wurde.

   Mein Junge, es wird etwas lange dauern, bis Du nach meiner
   Bestimmung diesen Brief zu lesen bekommst. Du sollst erst reif genug
   sein, Dir selbst ein Urteil ber Deinen Vater zu bilden. Ich werde
   morgen frh im Zweikampfe erschossen werden, denn mein Gegner hat in
   der Handhabung der Pistole eine grere Fertigkeit. Ich weine bei dem
   Gedanken, Dich und Deine Mutter allein zurckzulassen, aber ich
   sterbe im Dienst. Im Dienst der Herrin, der ich mich gelobt habe. Sie
   ist ein Racker, ich wei es, aber ihr Ruf wurde ffentlich
   beschimpft, und ich mu als der =Cavaliere servente= dafr eintreten.
   Getreu dem Wahlspruch unseres alten Geschlechts: =mon me  Dieu, mon
   pe au roi, mon coeur aux dames!= Deine Mutter als reine Deutsche
   versteht das nicht. Sie glaubt, ich htte ein strfliches Verhltnis
   mit meiner Herrin. Dir gebe ich mein Wort, es war nicht der Fall,
   trotz fterer Gelegenheit. Dazu hatte ich Deine Mutter viel zu lieb.

   In den hundert Jahren, die unser Geschlecht jetzt in dem
   schwerflligen Deutschland lebt, ist uns jene frohe und leichtbltige
   Galanterie abhanden gekommen, die an unverbindliche Zrtlichkeiten in
   schwler Stunde nicht den Mastab eines Wstenpredigers legt. Da
   langweilte sich meine hohe Herrin mit mir, whlte fr ihr =loisir=
   einen Burschen, der nicht luftdicht war, der im Trunk mit der
   genossenen Gnade grosprecherisch prahlte. Es tut mir leid, da ich
   wegen mangelnder Fertigkeit diesen Lumpen nicht gebhrend zchtigen
   kann. Der Schlag ins Gesicht war nicht genug.

   Und nun leb' wohl, mein Junge. Es tut mir leid, da ich Dich der
   Erziehung Deiner Mutter berlassen mu. Sie wird einen deutschen
   Pedanten aus Dir machen, der mal eine wohlerzogene Geheimratstochter
   heiratet. Das letzte Trpfchen gallischen Abenteurersinnes wird
   verloren sein. Aber vielleicht ist es gut so -- -- -- -- -- -- -- --
   -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

   Ich habe in dem Brief eine Pause gemacht, eine ganze Weile sa ich an
   Deinem Bettchen. Du schliefst ruhig, die kleinen, runden Fuste gegen
   das Nschen gestemmt. Deutlich erkannte ich das Zeichen der Foucar,
   den leichtsinnigen kleinen Knick nach links, aber man wird ihn Dir
   schon austreiben. Danach bettelte ich noch einmal an einer
   verschlossenen Tr -- sie tat sich mir nicht auf. Vielleicht wre
   dann noch alles anders gekommen.

   Also adieu, mein Junge! Einen Rat gebe ich Dir auf den Weg: bleibe
   ledig! Dann bleibst Du auch frei. Die Nation mit den langen Haaren
   ist von kurzem Sinn. Eine Beleidigung, die Du ihrer Eitelkeit angetan
   hast, verzeihen sie selbst auf dem Totenbette nicht. Du kannst sie
   schlagen, sie werden Dir verzeihen. Aber haben sie Dich im Verdacht,
   eine andere htte mal Deine Sinne gereizt, bist Du ein Verbrecher,
   der am Allerheiligsten gefrevelt hat!

   Unten fhrt der Wagen vor, man holt mich zu meinem letzten Gange.
   Gr Deine Mutter, denk von dieser Stunde ber Deinen Vater anders,
   als man Dich bisher gelehrt hat!

                                     Gaston Baron Foucar de Kerdesac.

Den Brief hatte er damals so oft gelesen, da er ihn auswendig konnte.
Aber die Mutter war selbst durch dieses im Angesicht des Todes
geschriebene Bekenntnis nicht umzustimmen gewesen, hatte daraus nur eine
neue Krnkung gelesen. Und er konnte es begreifen, denn als ein
verwhntes reiches Mdchen hatte sie unter zahlreichen Bewerbern dem
Einen den Vorzug gegeben, der sich -- ihrer Meinung nach -- nachher als
ein Wortbrchiger und Treuloser erwies. Und im Laufe der Jahre hatte sie
sich immer mehr in ihrem Urteil verstockt, suchte bei allen hnlichen
Konflikten, von denen sie vernahm, die Schuld nur auf seiten des Mannes.
Da htte sie vielleicht auch in seinem Fall ohne Ansehung der besonderen
Umstnde entschieden, und damit war ihm nicht gedient. Er brauchte einen
glatten Freispruch, sonst htte sich die weite Reise nicht gelohnt.

Der Tag ging herum unter vielfltigen Besorgungen wie eine kurze Stunde.
Die Uhr zeigte auf fnf, und da konnte er sich immer noch entschlieen,
ob er den kurzen Abschied mndlich besorgte oder durch ein paar Zeilen,
die sein getreuer Bursche Hberle berbrachte. Aber das htte
vielleicht wie eine Art von Feigheit ausgesehen, als schmte er sich
seines Rckzuges.

Das Auto hielt vor dem hohen schmiedeeisernen Gitter, das die prunkvolle
Rheinthalersche Villa von der Strae schied.

Der Diener, den er mit seiner Karte hineingeschickt hatte, kam zurck:
Herr und Frau Rheinthaler lassen bitten. Gaston folgte ihm durch die
weite Halle in ein halbdunkles Zimmer, in dem sich das ans helle
Tageslicht gewhnte Auge erst allmhlich zurechtfand. Eine Art von
Boudoir schien es zu sein mit einem Stutzflgel in der Mitte ... Bilder
in Goldrahmen an den Wnden.

Hinter einem mit Patiencekarten bedeckten Tische erhob sich mhsam eine
hagere Gestalt, ein paar unruhige Augen flackerten in einem verfallenen
Gesicht.

Ei sieh da, Herr Baron, das ist sehr liebenswrdig von Ihnen, da Sie
sich nach uns umsehen! Herr Rheinthaler streckte dem Eintretenden die
Hand entgegen: Sie bleiben selbstverstndlich zum Abend da. Wir
telephonieren rasch ein paar nette Leutchen zusammen.

Gaston tat, als htte er die Bewegung nicht gesehen. Erbrmlich wre er
sich vorgekommen, wenn er dem Manne da die Hand gereicht htte. Er
verneigte sich, den Helm in der Rechten.

Ich bedauere lebhaft, Herr Rheinthaler, meine Zeit ist leider sehr
knapp. Ich komme nur, um mich zu verabschieden. Gestern nacht, als ich
nach Hause kam fand ich ein Telegramm vor, das mir meine Versetzung
ankndigte. Nach Ordensburg in Ostpreuen, zu dem Dragonerregiment Graf
von Schmettau.

Frau Josepha, die mit einem Buche am Fenster gesessen hatte, kam nher.
Sie sah bla und bernchtig aus, um ihre Augen lagen tiefe Schatten.
Als Gaston ihre von blitzenden Ringen bedeckte Hand an die Lippen zog,
sprte er einen leisen, zrtlichen Druck, der ihm das Blut in die Wangen
trieb. Sie machte eine zum Platznehmen einladende Bewegung, setzte sich
selbst auf einen niedrigen Hocker ganz in seiner Nhe.

Die Versetzung ist Ihnen wohl sehr berraschend gekommen?

Er sah sie ein wenig unsicher an. In der anscheinend so harmlosen Frage
hatte ein geheimer Unterton angeklungen, fast wie ein Vorwurf: Weshalb
hast Du mir das gestern verschwiegen?

Ueberraschend? Doch nicht so ganz, gndige Frau! Mein Abteilungschef,
der mir sehr gewogen ist, hatte sie mir schon vor Wochen angekndigt. Es
ist eine groe Auszeichnung, und ich freue mich sehr darber.

Herr Rheinthaler, der seine Patience wieder aufgenommen hatte, warf ein:
Da Sie nach Ordensburg kommen? Ich kenne das Nest! Vor ein paar Jahren
war mir da in der Nhe ein Jagdgut angeboten. Wenn ich im Hotel nicht
einen Weinreisenden getroffen htte, der mit mir um die halben Pfennige
Piquet spielte -- ich wre umgekommen vor Langerweile. In zwei Tagen!
Wie vernnftige Menschen es dort ein Leben lang aushalten, ist mir ein
Rtsel!

Nun, sagte Frau Josepha mit einer gewissen Schrfe, dafr gibt es
eine sehr einfache Lsung: sie arbeiten! Haben irgend eine Ttigkeit,
die sie ganz ausfllt. Nur die Leute, die dem lieben Gott den Tag
abstehlen, langweilen sich. Und zu Gaston gewandt, fuhr sie fort: Ich
kann es mir sehr gut vorstellen, das Leben in so einer kleinen Stadt.
Auch fr eine Frau ... Kein Theater, keine Blle, keine rauschenden
Vergngungen, nur Ruhe und Stille. Einen Mann, den man von ganzem Herzen
liebt, dem man genug ist. Man richtet ihm das Haus so behaglich, als es
nur mglich ist, streicht ihm die Falten aus der Stirn, wenn er mde und
verrgert vom ... von der Arbeit kommt ... und abends plauscht man,
macht ein bisserl Musik oder liest ein gutes Buch. Wundervoll denk' ich
mir das! Keine lstigen Menschen ringsum, nur zwei fr sich ganz
allein.

Sie brach ab und sah mit sehnschtigen Augen durch das von dichtem Grn
umrankte Fenster ins Weite, als erblickte sie dort ein fernes Glck.

Gaston sprte deutlich, all das war fr ihn gesagt. Die Antwort war es
auf die Frage, die er ihr durch die Alte am Vormittag gestellt hatte. Da
dauerte es ihn fast, da er diesen Glckstraum mit rauher Hand zerstren
mute.

Herr Rheinthaler lachte kurz auf und zwinkerte ihm vertraulich zu.

Das sind so Stimmungen, mein verehrter Herr Hauptmann! Oder mu man
schon Rittmeister sagen, weil Sie jetzt doch bei der Kavallerie sind?
Ich kenne mich als gnzlicher Nichtsoldat da nicht aus.

Es ist ziemlich egal, Herr Rheinthaler.

Na dann, von dieser Schwrmerei eben fr die kleine Stadt mssen Sie
ein bichen Jammer in Abrechnung bringen! Ehe wir in dem Ballokal
landeten, hatten wir schon eine recht ausgiebige Sitzung hinter uns. Und
meine teure Gattin hatte sich gergert. Da trinkt sie noch mehr Sekt als
gewhnlich.

Ist nicht wahr, fuhr Frau Josepha auf. Die Zornrte frbte ihr die
Wangen.

Aber Peperl, ich hab' Dir doch zugesehen! Du kannst ja einen ganz
gehrigen Posten vertragen, aus langjhriger Uebung, aber gestern ...
Und wie Du gegen das arme Wurm, die Sandori, losgingst, wute ich
Bescheid.

Gaston fhlte einen Knuel im Halse aufsteigen. Zwei Trunkene hatten
gestern leichtfertige Liebesschwre ausgetauscht. Und da hatte der Narr
sich darum eine schlaflose Nacht gemacht, eine Nacht voll peinigender
Selbstvorwrfe ... Er griff nach seinem Helm und erhob sich.

Verzeihen Sie gtigst, gndige Frau, ich mchte um die Erlaubnis
bitten ...

Frau Josepha sah ihn erschreckt an. Um Gottes willen, sagte sie
unwillkrlich. Und Herr Rheinthaler legte seine Patiencekarten hin und
trat auf ihn zu.

Aber, mein bester Herr Baron, weshalb denn? Weil meine Frau sich mit
mir ein bichen gekabbelt hat? Das kommt in den besten Ehen vor! Und
wir sind schon auf dem Wege, uns wieder zu vertragen -- sie schmollt nur
noch ein wenig!

Herr Rheinthaler, ich mchte wirklich nicht lnger ...

Ne, ne, sagte der Hausherr und drckte ihn auf den Stuhl zurck. Es
wre mir sehr unangenehm, wenn Sie in Ihr kleines Nest da oben eine
schlechte Erinnerung an uns mitnehmen wrden. Auerordentlich peinlich
wre mir das! Und wo der Zufall Sie dazugefhrt hat, wie wir uns gestern
verzankten, mssen Sie jetzt auch hren ... Also, das sah alles
schlimmer aus, als es in Wirklichkeit war! Ich hatte auch ein bichen
mehr Sekt im Leibe, als mir der Doktor erlaubt hat, und dann -- sehen
Sie -- das kommt ja vor, da man sich mal in eine andere vergafft. Nur
uerlich! Das sind so temporre Verrcktheiten ... man besinnt sich
wieder. Kehrt zu dem allein seligmachenden Hausaltar zurck, vor dem man
in berirdischem Glck geopfert hat. Das Bild, das darauf thront, wird
ja nicht immer unerbittlich bleiben, sich dem reumtigen Snder wieder
in Gnade neigen.

Er sprach an seinem Gaste vorbei, seine Augen hingen bettelnd an der
Frau, die sich zum Fenster gewandt hatte.

Ein glattrasierter Kammerdiener mit der Vornehmheit eines englischen
Lords kam aus der zum Nebenzimmer fhrenden Tr, rusperte sich leicht
und blieb schweigend stehen. Herr Rheinthaler wandte rgerlich den
Kopf.

=What is the matter?=

=Excuse Sir, the Professor Abner is waiting for you!=

Herr Rheinthaler sah seine Gattin mit einem gewissen Mitrauen an: Wer
hat denn den um diese Zeit bestellt? Mitten aus seiner Sprechstunde?

Frau Josepha zuckte die Achseln: Vielleicht Du selbst? Ich kmmere mich
doch nicht um Deine Kuren.

Gaston blickte zu Boden. Das Herz schlug ihm bis in den Hals. In wenigen
Augenblicken war er allein mit der Frau da drben, und dann mute er
allerhand unbarmherzige Worte sprechen.

Herr Rheinthaler hatte dem Diener Bescheid gesagt, jetzt wandte er sich
zu seinem Besucher.

Entschuldigen Sie mich, lieber Herr Baron, aber ich kann den Professor
nicht warten lassen. Jede Minute bei so einer Kapazitt kostet ein
kleines Vermgen, und ich mchte meiner Frau doch nach meinem Tode noch
einiges hinterlassen. Der Abner wird mich ein bichen trsten, ein
bichen massieren und wieder trsten. Was wirklich mit mir los ist, wei
ich doch blo allein. In sptestens vier Wochen schwimm' ich ab. Wieder
richteten seine Augen sich bettelnd zum Fenster, ein leichter
Hustenanfall erschtterte seine Brust. Er unterdrckte ihn mhsam, um
seine schmalen Lippen flog ein verzerrtes Lcheln. Eins ist jedenfalls
vorlufig noch sicher: in einer Viertelstunde bin ich wieder hier! Ich
hoffe Sie dann zu sehen.

Ich mu lebhaft bedauern, Herr Rheinthaler ...

Sie sind ein komischer Mensch. Immer, wenn man Sie einladet, bedauern
Sie! Na schn, dann glckliche Reise und -- auf Wiedersehen kann ich
armer Hund leider nicht mehr sagen! Aber wenn Sie mal auf Urlaub nach
Berlin kommen, besuchen Sie meine 'lustige Witwe'. Sehen mal nach, mit
wem sie sich getrstet hat. Er streckte seine Hand aus, und diesmal
konnte Gaston nicht ausweichen. Die Hand war kalt und feucht, umspannte
seine Rechte mit kraftlosem Druck. Ein frstelndes Gefhl flog ihm ber
den Rcken. Der Mann konnte nichts dafr. Das lag wohl an seiner
Krankheit, aber er konnte sich nicht berwinden, den Hndedruck zu
erwidern.

In der Tr wandte sich Herr Rheinthaler noch einmal um.

Du, Peperl, wirf mir um Himmels willen die Karten nicht durcheinander!
Die Patience da habe ich auf einen ganz besonderen Herzenswunsch gelegt,
und es scheint fast, als sollte sie diesmal aufgehen.

Die Portiere schlo sich hinter ihm, die beiden waren allein. So still
wurde es in dem halbdunklen Zimmer, da man das leise Ticken der kleinen
Uhr hrte, die in der Ecke auf einem zierlichen Schreibtische stand.

Frau Josepha blieb am Fenster und sah in die grnen Ranken hinaus, die
es von auen fast ganz berspannten. Sie neigte den Kopf mit den
schweren Flechten nach vorn, ein lautloses Schluchzen erschtterte ihren
Krper. Nur an dem Zucken der Schultern war es zu merken. Gaston stand
regungslos. Das Mitleid ri ihn am Herzen, aber er konnte sich nicht
berwinden, nher zu treten. Nichts anderes konnte er denken, als da
die Frau da, deren schlanke und doch ppige Gestalt in dem lang
herabflieenden Kleid sich prachtvoll von dem hellen Hintergrunde hob,
in diesen ekeln Hnden gewesen war, deren feuchten Druck er noch zu
spren glaubte. Er richtete sich auf, es mute ein Ende gemacht werden!
Seine Stimme klang heiser vor Erregung.

Gndige Frau, es ist wohl am besten, wenn ich mich jetzt entferne?

Sie flog herum und auf ihn zu, warf ihm die Arme um den Hals. Ganz nahe
hob sie ihr trnenberstrmtes Gesicht zu dem seinigen.

Was denn? Jetzt willst fort, wo wir endlich ein paar kostbare Minuten
fr uns allein haben?

Er sthnte auf, versuchte, sich sanft loszumachen.

Also das hier ... das alles ist so frchterlich.

Sie umklammerte ihn fester, schmiegte sich ganz an ihn, so da er ihren
bebenden Krper sprte.

Um Jesu Barmherzigkeit willen, la mich jetzt nicht allein. Geh nicht
so von mir! Ich kann das begreifen, aber Du mut darber hinwegsehen.
Ich konnte es ja unmglich wissen, da Du ihm noch einmal begegnen
wrdest! Wie eine Klette hngt er sich an mich, bettelt und bettelt.
Weil er sah, da ich Ernst gemacht hatte mit dem Davongehen, hat er
pltzlich seinen Sinn gewandelt. Vielleicht erschien ich ihm dadurch
wieder begehrenswert, aber ich schwre Dir, er wird mich nicht mit
einer Fingerspitze berhren. Und bermorgen lauft er doch wieder der
anderen nach, ich kenn' ihn ja. Also da darfst kein Mitleid mit ihm
haben! Und, geh', sag', da Du so kalt dastehst, das ist doch nur, weil
wir hier in seinem Haus sind, gelt? Mut nicht so arg verfroren sein,
lieber Bub' ... ich htt' halt dran denken sollen, wie Du bist, Dich gar
nicht erst herkommen lassen! Aber, schau, seit sechs Uhr in der Frh,
wie er heimgekommen ist, geht das schon so. Da war ich halt ein bisserl
verwirrt! Und der Doktor sagte mir: 'Wenn Sie jetzt von ihm gehen, ist
es sein Tod! Sein Zustand ist schlimmer, als er ahnt. Das viele Morphium
hlt ihn nur noch aufrecht. Jede Minute kann es den Zusammenbruch geben,
wieso wollen Sie sich da erst scheiden lassen?' Da bin ich geblieben.
Und jetzt sag mir ein liebes Wort! Nur ein einziges kleines Wort, aus
dem ich wieder Hoffnung schpfen kann. Die Zweifel zerreien mir das
Herz. Die Ursel hat mir zwar erzhlt, wie glcklich Du gewesen wrst
ber meinen Brief, aber jetzt sprich das einzige kleine Wrtel: Willst
mein sein und mir treu bleiben? Sie umklammerte ihn fester, starrte ihm
angstvoll in die Augen.

Da atmete er auf. Das ging ber Menschenkraft, jetzt auszusprechen, was
er sich vorgenommen hatte. Er beugte sich hinab, kte ihre Stirn, und
dann fanden sich ihre Lippen.

Du bleibst mir treu? stammelte sie zwischen zwei Kssen.

Ich werde mein Wort halten!

Ah na, ob mich lieb hast, will ich wissen?

Von ihrem warmen Krper, der eng an den seinen geschmiegt war, zog ein
heier Strom durch seine Adern.

Ja, ich habe Dich lieb!

So arg, da Du nie an eine andere denken wirst? Und wr' sie noch
tausendmal schner als ich?

Da flsterte er trunken: Schner als Du? Du bist fr mich die Schnste,
Herrlichste und Reinste auf der Welt.

Sie hob sich auf den Zehenspitzen, bi ihn in die Wange, da er einen
jhen Schmerz versprte: Da, da Du dieses letzte Wort nimmer vergit!
Und jetzt geh', da ich mich ein wenig beruhigen kann, bis er
wiederkommt. -- -- --

Er stand drauen im grellen Sonnenlicht des heien Sommernachmittags und
ging langsam die Strae zurck, die zur Stadt fhrte. Ein groes Gefhl
weitete ihm die Brust, wie ein Sieger kam er sich vor, wie ein Sieger
ber kleinliche Frchte und Bedenken. Mochte sie nun aus den entzndeten
Sinnen stammen oder aus dem bergewaltigen Mitleid -- die Liebe war
gekommen, erfllte ihn ganz und gar! Und war er nicht etwa Manns genug,
sich ber alles hmische Gezischel und Geraune hinwegzusetzen, das sich
vielleicht erheben konnte? Er brauchte sich nur herauszurecken mit
allem, was er war, und die bsen Zungen verstummten! ...

Vor ihm auf der Strae ging einer dahin, der es ebensowenig eilig zu
haben schien, nach der Stadt zurckzukommen, wie er. Ein untersetzter
kleiner Herr in modischem Jackett und Strohhtchen, der ihm bekannt
vorkam. Gaston verlangsamte unwillkrlich seinen Schritt und gedachte,
die andere Seite zu gewinnen. Es wre ihm unangenehm gewesen, jetzt, in
dieser Stimmung irgend einem Schwtzer Rede und Antwort stehen zu
mssen.

Da blieb der Voranschreitende pltzlich stehen, wandte sich um: Guten
Tag, Herr von Foucar! In einem aschfahlen Gesicht flackerten ein paar
Augen in irrem Glanz.

Wodersen! sagte er berrascht. Wie kommen Sie hierher?

Ich hatte vor Ihnen in der Villa Rheinthaler einen Besuch machen
wollen, wurde aber nicht angenommen. Da sah ich Sie stolz im Auto
anfahren und, weil ich mir dachte, Sie werden doch nicht ewig
drinbleiben, hab' ich auf Sie gewartet.

Na, das ist nett von Ihnen. Da kann ich Ihnen gleich Adieu sagen.

Sie verreisen?

Nee, ich bin versetzt worden. Zu den Ordensburger Dragonern.

Donnerwetter, so mitten aus der Tour? Wem haben Sie denn das zu
verdanken?

Gaston lachte bitter auf. So dachten sie alle, die mal mit ihm Schulter
an Schulter ihren Dienst getan hatten. Und seine Antwort klang schrfer,
als es der im Grunde unbetrchtliche Anla erfordert htte.

Natrlich allem anderen, nur nicht mir selbst. Der unbekannten hohen
Dame, die angeblich meine Schicksale berwacht, oder meiner Fhigkeit,
mich bei meinen Vorgesetzten zu schustern und in den Vordergrund zu
drngen ... na dann Adieu, Herr von Wodersen! Ich habe es ein bichen
eilig.

Der andere achtete gar nicht darauf und ging rasch neben ihm her in
gleichem Schritt.

Meinen Sie vielleicht, ich htte deshalb hier drei Stunden auf Sie im
Sonnenbrand gelauert, um mich so abspeisen zu lassen?

Wie? Sie haben ...

Auf Sie gewartet! Schon heute vormittag hatte ich natrlich
telephonisch ausfhrlichen Bericht, was gestern passiert war. In dem
Ballokal, und da Sie nachher Frau Josepha im Auto allein nach Hause
gebracht haben. Nachmittags war ich dienstfrei, da bin ich ohne Urlaub
fortgefahren. Das brige konnte ich mir ungefhr denken. Sie hatte mich
in diesen Wochen ja fast ein dutzendmal geqult, ich sollte Sie endlich
heranschleifen. Da ich es nicht tat, werden Sie nach dem, was wir
neulich mal gesprochen hatten, begreiflich finden.

Allerdings! Und was steht jetzt zu Diensten?

Der kleine Husar blickte zornig zu ihm auf.

Erst klopfen Sie sich mal den Puder von Brust und Kragen! Sonst sieht
es womglich noch einer von den bezahlten Aufpassern, da Sie eben
Abschied genommen haben. Von einer schnen Frau, die die Gepflogenheit
hat, sich Gesicht und Arme zu pudern.

Gaston schielte auf seinen Ueberrock hinab und wurde unwillkrlich rot.
Wahrhaftig, man sah es ganz deutlich! Und jetzt wute er pltzlich,
weshalb der glattrasierte Kerl, der ihm in der Rheinthalerschen Villa
beim Hinausgehen die Tr ffnete, so sffisant gelchelt hatte. Er zog
das Taschentuch und wischte heftig ber das dunkle Tuch, aber der feine
weie Staub drang nur um so tiefer ein, war nicht fortzubringen. Da gab
er's rgerlich auf.

Nun also, was wnschen Sie von mir, Herr von Wodersen?

Nur eine kurze Auskunft. Wie Sie sich von jetzt an zu Frau Josepha
verhalten werden.

Und wenn ich das zurckweisen mte? Als einen unangemessenen Eingriff
in meine ganz persnlichen Angelegenheiten?

Der Landsberger Husar schttelte den Kopf.

Das werden Sie nicht tun! Wenn einer den Anspruch hat, es zu erfahren,
bin ich es. Das wissen Sie!

Also, wo wir mal schon so weit sind, meinetwegen! Es wird auch dazu
beitragen, diese Unterredung, die uns beiden ja nur peinlich sein kann,
abzukrzen. Ich habe -- also ich bin mit Frau Josepha bereingekommen
... wenn sie die Trennung von ihrem Manne vollzogen hat, werde ich sie
heiraten.

Dann ist's gut ... und danken Sie Gott!

Herr von Wodersen, ich mu doch sehr bitten ...

Danken Sie Gott, wiederholte der andere hartnckig. Im anderen Falle,
wenn's Ihnen nur ein Spiel gewesen wre, htte ich Sie provoziert und
abgeschossen. Es geht nicht an, da einer umkommt vor Durst und Hunger,
whrend der andere in frivolem Spiel ... also es ist gut! Adieu, Herr
von Foucar. Er sah starr geradeaus mit schwimmenden Augen, und
pltzlich kam ein lautes Aufschluchzen aus seiner Brust, er wandte sich
ab. Gaston aber stand ratlos dabei und wute nicht, wie er sich in
dieser seltsamen Situation zu benehmen hatte. Trsten ging nicht an, das
beste war, sich still zu entfernen.

Adieu, Wodersen, sagte er leise und schritt langsam weiter.

Der arme Kerl tat ihm leid, schrecklich war es, wie es den
zusammengerissen hatte, da er von jetzt an nichts mehr zu hoffen hatte.
Zugleich aber schwellte ihm selbst ein gewisses Stolzgefhl die Brust.
Da er die Liebe dieser herrlichen Frau errungen hatte, fr die ein
anderer ohne Zaudern sein Leben eingesetzt htte. Fast eine Steigerung
des eigenen Glckes war es ihm.

Eine heisere Stimme erklang neben ihm.

Entschuldigen Sie, Foucar, wenn Sie mich eben als altes Weib gesehen
haben ...

Ach Sie noch mal, Wodersen? Wre es nicht besser, wir htten eben
Schlu gemacht?

Vielleicht! Nur, Sie werden begreifen, man steht da neben einem frisch
zugeschtteten Grab, kann nicht sogleich weggehen. Eigentlich aber htte
ich's voraussehen mssen, die Frau war ja krank nach Ihnen! Gab mir
hundert Auftrge fr Sie. Immer sollte ich Ihnen bestellen, wo Sie sie
abends treffen wrden. Ich hab's natrlich nie ausgerichtet. Sie werden
das begreifen.

Selbstverstndlich! Und nun wollen wir wirklich Schlu machen! ... Sie
werden einsehen, da es mir einigermaen peinlich ist.

Herr von Wodersen lachte pltzlich schrill auf.

Ihnen? Wo Sie im Glck sitzen!

Na ja, aber peinlich natrlich auch fr Sie.

Das braucht Sie nicht zu bekmmern! Und ich mte ersticken oder
verrckt werden, wenn ich jetzt nicht -- ich wei berhaupt noch nicht,
ob ich drber wegkomme. Also, Foucar, Sie schwren mir, Sie werden sie
gut behandeln!

Aber das ist doch selbstverstndlich!

Na ja! Und ich werde natrlich weiter aufpassen.

Gaston blieb stehen.

Herr von Wodersen, alles hat seine Grenzen.

Ach Gott, wollen doch jetzt nicht zimperlich sein wie kleine
Pensionsmdchen! Ich bin ja halb verrckt, ich hatte doch immer noch
gehofft, sie wrde mich kleinen unansehnlichen Kerl ... Er brach ab und
sah in angestrengtem Nachdenken vor sich hin. Also, was wollte ich doch
gleich ... ja richtig! Noch vor etwas anderem mssen Sie sich in acht
nehmen, vor Josepha selbst! Wissen Sie, was sie ihrem Mann antun wollte,
jetzt wegen dieser Geschichte mit der Sandori? Kein Teufel kann sich
Aergeres ausdenken, denn das ist so auf die ganze Art dieses Menschen
zugeschnitten, mute ihn gerade aufs tdlichste verwunden. Sie hat sich
eine Szene schreiben lassen, einen Sketch, wie man das im Theaterjargon
nennt. Mit einem Dutzend raffinierter Tricks ... ich war bei einer Probe
dabei im Apollotheater -- es war doll! Hinreiend ... zum
Wahnsinnigwerden. Eine groe Menschendarstellerin, die ihre ganze Kunst
in eine einzige Szene pret ... Alles, was sie kann, zeigt sie da ...
und dann war da ein Tanz, wo sie sich aus einem Schleier nach dem andern
lst, bis sie mit ihrem herrlichen Krper dasteht in einem ganz leichten
Gewand ... also ich sage Ihnen, ganz Berlin wre verrckt geworden bei
dieser Darstellung. Ich ging wie ein Betrunkener aus der Probe.

Der Kleine schwieg und sah mit verzckten Augen geradeaus. Gaston sprte
ein widerwrtiges Gefhl, zugleich aber stachelte ihn die Neugierde.
Weiter, sagte er heiser.

Herr von Wodersen blickte verwirrt auf, als mte er sich erst besinnen,
wovon er eben gesprochen hatte.

Ach so ... ja! Wer das nicht gesehen hat, kann nicht begreifen, da ich
von der Stunde an noch verrckter war als vorher ... total verrckt! Ich
schlafe seit dem Tag nicht mehr ... und ja, verstehen Sie denn nicht,
was das alles bedeutete? Josepha htte an dem Abend doch nur fr einen
gespielt und getanzt, fr ihren Mann! Dann aber, wenn seine
aufgestachelte Begierde wieder lichterloh brannte, htt' sie ihn
verdursten lassen. Htte ihn vor aller Welt lcherlich gemacht mit
irgend einem hlichen, hirnlosen Halbaffen -- so einem vielleicht wie
ich ...

Wodersen, hren Sie auf!

Der andere lachte hhnisch.

Das ist Ihnen peinlich, was? Ja, meinen Sie vielleicht, ich habe vor
Freude getanzt, als ich heute frh die Nachricht bekam, fr mich ist es
aus? Nichts mehr zu hoffen, rein gar nichts ... Er dmpfte pltzlich
seine Stimme zu einem geheimnisvollen Flstern: Das drfen Sie aber
niemandem weiter sagen, ich kam mit einer ganz andern Absicht hierher
... Da Sie noch leben, verdanken Sie ihr! Der Josepha! Sie htte sich
ja die schnen Augen blind geweint um Sie ...

Herr von Wodersen, ich nehme Rcksicht, da Sie sich offenbar in einer
Gemtsverfassung befinden ...

Der Kleine nickte.

Ja, nehmen Sie nur ... ist auch ganz recht! Heute frh hat sich mir da
oben im Kopf was 'rumgedreht, ich hab's ganz deutlich gesprt. Von dem
Augenblick an habe ich Mhe, meine Gedanken zu sammeln. Und das wei
kein Mensch, was das heit, sich vor Qualen winden und schreien, whrend
andere mit sattem Bauch ruhig schlafen. Aber ich hab' etwas fr Sie, da
werden Sie auch nicht schlafen. _Ich_ htte mich darber hinweggesetzt,
denn ich bin ja lngst schon ein kleiner Lump geworden, innerlich. Von
auen, wenn ich meine Uniform anhabe, merkt man es nicht so. Ja, also,
Ihre zuknftige Frau Gemahlin, wie sie noch in Brnn am Stadttheater
war, zusammen mit so einem nichtswrdigen Kerl von Schauspieler, da hat
sie einen Selbstmordversuch gemacht.

Gaston schritt schneller aus, um sich von der Gesellschaft des offenbar
pltzlich Irrgewordenen zu befreien. Aber weit und breit war keine
Fahrgelegenheit zu erblicken auf der sonnenbeschienenen Strae, und der
andere neben ihm hielt gleichen Schritt.

Rennen Sie doch nicht so, Foucar! Das mu Sie doch auch interessieren,
da Josepha damals sich umzubringen versuchte, weil der Kerl sie nicht
wieder ehrlich machen wollte ... so ein gemeiner Hund! Sie kennen ihn
auch ... er war gestern auch in der Loge, der glattrasierte Schuft ...
er hat mir auch die Zeitungen gegeben, wo alles drinstand ... Sie mssen
natrlich jetzt Ihren Abschied nehmen ... ich htte ihn ja auch
genommen.

Gaston fhlte, wie es ihm rot vor den Augen wurde. Ob der da neben ihm
nun klar im Kopfe war oder nicht -- dafr gab es nur eins:
niederschlagen! Er hob den Arm, aber der Kleine sprang wie eine Katze
zur Seite, rannte ein paar Dutzend Schritte zurck und lachte gellend
auf.

Ach, Sie haben sich wohl eingebildet, ich wr' so leicht zu kriegen?
Und die Zeitungen schick ich Ihnen zu -- nach Ordensburg.

Gaston wandte sich ab. Grauenhaft war das. Wie in einer Betubung ging
er weiter, zur Stadt zurck. Was sollte er jetzt tun? Einen Irrsinnigen
zur Rechenschaft ziehen? Das erledigte sich von selbst, da war kein Wort
darber zu verlieren. Aber das, was dieser Irre zuletzt gesprochen
hatte, das blieb hngen, wie ein Pfeil, der mit dem Widerhaken in die
Weichen gedrungen war. Das alles war Lge, eine Ausgeburt krankhafter
Phantasie, sicherlich, aber woher sollte er sich Gewiheit holen? Noch
einmal in die Rheinthalersche Villa zurckkehren, den Mann beiseite
schieben: Erlauben Sie mal, ich habe mit Ihrer Frau Gemahlin ein paar
Worte unter vier Augen zu sprechen? Oder einen Brief schreiben, den man
zu Hnden der alten Hexe sicher an die eigentliche Adresse befrderte?
Vielleicht htte Josepha in ihrem stolzen, jede Lge verabscheuenden
Sinn die Wahrheit geantwortet!

Aber darauf kam es ja nicht an. Es war schon genug, da gegen die Frau,
die er heimzufhren gedachte, sich berhaupt ein so schmhlicher
Verdacht erheben konnte. Da es einen Menschen geben konnte auf der
Welt, der sich brsten durfte, mit Recht oder Unrecht, sie wre sein
gewesen. Da konnte er nicht drber hinweg, dafr konnte er seinen Namen
nicht einsetzen, das ging nicht an! Es war schon genug, da er sich
damit abgefunden hatte, da er sie aus den eklen Hnden ihres Gatten
nehmen mute ... Nur, wenn man weiter dachte, wo war da ein Unterschied?
Weshalb sollte er ihr gerade den ersten verbeln? Dem hatte sie sich
vielleicht in heier Leidenschaft geschenkt, oder sie war in trichter
Unerfahrenheit seinen ruchlosen Knsten erlegen, den zweiten aber ... er
konnte nicht weiter. Da verwirrten sich auch ihm die Gedanken. Schlu
mute es sein, oder er verlor sich selbst! Und keine Auseinandersetzung
mehr. Wie die enden wrde, wute er. Vor ein paar Wochen hatte er ber
den angeblichen Zauber gelacht. Heute hatten ein paar Augenblicke, in
denen diese Frau an seinem Halse hing, hingereicht, damit er sich selbst
und sein Schicksal verschwor.

Er hatte vormittags im Fahrplan nachgesehen, gegen neun Uhr ging ein Zug
nach dem Osten. Den konnte er noch erreichen, einen Tag in Knigsberg
verbringen, ehe er weiter nach Ordensburg fuhr. Nur fort und hinaus ...

Nur das Notwendigste wurde eingepackt, alles brige besorgte der
Spediteur. Jedesmal, wenn die Klingel ging, fuhr Gaston zusammen. Als
knnte sich noch irgend ein Zwischenfall ereignen, der ihn an der
Abreise hinderte. Oder es knnte noch eine Auseinandersetzung geben.
Davon hatte er genug. Nur fort und hinaus ...

Erst als der Zug sich in Bewegung setzte, atmete er auf. Ein bldes
Wort, das er einmal an der Biertafel gehrt hatte, ging ihm nicht aus
dem Sinn. Ein Kavalier reit nicht aus. Nur, wenn er in Gefahr
befindlich ist. Dann aber schnell. Das pate auf ihn. Auch er ri aus.
Vor einer, der seine Sinne erlagen, wenn sie in seiner Nhe war. Je
weiter er eilte, desto weniger konnte sie ihn erreichen. Nur eins
beunruhigte ihn ... dort, weit hinten, von wo er kam, blieb sein Wort.
Immer lnger und dnner wurde der Faden, an dem es hing, aber er ri
nicht ab. Noch tausend Meilen konnte er fahren, er ri nicht ab.
Freiheit konnte es nur geben, wenn die, die den Faden am anderen Ende
hielt, in gutem Willen ihre Hand ffnete. Wort war Wort.




5.


Der nachmittags von Knigsberg abgegangene Personenzug bummelte
gemchlich nach Sdosten, der russischen Grenze zu. Eintnig klang das
Lutewerk der Lokomotive, die mit Aechzen und Sthnen etwa vier Meilen
in der Stunde zurcklegen mochte. Ein schnelleres Tempo htte zu viel
Kohlen gekostet bei dem wenig lohnenden Betrieb.

Die brtende Julihitze lie den sechs oder sieben Reisenden, die am
Sdbahnhofe eingestiegen waren, die Fahrt noch langsamer erscheinen, als
sie in Wirklichkeit war. Der leichte Sommerwind, der ein wenig Khlung
gebracht hatte, war drckender Gewitterschwle gewichen. Die Schwalben
flogen dicht ber dem Boden beim Nahrungsfang fr die ewig hungrige
Brut, und flimmernd, gleich durcheinanderschwingenden Silberfden,
zitterte die sonnendurchglhte Luft ber der erntebereiten Erde.

Gaston von Foucar hatte die am Bahnhofe gekauften Berliner Zeitungen
gelesen, es stand nichts Neues darin. Eine Errterung darber, ob auch
Deutschland fechten mte, wenn sein sterreichischer Bundesgenosse von
Ruland angegriffen wrde. Das war doch selbstverstndlich. Alles
brige, wie weit in diesem Falle die Bndnisklausel zutrfe, leeres
Geschwtz. Es ging dabei ums eigene Leben. Und tricht wre es doch
gewesen, die uersten Bastionen aufzugeben, wenn sie mit
verhltnismig geringen Opfern zu halten waren. Viel wichtiger erschien
ihm, da man auch hier, im Osten des Vaterlandes, auf Posten war. An
jeder kleinen Brcke standen Wachen. Das war sehr verstndig. Bei dem
mangelhaften, noch aus der Zeit der ewigen russischen Freundschaft
stammenden Ausbau der zur Grenze fhrenden Bahnen htten ein paar
Sprengpatronen gengt, um den strategischen Aufmarsch um Tage zu
verzgern ...

Der Vormittag in der alten Handelsstadt hatte Gaston wohlgetan. Es gab
vieles zu sehen, was ihm neu war. Das Leben am Hafen, in dem neben
leichten Segelschiffen auch stattliche Dampfer lagen. Krane schwenkten
sich mit schwerer Last vom steinernen Kai zu den Schiffen, Ketten
rasselten, und Maschinen sthnten. Dazwischen ein emsiges Getriebe von
Menschen, die in allerhand Sprachen durcheinanderschrien, Deutsch,
Russisch, Englisch. Ueber dem allen ein undefinierbarer Duft von Wasser
und Teer, der unwillkrlich in die Ferne lockte.

Lange hatte er gestanden und dem Treiben zugesehen. Die Menschen
hasteten an ihm vorber, keiner kannte ihn, keiner gab auf ihn acht,
alle rannten sie emsig hinter ihrer Arbeit her, die einem einzigen
Ganzen diente. Einen Unfall sah er mit an. Ein Arbeiter mit dem schweren
Getreidesack auf der Schulter glitt auf schmaler Planke aus, strzte
rcklings ins Wasser. Es gab eine kurze Stockung, bis der Mann, der mit
einem Notizbuch in der Hand die Zahl der in den Schiffsbauch wandernden
Scke zhlte, sich durch einen flchtigen Blick berzeugt hatte, da man
dem ins Wasser Gestrzten von Bord aus ein Tau zuwarf. Danach schlo
sich wieder die Kette der lasttragenden Arbeiter, zog in stndiger Reihe
von dem hohen Speicher ins Schiff, von dem Schiff auf schmaler Planke
zurck in den Speicher.

Etwas von der Unbetrchtlichkeit eines Einzelschicksals versprte er. So
wre es auch ihm gegangen, wenn er in diesen letzten Tagen gestrauchelt
wre. Das Leben ringsum ging seinen Gang, nur wenige htten den Kopf
nach ihm gewandt, wenn er in Gewissensbedrngnis den kurzen Schritt ins
Dunkle getan htte. Ein Mann ber Bord ... Geschah ihm recht, das Schiff
ging weiter.

Und merkwrdig, wie anders die Dinge aussahen, wenn man sie aus einiger
Entfernung betrachtete. Wie geringfgig da die ungeheuren Wichtigkeiten
erschienen, mit denen man sich geplagt hatte.

Eine kurze Episode war das, die hinter ihm lag. Er hatte jetzt an
anderes zu denken, an Pflichten, die einen ganzen Mann erforderten.

Eine Melodie summte ihm im Kopfe, die er am frhen Morgen gehrt hatte,
als er zum Hotelfenster hinausblickte. Die Knigsberger Krassiere kamen
in langer Schlangenlinie zu vieren nebeneinander die krumme Strae
entlanggeritten. Grell schien die Sonne auf die schwarz-weien Fhnlein
und die blanken Helme. Die Trompeten bliesen die Melodie, und ein paar
halbwchsige Jungen, die mitmarschierten, sangen mit heller Stimme den
Text:

    An der Grenze fern im Osten
    Hlt ein Reiter still auf Posten,
    Spht hinaus ins weite Feld.
    Drben fahren auf Kanonen,
    Sammeln sich Schwadronen,
    In dem weiten, weiten Feld.

Ein Zwischenspiel kam danach, Musik und Gesang zogen weiter, aber die
Worte waren ihm haften geblieben: An der Grenze fern im Osten hlt ein
Reiter still auf Posten. Zu dem Dienst war er berufen neben vielen
anderen, und hoffentlich blieb es nicht nur bei dem Postenstehen. Hier,
nher an der Grenze, war auch die Erregung grer als in dem
gleichgltigen Berlin. Ueberall auf der Strae, wenn er still hinhrte,
klangen zwei Worte an sein Ohr: Ruland und Krieg. Aber eine gewisse
Entschlossenheit lag in diesen Menschen, die einen seltsam breiten
Dialekt sprachen. Es sollte endlich einmal losgehen! Das ewige Hin- und
Hergezodder hatte man satt.

Gaston blickte zum Fenster hinaus. Zwischen goldgelb leuchtenden Roggen-
und Weizenfeldern fhrte der Zug dahin, an schier endlosen
Kartoffelschlgen vorber, auf denen das Kraut noch ppig im Safte
stand, und nur in weiten Zwischenrumen lugten die roten Ziegeldcher
der Gutshfe hinter grnen Baumgruppen hervor. Das typische
Landschaftsbild des Grogrundbesitzes. Wenig Menschen auf den Feldern,
dafr um so mehr Vieh aller Art. Wimmelnde Schafherden auf vorjhrigem
Brachland, weidende Edelfohlen in eingezunten Koppeln und gewaltige
Scharen weibunter Khe, die auf grnen Triften in trger Verdauungsruhe
lagerten. Und dann wieder, so weit das Auge reichte, ein in starrer Ruhe
stehendes Heer von gelben Halmen, die auf die Sense des Schnitters
warteten. In ein paar Wochen vielleicht schon schwang hier ein anderer
die Sense, aber nicht Halme lagen auf seinem Schwad ...

Der alte Herr in grauem Spitzbart, der Gaston am Fenster gegenber sa,
schien die Gegend sehr genau zu kennen. Aufmerksamen Auges musterte er
Felder und Herden und uerte von Zeit zu Zeit eine wohlgefllige oder
kritische Bemerkung, aus der hervorging, da er sogar mit den Namen der
an der Bahnstrecke liegenden Gter und ihrer Besitzer vertraut war.

Die neben ihm sitzende Tochter, ein schlankes junges Mdchen in
geschmackvollem Reisekleid aus hellblauem Leinen, gab nur einsilbige
Antworten. Sie las in einem durch sein groes Format recht unhandlichen
Buche und schien so vereifert, da sich ihre Stirn ber dem geraden
Nschen in krause Falten legte. Da flog um die brtigen Lippen des alten
Herrn ein schalkhaftes Lcheln.

