The Project Gutenberg eBook, Mister Galgenstrick, by Karl Ettlinger


This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org





Title: Mister Galgenstrick
       und andere Humoresken


Author: Karl Ettlinger



Release Date: October 29, 2007  [eBook #23243]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MISTER GALGENSTRICK***


E-text prepared by Norbert H. Langkau, Rudy Ketterer, and the Project
Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)



Transcribers' note:

   Words typeset in _antiqua_ and #spaced-out# words
   are indicated as shown.





MISTER GALGENSTRICK

Ullstein-Bcher

Eine Sammlung
zeitgenssischer Romane

[Illustration]

Ullstein & Co / Berlin und Wien


MISTER GALGENSTRICK

und andere Humoresken

von

Karl Ettlinger
(Karlchen)







[Illustration]

Ullstein & Co / Berlin und Wien

Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten.
Amerikanisches Copyright 1915 by Ullstein & Co, Berlin.




Mister Galgenstrick


I glaub', jetzt kommt der Herr Doktor nimmer! sagte Frulein Berta,
die Kellnerin, mit ihrem huldvollsten Lcheln und versuchte, mir
heimtckisch das leere Bierglas zu entziehen, um es frisch fllen zu
lassen.

Stehen lassen, Berta! Ich #hab'# heute schon meine Bettschwere! Und
berdies fllt man zehn Minuten vor Eintritt der Polizeistunde keine
Bierglser mehr!

Jesses, fressen S' mi nur net glei!

Sie zog sich schmollend zurck und widmete sich wieder dem Stricken
eines Kriegerstrumpfs von respekteinflender Fugre.

War ich, in meiner Ungeduld ber Walters Ausbleiben, zu grob gewesen? --
Ich wollte mein Unrecht wieder gut machen und leitete die
Friedensverhandlungen durch einen jener Blicke ein, die Frulein Berta
mit der lchelnden Drohung zu quittieren pflegt: Sie, das sag' i Ihrer
Frau Gemahlin!

Aber Frulein Berta war schon zu tief in das Maschenzhlen versunken, um
sich weiter um ihre Gste kmmern zu knnen.

Ich nahm also zum zehnten Male das Zeitungsblatt in die Hand, das vor
mir auf dem Tisch lag. Vielleicht stand doch irgendwo noch eine
versteckte Notiz darin, die ich erst #dreimal# gelesen hatte?

Wo nur _Dr._ Heberg blieb! Ich bin es ja gewhnt, da Walter das
akademische Viertel zu Nur Dreiviertelstndchen ausdehnt, ich ertrage
es auch ohne Vorwrfe, wenn er sogar noch ein viertes Viertelstndchen
zulegt, denn auch ich leiste im Punkte Pnktlichkeit Bedenkliches --
aber mich auf neun Uhr ins Kaffeehaus zu bestellen und fnf Minuten vor
Mitternacht nicht einmal telephoniert zu haben, das war der Rekord.

Berta, zahlen!

Ham S' was g'sagt? tnte es unter Stricknadelgeklapper herber.

Ich war so frei. Zahlen mcht' ich!

Berta schwebte heran. Eine gekrnkte Titania. (Aus Niederbayern.)

O mei, sind Sie heut bs! Also was ham S' dann g'habt?

Vier Dunkle und -- 's ist gut, da kommt _Dr._ Heberg, ich zahl'
spter!

Frulein Berta wandte sich meinem Freund zu, um ihn aus seinem Mantel zu
schlen.

Einen Kognak! bestellte er kurz, nahm mir gegenber Platz und ersetzte
seinen zerkauten Zigarrenstummel durch eine neue Zigarre.

Die wievielte ist das heute? erkundigte ich mich.

Die zehnte!

Wenn _Dr._ Heberg so stark rauchte, hatte er sicherlich viel Arbeit und
viel rger hinter sich. Ich hatte es ihm ja auch auf den ersten Blick
angesehen, da er belster Laune war. Dennoch konnte ich ihm eine kleine
Moralpauke wegen seiner beispiellosen Unpnktlichkeit nicht ersparen und
ich begann vorwurfsvoll:

Ich gestatte mir die bescheidene Bemerkung, da es vor ur-urgrauer Zeit
einmal neun Uhr war. Zu dieser angenehmen Stunde htte eigentlich --

Ich wei! unterbrach mich Walter nervs. Ich wei! Und in einem
pltzlichen Zornausbruch schlug er auf den Tisch. Aus der Haut fahren
kann man!

Das bestreite ich!

La das, ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt!

Warum? Hat dich jemand drei Stunden warten lassen? Oder ist ein Patient
"unartig" gewesen?

Unartig! rief _Dr._ Heberg tragisch. Sage lieber: skandals! Das
ganze Lazarett hat mir der Kerl auf den Kopf gestellt! Da gibt man sich
die grte Mhe mit so einem braunen Burschen --

Braun?

Nun ja, es ist ein Inder! Seinen Namen soll der Kuckuck behalten, denn
er ist ungefhr so lang wie ein ausgewachsener Leitartikel. Wir nennen
ihn, seinem Wunsch gem, Mister Galgenstrick!

Das klingt doch recht vertrauenerweckend! -- brigens ein Inder -- das
interessiert mich mchtig!

Frulein Berta brachte den bestellten Kognak, den Walter auf einen Zug
austrank.

Mir noch ein Bier, Berta! sagte ich. Und zwar --

Jetz is z' spt. Jetz is Polizeistund'!

Aber den angefangenen Satz wird man doch noch zu Ende sprechen drfen?

Sie wandte sich wieder ihrem Strickstrumpf zu, -- ich war endgltig in
Ungnade gefallen.

Ein Inder sagtest du, Walter?

Ja, und was fr einer! Unglaublich, so einen Kerl berhaupt in
europisches Klima zu verschicken! Hochgradig tuberkuls. Und jetzt noch
einen Achselschu dazu. -- Das hindert aber Herrn Galgenstrick durchaus
nicht, sich aufzufhren wie ein wildgewordener Truthahn!

Was hat er denn angestellt?

Er lt sich einfach nicht behandeln. Gewalt mu man anwenden, um ihm
einen Verband anzulegen. Zwei Leute mssen ihn festhalten. Er behauptet
nmlich, alle unsere Medikamente seien wertlos, ihm knne nur ein
einziges Mittel helfen, und zwar -- es ist zu bld, man knnte darber
lachen, wenn es nicht zum Verzweifeln wre, --

Und zwar?

Heiliger Kuhmist!

Ich verzweifelte nicht, sondern lachte.

Du hast leicht lachen, fuhr mein Freund gereizt fort. Aber mir ist
das gar nicht spahaft. Fr mich ist ein Kranker ein Kranker, und ich
betrachte es als meine Pflicht, ihn zu retten. Gleichgltig, wer und was
er ist! Da strengt man sich an, mht sich wie ein Vater um so einen
Menschen, und zum Dank tobt und schreit er, wirft einem die
Medizinflaschen ins Gesicht, beit einem in die Hnde -- und brllt, er
will heiligen Kuhmist haben!

Ein hochinteressanter Patient! Du, dem mut du mich vorstellen!

Nein!

Wirklich im Ernst: den mchte ich kennen lernen!

Wozu?

Erstens um ihn zu beruhigen, zweitens um mit ihm zu plaudern.

Das wird dir schwer fallen. Mister Galgenstrick spricht ein englisches
Kauderwelsch, das kein Normalmensch verstehen kann.

Daher auch wahrscheinlich seine Aufgeregtheit. Der arme Kerl begreift
einfach nicht, was ihr mit ihm vorhabt! Walter, du weit, ich spreche
Englisch wie meine Muttersprache --

Hm!

Ich danke dir! "Hm" ist eine halbe Zusage! Also wann werde ich Mister
Galgenstricks Bekanntschaft machen?

Morgen um drei Uhr! Aber pnktlich sein!

Pnktlich, als ob ich _Dr._ Heberg hiee!

Am nchsten Nachmittag zeigte mir Walter den indischen Patienten. Er war
wegen seiner vorgeschrittenen Tuberkulose in einem Separatzimmer
untergebracht.

Ich hatte erwartet, einen jener abgemergelten Inder zu finden, wie man
sie auf den Bildern der indischen Hungersnte in illustrierten
Zeitschriften sieht. Zu meiner berraschung traf ich einen jugendlichen
Mann von nicht unsympathischen Gesichtszgen, dem man seine schwere
Krankheit kaum ansah.

Er lag ruhig im Bett und betrachtete mich mit durchtriebenen Augen, die
eine drollig-naive Spitzbberei verrieten.

Der Bursche gefiel mir. Wenn ich nach dem ersten Eindruck eine Diagnose
seines Charakters htte stellen sollen, htte ich gesagt: Windhund.

Geh nicht zu nah an ihn ran, flsterte mir _Dr._ Heberg zu. Er
beit, wenn er gereizt wird!

Aber aus den Augen Mister Galgenstricks sprach keine feindliche Absicht.
Er musterte mich eine Weile schweigend und frug dann: Bringst du mir
heiligen Kuhmist, Herr?

Ich mu gestehen, es war das schauderhafteste Englisch, das je meine
Ohren schmerzte.

Nein, antwortete ich. Aber ich werde versuchen, ihn dir zu
verschaffen.

Walter gab mir einen Rippensto. Bist du verrckt?

Der Kranke hingegen nickte befriedigt. Ich hatte ihm eine Hoffnung
gegeben, und er war mir dankbar dafr.

Wann kommst du wieder, Sahib?

Morgen! sagte ich. Und bekam fr diese Antwort den zweiten Rippensto.

Und ich kam morgen wieder, und bermorgen, und beinahe tglich.

Freilich, das gewnschte Heilmittel durfte ich ihm nicht verschaffen,
aber ich brachte ihm ein anderes, wohltuendes Heilmittel: Ablenkung. Ich
hatte mich nach wenigen Tagen an sein Kauderwelsch gewhnt, verstand ihn
flieend und gewann mir dadurch sein Vertrauen.

Ja, ich brachte ihn im Laufe einer Woche so weit, da er sich willig
behandeln lie, obwohl er fr des Arztes Bemhungen nur ein
verchtliches Lcheln brig hatte.

Es ist alles sinnlos, behauptete er, aber macht mit mir, was ihr
wollt!

Mitunter hatte er Stunden der tiefsten Niedergeschlagenheit. Dann
flackerte ein wilder Ha gegen alle Weien in ihm auf, -- besonders
gegen die Englnder.

Aber er hatte auch Stunden, in denen er lenksam war wie ein Kind.

Und eine solche Stunde benutzte ich zu der Bitte, mir seine
Lebensgeschichte zu erzhlen. Ich versprach ihm, sie wrtlich
aufzuschreiben.

Wider alles Erwarten sagte er nach kurzem Besinnen zu.

Und da auch _Dr._ Heberg keine Einwendung dagegen hatte, so brachte ich
schon zum nchsten Besuche Bleistift und Papier mit, und Mister
Galgenstrick begann zu diktieren.

Hier ist die Geschichte seiner Erlebnisse.

Ich schrieb sie nieder, wie er sie erzhlte, und ich enthalte mich jeden
Kommentars.

Mge sie fr sich selbst sprechen.

       *       *       *       *       *

Ich bin geboren in Bombay, bin der dritte Sohn meines Vaters und heie
Maharabatigolamatana.

Weil aber dieser Name meinem Vater zu lang war und auf die Dauer zu
einsilbig schien, krzte er ihn ab und rief mich Galgenstrick.

Ich bin Hindu, und unsere Familie gehrt der Kriegerkaste an. Mein Vater
war denn auch ein sehr tapferer Mann und lag in bestndigem Krieg mit
den englischen Wchtern; die Englnder nmlich sind ein merkwrdiges
Volk: sie selbst stecken mein ganzes Vaterland ein, sie wollen aber
nicht erlauben, da ein armer Hindu nur eine einzige fremde goldene Uhr
einsteckt, und so kam es fter zu lebhaften Meinungsverschiedenheiten
zwischen meinem Vater und England.

Bei solchen Meinungsverschiedenheiten pflegte mein Vater sehr heftig
schreiend aufzutreten, weil man ihm den Rcken mit einer Peitsche
bearbeitete, wobei meist der Rcken, seltener die Peitsche entzweiging.
Die dummen Englnder glaubten, durch dieses Peitschen meinen Vater zu
entehren, -- als ob ein Nichthindu berhaupt einen Hindu entehren
knnte. Es ist dies ein Prbchen des Grenwahnes der Weien, dieser
unreinen Menschenrasse, die glaubt, weil sie uns Steuern abnimmt, sei
sie uns ebenbrtig. Sie wissen nicht, da ein Hindu lieber Hungers
strbe als mit einem Weien an einem Tisch e, und da uns eine Speise
schon als unrein und ungeniebar gilt, wenn nur der Schatten eines
Weien auf sie fiel.

Wollte ich alle die Kriegstaten meines Vaters aufzhlen, so wrde es ein
Buch werden, lnger als meines Vaters Strafliste.

So will ich nur erzhlen, da er im vierzigsten Jahre seines gesegneten
Lebens einen ehrenvollen Tod starb, unterhalb eines Querbalkens, mit dem
ihn ein Seil verband, das man zweckmig um seinen Hals gelegt hatte.

Ich schnitt den Leichnam ab, verbrannte ihn, nachdem ich aus den Taschen
seiner Kleidung die Uhr des Henkers und den goldenen Bleistift des
Staatsanwaltes entfernt hatte, streute die Asche ins Meer und betete,
da die Seele meines Vaters in den Leib eines heiligen Affen fahren
mge.

Denn ich bin ein frommer Hindu und befolge alle Bruche meiner Religion,
solange sie nicht mit Unkosten verknpft sind oder mich in meinen
Lebensgewohnheiten stren.

Die Trnen treten mir in die Augen, wenn ich der letzten Worte gedenke,
die mein Vater zu mir sprach: Liebes Kind, sagte er (das heit, er
drckte sich etwas unhflicher aus), liebes Kind, ich steige morgen die
Leiter hinauf, die auch du eines Tages besteigen wirst. Denn dies ist
berlieferung in unserer Familie. Ich habe mein Leben mit nichts
begonnen, aber ich habe mich zu ansehnlichen Schulden emporgearbeitet.
Wenn du jemanden bei der Nennung meines Namens weinen siehst, so tritt
auf ihn zu und trste ihn: "Du bist nicht der einzige, dem er etwas
schuldig geblieben ist."

Ich habe dich in meinem Geiste erzogen, mein Kind: du hassest, was das
Leben hlich macht, nmlich die #Arbeit#, und liebst die Beschftigung
des Weisen, das #Nichtstun#! Ich bin stolz auf dich: wer vermchte ein
Geldstck mit so viel heimlichem Nutzen zu wechseln wie du? Ich glaube,
ein Weier knnte seine Ringe durch die Nase tragen statt an den
Fingern, du wrdest sie entfernen, ohne da er es bemerkte. Ich sterbe
beruhigt. Wenn du von mir sprichst, mein Kind, so tue es in einem Tone,
als stnde ich hinter dir und knnte dich noch verprgeln, wie ich es so
oft und ausgiebig getan habe!

Bei diesen Worten lchelte ich, mein Vater sah es, versetzte mir einen
Futritt, da ich dachte, das Gefngnis strze ein, und er fuhr fort:

Du stehst nun allein in der Welt, allein in der groen
Gaunergemeinschaft, die sich Menschheit nennt. Lerne lachen, wenn es dir
weh ums Herz ist, und lerne weinen, wenn du vor Heiterkeit tanzen
mchtest! Es gibt keine Schlechtigkeit, die sich nicht als Tugend
maskieren liee! Alles auf dieser Welt ist Schein, und ob du Gutes tust
oder Schlechtes, es wird dir so ergehen, wie es vom #Schicksal#
vorausbestimmt ist. Glaube nicht, da sich die Gtter, die das Schicksal
lenken, durch die Handlungen der Menschen in ihren Entschlssen
beeinflussen lieen: der Menschen Schicksal ist ihnen nur ein
Wrfelspiel!