Annemarie, rief er pltzlich, da in der Wiesenschlenke am Haferschlag
steht ein kapitaler Rehbock!

Das Buch fiel zu Boden, das junge Mdchen sprang auf und beugte sich
hastig zum offenen Fenster hinaus.

Wo, wo?

Ja, jetzt ist er wieder weg. Bist eben zu spt gekommen!

Ach, Unsinn! Hast mich blo angefhrt, Papa!

Sie setzte sich mit enttuschtem Gesicht auf ihren Platz zurck. Der
alte Herr aber lachte herzlich auf. Ein seltsam innerliches Lachen war
es, das seinen ganzen gewaltigen Krper und mit ihm die Polster des
Wagens erschtterte.

Na ja, mein Kind! Wenn Dein Vater Worte der Weisheit spricht und Du ihm
nur mit halbem Ohr zuhrst!

Gaston hatte das zu Boden geglittene Buch aufgehoben und berreichte es
Annemarie mit leichter Verneigung. Whrend des Niederbeugens hatte er
unwillkrlich den Titel gelesen. Ueber sein Gesicht huschte ein
verwundertes Lcheln.

Bismarcks 'Gedanken und Erinnerungen'? Fr eine junge Dame eine etwas
ungewhnliche Lektre.

Annemarie nahm mit leichtem Errten das Buch, sperrte es in die neben
ihr auf dem Sitze stehende Handtasche und dankte mit kurzem Kopfnicken.
Ihre Antwort klang feindseliger, als sie beabsichtigt hatte.

Jeder liest, was ihn am meisten interessiert.

Ihr Vater hob begtigend die Hand.

Na, na, Annemiechen, der Herr hat's doch nicht bse gemeint! Und gewi
ist es fr ein junges Mdchen heutzutage ungewhnlich, wenn es so ernste
Bcher liest! Zur Erklrung aber fr den Mitreisenden fgte er hinzu:
Nmlich sie schwrmt fr unseren Bismarck wie fr einen Heiligen. Ihr
ganzes Zimmer hat sie mit Bildern von ihm austapeziert, und das Buch da
nebst seinen Briefen an Johanna fhrt sie auf allen Reisen bei sich. Wie
fromme Leute das Gesangbuch oder die Bibel.

Gaston verneigte sich hflich.

Es ist wohl berflssig zu versichern, da mir eine Respektlosigkeit
vollkommen ferngelegen hat. Im brigen stimme ich Ihnen aufrichtig bei.
Das sind fr jeden guten Deutschen ein paar wahre Erbauungsbcher. Sie
mten nur noch mehr gelesen werden.

Das kaum begonnene Gesprch geriet wieder ins Stocken, Annemarie hatte
dabei aber Gelegenheit gefunden, den dem Vater gegenbersitzenden Herrn
unauffllig ein wenig genauer anzusehen. Da er ber ihre beiden
Lieblingsbcher so vernnftig urteilte, war ihr sympathisch. Und auch
sonst gefiel er ihr wohl. Ueber breiten Schultern sa ein kluger Kopf,
unter scharf gezeichneten Brauen sprang eine krftige Nase hervor, die
in ihrer Mitte einen ganz kleinen lustigen Knick nach links hatte.
Darber ein paar kluge blaue Augen ... Augen, die klar und lauter
schienen und Vertrauen einflten auf den ersten Blick. Nach der blassen
Gesichtsfarbe zu schlieen, war er vielleicht ein Gelehrter, aber dazu
stimmte nicht sein sonstiges Auftreten. Kurze, fast militrische
Bewegungen, und seinen eleganten Reiseanzug hatte sicherlich auch kein
Zivilschneider gefertigt. Dafr hatte sie ein untrgliches Auge.

Die Hitze in dem sonnenbestrahlten Wagen fing an, unertrglich zu
werden. Der alte Herr fuhr sich mit dem Finger zwischen Hals und
Hemdkragen und sthnte auf.

Herrgott, himmlischer Vater, dieses Blindschleichentempo ist ja kaum
noch auszuhalten! Wenn ich ein paar Ackergule vorspanne und hau' sie
ordentlich ber den Zagel, geht's rascher vorwrts. Und dieses ewige
Angehalte an den kleinen Nestern -- steigt ja doch kein Mensch ein oder
aus!

Annemarie ffnete eilig ihre Reisetasche, netzte ein frisches Tuch mit
Klnischem Wasser und khlte ihrem Vater die Stirn. Und, whrend er ihr
mit zrtlichem Hndedruck dankte, flog ein schelmisches Lcheln um
ihren hbsch geschnittenen Mund. Wie wrdest Du aber erst schimpfen,
Papa, wenn er an _unserer_ Station vorberfahren wollte?

Gaston nahm die Gelegenheit wahr, sich die junge Reisegefhrtin
unauffllig ein wenig genauer anzusehen. Herrgott, war das Mdel schn
gewachsen! Eine gertenschlanke Figur voll unbewuter Anmut in jeder
Bewegung, ein zierliches Kpfchen auf biegsamem Halse. Fast zu wuchtig
erschien dazu der dicke, in einem straffen Neste zusammengesteckte
blonde Zopf. Zwei Reihen gesunder weier Zhne zeigte sie beim Lachen
und in der linken Wange ein Grbchen, das dem vorhin so abweisend
strengen Gesicht einen Zug hinreiender Liebenswrdigkeit verlieh. Ueber
allem aber ein Hauch unberhrter Reinheit wie der leichte Schimmer auf
der Haut einer reifenden Frucht, die noch niemand in begehrlicher Hand
gehalten hatte. Wer das liebe Mdel mal heimfhrte, trug etwas Sauberes
in sein Haus ... Ein schmerzhafter Stich flog ihm durchs Herz. Auf
sonnenbeschienener Strae gingen zwei dahin, und der eine sprach in
pltzlich ausbrechendem Irrsinn hliche Worte, und diese Worte krochen
wie ekelhafte Krten ber das Bild einer bemitleidenswerten Frau.

Die Wagenbremsen zogen kreischend an, es gab einen Ruck, und der Zug
hielt wieder einmal an einer der zahlreichen kleinen Stationen. Neben
dem rotbemtzten Stationsvorsteher stand ein dicker kleiner Herr in
weiem Staubmantel, das volle Gesicht schier rostrot verbrannt, und mit
blulich schimmernder Nase unter weinfrohen Aeugelein.

Der alte Herr ffnete die Couptr und winkte lebhaft mit der Hand.

Tag, Lindemann! Erwarten Sie wen?

Der Dicke blickte berrascht auf und setzte sich in der Richtung des
Wagens erster Klasse in Bewegung.

Tag, Herr von Gorski! Das ist ja 'ne Riesenfreude, da Sie wieder
zuwege sind! Und ob ich wen erwarte? Dieses nu weniger, ich wollt' blo
mal ein bichen Grostadtluft schnappen. Da bin ich nach der Station
gefahren, in dem Aberglauben, der Zug bringt 'was davon aus Knigsberg
mit. In meinem Dachsbau ist's jetzt, kurz vor der Ernte, zum Auswachsen
langweilig!

Sie sollten heiraten, sagte Annemarie und zeigte lachend die weien
Zhne. Ich wte Ihnen eine, da wrden Sie sich in Ihrem Ritterschlo
keine Minute mehr langweilen!

Der Dicke kniff listig das linke Aeuglein ein.

Nachtigall, ich hr' Dir trapsen! Na dann gren Sie man das gndige
Frulein in Marczinowen recht schn, und ich htt' noch nich genug
gesndigt, um so hart gestraft zu werden! Er schttelte sich in
komischem Entsetzen und wandte sich zu Annemaries Vater.

Aber es ist mir lieb, da ich Sie treffe, mein verehrter Herr von
Gorski. Ich wollte als Ihr Stellvertreter schon eine Sitzung des
Parteivorstandes einberufen. Dazu mssen wir unbedingt Stellung nehmen.

Was' denn passiert?

Der Heidereuter in Sucholasken will verkaufen. An einen Polen.

Dem alten Herrn stieg die Zornrte ins Gesicht.

Schwerenot noch mal! Schmt der Mensch sich nicht in den Grund seiner
Seele hinein?

Herr von Lindemann zuckte mit den Achseln.

Ich habe ihm zugeredet wie 'nem kranken Schimmel -- alles umsonst! Er
sitzt in Schulden bis an den Hals. Der Besitzer der letzten Hypothek
schnrt ihm die Gurgel zu -- auch natrlich auf Betreiben der Polen! Das
Hemd ist ihm nher als der Rock, sagt er, und das polnische Angebot gibt
ihm wenigstens die Mglichkeit, irgendwo mit einer kleinen Pachtung
wieder von vorn anzufangen. Bei 'ner Subhastation mte er mit 'nem
Prachersack 'rausgehen und einem weien Stock in der Hand. Ich wollte
ihm zum Abschied 'ne rechte Niedertrchtigkeit sagen, aber ich kriegte
sie nicht ber die Lippen. Der Mann hat 'ne kranke Frau und sechs
Kinder.

Herr von Gorski zog die buschigen Augenbrauen zusammen.

Das ist in zwei Jahren hier in unserem engeren Kreise schon das zehnte
Gut, das aus deutschen Hnden in polnische bergeht. Soviel Geld haben
wir nicht, um dieser andringenden Flut standzuhalten!

Der Stationsvorsteher hob die Hand, das Zeichen zur Abfahrt zu geben,
aber Herr von Lindemann winkte ihm energisch ab. Er hatte den dritten
Mitreisenden im Wagen erspht, der zu Beginn der Unterhaltung diskret
auf die andere Seite getreten war. Dem Stationsvorsteher rief er zu:
Lassen Sie die alte Lokomotive man ruhig sich noch ein Weilchen
verpusten! Wird ihr nichts schaden bei der Hitze, und ich bin hier noch
nicht fertig! Und, wieder zu dem Wagen gewandt, fuhr er lebhaft fort:
Herr von Foucar! Wie in drei Deuwels Namen kommen _Sie_ hierher? Nach
unserem geliebten Ostpreuen, wo es am tiefsten ist?

Der Angeredete machte ein befremdetes Gesicht.

Verzeihung, ich erinnere mich im Augenblick wirklich nicht ...

Aber, Mannchen! Blttern Sie mal ein bichen in dem Buch Ihrer
Erinnerungen an den Stellen, die junge Mdchen aus guter Familie nicht
lesen drfen -- entschuldigen Sie gtigst, Frulein Annemarie --, ja,
besinnen Sie sich da nicht auf einen gewissen dicken Lindemann? Freiherr
von Lindemann auf Borzymmen? Mein Vetter Sternheimb hat uns bekannt
gemacht, der lange Kersien von den Knigsberger Krassieren war der
dritte im Bunde. Und wissen Sie nicht, wie ich damals in der Jgerstrae
den ganzen Bums unter Sekt gesetzt habe? Drei Morgen Weizen hat der Spa
gekostet, aber war doch fidel, was?

Gaston lachte auf. Jetzt entsann er sich wirklich der lustigen Nacht,
und wie sehr er sich damals ber den dicken Agrarier amsiert hatte, der
in absichtlich vergrbertem ostpreuischen Dialekt allerhand komische
Schnurren erzhlt hatte.

Wahrhaftig, Herr von Lindemann, jetzt fllt's mir wieder ein! Und ich
bitte recht sehr um Entschuldigung ...

Nitschewo -- ich bin nicht so belnehmerisch! Aber der lange Kersien
prophezeite Ihnen damals eine Springerkarriere, wie sie seit
Erschaffung der Welt noch nicht dagewesen. Also was sind Sie inzwischen
geworden? Generalfeldmarschall?

Vorlufig mal erst Rittmeister bei den Ordensburger Dragonern!

Na, fr den Anfang auch ganz schn! Jedenfalls begre ich Sie als
schtzenswerte Akquisition unseres Kreises, und man wird sich doch jetzt
fter sehen.

Der Stationsvorsteher hatte zu seinem lebhaften Bedauern auf den Wunsch
seines prominentesten Nachbarn nicht lnger Rcksicht nehmen knnen. Der
Aufenthalt auf der kleinen Station hatte schon fnf Minuten ber die
vorgeschriebene Zeit gedauert. Er gab hinter dem Rcken des Herrn von
Lindemann heimlich das Abfahrtszeichen. Der Zug setzte sich chzend und
sthnend in Bewegung, die Lokomotive stie pfauchend ein paar weie
Dampfwolken aus. Der Dicke aber war noch nicht fertig. Erst warf er dem
Beamten in der roten Mtze einen zornigen Blick zu, dann setzte er sich
mit den kurzen Beinen ebenfalls in Bewegung und lief neben dem Wagen
her.

Entschuldigen Sie nur, da ich vergessen habe, die Herrschaften
miteinander bekannt zu machen! Herr Landschaftsdirektor und
Reichstagsabgeordneter von Gorski auf Kalinzinnen nebst Frulein Tochter
-- Herr Rittmeister Baron Foucar von Kerdesac! Und noch eins, mein
verehrter Herr von Gorski -- er erhob seine Stimme -- in der Klinik
alles gut abgelaufen? Keine Beschwerden mehr in dem kaputten Fu?

Herr von Gorski winkte mit der Hand.

Danke, lieber Lindemann, alles im Lot! Ich laufe, Gott sei Dank, wieder
wie 'n alter Fasanenhahn!

Der Zug fuhr rascher, der Dicke im weien Staubmantel mute
zurckbleiben. Dem Stationsvorsteher aber hielt er eine rgerliche
Standpauke. Was es wohl gro geschadet htte, wenn der Zug sich noch ein
paar Minuten lnger verschnauft htte? Und wieso er ihn nicht auf die
gute Idee gebracht htte, ein Billett zu lsen und in angenehmer
Gesellschaft nach Ordensburg mitzufahren? Jetzt knnte er den ganzen
langen Abend allein sitzen mit seinen sprlichen Gedanken und sich zum
Sterben langweilen.

Der Stationsvorsteher legte die Hand an den Mtzenschirm.

Nich immer gleich schimpfen, trautester Herr Baron! Ich hab' nmlich
'ne Idee. Wenn Sie Ihren hochbeinigen Trakehner Kraggen man ein bichen
den Kopp freigeben, holen Sie den Zug zehnmal ein, sind noch vor ihm in
Ordensburg! Und da is heute mchtig 'was los ... eine Damenkapelle
fiddelt im Hotel zum Kronprinzen! Wenn ich nich Dienst htt', wr' ich,
warraftigen Gott, heute abend auch 'rbergefahren. Man versauert ja
sonst ganz hier in der Einsamkeit, und e biche 'was Hheres mu der
Mensch doch von Zeit zu Zeit haben, so was Ideales von Kunst und so!
Nich wahr, Herr Baron?

Der dicke Herr von Lindemann klopfte ihm die Schulter.

Kunst ist gut, Vorsteherchen, namentlich wenn sie wie in diesem Falle
von holder Weiblichkeit ausgebt wird. Na, die Idee ist wirklich
glnzend -- lassen Sie sich dafr morgen bei meinem Oberinspektor einen
Sack Kartoffeln abholen als Erfinderprmie! Guten Abend, Herr
Stationsvorsteher.

Er hob grend die Hand und ging nach der Rckseite des
Stationsgebudes, wo sein Jagdwagen im Schatten von ein paar
breitstigen Linden hielt.

Ludwig, wir fahren zur Abwechslung mal nach Ordensburg. Aber sanftes
Reisetempo bitt' ich mir aus, damit die Gule nicht zu warm werden!

Befehl, Herr Baron!

Ein leises Zungenschnalzen, und die beiden hochgezogenen Trakehner
Halbblter trabten an, da hinter dem davonrollenden leichten Gefhrt
der Straenkies spritzte ...

Herr von Lindemann wandte sich um, rief dem dienernden Stationsvorsteher
zu: Telephonieren Sie, bitte, nach dem Schlo hinber, die Mamsell
mcht' nicht mit dem Abendbrot auf mich warten ... verstanden? Und
whrend er sich zu der raschen Fahrt die Mtze fester ins Gesicht zog,
zankte er schon mit sich selber: eigentlich war diese pltzliche
Eskapade fr einen ausgewachsenen Menschen reichlich tricht! Die
Nachbarn mokierten sich auch ber den lsterlichen Lebenswandel ... Aber
die hatten gut reden! Waren alle verheiratet und wuten nichts von der
Einsamkeit, die einen in dem groen Haus an den langen Abenden wie ein
Alp berfiel. Mit seiner Nachbarin wollte sie ihn verheiraten, die
blonde Annemarie von Gorski! Mit dem abstinenzlerischen Frulein von
Streit auf Marczinowen ... Hopfenstange war noch ein Euphemismus fr
ihre mangelnden Reize! Sie selbst aber? Was sie wohl fr ein Gesicht
machen wrde, wenn er mit einem Male in Frack und Claque in Kalinzinnen
antreten wollte: Also, wie wr's nu mit _uns_ beiden, Frulein Annemarie?
Knnten Sie sich entschlieen, mit Ihren weichen Patschhndchen ber
einen blanken Kahlkopp zu streicheln und 'lieber Gottfried' zu mir zu
sagen? Sie knnen's nicht? Na schn, dann brauchen Sie sich auch nicht
zu wundern, wenn der Freiherr von Lindemann lustige Gesellschaft sucht
und sich einen Ordentlichen einschwenkt. Und na, berhaupt ...

Er richtete sich auf seinem Sitze auf: Kerl, zieh den beiden faulen
Kraggen eins ordentlich ber den Puckel! Bei dem Tempo kommen wir nach
Ordensburg, wenn der Kunstgenu im Hotel Kronprinz lngst schon zu Ende
ist.

       *       *       *       *       *

Das kurze Intermezzo auf der Station Borzymmen hatte den drei Reisenden
die Mdigkeit verscheucht. Etwas von der lustigen Laune des dicken Herrn
von Lindemann war hngen geblieben, die Hitze erschien nicht mehr so
drckend wie noch kurz zuvor. Sogar Herr von Gorski schien fr den
Augenblick seine politischen Sorgen vergessen zu haben. Er sah sein
Gegenber mit lebhaftem Interesse an: Sie kommen in unser Regiment,
Herr Rittmeister?

Zu dienen! Und wenn mich mein Gedchtnis nicht trgt, habe ich Ihnen
Gre zu bestellen. Ich hatte doch vorhin recht verstanden: Herr
Reichstagsabgeordneter von Gorski auf Kalinzinnen?

Allerdings.

Dann stimmt es! Ich soll Sie von meinem verehrten Abteilungschef
gren. Von Herrn Oberst Wegener im Groen Generalstab.

Annemarie schlug vor Ueberraschung die Hnde zusammen.

Von Onkel Franz? Ist das eine Freude! Und wie geht's ihm denn?

Soweit ich's beurteilen kann, sehr gut. Ein bichen abgearbeitet
natrlich, denn wir haben saure Wochen hinter uns, kamen aus unseren
Schreibstuben kaum noch heraus.

Annemarie lachte herzlich auf und rckte vertraulich ein wenig nher.

Daher Ihre blasse Gesichtsfarbe! Wissen Sie, wofr ich Sie zuerst
gehalten habe?

Na?

Fr einen Professor oder Oberlehrer. Unsere Offiziere in Ordensburg
sehen jetzt, Ende Juli, wie die Neger aus! Na, und hat Onkel Franz nicht
auch von mir gesprochen? Ihnen fr mich keine Gre aufgetragen?

Dazu war wohl die Zeit zu knapp, als ich mich vorgestern von ihm
verabschiedete. Er mute zum Vortrag. Aber gesprochen hat er von Ihnen,
mein gndiges Frulein.

Was denn?

Dazu mte ich wohl erst seine Erlaubnis einholen, um Ihnen das
wiederzusagen. Und kecker, als es Damen gegenber sonst seine Art war,
fgte er hinzu: Aber er hatte recht! Jetzt, nachdem ich Sie persnlich
kennen gelernt habe, unterschreibe ich's Wort fr Wort!

Annemarie errtete ein wenig und verzog schmollend den Mund.

Das ist nun eklig von Ihnen! Erst einen neugierig machen und dann
nichts sagen!

Herr von Gorski hatte schmunzelnd zugehrt.

Ich kann's mir denken! Haben Sie auch seine Frau kennen gelernt?

Nur flchtig bei einem Essen, das der Herr Oberst den Herren seiner
Abteilung gab. Auch mit ihm bin ich sonst blo dienstlich
zusammengekommen. Da hat's mich eigentlich gewundert, da er sich fr
mich so ins Zeug gelegt hat. Die Auszeichnung, da ich vor dem Manver
schon in die Front hinauskam, verdanke ich nur ihm.

Der alte Herr sah sein Gegenber prfend an. War das nun falsche oder
echte Bescheidenheit? Aber die Musterung schien zu seiner Zufriedenheit
ausgefallen zu sein, er nickte.

Mein Vetter Wegener wei, was er tut! Und Sie kommen gern zu uns nach
Ostpreuen?

Jetzt noch lieber als frher.

Na, das ist recht! Welche Schwadron kriegen Sie denn?

Herr Oberst Wegener sprach von der fnften ...

So, so ... ich bin durch die sechs Wochen Stilliegen ein bichen 'raus
... Na, und hat mein Vetter Wegener mir nicht noch irgend etwas
Besonderes sagen lassen? Wie's so im allgemeinen aussieht?

Nein, Herr von Gorski. Unsere Unterredung dauerte ja auch blo ein paar
Minuten.

Na, mir gegenber knnen Sie ruhig und ganz offen sprechen. Ich bin
alter Herr des Regiments, das Offizierkorps geht in meinem Hause aus und
ein, namentlich das unverheiratete, -- ein lchelnder Seitenblick
streifte die neben ihm sitzende Tochter -- ja, also da brauchen Sie
sich nicht zu genieren. Auch nicht vor Annemarie. Sie ist der heimliche
Beichtvater und Vertrauensmann von allen jungen Dchsen im Regiment.
Etliche hab' ich sogar im Verdacht, da sie bei ihr ein bichen in der
Kreide sitzen!

Annemarie wurde rot bis unter die blonden Stirnhaare und protestierte
entrstet.

Gaston aber sprte eine seltsame Regung, als mte er ihr ber das
blonde Kpfchen streicheln und irgend etwas Liebes sagen. So stark war
diese vermessene Regung, da er sich ordentlich zusammennehmen mute.
Himmlischer Kerl von Mdel, hatte sie der Oberst von Wegener genannt.
Das stimmte, und zu beneiden war der Mann, der sich das mal zum guten
Kameraden gewann. Unwillkrlich flogen seine Gedanken weit fort zu einer
anderen, stellten allerhand Vergleiche an ...

Gaston schreckte zusammen. Der alte Herr da drben hatte eine Frage an
ihn gerichtet.

Wie befehlen? Ach so, ja, ganz recht. Es sieht wieder einmal
bedrohlicher aus als sonst. Ich persnlich habe natrlich kein Urteil,
aber mein verehrter Chef gab mir ein privates Avis an meinen neuen
Kommandeur mit. Daraus schliee ich, da jeder Tag vielleicht die
Katastrophe bringen kann. Oder -- wie man's nehmen will -- die Erlsung
aus einer immer unertrglicher werdenden Spannung.

Herr von Gorski schttelte den grauen Kopf. Ich glaube nicht daran. Die
Verantwortung ist zu ungeheuerlich! Da berlegen sich's die, in deren
Hand die Entscheidung liegt, eher zehnmal als einmal. Namentlich bei
unseren Nachbarn im Osten. Da spielen fr die Dynastie im Falle eines
unglcklichen Krieges noch ganz besondere Interessen mit. Ich habe
livlndische Verwandte in hohen Hofchargen. Einer von ihnen schrieb mir
erst unlngst, die Truppenansammlungen an unserer Grenze sind nur
befohlen worden, =pour montrer la bonne volont=. Um den Bundesgenossen
mit dem groen Sparstrumpf bei guter Laune zu halten.

Mag sein, Herr von Gorski. Dafr sieht's an unserer Westgrenze um so
bedrohlicher aus. Dort geht's leider nach Stimmungen, nicht nach
Erwgungen. Das ganze Volk schreit nach dem Revanchekrieg. Wie ein
langsam angestautes Wasser ist es, das jeden Augenblick den Damm
zerreien kann. Mir persnlich wre es recht. Nichts sehnlicher wnsche
ich mir, als meine Schwadron gleich an den Feind zu fhren!

Bravo! sagte Annemarie, und Herr von Gorski lchelte.

Sie ist nmlich mit ihren jungen Freunden vom Regiment unbedingt frs
Einhauen. Sie geht dann als Rote-Kreuz-Schwester mit! Aber was ich schon
vorhin fragen wollte, lieber Rittmeister, wo standen Sie eigentlich
frher?

Bei den Karlsburger Ulanen. Von dort kam ich auf Akademie und nachher
in den Generalstab.

Ein glnzendes Regiment und eine angenehme Garnison, sagte der alte
Herr. Und da sind Sie nicht wieder hingegangen? Die Frage klang ein
wenig argwhnisch.

Ich hatte meine besonderen Grnde! sagte Gaston. Damit sollte es genug
sein, aber er fhlte, da Annemaries Augen an ihm hingen. Wie ihm
scheinen wollte, mit ganz besonders gespanntem Interesse, und da sprach
er offen und ohne Rckhalt. Als wenn das liebe Mdel ein Anrecht htte,
genau zu erfahren, was er fhlte und dachte.

Also einmal, weil ich gerade Ostpreuen kennen lernen wollte, und dann
... in meiner Heimat nicht nur geht eine Legende, die mir jedesmal, wenn
ich auf sie stoe, die Zornrte ins Gesicht treibt. Eine sehr hohe Dame
soll angeblich mit besonderer Frsorge ber meine Karriere wachen. Ich
habe auch sonst genug gelitten unter diesem trichten Gerede. Mein Vater
war Kammerherr dieser hohen Dame an einem der sddeutschen Duodezhfe.
Er starb, als ich ein Jahr alt war, ich habe ihn nicht gekannt. Als ich
Offizier wurde, gab mir mein Vormund einen Brief von ihm und klrte mich
auf. Mein Vater war im Duell gefallen fr die von einem Unwrdigen
angegriffene Ehre dieser hohen Dame, war gestorben wie ein Kavalier und
Held. Aber meine liebe Mutter fate das anders auf. Glaubte an eine
Schuld, wo nichts weiter gewesen war als die Pflicht eines seiner Herrin
dienenden Kavaliers. Sie ging nach ihrer schwbischen Heimat zurck und
erzog mich dort auf ihre Art. Es steht einem Sohne nicht zu, mit der
geliebten Mutter zu rechten, aber es wre vielleicht manches in meinem
Leben anders gekommen, wenn ich eine Jugend htte haben drfen wie
andere. Wie ein junges Mdchen verpimpelte sie mich. Aber da gab es
einen Umschwung. Eines Tages hatte ich mal wieder was ausgefressen, aber
kam gerade noch mit blauem Auge davon. Wie und wieso wei ich nicht
mehr, aber einer meiner Cotanen meinte: 'Na ja, wenn man eine
Schutzheilige hat -- eine richtige, lebendige Grofrstinwitwe, die ihre
Gefhle vom Vater auf den Sohn bertrgt.' Ich fuhr ihm an den Hals, wir
schlugen uns auf schwere Sbel, und in der Festungshaft danach wurde ich
ein ernsthafter Mensch. Ein Streber schlimmster Sorte ...
Kommandierender General zum mindesten wollte ich werden! Aber ohne
weibliche Protektion!

Annemarie hatte mit aufgeregten Augen zugehrt. Ehe ihr Vater etwas
sagen konnte, streckte sie impulsiv dem Rittmeister von Foucar die Hand
entgegen.

Furchtbar interessant ist das! Und berhaupt, wo Onkel Franz so groe
Stcke auf Sie hlt. Sind Sie Jger?

Gaston blickte ein wenig verwundert auf.

Sogar mit Passion. Aber bisher hatte ich, zu meinem Bedauern, nur
wenige Male Gelegenheit.

Na ja, in Berlin! sagte sie geringschtzig. Aber das wird hier anders
werden. Sie sollen bei mir in Kalinzinnen den besten Bock schieen, den
es im Kreise je gegeben hat. Mindestens dreiig Zentimeter Stangenhhe
und geperlt bis in die Enden hinein ... ein ganz alter Bursche, schlau
wie ein Fuchs, aber in der Brunst werden wir ihn schon kriegen!

Der alte Herr hatte zum Fenster hinausgesehen. Hallo, was war das? Hatte
sein sonst so zurckhaltender Blondkopf an diesem Rittmeister Feuer
gefangen? Und da das Mdel mit den Kalinzinner Rehbcken so freigebig
umging, war allein schon ein bedenkliches Zeichen. Sonst war sie damit
sehr knauserig.

Annemarie, sagte er, freust Du Dich, da wir endlich wieder nach
Hause kommen?

Aber natrlich, Papa, riesig!

Und was Hermann wohl sagen wird, wenn wir endlich wieder da sind?
Wahrscheinlich wird er an der Bahn sein.

Annemarie runzelte die Stirn.

Natrlich wird er da sein. Du hast ihm doch sicherlich geschrieben,
wann wir ankommen. Er ist berhaupt immer da.

Bitte sehr, diesmal habe ihm nicht geschrieben!

Er wird doch da sein! sagte sie hartnckig und legte sich abweisend in
die Wagenpolster zurck. Gaston aber merkte die Absicht des alten Herrn
und griff nach einer der schon lngst gelesenen Zeitungen. Eigentlich
war es ja schon deutlich genug gewesen, da Herr von Gorski die
Jagdeinladung der Tochter nicht besttigt hatte. Und dieser Hermann, der
auf der Station warten wrde, war ein Wink fr ihn: Gib Dich nicht
unntzen Hoffnungen hin. Der Wink war berflssig. Wer sich selbst eine
Kette um den Fu gelegt hatte, durfte seine Augen nicht aufheben zu
einem stolzen und freien Herrenkind.

Annemarie hatte ein paar Minuten schweigend gesessen, jetzt schob sie in
leichtem Trotz die Unterlippe vor.

Ach, entschuldigen Sie, Herr Rittmeister ...

Bitte sehr, mein gndiges Frulein.

Sie mssen so freundlich sein, mir noch einmal recht deutlich Ihren
Namen zu sagen. Vorhin, als Herr von Lindemann vorstellte ...

Aber mit Vergngen! Gaston Baron Foucar von Kerdesac!

Annemarie blickte berrascht auf: Aber das ist ja ein rein
franzsischer Name!

Zu dienen! Mein -- einen Augenblick, ich mu nur nachrechnen -- ja,
also, mein Ururgrovater kam als achtjhriger Knabe nach Deutschland.
Seine Eltern waren auf die Guillotine geschleppt worden, ihm gelang es,
als die Schergen des Konvents das Schlo durchsuchten, sich zu
verstecken. In einer Regentonne. Dann wanderte er nach Osten, bis er an
andere Flchtlinge Anschlu fand. Mit zweiundzwanzig Jahren focht er
unter Blcher gegen Napoleon.

Merkwrdig, sagte Herr von Gorski, und aus dem Tone seiner Bemerkung
war starke Mibilligung herauszuhren, ja, also merkwrdig, wie eine
Familie mit Traditionen in so kurzer Zeit ihren vaterlndischen
Standpunkt verndern kann! Das Vaterland ist doch immer das Primre! Und
ich frage mich manchmal ... Die Abkmmlinge der franzsischen
Refugifamilien ... ja, mit welchen Gefhlen werden die wohl einmal
satteln, wenn es gegen ihr altes Vaterland Frankreich geht?

Gaston verneigte sich leicht, Kampflust in den blauen Augen.

Das haben sie schon einmal bewiesen, jetzt vor mehr als vierzig Jahren!
Und ich darf wohl dagegen fragen, mit welchen Empfindungen werden Sie
sich tragen, Herr von Gorski, wenn es morgen nach der anderen Seite
losgehen sollte? Gegen Ruland?

Der alte Herr steckte sich in einer gewissen Erregung eine Zigarette an.

Sie verstehen zu fechten, Herr von Foucar! Aber es ist ein Irrtum
dabei. Mein Geschlecht ist von Anbeginn an rein deutsch gewesen -- trotz
seines polnischen Namens. Darber existieren unanfechtbare Urkunden.
Mein erster nachweislicher Vorfahr ist als Gefolgsmann des Gromeisters
Heinrich von Plauen urkundlich aufgefhrt, Berger hie er. Als nach dem
Niedergange des Ordens die slawische Welle wiederkam, wurde sein guter
deutscher Name ins Polnische bersetzt. Gorski heit nmlich auf deutsch
Berger, und das Schicksal, das ihn ereilte, traf auch all die anderen,
ursprnglich deutschen Familien. Nicht nur aus dem Stande der
Ritterbrtigen. Auch unter der buerlichen Bevlkerung knnen Sie noch
heute herauskennen mit einiger Sicherheit, was ursprnglich mal deutsch
war. Schon an der Krperlnge. Der slawische Masur ist klein, kaum da
mal einer ber Mittelgre hinauswchst.

Aehnlich wie in meiner Heimat, versetzte Gaston. Nur da man da
zwischen Normannen mit Wikingerblut unterscheidet und den kleineren
Abkmmlingen der Rmer. Aber ich meine, der ganze Streit ist
unfruchtbar. Jeder hlt zu dem Lande, dem er sich verbunden fhlt. Der
alte Name ist nur eine Erinnerung. Das Nationalgefhl entscheiden die
Mtter.

Haben Sie Ihre alte Heimat einmal besucht? warf Annemarie ein.

Gaston wiederholte die Frage.

Meine alte Heimat? Nein, aber im vorigen Jahre machte ich eine Reise
durch Nordfrankreich. Ich sage das absichtlich, um von vornherein meine
Empfindungen bei dieser Reise zu kennzeichnen. Nichts sprach zu mir, was
irgendeinen sentimentalen Widerhall in mir geweckt htte ... oder
vielmehr einmal mute ich an mich halten, um als preuischer Offizier
nicht eine Unbesonnenheit zu begehen. Am zweiten September war es, in
Havre. Zu Hause bei uns feierte man den Gedenktag von Sedan, hier
schleifte ein Haufe halbtrunkener Gassenjungen eine Strohpuppe im
Straenkot, die wie ein deutscher Soldat ausstaffiert war mit ein paar
bunten Fetzen. An der Spitze schritt ein Bengel, der ein freches
Spottlied auf die '=sales Prussiens=' sang. Die andern grlten den
Refrain. Da mute ich mich mit Gewalt zusammenreien, um dem Lmmel an
der Spitze das Maul nicht mit einer Ohrfeige zu stopfen ... Und ein paar
Tage spter war ich in dem Stdtchen Kerdesac. Auf einem Hgel in der
Nhe lag eine verfallene Ruine ... ein Rest des alten Gemuers war
wohnlich eingerichtet, ein weibrtiges Mnnchen hauste darin ... Der
Letzte der Foucar der franzsischen Linie. Ich machte ihm meine
Aufwartung, ohne meinen Namen zu nennen, und fragte so nebenher, ob
nicht ein Zweig des Geschlechts in Deutschland lebte. Da richtete der
alte Herr sich auf und spie aus. 'Verflucht sei er und verdorren mge
er! Meine Arme sind vertrocknet, aber wenn wir morgen marschieren
sollten, marschiere ich mit. Und Gott wird mir helfen, die zu zchtigen,
die ihr Vaterland vergessen konnten ...' Ich empfahl mich und ging. War
nicht im geringsten betroffen, hatte nur das Gefhl einer Seltsamkeit
... einen fast schnurrigen Gedanken: da nmlich anscheinend in jedem
Lande der liebe Gott eine andere Nationalitt hat. Und da er jedesmal
helfen soll, die Leute jenseits der Grenze totzuschlagen ...

Das Gesprch verstummte. Annemarie holte mit einem leichten Seufzer die
Gedanken und Erinnerungen hervor, die sie vorhin beiseite gelegt
hatte, Herr von Foucar griff nach einer Zeitung, und nach einer Weile
schien es so, als wren die drei, die der Zufall fr eine kurze Reise
zusammengefhrt hatte, einander so fremd wie zu der Zeit, als der
lustige Herr von Lindemann sie noch nicht vorgestellt hatte. Nur ein
kleiner Unterschied war dabei. Nach kurzer Pause hob Annemarie den Kopf
von der Lektre, Herr von Foucar tat desgleichen, ihre Blicke begegneten
sich und hielten stumme Zwiesprache miteinander. Der eine sagte: Ist
das nicht rgerlich, da unser erstes Beisammensein mit solch einem
Miklang enden soll? Und der andere meinte: Es wre doch jammerschade,
wenn nun aus der so freundlich gebotenen Jagdeinladung nichts werden
sollte! Da huschte ber das feingeschnittene Gesichtchen ein
schalkhaftes Lcheln. Sie legte das dicke Buch wieder beiseite und
wandte sich besorgt zu dem neben ihr sitzenden Vater.

Willst Du es Dir nicht lieber ein bichen bequemer machen, Papa? Ich
kann mich ja ganz in die andere Ecke setzen, Du aber streckst das Bein
auf das Polster. Und wie zur Erklrung fr Herrn von Foucar fgte sie
hinzu: Nmlich mein Papa hat vor sechs Wochen einen schweren Sturz mit
dem Pferde getan, weil er noch immer so verwegen drauflos reitet, als
sprengte er an der Spitze seiner alten Schwadron. Das ganze Schienbein
war gesplittert, und ich frchte beinahe, bei aller Kunst des
Knigsberger Professors, ganz so wie frher wird es wohl nicht mehr
werden.

Unsinn, brummte Herr von Gorski in seinen kurzgeschnittenen grauen
Spitzbart, der Mann hat sein Handwerk verstanden! Ist alles wieder in
Ordnung, und, wenn ich ehrlich sein soll, ich mu mich immer erst
besinnen, welcher Fu eigentlich kaput war, der rechte oder linke!

Sein Gegenber pflichtete ihm bei, um ihn bei guter Laune zu erhalten.

Ja, es ist erstaunlich, was heutzutage die Herren Chirurgen alles
leisten! Einer meiner Kameraden beim alten Regiment hatte von einem
schweren Sturze eine Gehirnerschtterung gekriegt, Schlsselbein kaput
und das ganze rechte Bein ein einziger schlotternder Lappen ... vier
Wochen Klinik in Tbingen, und er konnte wieder in den Sattel steigen!
Zwei Monate danach aber gewann er sein erstes Rennen. Die Geschichte
war frei erfunden, aber was tat man nicht einem Paar blauer Mdchenaugen
zuliebe, die einen lustig anlachten?

Der alte Herr sprang prompt auf die kleine Kriegslist ein und nahm die
abgebrochene Unterhaltung wieder auf.

Siehst Du, da hast Du's! Morgen la ich mir meinen alten 'Perkuhn' an
die Rampe fhren, probier' mal, ob's nicht schon wieder geht! Und nach
einer kleinen Pause fuhr er fort: Was aber unseren vorhin
angeschnittenen Hammel anlangt, Herr von Foucar -- also ich mchte da
kein Miverstndnis aufkommen lassen. Ich habe inzwischen nachgedacht.
Ich verstehe zwar immer noch nicht, wie geborene Franzosen in ein paar
Menschenaltern reine Deutsche werden knnen, aber da ich ein
berzeugendes Beispiel vor mir sehe, mu ich die Tatsache anerkennen.
Und sie interessiert mich sehr, denn vielleicht liegt in ihr irgendein
Fingerzeig verborgen fr unsere Arbeit in den Grenzprovinzen, den Kampf
gegen das Polentum. Wenn Sie unsere Parlamentsverhandlungen der letzten
Jahre ein wenig verfolgt haben, werden Sie wissen, da ich bisher immer
einer der Hauptvertreter der gemigten Richtung gewesen bin in der
Behandlung unserer polnischen Mitbrger. Whrend meiner unfreiwilligen
Mue aber, jetzt in der Klinik, habe ich eine Art von Inventur gemacht
ber die Ergebnisse meiner Ttigkeit. Und, wenn man so losgelst daliegt
von allen verwirrenden Eindrcken der kleinen Tageskmpfe, sieht man
wohl schrfer als sonst. Ja also, da hat sich mir die niederschmetternde
Erkenntnis aufgedrngt, da all unsere Arbeit bis zur Stunde vergeblich
war. Statt vorwrts zu kommen, haben wir Boden verloren, und da fragt
man sich unwillkrlich, ob die bisherige Methode die richtige war.

Verzeihen Sie, Herr von Gorski, sagte der Rittmeister, ich habe mich
bisher mit diesen Dingen zu wenig beschftigt, um ein eigenes Urteil zu
haben. Aber was ich von Ihnen, einem berufenen Sachverstndigen, hre,
macht mich stutzig.

Der alte Herr lchelte trbe.

In unseren Industriegebieten finden Sie ganze Stadtteile und
Niederlassungen, in denen kaum noch ein Wort Deutsch gesprochen wird.
Und gehen Sie in die Mark, nach Sachsen, Pommern oder Mecklenburg -- die
Leute, die dort auf den Feldern arbeiten, sprechen Polnisch! Das hngt
ja nun mit der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte
zusammen, aber mu doch mit in Rechnung gebracht werden, wenn man sich
das Gesamtbild vergegenwrtigen will. Und das brige ... das Ende ...
Er brach ab und sah sinnend vor sich hin.

Herr von Foucar hatte gespannt und achtungsvoll zugehrt. Als der alte
Herr pltzlich schwieg, erlaubte er sich in bescheidenem Tone die Frage:
Nun und? Wenn all diese Polen den deutschen Gesetzen gehorchen, ihre
Steuern bezahlen und als Soldaten ihre Pflicht und Schuldigkeit tun?
Unsere Armee ist doch noch intakt. Und gerade unsere polnischen
Regimenter haben sich im letzten Feldzuge doch mit Auszeichnung
geschlagen. Geben wir den Polen vollkommene politische Freiheit und
wirtschaftliche Vorteile, die ihnen die Ueberzeugung wachrufen mssen,
unter keiner Herrschaft der Welt knnte es ihnen besser gehen als unter
der preuischen oder deutschen, und sie werden -- unter dem Zwange
dieser Einsicht -- treue und gute Staatsbrger werden.

Um den brtigen Mund des alten Herrn flog ein nachsichtiges Lcheln.

Sehr schn und sehr nobel gedacht, aber das Mittel ist schon lngst
versucht worden -- bisher ohne Erfolg! Zu keiner Zeit wurde wohl in
polnischen Kreisen mehr komplottiert, das alte Knigreich wieder
auszurichten, als in jenen Jahren, in denen die Polen verhtschelt und
mit Zuckerbrot gefttert wurden. Das ermutigte die Herrschaften nur, die
bisher im stillen betriebene gropolnische Agitation auf die Gasse zu
tragen! Wie Pilze schossen allenthalben die nationalen Hetzbltter
empor, und ganz unversehens war ein neues Moment in die Bewegung
gekommen: Der bisher indifferente kleine Mann in den Stdten und auf dem
Lande war zum Bewutsein seiner polnischen -- wie heit doch das
neugeprgte Wort? -- ja richtig, zum Bewutsein seiner polnischen
'Volkheit' gelangt! ... Aus solchen geschichtlichen Prozessen mu man
lernen, solange es noch Zeit ist. Alles auf dieser Welt verluft in
Wellenlinien, nicht einmal der Strahl des Lichts fhrt in schnurstracks
gerader Bahn dahin, also mu es auch wohl in der politischen Bewegung
der Vlker ein Auf und Nieder geben. Es mu nur die gewaltige
Persnlichkeit kommen, die stark genug ist, die Hand zu heben: Halt!

Der alte Herr schwieg erschpft, wischte sich den Schwei von der Stirn.
Herr von Foucar wollte etwas erwidern, aber Annemarie gab ihm ein
heimliches Zeichen, das Gesprch abzubrechen. In dem Coup war es
pltzlich so finster geworden, da man Mhe hatte, das Gesicht des
Gegenbersitzenden zu erkennen, eine jh aufgestiegene dunkle Wolkenwand
hatte sich vor die Sonne geschoben. Die drckende Schwle wurde schier
unertrglich, da, mit einem Male gleiende Helle, vor der sich
unwillkrlich die Augen schlossen ... in derselben Sekunde ein
schmetternder, kurzer Schlag, ein Reien und Krachen, da die
Wagenfenster klirrten. Einen zuckenden leichten Schmerz gab es in den
Gelenken, ein schwefliger Geruch drang zu den Fenstern herein, Annemarie
hob die Hand und deutete nach auen: Da ... sieh nur, Papa, sieh. Eine
rank aufgeschossene Kiefer, die mitten in einer abgeholzten Lichtung
etwa hundert Schritt vom Bahndamme stand, leuchtete rot auf, zngelnde
Flammen leckten an dem Stamme in die Hhe, und um die grne Krone
breitete sich eine weiliche Wolke. Ueber das Gesicht des alten Herrn
aber flog ein heller Schein, seine Augen blitzten auf.

Das sei ein Zeichen, sagte er laut, und so mge sich erfllen, was
ich eben vorausgesagt habe.

Die Bremsen an den Rdern zogen kreischend an, der Zug hielt vor einer
Art von ziegelgedecktem Schuppen, neben dem ein Wrterhuschen aus
Wellblech stand. Und pltzlich kam mit Rauschen und Brausen der Regen
gezogen wie eine graue Wand. Hagelschlossen prasselten dazwischen, der
gelbe Sand des Bahnsteiges spritzte auf, und unablssig schmetterte und
krachte der Donner. Ein triefend nasser Schaffner kam gelaufen, ri die
Tr auf: Kalinzinnen, eine Minute!

Um Gottes willen, schon?

Annemarie sprang auf, stopfte Buch und Zeitungen eilig in die
krokodillederne Handtasche, der Rittmeister half dem alten Herrn in
einen Gummimantel, ohne fr seinen Dienst mehr als ein kurzes Danke!
zu ernten. Aus der grauen Regenwand trat ein Diener, einen groen,
aufgespannten Leinenschirm in der Hand: Willkomm zu Hause, gnd'ger
Herr, sagte er respektvoll. Und der gn'ge Herr mssen schon so gut
sein, ein paar Minutchen unter die Wartehalle zu treten. Die beiden
alten Kobbeln vor dem Kutschwagen sind von dem groen Blitz rein wie
verrckt geworden. Der Gottlieb mut sie laufen lassen, aber er is wohl
gleich wieder 'ran.

Der alte Herr verabschiedete sich von dem Reisegefhrten mit kurzem
Grue, kletterte ein wenig schwerfllig den Wagentritt hinab. Annemarie
rief ihm nach: Papa, Du hast wohl nur vergessen ...? Er hrte nicht,
oder vielleicht tat er auch nur so, denn der Zuruf war laut genug
gewesen, und in dem Rollen des Donners hatte es gerade eine kurze Pause
gegeben. Da flog ber ihr Gesicht ein trotziger Zug, sie streckte dem
Rittmeister die Hand entgegen: Entschuldigen Sie, mein Papa ist nur
durch die pltzliche Ankunft ein bichen durcheinander, sonst htte er
sicherlich ... jedenfalls sind Sie uns in Kalinzinnen herzlich
willkommen! Und mit einem Lcheln fgte sie hinzu: Seien Sie ein
bichen nett mit meinen beiden Vettern, sie stehen bei Ihrer Schwadron!

Der Schaffner an der offenen Tr, dem das Wasser vom Mtzenschirm ber
die Nase rann, hob mahnend die Hand.

Trautstes Freileinchen, beeilen Sie sich, der Zug hat sowieso all
Versptung.

Da gab es noch einen kurzen Hndedruck. Also gut, und auf bald. Hastig
sprang sie von dem Tritte, der Diener, der den alten Herrn schon nach
der Wartehalle geleitet hatte, eilte mit dem groen Regendache herbei.
Eine Pfeife schrillte, der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Gaston
trat ans Fenster, um vielleicht noch einen Blick oder Gru zu erhaschen,
aber Annemarie stapfte eilig dahin, zwischen den vom Boden schnellenden
Spritzern. Der ber die Knchel gehobene Rock zeigte ein paar schlanke
Fesseln ber schmalen Fen. Der alte Herr unter der Wartehalle schien
ungeduldig geworden zu sein, sprach lebhaft auf die Tochter ein, nach
dem abfahrenden Zuge sah er nicht mehr hinber. Die graue Wand schob
sich dazwischen, der ziegelgedeckte, offene Schuppen und ein
heranfahrender Wagen waren noch wie durch einen Schleier zu erkennen.
Dann nichts als unablssig strmender Regen, nach jedem der rollenden
Donnerschlge schien er nur noch strker zu fallen, als wenn da oben an
irgendeiner himmlischen Talsperre ein Staudamm gebrochen wre, so
schttete es hinab.

Gaston hatte das Fenster hochgezogen und setzte sich auf seinen Platz
zurck. Trocknete sich Gesicht und Hnde von den durch die offene Tr
gespritzten Regentropfen, und ihm war seltsam lustig und aufgerumt
zumute. Mit dem alten Herrn schien er's ja grndlich verdorben zu haben,
nach anfnglichem Wohlgefallen hatte es ein ziemlich unverhohlenes
Mivergngen gegeben. Aber was lag daran -- dafr hatte die Tochter
einen um so freundlicheren Abschied genommen. Wie hatte sie gesagt? Auf
Wiedersehen, recht bald. Na, das konnte ja besorgt werden! Und ein
Vorwand war gar leicht gefunden. Da drben, zwischen Rckwand und
Wagenpolster blitzte etwas auf, als htte es spitzbbisch blo auf den
rechten Augenblick gewartet, sich bemerkbar zu machen. Eine kleine
goldene Zigarettendose, mit einem Saphir als Druckknopf und einem, aus
funkelnden Brillanten gefgten =A= auf dem Deckel. Eine siebenzinkige
Krone darber, deren Zacken in hellem Rubinrot leuchteten. Und allerhand
Widmungen daneben, in Schrift oder figrlicher Darstellung. Ein
blau-wei-roter Emailschild mit der Umschrift: Masovia sei's Panier!
Der holden Korpsschwester die Fchse des Sommersemesters 1911. Viele,
sauber ausgefhrte Wappen mit Jahreszahl und Datum, und endlich auf der
Rckseite ein Emailbild der beiden bsen Buben, Max und Moritz. Eine
Inschrift besagte, da unter dieser allegorischen Darstellung die beiden
Vettern Hans und Karl von Gorski zu verstehen wren. Nur eine Ecke auf
dem goldenen Untergrunde war noch frei. Gaston schob mit einem Lcheln
die Dose in die Brusttasche: da war er ja, der gute Vorwand! In ein paar
Tagen berbrachte man das kostbare Fundstck persnlich, und inzwischen
war auf der letzten freien Ecke von einem geschickten Goldschmied ein
Kleinod ganz besonderer Art eingefgt worden zur Erinnerung an die
Stunde der ersten Begegnung. Ein tiefblauer kleiner Saphir von
altertmlich flachem Schliff, der ein winziges Zeichen trug. Man mute
eine Lupe zu Hilfe nehmen, um es zu erkennen: der gefiederte
Sarazenenpfeil war es aus dem Wappenbilde der Foucar, mit dem sie
zeichneten, was ihnen gehrte. Nach einer alten Familiensage stammte der
Stein von einem Ringe, den ein Ahnherr am heiligen Grabe geweiht htte,
und sollte seinem Besitzer Glck bringen, ihn vor jeder Art von Gefahr
bewahren. Wem aber wnschte er wohl von Herzen mehr Glck als dem
blonden Mdel, das ihm ein gtiges Geschick hier in den Weg gefhrt
hatte.

Er brauchte nur die Augen zu schlieen, und er sah es wieder vor sich
auf dem Platze da drben ... die biegsame, schlanke Gestalt, das feine
Gesichtchen mit dem lustigen Grbchen in der Wange und den klaren,
blauen Augen. Ganz dunkel schienen sie in der Abwehr und leuchteten hell
auf, wenn sie lachte. Allmhlich aber verwischte sich das Bild. Es hing
eine an seinem Halse, drngte sich ganz nahe an ihn und bi ihn in
bitterem Trennungsweh, da er sie nie mehr vergessen sollte und immer an
ein Wort denken, das er selbst gesprochen hatte. Sie wre fr ihn die
Herrlichste und Reinste auf der ganzen Welt. In einer Art von
Trunkenheit hatte er es gesprochen, aber es stand da. Wahnsinn war es
doch, zu denken, mit seiner raschen Flucht wre alles zu Ende. Die
Wirrsal fing jetzt erst an ... die Wirrsal fr einen, den die Natur mit
mancherlei Gaben ausgestattet hatte, nur nicht mit einem robusten
Gewissen ...

Das Gewitter war vorbergezogen, kaum eine Viertelstunde hatte es
gedauert. Nur im Westen stand noch eine dunkle Wolkenwand, von der
untergehenden Sonne wie mit Blut und Feuer bergossen. Der Zug hielt im
freien Felde. In der Ferne blaute ein See mit sprlich bewaldeten Ufern,
ein schlanker Kirchturm, dessen Kreuz im Sonnenlicht blitzte, ragte
zwischen roten Ziegeldchern in die Hhe.

Auf dem anderen Gleise rollte ein langer Zug vorber. Mehr als fnfzig
Wagen zhlte Gaston, alle mit Menschen dicht besetzt. An den Oeffnungen
der Tren und Fenster drngten sie sich Kopf an Kopf, schauten mit einer
Art stumpfer Neugierde heraus. Gesichter von fremdartigem Schnitt ...
kleine blaue Augen ber breiten Backenknochen, stumpfe Nasen und
blondes Haar. Die Frauen in bunten Tchern, die Mnner in grauen Rcken,
breitschirmige Mtzen tief in die Stirn gezogen.

Der aus seinem Bremserhuschen gestiegene Schaffner gab unaufgefordert
die Erklrung: Polnische Auswanderer. Jeden Tag kommen vier solcher
Zge von der Grenz'. Alles wegen dem Krieg. Da drben haben se,
scheint's, noch mehr Angst wie bei uns. Mcht's man endlich losgehen,
sonst reien se uns noch alle aus.

Gaston nickte.

Ja, wenn's nur endlich losgehen wollte!

Dann wre er mit einem Schlage aus aller Wirrsal heraus gewesen -- -- --




6.


Im Lesezimmer des Kasinos der Ordensburger Dragoner saen nur drei
Herren. Zwei in Uniform, der dritte in Zivil. Ein junger Mann mit langen
Gliedern und breiten Schultern, ein paar tiefe Schmisse auf der linken
Wange. Das schlichte blonde Haar trug er in der Mitte gescheitelt, unter
einer narbenbedeckten hohen Stirn standen ein paar fast immer schlfrig
blickende, blaue Augen.

Die beiden Herren in Uniform sahen einander zum Verwechseln hnlich.
Zwei Kpfe von gleicher, kugelrunder Form, die weiblonden Haare bis auf
die Haut kurz geschnitten. Hellgraue Augen unter farblosen Brauen,
jeder einen breiten Streif Sommersprossen ber der scharf
vorspringenden, gebogenen Nase, und lcherlich wirkende groe Ohren.
Kaum zu unterscheiden waren sie, wie Zwillinge sahen sie einander
hnlich, trotzdem sie im Alter zwei Jahre auseinander waren. Nur einen
Unterschied gab es. Der Aeltere war reich, der Jngere arm. Der Aeltere
erbte einmal das groe Majorat im Johannisburger Kreise, der Jngere
mute mit knappem Zuschu bei der Truppe weiterdienen. Noch ein halbes
Dutzend Schwestern wuchs zu Hause heran. Die muten von dem Oberhaupt
der Familie standesgem ernhrt werden, denn auf Versorgung durch
Heirat war wegen Hlichkeit leider nicht zu rechnen. Auch ihnen standen
die Ohren vom Kopfe ab, sprang unter reichlichen Sommersprossen eine
gebogene starke Nase aus dem Gesicht. Zeichen eines reingezogenen
adeligen Geschlechts nannte das der jngere, zur Spottlust neigende der
beiden Gebrder Gorski, aber leider legten die heiratslustigen
Jnglinge im Kreise mehr auf Schnheit Wert als auf die Merkmale echter
Gorskischer Rasse.

Das Gesprch zwischen den dreien flo zu Anfang nur sprlich dahin.

Herrschaft, sagte der Lange, wenn ich 'ne Ahnung gehabt htte, da
bei Euch heute abend so wenig los ist, wre ich lieber nach Hause
gefahren.

Wieso? versetzte der jngere Gorski, der den linken Arm in einer
schwarzen Binde trug, ist da mehr los? Knnen Deine Mastochsen
vielleicht Skat spielen?

Das gerade nicht! Aber wenn man sich auf die Reise macht und findet das
ganze Offizierkorps ausgeflogen?

Nchstens werde ich einen Regimentsbefehl veranlassen, da den Herren
der Reserve vom Bureau aus das Stattfinden einer Nachtfelddienstbung
telephonisch mitgeteilt wird. Aber kannst Dich darauf verlassen, drei
Tage in der Woche wird berhaupt immer Nachtfelddienst gebt! 'n schnes
Wort, was? _Meine_ Erfindung! Unser Alter dressiert uns berhaupt nur
japanisch, seit er damals als Attach da drben gewesen ist. Also, wenn
ich hier als Leutnant ausgelernt hab', trete ich als Akrobat im
Wintergarten auf. Klettere ber die verschmitztesten Drahthindernisse,
verhaspel mich mit den Sporen und kmpfe mit dem in der Dunkelheit
egalweg vorbeischieenden Gegner Jiujitsu. Falls er mir nicht vorher,
zur Vereinfachung der Angelegenheit, mit dem Kolben ber den Kopp haut!

Der Lange mute unwillkrlich auflachen.

Wie Du das darstellst!

Von dem einzig richtigen Standpunkt aus! Wer ist wohl mehr zu
sachlicher Kritik berufen als der mivergngte Leutnant? Wenn die hohen
Vorgesetzten einen Dienstbetrieb einfhren, der den Offizier ntigt,
eine Drahtschere zu tragen statt des Sbels? Das ist was fr die
Fulatscher! Dem Kavalleristen gehrt der Tag und das freie Blachfeld.
Abends aber soll er in Ruhe seinen Schoppen trinken drfen, auf den
Dienst schimpfen und alles besser knnen. Na prost, Hermann! Und der
jngere Gorski griff nach seinem Bierglase.

Prost, Karlchen.

Der ltere der beiden Brder lie die Zeitung sinken, in der er eifrig
gelesen hatte, und nahm ebenfalls einen tiefen Schluck.

Prost, Kinder! Da ist doch in Berlin wieder mal was Dolles passiert,
was fr den ganzen Stand nicht gerade dekorativ wirkt ... ein Leutnant
hat sich dotgeschossen!

Ach ne! Wieso denn?

Das steht nich drin. Nur eine ganz kurze Notiz. Er zeigte sie den
anderen: In unserer Nachbarkolonie Grunewald erregte gestern abend ein
Selbstmord betrchtliches Aufsehen. Vor dem Tor der Villa des bekannten
Sportmannes R. erscho sich ein elegant gekleideter junger Mann.
Augenzeugen hatten beobachtet, wie er in gebrochener Haltung von einem
Diener ber den Vorplatz zum Ausgange gefhrt wurde. Gleich danach erhob
er die todbringende Waffe. Aus Papieren, die man bei ihm fand, wurde
seine Identitt mit dem Oberleutnant v. W. von den Landsberger Husaren
festgestellt. Seine Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht.

Scheulich, sagte der Lange in Zivil und griff sich in den Halskragen.

Nicht wahr? versetzte der ltere Gorski. Ach, Karl, sieh doch mal in
der Rangliste nach bei den Landsberger Husaren.

Der Jngere holte das Buch aus dem Schrank und bltterte nach.

Da stehen drei Oberleutnants mit W drin: von Witten, von Wilding, von
Wodersen.

Der letzte ist der berhmte Rennreiter. Und wenn man dazu hlt: 'Villa
des bekannten Sportmanns R ...'

Wird's schon stimmen. Die Leutchen engagieren sich leider zu oft ber
ihre Verhltnisse. Und dann die verfluchten Karten! Na, wie ist es,
wollen wir uns nicht auch gegenseitig das Geld abnehmen? In einem
soliden Halbenpfennigskat? So solid, da jeder der Teilnehmenden zum
Schlu eine Kleinigkeit gewinnt?

Der ltere Gorski legte unwillig die in einen Rahmen gespannte Zeitung
auf den Tisch.

Mensch, gewhn' es Dir blo ab, an alles einen Witz 'ranzuhngen! Das
da hier geht einem doch nah! Da werden die Zeitungen einer gewissen
Sorte wieder drauf rumtrampeln und krnkende Schlufolgerungen fr den
ganzen Stand ziehen! Scheulich ist das ...

Sehr richtig, Herr Majoratserbe, sagte der Jngere mit ernsthaftem
Gesicht, whrend er zugleich dabei in komischer Weise die groen Ohren
bewegte. Sie werden trampeln! Aber bin ich daran schuld? Soll ich
meines Bruders Hter sein? Und zu dem Langen gewandt, fuhr er fort:
Uebrigens was ist das mit Dir, Herr von und zu Brinckenwurff? Heute ist
doch das Jhr fllig, die Annemarie mit ihrem Vater? Da bist Du nicht
zum Empfang an die Eisenbahn gefahren?

Der Lange errtete heftig. Erstens wute ich's nicht genau, und
zweitens, ich mute in die Stadt. Den Ingenieur sprechen, der meine
Torflager verwerten will.

Mensch, sei ehrlich, wenn es Dir auch schwer fllt! Ihr habt Euch
brieflich verknaxt! Oder hat sie vielleicht das Geheimnis der jungen
Mamsell spitz gekriegt? Die auf Befehl Deiner Frau Mama pltzlich ihr
Kfferchen packen mute? Angeblich wegen eines ungehrigen
Techtelmechtels mit Eurem zweiten Inspektor?

Das ist ein trichtes Gerede ... absolut nichts dran! Der Inspektor
bernimmt zum Herbst da irgendwo weit hinten im Litauischen eine kleine
Pachtung. Dann heiratet er die Mamsell.

Karl von Gorski steckte sich lchelnd eine Zigarette an.

Weit hinten im Litauischen? Mein Kompliment an Deine verehrte Frau Mama
-- sie ist eine sehr kluge Dame! Und wenn Du mir nun noch erklren
wolltest, weshalb Du bei meiner harmlosen Frage vorhin rot geworden bist
wie ein beim Mogeln erwischter Sextaner?

Das hat blo so ausgesehen! Aber ich mchte bemerken: Was geht's Dich
an, wie ich mit Annemarie stehe? Bist Du vielleicht ihr Vormund?

Nee, aber ihr heigeliebter Cousin -- wenn wir uns auch manchmal
kabbeln. Und da sage ich Dir, mein Jungchen, wer so ein sauberes Mdel
kriegen will, hat gewisse Verpflichtungen! In bezug auf seinen
Lebenswandel. Wenn er schon nicht die gleiche Sauberkeit prstieren
kann, soll er wenigstens vorsichtiger sein. Sonst fngt die kleine
Annemieze an, ber Dich auch im allgemeinen nachzudenken, und eines
schnen Tags geht die ganze Sache aus dem Leim!

Der lange Herr von Brinckenwurff fuhr auf: Also, Karlchen, ich mu doch
sehr bitten!

Na, was denn? Was ich Dir sagen wollte, hast Du weg -- damit ist der
Fall fr mich erledigt! Im brigen aber knnten wir schon lngst Skat
spielen. Ausgang hat mir der Stabsarzt mit meiner verknaxten Hand
gestattet, aber um zehn Uhr mu ich in der Klappe liegen. Und die Zeit
geht hin wie Geld und Wind, mein schnes Kind.

Hans von Gorski, der Aeltere, reckte die Arme.

Und ich mu meinen Gefechtsesel besteigen, um elf Uhr zum erstenmal die
Brckenposten am Bahndamm revidieren. Es ist kein Vergngen. Neulich
htt' einer von den Kerls beinahe auf mich geschossen. Ein
Masurenjngling von der Infanterie, der die deutsche Parole natrlich
vergessen und in der Dunkelheit meine Uniform nicht erkannt hatte. Er
hatte den Sicherungsflgel umgedreht und die Knarre schon an der Backe.
Erst als ich ihn grblich auf polnisch anschrie, beruhigte er sich. Die
Kerls fangen auch schon an nervs zu werden.

Kein Wunder! Wir schlafen doch wenigstens ab und zu in der Nacht, aber
diese armen Fufantristen mssen von dem ewigen Nachtpostenstehen
allmhlich bldsinnig werden. Und eine Wut sammelt sich in ihnen an. Da
erzhlte doch neulich der Kollege Reuter von der Infanterie beim
Frhschoppen, er htte zugehrt, wie sich ein paar seiner Kerls auf dem
Schiestand unterhielten. Der eine sagte: 'Der erste Ru', wo ich
gefangen nehm', dem stch ich das Seitengewehr in die Kaldaunen!' Und
der andere meinte: 'Mnsch, das is nich genuch! Erst wrd' ich das Beest
eine ganze Weile lang piesacken und verdreschen, eh' ich ihm im Jenseits
befrder': Da, das is fier die schs Wochen, wo ich wegen Dir jede
zweite Nacht hab' auf Posten stehen mssen!' Also der Leutnant Reuter
sagte, er wre jedesmal froh, wenn eine Felddienstbung an der Grenze
ohne Zwischenfall vorber wre. Wenn drben die Russen reiten, kriegen
unsere Kerls immer dunkle Augen vor Zorn. Es braucht blo eine Flinte
loszugehen, und der Salat ist fertig!

Hans von Gorski atmete tief aus.

Gott gb' es! Die Schamrte steigt einem ja ins Gesicht, wie provokant
sich die Burschen da drben benehmen. Probemobilmachung nennen sie's,
wenn sie sich fertig machen, um jeden Augenblick losbrechen zu knnen.
Wir aber getrauen uns nicht mal, ein paar Regimenter mehr unter irgend
einem Vorwand an die Grenze zu legen. Damit knnten wir ja irgendwo
anstoen! Pfui Deuwel noch mal!

Ja, sagte Herr von Brinckenwurff. Die Herren in Berlin haben gut
reden! _Ihre_ Saaten werden nicht zerstampft, und _ihre_ Scheunen brennen
nicht, wenn unsere Handvoll Soldaten hier an der Grenze im ersten
Ansturm ber den Haufen gerannt wird. Und den Kerl im Generalstab, der
das erfunden hat, da Ostpreuen im Kriegsfall bis zum Seendefilee
preisgegeben werden soll, den mcht' ich mal unter vier Augen sprechen!

Hans von Gorski protestierte entrstet. Bet'st Du auch das trichte
Gerede nach? Kein Mensch hat die Absicht, auch nur einen Zollbreit
aufzugeben, und am zweiten Mobilmachungstag haben wir hier so viel
Flinten an der Grenze, da an ein Ueberschwemmen mit Reitergeschwadern
nicht mehr zu denken ist!

Der jngere Bruder stie einen komischen Seufzer aus.

Na, Kinder, dann wren wir ja wieder mal bei dem alleinseligmachenden
Gesprchsstoff! Ich bin auch sehr fr den Krieg. Ihr beide bleibt auf
dem Felde der Ehre, ich kehre als lorbeergeschmckter Sieger nach Hause
zurck. Erb' das Majorat und heirate die Annemarie.

Fatzke, sagte der Aeltere lachend. Aber wollen wirklich noch 'ne
Weile Skat spielen, was wir hier reden, ist fr die Katz. Wir ndern
doch nichts an der Sache!

Karl von Gorski griff nach der von der Lampe herabhngenden
Klingelschnur, die Ordonnanz erschien in der Tr.

Ein noch leidlich erhaltenes Spiel Karten, einen Skatblock und einen
frisch gespitzten Bleistift!

Sehr wohl, Herr Leutnant. Aber es ist ein fremder Herr in Zivil
drauen, der eben ablegt. Den Namen hab' ich nich verstanden ... er
klang so franzs'sch.

Etwa Baron Foucar von Kerdesac?

So hnlich, Herr Leutnant!

Ei weh, sagte Hans, unser neuer Schwadronschef. Ich lasse natrlich
bitten.

Einen Augenblick noch, rief Karl von Gorski, beeilen Sie sich nicht
so sehr mit dem Reinfhren! Er sprang an den Bcherschrank, kehrte mit
einer Generalstabskarte zurck und breitete sie auf dem Tische aus. Du
willst mal Feldherr werden, Hans, und ermangelst der bei
Ueberraschungen so notwendigen Geistesgegenwart? Welcher Moment wre
wohl geeigneter als der erste, um sich bei einem neuen Vorgesetzten ins
rechte Licht zu setzen?

So sprach er mit bertriebenem Pathos, wartete ab, bis der Rittmeister
von Foucar in der offenen Tr erschien und deutete dann mit dem
Zeigefinger auf irgend eine Stelle der Karte: Also das, mein lieber
Brinckenwurff, sind die Mondezer Berge! Ein Infanterieregiment, das sich
auf ihnen einbuddelt, ist einfach unangreifbar. Und wenn wir dann, mit
zwei Schwadronen blo, den bsen Feind in der Flanke fassen -- -- --

Hans von Gorski empfing den Eintretenden und besorgte die Vorstellung.
Herr von Foucar schttelte den dreien die Hand und deutete lchelnd auf
die ausgebreitete Karte.

So fleiig, meine Herren?

Karl von Gorski machte ein mglichst treuherziges Gesicht.

Gott, Herr Rittmeister, was soll man anfangen, wenn man notgedrungen
dem Dienst fernbleiben mu? Man strebt und bildet sich.

Sie haben eine Verletzung am Arm? Doch hoffentlich nichts Ernstliches?

Nur eine leichte Verstauchung des Handgelenks. Als ich vor einigen
Nchten ein Drahthindernis berklettern mute, sauste ich kopfber in
einen Graben. Sptestens bermorgen hoffe ich schon wieder Dienst tun zu
knnen.

Charmant! Im Hotel schon hatte ich gehrt, da ich nur wenige Herren im
Kasino treffen wrde, weil das Regiment auf Nachtfelddienstbung wre.
Ich freue mich, da es gerade zwei Herren von meiner zuknftigen
Schwadron sind.

Ganz auf unserer Seite natrlich, Herr Rittmeister.

Gaston fuhr lchelnd fort: Und da Sie so strebsam sind! Ich entsinne
mich aus meiner jngsten Leutnantszeit: Wenn wir in Karlsburg auf der
Hauptwache den Wrfelbecher schwangen, hatten wir auch stets eine
Generalstabskarte unter dem Tableau der lustigen Sieben. Wenn der hohe
Vorgesetzte kam, verschwand das Tableau, und wir bten mit Eifer
Kriegsspiel.

Der jngere Gorski blinzelte seinen neuen Schwadronschef dreist und
gottesfrchtig an.

Merkwrdig, Herr Rittmeister, wie gewisse Unsitten im Leutnantsstande
durch das ganze Vaterland verbreitet sind. Ich frchte aber, sie werden
sich nicht ausrotten lassen. Solange es nmlich Vorgesetzte gibt, die
den Schwindel noch nicht kennen.

Gaston mute unwillkrlich auflachen. Der kleine Frechdachs da mit den
groen Ohren gefiel ihm. Das war einer von den preuischen Leutnants,
die sich eine Zigarette ansteckten und ihre Kerls mit einem Witz
anfeuerten, wenn es galt, gegen eine feindliche Batterie anzureiten.

Na dann, sagte er, wollen wir diesen kleinen Reinfall mit einer
Flasche Sekt begren! Darf ich mir gestatten, meine Herren?

Gehorsamst abgelehnt, Herr Rittmeister! Heute sind Sie _unser_ Gast.
Morgen aber, nach offizieller Uebernahme des Kommandos, haben wir nichts
dagegen, wenn Herr Rittmeister sich fter mal in dem eben erwhnten
Sinne uern wollten.

Na, meinetwegen.

Die Ordonnanz schenkte ein, Gaston hob sein Glas.

Also prosit, meine Herren! Auf gute Kameradschaft!

Er war von seltsam guter Laune. In der neuen Umgebung hatte er seine
Sorgen und Kmmernisse vergessen. Eine nervse Spannung lebte in ihm,
als knnte jeder Augenblick den heiersehnten Umschwung bringen. Hier an
der Grenze roch es frmlich nach Krieg.

Hinter dem Hotel, in dem er abgestiegen war, dehnte sich freies Feld. Da
kampierte in schmalen, mit Leinenplanen berspannten Korbwagen eine
seltsame Gesellschaft, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die
Mnner in langen, bis auf die Schaftstiefel reichenden Kaftanen,
Ringellckchen zu beiden Seiten der scharfgeschnittenen Gesichter. Die
Frauen in grellfarbigen Gewndern, falsche Scheitel auf dem Kopf. Auf
seine Frage hatte ihm der gesprchige Oberkellner die Auskunft gegeben:
Russische Juden, Herr Rittmeister. Und wie die in Scharen gekommen
sind, hab' ich auch angefangen, an den Krieg zu glauben. Die Ratzen
verlassen das Schiff. Sie haben nmlich eine scharfe Witterung,
irgendwas is da drben los. Da reien sie aus, stehlen sich heimlich
ber die Grenz' und versammeln sich hier zum Auswandern nach Amerika.
Nmlich, wenn in Ruland was passiert, werden hinterher immer ein paar
tausend arme Juden totgeschlagen. Attentat auf einen Minister: Pogrom!
Mobilmachung: Pogrom! Sie knnen nichts dafr, aber es wird Pogrom
gemacht!

Was ist das, 'Pogrom'? hatte er gefragt.

Na, so 'ne Art von russischem Volksfest. Seit einigen Jahren haben
sie's schon eingefhrt. Man plndert die Lden, schndet die Mdchen und
schiet die mnnlichen Juden tot. Hinterher kommt eine lahme
Untersuchung. Keiner von den Zeugen hat 'was gesehen, und die paar
Juden, die noch am Leben geblieben sind, denen wird nicht geglaubt.
Schreckliche Sachen erzhlen diese armen Menschen! Und jetzt wissen sie
ganz genau, was los ist, denn sie haben ihre Verbindungen. Da hab' ich
meine paar Krten auch locker gemacht auf der Sparkass'. Wenn die Russen
uns hier berfluten, wie es neulich in der Zeitung gestanden hat, rutsch
ich ab -- dritter Klass' nach Knigsberg!

Da hatte Gaston unwillkrlich auflachen mssen: Sehr richtig, Herr
Oberkellner, das bessere Teil der Tapferkeit ist Vorsicht! Zugleich
aber war ihm selbst leichter ums Herz geworden, in kurzer Frist hatte
wohl alle Not ein Ende. Er sprengte mit seiner Schwadron vorwrts an den
Feind, die Kugeln schwirrten und pfiffen. Eine davon traf, man scho
kopfber aus dem Sattel. Vorbei war alles. Die Reue um das verpfuschte
Leben und das neue Gefhl, das heute in ihm aufgestiegen war. Ein
schmerzlich-ses Gefhl. Wie herrlich vielleicht alles htte werden
knnen, wenn ... ja, wenn diese letzten Tage nicht gewesen wren!

Die drei Herren im Kasino hatten ihm Bescheid getan, nach der ersten
lustigen Begrung rann das Gesprch nur sprlich dahin. Gaston
beantwortete die blichen Fragen, wie ihm das Stdtchen gefallen htte,
und ob er sich hier nicht wie in der Verbannung vorkommen wrde. Wobei
der jngere Gorski die verblffende Behauptung aufstellte, es wre gar
nicht so schlimm. Das kleine Nest Ordensburg bese nmlich eine groe
Aehnlichkeit mit Nizza. Und als die anderen verwundert aufblickten, gab
er lchelnd die Erklrung: Na ja, sehr einfach. Wenn man sich in der
Stadt langweilt, fhrt man in die schne Umgebung. Dort nach Monte
Carlo, hier bei uns auf eins der Gter in der Nachbarschaft. Da ist es
dann amsanter.

Die Herren lachten, Gaston entsann sich infolge einer naheliegenden
Ideenverbindung, da er ein Fundstck bei sich trug, das er nicht
persnlich abzugeben gedachte. Fr ihn und die Verliererin war es
besser, wenn sie sich nach der ersten Begegnung nicht wiedersahen.

Er griff in die Tasche.

Kommt einer von Ihnen, meine Herren, vielleicht in den nchsten Tagen
nach dem Gute Kalinzinnen?

Ich, sagte der lange Herr von Brinckenwurff. Ich reite schon morgen
frh hinber. Heute abend konnte ich zu meinem Bedauern nicht an der
Bahn sein.

Gaston blickte auf. Das also war der Hermann, von dem am Nachmittag
zwischen Vater und Tochter die Rede gewesen war. Wie eine Warnung hatte
der alte Herr den Namen ausgesprochen. Eine Warnung fr sie beide, die
gleich in der ersten Stunde vertraut geworden waren ... Der alte Herr
hatte ganz recht, das mute ein Ende haben, noch ehe es eigentlich einen
Anfang genommen hatte. Er atmete auf und legte die goldene
Zigarettendose auf den Tisch.

Das da hat Frulein von Gorski im Coup liegen lassen. Wenn Sie also
die Liebenswrdigkeit haben wollten, es ihr morgen wieder zuzustellen,
Herr ... pardon, aber vorhin bei der Vorstellung habe ich Ihren
Namen ...

Brinckenwurff, fiel der Lange ein, klappte die Hacken zusammen,
Leutnant der Reserve im Regiment. Und Hans von Gorski fgte erklrend
hinzu: _Hermann_ von Brinckenwurff! Zum Unterschied von seinem jngeren,
aber noch lngeren Bruder Adolf. Der ist bei uns im Regiment aktiv, bei
der zweiten Schwadron.

Karl von Gorski aber machte groe Augen und sah seinen neuen
Vorgesetzten mitrauisch an. Wie ein Fchslein, das eine Fhrte
witterte, ber deren Bedeutung es sich nicht recht klar war.

Herr Rittmeister sind mit meinem Kalinzinner Onkel und seiner Tochter
zusammen von Knigsberg gekommen?

Ja! Wir haben uns unterwegs recht nett unterhalten.

Und meine Cousine Annemarie hat die Tasche da, die sie sonst wie ein
Kleinod htet, aus Versehen liegen lassen?

Es scheint wohl so. Nach ihrem Aussteigen hab' ich sie gefunden. Und da
ich annehme, der Verlust wird ihr recht unangenehm sein, mchte ich
nicht, da sie sich lnger als ntig ...

Er brach ab, er hatte den geheimen Sinn der Frage verstanden. Vom Herzen
stieg es ihm hei in die Wangen empor. Absichtlich hatte das liebe Mdel
die kostbare Tasche liegen lassen, um ihm den triftigen Vorwand zu
baldigem Besuche zu geben. Er schlug die Gelegenheit aus, und sie mute
sich natrlich gekrnkt fhlen. Aber es war recht so ... Ein Pflnzlein,
das eben erst im Aufkeimen war, ri man leichter aus, als wenn es schon
seine Wurzeln tief ins Erdreich gesenkt hatte.

Karl von Gorski sah den Langen mit einem ironischen Lcheln an: Mensch,
Hermann, hast Du einen Dusel! Was wird die Annemieze sich freuen, da Du
gerade ihr das kostbare Doschen zurckbringst! Wo sie wahrscheinlich
schon gemeint hat, es wr' fr immer perdh gewesen.

Die Flasche war getrunken, die Herren rsteten sich zum Aufbruch.
Hermann von Brinckenwurff bestieg sein Fuhrwerk, der ltere Gorski lie
den Gaul vorfhren zum Inspizierungsritt den Bahndamm entlang, wo an
jeder kleinen Brcke die wachsamen Posten standen. Der jngere geleitete
den neuen Rittmeister nach seinem Hotel. Er hatte zu seiner Wohnung in
der Nhe des Bahnhofs den gleichen Weg. Und whrend sie im Halbdunkel
dahingingen unter den dichtbelaubten Linden der sogenannten
Bahnhofspromenade, die nur in Abstnden von hundert Schritten von einer
kmmerlichen Gaslaterne erhellt wurde, fhlte er das Bedrfnis, seinen
neuen Vorgesetzten angenehm zu unterhalten. Des guten Eindrucks halber.

Haben Herr Rittmeister die Berliner Morgenbltter gelesen?

Gewi doch. Schon heute mittag in Knigsberg.

Da fat man sich doch an den Kopf: htte der Mensch nicht so viel
Contenance haben mssen, sich anders aus der Welt zu schaffen, als mit
so einem Klimbim und Trara?

Entschuldigen Sie, ich wei nicht, wovon Sie sprechen!

Na, von dem Landsberger Husaren, der sich da vor einer Villa im
Grunewald erschossen hat. In der Zeitung standen nur die
Anfangsbuchstaben der Namen.

Gaston blieb stehen. Eine eiskalte Hand griff ihm ums Herz.

von Wodersen? sagte er heiser.

Karl von Gorski blickte auf.

Herr Rittmeister kennen den armen Kerl?

Er war mit mir noch vorgestern ... und er verbesserte sich schnell:
Das heit, da es gerade Herr von Wodersen sein soll, ist nur eine
Vermutung natrlich. Weil es der einzige Landsberger Husar ist, den ich
kenne. Damit ist durchaus nicht gesagt ...

Aber es wird schon stimmen. In der Zeitung stand, er wre in total
gebrochenem Zustande von einem Diener aus der Villa des bekannten
Sportmanns R. gefhrt worden. Das sieht doch aus, als htte sich da
vorher irgend eine Tragdie abgespielt.

Gaston hatte seine Haltung wiedergewonnen. Er zuckte mit den Achseln.

Vielleicht! Vielleicht war es aber auch eine ganz prosaische
Veranlassung. Die Herren, die alle Woche ein paarmal in den Sattel
steigen, lassen sich zuweilen auf Geschfte ein, die ihnen ber den Kopf
wachsen. Wenn es keine Lsung im guten gibt, greifen sie zu dem letzten,
verzweifelten Mittel.

Hab' ich vorhin im Kasino auch gesagt. Na, gute Nacht, Herr
Rittmeister, ich mu um die Erlaubnis bitten, mich jetzt empfehlen zu
drfen. Hier, rechts ab geht's in mein kmmerliches Junggesellenheim.

Gute Nacht, Herr von Gorski, und auf Wiedersehen morgen.

Gaston ging allein weiter. Nur ein paar hundert Schritte trennten ihn
von seinem Hotel, aber die Fe versagten ihm den Dienst, er mute
stehen bleiben und sich auf das Gelnder eines Vorgartens sttzen. Die
Fenster im untersten Stockwerk des Hotels waren hell erleuchtet, Musik
klang herber. Richtig, er hatte ja vorhin die grellen Plakate gelesen.
Eine Damenkapelle konzertierte im groen Saal auf der Durchreise nach
Ruland ...

Er konnte keinen klaren Gedanken fassen, nur ein dumpfes Gefhl war in
seiner Brust, sein Schicksal ging weiter. Auch ohne da er selbst dabei
war ... seine Schuld nur war dort zurckgeblieben, trieb einen
Unglckseligen in den Tod. Wie er's auch drehen und wenden mochte, er
war daran schuld. Weil er im entscheidenden Augenblicke nicht den Mut
zur Wahrheit gefunden hatte, als er mit der Frau allein gewesen war. Und
aus der ersten Lge sprang die zweite. Der arme Teufel da mit dem Loch
in der Schlfe konnte jetzt noch leben, wenn er ihm einen anderen
Bescheid htte geben knnen. Lieber Wodersen, ich denke ja nicht daran!
Heute reise ich noch ab, die Frau, die sich in einem gewissen
Ueberschwang an mich geklammert hat, wird sich zu trsten wissen. Sie
haben sowieso ja nicht die Bedenken, mit denen ich mich trage, also
bitte, der Weg ist frei. Vielleicht zieht es sich zwischen Euch beiden
zurecht. Statt dessen hatte er dem Aermsten die letzte Hoffnung
genommen, und als sich dem das bichen Rest von Vernunft verwirrte, die
Hand gegen ihn gehoben. Und warum nur in aller Welt, warum? Um ein
Nichts, um die Laune eines berspannten Frauenzimmers, das sich just an
ihn gehngt hatte. Grauenhaft war das. Und ein Gefhl des Abscheus
ballte sich in ihm, erfllte ihn ganz und gar.

In dem Vestibl des Hotels stie er auf den dicken Herrn von Lindemann,
der sich gerade seinen weien Staubmantel anzog.

Eben wollte ich Sie im Kasino aufsuchen, sagte der, weil ich von dem
Oberkellner gehrt hatte, Sie wren dorthin gegangen. Hier nmlich der
Kunstgenu ist nur mig. Vom musikalischen Standpunkt aus und vom
patriotischen. Sie spielen wie Dorfmusikanten, die kleinen Frauenzimmer,
und morgen fahren sie ber die Grenze. Zu den Russen nach Grajewo, den
Herren Offizieren das Lagerleben zu versen. Da mu man es doch mit dem
Zorn kriegen, da deutsche Mdels sich so weit erniedrigen. Er
unterbrach sich und sah den andern besorgt an: Aber was ist das mit
Ihnen, Herr von Foucar? Ist Ihnen nicht gut? Sie sehen ja aus im Gesicht
wie eine wandelnde Leiche.

Gaston nahm sich mhsam zusammen.

Mir ist in der Tat nicht ganz extra, und ich mchte am liebsten zu Bett
gehen.

Herr von Lindemann fate ihn unter den Arm.

Unsinn, Sie haben sich auf der Reise eine kleine Erkltung geholt --
das mu man 'runtersplen! Mit einem alten guten Burgunder. Und den
gibt's hier in der Nhe, also los!

Da ging er mit, war eigentlich froh, da er fr ein paar Stunden
Anschlu fand. Und eine Ablenkung von seinen zehrenden Gedanken.

Sie gingen die dunkle Bahnhofspromenade entlang, dem Marktplatze zu. Der
dicke Herr von Lindemann erzhlte, er htte das Konzertlokal noch aus
einem anderen Grunde verlassen. Weil dort der Gutsbesitzer Heidereuter
gesessen htte mit dem polnischen Kufer von Sucholasken. Um den Verrat
an der vaterlndischen Sache mit einer Flasche Sekt zu begieen. Ganz
schamlos in aller Oeffentlichkeit. Da wre ihm die Galle bergelaufen.

Gaston hrte zerstreut zu, seine Gedanken waren ganz wo anders ... bei
einem, der mit durchschossener Schlfe irgendwo auf einem Schragen lag,
in einem Schauhause.

Sie standen vor einem niedrigen Hause am Marktplatze. Die Fensterlden
waren geschlossen. Herr von Lindemann hieb krftig mit der Krcke seines
derben Eichenstockes dagegen: Holla, Zapietznick, aufgemacht.

Schlrfende Schritte nherten sich der Tr, ein Schlssel kreischte in
eingerostetem Schlosse. Ein Kerl mit lang herabhngendem Schnurrbart
streckte das breitknochige Gesicht durch den Spalt: Ach Sie sind es,
Cherr Baron? Dann, biete einzutretten!

Herr von Lindemann ging voran, fhrte seinen Begleiter in ein
verruchertes Kneipzimmer, das mit einem gewissen ordinren Luxus
ausgestattet war. Imitierte Holztfelung an den Wnden, Makartbuketts
in den Ecken und Krge aller Art und Gre auf dem langen Paneel.
Darber Lithographien von Kosziusko und dem Krakauer Hgel, eine
allegorische Darstellung der Warschauer Legion, die einstmals geschworen
hatte, nur mit Bajonetten anzugreifen. Darber der weie Adler Polens.

Sie nahmen in einer Ecke Platz, am entgegengesetzten Ende des Lokals
saen mehrere Polnisch sprechende junge Leute und tranken Sekt mit den
beiden Kellnerinnen.

Eine von ihnen stand auf, kam lssig nher.

=Co pan sobie zyczy?=

Herr von Lindemann lachte.

Sprich Deutsch, mein geliebter Goldfasan, Du kannst es ebenso gut wie
ich. Eine Flasche Fnfundneunziger Chambertin mchte ich, von der Sorte,
die ich immer trinke.

=Tak, tak=, sagte das junge Mdchen und gab die Bestellung dem Wirte
weiter. Gaston von Foucar sah sich befremdet um, der Dicke aber
schmunzelte.

Da kriegen Sie einen Begriff, mein Verehrtester, was wir uns in unserer
unsglichen Gutmtigkeit gefallen lassen. Das hier ist nmlich das
Hauptquartier der Polen diesseits und jenseits der Grenze. Wie oft,
glauben Sie, ist hier wohl das Deutsche Reich zertrmmert und das
gropolnische Vaterland errichtet worden? Fr jedes Mal einen Taler, und
ich wre ein reicher Mann! Aber ich gehe sehr gerne hierher, denn es hat
den Anschein, als wenn das Geschft des Verschwrens nur bei besonders
guten Weinen gedeiht. Blaubeersaft und saurer Mosel tten die
Begeisterung. Ein feuriger Burgunder aber ... ah, Bruderherz! ...

Herr von Lindemann hob das blinkende Glas gegen das Licht: Na prost,
Rittmeister, und jetzt reden Sie endlich auch einen Ton! Wie hat Ihnen
das reizende Frulein von Gorski gefallen? Ist das nicht ein ganz
herrlicher Mensch?

Gaston fhlte einen schmerzhaften Stich im Herzen. Die Lobpreisung hier
erinnerte ihn an einen Tag, da ein anderer hnlich geschwrmt hatte.
Einer, der jetzt mit durchschossener Schlfe irgendwo hinter einer
Glasscheibe liegen mochte, bis seine Angehrigen ihn abholten.

Frulein von Gorski? wiederholte er. Sehr nett hat sie mir gefallen!
Soweit ich mir aus den paar Worten, die wir miteinander gesprochen
haben, ein Urteil erlauben darf. Ein bichen zu einfach vielleicht fr
verwhnte Ansprche, aber sie macht, was man so einen sympathischen
Eindruck nennt. So sprach er mit wohlerwogener Zurckhaltung, der Dicke
aber sah ihn ganz erstaunt an.

Mehr nich? Mannchen, dann haben Sie sich das Mdel nicht richtig
angesehen! Also ich sage Ihnen, das ist ... also kein Wort ist gut
genug, um auszudrcken, was fr ein herrliches Mdel das ist! Innerlich
und uerlich! Ich kann das beurteilen, denn sie ist unter meinen Augen
aufgewachsen, ich bin so eine Art von Onkel in Kalinzinnen. Also ich
sage Ihnen, Herr, der Mann ist selig zu preisen, in dessen Arm sie
einmal, gewhrend, das liebe Gesichtchen nach hinten neigt.

Gaston lachte heiser auf.

Sie sprechen ja wie ein Verliebter, Herr von Lindemann!

Bin ich auch! Rettungslos und hoffnungslos. Das letztere wegen
bergroer Dicke und mangelnder Krperlnge. Sonst nmlich -- ah,
Bruderchen -- ja sonst wrde ich doch nicht ruhig zusehen, wie dieses
herrliche Geschpfe an einen fllt, der die Himmelsgabe anscheinend
nicht nach ihrem vollen Werte einschtzt.

Frulein von Gorski scheint demnach verlobt zu sein? warf Gaston ein.
Er mute sich zusammennehmen, um seiner Stimme einen mglichst
harmlosen Klang zu verleihen.