Verachte die Menschen, wie es das Schicksal selbst tut. Denn was hast du
von ihnen zu erwarten? Wenn du groe #Wohltaten# bst, werden sie dich
#beneiden#, -- wenn du aber groe #Schelmenstreiche# ausfhrst, werden
sie dich #bewundern#. Ich habe dich derartig erzogen, da du die hchste
Bewunderung finden wirst!

Das Erbteil, das ich dir hinterlasse, ist ungeheuer. Denn nicht nur
hinterlasse ich dir Malatri, die Brillenschlange, sondern auch den
Inhalt smtlicher Westentaschen, Hosentaschen und Brusttaschen
smtlicher Weien, die unser Land besuchen!

Lebe wohl, mein Kind!

So sprach mein Vater, umarmte mich, indes dicke Trnen ber seine Wangen
perlten (ein Zeichen, da ihm sehr heiter zumute war), und entlie mich.
Der Gefngniswrter, der von unserer Unterredung kein Wort verstanden
hatte, fhrte mich auf die Strae.

In der Nacht machte mein Vater einen miglckten Ausbruchsversuch, und
am nchsten Tage verlie seine Seele den Leib.

Ich machte vor dem Gefngniswrter eine tiefe Verbeugung, flsterte
Salaam, eine Ehrenbezeigung, bei der man sich die schlimmsten
Beleidigungen denken kann, und schritt gedankenvoll die Strae hinab.

Ich kam vorbei an dem Krankenhaus der Tiere, in dem wir die siechen
Tiere pflegen, bis der Tod ihren Leiden ein Ende setzt. Und wir pflegen
die fallschtige Kuh, den ausstzigen Affen, das krtzige Huhn mit
derselben Liebe und Ehrfurcht wie die leidende Ratte und den
verstmmelten Skorpion.

Und ich ging weiter, vorber an Tempeln und heiligen Teichen, und kam in
den Stadtteil der Weien, wo der groe Bahnhof steht, der uns die
Fremden bringt, auf da wir ihre Taschen leeren; wo ihre Kirchen ragen,
in denen sie zu einem Gott beten, den ich nicht begreife und nicht
begreifen #will#; wo ihr Regierungspalast, auf dessen breitem Bau ein
schmales Trmchen ruht, wie ein Tragsessel auf dem Rcken eines
Elefanten, hochmtig den Hindu anstarrt; wo die Stadthalle ernst
dreinblickt, die in ihrem Bauche unzhlige Bcher birgt, aus denen die
Weien allerlei Unntzes lernen, was sie fr wissenswert halten.

Es sind stolze Huser, nicht vergleichbar unseren Lehmhtten, und wenn
sie einmal zerstrt sein werden, werden sie schnere Ruinen geben. Und
sie werden bewundert von allen, die sie zum ersten Male schauen.

Ich aber achtete nicht auf alle diese bekannten Herrlichkeiten, ich
beeilte mich, nach Hause zu kommen zu Malatri, der Brillenschlange, die
ich von meinem Vater geerbt hatte.

Malatri ist die durchtriebenste, heimtckischste Schlange Indiens, und
ich glaube, da die Seele eines englischen Diplomaten in ihr wohnt. Ihr
sind die Giftzhne ausgebrochen, und Schiwa fge, da das gleiche auch
der englischen Politik passieren mge.

Jetzt, da Malatri gestorben ist, kann ich ruhig ausplaudern, wozu sie
mir diente: Wenn die Nacht herniedersank, barg ich sie unter meinem
Kleid, schlich in das Europerviertel der Stadt und lie Malatri in das
Schlafgemach einer weien Lady schlpfen. Zischend richtete sich die
Schlange auf, die Herrin schrie, die Hausbewohner liefen zusammen, um
die Schlange zu erschlagen, -- und in dem allgemeinen Tumult fand ich
Zeit und Mue, in den vornehmen Zimmern des Hauses ein wenig Umschau zu
halten. Wenn ich dann meine Beute nach Hause brachte, pflegte Malatri,
die kluge Brillenschlange, schon an der Pforte auf mich zu warten. Ich
lobte sie, gab ihr Reis und se Milch zu fressen, wickelte mich in
meine Decke und schlief ausgezeichnet, wie eben ein Mensch schlft, der
sich eines guten Gewissens und eines wohlgelungenen Einbruchsdiebstahls
erfreut.

Es ist merkwrdig, da die Weien so sehr vor einer Brillenschlange
erschrecken, und es hngt sicherlich mit der trichten Furcht zusammen,
die dieses dumme Volk vor dem Tode hat. Wir Hindus wissen, da wir keine
Stunde frher oder spter sterben werden, als es uns vom Schicksal
vorausbestimmt ist. Ist unsere Stunde noch nicht gekommen, so knnen uns
Tausende von giftigen Schlangen beien, ohne da es uns schadet, -- ist
aber unsere Zeit abgelaufen, so sterben wir an dem Stich einer Mcke, an
dem Schlag eines Strohhalmes, an dem Bi eines Mehlwurms.

Die Europer begreifen das nicht, sie verbringen ihr ganzes Leben in
Furcht und Sorge, in Angst und Selbstqulerei, sie scheuen den Tod,
statt sich auf die Sterbestunde zu freuen, die sie von einem solchen
selbstverpfuschten Leben erlst.

Das Schlimmste aber ist, da diese weien Menschen sich unterfangen, mit
ihren niedrigen Anschauungen unser abgeklrtes Leben zu stren. Nicht
nur da sie uns die Witwenverbrennungen und das Ertrnken der
neugeborenen Mdchen verbieten, sie suchen auch bei Pestepidemien durch
allerhand Vorschriften, die sie sanitre Maregeln nennen, den Gang
des Schicksals zu ndern. Ein ebenso vergebliches wie fluchwrdiges
Unternehmen.

Sie verbieten uns in solchen Jahren, von dem Wasser des heiligen Stromes
zu trinken, -- weil Ausstzige darin baden, und weil wir die Kadaver der
heiligen Tiere in diesen Strom zu werfen pflegen.

Sie glauben eben nicht an das Schicksal, nicht an die Macht Schiwas,
sondern nur an die Macht des Goldes, und deshalb ist es ein gutes Werk,
ihnen das Gold wegzunehmen.

Ich aber fge mich nur dem Schicksal. Will es das Schicksal, so habe ich
heute satt zu essen, -- will es das Schicksal, so hungere ich. Zeitweise
verdinge ich mich einem Europer als Boy. Will es das Schicksal, so
gelingen mir meine Betrgereien gegen ihn, und er gibt mir obendrein ein
gutes Zeugnis, das ich durch einige eigenhndige Zeilen noch verbessere,
-- will es das Schicksal anders, so erwischt er mich beim ersten Betrug
und verprgelt mich, da ich nicht mehr wei, was hinten und vorne ist.
Beides ist mir recht.

Finde ich in der Tasche eines Fremden eine Geldbrse, und will es das
Schicksal, da sie wohlgefllt ist, so behalte ich sie, -- will es aber
das Schicksal, da sie leer ist, so trage ich sie zur Wache.

Alle Hindus sind in dieser Verehrung des Schicksals einig, und nur ber
#einen# Punkt herrscht zwischen mir und meinen Brdern eine
Meinungsverschiedenheit: Jene behaupten, es sei das hchste Glck der
Erde, auf dem Rcken zu liegen und in die Sonne zu blinzeln, ich aber
sage, es ist ein noch greres Glck, dabei auf dem #Bauch# zu liegen.

Nun, das sind eben verschiedene Weltanschauungen, ber die sich nicht
streiten lt.

Solche Gedanken ballten sich hinter meiner Stirne, als ich an jenem
denkwrdigen Tage des Abschieds von meinem ehrwrdigen Vater die Straen
hinabeilte, um Malatri, die Brillenschlange, zu holen. Da hemmte ein
ungewohnter Aufzug meine Schritte.

Wohl zwanzig junge Europer, in Reihen zu drei und drei aufgestellt,
kamen des Wegs daher, begleitet von einer weinenden Frau und von Jim
Boughsleigh, dem Soldaten, der sie mit geladenem Gewehr bewachte.

Ich wei nicht, ob Ihr Jim Boughsleigh kennt? Wenn Ihr ihn #nicht#
kennt, habt Ihr jedenfalls nicht viel verloren. Er ist ein
langgeschossener drrer Mensch mit einer Nase, die an Wochentagen sanft
rosa, Sonntags aber ins Bluliche schillert. Wie er mir erzhlte, ist er
in Southampton geboren worden, verlebte aber viele Jahre in einem
Stdtchen namens Arbeitshaus und trat schlielich in die Kolonialarmee
ein, weil sich seine langen Beine so gut zum Laufen eignen.

Als ich Jim Boughsleigh kennen lernte, befand er sich gerade in heiligem
Zustand. Er lag auf der Strae, streckte alle viere von sich und gab auf
keine Frage Antwort. Seine Seele weilte auf Urlaub im Paradies.

Ich habe ihn spter noch fter in diesem heiligen Zustand angetroffen,
und ich habe beobachtet, da er dabei stets eine leere Flasche bei sich
hatte, auf der Whiskey stand. Einmal war noch ein wenig heiliges
Wasser in dieser Flasche, ich zog sie ihm aus der Tasche, setzte sie an
den Mund, trank -- und warf die Flasche entsetzt fort, denn es sa ein
brennender Dmon darin.

Von dem Klirren der Flasche erwachte Jim Boughsleigh, chzte und sprach
die heiligen Worte: Mich is schlecht! Very hundsmiserabel is mich!

Spterhin, als wir uns etwas angefreundet hatten, wollte Jim Boughsleigh
auch #mir# von seinem heiligen Wasser zu trinken geben. Aber ich lehnte
ab, weil in den Vorschriften unserer Religion kein Gebot enthalten ist,
Dmone zu trinken. Und weil ich der Ansicht bin, da der Genu des
Wassers vom heiligen Strom in Benares, obwohl Pestkranke darin baden und
Tierleichen darin schwimmen, lange nicht so viel Schaden auf der Welt
anrichtet als der Genu des heiligen Whiskeywassers.

Jim Boughsleigh war ein Narr wie alle Europer. Befand er sich in
unheiligem, nchternem Zustand, so fand er nicht genug Worte des Lobes
fr seinen Stand und seinen Herrscher. Er blhte sich auf wie ein
Kalkuttahahn und krhte:

Ich bin ein Soldat Seiner Majestt des Knigs von England, des Kaisers
von Indien! _God save the King!_

Ist dein Knig sehr mchtig? frug ich ihn.

Der mchtigste Knig der Welt! Von Rechts wegen sollte ihm die ganze
Erde gehren!

Wieviel Frauen hat er denn? erkundigte ich mich weiter.

Schafskopf! Eine einzige!

Da dachte ich mir meinen Teil. -- Ein Knig, der sich nur eine einzige
Frau leisten kann, kann nicht gar so reich sein! Jeder indische Frst
hat ein paar hundert.

Aber ich wollte nicht vorschnell urteilen, denn ich bin ein Hindu und
kein Europer, und deshalb fuhr ich fort zu fragen:

Wieviel Elefanten hat dein Knig in seinem Stall?

Gar keine! Esel!

Welcher Kaste gehrt dein Knig an?

Bei uns gibt es nur eine Kaste, die der Gentlemen!

Ich dachte mir: O weh! Wer verbergen mu, welcher Kaste er angehrt,
der kann nicht weit her sein! Am Ende gehrt er zur Kaste der
Wassertrger? Und ich rmpfte in Gedanken meine Nase.

Aber weil ich ein grndlicher Mensch bin, stellte ich eine letzte Frage:

In welchem Tempel wird dein Knig verehrt?

Da lachte Jim Boughsleigh herzlich und sagte:

In einem groen Tempel, dem grten Heiligtum der Englnder: es heit
#die Brse#!

Das imponierte mir gewaltig, und ich habe seitdem tiefe Ehrfurcht vor
dem Knig von England. Und ich denke mir: wenn er auch keine heiligen
#Elefanten# besitzt, so wird er doch genug heilige #Affen# in seiner
Umgebung haben.

In solchen Tnen pflegte Jim Boughsleigh seinen Herrscher und seinen
Soldatenberuf zu lobpreisen, wenn er seine unheiligen Stunden hatte.
Befand er sich hingegen in heiligem Zustand, so schimpfte er auf seinen
King und auf seine smtlichen Vorgesetzten mit einer berzeugungskraft,
da einem Angst und Bange werden konnte, und er verglich sie mit Tieren,
von denen ich noch nie etwas gehrt hatte.

Dies also war Jim Boughsleigh, der an jenem Tage mit geladenem Gewehr
als Wchter der Weien des Wegs daherkam.

Als er mich erblickte, grinste er ber das ganze Gesicht, so da ich
seine Zhne sehen konnte, soweit sie ihm seine Kameraden noch nicht
eingeschlagen hatten, und winkte mir mit den Blicken, nher zu treten.

Ich dachte mir: Mgen smtliche Dmonen in deine Eingeweide fahren!,
machte eine tiefe Verbeugung und nherte mich in demtiger Haltung,
indem ich um Auskunft bat: Wer sind diese weien Sahibs?

Das sind Deutsche! grinste Jim Boughsleigh und fgte einen greulichen
Fluch hinzu, den ich aber nicht wiederholen mag, denn ich bin ein Hindu
und kein kultivierter Europer.

Bringst du sie an den Dampfer? frug ich.

Nein, ins Gefngnis!

Was haben sie denn verbrochen?

Sie sind Deutsche!

Da machte ich ein sehr beileidsvolles Gesicht, innerlich aber lachte ich
mir einen Ast: Haha, fangen die Weien an, sich gegenseitig
einzusperren? Das ist recht! Schade, da sie nicht frher damit
angefangen haben!

Ist es denn ein Verbrechen, ein Deutscher zu sein? frug ich weiter.

Da hob einer der Gefangenen, der unser englisch gefhrtes Gesprch
verstanden hatte, den Kopf, betrachtete Jim unsglich verachtungsvoll
und sagte: Es ist ein #Glck#, ein Deutscher zu sein!

Das gefiel mir von ihm, denn jeder Mensch soll stolz auf seine
Abstammung sein, wenn er auch nur ein Weier ist. Dem Jim Boughsleigh
aber gefiel es gar nicht, er nahm sein Gewehr und stie dem Gefangenen
den Kolben in den Rcken, da sich vor Wut und Schmerz sein Gesicht
verzerrte.

Ich verstand die ganze Geschichte nicht und erkundigte mich deshalb:
Edler Jim, seit wann sperrt man denn die Deutschen ein?

Seit der Krieg ausgebrochen ist! Weit du, was das ist: "Krieg"?

Innerlich mute ich wieder furchtbar lcheln ber diese eingebildete
Frage. Ist es nicht zum Kugeln: ein englischer Soldat fragt mich, einen
Hindu der Kriegerkaste, ob ich wte, was Krieg ist?

Aber weil mein Gesicht nicht dazu da ist, meine Gedanken
widerzuspiegeln, blieb ich uerlich ernst und sprach: Ein Krieg ist,
wenn zwei Mnner sich in ehrlichem Kampfe gegenbertreten, um ihre
Krfte zu messen, so da man sehen kann, welcher von beiden der Strkere
und Tapferere ist!

Da wieherte Jim Boughsleigh wie eine Eselin, der etwas Spahaftes
eingefallen ist, und prustete: Mensch, nein, bist du komisch! In einem
modernen Krieg sieht man den Gegner meist berhaupt nicht! Auf viele
tausend Meter schiet man auf ihn mit Kanonen, deren Geschosse den
Kuckuck danach fragen, ob du tapfer oder feig bist! Wenn dich ein
Granatsplitter auf den Kopf trifft, bist du einfach kaputt, ob du nun
ein Riese Goliath oder ein Schneidermeister Fips bist! Wen's trifft, das
ist Zufall!

Mich rgerte dieses dumme Gerede. Ich wute zwar nicht, was ein Kuckuck
oder ein Granatsplitter ist, noch kenne ich den Riesen Goliath oder den
Schneidermeister Fips, aber ich wei, da nichts auf dieser Welt
#Zufall# ist, sondern alles vorausbestimmtes Schicksal. Wen ein
Granatsplitter (oder wie das Ding heit) treffen soll, den kann es
mitten im Frieden treffen, wenn es das Schicksal so will.

Ich htte das Jim Boughsleigh auseinandersetzen knnen, -- aber wozu mit
einem Weien streiten? Wenn ein Weier merkt, da er unrecht hat, fngt
er an zu schreien, zu prgeln und irgendeine geheime Rache zu brten.

Whrend ich mich freue, wenn ich einen Klgeren antreffe, der mir von
seiner Weisheit mitteilt, rgert den Weien nichts ingrimmiger, als wenn
er einen Klgeren findet. Der Weie ist so malos eitel, da er jede
berlegenheit seines Nchsten wie eine persnliche Krnkung empfindet,
da er den faulen Durchschnitt liebt und jeden, der darber emporragt,
mit seinem Ha zu verkleinern sucht. Und daher kommt es, da in Europa
die Dummkpfe das groe Wort fhren.

Ich sparte mir also die Mhe, Jim Boughsleigh aufzuklren darber, da
es kein alberneres Wort gbe als das inhaltlose Wort Zufall, ich
machte wieder eine Verbeugung, bei der ich mir allerhand dachte, und
wollte meines Weges gehen, als mich Jim zurckhielt.

Hast du heute abend Zeit? meinte er. Ich habe mit dir Wichtiges zu
sprechen!

Heute ist ein Festtag, gab ich zurck. Denn ich hatte in der Tat die
Absicht, mir mit Malatri, der Brillenschlange, einen Festtag zu machen.

Und morgen? forschte Jim Boughsleigh.

Morgen wird mein ehrwrdiger Vater gehenkt! Aber bermorgen stehe ich
zu deinen Diensten, Herr!

Also bermorgen abend nach sechs Uhr am heiligen Teich! Sei pnktlich:
es handelt sich um etwas sehr Wichtiges fr dich!

Ich werde zur Stelle sein, edler Jim!

Ich warf noch einen Blick auf die deutschen Gefangenen, von denen einer
eine Bemerkung in einer mir unverstndlichen Sprache machte, ber die
sie alle herzlich lachten, und bog in eine Nebengasse ein.

Verwunderung hatte mich erfat, denn ich hatte es noch niemals erlebt,
da Weie, auch wenn sie im Unglck sind, heiteren Gemtes bleiben.

Noch mehr aber wunderte mich die Ankndigung Jims. Was mochte er wohl so
Wichtiges mit mir zu sprechen haben? Es war das erstemal, da er sich
frmlich mit mir verabredete, und ich folgerte daraus, da er mich zu
irgend etwas notwendig brauchte.

Was konnte es nur sein? Ich argwhnte Bses, -- haben doch die
Englnder, so weit ich zurckdenken kann, uns Indern nur Bses angetan.

Je lnger ich in Zweifeln nachdachte, desto aufgeregter wurde ich, --
nicht vor Todesangst, denn die Todesangst ist ein Gefhl, das uns die
Englnder nicht beibringen werden, und wenn sie uns noch so lange
zivilisieren, sondern vor Betrbnis, man werde mich vielleicht zu
irgendeiner Schlechtigkeit zwingen wollen.

Als ich in meiner Lehmhtte anlangte, war ich vor Nachdenken ganz
erschpft. Ich beschlo, meinen Beutezug mit Malatri, der
Brillenschlange, auf eine andere Nacht zu verschieben, wusch mich,
verrichtete meine Gebete und wickelte mich in eine Decke. Aber es
dauerte lange, bis mich weiche Hnde in das Reich der Trume trugen,
denn mich marterte die Frage: Was mag nur Jim Boughsleigh von dir
wollen? ...

       *       *       *       *       *

So weit war mein Freund, der Hindu, in seiner Erzhlung gekommen, als
die Krankenschwester an das Bett trat und mich leise bat, meinen
heutigen Besuch zu beendigen: der Kranke msse nun schlafen.

Ich verabschiedete mich von Mister Galgenstrick mit einem lchelnden
Kopfnicken, da ich wute, da ihm jede krperliche Berhrung mit einem
Weien peinlich war.

Mister Galgenstrick hob zum Abschiedsgru seine linke Hand, um sie ber
die Brust zu legen. Diese Bewegung aber lste bei ihm einen heftigen
Hustenanfall, begleitet von Blutspucken, aus, so da die
Krankenschwester ihn sttzen mute. Sie reichte ihm Kochsalz zu
schlrfen, er lehnte es aber mit einer halb traurigen, halb trotzigen
Kopfbewegung ab.

Ich eilte nach Hause, um meine stenographischen Aufzeichnungen in
Reinschrift zu bertragen. Die ganze Nacht hindurch schrieb ich, und
wenn ich Galgenstricks Erzhlungen vielleicht stellenweise nicht ganz
wortgetreu wiedergegeben habe, so liegt das in erster Linie an dem
nrrischen englischen Kauderwelsch, das er sprach.

Als ich am nchsten Mittag das Lazarett wieder besuchte, mahnte mich auf
dem Korridor die Krankenschwester, unseren Patienten nicht zu
beranstrengen.

Er darf nicht so viel reden. Es greift ihn zu sehr an!

Ich versprach, nicht lnger als eine Stunde zu bleiben.

Um dem Kranken eine Freude zu machen, hatte ich ihm einige Photographien
indischer Landschaften und Gebude mitgebracht, die ich aus Bchern
meiner Bibliothek herausgerissen hatte. Er betrachtete die Bilder lange
schweigend, bat mich dann durch eine Geste, sie unter sein Kopfkissen zu
legen.

Ich glaube, ich bin durch dieses kleine Geschenk sehr in seiner Achtung
und Neigung gestiegen. Wenigstens lie er sich diesmal nicht lange
bitten, mir zu erzhlen, deutete vielmehr gleich auf meine weien
Notizbltter und den wohlgespitzten Bleistift, gab der Krankenschwester
ein Zeichen, sich zu entfernen, und begann:

       *       *       *       *       *

In den nchsten zwei Tagen nach dem Zusammentreffen mit Jim Boughsleigh
stellten sich einige nderungen im gewhnten Leben Bombays ein. Man sah
mehr Soldaten als sonst auf den Straen, besonders viel mohammedanische
Truppen. Vor dem Klubgebude der Deutschen standen bei Tag und Nacht
Wachen, und kein Deutscher konnte dieses Haus verlassen, ohne da ihm
ein Wchter gefolgt wre.

Es konnte sich dabei brigens nur um ltere Mnner und Frauen handeln,
denn die jungen Mnner waren alle eingesperrt worden. Besonders scharf
waren die Wachen am Hafen. Niemand durfte herein oder hinaus, ohne da
er kontrolliert worden wre. Mein Freund Lapalogi verdiente in jenen
Tagen ein Vermgen mit dem Ausstellen falscher Psse.

Es bekam ihm leider schlecht, denn ein Konkurrent verriet ihn den
Englndern, und diese stellten ihn als Zielscheibe an die nchste Wand,
was er so schlecht vertragen konnte, da er umfiel und tot war. Er war
ein sehr talentvoller Mensch.

Die Europer nannten ihn zwar einen Schuft, aber das war sehr ungerecht.
Allerdings wurde er, kaum dreiigjhrig, wegen seiner Flschungen
erschossen, -- wre er aber ehrlich gewesen, so wre er vermutlich schon
zehn Jahre zuvor verhungert. Seine Werke werden ihn lange berdauern,
besonders das falsche Papiergeld, das er meisterhaft herzustellen
verstand.

Auch ich hatte in diesen Tagen einen bescheidenen Nebenverdienst. Ein
junger Deutscher ersuchte mich nmlich, ihm gegen eine Belohnung von
zwlf Rupien das Gewand eines Mohammedaners zu verschaffen, in dem er
sich nach seiner Heimat durchschmuggeln wollte. Das Schicksal wollte es,
da ich noch am selben Tag das gewnschte Kleid stehlen konnte. Ich lie
mir vierzehn Rupien dafr bezahlen und schwor, da ich nichts dabei
verdiente.

Ich wei, da es bei euch Weien als verboten gilt, seinem Nachbar die
Kleider zu stehlen. Bei euch darf man seinem Nchsten hchstens die
Arbeitskraft, die Gesundheit, die Lebensfreude stehlen. Ich habe viel
darber nachgedacht, aber ich bin zu keinem Resultat gekommen, wo der
erlaubte Diebstahl aufhrt und der verbotene Diebstahl anfngt. Die
Frage ist mir zu schwierig, und ich unterscheide deshalb lieber zwei
#andere# Arten Diebsthle, nmlich: Diebstahl von Sachen, die man
gebrauchen kann, und Diebstahl von Sachen, die man #nicht# gebrauchen
kann.

Wenn ich ein Gesetzgeber wre, wrde ich nur die letztere Art bestrafen.

Noch eine andere Neuerung beobachtete ich in jenen Tagen in den Straen
der Stadt. Es wurden in jedem Stadtteil einige Huser mit englischen
Fahnen geschmckt und mit Bildern aus dem Soldatenleben geziert, auf
denen in groen Buchstaben stand: _Come in!_

Wir Eingeborenen lasen mit viel Interesse diese Aufforderung
hereinzukommen -- und blieben drauen.

Was ging uns dieser neue europische Unsinn an?

Wenn die Weien sich gegenseitig totschlagen wollen, so bin ich damit
vollkommen einverstanden, und ich will gerne dafr beten, da jede
Partei unterliegt. Aber weiter will ich nichts damit zu tun haben. Habe
ich nicht recht?

Pnktlich zur vereinbarten Stunde machte ich mich auf den Weg, um am
heiligen Teich mit Jim Boughsleigh zusammenzutreffen. Malatri, die
Brillenschlange, nahm ich in einem Sacke mit, denn ich beabsichtigte, in
dieser Nacht wieder einmal meine Vermgenslage grndlich zu verbessern.

Ich machte einen kleinen Umweg, der mich an dem Regierungspalast
vorbeifhrte. Vor diesem Gebude drngten sich viele, viele Weie, und
am Fenster stand ein Mann und las von einem Blatt mit hoher Fistelstimme
eine Nachricht vor: Die Russen sind gestern in Berlin eingezogen, die
Franzosen stehen in Koblenz.

Als die Weien diesen Satz hrten, brachen sie in tollen Jubel aus,
umarmten sich, kten sich und sangen _God save the King!_.

Ich wute nicht, wer die Russen und Franzosen sind, ich wei auch nicht,
was sie in Berlin und Koblenz zu suchen haben, und ob dies fremde Inseln
oder Schiffe sind, jedenfalls aber schlo ich aus der allgemeinen
Freude, da das, was der Mann am Fenster vorgelesen hatte, ein sehr
guter Witz gewesen sein mu.

Sogar ein paar junge Deutsche, die man gerade von frisch angekommenen
Schiffen ber den Platz ins Gefngnis fhrte, lachten hell auf und
riefen: Reuter-Meldung!

Ich berlie die Europer ihrer Heiterkeit und beeilte mich, an den
heiligen Teich zu kommen.

Jim Boughsleigh wartete schon auf mich. Er sa am Rande des Teiches, und
ich bemerkte mit Mifallen, da sich sein Bild in dem heiligen Wasser
spiegelte.

Bei den Begrungsworten traf mich sein Atem, und ich fhlte sogleich,
da er schon mehrfach aus seiner Flasche genippt hatte und da er auf
dem besten Wege war, wieder seine heiligen Zustnde zu bekommen.

Es war ein prchtiger Abend, der Himmel ein einziges blaues faltenloses
Tuch, die Palmen tauschten heimliche Zrtlichkeiten mit dem milden Wind,
Vgel lockten sich und sangen sich in ihrer zwitschernden Sprache
Liebesgedichte, Ratten huschten und spielten.

Es war einer der Abende, an denen man fhlt, da die guten Gtter doch
mchtiger sind als die bsen Dmonen.

Ich legte den Sack mit Malatri, der Brillenschlange, neben mich, beugte
mich zu dem heiligen Teich nieder, grte mit den Blicken die Frommen,
die darin die vorgeschriebenen Waschungen vornahmen, und schpfte eine
Handvoll Wassers. Als ich sie zum Munde fhrte, entdeckte ich darin -- o
gnstiges Zeichen! -- eine Wasserspinne. Ich setzte sie sorgsam in das
Na zurck und trank meine Hand leer.

Jim Boughsleigh grinste, und ich konnte mir wohl denken, warum. Er
verstand es nicht, da man so viel Wesens mit einer Spinne machen
konnte. Die Weien werden uns in dieser Beziehung nie verstehen, sie
begreifen nicht, da in den Tieren menschliche Seelen wohnen, da alles,
was lebt und webt, ihresgleichen ist, sie haben den Zusammenhang mit der
Natur verloren. Sie haben der Natur den Krieg erklrt, ohne zu ahnen,
da sie damit sich selbst den Krieg erklrt haben, da sie doch nur ein
Teil der Natur sind. Sie gleichen einem Schilfrohr, das strker sein
will als der Wind. Und weil sie sich selbst taub gemacht haben gegen die
Stimmen der Natur, hren sie nicht, wie es rings um sie kichert und
spttelt. Manchmal aber schwillt das Kichern der Natur zu einem
gellenden Hohnlachen an, und dann sagen die Weien: Es war ein
Erdbeben! oder: Ein Vulkan hat Feuer gespieen!

Sie sind wirklich verchtliche Narren, diese Weien!

Jim Boughsleigh tat einen tiefen Schluck aus seiner Flasche und reichte
sie mir dann, damit ich seinem Beispiel folge. Ich lehnte ab, aber da
hob er die Faust und schrie: Sauf, Hindu! Und weil er der Strkere
war, wollte es das Schicksal, da ich trank.

Jim steckte seine Pfeife in den Mund, zog die Streichhlzer hervor, und
weil seine Hand bereits etwas unsicher war, sah ich mit Freude, da er
mit dem brennenden Streichholz unter seiner Nase herumfuchtelte, was ihm
einen Brller des Schmerzes entlockte.

Endlich brannte seine Pfeife, und er hub an: Hast du die Deutschen
gesehen, die ich ins Gefngnis brachte?

Ja, Herr! -- Was habt ihr Englnder mit ihnen vor? Lat ihr sie
hungern?

Jim grlte vergngt. Offiziell nicht! versicherte er. Nur
inoffiziell! Offiziell sind wir ein Kulturvolk! -- Wie hat dir der
Anblick gefallen, mein Lieber?

Ich witterte eine Falle. Weshalb frug Jim nach meiner Ansicht? Haben die
Englnder uns etwa nach unserer Ansicht gefragt, als sie uns unser Land
wegnahmen und als sie unsere Brder vor ihre Kanonen banden? Ich
beschlo also, vorsichtig zu sein, und erwiderte achselzuckend: Was
gehen mich die Deutschen an?

Du bist ein Affe! knurrte Jim und spuckte in den heiligen Teich.

Da er mich mit einem Affen verglich, machte mich doppelt mitrauisch.
Weshalb schmeichelte er, wenn er nicht die Absicht hatte, mich zu
betrgen?

Du bist ein Affe! wiederholte Jim Boughsleigh. Was dich die
verdammten Deutschen angehen? Sehr viel gehen sie dich an! Weit du denn
nicht, da die Deutschen die verbissensten Feinde der Hindus sind?

Das war mir neu. Ich habe einmal als Boy bei einem deutschen Reisenden
gedient, er hat mir ein ausgezeichnetes Zeugnis gegeben und ich habe fr
seine goldene Uhr fnf Rupien bekommen; auch hat er mir im Laufe eines
Monats nur siebzehn Futritte gegeben, whrend ich durchschnittlich von
den Englndern die doppelte Portion in einer Woche erhalte, -- nein, ich
hatte damals nichts gegen die Deutschen.