Verlobt? Na, noch nicht ganz, aber immerhin so gut wie! An Kalinzinnen
grenzt Orlowen, im Besitz der Familie von Brinckenwurff ... schon seit
ein paar hundert Jahren. Mit das Aelteste, was wir hier haben, rein
gezchteter ostpreuischer Schlag. Aber mehr nach der Krperlnge hin,
oben weniger. Dem alten Herrn von Gorski war ein mnnlicher Erbe
versagt, also was lag nher, als die beiden Kinder diesseits und
jenseits der Gutsgrenze zu einer Vereinigung zu erziehen? Kalinzinnen
und Orlowen zusammen, das war ein Wort, das landwirtschaftlich
empfindende Herzen in heller Begeisterung aufflammen lassen mute.
Zwlftausend Morgen, zum Teil prima Weizenboden. Ich gnn' sie dem
Hermann Brinckenwurff. Er ist in seiner Art ja auch ein ganz braver
Kerl, nur ein bichen zu pomadig. Und er soll sich beeilen, die kleine
Annemarie Gorski endgltig festzulegen. Ehe sie klare Augen kriegt und
sieht, da ihr Zuknftiger nur so eine Durchschnittsangelegenheit ist.
Oder ehe ihr ein anderer besser gefllt. In dem Mdel steckt nmlich ein
kleiner romantischer Zug, von ihrer Mutter her ... Na prost, Herr von
Foucar! Der Burgunder scheint Ihnen gut zu tun. Sie haben ordentlich
wieder Farbe gekriegt.

Gaston leerte das Glas, aber es war nicht so sehr das feurige Getrnk,
das sein Blut rascher durch die Adern trieb. Er bestellte eine neue
Flasche, denn ihm bangte davor, der Dicke da drben knnte vorzeitig
aufbrechen, oder mit seinen Mitteilungen aufhren. Aber die Befrchtung
war grundlos. Herr von Lindemann beugte sich vertraulich ber den Tisch
und dmpfte seine laute Stimme.

Nmlich, da mchte ich Ihnen einen Tip geben, wenn Sie nchstens in
Kalinzinnen Besuch machen.

Ich wei heute noch nicht, ob ich berhaupt dazu kommen werde, Verkehr
in der Nachbarschaft zu suchen.

Aber, Mannchen, Sie _mssen_ einfach! Sie knnen sich doch nicht allein
im ganzen Regiment ausschlieen. Und passen Sie mal auf, wie gemtlich
wir's hier im Herbst haben, wenn die Jagden anfangen. Und nachher im
Winter -- da mssen Sie die Tanzstiebel jede Woche dreimal anziehen! Ja
also, wenn Sie nach Kalinzinnen kommen, erkundigen Sie sich nicht nach
Frulein von Gorskis Mutter!

Wieso nicht? Ist sie gestorben?

Nee, aber geschieden. Die Sache ist schon fast zwanzig Jahre her, im
Gedchtnis der Zeitgenossen halb vergessen. Nur einer denkt noch daran,
der arme Kerl von Gorski. Daher stammt sein weier Kopf. Sonst ... er
ist nicht viel lter als ich, so um die Mitte der Fnfzig. Er hat die
Frau wahnsinnig geliebt. Sie aber ... Da verkehrte in der hiesigen
Gesellschaft ein russischer Dragoneroffizier. Ein Baron Totberg. Wegen
bler Streiche von der Petersburger Garde an die Grenze versetzt. Im
brigen aber einer jener Kerle, auf die die Frauenzimmer fliegen. Ein
Blender. Aber danach geht's ja nicht in solchen Fllen. Elegant, hbsch,
ein glnzender Erzhler, dazu von einem gewissen romantischen Nimbus
umwittert. Man munkelte von einer sehr hochstehenden jungen Dame in
Petersburg, sie htte seinetwegen den Schleier genommen. In dem kleinen
Drecknest Grajewo drben langweilte er sich natrlich zum Sterben, da
suchte er hier Anschlu. Das war damals nichts Ungewhnliches, da
bildete die Grenze kein Hindernis fr den gesellschaftlichen Verkehr.

Na also, um die Sache kurz zu machen, eines Tages hatte der damalige
Premierlieutenant von Gorski den unumstlichen Beweis, da der Baron
Totberg -- na sagen wir mal -- nicht blo wegen der guten Weine in
seinem Hause verkehrte. Am nchsten Morgen schossen sie sich. Mein
Nachbar Uhlenburg, der als Unparteiischer fungierte, erzhlte nachher,
es wre die tollste Sache gewesen, die er je mitgemacht htte. Dreimal
baute sich der Baron seinem Gegner als Scheibe auf, lie ihm den ersten
Schu. Und dann schickte er ihm jedesmal die Kugel haarscharf am Kopf
vorbei. Herr von Gorski aber stand mit seiner massiven Gestalt da wie
ein wtender Stier, vor Zorn flatterte ihm die sonst sichere Hand. Beim
vierten Mal traf er. Blattschu ...

Der Baron Totberg ging koppheister, Herr von Gorski aber schmi die
abgeschossene Pistole ins Gras und sich selbst dazu. Schlug die Hnde
vors Gesicht und weinte wie ein kleines Kind. Die dabei herumstanden,
sagten nachher, es wre schrecklich gewesen. Aber sie fhlten mit dem am
Leben Gebliebenen mehr Mitleid als mit dem Toten. Der hatte alles aus
dem Kopf, aber der andere hatte einen Geier, der ihm tglich an der
Leber fra. Er hatte seine Frau bermenschlich geliebt. Man konnte es
begreifen, denn sie war ber die Maen schn. So eine schwle Schnheit,
wissen Sie. Man sprte in ihrer Gegenwart unwillkrlich ein verrcktes
Verlangen ... ich war auch verliebt wie ein Stint, als der Herr von
Gorski sie hier anbrachte. Er hatte sie in Berlin kennen gelernt, wie er
als junger Offizier dorthin ein Kommando hatte. Ich glaube, auf einem
Ball in der sterreichischen Botschaft hat er sie kennen gelernt. Sie
stammte nmlich da irgendwoher aus einem der sterreichischen
Kronlnder, aus Ungarn oder Bhmen. Wie ein auslndischer bunter Vogel
wirkte sie hier auf unsere, ein bichen spieige Gesellschaft. Na, sie
ist ja auch rasch genug wieder fortgeflogen, und der liebe kleine Kerl,
die Annemarie, hat anscheinend nicht allzu viel von ihr bergeerbt.

Gaston hatte in atemloser Spannung zugehrt. Ein verrckter Gedanke
bohrte sich ihm ins Gehirn.

Wo ist nachher die geschiedene Frau von Gorski geblieben?

Herr von Lindemann nahm einen bedchtigen Schluck.

In ihre Heimat zurckgegangen. Mit reichlicher Untersttzung ihres
gewesenen Mannes -- er soll mehr als anstndig fr sie gesorgt haben. Ob
sie aber gestorben ist oder noch lebt, wei er blo allein. Ich kann's
mir wenigstens vorstellen, da er ihr Schicksal verfolgt hat. Er kann's
ja noch heute nicht verwinden, berladet sich mit Arbeit. Wissen Sie,
andere in so einem Falle kriegen es mit dem Besaufen. Er 'bearbeitet'
sich ... vielleicht wirkt das auch wie ein Narkotikum. Jedenfalls -- und
damit kehre ich zu dem Ausgangspunkt meiner lnglichen Erzhlung zurck
-- Annemarie wei es nicht anders, als da ihre Mutter gestorben ist.
Deshalb erlaubte ich mir vorhin den kleinen Ratschlag. Um Ihnen und dem
alten Herrn eine peinliche Minute zu ersparen.

Verbindlichsten Dank, Herr von Lindemann, und wenn ich fragen darf, wie
alt ist Frulein von Gorski?

Der Dicke lachte behaglich auf.

Na, das ist eigentlich eine recht ungalante Frage. Aber, da Sie ja
nicht beabsichtigen, dem guten Hermann Brinckenwurff Konkurrenz zu
machen ... also, sie sieht jnger aus, als sie ist. Im August wird sie
einundzwanzig. Die Hellblonden, wenn sie gesund sind, sehen in dem Alter
immer noch aus wie achtzehn. Jedenfalls hat sie sich vorbehalten, die
Entscheidung ber die Vereinigung von Kalinzinnen und Orlowen erst an
dem Tage ihrer Mndigkeit zu treffen, und der prsumtive Brutigam mute
sich fgen. Ich an seiner Stelle htte es nicht getan, aber ihm scheint
es nicht allzu schwer gefallen zu sein. Das heit, auf seine Art liebt
er das Frulein von Gorski recht herzlich. Aber er sieht keine besondere
Gnade darin, da sie sich zu ihm neigt. Inzwischen aber lebt er ein
bichen unvorsichtig, stiebelt der jeweiligen Gutsmamsell nach. Sobald
seine kluge alte Dame es merkt, schafft sie die Person fort mit
angemessener Versorgung -- Geld spielt ja keine Rolle. Aber er soll
sich in acht nehmen, da Annemarie nicht dahinterkommt. Wie ich sie
kenne, versteht sie in diesen Dingen keinen Spa ... na prost, lieber
Rittmeister!

Prost, Herr von Lindemann.

Gaston tat reichlich Bescheid. Vorhin, als der Dicke da drben
Annemaries Alter nannte, hatte er sich mit einem Erleichterungsseufzer
den Schwei von der Stirn gewischt, den ein jh aufgesprungener Gedanke
ihm aus allen Poren getrieben hatte. Gott sei Dank, es stimmte nicht.
Die andere in Berlin war um sechs, sieben Jahre lter. Sonst,
wahrhaftig, es wre zum Verrcktwerden gewesen. Und in dem Gefhl der
Erleichterung lachte er auf.

Wenn Herrn von Brinckenwurffs Mutter so gescheit ist, weshalb engagiert
sie da fr ihr Gut nicht zur Abwechslung mal eine alte Mamsell?

Herr von Lindemann steckte sich eine neue Zigarre an.

Das knnen Sie als Nichteingeborner nicht beurteilen, Herr von Foucar.
Das Institut unserer Mamsells ist von besonderer Art. Alte gibt's keine,
sie heiraten meistenteils recht frh. Nach einem romantischen
Liebesfrhling mit dem jungen Herrn von Stande steuern sie in einen
brgerlichen Sommer mit reichlicher Versorgung. Aber, um von diesen
Frauenzimmergeschichten endlich auf Wichtigeres zu kommen: Was bringen
Sie, mein lieber Rittmeister, aus Berlin nun mit in den Falten Ihrer
Toga? Krieg oder Frieden?

Gaston hob sein Glas.

Wenn es nach mir ginge, Krieg. Ich begehe keinen Vertrauensbruch, wenn
ich im vertrauten Kreise wiedererzhle, was mir mein Abteilungschef zum
Abschied gesagt hat, wir sollten hier an der Grenze noch schrfer
aufpassen als bisher. Aber das kann sich in kurzer Zeit wieder ndern.
Heute sieht der politische Horizont schwarz aus vor drohenden Wolken,
morgen lacht wieder die liebe Sonne.

Der dicke Herr von Lindemann nahm einen bedchtigen Schluck, in sein
rundes Gesicht trat ein fast feierlicher Ernst.

Mein lieber Herr von Foucar -- soweit ich mir auf Grund persnlicher
Beobachtungen und nach einigem Denken mit leidlich gesundem
Menschenverstand einen Vers mache, liegt die Sache so: die diesjhrige
Ernte werden wir noch in Frieden hereinbringen. Die Wintersaat frs
nchste Jahr lohnt sich nicht mehr, da brennen hier die Huser, und auf
den Feldern reiten die Kosakenhorden. Dann sind sie fertig rechts und
links. Im nchsten Frhjahr, hoffen sie, sind sie strker als wir. Dann
geht's los ohne Erbarmen. Die letzte groe Abrechnung vielleicht, die
auf europischem Boden stattfindet. Fr zwei von den Komparenten geht's
dabei um die Wurst. Der dritte im Osten bleibt unberhrt, wie es auch
ausgeht. Nachlaufen in seine Steppen knnen wir ihm nicht ... er ist wie
ein Tier niederer Ordnung, das vergngt weiterlebt, wenn hher
organisierte unter gleichen Bedingungen lngst schon verendet wren.

Und wir tuschen uns, wenn wir glauben, da der Kolo mit den
sogenannten tnernen Fen sich nur langsam in Bewegung setzt. Ich habe
ziemlich genaue Nachrichten, dicht hinter unserer Ostgrenze steht eine
schlagfertige Armee. Der Wirt der sogenannten Waldschenke an den
Schiestnden im Beldahner Walde -- Sie werden ihn ja auch kennen lernen
-- ist meine Quelle. Er sieht aus, als knnte er nicht bis drei zhlen,
aber das ist 'Falle', wie die Berliner sagen. In Wirklichkeit ist er
einer unserer intelligentesten Spione und, weil er mit mir mal hier in
Ordensburg auf der Quinta die gleiche Schulbank gedrckt hat, hlt er
mit seinen Wissenschaften vor mir nicht hinterm Berge, wenn ich manchmal
bei ihm ein Glas Bier trinke. Vielleicht auch, weil er wei, da ich
luftdicht bin natrlich ... Also er ist ein Sprachengenie, spricht
smtliche polnischen und russischen Dialekte mit allen Nuancen. Da reist
er denn als Hausierer, Viehhndler oder Weinverkufer, je nachdem wie es
ihm pat. Ich wollte ihm einmal nicht glauben, da er sich da drben
frei bewegen knnte nach Belieben, ohne erkannt zu werden. Da
entschuldigte er sich mit einer huslichen Besorgung. Nach einer halben
Stunde belstigte mich ein alter jdischer Hausierer. Wollte mir
durchaus eine Taschenbrste anhngen und Kragenknpfe, bei denen der
Schlips nicht in die Hhe rutscht. Ich wurde grob, und da lachte der
Hausierer auf, es war mein alter Schulkamerad Burdeyko. Da glaubte ich
ihm auch, was er von drben erzhlte ... Da die Russen nicht erst mobil
zu machen brauchen, wenn die Franzosen Fanfare blasen. Sie sind es
schon, soweit es ntig ist, um einen groen Teil unserer Stokraft
festzulegen.

Der dicke Herr von Lindemann legte die grobe Faust auf den Tisch, da
die Glser klirrten.

Die letzten paar Haare knnte man sich ausreien, da wir die
Gesellschaft im Westen nicht berrannten vor jenen vier oder fnf
Jahren, wie sie noch nicht fertig war. Oder noch frher, als ihre
vielgeliebten Bundesgenossen im Osten festlagen mit den kleinen gelben
Halbaffen, die uns die Menschheit ablernen in unseren Hochschulen und
Fabriken. Damals htten wir zuschlagen sollen, ohne die verdammte
zimperliche Humanitt. Das haben wir versumt, und jetzt zieht sich
unaufhaltsam das von langer Hand her gesponnene Netz um unsere Glieder.
So gehen wir in den unausbleiblichen Entscheidungskampf, ob die
Schicksale der Welt im nchsten Jahrhundert deutsch gerichtet werden
sollen oder franzsisch. Der Welt, soweit sie noch zu haben ist! Ueber
dem Rest liegt der Dritte aus gemischtem Blut, lacht sich eins in die
Zhne. Er kann nur dabei gewinnen, wenn die Konkurrenz auf dem Festlande
sich gegenseitig zerfleischt. Aber vielleicht, wenn die Gelegenheit ihm
gnstig erscheint, fllt er uns auch in den Rcken. Trotz aller
Freundschaftsversicherungen ...

Der Dicke strzte sein halbvolles Glas hinunter: Na, kommen Sie, Herr
von Foucar! Die Jnglinge da in der anderen Ecke sehen schon frech
herber, und ich mchte in Ihrer Gegenwart keinen Krach anfangen. Mir
persnlich wre es egal, ich bin nicht Reserveoffizier. Ich habe schon
einmal hier der deutschen Sache zum Siege verholfen in mnnermordendem
Kampfe gegen fremdlndische Ueberzahl. Es gab einige blutende Nasen,
wohingegen es mir gelang, mein edles Haupt durch eine geschickte Wendung
vor einer geschleuderten Sektflasche in Sicherheit zu bringen. Seither
geniee ich in diesem Lokal mehr Furcht als Liebe ... Frulein, zahlen!

Die Kellnerin, ein hbsches schlankes Mdel mit dunklen Augen, kam an
den Tisch, klimperte in der an der Seite hngenden Geldtasche.

=Tak rano do domu, Panie?=

Herr von Lindemann bekam einen roten Kopf. Zu Gaston bemerkte er: Das
heit nmlich, sie wundert sich, da ich schon so frh aufbreche! Und
zu dem jungen Mdchen fuhr er fort: Mein Tchterchen, es ist ja eine
unbetrchtliche Kleinigkeit, aber heute bin ich nicht in der Stimmung,
mich mit Dir in Deinem schlechten Polnisch zu unterhalten! Also sprich
Deutsch, mein Kind, sonst erzhl' ich, da Du keine Polenmaid bist,
sondern die Tochter des deutschen Tischlermeisters Matinat hier aus der
Seestrae.

Das junge Mdchen wurde rot, warf einen scheuen Blick hinter sich und
sprach halblaut: Also zwei Flaschen Burgunder macht sechzehn Mark.

Herr von Lindemann warf ein Goldstck auf den Tisch.

Da, mein schnes Kind ... Kommen Sie, Herr von Foucar, wir knnen
nachher abrechnen.

Sie gingen in der lauen Sommernacht dahin. Die Luft war weich, nur das
blanke Sternengefunkel an dem tiefdunklen Himmel kndete den nicht mehr
weiten Herbst. Herr von Lindemann schwieg eine ganze Weile lang, dann
fing er wieder an zu sprechen.

Also zum Frhjahr geht es los, daran gibt es kaum wohl einen Zweifel.
Die Sturmzeichen mehren sich, man mu sie nur zu deuten wissen. Und es
ist gut so, da das Wetter endlich einmal losbricht, die schwle
Spannung vorher ist auf die Dauer unertrglich. Wir gehen hier sonst
zugrunde. Unsere Sparkassen sind blank, jedes Geschft stockt. Wer jetzt
Geld braucht, mu umschmeien, Bankerott ansagen. Da ballt sich jede
Mnnerfaust in kaltem Zorn: wenn es nur endlich losgehen wollte! Damit
ein- fr allemal reiner Tisch gemacht wird zwischen uns und unsern
Nachbarn. Und ich glaube, die tuschen sich, wenn sie auf ihre Ueberzahl
vertrauen. Wir wissen, um was wir fechten. Na, und nun Schlu! Es hat
wohlgetan, sich mal alles grndlich von der Seele zu sprechen, allen
Aerger und Ingrimm. Und besuchen Sie mich recht bald in Borzymmen. Wenn
es Ihnen Spa macht, knnen Sie bei mir einen guten Rehbock schieen.
Fr meinen Vetter Sternheimb bleiben immer noch genug brig.

Verbindlichsten Dank, Herr von Lindemann. Nur ich wei nicht, ob mich
der Dienst in der nchsten Zeit loslassen wird.

Mein lieber Herr von Foucar, reien Sie sich kein Bein aus! Ihre
Schwadron werden Sie erst in die Hhe kriegen, wenn Sie zum Herbst den
neuen Rekrutenersatz haben. Aber telephonieren Sie mir tags vorher, wenn
Sie kommen, damit ich Ihnen Fuhrwerk herschicke und mich selbst zu Hause
halte. Manchmal nmlich berfllt mich die Einsamkeit, und dann rcke
ich aus. Irgendwohin unter Menschen.

Also gut, ich werde versuchen, mich recht bald einmal fr einen
Nachmittag frei zu machen.

Sie standen schon eine Weile vor dem Hoteleingange. Drinnen in dem
groen Saale fiedelte noch immer die Damenkapelle. Der Borzymmer Wagen
fuhr vor, Herr von Lindemann stieg ein.

Also, Ludwig, nach Hause, sanftes Reisetempo! Und als die Gule
anzogen, rief er zurck: Sehen Sie, Herr von Foucar, so wird man durch
die Politik auf den Pfad der Tugend gefhrt. Ich war eigentlich mit der
Absicht hergekommen, hier eine wilde Nacht zu machen. Na, so ist's
vielleicht besser.

Gaston ging langsam die Treppe zu seinem Zimmer empor. Er war abgespannt
und mde. Fr den Brief, den er zu schreiben gedachte, war es auch noch
morgen Zeit. Heute hatte er an Wichtigeres zu denken. Morgen bernahm er
seine Schwadron, stand seit langen Jahren zum ersten Male wieder vor der
Front, unter hundert kritischen Augen. Das war nicht viel anders als bei
einem Schauspieler, der nach langer Pause wieder in einer alten Rolle
aufzutreten hatte. Ehe er vor das Publikum ging, mute er die Rolle noch
einmal durchsehen.

Er war ein ausnehmend tchtiger Frontoffizier gewesen, das Zeugnis
hatten ihm alle seine Vorgesetzten ausgestellt. Und die Fhrung einer
Schwadron war ihm nichts Neues, in Karlsburg hatte er in Vertretung
seines erkrankten Rittmeisters die erste Ulanenschwadron fast ein halbes
Jahr kommandiert. Aber es gab dabei mancherlei Handwerksmiges, bei dem
man in der Routine bleiben mute. Wenn man aus der Uebung kam, verlor
man die Sicherheit. Da war es also notwendig, die Nase eine halbe Stunde
lang in das Exerzierreglement zu stecken, ehe man wieder vor die Front
ritt. Und nach langer Pause zum ersten Mal wieder ruft: Stillgesessen!
Trompeter, Signal Trab ...

Als er das Licht ansteckte, lag vor dem Leuchterfue ein dicker Brief,
dessen Handschrift er nicht kannte. Eine seltsam unbeholfene Handschrift
war es.

Herrn Rittmeister Baron von Foucar im Ordensburger Dragonerregiment,
Ordensburg, Offizierskasino. Durch Eilboten zu bestellen.

Unwillkrlich sprang ihn ein beklommenes Gefhl an, er klingelte nach
dem Kellner.

Wann ist der Brief da gekommen?

Wahrscheinlich mit dem Nachtzug, Herr Rittmeister. Der Postbote hat ihn
vor einer Viertelstunde gebracht. Er war erst gar nicht im Kasino, wo
nmlich die Herrschaften, die ein bichen was sind, doch immer bei uns
absteigen.

Es ist gut, ich danke.

Gaston hielt den von einem Wappensiegel verschlossenen Brief erst eine
Weile in der Hand, ehe er ihn ffnete. Und zuerst sah er nach der
Unterschrift, dann begann er zu lesen. Das Herz schlug ihm bis in den
Hals.

             Gndiger Herr Baron!

    Im Auftrage meiner Herrin, die krank zu Bett liegt, teile ich Ihnen
    die Bitte mit, Sie mssen sofort Urlaub nehmen und herkommen. Sie
    ist vor Aufregung krank und ganz hilflos, weint immerfort, lt sich
    nicht beruhigen. Da knnen nur Sie allein helfen. Hier ist
    Schreckliches passiert. Der gndige Herr ist heute frh gestorben,
    jetzt vor einer Stunde. Weil er gestern einen Blutsturz bekommen hat
    nach all der Aufregung.

    Dieser entsetzliche Mensch, der Herr von Wodersen, war gestern hier
    eingedrungen, nicht lange nachdem Sie fortgegangen sind. Und da hat
    er dem gndigen Herrn ins Gesicht geschrien, er wrde betrogen von
    Ihnen und Josepha. Heiraten wrden Sie, wenn er tot wr', und Sie
    selbst htten es ihm gesagt. Der Herr ist aufgesprungen, auf Josepha
    zu, aber sie ist aus dem Zimmer geflohen, in den Park hinaus. Der
    Herr ihr nach, er hatte sich aus dem Gewehrschrank eine Flinte
    geholt, schrie immerfort: 'Du mut mit, Du mut mit!' Ich hinter ihm
    her, in Todesangst um meine geliebte Josepha, es war eine
    frchterliche Aufregung. Da fiel drauen auf der Strae der Schu,
    weil sich der Herr von Wodersen totgeschossen hatte. Der englische
    Kammerdiener hatte ihn 'rausgebracht. Das war unsere Rettung. Der
    gndige Herr blieb einen Augenblick stehen, sah sich um, da holte
    ich ihn ein. Und ich fing an mit ihm zu ringen um das Gewehr. Da
    strzte ihm das Blut aus dem Munde, ber mich hin. Noch in meiner
    letzten Stunde werde ich daran denken.

    Die ganze Nacht hat er sich geqult, aber ohne Bewutsein. Die
    Herren Doktoren haben ihm Morphium gegeben, weil doch nichts mehr zu
    retten war. So ist es rascher mit ihm zu Ende gegangen, als wir
    gedacht hatten. Meine liebe Josepha hat zwei Stunden in Ohnmacht
    gelegen, ich hatte schon Angst, sie kommt nicht wieder zu sich. Aber
    Gott hat geholfen und die heilige Mutter Maria. Jetzt jammert sie
    immer nach Ihnen, Sie sollen kommen. Ich bitte Sie auch darum. Und
    denken Sie an das, was wir beide in Ihrer Wohnung gesprochen haben!

    Von mir aus allein sage ich Ihnen noch, der gndige Herr ist
    gestorben, ohne da er sein Testament hat ndern knnen. Josepha
    erbt sein ganzes Vermgen, nur ein Viertel geht ab an die Verwandten
    von dem gndigen Herrn selig. Telegraphieren Sie, wenn Sie kommen.
    An mich, damit ich vorsorgen kann, wo Sie sich treffen sollen mit
    Ihrer lieben zuknftigen Frau, ohne da es auffllt. Es grt
    hochachtungsvoll

                                                            Ursula.

Gaston lie die Hand sinken und starrte in das flackernde und zuckende
Licht, bis ihn die Augen schmerzten.

Frchterlich war das alles. Aber er mute zu einem Entschlusse kommen.
Das hier war jetzt die Stelle, wo der Weg sich gabelte.

Er erhob sich von dem Bettrande, auf dem er sich zum Lesen
niedergelassen hatte, nahm das Licht und ging zu dem Tische hinber.
Einen Augenblick der Schwche hatte er noch, dann bi er die Zhne
zusammen und schrieb ohne Besinnen:

                   Liebe gndige Frau!

    Es ist ganz ausgeschlossen, da ich jetzt Urlaub nehmen kann, um zu
    Ihnen zu kommen. Ich knnte es auch nicht, selbst wenn ich ganz frei
    wre. Ich mu Ihnen ein Gestndnis machen, das Sie betrben wird und
    mir die Schamrte ins Gesicht treibt. Ich habe Sie zweimal belogen,
    und zum Teil mich dazu. Jetzt, wo ich nicht mehr in Ihrer Nhe bin,
    erscheint mir mein Gefhl nicht stark genug, um darauf unsere
    Zukunft zu grnden. Ich mte um Sie meine militrische Karriere
    aufgeben, und das kann ich nicht.

    Es tut mir in der Seele weh, da ich eine liebenswerte Frau so
    krnken mu, aber es geht nicht anders, wenn ich wahrhaftig bleiben
    will. Gegen Sie und mich. Also bitte ich Sie, mir mein Wort
    zurckzugeben und mich zu vergessen.

                                 Gaston Baron Foucar von Kerdesac.

Die Hand bebte ihm, er schrieb seinen Namen nicht so sicher wie sonst.
Und als er den fertigen Brief durchlas, htte er ihn am liebsten wieder
zerrissen. Erschrecklich banal war das alles, aber was sollte er viel
anders schreiben? Etwa, da er schon nach der Nacht in dem Ballokal zur
Besinnung gekommen wre? Oder da er am Tage darauf aus Mitleid und mit
erregten Sinnen einen Meineid geschworen htte? Oder gar schlielich,
da in ihrer Vergangenheit etwas wre, ber das kein Mann hinweg knnte?
Das ging nicht an. Das einzige wre gewesen, mit der Absendung dieses
brutalen Briefes noch ein paar Tage zu warten, bis sie sich nach den
entsetzlichen Geschehnissen ein wenig beruhigt htte. Dann aber schickte
er den Brief da vielleicht berhaupt nicht mehr fort, ergab sich mit
einer Art von Fatalismus in sein selbstverschuldetes Schicksal.

Sein Blick fiel auf eine Stelle in dem anderen Schreiben, das vor ihm
lag. Der gndige Herr ist gestorben, ohne da er sein Testament hat
ndern knnen. Josepha erbt sein ganzes Vermgen. Der Ekel wrgte ihn
am Halse.

Er schlo seinen Brief in ein Kuvert, schrieb die Adresse und trug ihn
selbst nach dem nahen Bahnhof hinber, steckte ihn in den blauen
Postkasten.

Als er wieder oben in seinem Zimmer sa, war ihm ein wenig leichter
zumut. Nur htte er viel darum gegeben, wenn er den Brief da eben htte
schreiben knnen, ohne an eine andere zu denken, die er seit ein paar
Stunden erst kannte. Immerfort mute er an sie denken mit zehrender
Sehnsucht im Herzen ...

Unten die Musik spielte einen Walzer, den er vor einigen Nchten getanzt
hatte. Mit einer verfhrerisch schnen Frau, der er in pltzlicher Laune
den weien Hals kte.

Er verstopfte sich mit den Fingern die Ohren und stierte in das
aufgeschlagene Buch. Seite 24 stand da:

Unter allen Umstnden und in jedem Gelnde mu die Eskadron, auch
unrangiert, alle reglementarischen Bewegungen sicher und schnell
ausfhren knnen und stets -- auch in aufgelster Ordnung -- fest in der
Hand des Fhrers sein.

Nur seine Augen lasen den Satz, den er ja lngst schon auswendig kannte,
seine Gedanken waren ganz wo anders -- -- --




7.


Die fnfte Eskadron des Dragonerregiments Graf Schmettau stand in Linie
zu vier Zgen auf dem groen Ordensburger Exerzierplatze, der sich
zwischen der Eisenbahn und dem Walde der Domne Mrosen dehnte. Die Gule
schlugen mit den Schwnzen und schlackerten die Kpfe der vielen Fliegen
wegen, die Mannschaft sa stumpfsinnig dsend da in den Stteln. Es gab
einen neuen Schwadronschef, von dem ein unbestimmtes Gercht ging in den
Mannschaftsstuben, er wre ein besonders scharfer. Aber nur die im
ersten und zweiten Jahrgang versprten ein leichtes Bangen in der Brust,
die alten Leute blickten ziemlich gleichgltig drein. Ihnen konnte
nicht mehr viel passieren in den paar Wochen, bis Reserve Ruhe hatte.
Wenn's aber Krieg gab, pumpte man ganz von selbst das letzte aus den
Knochen. Dazu brauchte man nicht erst getrietzt zu werden, um der
Gesellschaft da drben zu zeigen, was 'ne ostpreuische Dragonerfaust
war.

Die Offiziere hielten in einem Pulk vor der Front und tauschten halblaut
ihre Meinungen. Sie errterten die auffllige Tatsache, da ein
Generalstbler sechs Wochen ungefhr vor der reglementsmigen Zeit
seine Schwadron gekriegt hatte. Daraus konnte man zweierlei Schlsse
ziehen. Entweder hatte man ihn in Berlin vorzeitig als unbrauchbar
abgegeben, oder er war eines von den ganz groen Kirchenlichtern, die
eine auergewhnliche Karriere machten.

Das letzte, meine Herren, das letzte, sagte Karl von Gorski, der
jngere der beiden Brder. Er hatte sich am frhen Morgen zu dem
feierlichen Anla des Kommandowechsels wieder gesund gemeldet, trotzdem
das verstauchte Handgelenk ihm bei der Zgelfhrung noch arge Schmerzen
verursachte. Und mit pfiffigem Lcheln fgte er hinzu: Derweil die
Herren noch schliefen, habe ich schon ein informatorisches
Telephongesprch mit jemand gehabt, der sehr gut unterrichtet ist ber
unseren neuen Chef. Wir verdanken ihn der vterlichen Frsorge meines
angeheirateten Onkels Wegener fr sein altes Regiment. Er soll uns hier
die Schlachtplne ausarbeiten, wie wir es fertig kriegen, mit
fnfhundert Mann eine Division Russen aufzuhalten. Und um auch gleich
Ihre Neugierde nach seiner Familie zu befriedigen: sie war vor genau
hundertzwanzig Jahren noch stockfranzsisch. Als man damals in Paris die
unangenehme Gepflogenheit einfhrte, smtliche Aristokraten um ein
Stckchen krzer zu schneiden -- am oberen Ende natrlich --, wanderte
sie nach Deutschland aus, weil das dort noch nicht Sitte war. Wissen Sie
jetzt Bescheid, meine Herren?

Vollkommen, sagte der Leutnant Uhlenburg, wegen seiner Neigung zur
Korpulenz das Tonnchen genannt. Aber von wem haben Sie denn diese
Kenntnisse bezogen?

Von wem denn sonst als von meinem alten Gnner Exzellenz von Moltke,
hchstpersnlich? Zuerst war er ein bichen knurrig, weil ich ihn durch
dringliches Gesprch aus dem Schlaf geweckt hatte und er mit bloen
Beinen am Telephon stand. Im Generalstab zieht es nmlich. Als er aber
hrte: 'Hier Karl von Gorski, der prominenteste Leutnant der
Ordensburger Dragoner', wurde er wie Zucker! Sie hat er auch gren
lassen, Tonnchen. Sie sollten nicht so viel dickes Bier trinken, sonst
wrden Sie nie General werden!

Die anderen Herren lachten, nur der ernsthafte Oberleutnant Gusovius,
der ein paar Schritte abseits hielt, verzog keine Miene. Er hatte die
Schwadron von dem Tage an gefhrt, an dem der Rittmeister Kaminski sich
krank meldete. Und da da pltzlich vom Generalstabe einer ins Regiment
schneite, hatte ihm stille Hoffnungen zerstrt. Wenn's Glck gut war,
wre er zum Herbst auch an der Reihe gewesen, eine Schwadron zu kriegen.
Im gnstigsten Falle kam er jetzt in ein fremdes Regiment, wer wei
wohin, und an seiner Seele fra gekrnkter Ehrgeiz.

Auf dem Kamm der leichten Hgelwelle, die den Exerzierplatz von dem
Gartenlande des Stdtchens schied, erschien ein einzelner Reiter. Der
Oberleutnant Gusovius wandte sich im Sattel: Die Herren, bitte, auf
ihre Posten! Stillgesessen!

Er spornte seinen Gaul und kanterte dem Kommenden entgegen. Auf drei
Schritt Entfernung parierte er und meldete: Die Eskadron ist rangiert
in vier Zgen zu dreizehn Rotten mit zwei blinden!

Rittmeister von Foucar streckte ihm die Hand entgegen.

Danke, mein lieber Herr Gusovius! Und wrden Sie es mir belnehmen,
wenn ich gleich zu Anfang und ohne alle Umschweife ein offenes Wort mit
Ihnen spreche?

Der Oberleutnant lenkte seinen Gaul an die Respektseite seines neuen
Vorgesetzten.

Wie sollte ich wohl, Herr Rittmeister?

Na also, im kniglichen Dienst darf es ja wohl keine Empfindlichkeit
geben, aber wir alle sind doch nur Menschen. Vorhin, als ich mich bei
unserem Kommandeur meldete, glaubte ich aus einer beilufigen Bemerkung
entnehmen zu drfen, da meine Versetzung ins hiesige Regiment gerade
Ihnen nicht besonders willkommen gewesen wre. Das tut mir leid, aber
die Versetzung ist nur zum geringen Teil durch mein Zutun erfolgt. Es
ist sehr ungewhnlich, da ich mich mit Ihnen darber ausspreche -- ich
wei es -- aber ich mchte nicht, da unsere Beziehungen durch eine
leicht begreifliche Verstimmung getrbt werden. Und zwar nicht blo die
dienstlichen. Also, wollen wir gute Kameradschaft halten?

Das finstere Gesicht des Oberleutnants Gusovius erhellte sich, jetzt
streckte _er_ dem Vorgesetzten die Hand hin.

Sehr wohl, Herr Rittmeister, von Herzen gern!

Gaston von Foucar aber fhlte, da er in diesem Augenblicke einen Freund
gewonnen hatte, und das gab ihm in seiner Lampenfieberstimmung die
Sicherheit wieder. Er ritt vor die Front, rief laut und fest: Die
Schwadron hrt von jetzt an auf mein Kommando! Guten Morgen, Dragoner!

Guten Morgen, Herr Rittmeister, schrie es wie aus einer einzigen Kehle
zurck. Danach kam das Kommando Absitzen, Gaston begrte die
Offiziere und lie sich die Unteroffiziere vorstellen. An jeden richtete
er eine kurze Frage, und jeder von ihnen hatte das Gefhl, der Mann da
mit dem gewinnenden Gesicht und den klaren Augen meinte es gut mit ihm,
wrde seinen Namen nicht vergessen.

Hans von Gorski stand neben seinem jngeren Bruder. Die Offiziere hatten
ebenso absitzen mssen wie die Mannschaft.

Du, Karl, sagte er leise.

Na was denn?

Ich kann mir nicht helfen, er gefllt mir!

Mir schon gestern, wie er mich mit der Landkarte belapste. Und jetzt,
da er keine Rede gehalten hat. Besinnst Dich noch auf seinen Vorgnger
Kaminski? 'ne halbe Stunde lang hat er gepredigt von Pflicht und Ehre
und nochmal Pflicht, zum Schlu: 'Seine Majestt der oberste Kriegsherr,
hurra, hurra, hurra!' Nachher war er der erste, der schlapp machte. Aber
erinner' mich nachher, ich hab' Dir was von unserem Cousinchen zu
erzhlen! Augen wie Wagenrder wirst Du machen.

Warum nicht gleich?

Weil die Geschichte zu lang ist. Aber pa auf den Dienst, mein Sohn!
'Er' dreht sich schon nach uns um.

Gaston ging langsam die Front entlang und musterte eingehend Mannschaft
und Pferde. Jeden einzelnen der Dragoner fragte er nach Namen und
Zivilverhltnis. Wenn ihm etwas Tadelnswertes auffiel an der Sattelung
oder am Anzuge, sagte er nichts, sondern sah nur den neben ihm
schreitenden Wachtmeister mit kurzem Blicke an. Der aber gab den Blick
an die einzelnen Gruppenfhrer weiter, nur in erheblich verstrktem
Mae. Ein Donnerwetter zog sich ber schuldigen Huptern zusammen, die
da geglaubt hatten, der alte Schlendrian knnte so weiter gehen.

Oberleutnant Gusovius rusperte sich leicht: Herr Rittmeister!

Gaston blickte auf, der Regimentskommandeur kam ber die Hgelwelle
geritten. Anscheinend ohne jede Inspizierungsabsicht. Seine beiden
Foxterriers jagten klffend ber das schon gelblich gefrbte kurze Gras,
und neben ihm ritt seine jngste Tochter. Ein blondlockiges Mdel von
sechzehn oder siebzehn Jahren, das im Herrensitze seinen Pony lenkte.

Gaston bestieg seinen irischen Fuchswallach, ri den Sbel aus der
Scheide. Wie eine Fanfare erklang das Kommando: An die Pferde! --
Fertig zum Aufsitzen! -- Aufgesessen! Und nach gemessener Pause: Richt
-- Euch!

Er ritt an den Flgel, die Richtung stimmte ausgezeichnet, die
Bewegungen hatten geklappt. Augen -- links! kommandierte er und
sprengte dem Kommandeur entgegen, die Schwadron zu melden.

Oberstleutnant Harbrecht winkte ab.

Lassen Sie sich nicht stren, Herr Rittmeister, ich bin nur ganz
zufllig herausgebummelt. Er stellte sein Tchterchen vor und sagte:
Lassen Sie, bitte, rhren.

Rhrt Euch! schrie Gaston ber die Schulter zurck, und der Kommandeur
fragte: Na, zufrieden?

Danke, Herr Oberstleutnant, bis auf ganz geringfgige Kleinigkeiten.

Sehr nett von Ihnen -- gegen Ihren Herrn Vorgnger! Na, und was haben
Sie weiter vor, Herr Rittmeister?

Ich beabsichtige, die Schwadron eine halbe Stunde lang zu exerzieren.
Hauptschlich, um selbst nach langer Entwhnung wieder in Uebung zu
kommen.

Der Oberstleutnant lchelte.

Bescheidenheit ziert den Ritter. Na, viel Vergngen. Er hob grend
die Rechte an den Mtzenschirm, das Tchterchen verabschiedete sich mit
einem Kopfnicken. Gaston ritt zu seiner Schwadron zurck.

Stillgesessen -- Eskadron Terab!

Die Schwadron ritt an, jeder einzelne Mann nahm sich zusammen, in der
hellen Kommandostimme des neuen Fhrers lag etwas Anfeuerndes.

Trompeter: Galopp!

Gaston gab seinem irischen Fuchswallach die Sporen, da er wie ein
abgeschossener Pfeil ber das Blachfeld flog. Hinter ihm kam die
Schwadron wie ein Ungewitter. Nach fnfhundert Schritt ungefhr sprengte
er nach links, schwenkte um und parierte auf der Stelle, blickte prfend
auf die in einer Linie dahinfegende Schlachtreihe. Die Kerls gaben sich
offensichtlich Mhe, Fhlung und Richtung waren gut.

Eskadron mit Zgen brecht ab, rief er, scharf kamen die Kommandos der
Zugfhrer danach, das Manver verlief exakt. Bei keinem Garderegiment
konnte es besser gehen.

Famos, rief das Kommandeurstchterchen begeistert. Papa, ich glaube,
mit diesem Herrn von Foucar haben wir eine glnzende Akquisition
gemacht!

Der Oberstleutnant lachte.

Meinst Du?

Aber positiv! Der Unterschied gegen frher ... Also den mu doch ein
Blinder mit dem Krckstock fhlen!

Na dann komm, Kind, wollen wieder nach Hause reiten. Auch ich hab'
genug gesehen, die Schwadron ist in guten Hnden. Und merk' Dir eins:
eine Truppe ist wie ein edles Pferd mit allen Vorzgen und Untugenden.
Unter einem miserablen Reiter im Sattel bockt es, unter einem tchtigen
gibt es sein letztes her.

Die Julisonne brannte sengend vom wolkenlosen Himmel herab, die Gule
warfen Schaum von den Gebistangen und bekamen nasse Flanken. Die Reiter
hatten schwarze Gesichter von Staub und Schwei, seltsam blnkerten die
glnzenden Augen daraus hervor. Gaston brach das Exerzieren ab, er
fhlte, er hatte die Schwadron in die Hand bekommen. Mit einem gewissen
Stolz fhrte er sie in die Stadt zurck, ins Quartier.

Als die Spitze vom groen Platze unter die schattigen alten Bume
lenkte, die den Weg zum Stdtchen umsumten, drehte er sich im Sattel:
Wachtmeister, jeder Dragoner kriegt heute abend zwei Glas Bier in der
Kantine auf meine Rechnung. Ich bin mit der Schwadron zufrieden! Und
jetzt bitte ich mir ein Lied aus.

Durch die in Marschkolonne reitende Truppe ging es wie ein Rauschen, der
neue Rittmeister hatte sie auf Anhieb erobert. Schneid hatte er,
verstand seinen Kram und besa ein Herz fr seine Kerls. Einer der
Unteroffiziere erhob seinen wohlklingenden Tenor, die Mannschaft fiel
mit rauher Kehle ein

    An der Grenze fern im Osten
    Hlt ein Reiter still auf Posten,
    Sieht hinaus ins weite Feld.
    Drben fahren auf Kanonen,
    Sammeln sich Schwadronen,
    In dem weiten, weiten Feld.

Gaston von Foucar ritt an der Spitze seiner Truppe. Das Lied schien ihm
wie eine gute Vorbedeutung. Vor Tagen schon hatte er's gehrt, als sein
Herz sich aus Skrupeln und Nten zu lsen begann ...

Karl von Gorski ritt neben seinem lteren Bruder an der Queue der
Schwadron. Er kratzte sich mit der gesunden Rechten hinter dem Ohr.

Du, Hans, ich glaube, die schnen Tage von Aranjuez sind vorber.

Na Gott sei Dank, das vorher war ja auch zum Speien. Man fngt wieder
an, Spa am Dienst zu kriegen! Aber Du wolltest mir doch vorhin was von
Annemarie ...?

Ach so, ja ... also ich sehe sehr schwarz auf unseren guten
Brinckenwurff. Das drfte im August an Annemiezens Geburtstag eine bse
Ueberraschung geben. Mglicherweise auch schon vorher. Mit der
Vereinigung von Kalinzinnen und Orlowen sieht es sehr nach Essig aus.

Hans von Gorski tippte sich respektlos gegen die Stirn.

Kleiner, ich glaube, Du trumst mit offenen Augen!

Ah nein, mein Jungchen, sondern meine bekanntlich in hohem Grade
entwickelte Geistesschrfe gestattet mir einen Blick in die Zukunft, die
gewhnlichen Sterblichen verschleiert ist. Morgen kaufe ich mir einen
Dreifu mit einem Pfund Weihrauch und frisier' mich als Pythia.

Mensch, red' endlich vernnftig! Was ist passiert?

Na dann hr' zu! Karl von Gorski dmpfte unwillkrlich seine Stimme:
Also der 'Moltke', mit dem ich heute frh telephonierte, war
selbstverstndlich Annemarie. Schon gestern erschien mir die Geschichte
mit der Zigarettendose nicht geheuer. Es war fr mich natrlich eine
Kleinigkeit, dem harmlosen Tierchen alles abzufragen, was ich wissen
wollte. Sie ist mit unserem neuen Rittmeister von Knigsberg an zusammen
gefahren, ihr gefiel er sehr, dem Alten weniger. Der machte sogar etwas
Krach, bis sie ihn auf seinen geliebten Polenschimmel brachte, da hielt
er Vortrge. Und als Annemarie den Herrn von Foucar nach Kalinzinnen
einlud, besttigte er die Einladung nicht. Da lie sie absichtlich ihre
goldene Zigarettendose im Coup liegen, um ihm einen triftigen Vorwand
zu baldigem Besuche zu geben.

Und das hat sie Dir so ganz offen gesagt?