Wieso sind die Deutschen die Todfeinde des Hindus? frug ich nach
einigem Nachdenken.

Trink noch einmal! gab mir Jim Boughsleigh zur Antwort und zwang mir
die Flasche in die Hand, nachdem er selbst lngere Zeit daran gesogen
hatte. Trink, Junge, aber nicht solche Suglingsschlucke, sondern
ordentlich! -- Weshalb die Deutschen deine Feinde sind? Eine verdammt
dumme Frage!

Ich fand, da dies eigentlich weit mehr eine verdammt dumme #Antwort#
sei, und schwieg.

Jim Boughsleigh qualmte eine dicke Wolke aus seiner Pfeife. Seine langen
Beine baumelten in das Wasser des Teiches, aber sein Zustand war bereits
so heilig geworden, da er es nicht bemerkte. Er spuckte noch einmal aus
und sagte:

Die Deutschen wohnen weit, weit von hier in einem eisig kalten Land. Es
ist dort so kalt, da sie alle erfrieren mten, wenn sie nicht -- hm --
(Jim bohrte sich in der angebrannten Nase) -- wenn sie nicht
#Menschenfleisch# fren!

Mich erfate ein Schauder ob solcher Freveltat.

Bleib nur sitzen, ermahnte mich Jim. Er griff sich mit der Rechten
krampfhaft in die Magengegend, sthnte leise: O, mich is very
hundsmiserabel, und fuhr mit erhobener Stimme fort: Ja,
Menschenfleisch frit die Bande! Und willst du wissen, #was# fr
Menschenfleisch?

#Natrlich# wollte ich das wissen. Englnderfleisch? schrie ich
entsetzt.

Auch das! belehrte mich Jim. Aber nur am Geburtstag und bei
Hochzeitsfeiern! An Wochentagen fressen sie #Hindufleisch#! Beefsteaks
aus Hindufleisch!

Ich war sprachlos. Wer htte das von den Deutschen gedacht? Sie hatten
mir bisher einen fr Europer ganz anstndigen Eindruck gemacht. -- Aber
traue einer den Weien!!

Was mir Jim Boughsleigh da erzhlte, war so schrecklich, da ich es nur
langsam fassen konnte.

Nicht da die Deutschen die Hindus schlachteten, schien mir das
Grauenvolle, denn es ist gleichgltig, welchen Tod man stirbt. Aber da
sie die toten Krper aufaen, statt sie nach den Geboten unserer
Religion zu #verbrennen#, das berstieg alle Grenzen der Menschlichkeit.

Ich #konnte# nicht glauben, was mir Jim erzhlte. Aber er beteuerte mir:
Ich will ein Lump sein, wenn ich nicht die Wahrheit spreche! Sogar hier
im Gefngnis haben die verdammten Deutschen Hindufleisch verlangt. Ganze
Berge Konservenbchsen davon hat man im Deutschen Klub gefunden!

Ich chzte wie ein verwundetes Tier. Jim Boughsleigh sah es mit
Befriedigung.

Gibt es denn in Deutschland Hindus? frug ich.

Jim glotzte mich einen Augenblick verdutzt an, dann sagte er mit
berlegener Miene:

Massenhaft!! Jeder Deutsche hlt sich seinen Hindu! Und fttert ihn mit
Fleisch, bis --

Mit Fleisch? schrie ich auf. Mit Fleisch? Wissen sie denn nicht, da
es nur den Hindus der #Kriegerkaste# erlaubt ist, Fleisch zu essen?

Natrlich wissen sie das! Aber das ist den Schuften ganz gleichgltig!
Krokodilfleisch geben sie den Hindus zu essen, deutsches
Krokodilfleisch, weil das am billigsten ist! Na, trinken wir noch eins!

Er zog wieder einen langen Schluck und reichte mir die Flasche.

Ich glaube, ich habe noch nie einen Menschen so ingrimmig gehat, wie
ich in diesem Augenblick die Deutschen hate.

Es ist nicht anders mglich, murmelte ich dumpf, die Deutschen sind
keine Menschen, sondern bse Dmonen!

Jim Boughsleigh dmpfte seine Stimme zum Flsterton:

Ich wollte es dir nicht sagen, aber da du es von selbst erraten hast:
ja, sie sind bse Dmonen!

So nehmen sie auch des Nachts Tiergestalt an?

Mit Vorliebe! Das ist eine Spezialitt von ihnen! Sie verwandeln sich
des Nachts in -- in -- ja, wie gesagt -- sie verwandeln sich -- in
#Frsche#!

Mir schwindelte. In Frsche?!

Ja, mein Lieber, in grne Frsche! Hast du schon einmal die Frsche
#quaken# hren? Das ist die deutsche Sprache!

Das nahm mich nun wieder Wunder, denn ich hatte bisher die Empfindung
gehabt, da das Froschgequake viel mehr hnlichkeit mit der #englischen#
Sprache habe als mit der deutschen.

Wir schwiegen eine Weile, -- ich vor Erregung, Jim, weil ihm die Zunge
von Satz zu Satz ungehorsamer wurde.

Da ich nur lge, wenn es mir etwas einbringt, will ich die Wahrheit
sagen und eingestehen, da an meiner Erregung nicht nur die Emprung
ber die deutsche Grausamkeit die Schuld trug, sondern auch der
genossene Whisky. Der Dmon aus Jims Flasche war mir vom Magen in den
Kopf geklettert und spielte dort mit meinem Gehirn jenes Spiel, das die
Englnder Football nennen.

Fragst du nun immer noch, was dich die Deutschen angehen? forschte Jim
Boughsleigh und hantierte mit einem flackernden Streichholz unter seinem
rechten Ohr herum, weil er dort seine Pfeife vermutete, die ihm ins
Wasser gefallen war. Und heiser fuhr er fort:

Man mu sie ausrotten!

Ich nickte.

Ja, Herr, das mu man!

Au verflucht!! schrie Jim, weil sein Ohr in die Streichholzflamme
geraten war. Ausrotten mu man sie! Und #du# mut dabei mithelfen, wenn
du kein feiger Hund sein willst!

Wieso ich? stutzte ich. Eine Ahnung stieg mir auf.

So fragt ein Angehriger der #Kriegerkaste#? -- Mit uns nach
Deutschland mut du --

Damit sie mich dort #schlachten#?

Oder du sie!

Jim wurde geradezu zrtlich. Er blickte mich liebevoll an, mit groen
runden Whiskyaugen, und schwrmte schwelgend:

Du gehst mit nach Deutschland: o, es ist schn dort, die Sonne scheint,
der Mond lacht, die Sterne --

Aber es ist doch eiskalt dort?

Unsinn!! Brhwarm ist es! Wo ist der Halunke, der behauptet, da es
dort kalt ist? Er richtete sich kriegerisch auf.

Du #selbst# hast es doch vorhin gesagt, Herr, wagte ich einzuwenden.
Die Deutschen fressen Hindufleisch, weil es so kalt ist!

Ich selbst? -- Allerdings -- tja -- jawohl -- natrlich -- in der Tat
es ist kalt dort -- scheulich kalt -- widerwrtig kalt -- aber ...
aber ... #Ach was, trinken wir noch eins!#

Er setzte wieder die Flasche an, lie sie aber erschrocken fallen, denn
in diesem Augenblick kam mit lrmender Musik ein Zug Menschen um die
Ecke.

Ich will hier nicht ausfhrlich meine Ansicht ber die europische Musik
uern, denn ich habe es lngst aufgegeben, geschmackbildend auf die
Weien einzuwirken. Nur das eine will ich feststellen: da man zwar mit
einer Handtrommel und einer Flte ganz liebliche Tne hervorbringen
kann, wenn man hundertmal hintereinander dieselbe kurze Tonreihe spielt,
da aber natrlich nur ein ohrenbetubender, sinnloser Lrm herauskommen
kann, wenn nach Art der Weien zwanzig Menschen und mehr gleichzeitig in
verschiedenartige Instrumente hineinblasen.

Gar nicht erst reden will ich von dem schwarzen Musikkasten, den die
Weien in ihren Wohnungen aufstellen, und auf dessen Tasten sie mit den
Hnden hin und herfahren. Ich will nur, zum Besten der Weien, meine
Entdeckung mitteilen, da es bedeutend angenehmer klingt, wenn man,
statt mit den Fingern auf die Tasten zu schlagen, mit dem Popo darauf
herumrutscht.

Mgen sich dies die weien Musiklehrer merken!

Der Zug, der mit Musik um die Ecke bog, war sehr lustig. Zuerst kam eine
Militrkapelle, dann ein von mehreren Mnnern getragenes groes Bild,
das einen tckisch aussehenden Kopf darstellte. Darunter stand _Lord
Kitchener wants you!_ und noch einmal in drei indischen Sprachen die
bersetzung: Lord Kitchener braucht dich! Den Schlu des Zuges
bildeten Soldaten und lachende Eingeborene.

Jim Boughsleigh salutierte, soweit es sein heiliger Zustand zulie. Als
er sich wieder setzte, htte er mir beinahe den Sack mit Malatri, der
Brillenschlange, in den Teich gestoen.

Wer ist das? frug ich, als der Zug vorbei war.

Wer?

Der Lord Kitchener, der behauptet, da er mich braucht?

Jim schnalzte mit der Zunge. Das ist -- das ist der Kriegsgott der
Englnder.

Ist das am Ende derselbe Lord Kitchener, der den Mahdi vernichtet hat
und Chartum einnahm?

Unsinn! Das war ein ganz anderer -- das war sein Urenkel! Dieser Lord
Kitchener ist ein mchtiger Gott!

Das schien mir nun wieder wenig glaublich, denn ich hatte auf dem Bild
genau bemerkt, da Gott Kitchener nur zwei Arme hatte, -- und bei uns
haben die einfachsten Gtter ihre sechs bis acht Arme.

Wozu braucht er mich denn? tastete ich vorsichtig.

Um die verfluchten Deutschen zu vertilgen! Sei nicht dumm, Hindu, und
komm' mit! So gut, wie du's bei den Soldaten hast, kannst du's nirgends
haben: fast keine Arbeit, -- die Vorgesetzten tragen dich auf Hnden und
lesen dir jeden Wunsch von den Augen ab, -- und Geld kriegst du jede
Woche einen Haufen!

Jim Boughsleigh verdrehte die Augen wie ein Hndler, der einem dummen
Reisenden ein aus Europa frisch importiertes Tonfigrchen als echte
altindische Gtterstatue anpreist. Er redete so eindringlich auf mich
ein, da mich Ekel vor ihm ergriff.

Was hatte er nur? Da mich die Europer auf Hnden tragen wrden, das
glaubte er wohl selbst nicht. Und da sie mir viel Geld geben wollten,
war verdchtig. Denn #viel# Geld geben die Englnder nur her, wenn sie
etwas #Bses# wollen.

Na? drngte Jim Boughsleigh ungeduldig. Lieber Freund, wie ist's?
Luft dir das Wasser nicht im Munde zusammen? Fasse dein Glck beim
Schopf! Ich rede mit dir wie ein Vater!

Das konnte mich schwerlich verlocken, denn wenn mein Vater mit mir
redete, so nahm er dazu meist einen Riemen in die Hand. Ich versuchte,
mit einer neuen Frage auszuweichen: Sind denn die Englnder nicht stark
genug, um die Deutschen #allein# zu besiegen?

Natrlich sind sie stark genug, mein Herzchen! Es ist die reine Gromut
von uns, wenn wir euch an dem Ruhm teilnehmen lassen wollen. Habe ich
nicht auch meinen #Whisky# mit dir geteilt? -- Pah, die Deutschen!
Feige, kraftlose Hunde sind sie --

Aber du sagtest doch, sie seien mchtige Dmonen?

Jim Boughsleigh wurde wild.

Zum Teufel, hre mit deinen dummen Fragen auf! Es ist, wie ich dir
sage! Und wenn du kein Narr bist, trittst du noch heute in die
glorreiche Armee Seiner Majestt des Knigs von England ein!

Um nach Deutschland geschickt zu werden?

Nein, nur nach gypten braucht ihr! Das ist ganz nahe von hier! Ein
wunderschnes Land -- o, wie schn ist es dort -- Mumien, Pyramiden,
Sphinxe -- na, trink noch mal!

Ich hatte genug gehrt. Ich nahm den Sack mit Malatri, der
Brillenschlange, rckte auer Prgelweite und erklrte: Jim
Boughsleigh, die Armee des Knigs von England ist die herrlichste der
Welt! Ich sehe es an dir! Aber ich bin ein Narr, ich bin ein
verblendeter Narr; ich stoe mein Glck von mir und trete nicht ein. Ich
bin nicht wrdig, einer so herrlichen Armee anzugehren! -- Mgen die
Gtter dich schtzen!

Mit diesen Worten sprang ich eilends auf und rannte mit dem Sack davon,
so schnell ich konnte und ohne mich umzusehen.

Jims Whiskyflasche flog mir dicht am Kopf vorbei und ich hrte ihn
einige Wnsche ausstoen, die durchaus nicht nach lieber Freund und
mein Herzchen klangen.

Ich hatte geglaubt, da ich mit dieser schroffen Beendigung der
Unterredung endgltig der Gefahr entronnen sei, Jim Boughsleighs
Waffenkamerad werden zu mssen und nach fernen Lndern zum Kampf gegen
die deutschen Dmonen verschickt zu werden.

Ich wute nicht, da es mir vom Schicksal anders bestimmt war. Und
seinem Schicksal kann keiner entgehen. Wohl vermagst du dich vor dem
Arme der Menschen zu verbergen, aber es gibt kein Winkelchen auf Erden,
wo du dich vor den Armen Schiwas verstecken knntest. Das bunte Treiben
der Menschen gleicht dem Gewimmel eines Ameisenhaufens -- aber Schiwa
kennt jede einzelne Ameise beim Namen und lt sie keine Sekunde aus den
Augen. Du glaubst dein Leben nach deinem Willen und deinen Trieben
einzurichten und bist im Strome des Geschehens doch nichts anderes als
ein Metallfischlein, das von einem unsichtbaren Magnetstab gelenkt wird.

Als ich Jims Stimme nicht mehr hinter mir fluchen hrte, verlangsamte
ich meinen Schritt. Mein Herz war schwer, und doppelt schwer dnkte mich
daher auf meinem Rcken die Last des Sackes. Denn ein frhliches Herz
ersetzt dir tausend Sklaven, ein trber Sinn aber legt dich in eiserne
Fesseln.

Ich gedachte der guten Lehren, die mein Vater mir gegeben hatte, ehe ein
Hanfstrick ihm die Taille zwischen Kinn und Schultern zu eng schnrte,
und ich wnschte mir inbrnstig: O, gbest du mir auch jetzt einen
deiner Ratschlge!

Whrend ich diesen frommen Gedanken nachhing, fiel mein Blick auf einen
Affen, der auf einer Palme kauerte und mich mit groen, klugen Augen so
eindringlich ansah, da mich wie eine Eingebung die Gewiheit
durchzuckte: in diesem heiligen Tierleib wohnt deines Vaters Seele.

Trnen feuchteten meine Augen, ich warf mich zu Boden und flehte: Gib
mir ein Zeichen, ob du mein Vater bist!

Mit angehaltenem Atem beobachtete ich, wie der heilige Affe eine
Palmfrucht abri, an ihr herumnagte und sie dann nach mir warf. Und da
er genau meinen Kopf traf, so da mir eine dicke Beule schwoll,
zweifelte ich keinen Augenblick lnger, da ich in der Tat meinen
ehrwrdigen Vater vor mir hatte.

Ich flehte also weiter: Bei dem Brummen meines Kopfes, in dem sich ein
Bienenschwarm niedergelassen zu haben scheint, bitte ich dich, o Vater,
mir zu bedeuten, ob mein heutiger Beutezug mit Malatri, der
Brillenschlange, gesegnet sein wird?

Dreimal wiederholte ich diese Beschwrung, aber leider schien mein
ehrwrdiger Vater seit seiner Hinrichtung etwas schwerhrig geworden zu
sein. Der Affe kmmerte sich nicht weiter um mich, er drehte mir den
Rcken und begann sich zu lausen.

Mit Andacht folgte ich seinen Bewegungen, allein ich konnte ihnen
keinerlei vterlichen Wink entnehmen, sei es, da ich die Zeichensprache
nicht verstand, sei es, da die zunehmende Dmmerung meinen Blick
trbte.

Denn es war inzwischen dunkel geworden, in den Husern der Weien
flammten die Lichter auf und drunten im Hafen hatten die groen
Dampfschiffe ihre Flammenaugen aufgeschlagen und blinzelten zum Lande
herber.

Ich liebe die Nacht. Es gibt nichts Schneres als eine muntere Nacht,
wenn man den Tag ber gut ausgeschlafen hat. Und ich sage euch: ein
Kluger kann in einer einzigen Nacht mehr stehlen, als zehn Dumme in
zwanzig Tagen ausgeben knnen.

So erhob ich mich denn, um das Haus zu suchen, in dessen Zimmern ich ein
wenig aufzurumen gedachte.

Zuvor aber eilte ich nochmals in meine eigene Lehmhtte, um mit roter
Farbe das Zeichen Schiwas auf meiner Stirne zu erneuern.

Ach, der viele Whisky, den Jim Boughsleigh in meinen Magen gentigt
hatte, trug die Schuld daran, da dieses Zeichen zittrig und verklebt
ausfiel. Und ich zweifle heute nicht mehr daran, da mir Schiwa darob
zrnte und nur aus dieser Ursache es fgte, da der Abend ein so
unseliges Ende nahm.

       *       *       *       *       *

Mister Galgenstrick machte eine Pause der Wehmut in seiner Erzhlung. Er
zog, schmerzlich sthnend, die indischen Landschaftsbilder, die ich ihm
mitgebracht hatte, unter dem Kopfkissen hervor, betrachtete sie, fuhr
liebkosend mit den Hnden darber hinweg.

Ich strte ihn nicht. Man darf diese seltsamen Menschen nicht in ihren
Gedankenflgen unterbrechen, sonst werden sie argwhnisch, und dann ist
weder mit Gte noch mit Gewalt ein Wrtchen mehr aus ihnen
herauszubringen.

Wer aber zu schweigen versteht, bis ihre Gedanken aus Nebelschleiern
sich zu Gestalten der Sprache verdichtet haben, dem schenken sie ihr
Vertrauen und teilen ihm ungefragt mit, was ihren Geist beschftigt. Sie
hten ihre Gedanken wie ein Rosenbeet und hetzen den Hund auf jeden, der
sich ihm lstern naht; fhlen sie aber, da du ihr Freund bist, so
brechen sie selbst die schnste Rose, um sie dir zu schenken.

Endlich hatte Mister Galgenstrick sich wieder auf meine Anwesenheit
besonnen, er versteckte die Bilder unter das Kopfkissen und sprach mit
bitterer Erregung:

       *       *       *       *       *

O knnte ich diesen Abend des Schreckens aus meinem Leben streichen!
Dann lge ich jetzt nicht bei euch verachteten Weien mit durchlcherter
Achsel, vergeblich schmachtend nach dem einzigen Mittel, das mir helfen
knnte: nach heiligem Kuhmist!

Statt leblose Bilder meiner Heimat zu betrachten, o Herr, weilte ich in
der Sonne Indiens, wre vielleicht ein reicher Mann, htte vier Frauen,
die fr mich arbeiten mten, und knnte, Betel kauend, einem
glckseligen Alter entgegenreifen.

Aber ich will nicht murren, ich bin kein Europer, der seine Torheiten
verdoppelt, indem er sie bereut -- das Schicksal wollte es so, wie es
geschah. Und nur eine einzige Sorge hlt in dieser Stunde mein Herz mit
Polypenarmen umklammert: da, wenn ihr mich zu Tode geheilt haben werdet
und ich gestorben bin, meine Seele in eurem rauhen Lande keinen heiligen
Tierleib finden wird, in dem sie wohne. Denn ihr behandelt die Tiere
schlecht, ihr schlagt und qult sie, und -- so unfabar es einem
Inderohr klingen wrde -- ich mchte bei euch noch lieber ein #Weib#
sein als ein #Tier#!

Aber auch dies will ich dem Schicksal berlassen, das mit verbundenen
Augen und verstopften Ohren spttisch lchelnd waltet.

Den Sack mit Malatri, der Brillenschlange, auf dem Rcken tragend
pilgerte ich aus dem Eingeborenenviertel der Stadt nach den Husern der
Weien.

Ich hrte Malatri rascheln, als freue sie sich, mir wieder einmal ihre
Treue beweisen zu knnen.

Der Dmon, der aus der Whiskyflasche in meinen Kopf gekrochen war,
schien besserer Laune zu werden: whrend er bisher in meinem Gehirn
grollend rumort hatte, begann er jetzt lustig mit den Beinen zu
strampeln, so da mir mit einem Male gar frhlich zumute ward. Es kam
hinzu, da die Bume und Huser gar possierliche Knixe machten, und ein
groes Gebude nahm sogar grend sein Dach wie einen Hut vor mir ab,
schwenkte es in der Luft und setzte es wieder auf.

Diese Heiterkeit erlitt nur fr einen kurzen Augenblick eine
Unterbrechung, als ich am Gefngnis vorbeikam. Da sah ich hinter einem
vergitterten Fenster einen der Deutschen stehen, die ich drei Tage zuvor
unter Jim Boughsleighs Bewachung geschaut hatte: er prete seinen Krper
ganz eng an das Gitter, richtete seine traurigen Augen gegen die Sterne,
und sein Mund sang leise ein Lied, das ich seitdem oft habe von den
Deutschen singen hren. Ich halte es fr ein religises Lied, denn sie
scheinen besondere Krfte aus ihm zu schpfen, und wenn sie es singen,
tritt ein leuchtender Glanz in ihre Augen. Ich kann das Lied nicht
wiederholen, denn die deutsche Sprache ist gar schwer fr einen Hindu,
aber die Anfangsworte sind mir im Gehirn haften geblieben, sie lauten:
Deutschland, Deutschland ber alles!

Ich stand unter dem vergitterten Fenster, lauschte und ich wunderte
mich, da ein Mensch so viel Schmerz in ein Lied legen konnte,
besonders, wenn er in einen Frosch verwandelt ist.

Denn nachts verwandeln sich ja, wie ich damals glaubte, die Deutschen in
Frsche.

Aber ich durfte mich nicht lange mit Zuhren aufhalten, ich bin gewohnt,
#vor# Mitternacht einzubrechen, und man soll seinen guten Gewohnheiten
nicht untreu werden; ich schritt also weiter und rasch stellte sich
meine Lustigkeit wieder ein.

An einer Straenecke standen zwei Wchter. Als ich genauer hinsah, war
es nur einer. Er hielt mich fest und herrschte mich an: Was hast du in
dem Sack, Hindu?

Eine giftige Schlange, Herr! erwiderte ich. Wenn du es nicht glaubst,
so greife hinein!

Dazu aber hatte er keine Lust. Er drehte sich mimutig um, und ich
hrte, wie er knurrte: Das Schwein hat einen Schwips!

Ich bog in einen Seitenweg ein, denn wenn ich einbreche, lege ich keinen
Wert auf die Begleitung eines Wchters. Entweder sie nehmen einen fest
oder, was noch schlimmer ist, sie verlangen die Hlfte der Beute. Wobei
sie so brderlich teilen, da sie am Ende sieben Achtel der Beute haben.

Ich musterte die Huser und sphte, ob nirgends ein Fenster offen
stnde?

Die Weien haben es nicht gerne, da man durch das Fenster bei ihnen
einsteigt. Das ist eines der Vorurteile, von denen sie sich nicht
befreien knnen. Ich habe viele Menschen, die vom Reichtum zur Armut
herabsanken, gefragt, und alle haben mir besttigt, da sie nicht durch
Leute zugrunde gerichtet wurden, die durchs #Fenster# kamen, sondern
durch Leute, die sehr freundlich durch die Tre eintraten und die nie
vergaen, bei ihren Besuchen ihre Visitenkarte abzugeben.

Ich halte auch den Besuch eines Hindus, der eine Brillenschlange im Sack
bei sich hat, fr weit ungefhrlicher als den Besuch eines Weien, der
die Giftschlange in der Brust trgt.

Leider stand nirgends ein Fenster offen.

Das htte mich von meinem Vorhaben abhalten sollen, allein ich war zu
gut gelaunt, um unverrichteter Dinge nach Hause zurckzukehren. Das
Schicksal hatte eben mein Verderben beschlossen.

Ein Haus, dessen unterstes Stockwerk im Dunkel lag, whrend im oberen
Stockwerk noch ein Licht brannte, schien mir einer nheren Bekanntschaft
wrdig. Ich erinnerte mich, da ich aus diesem Hause des fteren hatte
eine Lady kommen sehen, eine Witwe, die reich mit Schmuck beladen war.

Wozu braucht eine Witwe Schmuck?

Bei uns Hindus war es Sitte, da sich die Witwen auf dem Scheiterhaufen
des toten Gatten verbrennen lieen -- bei den Weien scheint es Sitte zu
sein, da die Witwen nach dem Tode ihres Gebieters erst richtig zu leben
beginnen. Kein Hindu wird sich einer Witwe nhern, die Weien aber
umgirren mit Vorliebe die Witwen -- besonders die Witwen, deren Mann
noch lebt. berhaupt ist es mir unverstndlich, nach welchen Grundstzen
eigentlich die Weien ihre Frauen behandeln. Der Hindu prgelt das Weib,
das nichts arbeitet, -- der Weie behngt es zum Lohn mit Schmuck. Ja,
ich habe die Beobachtung gemacht, da just diejenigen Frauen am
ppigsten mit Schmuck behngt sind, die die meisten Prgel verdienen.

Ich schlich ein paarmal um das Haus der Witwe, wobei ich das Heulen
eines wilden Hundes so natrlich nachahmte, da Malatri zu fauchen
begann.

Als sich im Hause nichts regte, kletterte ich zu einem Fenster des
dunklen ersten Stockwerks empor und drckte die Scheibe ein. Das Klirren
des Glases bertnte ich wieder durch Hundegebell.

Der Dmon in meinem Kopf schien kein Freund von Kletterbungen zu sein,
denn er wurde wieder ungemtlich. Aber ich hatte jetzt Besseres zu tun,
als mich mit ihm auseinanderzusetzen.

Ich war in einen finsteren Raum eingestiegen. Vorsichtig lauschend kroch
ich auf dem Boden vorwrts, wobei ich den Sack mit Malatri vor mir
herschob. Zwischen meine Zhne hatte ich ein langes Messer geklemmt.

Nichts rhrte sich.

Ich gelangte auf eine finstere Treppe, huschte langsam, ganz langsam
empor und geriet auf einen Gang, auf dem ein Schrank stand. Durch einen
Trspalt drang ein Lichtschimmer: hier war also das Schlafzimmer der
Lady.

Ich hatte erwartet, vor der Schlafzimmertre, wie es Sitte ist, als
Wache einen schlafenden Hindu zu finden -- er fehlte. Wahrscheinlich
stahl er gerade irgendwo in der Nachbarschaft.

Nun galt es zu handeln. Ich kniete am Boden nieder und begann unten an
der Tre ein Loch mit dem Messer zu schaben, breit genug, um Malatri,
die Brillenschlange, hindurchschlpfen zu lassen. Ich glaube nicht, da
irgendwer diese Arbeit so sicher und geruschlos zu vollbringen imstande
ist, denn schwerlich wird jemand eine so gute Schule genossen haben, wie
ich sie bei meinem ehrwrdigen Vater geno.

Von Zeit zu Zeit hielt ich in meiner Arbeit inne und lauschte -- niemand
beobachtete mich.

O welch ein Irrtum! Und #doch# beobachtete mich einer, und das war der
Whiskydmon in meinem Kopfe, der beschlossen hatte, mir einen
niedertrchtigen Streich zu spielen.

Und das kam so:

Ich hatte das Loch in die Tre geschabt, ich hatte Malatri aus dem Sack
gelassen und beobachtete, wie das kluge Tier in das Zimmer der Lady
schlpfte. Nun wollte ich mich in dem Schrank auf dem Gang verbergen, um
darin den Schreckensschrei der Witwe und den allgemeinen Tumult in Ruhe
abzuwarten. Ich ffnete also leise die Schranktre, -- in dieser Sekunde
aber lie mich der Whiskydmon schwindlig werden, ich stolperte und fiel
mit schrecklichem Gepolter in den Schrank hinein, aus dem ein Hagel von
Glasgeschirr auf mich niederging.

Htte sich die Erde geffnet, ich htte nicht heftiger erschrecken
knnen.

Unwillkrlich stie ich einen wilden Schrei aus, denn ich war zu allem
Unglck in einen Glasscherben getreten, und rannte die Treppe hinunter,
um zu flchten. Ein Hllenlrm entstand. Tren ffneten sich, Mnner und
Mdchen, Farbige und Weie, strzten brllend heraus, ein Schu krachte,
dazwischen kreischte die Stimme der Lady -- ich glaubte mein Ende nahe.

Instinktiv erwischte ich die Tre zu dem dunklen Zimmer des ersten
Stockwerks -- ich sprang, trotz meines blutenden Fues, ber einen Tisch
-- und zum offenen Fenster hinaus.

Drauen aber stand der Wchter, der mich auf dem Hinweg nach dem Inhalt
meines Sackes gefragt hatte, mit drei Genossen, und sie schienen mich
erwartet zu haben.

Ich rannte ihn ber den Haufen und lief -- lief, so schnell mich die
Beine trugen -- keuchend, besinnungslos -- auf ein Licht zu, das ich
ferne leuchten sah.

Und -- ich wei selbst nicht, wie es geschah -- pltzlich stand ich vor
einem jener Lden, die auen mit bunten Soldatenbildern beklebt waren
und in denen selbst zu so spter Stunde noch Licht brannte -- ich
ergriff atemlos die Trklinke -- und stand drinnen.

Verwundert blickte ich mich um.

In einer Ecke hockten vier Soldaten, qualmten aus kurzen Pfeifen und
spielten fluchend Karten. Hinter einem breiten Tisch aber sa ein
Kolonel, der bei meinem hastigen Eintritt behaglich schmunzelte und mir
die Hand hinstreckte. In meiner Verwirrung legte ich #meine# Hand
hinein, die er fest drckte.

Dann griff er in die Tischschublade, nahm ein paar Silberstcke heraus
und hielt sie mir hin.

Ist heute die ganze Welt betrunken? dachte ich verdutzt, denn ich wute
nicht, was dies bedeuten sollte.

Was soll ich mit dem Gelde, Herr?

Behalten sollst du's, mein Junge! sagte der Kolonel. Steck's nur
ein!

Mitrauisch tat ich, wie er mich geheien hatte. Ich sah von einem zum
andern -- sie grinsten vergngt.

Mir kam der Laden unheimlich vor, und da ich mir sagte, da meine
Verfolger wohl inzwischen meine Spur verloren haben mochten, wandte ich
mich zum Gehen.

Da aber fate mich der Kolonel jh an der Schulter, lie eine
Reitpeitsche, die gleichfalls in der Tischschublade gelegen hatte, dicht
vor meiner Nase vorbeipfeifen und schrie in gnzlich verndertem Ton:
Dageblieben! Nicht von der Stelle!

Ich sah mich abermals verwundert um -- die andern grinsten noch
vergnglicher als zuvor.

Lat mich gehen! bat ich. Was wollt ihr von mir?

Du bist witzig, mein Shnchen! hhnte der Kolonel. Und zu den Soldaten
gewendet, sprach er weiter: Ihr habt es gesehen!

Mich packte Furcht und Entsetzen. Wollten sie mich einer Freveltat
beschuldigen? Wuten sie schon von meinem Einbruch?

#Was# habt ihr gesehen? stie ich hervor.