Ne, mein Jungchen, aber verschwiegen! Und -- bewundere meinen
Scharfsinn -- das ist das Schlimme bei der Geschichte! Htte sie mir
nach all dem brigen ganz harmlos gesagt: 'Du, Karl, denk' Dir blo, ich
habe dabei meine kostbare Zigarettendose im Coup verloren, mit all den
himmlischen Widmungen, und ich grme mich ganz frchterlich, ob ich sie
wohl wiederkriegen werde', wre ich ja gar nicht auf den Spurius
gekommen. Aber so liegt es doch klar auf der Hand, da sie sich in
unseren neuen Rittmeister arg verschossen hat. Und das ist kein Wunder.
Er hat etwas an sich -- also ich kann's verstehen, da sich die Mdels
in ihn verlieben.

Unsinn, sagte Hans von Gorski, aber es klang nicht ganz berzeugt.
Und dagegen spricht doch, da Herr von Foucar anscheinend nicht den
geringsten Wert darauf gelegt hat, das Fundstck persnlich
zurckzubringen!

Der jngere der beiden Brder zuckte mit den Achseln.

Dafr gibt's 'ne Masse Erklrungen. Vielleicht hat er die
liebenswrdige Absicht gar nicht bemerkt. Das glaube ich nmlich aus
einem ganz bestimmten Grunde, und ebenso bin ich berzeugt, es tut ihm
heute schon leid. Andererseits aber ist es auch mglich, er ist so
malos verwhnt, da er auf diese neue Eroberung keinen sonderlichen
Wert legt. Aber vielleicht kommt das noch ... Wenn er unser 'trautstes
Cousinchen' erst nher kennen lernt.

Hm, sagte der Aeltere, Du red'st wie ein Buch! Jedenfalls mte man
dem Hermann Brinckenwurff einen kleinen Wink geben, damit er die Augen
offen hlt.

Um Himmels willen! Hast Du Lust, Deinen Daumen in eine Trangel zu
klemmen? Damit knackt man Haselnsse! Und uns beiden mu doch die
Annemieze nher stehen! Ich bin kein Tugendbold, aber sag' mal selbst:
Wenn Du die Aussicht httest, eine Annemarie von Gorski zu heiraten,
wrdest Du es da fertig kriegen, eine nach bler Pomade duftende Mamsell
auf den Mund zu kssen, mit dem sie kurz vorher -- na sagen wir mal --
Gnseleber mit Zwiebeln abgeschmeckt hat?

Hans von Gorski schttelte sich lachend.

Nicht um tausend Taler!

Na also!

Eine Weile ritten sie schweigend nebeneinander her, dann fragte der
Jngere unvermittelt: Du, Hans?

Was denn?

Kannst Du Dir vorstellen, da uns beiden so ein Mdel wie Annemarie
blanke Augen machen wrde oder zur Ermunterung eine goldne
Zigarettendose im Coup liegen lassen?

Schwerlich!

Na siehst Du, versetzte der Jngere tiefsinnig, ich habe es schon
immer gesagt, und die Geschichte eben bestrkt mich von neuem in der
Meinung: wir htten uns rechtzeitig zusammentun mssen, unseren
Urgrovater zu erschlagen. Von ihm stammt nmlich, nach dem Bild im
groen Saal zu schlieen, in einem grotesken Sprung ber Generationen,
das ganze Malheur. Die krummen Beine, die groen Ohren, die
Sommersprossen und der weit vorspringende Nasengiebel. Wobei ich
annehme, der damalige Maler hat in Ansehung des Honorars noch
betrchtlich geschmeichelt.




8.


Die Wochen vergingen in scharfem Dienstbetriebe, der Oberstleutnant
Harbrecht hielt sein Regiment in Atem. Ob die politische Spannung
schrfer wurde oder schwcher, kmmerte ihn blutwenig. Er tat seinen
Dienst an der Grenze, wie ein Soldat, der mit offenen Augen auf
verantwortungsvollem Posten stand.

Die Aufgabe, die er mit dem Kommandeur des in Ordensburg liegenden
Infanterieregiments zu erfllen hatte, war einfach, aber anstrengend.
Nachts paten die Grenadiere an den von Osten kommenden Einfallstraen,
am Tage die Dragoner. Und dahinter hielten die beiden Regimenter in
einer Art von Bereitschaftsstellung. Felddienst und Exerzieren gingen
ihren Gang wie sonst, nur man war dabei fortwhrend auf der Lauer. Um
sich dem Sto, wenn er endlich von drben kam, rechtzeitig
entgegenzuwerfen, ihn mit Einsetzen des letzten Mannes so lange
aufzuhalten, bis weiter rckwrts der Aufmarsch vollzogen war. Dieses
dauernde Warten aber auf ein Ereignis, das jede Stunde kommen konnte
oder vielleicht auch ganz ausbleiben, machte mrbe, kostete Nerven. Und
noch etwas anderes kam hinzu, was dem Oberstleutnant Harbrecht Sorgen,
Aerger und schlaflose Nchte bereitete, eine ekle Spionengeschichte.

Von der Division war ihm mitgeteilt worden, die groe Berliner Zentrale
fr diesen wohl notwendigen, aber wenig dekorativen Dienst htte
bestimmte Grnde fr die Annahme, da im Ordensburger Kreise eine
Persnlichkeit dem feindlichen Informationsbureau Nachrichten lieferte,
die im Ernstfalle fr die deutsche Armee geradezu verhngnisvolle Folgen
haben mten. Der schimpfliche Verrter verfgte ber Kenntnisse, die
auf eine genaue Vertrautheit mit den diesseitigen Mobilmachungsplnen
und der Lage der Sperrforts schlieen lieen, und er, der Oberstleutnant
Harbrecht, wurde aufgefordert, sich dazu zu uern. Ob ihm dienstlich
oder auerdienstlich etwas aufgefallen wre, was den Verdacht auf eine
bestimmte Persnlichkeit lenken knnte. Da ging er in Sorge und
Aufregung umher, bis ihm eine Art von Erleuchtung kam.

In der Waldschenke, in der Nhe der Schiestnde in der groen Beldahner
Forst, hauste der Wirt Burdeyko, von dem er wute, da er alle paar
Monate einmal eine geheimnisvolle Fahrt ber die Grenze unternahm. Es
wre ja nicht das erste Mal gewesen, da solche Kerle zweispnnig
fuhren, heute fr diese Seite ihr dunkles Handwerk trieben, morgen fr
die andere ... Und es gab einen im Regiment, der diesen Burdeyko ein
wenig genauer kannte, weil er schon seit Wochen bei ihm russischen
Sprachunterricht nahm, den Rittmeister von Foucar!

Er schickte eine Ordonnanz ins Revier der fnften Schwadron und lie ihn
bitten, fr ein paar Minuten ins Regimentsbureau zu kommen. Aber auch
diese Unterredung brachte nicht die erwnschte Klarheit. Herr von Foucar
konnte nichts anfhren, was den Verdacht des Kommandeurs besttigt
htte. Im Gegenteil, er hielt den Wirt Burdeyko fr einen durch und
durch patriotisch gesinnten Mann, der seinen gefhrlichen Beruf gegen
verhltnismig geringe Entlohnung ausbte. Aus einer Art von Passion,
aber er htte erst unlngst einmal geuert, er gedchte demnchst
Schlu zu machen. Einmal erwischte man ihn doch da drben, und er htte
keine Lust, sein Leben in den Bleibergwerken Sibiriens zu beschlieen.

Da sagte der Oberstleutnant rgerlich:

Na schn, dann sollen die Herrschaften aus Berlin so einen Sherlock
Holmes herschicken, vielleicht kriegt der es 'raus! Mir sind solche
Geschfte ekelhaft. Aber Sie, lieber Rittmeister, -- gut, da ich Sie
einmal unter vier Augen habe! Sie gefallen mir ganz und gar nicht. Sie
muten sich zu viel zu.

Verbindlichsten Dank, Herr Oberstleutnant, aber ich befinde mich
ausgezeichnet.

Nee, mein Lieber, so kommen Sie mir nicht weg! Ihr Diensteifer in
Ehren! Sie haben das Kunststck fertig gebracht, aus einer Schwadron,
die -- na sagen wir mal -- zu wnschen brig lie, in kurzen Wochen eine
Truppe zu machen, die sich sehen lassen kann. Das soll Ihnen nicht
vergessen und dick angekreidet werden. Aber nun knnen Sie sich auf
diesen Lorbeeren auch ein bichen verpusten. Wir haben ja so schon
Dienst zum Ueberlaufen, da ist es -- wei Gott -- nicht ntig, da Sie
sich noch 'ne Extraportion einschwenken. Russische und polnische
Sprachstudien, ausgedehnte Ritte ins Gelnde -- es ist ja manchmal
verblffend, wie gut Sie Bescheid wissen in unserem verzwickten Terrain
mit den vielen Einschnitten und Gewssern -- und neulich wurde mir
erzhlt, wenn man sptnachts an Ihrem Huschen vorbeikme, da drauen
vor dem Tore, knnte man Sie egalweg am Schreibtisch sitzen sehen vor
Ihrer Studierlampe.

Nochmals heien Dank, Herr Oberstleutnant, aber ich fhle mich bei
dieser angestrengten Ttigkeit sehr wohl! Nur von jetzt an werde ich
abends meine Fensterlden schlieen.

Na, wie Sie wollen! Aber einen Rat mchte ich Ihnen noch geben, ganz
freundschaftlich. Aller Welt fllt es auf, wie Sie sich in diesen Wochen
verndert haben. Sogar meiner Frau fllt es auf, wie spitz Sie im
Gesicht geworden sind. Gestern erst stellte sie mich darauf. Und gab mir
zugleich als sorgsame Regimentsmutter ein kleines Avis: Sie halten sich
zu sehr von dem gesellschaftlichen Verkehr fern in unseren Familien.
Vorige Woche gab unser Etatsmiger ein Gartenfestchen -- Sie glnzten
durch Abwesenheit! Herr und Frau von Lttritz feierten ihren
zehnjhrigen Ehekontrakt, die ganze Gentry aus Stadt und Umgegend war
da, blo Sie nicht! Und hnliche Klagen sind mir von unseren Herren zu
Ohren gekommen. Mittags essen Sie schweigsam im Kasino Ihr krgliches
Men und fertig, Mahlzeit! Abends sind Sie nie zu sehen. Auch nicht in
den brgerlichen Exkneipen, wo unsere Herren sich mit denen von der
Infanterie treffen und etlichen aus dem Zivil. Das wird Ihnen verdacht,
als Hochmut ausgelegt. Und gerade auf Sie hatte man nach Ihrem Aussehen
und ersten Auftreten hier besondere Hoffnungen gesetzt in
gesellschaftlicher Beziehung! Also -- wenn sich's machen lt -- nehmen
Sie sich die freundschaftliche Aussprache eben zu Herzen! Guten Morgen,
lieber Herr von Foucar.

Empfehle mich gehorsamst, Herr Oberstleutnant.

Einen Augenblick hatte Gaston gezgert, ehe er mit einer Verneigung das
Regimentsbureau verlie, um in sein Schwadronsrevier zu der
unterbrochenen Besichtigung der Pferde zurckzukehren. Das Wort, das dem
so wohlwollenden Vorgesetzten fr sein Verhalten die Erklrung gegeben
htte, hatte ihm schon auf den Lippen gelegen: Herr Oberstleutnant, ich
habe innerlich mit etwas fertig zu werden, was mich arg bedrckt. Eine
Angelegenheit, ber die ich aus naheliegenden Grnden nicht sprechen
kann. Hoffentlich kriege ich sie unter, und dann will ich den mir so
gtig gegebenen Ratschlag gerne befolgen. Die Scheu, sein
Allerinnerstes selbst vor noch so teilnehmendem Auge zu entblen, band
ihm die Zunge.

Als er nach dem Mittagessen in das kleine Huschen vor dem Tore kam, das
er sich so recht behaglich eingerichtet hatte, ging er geradenwegs in
das Schlafzimmer und musterte sein Gesicht aufmerksam in dem groen
Spiegel. Aehnlich wie vor jenen langen Wochen in Berlin. Nur diesmal
blickte ihm ein anderer entgegen. Ein hohlugiger Kerl mit hagerem
Gesicht, aus dem eine spitze Nase sprang, zwei tiefe Falten rechts und
links. Kein Wunder, denn der Kerl war krank. Zwei Geier fraen zugleich
an seiner Leber, die Reue und die Sehnsucht. Da bearbeitete er sich
nach dem Wort, das er von dem dicken Freiherrn von Lindemann gehrt
hatte. Aber das Mittel half nicht immer. Zuweilen fiel ihn die Sehnsucht
nach dem lieben blonden Mdel an wie ein krperlicher Schmerz ... Dann
sah er sie vor sich, die Annemarie von Gorski, wie sie ihm im Coup
gegenbersa auf der viel zu kurzen Fahrt damals, oder wie sie mit den
schmalen Fen durch die spritzenden Regentropfen schritt, ohne sich
umzublicken. Kaum eine Stunde brauchte er zu reiten, und er konnte sie
wiedersehen, aber vor diesem Wege trmte sich ein grobes Hindernis. Das
Wort, das er einer anderen verpfndet, und von dem diese ihn noch immer
nicht gelst hatte.

Jedesmal, wenn er nach Hause kam, schlug ihm das Herz, heute endlich
mute doch die Antwort da sein! Aber der Platz auf dem Schreibtische war
leer. Nur zuweilen, alle Woche einmal, lag ein Brief da mit
zweisprachiger Adresse, russisch und deutsch, und dem Poststempel
Warschau. Wenn er ihn ausschnitt, fielen Papierschnitzel heraus, Stcke
einer polnischen Zeitung. Er versuchte, sie zusammenzusetzen, aber sie
ergaben keinen Sinn. Auch sein Lehrer Burdeyko vermochte sie nicht zu
erklren. Da warf er die rtselhaften Briefe ungelesen in den
Papierkorb. Nur ein unheimliches Gefhl beschlich ihn jedesmal dabei.

Als zwei Wochen vergangen waren, ohne da er von Josepha eine Antwort
hatte, wandte er sich an ein Berliner Detektivbureau, dessen Adresse er
in einer Zeitungsannonce gelesen hatte. Ersuchte mit der Bitte, die
Spesen durch Nachnahme zu erheben, um Auskunft, ob Frau Rheinthaler,
Kolonie Grunewald bei Berlin, Prinz-Handjery-Strae, verreist wre. Nach
drei Tagen kam die Antwort unter gleichzeitiger Nachnahme von dreiig
Mark: Angefragte lebt hchst zurckgezogen in ihrer Villa, ganz der
Trauer um ihren, in der Blte der Jahre verstorbenen Gemahl hingegeben.
Verschiedene Anzeichen lassen darauf schlieen, da sie in nchster
Zeit eine lngere Reise anzutreten gedenkt, vermutlich ins Ausland.

Da schrieb er einen neuen Brief in zwei Ausfertigungen. Einen an
Josepha, den zweiten an diese unheimliche alte Hexe, die ihm den Bericht
ber die Ereignisse am Tage seiner Abreise geschickt hatte. Und diesmal
wurde er deutlicher in seinem gerechten Zorn, schrieb sich alles
herunter, was er auf der Seele hatte. Auf dem Papier sah es schroffer
aus, als er es sich zurechtgelegt hatte, aber er mochte nichts ndern.
Er schlo damit, da er sein Wort unter falscher Voraussetzung abgegeben
htte. Einer geschiedenen Frau htte er es wohl halten knnen, aber
niemals einer, die schon vorher nicht die Anforderungen erfllte, die
ein anstndiger Mann an seine zuknftige Gattin zu stellen berechtigt
wre. Und an einer flchtigen Sinnesregung lie er sich nicht
festhalten. Er wollte endlich wieder reinen Tisch haben in seinem Leben,
innerlich und uerlich.

Die beiden Briefe trug er persnlich zur Post, lie sie eingeschrieben
an ihre Adressen befrdern. Die Tage vergingen, es kam keine Antwort.
Nur ein merkwrdiger Kerl stellte sich ein in der Nhe seiner kleinen
Villa, der ihn anscheinend beobachtete. Ein Kerl mit einem konfiszierten
Galgengesicht, der ihm auf die Dauer unheimlich wurde.

Drben, auf der anderen Seite der Strae, war freies Feld. Da hatte der
Mann ein Stck von der Gre eines migen Gartens gekauft, grub den
Acker um und lie von einigen Arbeitern ein kleines Huschen auffhren.
Jedesmal, wenn Gaston ausritt oder heimkehrte, fhlte er, da der Mann
ihm forschend nachsah. Auch mit seinem Burschen hatte er sich bekannt
gemacht, stand zuweilen plaudernd am Gartenzaun. Nach nherer
Erkundigung aber stellte sich heraus, der unheimliche Fremde wre ein
pensionierter Kanzleibeamter aus Knigsberg, der sich hier einen
Ruhesitz einrichtete, auf dem er als bescheidener Rentner zu leben
gedchte. Die vermeintliche Beobachtung war nichts weiter als
spiebrgerliche Neugierde.

Da fing Gaston an, allmhlich ruhiger zu werden, und zugleich stellte
sich ihm eine Erklrung ein, da er auf seine beiden Briefe keine
Antwort erhalten hatte. Den zweiten htte er sich eigentlich sparen
knnen, der erste war ja schon deutlich genug gewesen. So deutlich, da
eine Frau wie Josepha darauf nichts mehr zu erwidern brauchte. Und er
zerfleischte sich mit bitteren Selbstvorwrfen, er htte die notwendige
Befreiung vielleicht mit zarteren Mitteln durchsetzen knnen. Die
Aermste konnte doch nichts dafr, da sie aus einem Gefhl
unerklrlicher Sympathie ihre Hoffnung auf einen setzte, der sie
bitterlich enttuscht und -- weshalb, war gleichgltig -- die
beschworene Treue brach ...

Am eigenen Leibe versprte er's jetzt, wie es einem zumute war, der sich
in hoffnungsloser Sehnsucht verzehrte. Wie eine Krankheit war das, die
den Befallenen ganz schwach und elend machte. Stundenlang ging man herum
wie ein Gesunder, dann kam pltzlich das bittere Weh ber einen, da man
htte aufschreien mgen vor Schmerzen und Bangen und Qual.

Einmal vor ein paar Tagen hatte er das Frulein von Gorski
wiedergesehen. Sie hielt in einem Selbstfahrer mit einem schnittigen
Trakehner Halbblut auf dem Marktplatz, sprach eifrig mit ihrer Freundin
Lttritz, der Gattin des Rittmeisters der zweiten Schwadron. Er grte
respektvoll, sie dankte kurz, blickte kaum nach ihm hin. Wenn sie nicht
gar so khl zurckgegrt htte, wre er an den Wagen getreten, htte
sich entschuldigt, da er wegen vielen Dienstes leider noch immer nicht
dazu gekommen wre, in Kalinzinnen seinen pflichtschuldigen Besuch
abzustatten. So ging er weiter und schalt sich einen Narren, weil er
sich im innersten Winkel seiner Seele immer noch mit trichten
Hoffnungen und Wnschen getragen hatte. Die Einladung damals auf der
Reise war nichts weiter als eine belanglose Liebenswrdigkeit gewesen,
stammte aus irgend einer gehobenen Stimmung, die vielleicht mit der
Heimkehr nach langer Abwesenheit zusammenhing oder mit der glcklichen
Genesung ihres Vaters. Da htte sie jeden anderen an seiner Stelle wohl
ebenso eingeladen. Und das vermeintlich absichtliche Vergessen der
kostbaren Zigarettentasche? Wenn es wirklich Absicht war, war es die
Laune einer verwhnten jungen Dame, die sich in kindischem Trotz gegen
den Vater auflehnte einen Augenblick lang ...

Ein paar Stunden spter war die ganze Angelegenheit wieder vergessen.
Und von seinem russischen Lehrer, der ihm nach beendigter Lektion bei
einer Zigarette zuweilen Neuigkeiten aus dem Kreise erzhlte, erfuhr er,
die Verlobung im Herrenhause von Kalinzinnen stnde kurz bevor. In der
letzten Augustwoche wrde Frulein von Gorski einundzwanzig Jahre alt,
und dann wrde die Verlobung mit dem Besitzer des Nachbargutes Orlowen
verffentlicht. Schon jetzt trfe man die Vorbereitungen zu dem Fest.

An dem Abend litt es ihn nicht in der Einsamkeit seines kleinen
Huschens, er mute sich irgendwie Gewiheit schaffen.

Er machte sich auf und ging ins Kasino. Es waren zehn oder zwlf Herren
da im Spielzimmer, aber er stie auf frostigen Empfang. Alle gingen sie
nach kurzer Zeit fort, weil sie heim wollten nach anstrengendem Dienst
oder irgendeine Verabredung hatten. Nur sein Schwadronskcken blieb
bei ihm sitzen, der jngere Leutnant von Gorski. Er lud ihn auf eine
Flasche Mosel ein, der Kleine akzeptierte dankend, sa aber dann
verfroren auf seinem Stuhl und blinzelte den Schwadronschef von Zeit zu
Zeit verwundert an, als wenn er fragen wollte, weshalb er gerade zu
dieser pltzlich ber sein ahnungsloses Haupt sich ergieenden Ehrung
kme. Zudem war der Mosel sauer wie Essig. Eine jener Sorten, denen,
seiner Ansicht nach, vornehmlich die Zunahme der Temperenzlerbewegung zu
verdanken war.

Erst allmhlich wurde der kleine Gorski wrmer, als sein Rittmeister ihm
bei der zweiten Hlfte der Flasche die unerwartete Erffnung machte, ihm
wre es leider nicht gegeben, mit leichtem Sinn Anschlu zu finden. Dazu
brauchte er immer erst eine gewisse Zeit, aber von jetzt an wrde er
sich fter zum abendlichen Schoppen im Kasino einfinden. Darauf erklrte
Karl von Gorski, die Ausfhrung dieser liebenswrdigen Absicht wrde im
Kreise der Kameraden allseitige Freude erregen. Als jedoch danach das
Gesprch wieder ins Stocken geriet, begann er, seinem Vorgesetzten die
neuesten jdischen Witze zu erzhlen. Aber es war ein undankbares
Beginnen. Bei Pointen, die jedem an der polnischen Grenze Aufgewachsenen
das Zwerchfell erschtterten, verzog der kaum den Mund. Da beschlo er,
auf einen baldigen Rckzug zu sinnen, gleich den brigen, die sich vor
dem steifleinenen Gesellen da rechtzeitig gedrckt hatten, in der
gemtlichen kleinen Kneipe am Gerichtsplatze saen und wrziges Bier
tranken statt sauren Mosels.

Unbegreiflich erschien es jetzt auch ihm, wie er an diesem zugeknpften
und hochmtigen Generalstbler in den ersten Tagen hatte Gefallen finden
knnen. Die andern hatten schon recht, dem waren die paar Jahre hier
nichts als eine belanglose Durchgangsstation. Sie aber waren mit dem
Regiment schon seit Generationen verwachsen. Alles, was an 'Cadets'
heranwuchs auf den Gtern um Ordensburg, diente bei den Dragonern.
Pltzlich aber hob der Kleine den Kopf mit den lcherlich groen Ohren.
Und mit einem Male fing es ihm an zu dmmern, weshalb der da drben
seine Gesellschaft gesucht hatte.

Was ich schon immer fragen wollte, sagte der Rittmeister, wie geht es
eigentlich Ihrem Herrn Onkel in Kalinzinnen? Ich fuhr am Tage meiner
Ankunft mit ihm in der Bahn zusammen, und wenn ich mich recht entsinne,
war damals von einer Operation die Rede, die er glcklich berstanden
hatte. Der alte Herr, glaube ich, war mit dem Pferde gestrzt?

Ganz recht, versetzte Karl von Gorski, aber es geht ihm
ausgezeichnet. Im Herbst hofft er schon wieder unsere Jagden mitreiten
zu knnen.

Freut mich sehr! Ihr spezielles Wohlsein, lieber Herr von Gorski.

Lffle mich gehorsamst, Herr Rittmeister. Der Kleine leerte tapfer
sein Glas, hllte sich danach aber in Schweigen. Der andere konnte ja
anfangen, wenn er mehr aus Kalinzinnen zu erfahren wnschte.

Ich finde, dieser Mosel schmeckt ein wenig suerlich, sagte Herr von
Foucar nach einer Pause. Und er erwiderte:

Mit allem schuldigen Dank fr die gtige Einladung, aber ich bin der
Ansicht, man mte den Kasinovorstand wegen Vorspiegelung falscher
Tatsachen belangen, weil er dieses Getrnk mit 'Josephshfer'
bezeichnet. Vielleicht aber hat blo eine Verwechslung stattgefunden.
Wir haben nmlich auch ein Fa Essig im Keller liegen, da machen wir
wahrscheinlich mit Mosel den Salat an, whrend diese Flssigkeit hier
sich sehr viel besser eignen wrde zur Vermischung mit Oel und
Mostrich.

Gaston lachte auf.

Weshalb haben Sie das nicht gleich gesagt? Wollen wir ein Glas Sekt
trinken?

Karl von Gorski klappte die Hacken zusammen.

Mein angeborenes Disziplingefhl gestattet mir nicht, eine solche
Anfrage aus dem Munde eines Vorgesetzten zu verneinen. Und da ich
persnlich zudem auf dem Standpunkte stehe, der Sekt mte das
Nationalgetrnk des preuischen Leutnants werden, namentlich, wenn er
eingeladen wird ... Und er beschlo in seinem milder gestimmten Herzen,
sich zu revanchieren. Dem anderen da die Frage zu ersparen, zu der er
sich anscheinend nur schwer entschlieen konnte.

Die Ordonnanz hatte den Eiskhler mit der silberbehalsten Flasche
gebracht, der Kleine schenkte nach eingeholter Erlaubnis die Glser
voll.

Uebrigens meine Cousine Annemarie hat sich riesig gefreut, als sie ihre
verloren geglaubte Zigarettentasche wiederbekam.

Der Rittmeister rckte nher: Wirklich?

Kolossal hat sie sich gefreut. Nur sie hat sich -- aber ich bitte um
die Erlaubnis, ganz offen sein zu drfen ...

Aber selbstverstndlich ...

Also, sie hat sich erheblich gewundert, da Herr Rittmeister das
Fundstck nicht persnlich berbrachten. Namentlich, da sie sich doch
das Vergngen gemacht hatte, Herrn Rittmeister aufzufordern, in
Kalinzinnen recht bald Besuch zu machen.

Gaston fhlte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. Zu dumm war das!
Und er nahm sich gewaltsam zusammen.

Es tut mir selbst am meisten leid, da ich dieser freundlichen
Einladung wegen zu vielen Dienstes nicht folgen konnte. Und jetzt mchte
ich meinen Besuch in Kalinzinnen verschieben, bis das Fest vorber ist.
Es wre mir doch peinlich. Das wrde aussehen, als wollte ich dazu
eingeladen sein.

Karl von Gorski blickte auf. Er hatte wohl bemerkt, da sein
Vorgesetzter pltzlich Farbe in die Wangen gekriegt hatte, aber noch
tappte er im dunkeln, konnte sich keinen rechten Vers auf die ganze
Geschichte machen.

Welches Fest meinen Herr Rittmeister?

Nun, die ... die Verlobung von Frulein Annemarie. Erst heute hrte ich
zufllig, sie wrde sich demnchst ffentlich verloben. Mit dem Herrn
von Brinckenwurff, den ich am ersten Abend hier kennen lernte, als ich
ankam.

Der Kleine schwieg darauf, und Gaston mute weitersprechen. Er fhlte
deutlich, da der Wein auf ihn zu wirken begann -- seit Wochen hatte er
keinen mehr getrunken. Zu Mittag ein Glas Wasser und abends bei der
Arbeit einen leichten Tee. Er htte den Kleinen anschreien mgen: 'Gib
mir Gewiheit! Du hast sie doch in diesen Tagen fter gesehen, weit
vielleicht, was sie fhlt und denkt.' Statt dessen mute er hflich
weitersprechen: Eine sehr passende Verbindung, soweit ich's beurteilen
kann. Nachbarskinder, die Besitz zu Besitz bringen, und dann ... sie
kennen sich von Jugend auf.

Karl von Gorski nickte. Er wute Bescheid. Die Worte klangen
gleichgltig, nur das Drum und Dran war verrterisch. Wre ja auch
merkwrdig gewesen, wenn der da drben sich in das schne Cousinchen
nicht verliebt htte. Alle verliebten sich ja in das herrliche Mdel,
die es kennen lernten. Er selbst fhlte bei allem philosophischen
Gleichmut einen Stachel im Herzen, wenn er daran dachte, da sie einen
anderen heiraten sollte. Aber er war -- Gott sei Dank -- immer noch in
der Lage, sich mit einem guten Witz darber hinwegzusetzen. Jetzt hatte
es den da auch gefat, ganz wie er's vorausgesagt hatte. Nur es war zu
spt, er hatte seinen gnstigen Augenblick verpat. In vierzehn Tagen
gab es in Kalinzinnen Verlobung. Und er sann darber, wie er's ihm am
schonendsten beibringen sollte, da da nichts mehr zu hoffen war.

Ja, Herr Rittmeister, begann er tiefsinnig, zu dieser Verlobung wre
manches zu bemerken. Wie zum Beispiel zu der Preuischen Klassenlotterie
... Nicht immer gewinnt der Wrdigste das Groe Los. Manchmal fllt es
an einen Kommerzienrat, der sich nicht sonderlich viel daraus macht. Und
die anderen stehen 'rum, beneiden ihn -- wie der ergebenst
Unterfertigte. Einer kann es ja nur gewinnen, aber weshalb mu es immer
der andere sein? Das frit einem am Herzen, namentlich wenn man sich
schmeicheln darf, ein auergewhnlich begabter junger Mann zu sein ...

Sehen der Herr Rittmeister mich mal an! Haben Sie eben bemerkt, wie
brillant ich mit den Ohren wackeln kann? Zwei Zentimeter Ausschlag nach
oben und nach unten. Im Panoptikum knnte ich damit auftreten unter
riesigem Zulauf, wre auch in der Lage, das Publikum in den Pausen zu
unterhalten! Durch Humor ... Auf diese glnzenden Eigenschaften legt
mein Cousinchen keinen Wert. Als ich sie unlngst fragte: 'Annemieze, na
wie wr's? Wenn Du mich nehmen wolltest, wrdest Du aus dem Lachen nicht
'rauskommen,' zuckte sie mit den Achseln: 'Mein Jungchen, Du hast Deine
Chance verpat. Mir ist nicht mehr lcherlich zumute -- in vierzehn
Tagen ist Verlobung und in sechs Wochen Hochzeit. Die Kochfrau ist
schon bestellt aus Knigsberg, denn es soll natrlich 'was Feines zu
essen geben.' Da trstete ich mich ein bichen, weil ich nmlich eminent
feinschmeckerisch veranlagt bin ...

Er hob sein Glas: Gestatte mir gehorsamst zum Wohle, Herr Rittmeister!

Gaston trank schweigend. Er wute genug. Und der andere da drben hatte
anscheinend nicht das geringste gemerkt. Da er nur deshalb mit ihm hier
zusammensa, um ihn auszuhorchen. Und jetzt htte er mit der empfangenen
Auskunft wieder heimgehen knnen, aber ihm graute vor dem Alleinsein mit
den Gedanken, die aus allen dunklen Ecken gekrochen kamen in seinem
stillen Huschen da drauen ...

Die Flasche war leer, er griff nach dem Klingelzuge, der von der Lampe
herabhing: Ordonnanz, noch so eine ... Das heit, wenn Sie freundlichst
gestatten, Herr von Gorski?

Der Kleine klappte die Hacken zusammen, verneigte sich lchelnd. Er
selbst vertrug einen Stalleimer voll Sekt, brauchte am anderen Morgen
den Kopf nur fnf Minuten unter die kalte Brause zu stecken, um
vollkommen frisch zu sein. Sein Schwadronschef aber hatte schon die
Fahne aufgezogen, glhte im Gesicht wie ein Fieberkranker. Da gelang
es vielleicht, ihm listig noch allerhand abzufragen, was ihn selbst --
nicht blo aus Neugierde -- interessierte.

Vor jenen Wochen, gleich nach der Rckkehr aus Knigsberg, war sein
Cousinchen arg verstimmt gewesen. Schon damals glaubte er zu wissen,
weshalb, und heute war er seiner Sache sicherer denn je. Nur ein Rtsel
gab es noch zu lsen: warum hatte der dumme Kerl da sich am Tage nach
der gemeinschaftlichen Reise nicht auf seinen Gaul geschwungen, war nach
Kalinzinnen geritten? Da wre manches vielleicht anders gekommen. Und --
ein gewisses Positionsgefhl sagte ihm das wie beim Schachspiel -- die
Lsung war vielleicht in jener Zeitungsnachricht zu suchen, ber die sie
damals auf dem Heimwege vom Kasino gesprochen hatten.

Die Ordonnanz hatte sich nach dem Einschenken wieder zurckgezogen,
Gaston hob sein Glas: Na prosit, Herr von Gorski! Es ist nett von
Ihnen, da Sie mir Gesellschaft leisten. Die anderen Herren werden ber
meine Absentierung vielleicht auch milder urteilen in einigen Tagen. Ich
hatte mir selbst eine Aufgabe gestellt, die mich auerordentlich
beschftigte. Sie werden natrlich nicht darber sprechen.

Selbstverstndlich nicht, Herr Rittmeister.

Nun denn: es ist eine Mglichkeit vorhanden, die Herrschaften von
drben, wenn sie uns ohne Ankndigung berfallen, in eine groe
Mausefalle reiten zu lassen. Die Vorbereitungen dazu sind
verhltnismig einfach und, wenn ich dem Kommandeur Vortrag gehalten
habe, werden die Herren Kameraden mir hoffentlich Absolution erteilen.
Die Arbeit hat mich in der letzten Zeit ganz und gar in Anspruch
genommen.

Vielleicht auch noch etwas anderes, dachte der Kleine, laut aber sagte
er: Diese Mitteilung wird alle Miverstndnisse natrlich mit einem
Schlage beseitigen! Aber da auch ich keine Gelegenheit hatte, mit Herrn
Rittmeister auerdienstlich zusammenzukommen: wie hat sich eigentlich
der Fall des Oberleutnants Wodersen aufgeklrt, von dem wir damals
sprachen? In der Zeitung standen allerhand dunkle Andeutungen, er htte
sich infolge eines amerikanischen Duells das Leben genommen. Vor dem
Hause der Dame, die gewissermaen den Einsatz bildete. Haben Herr
Rittmeister das nicht gelesen? Ich glaube, die Nummer des obskuren
Wochenblttchens, die einer unserer Herren auf dem Bahnhof gekauft hat,
mu noch irgendwo zu finden sein.

Gaston sah sein Gegenber unsicher an.

Weshalb kommen Sie auf die Idee, da ich gerade in diesem traurigen
Fall Bescheid wei?

Weil Herr Rittmeister damals sagten, Sie wren mit Herrn von Wodersen
noch kurz vor der Katastrophe zusammen gewesen.

So ... habe ich das gesagt? Na ja, es ist ja auch die Wahrheit.

Gaston sprte, da er sich nicht mehr so in der Hand hatte wie sonst.
Nur er fhlte unklar, das war vielleicht die Gelegenheit, die junge Dame
in Kalinzinnen wissen zu lassen, da er sich nicht aus Feigheit
zurckgehalten hatte. Zehn solche Kerle wie dieser Herr von
Brinckenwurff htten dastehen knnen, das wre ihm herzlich gleichgltig
gewesen, wenn er mit reinen Hnden gegen sie htte anreiten knnen. Er
nahm einen hastigen Schluck.

Wovon sprachen wir doch eben?

Davon, da Herr Rittmeister mit diesem Herrn von Wodersen noch kurz vor
der Katastrophe ...

Ach so! Was in den Zeitungen steht, ist natrlich Unsinn. Ich habe
allen Grund zu der Annahme, er hat sich infolge eines Miverstndnisses
totgeschossen. Freilich nicht mit ganz klaren Sinnen. Ich habe frher
immer darber gelacht, da ein Mann sich so 'was in dieser Weise zu
Herzen nehmen knnte -- der Fall da hat mich eines Besseren belehrt. Der
arme Kerl war mit Haut und Haaren in eine vielumworbene Frau verliebt.
Und die machte sich nichts aus ihm. Er aber hoffte immer noch ...

Als er's mir zum ersten Mal erzhlte, in einer jener seltenen Stunden,
wo man das Visier hochschlgt, lchelte ich darber. Er sagte: 'Um die
Frau schie ich mich noch einmal tot.' Ich aber zuckte mit den Achseln:
'Verstiegene Redensarten!' Sonst vielleicht ... na schn, an dem
verhngnisvollen Tage traf ich ihn. Er war sehr aufgeregt, erzhlte mir,
er htte allen Grund zu der Annahme, da die schne Frau sich einem
anderen hinzugeben beabsichtigte. Und da unterlie ich es leider, ihn
trotz besseren Wissens aufzuklren, trotzdem ich diesen anderen und
seine eigentlichen Plne ziemlich gut kannte. Ich wute, dieser andere
war -- nicht ohne eigene Schuld natrlich -- in eine Verstrickung
geraten, die ihm bei klaren Sinnen eine Fessel war, nur er besa nicht
die Rcksichtslosigkeit, sich sofort davon zu befreien.

Zum allergrten Teil war es Mitleid, denn die Frau lebte in einer
unglcklichen Ehe, klammerte sich an ihn wie an den Heiland. Und jetzt
ist er bei dem ganzen traurigen Handel eigentlich am meisten zu
bemitleiden. Er hatte das Pech, sich hinterher in eine junge Dame zu
verlieben, der er anscheinend auch recht gut gefiel. Aber die alte
Schuld band ihm die Zunge ... Und jetzt --

Gaston fhlte deutlich, da er Worte wiederholte, die vor einigen Wochen
ein anderer gesprochen hatte, aber er konnte sich nicht helfen, er mute
sie aussprechen.

Jetzt kommt es ihm nicht mehr so lcherlich vor, wenn einer sagt, er
will sich aus unglcklicher Liebe totschieen. Der arme Kerl, der
Wodersen, hat alles aus dem Kopf. Ihm aber frit ein Geier an der Leber,
da er manchmal ... Er brach pltzlich ab, starrte mit weit
aufgerissenen Augen in eine der dunklen Zimmerecken.

Der Kleine erschrak heftig, ein kalter Schauer lief ihm ber den Rcken.
Den Zustand kannte er, in dem man allerhand Spuk sah mit wachen Augen.
Er hatte ihn einmal durchgemacht, als er mit Urlaub acht Tage in
Knigsberg verlumpt hatte, um auch so 'was unterzukriegen, was ihn
schwer bedrckte. Als er sich daheim aus notwendiger Enthaltsamkeit
wieder ausnchterte, sa in den ersten Nchten immer ein kleines
Mnnchen mit einem runden Krbiskopfe auf dem Fuende seines Bettes. Der
da drben sah jetzt wohl etwas anderes ... ein blasses Gesicht mit
durchschossener Schlfe ... Und aus anderer Ursache. Weil er sich vor
Kummer die Nerven zuschanden gearbeitet hatte, die der ungewohnte
Alkohol jetzt noch mehr auspeitschte. Da gab es nur ein Mittel: den
Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben! Den armen Kerl so vollzugieen,
da er bewutlos wie eine Tmpelkrhe ins Bett fiel, keine Dummheiten
mehr anrichten konnte. Und das war eine Aufgabe nach seinem Herzen. Er
schenkte den Rest der Flasche in die Glser.

Hoch zu verehrendes Wohlsein, Herr Rittmeister! Hat mich
auerordentlich interessiert, was Sie da von dem Herrn von Wodersen
erzhlten -- berflssig, zu versichern, da ich's fr mich behalte!
Aber ich meine, er mu wirklich verrckt gewesen sein. Oder er hatte
keine Spur von Pflichtgefhl im Leibe. Wer schiet sich denn tot, wenn
er vom Vaterlande gebraucht wird? Da kann man sich doch in
entscheidender Stunde vielleicht noch ein wenig ntzlich machen. Indem
man seinem Zuge bei 'Lanzen gefllt, Marsch, Marsch, Hurra!' mit Gebrll
voranreitet ...

Oder seiner Schwadron, warf Gaston mit schwerer Zunge ein.

Ganz recht, sagte der Kleine, je nach der Stellung, die man auf der
militrischen Stufenleiter einnimmt. Das Totschieen besorgt dann
nachher die mit Recht so beliebte feindliche Bleikugel. Aber da der
Deutsche schon seit Tacitus' Zeiten einen Lokalwechsel braucht, um immer
noch einen zu trinken, mchte ich gehorsamst vorschlagen, wir tun
desgleichen. Hier in der Nhe gibt es ein vorzgliches Glas Bier. Und da
sitzen noch einige Kameraden, die sich mchtig freuen werden, den Herrn
Rittmeister zu begren.

Meinen Sie, lieber Gorski?

Aber selbstverstndlich! Herr Rittmeister hatten sich -- wenn mir's
gestattet ist, das zu bemerken -- ganz vorzglich bei uns eingefhrt im
Regiment. Blo Sie mten sich fter sehen lassen.

Na, dann vorwrts!

Im Hinausgehen flsterte Karl von Gorski der Ordonnanz zu: Marsch, ins
Revier der fnften Schwadron! Der Kutscher vom Krmperwagen soll
anspannen, an der kleinen Kneipe vorfahren, gegenber vom Landgericht!

Die Ordonnanz nahm schweigend die Hacken zusammen. Solche Auftrge waren
nichts Auergewhnliches. Nach einem Liebesmahl fuhren die meisten der
Herren mit dem Krmperwagen nach Hause, um unliebsamen Begegnungen
auszuweichen. Und der Rittmeister von der Fnften wohnte ein ganzes Ende
weit vor der Stadt ...

Auf der Strae hielt Karl von Gorski sich dicht neben seinem
Vorgesetzten, um erforderlichen Falles zur Hand zu sein, wenn dem der
Fu in unsicherem Tritte stocken sollte. Aber die Frsorge war unntig,
der Rittmeister ging ohne Schwanken die Strae entlang. Da stieg seine
Hochachtung gewaltig: der Mann mute eine fabelhafte Energie besitzen,
um sich so zusammenreien zu knnen! Und nach einigen Minuten blieb Herr
von Foucar pltzlich stehen, sagte mit ganz klarer Stimme: So, das hat
wohlgetan. Aber noch eins, Herr von Gorski ...

Herr Rittmeister?

Ich bin vorhin ein bichen zusammengesackt. Ich lege keinen Wert
darauf, da das in weiteren Kreisen bekannt wird. Ich hatte meinen
Nerven in den letzten Wochen zu viel zugemutet, und vorher die Zeit im
Generalstabe -- ja, das war auch alles andere, nur keine Sommerfrische.

Der Kleine blickte auf.

Sehr wohl, Herr Rittmeister! Aber die Mahnung zur Diskretion war etwas
krnkend, nachdem Sie die Gte gehabt hatten, mir ein wenig Vertrauen zu
schenken. Ich mache nicht immer schlechte Witze, ich kann auch manchmal
leidlich ernst sein.

Gaston legte in einer impulsiven Regung seinem Leutnant den Arm um die
Schulter, zog ihn nher an sich.

Wei ich, kleiner Gorski, wei ich! Und zuverlssig. Sonst wre ich
wohl nicht so aus mir herausgegangen. Die, denen das sogenannte Herz
immer gleich auf der Zunge liegt, haben es leichter.

Er lie seinen Arm wieder sinken und fuhr lchelnd fort: Aber diese
neue Freundschaft wird mich natrlich nicht hindern, Sie im Bedarfsfalle
unter vier Augen wieder einmal grndlich anzulappen! Falls Sie morgen
nmlich, wie neulich, zehn Minuten zu spt zum Dienst kommen sollten.

Es wird mir ein Hochgenu sein, sagte der Kleine. Und noch eine
Frage: die junge Dame, in die sich 'der andere' verliebt hat, von der
Herr Rittmeister vorhin sprachen ...?

Die ist mit ihm zusammen in der Eisenbahn gefahren, da lernte er sie
kennen. Leider zu spt. Fr ihn selbst. Ein Skrupelloser htte sich
vielleicht darber hinweggesetzt, da er noch an eine andere gebunden
war. Ihm ist es nicht gegeben, das einer Frau verpfndete Wort wie eine
Seifenblase zu behandeln. Aber das ist ja auch egal ... in vierzehn
Tagen verlobt sich die mehrfach genannte junge Dame ...

Karl von Gorski blickte tiefsinnig vor sich hin.

Selten ist wohl von einem Weisen ein wahreres Wort gesprochen worden
als der Satz: 'Verlobt ist nicht verheiratet.' Und von allen Sagen, die
ich kenne, erschien mir immer die vom Tannhuser am vernnftigsten: es
kann alles verziehen werden. Namentlich wenn der Tannhuser
gewissermaen nur aus Versehen in den Venusberg geraten war.

Gaston atmete tief auf, eine verrckte Hoffnung regte sich ihm im
Herzen. Aber das war natrlich Unsinn. Der Kleine da neben ihm hatte
eine Flasche Sekt im Leibe. Da sprach er mehr, als er verantworten
konnte. Genau wie er selbst. Nur der ungewohnte Trunk hatte ihn doch
verleitet, ein sorgfltig gehtetes Geheimnis zu verraten. Dem er's
anvertraut hatte, war ein Edelmann, behielt es bei sich. Wenn nicht, war
es auch egal. Von morgen fing ein neues Leben an, trinken war besser als
arbeiten. Beim Arbeiten sa man allein, beim Trinken in lustiger
Gesellschaft. Und man geriet nicht in den Verdacht, da man sich
hochmtig und streberisch von den Kameraden absonderte ...

In der von Tabaksqualm erfllten kleinen Kneipe gab es nach anfnglichem
Stutzen groes Halloh. Der dicke Herr von Schnakenburg, der
unverheiratete Major vom Stabe, erhob seine drhnende Stimme: Zeichen
und Wunder! Der Gerechte verirrt sich unter die Gottlosen? Was
verschafft uns denn die Ehre, Herr von Foucar?