Da richtete sich der Kolonel feierlich auf, nahm den Khakihelm ab und
sagte langsam: Wie du dich soeben durch Handschlag und Annahme des
Werbegeldes freiwillig der Armee unseres mchtigen Knigs verpflichtet
hast!

Das ist eine Lge! tobte ich. Das ist --

Ehe ich den Satz aussprechen konnte, brannte mir schon ein Schlag der
Reitpeitsche im Gesicht. Die Soldaten packten meine Arme -- ich konnte
mich nicht rhren.

Der Whiskydmon hatte meinen Kopf verlassen, ich war pltzlich
pudelnchtern.

Dicht vor meinem Antlitz funkelten die falschen Augen des Kolonels, und
ich hrte seine Stimme zischen: Wirst schon mrbe werden, mein
Jungchen!

Die Soldaten banden mir die Hnde und setzten mich auf einen Stuhl.

Aber ich schwre euch, da ich nicht Soldat werden wollte ..., wimmerte
ich.

Das httest du dir frher berlegen sollen!

Ich versichere euch, da --

Maul halten!! Der Soldat hat nur zu sprechen, wenn ihn seine
Vorgesetzten fragen! -- Wie heit du?

Der kreischende Ton schchterte mich ein, tonlos erwiderte ich: Ich
heie Maharabatigolamatana -- mein Vater rief mich "Galgenstrick"!

Die fnf wieherten vor Lachen.

Ruhe!! brllte der Kolonel, worauf die anderen muschenstill wurden.
Also Galgenstrick! -- Schner Name! Bist nicht der einzige Galgenstrick
in unserer Armee!

Er ging, die Hnde in den Taschen, rauchend im Zimmer auf und ab. Den
htten wir! sagte er.

Ich machte einen letzten, verzweifelten Versuch. Aber so lat euch doch
erklren, Herr --

Noch ein Wort, und ich lasse dich prgeln, da kein Fetzen Haut an dir
heil bleibt!

Ich senkte den Kopf. Alles Gefhl hatte meinen Krper verlassen, ich
sprte mich selbst nicht mehr. Eine stumpfe Gleichgltigkeit war ber
mich gekommen, -- mochten sie mit mir machen, was sie wollten.

Nur unklar dachte ich an Malatri, die Brillenschlange, die in meine
Lehmhtte zurckkehren wrde, wie sie es gewhnt war, und mich nicht
mehr finden wrde ... heute nicht ... morgen nicht ... nie wieder ...

Und wenn ich nicht meinen schndlichen berlistern einen solchen Triumph
mignnt htte, so htte ich jmmerlich geweint.

Fhrt ihn ab! befahl der Kolonel und deutete lssig mit der
Reitpeitsche auf mich.

Und whrend sie mich derb vorwrts stieen, ffnete sich die Ladentre
und herein taumelte -- Jim Boughsleigh.

Ein Freudenschrei entfuhr mir. Schiwa hat mir den Retter gesandt.

Jim! jauchzte ich, und neue Hoffnung wrmte mein Herz, Jim, edler
Freund, sage du es ihnen, da ich nie und nimmer Soldat werden wollte!

Und nun geschah das Unfabare, nun sollte ich erfahren, da ich die
Schlechtigkeit der Weien noch weit unterschtzt hatte, und da der Bi
der giftigsten Schlange Balsam ist, verglichen mit dem falschen Ku
eines Weien.

Denn Jim erhob seinen Fu, trat nach mir Wehrlosem, spuckte aus und
grlte:

Was sagt das braune Schwein? -- Glaubt mir, Kolonel: auf #meine#
Veranlassung hat er sich anwerben lassen -- #mein# Verdienst ist es!

Da sah ich, da das Schicksal beschlossen hatte, mich von der Heimat zu
trennen. Ich gab jede Hoffnung auf. Meine Glieder zitterten -- ich
verlor die Kraft, mich aufrechtzuhalten -- ich gab mir die grte Mhe,
Herr meiner selbst zu werden -- umsonst, ich fiel zu Boden, schlug mit
den zusammengeschnrten Hnden um mich. Schaum trat vor meinen Mund.

Wie durch einen Nebel schaute ich, wie sich Jim Boughsleigh die
Silberstcke auszahlen lie, die als Belohnung fr die Anwerbung eines
Farbigen ausgesetzt sind -- dann schttelten mich Krmpfe, mein Kopf
stie wider eine harte Spitze, und -- und --

       *       *       *       *       *

Schwester! Schwester! schrie ich erschrocken und klingelte wie
besessen.

Der Kranke war mitten im Satz bewutlos in die Kissen zurckgesunken.
Das Klingelzeichen aber erweckte ihn, er versuchte unter wildem, mir
unverstndlichem Kreischen aus dem Bett zu springen.

Unter Aufbietung aller meiner Krfte gelang es mir, den Rasenden, der
geifernd nach meinen Hnden bi, ins Bett zurckzupressen, bis die
Schwester mit einem Wrter kam.

Die Schwester warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu, sagte aber nichts,
sondern wandte sich sogleich dem Kranken zu, dessen Geschrei langsam in
ein erschpftes Wimmern berging.

Ich stopfte meine Notizen in die Rocktaschen und eilte, den Arzt vom
Tagesdienst zu holen.

Soso, meinte dieser, der Inder auf Nummer achtundneunzig! Ein bser
Fall! Der wird wohl das Ende des Krieges kaum erleben! -- Scheuliche
Sache, der Krieg!

Whrend der Arzt sich erhob, um nach dem Kranken zu sehen, telephonierte
ich ein Auto herbei.

Merkwrdige Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich diesmal die
Reinschrift ausfhrte. Und fter als einmal blieb, wenn ich aufsah, mein
Blick auf dem Plakat haften, das meine Frau krzlich einem Hausierer
abgekauft und ber meinen Schreibtisch genagelt hat, und das in dicken
Buchstaben verkndet: Gott strafe England!

Und ich dachte mir: das unverstndliche Gekreisch, das Mister
Galgenstrick in seinem Fieberanfall ausgestoen hatte, wird wohl nichts
anderes gewesen sein als eine etwas ausfhrlichere indische Umschreibung
dieses zum geflgelten Worte gewordenen Satzes.

Bis tief in den Morgen hinein arbeitete ich. Ich brauchte wenig an
Galgenstricks Worten zu ndern, denn er erzhlte mit einer
berzeugenden, naiven Anschaulichkeit.

Nur in zwei Punkten bekenne ich mich schuldig, Korrekturen vorgenommen
zu haben: ich habe manche sprachliche Bilder, die nur einem Inder
verstndlich sein knnen, durch annhernd entsprechende Bilder aus der
deutschen Gefhlswelt ersetzt, und -- ich habe einige allzu drastische
uerungen Galgenstricks ber uns Weie schonend gemildert.

Denn ich halte es nicht fr den #ausschlielichen# Daseinszweck des
Lesers, sich zu rgern.

Ehe ich am nchsten Tage den Kranken aufsuchte, ging ich zu _Dr._
Heberg, um mich nach des Patienten Befinden zu erkundigen.

_Dr._ Heberg war sehr bse und berschttete mich mit Vorwrfen. Wenn
man nur euch verflixten Laien nicht mehr in Lazarette hineinliee!! Da
schwnzeln gewisse Herrschaften in den Krankenslen herum, die nicht das
geringste dort zu suchen haben, regen uns mit ihren Gaben und ihrem
Geschwtz nur unntz die Patienten auf -- zum Donnerwetter, ein Kranker
ist ein Kranker und keine Sehenswrdigkeit!

Zerknirscht lie ich die Strafpredigt ber mich ergehen.

Und worin besteht mein Verbrechen? frug ich, als _Dr._ Heberg beim
Amen angekommen war. Ich habe berhaupt kein Wort mit ihm geredet, habe
mir ruhig erzhlen lassen, ohne ihn zu unterbrechen!

Das fehlte auch gerade noch, da du einen Kranken durch Widerspruch
reizen wrdest! Es war schon eine Mordsdummheit, jawohl, eine
#Mordsdummheit#, da du ihm die indischen Bilder brachtest! Man kann
sich dem Bett nicht mehr nhern, ohne da der Kerl aus Angst um seine
Bilder rabiat wird! Das nennt ihr Laien nachher, dem Kranken "eine
Wohltat erweisen"! Ich werde noch den Antrag stellen mssen, jedem
Lazarettbesucher beim Eintritt die Taschen mit Rntgenstrahlen zu
durchleuchten!

Obwohl _Dr._ Hebergs Reden durchaus nicht schmeichelhaft fr mich
waren, freute ich mich ber sie. Sah ich doch daraus, wie besorgt er um
das Wohl eines jeden einzelnen Patienten war, und ich sagte mir: O
mchten doch die rzte im Lager unserer Feinde den in Gefangenschaft
geratenen, verwundeten Feldgrauen ebensoviel sorgende Liebe widmen wie
ein deutscher Arzt einem kranken Wilden.

Also ich verspreche dir, dem Kranken nicht mehr die geringste
Kleinigkeit mitzubringen!

Dazu wrdest du auch gar keine Gelegenheit haben! Denn es kann
selbstverstndlich keine Rede davon sein, da du ihn wieder besuchst!

Aber erlaube, das ist denn doch --

Bitte, ich bin der Arzt -- da gibt es keine Widerrede!

Wir trennten uns verbittert.

Das war ja eine nette Erffnung, die mir _Dr._ Heberg gemacht hatte.
Also ich sollte die Fortsetzung von Mister Galgenstricks Erlebnissen
nicht mehr erfahren. Das schmerzte mich tief. Nicht etwa weil bei mir
plumpe Neugier nach Stillung gierte, sondern ich hatte ein warmes, rein
menschliches Interesse an dem armen Teufel gewonnen, und mir war nun
zumute, als sollte ich einen freudig gewonnenen Schtzling fr immer aus
den Augen verlieren.

Ich schlo die Bltter, auf denen ich seine Erlebnisse aufgezeichnet
hatte, in das unterste Fach meines Schreibtisches -- in das Fach, in dem
meine unvollendeten, endgltig aufgegebenen Arbeiten ruhen, die ich
scherzhaft meinen Nachla zehnter Band zu nennen pflege.

Acht Tage spter -- ich hatte mich halbwegs beruhigt -- klingelte mich
_Dr._ Heberg telephonisch an.

Hallo??

Jawohl! Schrei nicht so! Hier Heberg.

Wie geht's Mister Galgenstrick?

Besser! Du -- er will dich sprechen!

Aha! Siehst du, ich bin #doch# nicht so schlecht, wie du mich
hingestellt hast!

Eingebildet, wie alle Schriftsteller! Wenn du mir ihn aber wieder
aufregst --

Wei schon!

Spa beiseite, ich bitte dich in allem Ernst --

Sehr richtig!

Ich lege den allergrten Wert darauf, da --

Und wie geht's deiner Frau?

Scheusal! Also sei vernnftig, und --

Auf Wiedersehen!

Adieu, -- verzeihe, das Wort darf man ja nicht mehr gebrauchen: Leb
wohl!

Dieses Telephongesprch fand um drei Uhr mittags statt, -- um halb vier
war ich bei Mister Galgenstrick.

Ich fand ihn ruhiger, als ich gehofft hatte. Er begrte mich lchelnd
und schien sich zu freuen. Er #schien#, -- denn bei diesem Menschen,
der sein Mienenspiel eisern in der Gewalt hielt, mute man sich aufs
#Erraten# seiner stummen Empfindungen beschrnken.

Wie fhlst du dich, Galgenstrick?

Der Doktor ist gut, antwortete er ausweichend. Aber heiliger Kuhmist
wre besser!

Du hast nach mir verlangt?

Ja, ich will dir weiter erzhlen.

Strengt es dich auch nicht zu sehr an?

Darauf kommt's nicht mehr an. Das Schicksal tut, was es will.

Er lie sich von mir das Kopfkissen tiefer in den Rcken schieben, so
da er halb aufgerichtet lag, und erzhlte:

       *       *       *       *       *

Ich hatte unklar gesehen, wie Jim Boughsleigh sein Sndengeld einschob.
Mge er an dem Whisky, den er sich dafr kaufte, erstickt sein! Mgen
ihn die wilden Hunde gefressen haben!

Dein Gesicht, Herr, sagt mir, da dir meine Verwnschungen mifallen.
Ich wei, ihr Weien sagt, man soll seinen Feinden verzeihen, und ich
will gerne glauben, da ihr eure Kanonen nur zu diesem Zwecke baut. Auch
wir Hindus verzeihen unseren Feinden, nur schlagen wir sie gerne vorher
tot.

Ich knnte dir nun mit Leichtigkeit vorlgen, da es mir die erste Zeit
in der Kaserne sehr schlimm ergangen sei. Aber ich will niemanden
schlechter machen, als er ist. Bei den Englndern habe ich das auch gar
nicht ntig.

Nein, es erging mir besser, als ich es erwartet hatte. Man brachte mich
mit vielen anderen Hindus in einem groen Hause unter, das einen weiten
kahlen Hof einschlo. Des Nachts stand uns ein Zimmer zur Verfgung, in
dem ehemals zehn weie Soldaten gewohnt hatten, und da wir nur zu
achtzig darin zu schlafen brauchten, fhlten wir uns ganz wohl, und wenn
wir unsere Beine bis an die Schultern hochzogen und den Kopf dazwischen
steckten, hatten wir bequem Platz.

Es gefiel mir auch, da man in diesem Hause nicht, wie es sonst Sitte
bei den Weien ist, die schuldlosen Tiere ttete, sondern die Wanzen und
Ratten durften sich nach Herzenslust vermehren.

Anfangs hatte man uns Strohscke zum Schlafen gegeben, aber der Hindu
schlft nur, in eine Decke gewickelt, auf dem Fuboden. Es ist dies auch
praktischer, denn die Strohscke mu man von Zeit zu Zeit reinigen, den
Fuboden aber nie.

Meine Befrchtung, da ich mit Mohammedanern oder Weien in einem Raum
weilen msse, erwies sich als unbegrndet. Schmerzlich allerdings war es
mir, einem Angehrigen der Kriegerkaste, mit Hindus #niedriger# Kasten
gemeinsam hausen zu mssen, und es dauerte eine Weile, bis ich imstande
war, diese Schmach als eine Fgung des Schicksals geduldig zu ertragen.

Das Essen war reichlich und wir durften uns die Tiere von den Brahmanen,
die unter uns waren, schlachten lassen, wie berhaupt die Englnder sich
so wenig um #unsere# Religion kmmerten wie um #ihre eigene#.

Nun, ich will es dahingestellt sein lassen: gaben sie uns so viel zu
essen, um unsere Freundschaft zu gewinnen, oder gaben sie es uns in
derselben Absicht, in der sie ihre Gnse msten? Sonst war das Leben
nicht ganz so schn, wie es mir Jim Boughsleigh in Aussicht gestellt
hatte. Am frhen Morgen trieb man uns in den Hof, stellte uns in Reihen,
und dann muten wir alles machen, was uns der Offizier befahl. Sonst gab
es Prgel.

Der Offizier sagte oft, da er es gut mit uns meine, und hatte dabei die
Hand am Revolvergriff.

Manchmal drohte ich vor Erschpfung umzusinken, dann bekam ich einige
Peitschenhiebe und war wieder munter. Ich fgte mich in mein Los, und
wenn der Offizier mich anschrie, so dachte ich mir Rutsche mir den
Buckel entlang, o Herr, und auf diese Weise kamen wir ganz gut
miteinander aus.

Also lernte ich die Kriegskunst. Manches freilich verstanden wir Hindus
weit besser als unsere Lehrmeister, zum Beispiel, wie man lautlos auf
dem Boden schleicht. Ich lachte innerlich, wenn ich unseren Vorgesetzten
dies vormachen sah, und sagte mir: Die englischen Soldaten gben
schlechte Einbrecher. Nun vielleicht ist in England die Kaste der Diebe
fr die hheren Diplomaten reserviert.