Die bessere Einsicht, Herr Major, versetzte Gaston. Die Einsicht, da
es verdienstvoller ist, zu trinken, als leeres Stroh zu dreschen. Ist es
gestattet, meine Herren?

Aber mit Vergngen!

Major von Schnakenburg, der mit dem Rcken zur Wand sa, tippte seinem
Nachbar, dem einzigen Zivilisten in der Tafelrunde, auf die Schulter:
Sie, junger Brinckenwurff, rcken Sie mal 'ne Rotte weiter nach unten.
Ich mchte den unerwarteten Rittmeister gern an meiner grnen Seite
haben. Vorausgesetzt, da er noch ber den Tisch klettern kann.

Wird sofort gemacht!

Dem Kleinen stand der Atem still, das gab sicherlich ein Unglck. Er
nahm eine Art von Bereitschaftsstellung ein, um bei einem Sturze zur
Hand zu sein, aber die Befrchtung war grundlos. Herr von Foucar stieg
sicher hinber, nahm auf dem Stuhle Platz, den der lange Brinckenwurff
soeben freigemacht hatte. Und ein paar Minuten spter hatte er die
Fhrung des Gesprches bernommen an dem runden Tische. Plauderte mit
glnzender Laune ber alles mgliche, erzhlte kleine Anekdoten aus dem
internen Betriebe des Generalstabes, bezauberte die ganze Gesellschaft.
Der allgemeine Aufbruch fand spter als sonst statt. Hermann von
Brinckenwurff ging mit den beiden Brdern Gorski nach dem Bahnhofe zu,
im Hotel zum Kronprinzen hatte er sein Fuhrwerk eingestellt.

Ich kann mir nicht helfen, sagte er, der Mensch ist mir unsympathisch
mit seinem sprunghaften Wesen. Schlielich ist er doch keine Primadonna
im Regiment, die sich den Luxus gestatten darf, Launen zu haben!
Wochenlang hat er uns geschnitten, mit einem Male taucht er auf, spielt
den Liebenswrdigen und Geistreichen ...

Entschuldige, fragte Karl von Gorski, scheinbar harmlos, wen meinst
Du eigentlich?

Na, Euren neuen Rittmeister, diesen Baron von Foucar!

So, so! Dazu liee sich bemerken, geistvolle Leute haben ein gewisses
Recht, launenhaft zu sein, denn der Geist lt sich nicht kommandieren.
Etwas anderes ist es mit dem Stumpfsinn. Der ist bei seinem Besitzer
immer gleichmig vorhanden. Man sagt nur ab und zu einmal 'Prost' --
was keine besondere Anstrengung kostet -- trinkt acht halbe Liter und
fhrt mit der Befriedigung, sich glnzend unterhalten zu haben, nach
Hause.

Herr von Brinckenwurff begehrte auf.

Karlchen, wahr' Deine Zunge! Schon neulich hatte ich die Empfindung, Du
legst es darauf an, Dich an mir zu scheuern.

Der Kleine stie einen komischen Seufzer aus.

Da wunderst Du Dich darber? Wo ich in Deine zuknftige Braut so
unglcklich als nur irgend mglich verliebt bin? Mich trstet nur eins:
da Du in Blde nmlich den geliebten Topp Echtes am Abend entbehren
wirst! Samt den Mikoschwitzen Deines Freundes Tonnchen, die Dir so viel
Vergngen machen. Dann mut Du als ein gebndigter Herkules bei Deiner
Omphale sitzen, die Spindel drehen und Heines Buch der Lieder
deklamieren. Ich denke es mir wonnig!

Herr von Brinckenwurff lachte.

Entschuldige, Karlchen, da ich Dich einen Augenblick ernst genommen
habe. Aber das mit dem Herkules am Spinnrocken ist Phantasie. Oder
vielmehr ganz richtig fr die ersten paar Wochen. Nachher zieht man
langsam die Kandaren an, lebt wieder, wie es einem pat. Im ersten Jahre
mault sie. Im zweiten hat sie so einen kleinen Quarrsack in der Wiege,
da begibt sie sich.

Sehr richtig! Und -- was ich schon immer fragen wollte -- gibt's Krebse
bei Eurem Verlobungsdiner?

Selbstverstndlich! Schon seit acht Tagen lasse ich in der ganzen
Umgegend sammeln. Kerle wie Hummern -- pro Nase gibt es mindestens ein
ausgewachsenes Dutzend.

Dann komme ich bestimmt. Fr Krebse lasse ich mein Leben. Auerdem
aber -- seine Stimme klang pltzlich scharf -- interessiert es mich
immerhin, zu sehen, wie einer geborenen Gorski die Kandaren angezogen
werden. Das berlegst Du Dir vielleicht noch! Na, gute Nacht, Hermann,
ich mu jetzt nach rechts ab.

Er bog in eine Seitenstrae, die zu der dunklen Bahnhofsallee im rechten
Winkel stand. Der Lange rief ihm nach: Manchmal wei man wirklich
nicht, was man von Dir halten soll!

Beruhige Dich, rief er zurck, manchmal wei ich's auch nicht.

Die beiden Brder Gorski schritten der gemeinschaftlichen Wohnung zu,
der ltere sagte mibilligend: Du wirst den Hermann Brinckenwurff so
lange anulken, bis er Dir eines Tages an den Hals fhrt. Diese Anzapfung
eben war doch zum mindesten hchst berflssig!

Vielleicht nicht so ganz! Im Gegenteil! Wenn ich so sagen darf, fr
mich eine Gewissensberuhigung. Neulich sagte ich, ich wrde mich als
Pythia frisieren. Mit 'nem Dreifu. Morgen kaufe ich mir eine groe
Schere, reite nach Kalinzinnen, um -- mglicherweise -- einen
Verlobungsfaden abzuschneiden!

Karlchen, Du bist verrckt!

Ah nein, mein Jungchen, sondern der einzig Vernnftige in der ganzen
Pastete. Zwei Leutchen sind da drin, die aneinander vorbeigehen. Aus
Miverstndnis. Die sollen sich aussprechen drfen. Was sie nachher tun,
ist ihre Sache. Das bin ich beiden schuldig. Ihr, weil ich mal bld in
sie verliebt war, dem anderen, weil ich vor einer Stunde ungefhr eine
gewaltige Hochachtung vor ihm gekriegt habe. Fast schon Zuneigung. Und
nicht zuletzt handle ich aus Familiengefhl. Es war schon einmal so ein
Skandal in der Familie Gorski, vor jenen zwanzig oder mehr Jahren. Ich
kenne ihn aus mangelnder Anciennitt nur vom Hrensagen, aber ich kann
ihn mir nachtrglich vorstellen. Hinterher wird geschossen, die
Leidtragende ist das arme Wurm von Frau, das sich ein paar Jahre zu frh
verheiratet hat. Ehe sie den kennen lernte, der vielleicht besser zu ihr
gepat htte. Der nachher Hausfreund wird, weil der Herr Gemahl seine
Zerstreuung in der Kneipe sucht.

Und Hermann von Brinckenwurff? Der uns doch als Jugendfreund
nahesteht?

Der Kleine hob die Achseln.

Der andere steht mir nher, seit einer Stunde. Einer mit Irrtmern und
Fehlern vielleicht, aber ein Edelmann! Ich habe beschlossen, mir hhere
Stiefelabstze zuzulegen, weil er mich seiner Freundschaft wrdigte. Um
schon uerlich diese neue Wrde zu dokumentieren. Ich werde auch neue
Visitenkarten drucken lassen, wie jener, dadurch berhmt gewordene Herr
Mller: '=Ami de Beethoven!=' Das gibt immerhin ein gewisses Relief.

Karlchen, ich glaube, Du bist betrunken!

Mglich, Herr Majoratserbe, mglich. Aber was beweist das? Ich bin
immer der Meinung, die genialsten Einflle sind im Rausch zustande
gekommen. Im Rausch, wo man mit beschwingter Phantasie aufs Ganze geht,
statt sich an allerhand Kleinkram zu stoen. Und jetzt lese ich auf
Deinen Lippen das Wort 'Philosoph'. Da irrst Du Dich. Ich bin wirklich
nur betrunken. Und morgen nachmittag reite ich nach Kalinzinnen, erzhl'
der Annemieze, da sie sich flschlicherweise gergert hat wegen einer
ausgeschlagenen Einladung. Dann kann sie hinterher immer noch tun, wozu
sie Lust hat. Den einen nehmen oder den anderen.

Karlchen, misch Dich nicht in Dinge, die Dich nichts angehen! Neulich
gabst Du mir doch selbst den Rat, den Daumen nicht in eine Trangel zu
stecken!

Das war neulich! Inzwischen aber bin ich zu der Erkenntnis gekommen,
da es unmglich das Ideal einer Ehe sein kann, wenn der Gatte
allabendlich in die Stadt fhrt, um dickes Bier zu trinken. Stumpfsinnig
dasitzt, bis der Leutnant Uhlenburg einen Witz erzhlt, und dann sagt:
'Na prost! Sollst leben, Tonnchen!' Dazu ist mir unser Cousinchen zu
schade!




9.


Die Augustsonne brannte mit sengenden Strahlen vom Himmel herab, auf den
Roggenfeldern stand der liebe Erntesegen schon in Hocken. Nur der Weizen
war noch zu schneiden und der Hafer, aber Gott allein wute, ob die
reife Frucht noch im Frieden in die Scheuern kommen wrde. Allerhand
wilde Gerchte schwirrten in der Luft, flogen von Mund zu Mund. Und das
aberglubische Landvolk sah unheilkndende Zeichen. Die Kraniche zogen
frher als in anderen Jahren nach dem Sden, in dem Sternbilde des Bren
stand eine feurige Rute. Mit bloem Auge war sie noch schwer zu
erkennen, aber sie wuchs und wurde grer wie damals im Kriegsjahre
siebzig.

Da lieen auch die Besonnenen sich hinreien, und ein dumpfer Zorn
sammelte sich allmhlich in der Bevlkerung des Grenzlandes gleich einer
Gewitterwolke. Was sollten diese immer neuen Beunruhigungen von rechts
und links, von denen man in der Zeitung las; konnte man nicht in Frieden
nebeneinander leben? Auch dem Langmtigsten lief einmal die Galle ber,
und dann gab es Kleinholz ringsum. Aber wenn schon einmal abgerechnet
werden mute, dann bald! Damit es endlich Ruhe gab. Den ewigen
Alarmzustand hielt niemand mehr aus.

Die fnfte Schwadron der Ordensburger Dragoner war auf Felddienstbung
nach der Grenze zu. Patrouillen ritten im Vorgelnde, brachten Meldungen
von dem weitaus strkeren Feind, der durch einen Rekognoszierungsvorsto
zu vorzeitiger Entwicklung gebracht werden sollte. Der Befehl, den der
Fhrer erhalten hatte, war kurz und entsprach dem Ernstfalle, wie alle
Uebungen, die der Oberstleutnant Harbrecht ansetzte. Fliehende
Landbewohner hatten die Meldung gebracht, da der Feind ber die
Dombrowker Berge im Anmarsch wre. Rittmeister von Foucar bekam den
Auftrag, seine Strke und Zusammensetzung zu erkunden. Da traf er nach
kurzer Ueberlegung seine Manahmen, lie die Schwadron antraben.

Whrend er an der Tte ritt, fuhr es ihm durch den Sinn, da der jngere
Leutnant Gorski ihm in der vorgestrigen Nacht eine Art von Versprechen
gegeben hatte. Ein Versprechen, das er am nchsten Morgen wahrscheinlich
schon wieder vergessen hatte. Nichts deutete darauf hin, da er ihm
vielleicht etwas zu sagen hatte. Gelegenheit dazu wre reichlich genug
gewesen, als die Schwadron noch auf dem Kasernenhofe hielt. Er brauchte
ja nur zu sagen: Herr Rittmeister, ich war gestern in Kalinzinnen, habe
Gre zu bestellen. Statt dessen hatte er, wie ihm scheinen wollte,
geflissentlich zur Seite gesehen, als er mit fragendem Blick sein Auge
suchte. Und es war schlielich erklrlich. Der Tag hatte ein anderes
Gesicht als die Nacht -- in der Nacht versprach man manches, was man im
hellen Tageslichte nicht halten konnte, weil sich dann die khlen und
nchternen Erwgungen einstellten. Das wute er selbst am besten ...

Die Schwadron hatte den Beldahner Wald hinter sich, das Gelnde wurde
bersichtlicher. Im Hintergrunde standen die Dombrowker Berge, eine
kahle Hgelkette, ber deren Kamm die Grenze fhrte. Davor Oedland mit
Wacholderbschen, links im weiten Bogen eine zwanzigjhrige
Kiefernschonung, deren Rand von Infanterie besetzt war. Als die linke
Seitenpatrouille der in Zugkolonne reitenden Schwadron auf dreihundert
Schritt heran war, bekam sie Feuer. Eine Reihe blauer Uniformen tauchte
auf, eine helle Kommandostimme klang klar herber: Auf die hinter der
Patrouille anreitende Kavallerie ... Visier achthundert Meter ...
Schnellfeuer ... Leichte Wlkchen hoben sich am Waldrande, ein
seltsames Knattern war vernehmbar wie das Rasseln einer Maschine.

Gaston hob den Sbel, lie rechtsum Kehrt schwenken, bis die Schwadron
hinter einer Bodenwelle in Deckung war. Der erste Halbzug sa ab,
erffnete unter Begleitung von drei Flaggen, die die beigegebene
Infanterie markierten, ein heftiges Feuer, das den Feind zur weiteren
Entwicklung ntigen sollte. Aus einer Schlucht zwischen zwei Hgeln in
der Front quoll Kavallerie, formierte sich in der Vorbereitung zur
Attacke in Linie, auf dem Berge halb rechts zeigten sich gelbe Flaggen.
Zwei Batterien Artillerie stellten sie vor.

Da lachte Gaston kurz auf, es gab Gelegenheit, ein schneidiges
Reiterstcklein auszufhren, das durchaus im Sinne der Uebung lag. Nicht
umsonst hatte er in den vergangenen Wochen das Gelnde an der Grenze
durchstreift zu Rade oder im Sattel. Rechts von der Senkung, in der er
hielt, fhrte eine breite Schlucht, die gedecktes Anreiten gestattete,
in die Flanke der feindlichen Artillerie. Nur dreihundert Schritt
ungefhr waren zum Schlu mit Marsch, Marsch, Hurra! zu durchreiten in
offenem Feld, um sie zu berrennen und zu vernichten. Und im Ernstfalle
htte wohl mehr da oben gestanden als zwei plundrige Batterien, ein
Schlag htte es werden knnen, der den ganzen Erfolg des ersten
Vorstoes zum Scheitern brachte.

Die Meldungen ber das bisher Gesehene gingen nach hinten an den dicken
Major von Schnakenburg, der auf dieser Seite die Uebung
beschiedsrichterte, wie der respektlose Leutnantsausdruck diese
Ttigkeit nannte. Um die in der Front anreitende Kavallerie kmmerte
sich Gaston nicht. Die machte zunchst 'mal einen Luftsto߫, weil er
mit seinen hundert Mnnerchen nmlich nicht mehr da war. Weiter hinten
aber geriet sie in das Feuer der Infanterie, das freilich nur durch
einige geschwenkte Flaggen markiert wurde.

Das Kommando ging durch halblaute Zurufe weiter, die Schwadron trabte an
in Zugkolonne, die Schlucht war breit genug. Sie ffnete sich zu einem
Hange, der zu der Bergkuppe fhrte. Gaston schwenkte den Sbel, lie die
Eskadron in Linie aufmarschieren, und dann klangen die Kommandos, die
Trompetensignale schmetterten.

Zur Attacke Lanzen gefllt ... Marsch, Marsch, Hurra! ... Wie eine
Windsbraut fegte die Schwadron den sanftgeneigten Hang hinan, der
Artillerie in die Flanke, mchtig erklang das Hurragebrll aus hundert
rauhen Kehlen. Der Rittmeister von Foucar sprengte auf die Kuppe, winkte
mit dem Sbel in einer Art von Siegerfreude nach dem Tal hinab, zum
Zeichen, da das verwegene Reiterstcklein gelungen war ...

Von der russischen Seite des Hgels kam ein fremdartig klingendes
Hornsignal, der Boden erdrhnte unter Rossehufen. Gaston wandte den
Kopf, eine Schwadron russischer Dragoner kam in Linie den Hang
hinaufgesprengt, die Lanzen gefllt. Dreiig Schritt vor der Grenze hob
der Fhrer den Sbel: =Stoi!= Die Dragoner fielen in Trab, um in Linie
zu halten. Der linke Flgelunteroffizier des ersten Zuges schien jedoch
die Herrschaft ber seinen Gaul verloren zu haben, jagte weiter, ber
die Grenze. Der preuische Infanterieunteroffizier, der die Flaggen
kommandierte, ein Kolo von sechs Fu Gre, warf sich dem Gaul entgegen
und ri ihn am Zgel in die Knie, so da der Reiter kopfber aus dem
Sattel flog.

Es war einer jener Augenblicke, in denen den Zuschauern das Blut in den
Adern stillstand. Ein kleiner Funke sprang auf in einer mit Elektrizitt
berladenen Atmosphre. Wenn man ihn nicht mit besonnener Hand dmpfte,
konnte es unabsehbares Unheil geben. Aber es war eine hllische
Schwierigkeit dabei. Man stand in diesem Augenblicke vor dem ganzen
Vaterlande, durfte gerechtem Stolze nichts vergeben.

Der Fhrer der Grajewoer Dragoner schrie mit zornrotem Kopfe etwas auf
russisch hinber. Gaston verstand genug, um zu wissen, da der da drben
ungestm und mit wenig gewhlten Worten die Freigabe seines auf
feindliches Gebiet geratenen Mannes forderte. Er wandte sich im Sattel,
seine Stimme klang ruhig: Oberleutnant Gusovius!

Herr Rittmeister?

Lassen Sie scharf laden!

Zu Befehl! ...

Das war ein Bluff, seine Kerls fhrten nur Platzpatronen bei sich. Aber
er wirkte. Der Offizier auf der anderen Seite verstummte pltzlich, als
die Karabinerschlsser rasselten.

Gaston ritt hart an die Grenze, salutierte mit dem Degen.

Herr Kamerad, ich bitte um die Mitteilung Ihrer Wnsche. Nur ich mu
Sie darauf aufmerksam machen, auf deutschem Boden verstehe ich nur
Deutsch!

Der Russe erwiderte den Salut und sprach mit finsterem Gesicht in dem
harten Dialekt, der in den Ostseeprovinzen gesprochen wurde: Errsuche
hfflichst, meinen Unteroffizier freizugebben. Sein Gaul ist ein
Durchgnger, er hatte durchaus nicht die Absicht, mit Ihnen auf eigene
Faust Krieg anzufangen.

Gaston verneigte sich leicht im Sattel.

Das habe ich nicht einen Augenblick lang befrchtet. Er rief ber die
linke Schulter: Unteroffizier, geben Sie den Mann wieder frei. Er ist
nur aus Versehen ber die Grenze geritten.

Der baumlange Unteroffizier, der den Russen im Genick hielt, nahm die
Hacken zusammen.

Zu Befehl, Herr Rittmeister! Und mit einem gutmtigen Schubs gab er
dem Gefangenen den Kragen frei: Lauf, kleiner Russ', aber komm mir nich
noch 'mal in die Finger! Sonst nehm' ich Dich unterm Arm nach Hause,
mach' Biefstick aus Dir.

Die Ordensburger fnfte Schwadron lachte hell auf. Der Fhrer der
Grajewoer Dragoner bekam einen roten Kopf.

Herr Kamerad, ich bitte, Ihrem Untergebenen diese Redensarten zu
untersaggen!

Herr Kamerad, dazu habe ich nicht die geringste Veranlassung, war die
khle Antwort. Es ist ein Zeichen fr die gegenseitige Stimmung. Und
jetzt wren wir wohl fertig?

Serr wohl! Bis auf eine Kleinigkeit. Fr ein ernsteres Zusammentreffen
mchte ich gerne Ihren Namen wissen. Ich selbst heie Freiherr von
Heidedorff!

Gaston mute unwillkrlich lcheln.

Mein Name ist Gaston Baron Foucar von Kerdesac.

Der andere stutzte.

Franzose?

Nein, Deutscher! Auf Wiedersehen, Herr Kamerad.

Er salutierte und lie seine Schwadron kehrtmachen, in Zgen den Weg
zurckreiten im Schritt, den sie gekommen war. Und er lchelte noch, als
er schon wieder an der Spitze seiner Truppe ritt.

Der Russe da drben war von Herkunft ein Deutscher. Ihm selbst flo
franzsisches Blut in den Adern, und er fhrte eine deutsche Schwadron.
Im Ernstfalle htte er sie auch gegen die andere Seite gefhrt, ohne
Wimperzucken. Gegen das Land, das seine Vorfahren vor hundert Jahren
noch Vaterland genannt hatten. Was war da der Name? Wie man fhlte, war
alles. Und in ernsterem Erwgen sprang ihn die Frage an, weshalb wohl
zwischen den Vlkern der alten Welt, die doch so viel Gemeinsames hatten
an Blut und Kultur, diese feindselige Spannung entstanden war. Nur, weil
die Franzosen den Verlust zweier Provinzen nicht verschmerzen konnten,
die sie einstmals doch selbst geraubt hatten? Oder weil das groe Raufen
anhub um das letzte Stck Erde, das noch zu verteilen war? Oder weil ein
Wettlaufen begonnen hatte, welche Nation am meisten Baumwolle, Kanonen
und Maschinen verkaufte? Oder weil in dem ewigen Kreislauf des
Geschehens nach dem verschwommenen Weltbrgertum vergangener
Jahrhunderte eine Periode aufkam, voll von Egoismus? Mig war es,
darber zu grbeln. Vielleicht lag die Lsung in einer Art von
Eifersucht, welche Nation in Zukunft dazu berufen wre, der Welt den
Stempel ihres Wesens aufzudrcken. Das war ein hohes Ziel. Nur man
konnte sich vorstellen, da es auch im Frieden zu erreichen war, ohne
da Hekatomben von Menschen hingeschlachtet wurden ...

Die Schwadron trabte in der breiten Schlucht zurck, die ihr den
gedeckten Anritt ermglicht hatte. Karl von Gorski spornte seinen
hochbeinigen Trakehner vor, lenkte ihn neben den Fuchswallach seines
Schwadronschefs. Er zitterte vor Begeisterung.

Verzeihen, Herr Rittmeister -- es ist gegen alle Kleiderordnung, ich
wei es, aber ich kann mir nicht helfen, und wenn ich dafr eingesperrt
werde. Er hob den rechten Arm, rief mit heller Stimme: Dragoner!
Unser Herr Rittmeister Baron von Foucar, unser Fhrer fr Tod und
Leben ...

Gaston fuhr dazwischen: Leutnant von Gorski, sind Sie des Teufels?
Aber der Kleine lie sich nicht beirren, schrie weiter: unser Herr
Rittmeister hurra, hurra, hurra!

In den staub- und schweibedeckten Gesichtern wurden die Augen blank,
dreimal rollte der Ruf gleich krachenden Salven durch die Mittagsstille
und brach sich im Widerhall an den Wnden der Talschlucht.

Gaston wollte seinem Leutnant eine energische Strafpredigt halten, aber
auch die anderen Offiziere der Schwadron kamen herzugeritten,
Oberleutnant Gusovius streckte seinem Vorgesetzten in impulsiver
Aufwallung die Hand entgegen.

Nichts fr ungut, Herr Rittmeister, unser Kleiner hat nur das
ausgelst, was uns allen auf der Seele lag. Es war groartig! Und wir
alle sind stolz darauf, da wir dabei waren!

Na also, dann besten Dank, meine Herren! Sie aber, Herr von Gorski,
mchte ich bitten, Ihrem Temperament in Zukunft ein wenig den Zgel
anzulegen, Selbstverstndlichkeiten nicht immer gleich mit Hurra zu
begren.

Der Kleine machte ein zerknirschtes Gesicht, aber der Schalk blitzte ihm
aus den Augen.

Sehr wohl, Herr Rittmeister! Sonst kme die fnfte Schwadron
Dragonerregiments Graf Schmettau aus dem Hurraschreien berhaupt nicht
mehr heraus.

Da mute auch Gaston auflachen und freute sich herzlich, da seine Leute
an ihm hingen.

Vom Waldrande her kam der Offiziersruf, auf einem niedrigen Hgel hielt
der Regimentskommandeur zur Kritik. Die Schwadron wurde von dem
Wachtmeister weitergefhrt, die Herren setzten ihre Gule in
beschleunigte Gangart, Karl von Gorski ritt neben seinem Chef.

Herr Rittmeister, ich bitte um Entschuldigung, aber ich konnte vorhin
wirklich nicht anders! Die Begeisterung hatte mich so gepackt.

Ist ja schon erledigt!

Gehorsamsten Dank! Und es scheint, ich kann heute berhaupt nicht dicht
halten. Eigentlich nmlich hatte ich mir vorgenommen, auch ber 'was
anderes nicht eher zu sprechen, als bis ...

Na schon raus damit! Was ist los?

Also ich war gestern drben in Kalinzinnen. Ich habe Grund zu der
Annahme, Herr Rittmeister werden demnchst noch mal eingeladen werden.

Gaston fhlte, wie es ihm ganz licht und weit wurde in der Brust.

Wahrhaftig?

Sehr wohl, Herr Rittmeister. Ich habe sogar triftigen Grund!

Na, dann schn Dank, Kleiner! Heute mittag trinken wir die beste
Flasche, die im Kasinokeller liegt.

Zu Befehl, Herr Rittmeister! Schon am frhen Morgen, als ich aufstand,
sagte ich zu mir selbst: Karlchen, pa auf! Heute gibt es noch einen
Lichtpunkt in Deinem kmmerlichen Leutnantsleben.

Der Oberstleutnant Harbrecht hielt mit dem Major vom Stabe, seinem
Adjutanten und einem Hauptmann von der Infanterie auf der Hgelkuppe,
die vom Uebungsfelde heransprengenden Offiziere rangierten sich im
Kreise. Gaston trieb seinen Fuchswallach drei Schritt vor, bat um die
Erlaubnis, eine Meldung abstatten zu drfen, und berichtete kurz ber
den Zwischenfall an der Grenze. Der auf demselben Gelnde manvrierenden
russischen Schwadron wre ein Gaul mit dem Reiter durchgegangen auf
preuisches Gebiet. Er habe geglaubt, aus diesem Versehen keine
Staatsaktion machen zu mssen, und befohlen, den Russen wieder
freizulassen, ohne erst an hherer Stelle um Genehmigung nachzusuchen.

Hat sich der Herr von drben gebhrend entschuldigt?

Er bat hflich, seinen Mann, der ein durchgngerisches Pferd ritte,
wieder freizulassen.

Dann ist's gut, danke!

Gaston ritt wieder in den Kreis, und nun kam eine Kritik wie ein
Hagelwetter. Der Oberstleutnant Harbrecht pflegte kein Blatt vor den
Mund zu nehmen. Zunchst bekam die Infanterie ihr Teil, weil sie sich
durch eine einzige Schwadron Dragoner zu vorzeitiger Demaskierung ihrer
gedeckten Stellung htte verleiten lassen. Dann aber prasselte es auf
die Fhrer der zweiten und dritten Schwadron hernieder, da die beiden
Rittmeister wie zwei begossene Pudel dasaen. Was die Herren sich wohl
dabei gedacht htten, als sie aus ihrer Bereitschaftsstellung zum
Angriff bergingen, ohne die Strke des Feindes auch nur annhernd durch
die in diesem Falle gebotene Nahaufklrung festzustellen? Und den Fhrer
der zweiten, den Rittmeister von Lttritz, fragte er noch im besonderen,
weshalb er es wohl verabsumt htte, der Artillerie eine ausreichende
Bedeckung beizugeben. Wo er sich doch durch einen einzigen Blick auf die
Karte htte berzeugen mssen, da ein kurz entschlossener Fhrer auf
der Gegenseite nicht lange fackeln wrde, der feindlichen
Verteidigungsstellung durch einen schneidigen Vorsto die Zhne
einzuschlagen.

Dem Oberstleutnant Harbrecht war in gerechtem Zorn der Atem ausgegangen,
er mute eine kurze Pause machen. Karl von Gorski neigte sich nach
rechts, flsterte leise: Du, Hans.

Was' los?

Ein Jammer, da die Kommandeure nicht befugt sind, die Todesstrafe zu
verhngen. Wenn die verbrecherischen Rittmeister immer gleich gekppt
wrden, wrde das die Avancementsverhltnisse der unteren Chargen doch
sehr gnstig beeinflussen.

Sehr richtig, aber halt den Schnabel, -- jetzt kommen wir an die
Reihe!

Aber mit Schlagsahne natrlich ...

Und die Prophezeiung traf ein. Der Oberstleutnant sang einen wahren
Hymnus auf den Fhrer der fnften Schwadron. Seine Dispositionen wren
klar und richtig gewesen, der pltzliche Angriff aber auf die
feindliche Artillerie ein Meisterstck kavalleristischer Taktik. Den
gnstigen Augenblick wahrnehmen und danach kurz entschlossen handeln,
das machte den echten Reiterfhrer aus! Und er schilderte, wie sich im
Ernstfalle die Affre weiter entwickelt htte. Die Artillerie zum
Schweigen gebracht und berritten, die feindliche Kavallerie im Rcken
gefat, zu Krautsalat verhauen ... Nach allem Ungewitter schlo der
Kommandeur mit der humoristischen Wendung, es wre immerhin ein Trost,
da die feindliche Armee die Niederlage bezogen htte, nicht aber die
eigene.

Der Kreis lste sich auf, die drei Schwadronen, die an der Uebung
beteiligt gewesen waren, ritten ins Quartier zurck. Die Fnfte, als die
Siegerin, hatte die Ehre, hinter der Regimentsmusik zu reiten, aus
nchster Nhe die aufmunternden, lustigen Weisen zu hren. Und auf dem
Heimwege bekam der Fhrer der Fnften noch eine neue Ladung von
Lobsprchen auf sein lorbeergeschmcktes Haupt. Karl von Gorski hatte
dem Etatsmigen eine begeisterte Schilderung von dem Zusammentreffen an
der Grenze gegeben, der dicke Major von Schnakenburg bermittelte sie
dem Kommandeur, und dieser setzte sich in Trab, lenkte seinen Gaul neben
den Fuchswallach Gastons.

Hren Sie mal, lieber Rittmeister, Sie haben mich vorhin ein bichen
beschwindelt. Der Zwischenfall mit den Russen war bedeutend sengeriger,
als Sie ihn mir in Ihrer Bescheidenheit darzustellen beliebten!

Gaston lchelte.

Verzeihung, aber ich konnte doch wohl nicht gut melden: Herr
Oberstleutnant, es ist mir soeben gelungen, den Ausbruch des groen
europischen Krieges zu verhindern?

Na, meinte der Kommandeur, wenn auch nicht ganz so doll, aber in dem
Augenblick roch es doch sehr nach Pulver! Die Stimmung ist zum Platzen
gespannt, und es gehrt nicht allzu viel Phantasie dazu, sich
auszumalen, was alles htte geschehen knnen, wenn Sie die Angelegenheit
nicht in einer so -- ich mchte sagen -- berlegenen Art und Weise in
Ordnung gebracht htten!

Gaston verneigte sich leicht im Sattel, die Hand am Helmrande.

Gehorsamsten Dank! Es erfllt mich mit Stolz, da Herr Oberstleutnant
mit mir zufrieden sind.

Papperlapapp, 'zufrieden'! Imponiert hat's mir, wie Sie das gemacht
haben! Das glnzendste war, da Sie mit Platzpatronen scharf laden
lieen. Ich habe hell aufgelacht, als Major von Schnakenburg mir es eben
schilderte! Und jetzt mu ich Ihnen was erzhlen. An dem Tage, als Sie
Ihre Schwadron bernahmen, war ich zufllig mit meinem Tchterchen auf
dem Groen Platz.

Ich entsinne mich sehr wohl. Die junge Dame hat mich mit ihren blauen
Guckugelchen recht scharf gemustert.

Ja! Und Sie haben ihr sehr gut gefallen. Als Sie mit Ihrer Schwadron
einige wohlgelungene Bewegungen ausgefhrt hatten, sagte sie: 'Papa,
ich glaube, wir haben mit diesem Herrn von Foucar eine glnzende
Akquisition gemacht'. Ich stimmte ihr schon damals zu, aber heute mchte
ich's mit besonderem Nachdrucke wiederholen, da ich ganz und gar der
Meinung meines Tchterchens bin! Und meinem alten Freund Wegener
dankbar, da er Sie mir ins Regiment gebracht hat. Na, und inzwischen
habe ich ja auch zu meiner Freude gehrt, da Sie sich aufgemacht haben,
den bisher versumten Anschlu an die Kameraden zu suchen.

Sehr wohl, Herr Oberstleutnant! Aber ich mchte gehorsamst bemerken,
dieses Ueberma von Lob erdrckt mich. Ich bitte, mich Ihrem Frulein
Tochter angelegentlichst zu empfehlen und hinzuzufgen, da ihre so klar
prfenden Augen mir damals ein ganz besonderer Ansporn waren.

Der Kommandeur lachte.

Ne, lieber Foucar, den zweiten Teil richt' ich nicht aus. Das Jhr ist
sowieso schon verschossen in Sie. Meine gute Alte auch. Und aus ihren
Erzhlungen entnehm' ich, noch nie htte sich die gesamte Weiblichkeit
im Stdtchen fr einen neu ins Regiment gekommenen Herrn so interessiert
wie fr Sie. Sie htten 'so was an sich ...' Na, ich will Sie nicht noch
eitler machen, wie Sie wahrscheinlich wohl schon sind.

Gaston erwiderte darauf nichts, er sprte einen leichten Stich im
Herzen. Es hatte wohl seine Richtigkeit, da die Frauen in ihm etwas
Besonderes sahen. Sonst wre es doch kaum erklrlich gewesen, da die da
in Berlin ihm schon nach der ersten flchtigen Begegnung eine Zuneigung
geschenkt hatte, die sonst vielleicht erst nach lngerer Bekanntschaft
zustande kam. Ein anderer an seiner Stelle wre mit dieser Mitgift
wahrscheinlich ein skrupelloser Don Juan geworden. Er aber war, dank der
Erziehung durch Frauenhand, ein respektvoller Jngling geblieben, der in
jedem Weibe etwas Heiliges sah. Und mit einer gewissen Bitterkeit mute
er daran denken, wie anders vielleicht alles gekommen wre, wenn er in
jener Nacht in dem Ballokal gesagt htte: Charmant, gndige Frau, ich
wohne Rankestrae Numero so und so viel. Falls Sie mir dort gelegentlich
einmal Ihr Herz ausschtten wollen, stehe ich Ihnen gerne zur
Verfgung. Das wre der richtige Ton gewesen fr diese frivole
Gesellschaft. Statt dessen war er gleich mit dem schweren Geschtz eines
veritablen Heiratsantrages herausgerckt. Lcherlich war das gewesen!
Und noch lcherlicher, da er hinterher die ganze Angelegenheit so
tragisch genommen hatte, da er darber sein wirkliches Glck
verscherzte. Aber, Gott sei Dank, noch winkte ja ein Hoffnungsstrahl
nach der finsteren Nacht der Verzweiflung. Und den gedachte er am Zipfel
zu fassen, sich draufzuschwingen, wie das Schneiderlein im Mrchen, das
auf einem feinen Lichtfaden in den Himmel kletterte.

Der Regimentskommandeur an seiner Seite traktierte schon eine Weile lang
ernsthafte Angelegenheiten. Da die Augen- und Ohrenzeugen der
Grenzaffre nachher auf dem Regimentsbureau zusammenzukommen htten, um
ber den Vorgang ein genaues Protokoll aufzunehmen. Fr den Fall, da
die Sache auf irgend einem Wege in die Zeitungen kme. Man wte ja, wie
es in solchen Fllen zuginge. Die Kerls erzhlten den Vorfall in der
Kneipe, zwei Tage spter stnde er, in entstellter Form und auf dem
Umwege ber das Ordensburger Blttchen, in den Berliner Zeitungen. Da
glte es, der Brigade rechtzeitig einen Bericht einzureichen, der ihr
gestattete, erforderlichen Falles mit einem Dementi aufzuwarten.

Und dann kam der Kommandeur auf sein Steckenpferd, den zuknftigen
Feldzug zwischen, gleichermaen mit allen Errungenschaften der Neuzeit
ausgestatteten Nationen. Grauenhaft mte der werden -- von der Zeit, in
der er den Russisch-Japanischen Krieg als Attach mitgemacht htte,
wte er ein Lied davon zu singen! Das Schlachtfeld von einer
unheimlichen Leere, nur die Shrapnells schwirrten in der Luft auf
ausgerechnete Ziele. Und die beiden Heere buddelten sich gleich
Maulwrfen aneinander heran. Zur Nachtzeit berfiel man sich
gegenseitig, wie im Dunkeln schleichende Mrder gingen die Truppen
aufeinander los, statt wie ehrliche Kmpfer im Tageslicht.
Drahthindernisse mute man zerschneiden, Wolfsgruben berklettern, und
dann gab's ein Ringen in stockfinstrer Nacht, Mann gegen Mann mit
Bajonett und Kolben. Gott allein mochte wissen, wie die Taktik in
zwanzig Jahren aussah, wenn die Vervollkommnung der Kriegswaffen, die
einen Angriff auf gedeckt liegende Infanterie bei Tage schon jetzt fast
unmglich machte, so weiter ging.

So sprach der Kommandeur, der neben ihm reitende Untergebene hrte
respektvoll zu, aber seine Gedanken waren ganz wo anders. Bei einer,
nach der er sich all diese Wochen in Sehnsucht verzehrt hatte, und die
er jetzt in gemessener Frist wiedersehen sollte. Die ihm zugesagte
nochmalige Einladung war eine Verheiung besonderer Art, da mute er
sich mit einigem auseinandersetzen, ehe er sie annahm. Und da quoll ein
Gefhl -- wie ihm scheinen wollte -- gesunder Selbstsucht in ihm empor.

Sollte er sein ganzes Leben in Sack und Asche vertrauern, weil eine
unglckliche Frau sich an ihn gehngt hatte? Mit einer Leidenschaft, die
er nicht erwidern konnte? Zum Teufel noch mal, er hatte sie nicht
eingeladen, sich in ihn zu verlieben! Und von dem Wort, das er ihr
gegeben, hatte er sich zweimal gelst. Damit sollte sie sich abfinden,
wie mit manchem anderen in ihrem bewegten Leben.

Eine Art von Ha stieg in ihm auf. Ohne seine pinselige
Gewissenhaftigkeit htte er schon seit Wochen vielleicht ein anderes
Leben fhren knnen. Ein Leben, bei dem man frhlich war mit den
Frhlichen, wie ein rechter Reitersmann, der sich um das Gestern nicht
qulte und um das Morgen. Und, wenn er schon beim Anreiten gegen den
Feind sein Herz beschwerte, auch wute, weshalb. Weil daheim im Quartier
eine zurckblieb, um derenwillen er gerne heil wiedergekommen wre. Eine
Reine und Feine, von der er genau wute, da sie in ihrer Vergangenheit
nichts zu verstecken hatte.

Die Schwadronen, die an der Uebung teilgenommen hatten, zogen mit
klingendem Spiel zum Stdtchen hinein, auf dem Kasernenhofe wurden sie
vom Kommandeur entlassen. Die Offiziere der Fnften ersuchte er, in die
Regimentskanzlei zu kommen, um dort, noch unter dem frischen Eindruck,
alle Einzelheiten des Zusammentreffens mit den russischen Dragonern
festzustellen, in einem fr die Brigade bestimmten schriftlichen
Berichte niederzulegen. Und da ergab es sich, da Karl von Gorski, weil
er auf dem Heimwege den Vorgang wohl ein halb Dutzend Male mit
Begeisterung erzhlt hatte, am besten Bescheid wute, sich noch jedes
einzelnen Wortes entsann, das von hben und drben gewechselt worden
war. Da bertrug der Kommandeur ihm die Abfassung des Berichtes, wie er
mit einem Lcheln hinzufgte, zur Belohnung fr den bei der Affre
bewiesenen Eifer.

Erst als die anderen Herren schon die Treppe hinabgingen mit klappernden
Sbeln, dmmerte dem Kleinen eine Ahnung, da er diesmal der
Hereingefallene war. Mit einem wahren Dreimnnerdurst in heier
Schreibstube an einem ellenlangen Bericht bauen mute, whrend sein
Bruder Hans mit dem Oberleutnant Gusovius in der schattigen Laube des
Kasinogartens jetzt schon das erste Glas Bayrisch ber die ausgedrrte
Zunge rinnen lie. Da verschwor er sich heftig, niemals mehr wieder
vorwitzig mit Kenntnissen zu prunken, deren Anerkennung von seiten der
Vorgesetzten ehrenvoll war, aber mit vermehrter Arbeit verbunden.

Als Gaston durch die schattenlose Hauptstrae ritt, den Burschen hinter
sich, winkte von einem mit Blumen bestandenen Balkon ein Batisttchlein,
eine helle Frauenstimme rief: He, Herr von Foucar!

Er hob den Kopf, Frau von Lttritz, die jugendliche Gattin des
Kommandeurs der zweiten Schwadron, stand zwischen blhenden Geranien,
lachte ihn frhlich an. Da ritt er nher: Gndige Frau befehlen?

Sie mchten mal zu meinem Mann 'raufkommen! Er probiert gerade ein
neues Erfrischungsgetrnk, das ich heute erst aus Knigsberg bekommen
habe. Melonenextrakt mit eisgekhltem Selter und einem leichten Schu
Kognak. Davon will er Ihnen gromtig 'was abgeben, trotzdem Sie ihn in
den Dombrowker Bergen so greulich besiegt haben!

Er rief zurck: Gndige Frau, mir luft das Wasser im Munde zusammen,
aber ich mu leider nach Hause. Ich erwarte eine Nachricht, von der fr
mich allerlei abhngt. Auerdem bin ich in einem absolut nicht
prsentablen Zustande ... einen halben Zentimeter Chausseestaub
innerlich und uerlich.

Glauben Sie, mein Mann sieht anders aus? Und manchmal erfhrt man schon
unterwegs mndlich, was man erst zu Hause schriftlich zu finden hofft!

Da lachte er und schwang sich aus dem Sattel und stieg mit froher
Erwartung im Herzen die Treppe empor.

In dem behaglichen Wohnzimmer, dessen Fenster zur Abwehr der drauen
herrschenden Hitze durch dicke Vorhnge verdunkelt waren, empfing ihn
das Ehepaar Lttritz. Eine junge Dame, die mit dem Rcken zum Fenster
gesessen hatte, stand auf und kam nher. Ihr Gesicht konnte er nicht
erkennen, denn seine Augen waren noch vom hellen Sonnenlicht geblendet
und muten sich erst an das Halbdunkel gewhnen. Aber er sprte im
Herzen, wer da auf ihn zukam.

Frau von Lttritz sagte lchelnd: Die Herrschaften sind sich wohl nicht
mehr fremd. Frulein von Gorski hatte im Stdtchen zu tun und war so
liebenswrdig, mich zu besuchen.

Gaston verneigte sich schweigend. Eine seltsame Beklommenheit hatte ihn
pltzlich berfallen, wie vor einer kommenden Entscheidung. Annemarie
streckte ihm die Hand entgegen. Ihre Stimme klang ein wenig unsicher.

O ja, ich entsinne mich. Ich kam damals mit Papa aus der Knigsberger
Klinik.

Er wollte ihre Hand an die Lippen ziehen, sie aber wehrte ab, und eine
feine Rte stieg in ihren Wangen empor.

Frau von Lttritz mischte mit Eifer und Sachverstndnis das khlende
Getrnk, ihr Gatte, ein gutmtiger, dicker Herr mit blondem,
kurzgestutztem Barte, sah ihr interessiert zu.

Nimm nicht so viel von dem teuren Kognak rein, Lottchen! Nachdem er
mich schon militrisch geschdigt hat, der brave Foucar, ist es doch
nicht ntig, da er mich jetzt arm macht.

Man setzte sich lachend um den Tisch herum, das Gesprch wandte sich den
Ereignissen des Vormittags zu. Und der Rittmeister von Lttritz bekannte
ehrlich, er wre heilfroh, nicht an der Stelle seines Kameraden Foucar
gewesen zu sein. Er htte den ersten zornigen Zuruf des russischen
Schwadronschefs wahrscheinlich mit einer hahnebchenen Grobheit
beantwortet, und der Ramsch wre fertig gewesen! Und da Annemarie noch
nicht wute, um was es sich handelte, schilderte er den Zusammensto an
der Grenze, wie er ihm von dem jngeren Gorski auf dem Heimwege erzhlt
worden war. Er wurde ordentlich lebhaft dabei und schlo mit der
neidlosen Anerkennung, er htte eine so elegante Abfuhr nicht fertig
gekriegt mit seinem schwerflligen Temperament. Dazu gehrte doch wohl
ein Trpfchen von dem Blute derer, die gewhnt wren, das leichte
Florett zu fhren statt des schweren Sbels.

Die Damen hatten mit glnzenden Augen zugehrt. Gaston verwahrte sich
dagegen, da man aus einer Unbetrchtlichkeit eine Heldentat machte,
aber sein Protest klang nicht mehr so echt wie noch wenige Stunden
zuvor, als er den kleinen Gorski anschrie. Nun, wer an seiner Stelle
htte wohl anders gehandelt, wenn vor der heimlich Geliebten sein
Loblied gesungen wurde?

Frau von Lttritz wurde pltzlich ins Kinderzimmer abgerufen. Sie warf
im Abgehen dem Gatten einen Blick zu. Da entsann sich dieser mit einem
Male, er htte der im Nebenzimmer wartenden Ordonnanz ein paar eilige
Unterschriften zu geben, und entschuldigte sich mit der Versicherung, er
komme sofort wieder zurck. Gaston merkte, da freundliche Hnde ihm die
Gelegenheit zu einer Aussprache bereitet hatten, und da gab er sich
einen Ruck. Wer mochte wissen, wie lange die Zeit des Alleinseins
dauerte, und dann war der gnstige Augenblick verpat. Nur, als er zu
sprechen begann, klang seine Stimme heiser vor Erregung.

Mein gndiges Frulein, Sie werden sich gewundert haben, da ich Ihrer
so freundlichen Einladung bisher nicht gefolgt bin. Das hatte seine
Grnde. Ich schleppte etwas mit mir herum, wovon ich mich erst spter
freigemacht habe. Damit wollte ich Ihnen nicht unter die Augen treten.
Ich erschien mir zu unwrdig. Ehe ich aber weiter spreche, mssen Sie
die Gte haben, mir eine kurze Frage zu beantworten. Mir ist erzhlt
worden, Sie wrden sich demnchst verloben. Ist das wahr?

Annemarie sa verwirrt da, die Wangen mit Blut bergossen. Sie selbst
hatte ihre Freundin Lttritz gebeten, den Herrn von Foucar anzurufen,
wenn er vorberreiten wrde, weil sie ihm etwas zu sagen htte. Jetzt
aber war sie erschreckt von dem Ungestm, mit dem er auf sein Ziel
losging. Und es dauerte ein Weilchen, bis sie die Antwort fand.

Nein, sagte sie leise, ich habe ihm geschrieben, er drfte sich keine
Hoffnungen mehr machen. Er wrde selbst am besten wissen, weshalb nicht
mehr. Also ich werde mich nicht verloben.

Da berflutete ihn das Glck, machte ihn bermtig und froh. Er lachte
auf.

Das wollen wir denn doch nicht verreden! Ich rechne sogar sehr stark
darauf, aber mit mir! Und als sie ihr Gesicht noch tiefer senkte, griff
er nach ihrer Hand.

Frulein Annemarie, das ist wie heute vormittag, wenn der Augenblick da
ist, mu man nicht zaudern, sondern handeln. Seit dem ersten Tage, wo
ich Sie gesehen habe, bin ich krank vor Sehnsucht, und da ich Ihnen
auch nicht gleichgltig bin -- also sonst wren Sie doch nicht hier! Na
und jetzt ... Ob er sie nun an der Hand in die Hhe gezogen hatte, oder
ob sie aus eigenem Antrieb aufgestanden war, wuten sie spter nicht zu
sagen. Das war wohl ganz von selbst gekommen, da sie mit einem Male in
seinen Armen lag.

So standen sie eine ganze Weile lang, wie in eine ferne Welt entrckt,
in der lauter Glck herrschte und Seligkeit. Kten sich stumm und
freuten sich, da sie zueinander gefunden hatten, als es noch Zeit war.
Und dann saen sie wieder auf ihren Sthlen, schwatzten trichtes Zeug,
wie es alle Verliebten taten seit Anbeginn der Welt.

Frau von Lttritz kam wieder ins Zimmer und schlug in komischem
Erstaunen die Hnde zusammen.

Um Gottes willen, Annemieze, wie siehst Du aus! Im Gesicht ganz bemalt
und die Bluse voll Flecken. Ich hatte mir's gleich gedacht, Du httest
zu der Unterredung mit dem bestaubten Reitersmann 'was Helleres anziehen
sollen.

Da warf Annemarie sich ihr mit Lachen und Weinen in die Arme: O Gott,
Lottchen, das ist ja ein ganz schrecklicher Mensch! Meinst Du, er htte
mich gefragt? Er nahm mich einfach in seine Arme.

Frau von Lttritz klopfte ihr den Rcken. Aber es war Dir nicht
unangenehm! Das ist die Hauptsache. Na, ich gratuliere herzlich.

Der Hausherr kam aus dem Nebenzimmer, merkwrdigerweise mit einer
eisgekhlten Flasche Sekt in der Linken, whrend hinter ihm der Bursche
ein Tablett mit vier Glsern trug. Es folgte eine frohe Viertelstunde,
in der man an nichts anderes dachte als an das Glck des Augenblicks.
Der Rittmeister von Lttritz hob sein Glas.

Na prost, junges Brautpaar, von Herzen alles Gute! Jetzt fange ich auch
an, vor Ihren strategischen Talenten Respekt zu kriegen, lieber Foucar.
Das war eben noch fixer als die Eroberung der beiden Batterien. Aber
jetzt wrde ich an Ihrer Stelle 'was opfern, wie der hochselige Knig
Polykrates. So viel Glck an einem Tag war ja noch nicht da.

Die Glser klangen aneinander, drauen auf dem Vorplatze schrillte die
Trglocke. Unwillkrlich horchten die Vier im Zimmer auf. Eine barsche
Stimme war zu hren: Ist Frulein von Gorski bei Ihnen?

Ich wei nich, Herr Leutnant, antwortete der Bursche, ich mu mal
erst fragen.

Um Gottes willen, sagte Annemarie halblaut, sein Bruder! Er kommt,
mich zur Rede zu stellen.

Herr von Lttritz kratzte sich den Kopf.

Ich hab's vielleicht beschrien. Der Ernst des Lebens meldet sich! Und
was macht man da blo?

Gaston richtete sich auf.

Wenn Sie _mir_ gestatten wrden, lieber Lttritz, den Leutnant von
Brinckenwurff in Ihrem Arbeitszimmer zu empfangen?

Nicht um alle Lnder, die das Meer umsplt. Sie kennen ihn nicht so gut
wie ich. Der riskiert Kopf und Kragen, wenn er sich 'was auf die Hrner
genommen hat. Sie knnen sich nicht vorstellen, was das Festlein, das
wir eben feierten -- also was fr einen Affront das fr die Familie
Brinckenwurff bedeutet. Da mu die Angelegenheit diplomatisch behandelt
werden!

Whrend die beiden Herren noch sprachen, war der Bursche ins Zimmer
gekommen und hatte gefragt, welchen Bescheid er dem drauen wartenden
Herrn von Brinckenwurff ausrichten solle. Annemarie warf den Kopf
zurck, ihre feinen Nasenflgel bebten vor Erregung, aber ihre Stimme
klang frei: Erlaubst Du, liebes Lottchen? Dann sagen Sie dem Herrn
Leutnant, ich bin hier!

Ein baumlanger Offizier trat auf die Schwelle, in dem bartlosen, fast
noch knabenhaften Gesicht stand eiserne Entschlossenheit. Er verneigte
sich in gemessener Haltung.

Gndige Frau -- Herr Rittmeister ... ich bitte um Entschuldigung, wenn
ich stre ... mein Bruder sitzt in meiner Wohnung, ganz niedergebrochen
und zerschmettert ... bei dem nahen Freundschaftsverhltnis, in dem Sie
zu Frulein von Gorski stehen, werden Sie wohl schon wissen, weshalb.
Und da werden Sie es mir vielleicht nachsehen, da ich hier so formlos
eingedrungen bin. Ich bitte um die Erlaubnis, Frulein von Gorski unter
vier Augen sprechen zu drfen.

Annemarie war zu Gaston getreten. Sie hob den Kopf, aus ihren blauen
Augen sprhte heller Zorn.

Hat Dein Bruder Hermann nicht meinen Brief bekommen?

Allerdings. Aber wre es nicht besser, wenn wir die Errterung
darber ...

Ich habe vor keinem Menschen 'was zu verbergen. Und meinem Brief nichts
hinzuzufgen. Er war doch deutlich genug?

Nicht ganz. Es fehlte jeder vernnftige Grund. Auf ein paar unbewiesene
Klatschereien hin oder aus einer augenblicklichen Laune macht man einen
anstndigen Menschen doch hier nicht vor aller Welt zum Kindergesptt.

Annemarie lachte bitter auf.

Ach, darum geht es Euch? Und 'Laune' nennst Du das, wenn ich mich
nchtelang gewunden habe vor Qual und Scham? Als ich die Wahrheit
erfahren hatte ... Und jetzt sag' Deinem Bruder, es ist vorbei. Ich habe
mich eben mit Herrn von Foucar verlobt. Weil ich ihn achte und liebe.
Deinen Bruder aber ...

Frau von Lttritz schrie auf.

Um Gottes willen, Kind, bedenk', was Du sprichst!

Annemarie bi einen Augenblick lang die Zhne aufeinander, dann machte
sie eine heftige Bewegung.

Er htte mich nicht herausfordern sollen! Und vor Erregung bebend
wandte sie sich zu dem jungen Offizier.

Gr' Deinen Bruder, die Annemarie von Gorski lt sich keine Kandaren
anlegen! Und er soll seinem Schpfer danken, da ich ihn nur verachte.
Wenn ich ihn lieb gehabt htte, htte ich ihn mit der Reitpeitsche vom
Hofe gejagt fr den Schimpf, den er mir angetan hat. Whrend er bei mir
um das Jawort bettelte, dachte er an eine andere. Und an was fr eine!
An eine, zu der man im Dunkeln schleicht, und der hat er dasselbe
geschworen wie mir.

Die Stimme brach ihr, sie tastete mit der Hand rckwrts. Gaston trat
hinzu und fing sie auf.

Der jngere Brinckenwurff zuckte mit den Achseln. Sein Gesicht blieb
ruhig, nur die Stimme flatterte ihm ein wenig.

Das sind unbewiesene Klatschereien, ich wiederhole es nachdrcklich.
Mit Dir, Annemarie, kann sich mein Bruder jetzt wohl nicht mehr
auseinandersetzen. Aber es sind ja andere vorhanden, die Deine Worte
vertreten werden.

Gaston hob die Hand.

Das letzte war berflssig, Herr von Brinckenwurff. Es drfte sich
empfehlen, da Sie meiner Braut weitere Betrachtungen ber die
Empfindungen Ihres Herrn Bruders ersparen. Wir beide werden uns an
anderem Orte aussprechen.

Der Lange klappte die sporenbewehrten Abstze zusammen.

Sehr wohl, Herr Rittmeister! Darf ich fragen, wann Herr Rittmeister
heute nachmittag fr den Beauftragten meines Bruders zu sprechen sein
werden?

Zwischen fnf und sechs. Bis dahin habe ich Dienst!

Sehr wohl, Herr Rittmeister. Gndige Frau, ich bin todunglcklich, da
ich in Ihr friedliches Haus eine solche Aufregung gebracht habe -- es
war nicht meine Schuld. Empfehle mich ganz gehorsamst.

Er schlo hinter sich die Tr, Annemarie lehnte mit geschlossenen Augen
an der Brust ihres Verlobten, die beiden anderen in dem halbdunklen
Zimmer standen schweigend. Wie ein aus heiterem Himmel pltzlich
hereinbrechendes Gewitter war das eben gekommen ...

Nach einem kleinen Weilchen kratzte Herr von Lttritz sich den Kopf:
Verflucht, verflucht! Wenn man das htte voraussehen knnen.

Seine Gattin fuhr auf.

Ah nein! Das alles ist doch Unsinn! Wohin sollen wir denn kommen, wenn
ein junges Mdchen sich nicht mehr frei entschlieen kann, ohne da der
abgewiesene Freier sofort mit der Pistole herumfuchtelt? Aber wir stehen
und schwatzen, und das arme Mdel kommt nicht wieder zu sich. Frau von
Lttritz eilte hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einer Flasche
Klnischen Wassers zurck. Gaston hatte die immer noch Bewutlose zum
nchsten Stuhle getragen, erst unter den Bemhungen der Frau von
Lttritz kam sie wieder zu sich. Aber es dauerte eine Weile, bis sie
sich entsann, was eben geschehen war. Da entschuldigte sie sich bei
ihrer Freundin wegen der Ungelegenheiten, die sie ihr bereitete. Sonst
wre es nicht ihre Art, gleich einem nervsen Pensionsfrulein in
Ohnmacht zu fallen. Und mit einem matten Lcheln fgte sie hinzu, das
lge wohl daran, da sie in den letzten vierundzwanzig Stunden vor
Zorn, Aufregung und Bangen keinen Bissen ber die Lippen gebracht htte.

Herr von Lttritz lachte geruschvoll auf, bedeutete dem neben ihm
stehenden Rittmeister von Foucar durch einen heimlichen Rippensto das
gleiche zu tun.

Ha ha, ja natrlich ... und dann auf den nchternen Magen 'ne Verlobung
... zu komisch ist das! Na dann, Lottchen, sorg dafr, da unsere kleine
Freundin 'was zu essen kriegt. Wir aber, lieber Foucar, lassen die
beiden Damen wohl jetzt allein. Vielleicht holen Sie Ihr Frulein Braut
in einer Stunde ab, um mit ihr nach Kalinzinnen zu fahren. Zu dem
zunchst ergrimmten, dann aber in Rhrung zerschmelzenden Herrn
Schwiegerpapa.

Annemarie streckte ihrem Verlobten die Hand entgegen. Es wird nicht so
schlimm werden -- dazu hat er mich viel zu lieb. Herr und Frau von
Lttritz hatten sich diskret abgewandt, da stand sie auf, bot Gaston
ohne Zieren die Lippen. Dann aber raunte sie an seinem Ohr: Verzeih',
da ich mich vorhin so fortreien lie! Es war viel Angst dabei, sie
knnten uns wieder auseinander bringen. Und weit Du, wann ich mich in
Dich verliebt habe? Als Du mir in der Eisenbahn damals das Buch
aufhobst. Deine lieben blauen Augen hatten es mir angetan.

Er nahm sich gewaltsam zusammen, obwohl es ihn wie ein krperlicher
Schmerz durchzuckte. Diese selben Worte hatte vor langen Wochen eine
andere gesprochen. Oder geschrieben, das wute er nicht mehr genau.
Aber mit diesen sentimentalen Erinnerungen mute es endlich aus sein.
Er war doch kein Verbrecher, dem bei jeder Gelegenheit das Gewissen
schlagen mute.

Herr von Lttritz hatte seinen Gast bis auf die Strae hinausbegleitet.

Gott sei Dank, sagte er, Frulein von Gorski scheint es gar nicht
gehrt zu haben, da der ltere Brinckenwurff Ihnen ans Leder will. Und
es ist gut so, da sie sich nicht unntz beunruhigt. Mein liebes
Lottchen hat mir vorhin den Denkapparat geschrft. In diesem Falle wre
es wirklich Unsinn, wenn Sie sich ihm stellen wollten. Sie knnen doch
-- wei Gott -- nichts dafr, da Herr von Brinckenwurff sich bei
Frulein von Gorski einen Korb geholt hat. Also werde ich mir meinen
besten Frack anziehen und zum Kommandeur steigen. Ich schtze, er wird
danach Gelegenheit nehmen, den eigentlich trichten Konflikt im Keim zu
ersticken.

Gaston hob den Kopf.

Heien Dank, lieber Lttritz, fr die gute Absicht, aber ich mchte Sie
bitten, diesen Besuch zu unterlassen. Die zuknftige Baronin Foucar von
Kerdesac hat sich das Vergngen gemacht, einen Lstigen temperamentvoll
in seine Schranken zu weisen. Mir steht es nicht zu, daran Kritik zu
ben. Es hat ihr so beliebt, und ich habe nichts weiter zu tun, als fr
die Folgen einzutreten!

Donnerwetter noch mal, sagte der dicke Rittmeister in ehrlicher
Bewunderung, ein Standpunkt! Ein bichen =Ancien rgime= ... aber ihr mit
dem franzsischen Blut: Immer noch '=mon coeur aux dames='!

Ja, erwiderte Gaston, das ist ein Teil aus dem Wappenspruch der
Foucar. Jedenfalls werde ich Sie bitten, mir bei der kommenden
Auseinandersetzung als Sekundant zur Seite zu stehen.

Aber mit Vergngen! Dem Ehrenrat werden wir dann sagen, es htten so
triftige Grnde vorgelegen, na und so weiter, =et cetera p. p.=

Selbstverstndlich!

Der Bursche, der mit den beiden Gulen im Schatten des Torwegs auf die
Wiederkehr seines Herrn gewartet hatte, kam herbei, Gaston schwang sich
in den Sattel.

Na dann, heien Dank, lieber Lttritz, fr all Ihre Liebenswrdigkeit
und auf Wiedersehen.

Auf Wiedersehen.

Gaston ritt zum Stdtchen hinaus seinem kleinen Huschen zu, das
inmitten eines groen Obstgartens eine Strecke weit vor dem Tore lag. So
recht heimlich und abgeschlossen. Wenn man sich darin einspann mit
seinen Gedanken, war man allein wie auf einer Insel.

Die Eisen seines Irlnders klapperten auf dem holperigen Steinpflaster,
ganz unversehens flog ihn eine Erinnerung an. An die Szene, die ihm vor
Wochen die alte Hexe gemacht hatte in seiner Wohnung in der Rankestrae.
Allerhand Drohungen hatte sie ausgestoen, wenn er Josepha die Treue
brche. Darber lachte er natrlich, heute wie damals. Was sollte sie
ihm anhaben? Das Unheil kam schon ganz von selbst, aber von anderer
Seite. Das liebe blonde Mdel war ein wenig zu temperamentvoll gewesen.
Und er hatte fr sie einzutreten, denn sie war seine Braut. Nur er
htte sich fr solche Flle eifriger im Pistolenschieen ben sollen.
Darin war er kein sonderlicher Held ... genau wie sein Vater damals, als
er fr die hohe Dame eintrat, deren Kavalier er war ...

Das Huschen, das der pensionierte Kanzleibeamte auf der anderen
Straenseite erbaute, war schon halb fertig. Ueber den unverputzten
Ziegelmauern hoben sich die Dachsparren, eine Richtkrone hing am Giebel.
Der Besitzer stand am Zaun und dienerte mit abgenommener Mtze. Whrend
Gaston die Rechte dankend an den Helmrand hob, glaubte er in einer der
noch unverglasten Fensterffnungen ein gelbes Frauenantlitz zu
erblicken, mit einem bunten Kopftuch darber. Ein eiskalter Schauder
flog ihm ber den Rcken in der Glut des Sptsommertages, aber das lag
blo an seinen berreizten Nerven. Bunte Kopftcher wurden von fast
allen masurischen Bauernweibern getragen. Nur die Art des Bindens war
eine andere, aber darin hatte er sich vielleicht getuscht. Als er
schrfer hinblickte, war das gelbe Gesicht in der Fensterffnung da
drben verschwunden.




10.


Der alte Herr von Gorski auf Kalinzinnen hielt neben einem gewaltigen
Getreidestoggen auf freiem Felde, der langsam in den Rachen einer mit
Dampf betriebenen Dreschmaschine wanderte. Oben fielen die
krnerbeschwerten Garben hinein, die kleinen Hmmer rasselten und
trommelten. In einem einzigen Strom rieselte der grauglnzende
Erntesegen in die bereitstehenden Scke, die Spreu trmte sich zu
Haufen, und die leergedroschenen Bunde wanderten auf einem Riemengang
zur Seite, um von zulangenden Hnden zu einem neuen Stoggen getrmt zu
werden.

Das nach dem alten Preuengotte Perkuhn benannte Leibro, ein Gaul von
der Gre und Strke eines Krassierpaukenpferdes, stand ruhig unter der
schweren Last seines Herrn. Nur von Zeit zu Zeit prustete es schnaubend,
wenn ihm die feinen Getreidespelzen, die der Luftzug von der Maschine
herberbrachte, in die Nstern fuhren.

Herr von Gorski sah auf den rieselnden Strom der Roggenkrner, aber er
hatte an dem ber alles Erwarten reichlich ausfallenden Segen keine
rechte Freude. Wie lange mochte es noch dauern, so erwog er in sorgenden
Gedanken, da auf diesem Boden hier in Frieden gest und geerntet wurde?
Die Sturmzeichen mehrten sich. Von dem Vorstande seiner Partei hatte er
die vertrauliche Mitteilung empfangen, die Regierung bereite eine
Heeresverstrkung vor, die an die Opferwilligkeit des ohnedies mit
Steuern berlasteten Volkes bisher unerhrte Anforderungen stellen
wrde. Und es glte, die Vertrauensmnner im Kreise zu berzeugen, da
diese Verstrkung nichts anderes wre als die notgedrungene Antwort auf
im Kommen begriffene Rstungen der Nachbarn. Vielleicht, da es dadurch
gelnge, den Zusammensto noch um einige Zeit hinauszuschieben. Und das
verdro den alten Herrn, dem von den reisigen Vorfahren her streitbares
Blut in den Adern flo. Viel wrdiger wre es ihm erschienen und
zugleich richtiger, wenn der Michel mit der starken Faust auf den Schild
gehauen htte: Hier heran, so Ihr was von mir wollt! ... Krieg? ... Ist
mir recht! Lieber als diesen faulen Frieden, an dem wir uns langsam
verbluten. Und dieses heimliche Spinnen im Dunkeln wird auf die Dauer
unertrglich!

Und von den Sorgen um die leidige Politik kam der alte Herr zu denen im
eigenen Hause ... In vierzehn Tagen sollte seine Tochter sich dem Manne
verloben, den er ihr schon vor langer Zeit ausgesucht hatte. Weil er ihn
fr tchtig hielt und an seiner Seite das geliebte Kind nicht zu
entbehren brauchte. Da drben hinter dem blauen Streif des Waldes hob
sich der alte Turm des Schlosses Orlowen. Zweimal am Tage konnte er
hinberreiten, wenn ihn die Sehnsucht trieb, die Sehnsucht nach dem
lieben blonden Mdel, das in seinem einsamen Herzen ein Sonnenstrahl
gewesen war. Der zuknftige Brutigam konnte den Tag kaum erwarten, an
dem er endlich das Jawort erhielt. Sie aber entzog sich ihm, so oft sie
nur konnte. Ging mit verschlossenem und verhrmtem Gesicht herum, als
trge sie an einem geheimen Kummer, und gab auf besorgte Fragen
ausweichende Antworten.

Ein paar Tage nach der Rckkehr aus der Knigsberger Klinik hatte es
damit angefangen. Vorher war sie ein lustiges und unbekmmertes Mdel
gewesen, hatte an seinem mehr langweiligen als schmerzhaften Lager
geplaudert wie ein Starmatz, vorgelesen und gesungen, um ihm die Zeit zu
krzen, alles in berquellender Laune und Lebensfreudigkeit. Ordentlich
hell wurde es jedesmal in dem nchternen Zimmer, wenn sie hereinkam, und
jetzt ging sie herum wie ein Schatten von dem, was sie frher gewesen
war. Da forschte er natrlich nach der Ursache dieser Vernderung, aber
der Verdacht, den er zuerst gefat hatte, besttigte sich, Gott sei
Dank, nicht. Aus dem interessanten und so vielbesprochenen Herrn von
Foucar, den sie auf der Reise damals kennen gelernt hatte, machte sie
sich nichts. Im Gegenteil, sie meinte, da ihr das Verhalten der
Ordensburger Weiblichkeit recht unwrdig und unbegreiflich vorkme. Von
ihrer Freundin Lttritz htte sie gehrt, da verschiedene junge Damen
der Gesellschaft, die Tchter des Gymnasialdirektors, des
Landgerichtsprsidenten und noch etliche andere ihre Spaziergnge jetzt
zum Polnischen Tor hinaus unternhmen, an dem Huschen des Rittmeisters
von Foucar vorbei, statt wie frher nach dem nahen Beldahner Walde.
Geradezu verchtlich wre das, sich so anzubieten. Das nahm er mit
Befriedigung zur Kenntnis, aber es brachte ihn der Lsung, weshalb sein
liebes Mdel nun eigentlich das Kpfchen hngen lie, nicht nher ...

Und seine Gedanken flogen in eine Zeit zurck, in der er an einer
anderen diese augensichtliche Vernderung des Wesens wahrgenommen hatte
von ausgelassener Laune zu Trbsal, bis er nach langer Unsicherheit zu
der trostlosen Gewiheit gekommen war. Aus einer lcherlichen Ursache
war er an jenem Morgen von der Fahrt zur Treibjagd wieder umgekehrt.
Weil er in der Eile des Aufbruches vergessen hatte, sich mit Zigaretten
zu versorgen. Da lie er den Wagen am anderen Parkende halten, eilte zu
Fu ins Haus zurck. Und erst das erschreckte Gesicht seines Dieners,
eines schuftigen, bestochenen Kerls, lste in ihm den entsetzlichen
Verdacht aus. Da rannte er nach dem Schlafzimmer, die Tr war
verschlossen. Unter einem Futritt brach sie in Splitter, ein Glck war
es, da er keine Waffe bei sich hatte. Die Frau schrie gellend auf in
Todesangst, der Baron Totberg verneigte sich lchelnd.

Keine unntzen Emotionen, Herr von Gorski, ich stelle mich Ihnen zur
Verfgung. Ich war im Begriff, Ihre Frau Gemahlin zu fragen, ob sie die
Meine werden wollte. Ort und Zeit sind ein wenig ungewhnlich, ich gebe
es zu, aber es drfte sich empfehlen, keine Katastrophe zu veranstalten,
sondern mich in ordnungsmigem Verfahren hinzurichten. Andernfalls
wrde ich mich zur Wehr setzen, und der Skandal wrde zum Himmel
stinken.

Da lie er ihn schweigend den Rckzug gewinnen durch das Balkonfenster
in den Park. Die Frau warf sich ihm schreiend zu Fen. Sie knnte
nichts dafr, wie ein Blitz wre es in ihre Seele gefahren, als sie den
anderen zum ersten Male erblickte. Sie htte mit sich gerungen in
namenloser Qual, aber die Leidenschaft wre strker gewesen als die
Pflicht gegen Mann und Kind. Und dann hatte er seine Rache genommen. Den
Verfhrer fraen schon lange die Wrmer, die Frau aber trieb sich als
eine Ausgestoene in der Welt herum. Herzzerreiend waren ihre Briefe
... Das letzte Geld hatte er nach Ruland geschickt, wo sie bei
Verwandten einen krglichen Unterschlupf gefunden hatte, das bittere
Brot der Fremde a und sich noch immer mit Selbstvorwrfen zerfleischte,
da sie damals nicht genug Charakterfestigkeit besessen, gewissenlosen
Einflsterungen Widerstand zu leisten. Das waren nachtrgliche Ausreden,
gewi. Doch ab und zu kamen ihm wohl Gedanken, die mit den
altberkommenen Selbstverstndlichkeiten schwer vereinbar waren. Ob es
damals nicht besser gewesen wre, dem bunten Vogel, der sich bei ihm
langweilte, die Freiheit zu geben? Statt den niederzuschieen, von dem
sie sich aus ungewohntem, einfrmigem Dasein eine Erlsung erhoffte. Er
hatte damals vielleicht auch manches verabsumt bei der an Zerstreuungen
aller Art gewhnten jungen Frau, die ihm aus geruschvollem Leben in die
Einsamkeit gefolgt war aus Liebe ... Darum sphte er manchmal sorgenvoll
das Wesen seiner Tochter, ob sie von diesem flatterhaften und unruhigen
Sinn vielleicht etwas geerbt htte, sich gleich der Mutter einem
posierenden Blender ohne Widerstand gefangen geben knnte.

Und heute sprang ihn zum ersten Mal eine Wahrnehmung an, da ihm vor
Erregung die den Zgel haltende Hand zitterte: genau so war es damals
gewesen! Da hatte auch eine ber die Damen des Stdtchens, die sich dem
interessanten Fremden wrdelos anboten, hhnisch und verachtungsvoll
gespottet, weil sie selbst sich in Eifersucht verzehrte. Aber das war
doch Unsinn, sein liebes Mdel hatte diesen Herrn von Foucar nur ein
einziges Mal gesehen! Und der hatte es nicht einmal fr ntig befunden,
der Einladung von Annemarie zu folgen, der Einladung, mit der er damals
so wenig einverstanden gewesen war, da er es unterlassen hatte, sie zu
besttigen ...

Ueber die kahlen Roggenstoppeln kam von Orlowen her ein Reiter gerast,
als glte es, in einem Jagdrennen den ersten Preis zu gewinnen. Dem
Gaul flog der weie Schaum von der Gebistange, auf drei Schritt
Entfernung ri ihn der Reiter zusammen, da er in der Hinterhand
einknickte, sich rcklings fast berschlagen htte. Im Sattel sa
Hermann von Brinckenwurff, sein Gesicht war verstrt, die Augen lagen
ihm tief im Kopfe.

Jetzt wei ich Bescheid, weshalb sie immer nicht mit Ja oder Nein
'rausrcken wollte! schrie er ohne jede Einleitung neben der
geruschvoll arbeitenden Dreschmaschine. Annemarie hat sich eben mit
dem Rittmeister von Foucar verlobt!

Dem alten Herrn griff eine kalte Hand nach dem Herzen, aber er bezwang
sich mhsam.

Junge, ich glaub', Du bist nicht recht bei Trost! Sie hat ihn meines
Wissens doch nur ein einziges Mal gesehen?!

Das ist in diesen modernen Zeiten vielleicht genug! Die Frauenzimmer
hier rennen ihm ja alle nach, wie verrckt benehmen sie sich. Wie die
Hhner, wenn man einen fremden Hahn zwischen sie gesetzt hat. Da wackeln
sie alle kokett mit dem Przel und ersterben in Zerflossenheit, nur weil
er ein paar auslnd'sche Federn trgt!

Herr von Gorski winkte dem Erregten, ihm ins Feld hinaus zu folgen, und
legte ihm begtigend die Hand auf die Schulter.

Na na na, Hermann! Ich will's Deiner Erregung zugute halten, aber so
spricht man nicht von meiner Tochter! Und jetzt klar und deutlich, was
ist los?

Der Lange, der neben ihm ritt, schluckte auf.

Da ist nicht viel zu erzhlen. Heute frh bekam ich den Absagebrief.
Ich wte schon weshalb -- keine Ahnung hatte ich! Ich telephonier' bei
Euch an, der Diener sagt mir, das gndige Frulein wr' in die Stadt
gefahren, wahrscheinlich zu ihrer Freundin Lttritz. Ich lauer' meinen
Bruder Adolf ab, der auf Felddienstbung war, und lass' sie stellen. Da
gibt es eine dramatische Szene. Allerhand Zwischentrgereien sind am
Werk gewesen. Sie sagt, sie mte mich verachten, und wirft sich diesem
Herrn von Foucar an den Hals. Als seine Braut! Mein Bruder Adolf fand
darauf, Gott sei Dank, a tempo die passende Antwort. Aber ich gedenke
auer diesem interessanten Herrn Rittmeister noch einem anderen an den
Kragen zu fahren. Diesem frechen Lausbub, Deinem Neffen Karl, mit seiner
Kodderschnauze! Der hat das ganze Unglck angerichtet -- ich kann ihn,
Gott sei Dank, auf einem Wort festnageln, das er nur allein der
Annemieze hinterbracht hat!

Herr von Gorski hob die Hand.

Was war das fr ein Wort?

Ach Gott, was man so in gereizter Stimmung hinspricht, wenn man dazu
ein paar Schoppen im Leibe hat. Und noch auerdem gehnselt wird, von so
einem kleinen Frechdachs. Da habe ich gesagt, ich wrde ... ja also, ich
wrde die Annemarie mir schon bndigen. Das hat er ihr hinterbracht.

Der alte Herr ritt eine Weile lang schweigend, in Nachdenken versunken.
Endlich -- sie bogen in die lange Allee, die vom Ktnerdorfe zum
Schlosse fhrte -- fing er wieder an zu sprechen.

Das mit den Forderungen berlegst Du Dir wohl noch! In Anbetracht
dessen, da damit jede -- vielleicht noch mgliche -- Einigung im Guten
ausgeschlossen wre. Ich mchte meine Tochter nicht im Mittelpunkt eines
Skandals sehen. Das mit diesem Herrn von Foucar hoffe ich ihr
auszutreiben. Das ist vielleicht nur eine vorbergehende Laune. Und wenn
Du gesonnen bist, an Deiner Werbung festzuhalten ...

Selbstverstndlich, lieber Onkel Gorski! Jetzt, wo ich sie verlieren
soll, merke ich erst eigentlich, wie lieb ich sie habe. Weit Du, vorher
nahm man das als eine Art von Selbstverstndlichkeit hin, aber jetzt
bumt sich mir da drinnen alles auf, wenn ich daran denke, da
vielleicht ein anderer -- na schn ... da ntzt kein Beschwichtigen!
Wenn die Sache nicht restlos aus der Welt geschafft wird, hat dieser
interessante Herr nur noch einen Tag zu leben.

Lieber Hermann, sagte der alte Herr, das sind frivole Redensarten!
Mir selbst wrde ein Lieblingswunsch zerstrt, wenn meine Tochter Dich
nicht heiraten wrde. Aber sie ist ein ernsthafter Mensch. Ich kann mir
kaum vorstellen, da sie wegen eines einzigen, unbedachten Wortes ...

Hermann von Brinckenwurff machte sich etwas an dem Zaumzeug seines Gauls
zu schaffen.

Gott, lieber Onkel, es wird viel geklatscht. Kleinigkeiten werden zu
Riesenverbrechen aufgeblasen. Ich bin nicht anders als andere junge
Leute von meinem Kaliber. Und den Rittmeister von Lttritz lang' ich mir
auch einmal bei Gelegenheit. Weil seine Frau zu dieser Kuppelei die Hand
geboten hat.

Der alte Herr fuhr sich mit der Hand ber die Stirn.

Mir ist das eben wie ein Guregen ber den Kopf gepladdert. Du wirst
begreifen, da ich im Augenblick keinen Entschlu fassen kann. Nur eins
darfst Du glauben: wenn meine Tochter Dich zu Unrecht schlecht behandelt
hat, aus einer unerfindlichen Laune, gibt's kein Erbarmen. Launen gibt's
nicht, wenn Du Dir nichts vorzuwerfen hast ... na, ist gut!

Auf der Freitreppe, deren schlanke Sulen von hundertjhrigem Efeu
berwuchert waren, standen zwei Hand in Hand. Annemarie und der
Rittmeister von Foucar. Herr von Gorski schwang sich aus dem Sattel,
stieg mit finsterer Stirn die Stufen empor.

Herr von Foucar, ich glaube zu wissen, weshalb Sie hier sind. Ich sage
Ihnen gleich, ich bin dessen nicht froh. Ehe ich Ihnen jedoch die
Antwort gebe, mu ich ein paar Worte mit meiner Tochter sprechen.

Der wartende Reitknecht hatte den alten Perkuhn nach dem Stall gefhrt.
Hermann von Brinckenwurff hielt noch im Sattel, die drei anderen standen
auf der Freitreppe. Annemarie prete einen Augenblick lang die Hand auf
die Brust, dann trat sie vor.

Lieber Vater, ich glaube, es wird nicht ntig sein, da Herr von
Brinckenwurff sich hier noch lnger aufhlt. Ich wundere mich, da er
die Stirn hat, mir unter die Augen zu treten, nach dem, was ich seinem
Bruder gesagt habe.

Liebe Annemarie, warf der im Sattel ein, das sind doch trichte
Klatschereien ...

Ah nein, sondern die Wahrheit, die schimpfliche Wahrheit! Durch einen
blden Zufall habe ich sie erfahren von zwei Mgden, die im Garten
Bohnen pflckten, ohne mich zu sehen. Die unterhielten sich ber das
Schicksal, das mir bevorstnde als Gattin des Orlower jungen Herrn. Und
jetzt helf' mir Gott, wenn ich zwischen Euch Mnnern nicht zimperlich
spreche wie ein junges Mdchen, das von nichts eine Ahnung hat. Ich bin
ja kein Kind mehr! Mit allem, was lange Zpfe trge in Orlowen, htte
ich die Gunst meines zuknftigen Herrn Gemahls zu teilen, vom
Stubenmdchen bis hinauf zur Mamsell! Ich flog am ganzen Krper, aber
hielt mich still, um noch mehr zu hren. Und eine Stunde spter ritt ich
nach Orlowen und fischte mir die Mamsell. Erst leugnete sie, dann wurde
sie frech. Ich sollte mir auf meine Schnheit nur nichts einbilden. Der
junge Herr fnde sie viel schner und htte ihr versprochen, sie gleich
nach der Verheiratung wieder nach dem Hof zu bringen, wenn seine
unbequeme alte Dame nach der Uebergabe des Gutes nichts mehr zu sagen
htte! Da spie ich aus und schrieb Dir, Hermann, den Absagebrief. Und
jetzt verantworte Dich, wenn Du kannst!

Der im Sattel lachte verlegen auf. Das Spiel war verloren, jetzt galt es
nur, einen nicht unrhmlichen Rckzug zu gewinnen.

Weit Du, Annemieze, man sollte es kaum glauben, da Du ein Mdel vom
Lande bist! Das ist doch berspannter Kram, und nenn' mir nur einen der
Herren in unserem Kreise, der als Lediger ...

Gaston wollte vortreten mit einem heftigen Wort auf den Lippen. Der alte
Herr aber hob die Hand.

Hermann, ich frage Dich auf Ehre und Gewissen als ein Edelmann den
andern: Was meine Tochter da eben sagte, ist das wahr?

Der andere blickte trotzig in die Hhe.

Wozu soll ich's leugnen -- etwas ist schon dran! Nur die Geschichte ist
malos bertrieben natrlich. Ich weise es ganz energisch zurck, da
ich deswegen auf ein Armesnderbnkchen soll. Ich lebe, wie es mir pat.
Und habt Euch blo um Gottes willen nicht so! Schlielich bin ich doch
ein Brinckenwurff! Wenn ich Deiner Tochter die Ehre antue, um sie zu
freien, soll sie froh sein, statt hinter mir her zu spionieren!

Aus der Brust des alten Herrn kam ein Sthnen.

O Du ... jetzt habe ich Dich auch erkannt! Aber eins sage ich Dir: Wenn
Du nach denen suchst, die meine Tochter vertreten, zuerst stehe _ich_ da
und lass' mir dieses Recht nicht nehmen! Hrst Du, zuerst! Halt' Dich zu
Hause, damit Dich meine Zeugen treffen! Und jetzt marsch, fort von
meinem Hof!

Hermann von Brinckenwurff verneigte sich im Sattel.

Das letzte httest Du Dir sparen knnen! Und Gott sei davor, da ich
mich an Deinem weien Haupt vergreife. Es sind Jngere da, an die ich
mich halten kann! Er wandte seinen Gaul mit einem Schenkeldruck, ritt
in gestrecktem Galopp die lange Allee zurck, die ber das Kalinzinner
Ktnerdorf nach Orlowen fhrte.

Annemarie warf sich mit einem Aufschluchzen an die Brust ihres Vaters.

Um Gottes willen, Papa, das leide ich nicht, da Du ... Und was heit
das, da er sich gewissermaen herabgelassen htte, wenn er um mich
warb?

Herr von Gorski antwortete mhsam: Das ist eine gedankenlose Frechheit
gewesen, mein Kind, nichts weiter. Weil die Brinckenwurffs sich
bekanntlich einbilden, sie wren mit dem lieben Herrn Jesus Christus
zugleich in dieses heidnische Land gekommen! Und nach einer kleinen
Pause der innerlichen Sammlung fuhr er fort: Herr von Foucar, ich bitte
Sie, mir es nachzusehen, wenn ich Sie jetzt nicht als Gast in mein Haus
lade. Ich mu mich erst selbst zurechtfinden, ehe ich einen Entschlu
fassen kann.

Gaston verneigte sich respektvoll.

Sehr wohl, Herr von Gorski. Es wird sich eine Stunde finden, in der Sie
die Gte haben werden, mir zuzuhren. Ihr Frulein Tochter hatte die
Gnade, meiner Werbung Gehr zu schenken. Morgen werde ich anfragen, wann
Sie fr mich zu sprechen sind.

Herr von Gorski nickte schweigend, Annemarie bot ihm die Hand zum Kusse.
In ihren Augen glaubte er jedoch eine leichte Enttuschung zu lesen.
Aber er konnte ihr nicht helfen. Es wre gar leicht gewesen, sich einen
effektvollen Abgang zu sichern. Sich als ein Edelmtiger aufzuspielen,
der es als seine Pflicht anshe, fr den Vater des geliebten Mdchens in
die Bresche zu treten. Das war eine Selbstverstndlichkeit, ber die
sprach man nicht. Und als ihn der Kalinzinner Sandschneider, aus dem er
jetzt die Zgel fhrte, in schneller Fahrt zum Stdtchen zurcktrug,
berlegte er, wie er am raschesten wohl dem Herrn von Brinckenwurff die
Forderung zustellen knnte, ehe ihm der alte Herr zuvorkme.

Persnlich nach Orlowen zu fahren und mit ein paar kurzen Worten Ort und
Zeit festzusetzen, ging nicht an. Nach altberkommenem Brauche, der in
manchen Fllen vielleicht lcherlich sein mochte, aber an dem man nicht
zu rtteln hatte. Und da fiel ihm ein, da er auf halbem Wege zur Stadt
die Mglichkeit hatte, den Rittmeister v. Lttritz telephonisch
anzurufen, er mchte ohne jede Zeitversumnis nach Orlowen reiten, dem
Herrn von Brinckenwurff die Forderung zu berbringen. Wegen einiger
unziemlicher Worte, die er sich Frulein von Gorski gegenber
herausgenommen htte. Dann war die Angelegenheit erledigt, und Annemarie
brauchte sich nicht um ihren alten Vater zu sorgen.

Unter den rostbraunen Kiefern des Beldahner Waldes, zwischen denen die
sandige Strae hinfhrte, stand die sonnendurchglhte Luft wie in einem
Backofen. Der nur unwillig trabende Gaul hatte nasse Flanken, unter dem
Riemenzeug bildete sich weilicher Schaum, und Hunderte von blutgierigen
Bremsen schwirrten ihm um die Stellen, an denen er wehrlos war. Gaston
versuchte, ihm mit der Peitsche zu helfen, so gut es ging, sobald er
aber in Schritt fallen wollte, trieb er ihn unbarmherzig vorwrts. Er
hatte keine Zeit zu verlieren, wenn er dem alten Herrn zuvorkommen
wollte.

Und wie den armen Gaul die Bremsen, stachen ihn die Gedanken. Da nach
allem menschlichen Ermessen sein Glck nur kurzen Bestand hatte --
morgen um diese Zeit war er schon ein toter Mann. Weil der andere aus
seiner Kaste in der Handhabung der Waffe mehr Uebung besa. Er selbst
hatte vor wichtigeren Aufgaben dazu keine Zeit gehabt. Ein junger Herr,
dessen reichliche Muestunden ihm gestatteten, sich zu einem Virtuosen
im Pistolenschieen herauszubilden, scho ihn morgen ber den Haufen.
Einer, dessen Leben fr die Allgemeinheit so unbetrchtlich war, als
wenn da um den schwitzenden Gaul eine Bremse mehr flog oder weniger,
streckte einen Mann in den Sand, der in schweren Zeiten dem Vaterlande
vielleicht Ntzliches htte leisten knnen. Verrckt war das, wenn man
sich die Anschauungen derer zu eigen machte, die, von keiner Tradition
beschwert, an jedem durch Jahrhunderte geheiligten Brauch zersetzende
Kritik bten. Entweder gehrte man zu der Kaste, die den Begriff der
persnlichen Ehre mit besonderen Gesetzen umschrieben hatte, oder man
stand drauen. Ein Aussuchen von Fall zu Fall gab es da nicht. Und eine
unwillige Regung erhob sich in ihm gegen sich selbst, da er auch nur
einen Augenblick lang eine Anwandlung gehabt hatte, die, genau besehen,
reichlich nach Feigheit schmeckte. Als wenn er nach einem Auswege
gesucht htte. Eins aber konnte ihm niemand verwehren, da er mit Trauer
daran dachte, das Leben aufs Spiel setzen zu mssen, als es eigentlich
erst anfing. Das Leben voll von Glck, von dem er zuweilen in migen
Stunden getrumt hatte ...

Vor einer kurzen Weile erst hatte er einen Vorgeschmack von den
Seligkeiten bekommen, die seiner vielleicht gewartet htten. Als er auf
dem Heimwege mit seiner langen und aufrichtigen Beichte fertig gewesen
war. Da hatte die neben ihm sitzende Annemarie geantwortet: Was soll
ich dazu sagen? Du hast mich damals doch nicht gekannt. Wir alle gehen
durch Irrtmer. Ehe ich Dich kannte, gab es Zeiten, in denen ich mit
meinem Los ganz zufrieden war. Und, weil sie mit den Zgeln in der Hand
auf den Weg passen mute, neigte sie sich nur ein wenig zur Seite und
bot ihm die Wange. Ihm aber weitete sich die Brust unter einem bisher
nicht gekannten Gefhl. Von aller Erdenschwere befreit flog man dahin in
einer einzigen Glckseligkeit ...

Zwischen grnen Tannenwipfeln leuchtete ein rotes Ziegeldach. Die
Waldschenke neben den Schiestnden, von denen in kurzen Zwischenrumen
gellende Kugelschlge durch die Mittagsschwle drangen. Wie scharfes
Peitschenknallen. Der Wirt Burdeyko, ein hagerer kleiner Mann mit
ausdrucklosem Gesicht, kam eilig durch den Garten, als das Fuhrwerk mit
dem schaumbedeckten Gaul auf der Strae hielt.

Guten Tag, Herr Rittmeister. Was steht zu Diensten?

Gaston vermochte im ersten Augenblick nicht zu antworten. Aefften ihn
seine erregten Nerven, oder war das Wirklichkeit, was er eine Sekunde
lang hinter einem rasch wieder vorgezogenen Fenstervorhang zu sehen
geglaubt hatte? Ein gelbes Gesicht mit einem bunten Kopftuch darber,
anders geknpft, als es hier die Bauernfrauen trugen. Er deutete mit der
Peitsche nach dem Hause.

Was ist das fr ein altes Weib in Ihrer Wohnstube, Herr Burdeyko?

Der andere blickte erstaunt auf.

Wie meinen der Herr Rittmeister? Ein altes Weib? Da mssen Sie sich
versehen haben. Nur mein Kellnerjunge ist im Hause. Sonst keine
Menschenseele.

So, nicht? Na, ist gut! Kann ich bei Ihnen ungestrt telephonieren?