Aber ich lernte vielerlei Neues. Um nur eines zu erwhnen: ich wute
noch nicht, da man den Patronen, ehe man sie in die Gewehrlufe
schiebt, die Spitze abbrechen mu. Ich wunderte mich darber und fragte
den Offizier, warum dies geschhe, und er klrte mich auf: Das steht so
im Vlkerrecht!

berhaupt klrte uns der Offizier grndlich auf -- mit Vorliebe darber,
was die Deutschen fr bse Dmonen sind und da sie ohne jeden Grund den
Krieg angefangen haben und da sie schon seit vielen Jahren daran
arbeiten, das harmlose England einzukreisen.

Und da deshalb alle Kulturvlker auf Englands Seite getreten seien, zum
Beispiel die Serben und die Zuaven, und auch alle freiheitsliebenden
Herrscher, zum Beispiel der Zar.

Und indem er sich an die mohammedanischen Regimenter wandte, fuhr der
Offizier fort: Deshalb hat auch der Sultan den Heiligen Krieg gegen die
Deutschen erklrt!

Von dem vielen Geld, das man mir als Lohn versprochen hatte, bekam ich
nichts zu sehen und ich htte mir kaum das zum Leben notwendige Opium
fr meine Pfeife kaufen knnen, wenn ich mir nicht manchmal kommandiert
htte: Hnde in fremde Taschen -- marsch, marsch!

Auch der Hindu braucht in seinen freien Stunden eine Zerstreuung, sonst
sinkt er auf die Stufe eines Weien herab. Die Araber haben, wie man mir
erzhlt hat, ihre #Mrchenerzhler#, die Englnder haben ihre
#Zeitungen#. Sie zwangen auch uns, sie zu lesen, und wir erfuhren
daraus, wie die Deutschen berall besiegt werden, und wie besonders die
#Russen# zwei furchtbare Waffen haben: die Masurischen Seen und den
strategischen Rckzug.

Und da in Deutschland furchtbare Hungersnot herrscht. Dies konnte ich
nicht begreifen. Denn da sich die Deutschen doch nachts in Frsche
verwandeln, brauchen sie blo Fliegen zu fressen, um sich zu sttigen.

Ich befragte den Offizier ber diesen Punkt, und bereitwillig klrte er
mich wieder auf: die deutschen Fliegen ziehen im Herbst nach Afrika und
kehren erst im Frhjahr zurck.

Nun war mir die Sache klar.

Ich erinnere mich auch, da der Offizier eines Mittags eine Ansprache
hielt, die folgendermaen lautete: Es ist mir zu Ohren gekommen, da
einige von euch die Spitzen ihrer Messer und Dolche vergiften. Ich mache
euch darauf aufmerksam, da dies bei strengster Strafe verboten ist.
Auch taugt euer Gift nichts. Wirksames Gift bekommt ihr in dem Zimmer
neunzehn der Kaserne. Es kostet euch nichts und es gibt, so viel ihr
wollt. Also merkt euch das Verbot!

Wir merkten es uns und gingen nach dem Zimmer neunzehn. --

Die Sorge aber, die mich am schwersten in dieser Zeit bedrckte und mit
dem Gewicht einer Kanone auf mir lastete, war diese: Der Hindu, der ber
das Meer fhrt und aus seiner Heimat auswandert, verliert seine Kaste.
Und dieser Verlust ist schlimmer als der Verlust des Lebens.

Denn wenn du stirbst, so verlt du nur den Leib, der nicht viel wert
ist und nur dazu dient, dir Schmerzen zu bereiten und dich in Versuchung
zu fhren. Deine Seele aber zieht in einen neuen Leib ein, und nach
dessen Verfall abermals in einen neuen.

Es ist mit der Seele wie mit euch Weien, wenn ihr eine Wohnung kndigt.
Nur lassen wir unseren alten Leib gerne in einer besseren Verfassung
zurck als ihr eure alten Wohnungen. Unsere Seele zieht um -- und auch
so ein #Seelenumzug# ist mit mancherlei Unannehmlichkeiten verknpft,
zum Beispiel dem Todeskampf.

Die Seele kann nicht verloren gehen, wohl aber die Kaste. Und wenn du
sie nach der Rckkehr in die Heimat wiedergewinnen willst, so mut du
dich schweren Gebruchen unterziehen, den Gttern groe Opfer darbringen
-- und noch grere den Priestern. Aber das versteht ihr Weien nicht.

Doch auch diese Sorge nahm uns unser Offizier vom Rcken, der uns
beinahe so viel vom Rcken #nahm#, wie er uns darauf #gab#.

Denn er versicherte uns: Ihr braucht ja gar nicht ber das Meer zu
fahren! Die Deutschen sind schon so gut wie vernichtet, und ihr werdet
deshalb nur zum Schutze des inneren Indiens verwendet.

Diese Auskunft erfreute uns doppelt, weil ein seltsames Gercht in
Bombay die Runde machte. Einer erzhlte es dem andern, und als die
englische Regierung es gar dementierte, wute jeder, da es wahr sei.

Es hie nmlich, drauen auf dem Meere huschten Schiffe der deutschen
Dmonen, kleine Kreuzer, und sie fhrten spitze, eiserne Fische mit sich
an Bord, die sie unter Blitz und Donner gegen die feindlichen Schiffe
anschwimmen lieen. Die Fische aber fren sich mit der Schnelligkeit
eines Wetterleuchtens durch die dicksten Schiffswnde hindurch und
platzten von diesem Frae. Und rissen bei diesem Platzen alles mit sich
in die Luft.

Die Ahnung eines solchen Schicksals aber mu einen jeden frommen Hindu
mit Grauen erfllen, denn wie kannst du einen Leichnam verbrennen, der
auf dem Meeresgrund liegt?

Wir dankten deshalb den Gttern, als wir erfuhren, da wir nicht ber
das Meer zu fahren brauchten.

Whrend der ersten Wochen unserer bungen in der europischen
Kriegskunst durften wir die Kaserne nicht verlassen. Vielleicht
frchteten die Englnder, da wir ebenso freiwillig, wie wir in ihr Heer
eingetreten waren, auf unseren Spaziergngen wieder aus dem Heer
austreten wrden. Als sie aber glauben mochten, unseres Gehorsams
sicher zu sein, lieen sie uns fr die Dauer etlicher Abendstunden
in die Stadt hinab.

Zuvor aber lieen sie uns auf die Treue gegen ihren Knig vereidigen.
Wir muten uns auf dem Hofe aufstellen, ein Brahmane sprach in unseren
Dialekten die Eidesformel vor, die wir unter unseren Zeremonien
bekrftigten. Und ich glaube, wenn die Englnder die Eidesformel
verstanden htten, die uns der Brahmane vorsagte, htten sie ihn am
hchsten Galgen aufgeknpft.

Wir aber befolgten die goldene Regel, feierlich ernst zu bleiben, wenn
uns das Lachen kitzelt, und so ging die Vereidigung ohne Zwischenfall
vorber.

Die Englnder waren sogar sehr zufrieden mit unserer Eidesleistung.
Wenigstens hrte ich beim Wegtreten, wie ein Kolonel zum andern sagte:
Der Eid war das reinste russische Ehrenwort!

Nach uns wurden die mohammedanischen Truppen vereidigt, aber ich
ersparte mir den Anblick, denn in meinen Augen gelten die Bekenner
Mohammeds als ebenso unreine Rasse wie die Weien.

Zunchst verschmhte ich es, von der Erlaubnis des Ausgangs Gebrauch zu
machen. Ich war des Abends mde, auch fhlte ich keine Sehnsucht,
Menschen vom Schlage Jim Boughsleighs zu begegnen. Ich brachte meine
freie Zeit mit Beten und Nachdenken zu.

Ihr Europer mgt uns in mancher Fertigkeit berlegen sein -- in der
Kunst, einsam zu sein, seid ihr nur Stmper, wir die Meister. Ein
Mensch, der nicht spricht, ist euch unheimlich, und wo ihr nur knnt,
sucht ihr die Gesellschaft von Menschen auf, die schwatzen und lrmen.
Dies kommt daher, weil ihr euch nicht nur vor euren #Mitmenschen#
frchtet, sondern noch weit zitternder vor euch selbst! Und ihr habt
alle Ursache dazu. Denn wie es giftige Tiere gibt, die am Tage sich in
ihre Nester und Hhlen verkriechen und nur des Nachts zu ihrem listigen
Treiben erwachen, so schlafen auch eure bsen Triebe in dem Tageslicht
des Beobachtetwerdens, -- in der Einsamkeit aber erwachen sie und fallen
euch selbst an.

Ihr bestaunt den Fakir, der, um seine Seele zu vervollkommnen, auf einem
Bett von aufrechtstehenden spitzen Ngeln ruht, -- ihr selbst aber
zerfleischt euch tagein, tagaus mit Reden, die spitziger und rostiger
sind als die Ngel des Fakirbettes. Und glaubt ihr, da sich eure Seele
dabei vervollkommne? -- Euer Mund ist ruhelos, weil es euer Herz ist!
Und darum habt ihr es immer eilig. Ich aber, ein Hindu der Kriegerkaste,
habe immer Zeit, weil ich wei, da ich eine endlose Kette von Leben zu
leben habe, und was ich heut nicht kann besorgen, besorge ich vielleicht
in fnfhundert Jahren. Wenn es das Schicksal will.

Aber weshalb erklre ich das alles? Du bist nur ein Weier und kannst
niemals ein Hindu werden. Ich sage es dir auch nur, damit du besser
meine Handlungen verstehst, -- soweit ein Nichthindu berhaupt einen
Hindu verstehen kann.

Ich erzhlte dir, Herr, da ich es anfangs verschmhte, abends
auszugehen. Aber mich kam die Sehnsucht an, wieder einmal meine Glieder
in einen der heiligen Teiche zu tauchen, wieder einmal in einem Tempel
zu beten und das Glck zu genieen, da eine heilige Kuh aus meinen
Hnden fresse.

Also verlie ich eines Abends die Kaserne. Als ich durch die Straen
schritt, sah ich, da die Englnder nicht zu sorgen brauchten, ein Hindu
knne freiwillig aus dem Heer austreten, denn an allen Ecken standen
Wachen, und zumal zum Hafen konnte kein Lebender gelangen.

Ist es dir schon einmal begegnet, da dir eine Stadt, die du liebtest
und zu kennen glaubtest, pltzlich ber Nacht fremd geworden war? Als
ich durch die Straen wandelte, rieb ich mir immer und immer wieder die
Augen: war das noch Bombay? Wohl standen die Huser, die Htten, die
Bume noch an ihren Pltzen und ich htte jeden im Traum zu finden
vermocht --, aber mir war, als sei eine unerklrliche Vernderung mit
ihnen vorgegangen. Eine unsichtbare Mauer hatte sich zwischen mir und
meiner Vaterstadt getrmt, und ich empfand ein Frsteln, als sei ein
Freund, dem ich mich ganz zu eigen gab, unerwartet einer Frage meiner
Seele die Antwort schuldig geblieben, so da ich den breiten Strom sah,
der alle Menschen trennt und ber den es keine Brcke gibt.

Am Ufer des heiligen Teiches, an dem Jim Boughsleigh seine Angel nach
mir ausgeworfen hatte, machte ich halt. Ich wusch mich nach der heiligen
Sitte, und ich sah mit Betrbnis, da die andern Hindus ihre Augen von
mir abwandten. Auf den Bumen saen wohl die Affen, aber sie wrdigten
mich nicht, mit Frchten nach mir zu werfen -- als ob auch sie dchten:
Verrter!

Ich schlich in einen Tempel, warf mich nieder und klagte den Gttern
mein Leid. Die Bilder der Gtter hrten mich ernst an: schon so viel
Elend und Schmerz ist an ihr Ohr geklungen, da du keine Wunde ihnen
enthllen kannst, die sie nicht schon tausendfach brennender gesehen
htten. Aber sie sind nicht wie die Menschen, deren Herz sich an die
Klagen gewhnt und sich verhrtet, nein, die #guten# Gtter haben fr
jeden neuen Aufschrei neues Mitleid bereit, wie die Dmonen fr jedes
neue Unglck neuen Hohn.

So verlie ich gestrkt den Tempel, und freundlich blickten die
Gtterbilder mir nach, freundlicher als die Augen der Brahmanen und
Tempeltnzerinnen, denn ich war mit leeren Hnden gekommen.

Pst! Freund! klang es zu mir, als ich die Stufen hinabeilte. Ein
Mohammedaner, den ich ungern so nahe dem Heiligtum sah, hatte mich
angerufen. Er schien mich erwartet zu haben, aber ich kannte ihn nicht.
Was kmmern mich die verblendeten Bekenner Allahs? Ich verachte sie, und
deshalb berhrte ich des Fremden Ruf und wollte meines Wegs gehen.

Allein der Fremde lie mich nicht so leichten Kaufs los, er sperrte mir
den Weg und, ob ich wollte oder nicht, ich mute ihm ins Antlitz
blicken, und ich sah, da in seinen Augen Klugheit und Gte wohnten. Er
war ein sehniger, schlank gewachsener Mann, und wenn er ein Hindu
gewesen wre, htte ich ihn nach seinem Begehr gefragt. Da er aber nur
ein Mohammedaner war, suchte ich ihm auszuweichen.

Wischnu und Schiwa mgen dir gndig sein! grte mich der
Mohammedaner.

Einen so frommen Gru durfte ich nicht unerwidert lassen. Und dir deine
Gtter! entgegnete ich.

Er lchelte und mir fiel ein, da die Bekenner Allahs ja nur an #einen#
Gott glauben. Und da man sich immer rgert, wenn man eine Dummheit
gemacht hat, und ich niemand anderen zur Verfgung hatte, meinen rger
an ihm auszulassen, so fuhr ich ihn an: Erlse mich von deinem Anblick,
damit ich mich nicht verunreinige!

Ich hatte erwartet, da er nun seinen Dolch ziehen werde, denn diese
Menschen fhlen sich sehr leicht beleidigt, und ich hatte schon mein
linkes Bein vorgeschoben, um ihn darber stolpern zu lassen und ihn dann
von hinten zu besiegen. Der Fremde jedoch sprach ruhig: Du bist ein
mutiger Mann und deshalb zu meinem Vorhaben geeignet. Und da du so
leuchtenden Auges aus dem Tempel tratst, bist du auch ein #glubiger#
Mann und wirst die Beteiligung an einem frommen Werke nicht abschlagen.

Mich kniff die Neugier. Ich dachte nur: Juckt er dich mit seinen
rtselhaften Andeutungen, soll er dich auch mit einer deutlichen
Aufklrung kratzen!

Auch war es mir so ungewhnlich, da ein Mohammedaner mich ansprach
(denn sie lassen auer sich selbst nur noch die Christen und die Juden
gelten), da ich mich zu der Frage hinreien lie: Ein frommes Werk?
Sprich, was es sein soll!

Da schaute sich der seltsame Fremde vorsichtig nach allen Seiten um und
flsterte: Nicht so laut! Wir wollen nicht stehenbleiben! Schreite
neben mir einher, als ob wir Gleichgltiges sprchen!

Wir setzten uns in Bewegung. Ich konnte mir des Mohammedaners Benehmen
und Absicht immer weniger deuten.

Bist du durstig? frug er und zog eine Whiskyflasche aus dem Gewand.

Da erinnerte ich mich daran, wie Jim Boughsleigh mich mittels dieses
flssigen Dmons zu umgarnen versucht hatte, und Emprung peitschte
mich: Wie? Du, dem seine Lehre den Wein verbietet, reichst mir solches
Getrnk? Lasse mich allein, denn wie knnte das Werk ein frommes sein,
das du mit Hilfe eines Dmons beginnen willst?

Er lchelte wieder. Httest du getrunken, so wre kein Wort mehr ber
meine Lippen gekommen, denn ich brauche einen nchternen Mann!

Ich bewunderte die Schlauheit des Mohammedaners. Vielleicht handelt es
sich um einen Einbruch? dachte ich. In diesem Falle htte ich allerdings
schweren Herzens absagen mssen. Denn nur noch eine Stunde durfte ich
der Kaserne fernbleiben.