Aber gewi doch, Herr Rittmeister. In der Zelle neben meinem
Kontorchen. Ich hab' ja auch manchmal ntig, was zu sprechen, wo kein
andrer was davon hren darf.

Gaston gab die Zgel dem hinter ihm sitzenden Kutscher und ging ber den
kiesbestreuten Gartenweg mit einem Angstgefhl im Herzen, das ihm den
Schwei aus allen Poren trieb. War er denn im Begriff, verrckt zu
werden, weil er am hellen Tage Spukgestalten sah? Wenn er sich
vielleicht auch beim ersten Male getuscht haben konnte, diesmal
erschien es ihm fast unmglich. Wenn er sich eben nicht in einem
Zustande befand, in dem man Halluzinationen hatte? Ganz deutlich hatte
er das Gesicht gesehen, das ihm damals von der Begegnung in der
Rankestrae im Gedchtnis geblieben war ... Da beschlo er, sich
Gewiheit zu schaffen. Ohne sich an das verwunderte Gesicht des Wirtes
zu kehren, durchschritt er rasch die Rume der Schenke, stieg in den
niedrigen Keller und blickte auf den Hof hinaus. Wenn auer dem Glser
splenden Kellner jemand im Hause gewesen wre, htte er ihn sehen
mssen ... Ein Schauder flog ihm ber den Rcken wie am Vormittag,
diesmal aber von anderer Art. Vor sich selbst bekam er Angst und er fing
an zu zweifeln, ob er noch nach klaren Erwgungen handelte ...

Das Frulein auf dem Amte weigerte sich zunchst, die Verbindung
herzustellen, wegen drohender Gewittergefahr. Es bedurfte erst einigen
Zuredens und des Hinweises, da es sich um eine wichtige militrische
Meldung handle. Dann aber pochte und knatterte es in dem Apparat, er
vernahm wohl, da der Rittmeister von Lttritz am andern Ende sprach,
aber eine Verstndigung war unmglich. Da gab er es auf, die erhoffte
Zeitersparnis war rgerliche Versumnis gewesen.

Als er wieder zu seinem Fuhrwerk kam, meldete Herr Burdeyko, soeben wre
ein ganzer Wagen mit Herren vom Dragonerregiment vorbergefahren,
dazwischen die beiden Herren von Gorski.

Schade, sagte Gaston, den jngeren htte ich gerne gesprochen, und
stieg in den Kutschiersitz. Na, dann los, Braunerchen.

Herr Burdeyko lief ein paar Schritte neben dem Wagen her.

Wann soll ich zur nchsten Stunde kommen, Herr Rittmeister?

Wei ich nicht, rief er zurck, ich lasse es Ihnen noch sagen.

Als Gaston schon ein Ende weit gefahren war, fiel ihm pltzlich ein: wie
kamen die Brder Gorski eigentlich dazu, ohne Urlaub die Garnison zu
verlassen? Beide hatten doch am Nachmittage Dienst? Der ltere beim
Turnen, der jngere beim Baden. Aber er vermochte nicht weiter zu
denken. Eine Art von Stumpfheit war ber ihn gekommen nach all den
Aufregungen des Tages. Er dachte nur noch einen Gedanken, mit
mglichster Beschleunigung den Rittmeister von Lttritz aufzutreiben,
damit dieser dem Herrn von Brinckenwurff in Orlowen die Forderung
berbrachte und die blonde Annemarie Gorski ihn nicht fr einen Feigling
hielt, der gemchlich abwartete, bis andere vor ihm in die Bresche
sprangen.

In der Wohnung des Herrn von Lttritz erfuhr er, der Rittmeister wre
ausgegangen, ohne zu sagen, wohin. Da hinterlie er die Weisung, er bte
ihn, sofort zu ihm herauszukommen, und fuhr nach Hause, mit ohnmchtigem
Zorn im Herzen. An wen sollte er sich in der Eile wenden? Jedem anderen
htte er einen langen Sermon erzhlen mssen, ohne das Kind beim rechten
Namen zu nennen. Und hinterher wre die glatte Antwort gekommen, ohne
vorausgegangene Anrufung des Ehrenrates wre der Auftrag nicht
auszufhren. Da gab es also nichts als warten. Und es gereute ihn fast,
da er auf der Freitreppe des Kalinzinner Schlosses in vornehmer
Gesinnung mit seinen Absichten hinter dem Berge gehalten hatte.

Im Flur seines Huschens empfing ihn der Bursche.

Herr Rittmeister, vor einer Viertelstunde ist eine Depesche gekommen.
Ich hab' sie auf den Schreibtisch gelegt.

Eine Depesche? Von wem denn?

Die Frage war tricht, das wute er. Mit zwei langen Schritten stand er
im Zimmer, ri das zusammengefaltete Papier auseinander.

Ihre Frau Mutter schwer erkrankt, ersuche dringend, sofort
hierherzukommen. Ableben stndlich zu erwarten. Justizrat Knig.

Die Kniee zitterten ihm, er mute sich in den vor dem Schreibtisch
stehenden Lehnstuhl setzen. Stumpfsinnig starrte er auf die mit
Blaustift geschriebenen Zeilen des Telegramms, bis ihn der Schmerz
jhlings bermannte. Sein liebes altes Mtterchen, an das er in diesen
letzten langen Wochen nicht mit einem einzigen Gedanken gedacht hatte,
lag im Sterben. Die Trnen schossen ihm aus den Augen, er legte die
Stirn auf die harte Tischkante, und ein Aufschluchzen erschtterte
seinen Krper. Erst ganz allmhlich gewann er seine Fassung wieder, fing
er an zu berlegen, was zu geschehen htte.

Der Justizrat Knig war der Vermgensverwalter und vertraute Freund
seines Mtterchens schon seit langen Jahren. Allabendlich spielten sie
ihre geruhsame Partie Bzigue, und es war ein rhrendes Verhltnis
zwischen den beiden alten Leutchen. Von seiten des Justizrates, der
unverheiratet geblieben war, vielleicht ein wenig Piett und wehmtige
Erinnerung. An eine vor langen Jahren begrabene Hoffnung. Aber mit dem
Alter war er ein Krakeeler geworden. Fast immer verzankte er sich mit
seiner Partnerin, um am nchsten Vormittag mit einem poetischen
Brieflein wieder um gut Wetter zu bitten, weil er ohne die abendliche
Partie nicht leben konnte. Da war es eigentlich verwunderlich, da er in
so drren Worten telegraphiert hatte, was ihn doch nicht minder
schmerzlich treffen mute als den Sohn der alten Freundin. Aber wer
berlegte wohl in einem so trben Augenblicke, ob er der notwendigen
Nachricht noch ein Wort der Teilnahme hinzufgen sollte?

Also da galt es, die Vorbereitungen zu einer schleunigen Reise zu
treffen. Alles brige, was er sich vorgenommen hatte, mute er bis zu
seiner Rckkehr aufschieben. Und wenn er Annemarie ein paar Zeilen
schrieb, wrde sie es wohl verstehen, da es fr ihn im Augenblick keine
andere Sorge gbe als die einzige, ob er sein Mtterchen noch am Leben
fnde. Schier zum Verzweifeln war es, da er hier noch stundenlang
unttig sitzen mute, indessen das alte Frauchen da unten im fernen
Schwaben sich gegen den Tod wehrte. Mit keiner anderen Waffe als der
Sehnsucht, den einzigen Jungen vielleicht noch einmal im Arm zu halten,
seinen Kopf an ihrer Brust zu fhlen ...

Der nchste Zug, mit dem er den von Eydtkuhnen kommenden Schnellzug
erreichen konnte, ging erst gegen acht Uhr abends. Bis dahin hatte er
reichlich Zeit, Urlaub zu nehmen, die Schwadron dem Oberleutnant
Gusovius zu bergeben und den Brief an Annemarie zu schreiben. Wenn er
den durch seinen Burschen befrderte, konnte sie ihn in anderthalb
Stunden haben und brauchte keine verwunderten Augen mehr zu machen ...
da er beim Abschied unterlassen hatte, das Wort zu sprechen, das sie
von ihm wohl erwartet hatte.

Als er die Schublade seines Schreibtisches aufzog, um einen seiner
besten Briefbogen mit der farbigen Wappenprgung herauszulangen, fiel
ihm auf, da zwischen allem, was er dort aufbewahrte, nicht die gewohnte
Ordnung herrschte. Die Brieftasche mit dem letzten Schreiben seines
Vaters lag nicht auf ihrem richtigen Platz. Ganz ausgeschlossen war es,
da er selbst sie dorthin gelegt haben konnte, er hielt in allem, was
ihn umgab, eine geradezu pedantische Ordnung. Wenn er an seinen
Bibliothekschrank ging, konnte er im Dunkeln den gesuchten Band
herausholen.

Also es gab keinen Zweifel, hier hatte jemand in seiner Abwesenheit die
Schublade durchsucht. Jemand, der zu dem kunstvoll gearbeiteten Schlosse
einen Nachschlssel besa. Den eigentlichen Schlssel trug er nebst
einigen Anhngseln an einer silbernen Kette. Nachts lag sie auf dem
Tischchen neben seinem Bett, beim Aufstehen befestigte er sie an der
Uniformhose. Die Mglichkeit, da er den Schlssel aus Versehen einmal
htte stecken lassen, war berhaupt nicht zu errtern. Aber wer sollte
nur ein Interesse daran haben, hier seine Andenken, Briefe und
Familienpapiere zu durchstbern?

Und pltzlich schlossen sich die Wahrnehmungen des Tages, die er fr
Ausgeburten seiner berreizten Sinne gehalten hatte, mit einigen anderen
zu einem Verdacht, den er zunchst nur unklar fhlte. Er griff nach der
Stelle der Schublade, an der er die letzten der seltsamen russischen
Briefe aufgehoben hatte, die Stelle war leer. Da gefror ihm das Blut fast
in den Adern, hier war gegen ihn etwas im Werke, wie es nur ein Teufel
ersinnen konnte -- oder eine im Innersten ihres Herzens gekrnkte Frau!
Die Viertelstunde fiel ihm ein, in der er mit dem schon halb verwirrten
Herrn von Wodersen ber die sonnenbeschienene Strae im Grunewald gegangen
war. Da hatte der von einer Rache gesprochen, die Josepha an ihrem Gatten
zu nehmen gedachte, weil er sie mit einer Tnzerin oder Schauspielerin
betrog -- dieser Person mit der seltsamen, wie eine geborstene Glocke
klingenden Stimme. Nur das hier war noch teuflischer. Heute nacht, wenn er
lngst schon in der Eisenbahn sa, legte man hier in diese Schublade die
entwendeten Briefe, nur mit einem anderen Inhalt. Einem Inhalt, der klipp
und klar bewies, da der Rittmeister Baron Foucar von Kerdesac vom
Dragonerregiment Graf Schmettau mit dem russischen Geheimbureau in
Warschau landesverrterischen Verkehr hatte. Morgen stand hier in diesem
Zimmer ein von der Division entsandter Kriegsgerichtsrat, fand die
Beweise, und auf telegraphischen Befehl wurde er an dem Sterbebette seiner
Mutter unter dem Verdachte des Landesverrats verhaftet. Selbst wenn es ihm
gelang, sich von diesem Verdacht zu reinigen, war er fr alle Zeiten
verfemt. Es blieb immer etwas hngen, selbst wenn er sich in geweihtem
Wasser wusch ... ein unbestimmter Geruch, vor dem sich die innerlich und
uerlich Sauberen zurckzogen. Und blitzhnlich reihte er alles
aneinander, was gegen ihn sprach, wenn er sich verteidigen wollte. Da war
schon vor seiner Versetzung das merkwrdige Interesse fr die
Geheimpapiere im Generalstabe, die von der strategischen Bestimmung
Ostpreuens handelten im Falle eines Krieges nach zwei Fronten. Dann war
da sein aufflliges Absondern von den Kameraden, seine ausgedehnten Ritte
und Fahrten im Aufmarschgelnde, und zuletzt der Inhalt der in seinem
Schreibtisch beschlagnahmten Briefe. Die waren in Warschau aufgegeben laut
Poststempel, und in ihnen stand, Gott mochte wissen, was ... Die
Aufforderung vielleicht, noch ber diese Position im Mobilmachungsplan
nhere Auskunft zu geben oder ber jene ... Und noch etwas anderes kam
hinzu, woran er zuallerletzt, die anderen aber vielleicht zuallererst
denken mochten: sein franzsischer Name und das Trpfchen franzsischen
Blutes, das in zehnfacher Verdnnung noch in seinen Adern flo. Ganz
deutlich entsann er sich der Aeuerung des alten Herrn damals auf der
Fahrt von Knigsberg. Den Wortlaut wute er nicht mehr, aber es war eine
Art von Zweifel gewesen, ob Abkmmlinge einer fremden Nation wohl restlos
im deutschen Volkstum aufgehen knnten. Und das Netz, das sich ihm um die
Glieder schnren sollte, war schon seit langem gesponnen. Die groe
Nachrichtenzentrale in Berlin war ja schon vor Wochen alarmiert, da hier
an der Grenze ein Verrter sa. Heute kam die Mitteilung, die seine
Persnlichkeit genau bezeichnete, und morgen, whrend seiner Abwesenheit,
der vernichtende Schlag. Er aber hatte nichts zu seiner Verteidigung
anzufhren, als da da vielleicht ein Racheakt vorlge. Die Rache einer in
leidenschaftlicher Liebe verratenen Frau. Er _sah_ ordentlich das
unglubige Lcheln seiner Richter ...

Die Haare strubten sich ihm, so grauenhaft war das. Nur ein Glied
fehlte noch in der Kette der Voraussetzungen, nmlich da da die auf dem
Tische liegende Nachricht von der schweren Erkrankung seines Mtterchens
geflscht war. Dann war das alles kein leeres Hirngespinst, sondern
grausige Wirklichkeit. Da erhob er sich mhsam, ging zu dem an der Wand
hngenden Telephon.

Gott sei Dank, der Apparat funktionierte wieder, das Amt Ordensburg
meldete sich.

Liebes Frulein, sagte er, wenn ich jetzt dringend nach Elingen
telegraphieren wrde, mit dringender Rckantwort bezahlt, wann knnte
wohl die Antwort wieder hier sein?

Elingen in Wrttemberg?

Jawohl!

Etwa eine Stunde. Wenn Sie mir nmlich die Depesche telephonisch
aufgeben.

So, kann man das?

Aber natrlich, schon immer!

Da diktierte er: Justizrat Knig, Elingen. Erhalte soeben von Ihnen
Depesche ber schwere Erkrankung meiner Mutter. Habe Grnde zur Annahme,
da diese Depesche nicht von Ihnen herrhrt, sondern andere Zwecke
verfolgt. Bitte dringende Antwort. Gaston.

Das Frulein auf dem Amte wiederholte den Wortlaut, als sie den Namen
Gaston aussprach, bekam ihre Stimme einen schmelzenden Klang.

Herr Rittmeister Baron von Foucar?

Allerdings!

Gott, wie interessant! Die Depesche wird noch in dieser Minute
abgeschickt werden!

Da mute er, mitten in aller Aufregung, lachen. Die kleine Telephondame
schien eine jener stillen Verehrerinnen zu sein, von deren Existenz er
selbst keine Ahnung hatte.

Freut mich sehr, mein gndiges Frulein! Wenn Sie nun noch die Gte
haben wollten, mir die aus Elingen eintreffende Nachricht telephonisch
mitzuteilen, statt durch Boten, wre ich Ihnen sehr verbunden. Das geht
doch hoffentlich auch?

Aber selbstverstndlich!

Gaston hing den Hrer an und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.
Noch eine ganze lange Stunde hatte er zu warten, bis er die
entscheidende Nachricht bekam. Inzwischen aber mute er die
Vorbereitungen zur Abreise treffen, um keinen Argwohn zu erregen. Er
rief seinen Burschen.

Wichotta, ich mu heute abend auf mehrere Tage verreisen. Legen Sie mir
Zivil zurecht, und holen Sie den groen Lederkoffer vom Boden!

Befehl, Herr Rittmeister! sagte der vierschrtige Masur und machte
sich daran, den Auftrag auszufhren. Gaston hatte ihn scharf angesehen,
er traute keinem Menschen mehr. Er htte darauf geschworen, der Kerl war
mit im Komplott, aber in dem sonnenverbrannten, stumpfsinnigen Gesicht
zuckte keine Muskel.

Der Zweifel sprang ihn an, ob er sich vielleicht nicht blo mit
selbstgeschaffenen Gespenstern qulte, und er durchforschte sein
Gedchtnis. Aber es gab keinen Irrtum, er wute genau, er hatte die
letzten aus Warschau gekommenen Briefe hier in der Schublade verwahrt.
Aus einem instinktiven Angstgefhl, er knnte sie vielleicht irgendwie
einmal als Beweismittel gebrauchen. Und diese Briefe waren fort. Von
einem Unbekannten hier aus seinem Schreibtisch entwendet. Dieser
Diebstahl mute doch einen Zweck haben. Und von neuem berfiel ihn das
Grausen, was geschehen wre, wenn ein Zufall nicht seinen Verdacht
geweckt htte.

Der Zeiger an der kleinen Stutzuhr auf dem Schreibtische kroch wie eine
Schnecke; Gaston versuchte den Brief zu schreiben, den er sich
vorgenommen hatte, aber er konnte seine Gedanken nicht sammeln, die
Unruhe fra ihn fast auf. Drauen erklang die Trglocke, er schrak
unwillkrlich zusammen. Ein eisiger Schauder flog ihm ber den Rcken.
Wie, wenn er nun mit seiner Entdeckung zu spt gekommen wre?

Der Bursche meldete nach kurzer Pause: Herr Leutnant von Gorski.

Ich lasse bitten.

Der Kleine trat ber die Schwelle. Sein Gesicht sah vergngt aus wie
immer mit den groen Ohren und der keck in die Luft ragenden Hakennase.
Gaston atmete erleichtert auf.

Na, lieber Gorski, was bringen Sie Gutes?

Ein kaum merkliches Blinzeln mahnte zur Vorsicht.

Ich hatte nur die Absicht, dem Herrn Rittmeister im Vorbeigehen
gehorsamst guten Tag zu sagen und, wenn mglich, einen Kognak zu
schinden.

Gaston hatte verstanden, da etwas Besonderes vorgefallen war.

Charmant, sagte er, sollen Sie gleich kriegen. Und zu dem Burschen
Wichotta, der nur zgernd zur Tr schritt, mit gespieltem Selbstvorwurf:
Herrgott, das Wichtigste htte ich beinahe vergessen! Sie mssen ja
sofort zum Herrn Oberst gehen mit meinem Urlaubsgesuch. Warten Sie einen
Augenblick! Er warf einige Zeilen auf einen Bogen in vorschriftsmigem
Dienstformat, verschlo ihn in einen Umschlag und mahnte den Burschen
zur Eile. Karl von Gorski fragte respektvoll, aber nicht ohne leichte
Verwunderung: Herr Rittmeister beabsichtigen, jetzt auf Urlaub zu
gehen?

Ja! Ich habe vor einer Stunde ungefhr eine Nachricht erhalten, die
mich ntigt, noch heute fr ein paar Tage zu verreisen. Aber jetzt
erzhlen Sie, was ist mit Ihnen los?

Ach Gott, nichts Besonderes. Ich bin eigentlich nur gekommen, um mich
vom Herrn Rittmeister zu verabschieden. Man wird mich wohl von morgen an
fr lngere Zeit einsperren. Wegen Nichtachtung einer ganzen Reihe von
Vorschriften, die der preuische Leutnant zu befolgen hat, wenn er
seinen hohen Vorgesetzten ein Wohlgefallen sein will.

Ach nee! Was haben Sie denn so Bses ausgefressen?

Ich habe mich soeben mit Herrn Hermann von Brinckenwurff ohne vorherige
Befragung des Ehrenrates im Beldahner Wald geschossen.

Gaston fuhr auf: Was haben Sie?

Mich mit Herrn von Brinckenwurff geschossen!

Und was ist herausgekommen?

Nicht allzu viel. Immerhin wird es einige Monate dauern, bis mein
Komparent seinen rechten Arm wieder zum Pistolenschieen gebrauchen
kann. Der Knochen ist gesplittert, und die Kugel sitzt irgendwo in der
Schulter. Der Doktor buddelt noch danach. Vielleicht aber benutzt Herr
von Brinckenwurff die unfreiwillige Mue zu innerer Einkehr und wird
wieder friedlich.

Gaston schwoll die Ader auf der Stirn.

Hat er Sie gefordert, oder Sie ihn?

Das letztere. Gleich nachdem Herr Rittmeister von Kalinzinnen
abgefahren waren, rief mich nmlich meine Cousine Annemarie telephonisch
an, Herr von Brinckenwurff htte sich in despektierlicher Weise ber die
ganze Sippe derer von Gorski erhoben. Das verdro mich natrlich als
Mitglied dieser ehrenwerten Familie, und da benutzte ich die
segensreiche Erfindung des Fernsprechers, um meinem ehemaligen
Jugendfreunde auf diesem ungeheuer viel Zeit ersparenden Wege aufs Dach
zu steigen. Er verfuhr am anderen Ende der Leitung auch nicht
snftiglich mit mir, und da einigten wir uns rasch. Eine Stunde spter
trafen wir uns mit dem ntigen Apparat an Sekundanten, Unparteiischem
und so weiter an den idyllischen Ufern des Tatarensees -- das Ergebnis
habe ich Herrn Rittmeister schon gemeldet.

Gaston hatte mit zornigen Augen zugehrt.

Herr von Gorski, ich kann Ihnen nicht verhehlen, da Sie mir da in
hchst unerfreulicher Weise in die Quere gekommen sind. _Mir_ gehrte der
Mann, der es sich herausgenommen hatte, gegen meine ... gegen eine junge
Dame, die mir nahesteht, also der es sich erlaubt hatte, ungezogen zu
werden. Wie soll ich's jetzt Frulein Annemarie erklren, da ich nicht
sofort im Augenblick dazwischentrat? Weil es mir als billige Renommage
erschienen wre. Jetzt mu sie denken, es htte mir vielleicht an dem
erforderlichen Mute gefehlt. Und alles nur, weil es mir nicht gelungen
ist, Herrn von Lttritz zu erreichen, der die Uebermittlung meiner
Forderung ohne lange Auseinandersetzungen bernommen htte!

Der Kleine machte ein mglichst zerknirschtes Gesicht.

Ich sehe ein, Herr Rittmeister, ich bin leider Gottes noch immer ein
vorlauter und unbesonnener Knabe. Aber da ich schon lngst die
Befrchtung hegte, diese Untugenden knnten mich vielleicht einmal in
Konflikte strzen, paukte ich mich in meinen Muestunden auf Pistolen
ein. Durch Flei und Eifer brachte ich's im Laufe der Jahre dahin, da
ich sogar um ein weniges besser scho als der lange Brinckenwurff. Und
der konnte es eklig, produzierte manchmal, wenn wir im Park von Orlowen
bten, recht nette Kunststcke. Da sagte ich mir in diesem Falle, es ist
doch nicht gerade ntig, da er diese Fertigkeit zur Ausrottung meiner
ganzen Verwandtschaft mibraucht. Nicht nur meines verehrungswrdigen
Onkels in Kalinzinnen, sondern auch eines, allerdings erst
anzuheiratenden Cousins.

Gaston hatte verstanden, die Augenwinkel wurden ihm feucht.

Na ja, schn! Aber ich kann nun reden und reden ...

Karl von Gorski schluckte ein wenig, sah zum Fenster hinaus, vor dem ein
pltzlich einsetzender Windsto die fruchtbehangenen Kronen der
Obstbume bog.

Ja natrlich! Diese kleinen Frauenzimmer ... pardon, ich wollte sagen,
jungen Damen ... ja also, es ist zu merkwrdig. Mit der einen Hlfte des
Herzens zittern sie um den Geliebten, in der anderen Hlfte aber regt
sich allerhand Unklares, Romantisches ... Ich hab' sie grndlich
angebrllt per Telephon, meine Cousine Annemarie. Und zufllig traf ich
die richtigen Argumente, die ihr einleuchteten: da Herr Rittmeister
nmlich keiner von denen wren, die gleich einer eilegenden Henne kakeln
und spektakeln wrden, wenn sie sich etwas vorgenommen htten.

Gaston atmete tief auf, streckte die Hand aus.

Junge, wie soll ich Dir das alles mal vergelten?

Der Kleine schnffelte mit der Nase, aber sein Mund lachte schon wieder.

Privatdiskursch, Herr Rittmeister, wie unsere sterreichischen
Bundeskollegen sagen?

Aber natrlich!

Dann, lieber Vetter Gaston, machen Sie um Unbetrchtlichkeiten kein
Brimborium! Ein Pistolenvirtuose wie ich, der auf dreiig Schritt und
Kommando Eins 'nen Hosenknopp trifft, hat's verdammt billig, Mut zu
zeigen. Immerhin, wenn ich in Weichselmnde sitze und Ihr auf der
Hochzeitsreise seid im schnen Land Italia, bitt' ich um eine
Ansichtskarte. Die kleb' ich dann mit einem leichten Seufzer an die
kahle Zellenwand und beseh' sie von Zeit zu Zeit mit neiderflltem
Herzen.

Das Telephon schrillte an der Wand, Gaston hob den Hrer ab.

Ja, hier Rittmeister von Foucar.

Die Antwort aus Elingen ist da, sagte das Frulein auf dem Amte,
darf ich vorlesen?

Ja, bitte!

Also: Rittmeister von Foucar, Ordensburg. Sehr erstaunt ber Anfrage.
Ihre Mutter vor Wochen unplich gewesen, jetzt wieder ganz gesund.
Spielen abends Bzigue wie immer und zanken uns, hoffen, Sie nach
Manver lngere Zeit hier zu sehen. Gru von Mutter und Justizrat
Knig.

Danke verbindlichst, sagte Gaston. Seine Stimme klang heiser vor
Erregung. Die Beweiskette war geschlossen. Er deckte die Hand ber die
Augen, lehnte sich ein Weilchen lang mit der Schulter gegen die Mauer.
Die berreizten Nerven gehorchten nicht mehr, er schluchzte leicht auf.

Karl von Gorski sprang hinzu.

Um Gottes willen, Herr Rittmeister, haben Sie eine traurige Nachricht
gekriegt?

Da sammelte er sich langsam.

Nein, lieber Kleiner. Nur, ich mache hier eben 'was durch ... das
knnte auch einen Strkeren umwerfen. Wenn mir nicht der liebe Gott
geholfen htte, als es vielleicht noch Zeit war, war ich morgen ein
verfemter Mann. Und er fing an, zu erzhlen, wie es angefangen hatte,
was jetzt in einem grausigen Werk der Vernichtung endigen sollte.

Als er alles herunter hatte von der Seele, kehrte auch seine Ruhe
wieder. Ganz kaltbltig traf er seine Dispositionen. Am Abend reiste er
natrlich ab, als wenn er nicht den geringsten Argwohn geschpft htte,
stieg auf der ersten Station wieder aus und fuhr mit vorher bestelltem
Wagen zurck. Mit Dunkelwerden rckte die fnfte Schwadron zu einer
Nachtfelddienstbung aus, stellte sich am Eisenbahndamme auf, und dann
gab es ein Kesseltreiben um das kleine Huschen. Eine einzige
Schwierigkeit war nur zu berwinden. Wie man nmlich einen zuverlssigen
Mann im Hause unterbrachte, ohne da der Bursche Wichotta argwhnisch
wurde. Es war vielleicht nur eine Vermutung, da er dem geplanten
Anschlag Vorschub leistete, aber sicher war sicher. Und irgend jemand
mute doch da sein, der den weit fort am Bahndamm haltenden Dragonern
ein Zeichen gab, den Ring zu schlieen, wenn die Verbrecher am Werke
waren.

Der Kleine hatte in einer Art von Erstarrung zugehrt.

Grauenhaft ist das, sagte er endlich, und wenn die geflschte
Depesche da nicht wre ... na schn! Den Wagen in Kalinzinnen stelle
ich. Ich will es auch bernehmen, mich nach Dunkelwerden hier in den
Garten zu prschen, aber einen Rat mchte ich mir noch erlauben: es
drfte sich doch sehr empfehlen, auch den Herrn Oberstleutnant ins
Vertrauen zu ziehen. Es urteilt sich bedeutend leichter, wenn man schon
vor der Verhandlung Partei ergriffen hat.

Gaston konnte nicht mehr antworten, der Bursche trat ins Zimmer, brachte
den Bescheid vom Regimentsbureau. Er ri das Kuvert auf und sagte mit
gespieltem Erstaunen: Denken Sie sich blo, Herr von Gorski, der
Kommandeur will mich noch sprechen, ehe ich auf Urlaub gehe!

Der Kleine heuchelte mit: Wahrscheinlich handelt es sich um den Bericht
wegen des Zwischenfalles an der Grenze. Aber da mssen Herr Rittmeister
sich beeilen. Um acht Uhr geht der Zug.

Ja natrlich. Also, Wichotta, packen Sie fertig! Den Krmperwagen
bestelle ich selbst im Vorbeigehen. Und in einem zweiten Koffer
Paradeanzug mit allem, was dazu gehrt. Fr den Fall, da ich ihn da
unten gebrauchen sollte.

Der Bursche machte ein betrbtes Gesicht. Er verriet sich in seiner
Dummheit, ohne es selbst zu merken.

Ich wnsch' Herrn Rittmeister, sagte er, die traurigen Nachrichten
sollen sich nicht bewahrheiten.

Da wechselte Gaston mit seinem Leutnant einen kurzen Blick. Es stimmte.
Der Schweinehund da war mit im Komplott.

Und ein paar Stunden spter kannte der Rittmeister von Foucar alle
Einzelheiten des gegen ihn gerichteten Anschlages.

Der Zug setzte sich schon in Bewegung, da wurde im letzten Augenblick
die Couptr aufgerissen, ein Reisender stieg noch ein. Gaston blickte
auf, es war der pensionierte Kanzleibeamte, der sich auf der anderen
Straenseite angesiedelt hatte! Da wute er Bescheid. Der Kerl fuhr mit,
um seine Spiegesellen zu warnen, falls irgend ein unerwarteter
Zwischenfall eintrte. Und in einer Viertelstunde mute er mit ihm ins
Reine kommen, denn fnfzehn Minuten fuhr der Zug nur bis zu der ersten
Station. Da erffnete er kurzerhand die Feindseligkeiten.

Sehr nett von Ihnen, Herr Nachbar, da Sie sich persnlich davon
berzeugen, ob ich auch wirklich abgefahren bin. Wie weit sollen Sie
mich nun eigentlich begleiten, damit die Schweinerei in meinem
Schreibtisch fertig ist?

Der andere sah ihn ganz entgeistert an.

Wie ... wie meinen Sie das, Herr Rittmeister?

Da mute er auflachen. Der Kerl sah komisch aus mit dem vor Erstaunen
geffneten Munde.

Kommt Ihnen ein bichen berraschend? Na, dann lassen Sie sich sagen,
wir beide werden schon in Kalinzinnen aussteigen. Und sehen Sie mich
nicht so unglubig an: Sie werden _wirklich_ mit aussteigen! Nur ich werde
natrlich dafr sorgen, da Sie mit keinem Telephon in Verbindung
kommen. Um -- na sagen wir mal -- nach der Waldschenke Nachricht zu
geben!

Das letzte hatte er nur aufs Geratewohl gesprochen, aber die Wirkung war
niederschmetternd. Der angebliche Kanzleibeamte bog sich vor.

Herr, woher wissen ... Das heit, ja -- er nahm sich gewaltsam
zusammen -- das ist nmlich alles Unsinn. Und ich wei wirklich nicht,
was Sie von mir wollen. Ich fahr' ganz harmlos nach Berlin, und da
kommen Sie her ...

Ganz recht, sagte Gaston gemtlich, und da komme ich her, ersuche Sie
hflichst, mit mir schon in Kalinzinnen auszusteigen! Und nun wollen wir
unser Geschft in Ruhe erledigen. Bitte, greifen Sie nicht immer nach
Ihrer rckwrtigen Hosentasche ... ich kann mir denken, da Sie da was
bei sich tragen, aber ich glaube, ich bin betrchtlich strker als Sie.
Ich verdresche Sie unbarmherzig, wenn Sie nicht sofort die Hand wieder
nach vorn nehmen. So! Und nun beantworten Sie mir geflligst die Frage:
Was haben Sie eigentlich davon, da Sie mich bis Berlin begleiten,
indessen Frau Ursula Blazitschek mit Herrn Burdeyko die geflschten
russischen Briefe in meinen Schreibtisch praktiziert? Ich habe Ihnen
persnlich doch nie 'was getan?

Der andere sa wie vor den Kopf geschlagen da.

Herr, das ist ... das ist ...

Na, ber die Bezeichnung des gegen mich gerichteten Anschlages wollen
wir nicht streiten, nennen wir ihn niedertrchtig meinetwegen. Aber ich
bin gesonnen, Sie ungeschoren laufen zu lassen, wenn Sie mir
wahrheitsgem ein paar Fragen beantworten.

Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, Herr Rittmeister?

Gaston mute unwillkrlich lcheln.

Damit mu man sparsam sein, Herr Nachbar! Aber so etwas Aehnliches gebe
ich Ihnen. Also: Wer hat nun die Gemeinheit, die ich im letzten
Augenblick noch -- Gott sei Dank -- vereiteln konnte, angezettelt?

Das habe ich erst in diesen Tagen erfahren, Herr Rittmeister. Dieses
alte Weib ... So oft sie Ihren Namen nannte, spie sie aus vor Ha. Ich
selbst war vor Wochen von meinem Bureau aus Berlin hierher geschickt, um
Sie zu beobachten. Nichts weiter. Ich kannte Sie nmlich schon. Von der
Knigsallee her, wie der Herr von Wodersen sich totscho. Da stand ich
auch auf Posten. Aber im Auftrage des verstorbenen Herrn Rheinthaler.
Also jetzt gingen die Berichte an die Witwe. Wissen Sie, da stren wir
uns nicht daran. Es kommt oft genug vor, da wir zwei Parteien
gleichzeitig bedienen. Den Mann beobachten im Auftrag der Frau, und die
Frau im Auftrag vom Mann. Das ist eben unser Geschft.

Kann ich verstehen, sagte Gaston, aber, Herr, hat Ihnen nicht ein
bichen wenigstens das Gewissen geschlagen, als Sie erfuhren, was man
gegen mich plante?

Der andere zuckte die Achseln.

Meinen Sie, Herr Rittmeister, ein Berliner Detektivbureau sucht sich
seine Angestellten in den Kreisen der Herren Reserveoffiziere? Und
dieses alte Frauenzimmer aus Berlin schmi nur so mit dem Geld. Der
Burdeyko kriegt hunderttausend Mark, wenn die Briefe in Ihrem
Schreibtisch liegen, Ihr Bursche sechstausend. Das sind doch Vermgen
fr solche Leute! Und der Wirt Burdeyko hat lange mit sich gekmpft.
Aber er hat Kinder, und mit dem Geld kann er sich in Sdruland ein
ganzes Rittergut kaufen. Da fiel er natrlich um.

Natrlich! Und nur eins noch: Haben Sie aus den Gesprchen mit dieser
Frau Blazitschek vielleicht erfahren, wer eigentlich den Plan gegen mich
geschmiedet hat? Die alte Hexe allein, oder war auch Frau Rheinthaler
daran beteiligt?

Da mu ich ehrlich gestehen, Herr Rittmeister, das wei ich nicht. Die
Alte hat nur gelegentlich mal erzhlt, ihre Herrin htte tagelang
geweint, als von Ihnen pltzlich der Brief mit der Absage kam.

Es ist gut, sagte Gaston heiser. Und schlielich ist es auch egal.
Gewut hat sie jedenfalls darum. Woher sollte sonst wohl das Geld
stammen?

Die Wagenbremsen zogen kreischend an, der Zug hielt an der kleinen
Station. Der Schaffner lief den Bahnsteig entlang: Kalinzinnen, eine
Minute.

Gaston stand auf.

Kommen Sie, Verehrtester!

Ich denke, Herr Rittmeister wollten mich doch laufen lassen?

Sehr richtig, hatte ich versprochen. Aber erst, wenn Sie keinen Unfug
mehr anrichten knnen. Also vorwrts!

Sie standen auf dem Perron, Gaston rief den rotbemtzten Stationsbeamten
an:

Herr Vorsteher, kennen Sie mich?

Sehr wohl, Herr Rittmeister.

Na, dann heben Sie mir diesen Gentleman hier auf, bis Sie von mir
persnlich Nachricht kriegen, ihn wieder freizulassen! Es handelt sich
um eine militrische Angelegenheit von einiger Wichtigkeit, und Sie
haben doch gewi ein sicheres Gela, in dem Sie ihn unterbringen
knnen?

Sehr wohl, Herr Rittmeister. Einen Gterwagen. Wenn wir von auen die
groen Riegel vorlegen!

Der pensionierte Kanzleibeamte begehrte auf.

Da protestiere ich! Das ist Freiheitsberaubung.

Ganz recht, lieber Freund. Es sieht verdammt danach aus. Aber ich
stelle Ihnen anheim: Wollen Sie lieber mit mir nach Ordensburg
zurckfahren, zu Ihren Spiegesellen? Sie ziehen es vor, in dem
Gterwagen zu bernachten? Ist mir auch recht. Viel Vergngen.

Hinter dem ziegelgedeckten Schuppen, der die Wartehalle der Station
Kalinzinnen darstellte, hielt ein geschlossener Wagen. Gaston trat heran
und fragte den Kutscher: Sind Sie von Herrn Leutnant von Gorski
bestellt? Fr den Rittmeister von Foucar?

Aus dem Wageninnern antwortete eine helle Stimme:

Zu Befehl! Steigen Sie nur ein, Herr Rittmeister.

Da schrie er fast auf:

Annemarie!

Ja, ich, natrlich. Aber jetzt rasch. Ich schtze nmlich, mein lieber
Papa hat mittlerweile seinen alten Perkuhn bestiegen, um mich von einem
Schritt zurckzuhalten, den er fr hchst unpassend ansehen wrde. Ich
hatte unserer alten Reprsentationsdame den Auftrag gegeben, ihn zwanzig
Minuten nach meiner Abfahrt davon zu unterrichten, da ich im Begriffe
wre, mich unrettbar mit Dir zu kompromittieren ... Wegen Beschleunigung
des Jawortes.

O, Du ... Du himmlischer Kerl von Mdel, Du!

Sie saen eng aneinandergeschmiegt in dem dunklen Wagen, der bei der
raschen Fahrt in den Gleisen des holperigen Landweges stuckerte und
schleuderte. Wenn sie sich kssen wollten, stieen sie mit den Kpfen
gegeneinander. Da lachten sie wie frhliche Kinder. Und es ergab sich,
da Gaston nicht viel mehr zu erzhlen hatte. Das telephonische
Gesprch, das Karl von Gorski mit seiner Cousine gefhrt hatte, war
ausfhrlich genug gewesen. Und pltzlich schlang Annemarie ihre Arme um
den Verlobten und drngte ihr Gesicht ganz nahe an das seinige.

Du, sie tut mir leid! Ich wte auch nicht, was ich anfangen wrde,
wenn ich Dich wieder hergeben sollte. Vielleicht wrde ich mich
ebenfalls rchen! Aber was machen wir nur mit meinem Vetter Karl? Dem
mssen wir eine ganz besonders feine Dedikation stiften, denn ohne ihn
wren wir doch nie zusammengekommen?

Da zog er sie fester an sich, raunte an ihrem Ohr, halb mit Lachen:

Bei den Foucars war es Sitte, den Erstgeborenen Gaston zu taufen. Ich
heie auch noch so, aber das Geschlecht wird immer mehr verdeutscht. Da
drfte es sich vielleicht empfehlen, den nchsten Foucar Karl zu
nennen.

Sie barg ihr Gesicht an seiner Brust und schlo ihm mit der kleinen,
festen Hand den Mund. Wohlweislich aber erst, als er ausgesprochen
hatte ...

       *       *       *       *       *

Es ging schon auf Mitternacht, als der Bursche Wichotta dem Wirt der
Waldschenke die Tr ffnete, in dem kleinen Huschen vor dem Tor. Er
zitterte vor Aufregung am ganzen Krper.

Ach Gott, Herr Burdeyko, wenn's nu aber schief geht? Sie sind morgen
frh schon lngst ber der Grenz', aber ich mu hierbleiben. Und dann
fngt die Fragerei an nach allem mglichen! Da bricht nur der
Angstschwei schon jetzt aus am ganzen Leib.

Der andere zischelte leise: Dummer Kerl, zweitausend Taler verdient man
vielleicht im Schlaf? Und wer kann Dir was beweisen, wenn Du nur immer
sagst, Du weit von nichts? Du hast hinten im Pferdestall geschlafen.
Wie sollst Du da hren, ob hier vorne einer die Tr aufschliet?

Die alte Frau mit dem bunten Kopftuche lste sich von dem Staketenzaun
wie ein Schatten.

Vorwrts, vorwrts. Da hinten aus dem Dunkeln zieht sich 'was heran.
Ich riech' es, Pferde sind unterwegs.

Herr Burdeyko horchte mit angehaltenem Atem in die Nacht hinaus.

Ach Unsinn, es ist nichts zu hren. Und der Rittmeister ist harmlos
unterwegs nach Elingen. Sonst htten wir doch lngst schon Nachricht,
wenn er Verdacht geschpft htte.

Der Bursche Wichotta ging vorsichtig voran, sie standen zu dritt am
Schreibtisch. Eine abgeblendete Kerze verbreitete einen matten Schimmer.
Herr Burdeyko holte den nach einem Wachsabdruck zurechtgefeilten
Schlssel aus der Tasche.

Na nu, verehrte Frau Blazitschek ... erst das Geld! Sonst streik' ich.
Es ist eine frchterliche Schweinerei.

Die Alte zog ein dickes Paket brauner Scheine aus dem Brusttuche. Herr
Burdeyko fing an, sorgfltig zu zhlen. Der Bursche stand dabei, sah mit
gierigen Augen zu.

Na, das ist doch aber ... Sie sollen so viel kriegen, und ich so wenig?
Wo ich meine Haut doch am meisten zu Markt trag'?

Herr Burdeyko hob den Kopf und stie das unter dem Schreibtisch stehende
Licht mit dem Fue um.

Sei still, dummer Kerl, da drauen ist wirklich ...

Weiter kam er nicht. Zu beiden Tren drang es herein. Er griff nach dem
Browning. Ein greller Lichtstrahl blendete seine Augen, eine schwere
Faust flog gegen seine Schlfe. Im Zusammenbrechen hrte er nur wie von
weitem, da die Alte, die ihn durch ein ungeheuerliches Geldangebot zu
dem Verrate verfhrt hatte, wie eine vom Teufel Besessene schrie.

Die Gefangenen waren abgefhrt. Gaston von Foucar stand mit den
Offizieren seiner Schwadron in dem hell erleuchteten Zimmer. Die Augen
lagen ihnen tief im Kopfe nach der aufregenden Jagd. Der Kommandeur sa
am Schreibtische und las die Briefe, die man dem Gastwirt Burdeyko
abgenommen hatte. Endlich fuhr er sich mit der Hand ber die Stirn.

Herr von Foucar, wenn ich diese Briefe ohne Vorbereitung gelesen htte
und in Ihrer Abwesenheit -- ich wte nicht, wie ich geurteilt htte!
Aber jetzt wollen wir ins Kasino gehen, lieber Foucar, und eine
vergngte Flasche Sekt trinken. Ich spendiere sie mit dankbarem Herzen,
weil meinem geliebten Regiment ein zum Himmel stinkender Skandal erspart
worden ist.

Heien Dank, Herr Oberstleutnant, aber ich mchte im die Erlaubnis
bitten, eine Viertelstunde spter erscheinen zu drfen. Bei Frau von
Lttritz erwartet mich jemand.

Hab' schon 'was luten hren, von dem Kleinen da, der in den nchsten
Tagen uns auf lngere Zeit verlassen wird. Um allerhand Schandtaten
abzusitzen.

Karl von Gorski klappte die Hacken zusammen und machte sein
respektvolles Gesicht. Nur die in seiner Nhe stehenden Offiziere muten
das Lachen verbeien, weil er in seiner bekannten Manier bei der
Antwort mit den Ohren wackelte.

Sehr wohl, Herr Oberstleutnant, sagte er, ich bin tief zerknirscht.
Aber drei Monate Weichselmnde sind rasch herum. Namentlich wenn man sie
in zwei Hlften absitzen kann. Ich schtze nmlich, wenn ich zur
Hochzeit meines lieben Vetters Foucar ein Urlaubsgesuch einreiche,
werden Herr Oberstleutnant die Gnade haben, dies Gesuch zu
befrworten ...

Der Kommandeur lachte auf.

Frechdachs! Aber heute abend sollen Sie mein lieber Ehrengast sein beim
Schoppen im Kasino. Und wenn wir ber kurz oder lang zu ernsterem
Beginnen reiten, sollen Sie mit Ihrem Zug die Spitze haben, Leutnant von
Gorski! Vorwrts, meine Herren ...

       *       *       *       *       *

Anmerkungen zur Transkription:

Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _Unterstrichen_ und
fremdsprachiger Text in Antiqua mit =Gleichheitszeichen= markiert.

Folgende Druckfehler im Original wurden korrigiert:

Er bi sich auf die Lippen und verneigte sich stumm.
    Im Original: 'Lipen'

Na, gute
Nacht, Foucar,
    Im Original: 'Fucar'

Gaston hatte ihr rgerlich ins Wort fallen wollen,
    Im Original: 'gerlich'

mit einem himmlischen Kerl
    Im Original: 'himmlichen'

Adieu, Herr von Foucar.
    Im Original: 'vor'

Herr von Gorski zog die buschigen Augenbrauen zusammen.
    Im Original: 'Augenbraunen'

wirklich noch 'ne Weile Skat spielen, was wir hier reden,
    Im Original: 'Was'





End of the Project Gutenberg EBook of Sturmzeichen, by Richard Skowronnek

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STURMZEICHEN ***

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