Sprich! heischte ich kurz.

Da trat der Fremde in den Schatten eines Baumes, und seine Lippen
sprudelten: Merke dieses Zeichen! Er legte die drei mittleren Finger
der rechten Hand ber die Mittelfinger der linken und hob sie bis zur
Stirn. Hast du es gesehen?

Ja! Und ich konnte mich nicht enthalten zu fragen: Wie oft hast du
heute schon aus deiner Flasche getrunken?

Er lachte. Ich trinke nicht, aber es ist mitunter ntig, sich betrunken
zu stellen, ... solange die Englnder die Herren dieses Landes sind!
Bei den letzten Worten sprhten seine Augen so leidenschaftlichen Ha,
da ich mich ihm gesinnungsverwandt fhlte. Von diesem Augenblick an
vertraute ich ihm, als htte ich schon zwanzig Diebsthle mit ihm
gemeinsam ausgefhrt.

Wirst du das Zeichen nachahmen knnen?

Ich tat es.

Wir traten wieder aus dem Schatten des Baumes und wanderten weiter.

So hre mich: Versuche, wenn mohammedanische Soldaten in deiner Nhe
sind, unauffllig dieses Zeichen zu machen! Aber lasse es nie die
Englnder sehen! Erwidert keiner meiner Brder das Zeichen, so tue, als
habest du nur eine unwillkrliche, spielerische Handbewegung gemacht. --
Wenn dich aber einer mit demselben Zeichen wiedergrt, so gib ihm
dieses!

Blitzschnell hatte er aus seinem Kleid ein versiegeltes Schreiben
gezogen und es mir in eine Falte des Gewandes geschoben. Ich trat einen
Schritt zurck, denn noch konnte ich mich nicht an die krperliche
Berhrung eines Nichthindus gewhnen.

Lasse es nicht in die Hnde der Englnder fallen! zischelte er.

Ich sperrte Nase und Mund auf. War das alles? Ein versiegeltes
Schreiben? Und deshalb so viel Geheimtuerei?

Was bedeutet das Ganze?

Ein frommes Werk! Die Gtter werden es dir lohnen! Und die Englnder
dich dafr verwnschen!

Ich wute nicht, welche von beiden Belohnungen mir die begehrenswerteste
dnkte.

Und ich soll es irgendeinem Mohammedaner geben?

Irgendeinem, der das Zeichen kennt!

Und wann soll ich zum ersten Male das Zeichen erproben?

Sobald ihr auf hoher See seid!

Ich zuckte zusammen, -- aber schon im gleichen Augenblick kam mir mein
Schreck tricht vor.

Diesmal war ich es, der lchelte, und ich sprach: Auf hoher See? Wir
kommen nicht bers Meer, wir werden nur in der Heimat verwendet!

Da schaute mich der Mohammedaner so tieftraurig an, da mein Lcheln
erstarb und Unruhe mir ins Herz zog.

Armer Freund! klagte er und wischte sich mit der Hand eine voreilige
Trne von der Wimper. Armer Freund!

Als ich ihn so bewegt sah, geriet ich in solche Aufregung, da ich
hastig einen Zipfel seines Kleides ergriff und ihn bestrmte:

Was willst du damit sagen? Weshalb weinst du? Bei allem, was du
verehrst, sprich, sprich!

Aber er wiederholte nur: Armer Freund!

Und ri sich los und enteilte.

Ich stand da, mit blitzenden Augen und wogender Brust. In der geballten
Faust hielt ich die drei Rupien, die mir aus alter Gewohnheit in der
Hand geblieben waren, als ich das Kleid des Fremden berhrt hatte.

War ich das Opfer einer Zauberei? War der Fremde ein bser Dmon
gewesen?

Doch nein, er hatte geweint.

Aber vielleicht hatte auch ihn ein kluger Vater gelehrt, zu weinen, wenn
sein Herz vor Freude sprang, und zu lachen, wenn der Schmerz ihn wrgte.

Sicher wute er mehr, als er gesagt hatte.

Mein Kopf wirbelte, -- nein, ich wollte mit diesem Schreiben, das
vielleicht eine Zauberformel barg, nichts zu tun haben, ich mute es ihm
zurckgeben. Mein Freund, rief ich und eilte in die Strae, in der er
verschwunden war, mein Freund ...

Aber ich fand ihn nicht mehr. Er mute sich in irgendeinem der Huser
verborgen haben.

Der Atem ging mir aus, und ich verlangsamte meinen Schritt.

Armer Freund hatte er mich genannt. Sah er eine dunkle Zukunft voraus?
Ahnte er Leiden, die mich treffen sollten und die er nicht von mir
abwenden konnte? Verband uns beide ein verwandtes Geschick?

Ich fhlte den Brief in meinem Kleide, und mein Verstand sagte mir:
Wirf ihn von dir! Zerreie ihn, verbrenne ihn! Zu gleicher Zeit aber
klang es in mir: Bewahre ihn gut! Es ist ein frommes Werk, zu dem du
berufen bist!

Die Ruhe, die ich aus dem Gebet geschpft hatte, war in peinvolle
Beklemmung gewandelt, ich war in einen Irrgarten widersprechender
Gefhle geraten, und wohin ich mich auch wandte, einen Ausgang zu
finden, stie ich auf dicke Mauern.

Ich achtete nicht mehr auf die Richtung, die ich einschlug, und mein
Instinkt fhrte mich den Weg zu meiner Lehmhtte, vor der ich pltzlich
stand, ohne zu wissen, wie ich dorthin geraten war.

Es war dunkel geworden, die Huser standen wie ausgestorben, denn die
Englnder hatten bei Kriegsbeginn einen Erla verkndet, der es den
Eingeborenen verbot, des Abends Licht zu brennen. Auf diese Weise
hofften sie, alle geheimen Zusammenknfte verhindern zu knnen.

An der Pforte meines kargen Heims strauchelte ich ber einen plumpen
Gegenstand. Ich bckte mich -- und fuhr zurck: da lag Malatri, die
Brillenschlange, und sie war tot. Erschlagen von rohen Hnden.

Ich warf mich nieder, prete den armen Kadaver an mich, streichelte den
zerschmetterten Kopf, so da mir das geronnene Blut an den Fingern
kleben blieb. Ich rief: Malatri, Liebling meiner Seele, Genosse meiner
Beutezge, hrst du mich nicht? Erwache und richte dich auf! Ich will
dir vom besten Reis bringen, ich will dir die seste Milch stehlen, ich
will dir ein weiches Lager bereiten! Du sollst an meinem Hals schlafen,
ich will dich bedienen wie einen Frsten, -- so vernimm doch den Ruf
deines Freundes und gib ihm ein Zeichen! ...

Dies waren die Worte, die der Schmerz mir eingab.

Aber die Seele, die in Malatris geschmeidigem Krper gewohnt hatte, lie
sich nicht mehr zurckrufen. Schon hatte sie in einem anderen Leibe ihre
Sttte gefunden, vielleicht lebte sie in einer der Ratten, die ber die
Schwelle huschten und meine Klagen mit leisem Pfeifen begleiteten.

Nun hatte ich nichts mehr, was mich an die Heimat fesselte. Mit der
letzten Wurzelfaser war ich losgerissen aus dem Boden -- gleichgltig,
wohin man mich verpflanzen werde.

Das Spielzeug des Schicksals ...

Ich hob Malatri von der Erde, trug sie zu einem nahen, flieenden
Gewsser und berlie sie den trgen Wellen.

Versptet traf ich in der Kaserne ein. Zu meiner Verwunderung blieb die
erwartete Strafe aus, der Posten lie mich passieren, ohne mich zur Rede
zu stellen. Er lachte mir nur breit ins Gesicht, als wisse er ein
spahaftes Geheimnis.

Kaum aber hatte der Gott des Schlafes meine Lider angehaucht, da ri ein
gellendes Trompetensignal uns alle empor. Und als wir aufblickten, stand
in der Tre unser Offizier mit fnf Soldaten, und sie hielten ihre
Revolver bereit.

Wir waren den Anblick von Revolvermndungen zu sehr gewohnt, um unruhig
zu werden, und dachten, es sei wieder einmal eine Nachtbung anberaumt.
Als wir jedoch unsere Gewehre ergreifen wollten, sahen wir mit
Erstaunen, da sie heimlich weggerumt worden waren.

Ich mute doch lnger geschlafen haben, als ich geglaubt hatte.

Antreten im Hofe ohne Waffen! befahl der Offizier und schnitt ein
Flstern, das sich erheben wollte, durch das Kommando ab: Ruhe! Kein
Wort!!

Wir alle muten vor ihm den Raum verlassen, er folgte nebst seinen fnf
Soldaten, ohne den Finger vom Revolverhahn zu nehmen, und es war nicht
anders, als treibe er eine Herde vor sich her.

Im Hofe aber sah es seltsam aus. Da standen zwei Regimenter englischer
Soldaten mit geladenen Gewehren, und sie lieen uns nicht aus den Augen.

Dem einen Regiment gegenber standen die mohammedanischen Truppen, die
im andern Flgel der Kaserne untergebracht gewesen waren. Ihnen fehlten,
gleich uns, die Waffen.

Dem zweiten Regiment gegenber muten wir uns aufstellen.

Auf groen, mit Pferden bespannten Karren lagen unsere Gewehre.

Kein lautes Wort fiel, selbst die Befehle wurden halbleise erteilt, als
glte es, sie vor unberufenen Lauschern geheimzuhalten.

Waren wirklich alle so bleich, oder sog der Schein des heiligen Mondes
die Farbe aus ihren Wangen?

Die englischen Soldaten marschierten auf uns zu, nahmen unseren Zug in
die Mitte, und nun ging es hinaus in die Nacht, -- rechts und links von
schubereiten Wchtern behtet.

Im Zickzack fhrten sie uns durch die Stadt, deren Straen von Menschen
gesubert worden waren. Nur die Schritte hallten, und auch sie waren
gedmpft wie bei euren Leichenzgen.

Ja, es war ein Leichenbegngnis. Die Versprechungen, die sie uns und den
Mohammedanern gegeben hatten, trugen sie zu Grabe, und uns alle stieen
sie mit hinab in die Gruft.

Wir sahen den Hafen vor uns, der angefllt war von englischen Soldaten,
und ein groes Schiff stand bereit, uns aufzunehmen.

Zuerst wurden unsere Gewehre verladen. Alles so lautlos, wie in einem
Schattenspiel.

Und ich selbst kam mir vor wie leblos -- ich sah, was geschah, aber ich
hatte die Empfindung dafr verloren. Ich sah, wie die Mohammedaner ber
die Bretter schritten, die den Steinboden mit dem Schiff verbanden, ich
sah, wie ihr Zug in einer Treppenluke verschwand -- ich fhlte keinen
Schmerz. Ich setzte mich in Bewegung, als die Reihe an uns gekommen war,
willenlos wie ein Tier.

Als ich ber die Bretter marschierte, versagten meine Knie den Dienst,
ich fiel. Aber ein Sto mit dem Gewehrkolben in den Nacken brachte mich
wieder auf die Beine.

Im Aufspringen sah ich den Mond ber mir stehen. Und mir war, sein
Antlitz hnele dem fremden Mohammedaner, dessen Schreiben ich im Gewande
trug, und er weinte.

Und eine weie Wolke schob sich vor ihn, um die Trne an seiner Wimper
zu trocknen.

       *       *       *       *       *

Gerade wollte ich eine Pause des Atemholens dazu benutzen,
Galgenstrick mit der sanften Frage zu unterbrechen, ob ihn das
Erzhlen nicht anstrenge, als er selbst hstelnd sprach: Wenn es dir
recht ist, o Herr, lasse mich schlieen fr heute!

Natrlich war es mir recht.

Um aber Mister Galgenstrick nicht in gar so trber Stimmung zu
verlassen, plauderte ich noch ein wenig von gleichgltigen Dingen.

Er hrte mir die ersten paar Stze geduldig zu, dann sagte er: Ihr
Weien redet, ohne zu denken! drehte sich im Bett herum, und soweit die
Bettdecke erkennen lie, nahm er eine Krperstellung ein, die selbst der
optimistischste Optimist nicht als Ehrenbezeigung deuten konnte.

Ich mute ob dieser Pantomime so herzlich lachen, da Mister
Galgenstrick sich wieder zurckdrehte und, angesteckt von meiner
Heiterkeit, mir grinsend die Zhne zeigte.

Und so hatte ich doch meine Absicht erreicht, ihn vor meinem Abschied in
heitere Laune zu versetzen.

Als ich am nchsten Mittag in das Lazarett kam, sagte mir auf dem Flur
die Krankenschwester: Mister Galgenstrick ist, seitdem Sie ihn
besuchen, braver -- aber heute nacht war er wieder sehr ungezogen!

Was hat er denn angestellt?

Er hat sich selbst das Fenster geffnet und die ganze Nacht hindurch
die kalte Luft, die Gift fr seine kranke Lunge ist, eingeatmet. Ich
habe _Dr._ Heberg gar nichts davon gesagt, sonst htte er den Patienten
furchtbar zusammengeschimpft!

Daran haben Sie recht getan, Schwester!

brigens hatte die kalte Luft meinem farbigen Freunde nicht viel
geschadet -- soweit mein Laienauge es beurteilen konnte.

Er war recht vergngt, legte bei meinem Eintritt die indischen Bilder,
die er stundenlang zu betrachten pflegte, beiseite und begann nach
einigen kurzen Begrungsworten lebhaft zu erzhlen.

       *       *       *       *       *

Das Meer ist ein heiliges Gewsser, und es bt eine unwiderstehliche
Anziehungskraft aus. Besonders auf die Speisen, die man im Magen hat.

La mich schweigen, Herr, von den ersten Tagen der Seefahrt. Wir glichen
weniger einer Truppe, die in den Kampf gegen die Deutschen zieht, als
einer Truppe, die aus dem Kampf mit den Deutschen kommt. Und wenn meine
Seele jemals in den Leib eines Herings ziehen sollte, so wei sie nun
wenigstens im voraus, wie einem beim Eingepkeltsein zumute ist.

Wir Hindus waren auch zumeist #stumm# wie die Heringe. Wir sind keine
Weien, die stets das Bedrfnis haben, ihr Herz auszuschtten -- wobei
ich immer lebhaft an das Ausschtten einer Kehrichttonne erinnert
werde. Und ich glaube, die meisten Europer besitzen dieses
Mitteilungsbedrfnis, nicht weil ihr Herz bervoll, sondern weil ihr
Kopf berleer ist.

Du fragst dich, warum ich dir meine Lebensgeschichte erzhle, da ich das
Stummsein so lobpreise?

Siehe, das ist eben der Unterschied: ihr werdet wortkarg, wenn ihr krank
seid, ich werde auf dem Krankenlager gesprchig. Ihr haltet das
Mundhalten fr eine Krankheitserscheinung, ich das Schwatzen.

-- Die Fahrt schien endlos. Wohl hatte ich schon gehrt, da ferne
unserer Heimat die Lnder liegen, aus denen die Fremden zu uns kommen
und uns ihre Waren schicken, aber nie htte ich geglaubt, da diese
Lnder so weit abseits lgen, da das Meer so breit sei. Ich zermarterte
mir das Gehirn mit der Frage, wozu ist das viele Wasser da, und ich kam
zu der Lsung: die Gtter haben es in ihrer Weisheit ausgeschttet,
damit ihr Weien nicht so leicht und gefahrlos zu uns herberkommen
knnt. Das Meer ist der Stacheldraht des farbigen Mannes.

Wenn ein Offizier zu uns Eingepkelten hinabstieg, fragten wir ihn nach
dem Reiseziel. Der eine Offizier nannte gypten, der zweite
Frankreich, der dritte Belgien, der vierte Deutschland.

Ich sage: wenn er zu uns hinabstieg, denn wir Hindus durften nicht an
Deck. Wir wurden verschickt wie eine Ware, und ich wei nicht:
berechneten uns die Englnder nach der Kopfzahl oder nach dem Pfund
Lebendgewicht?

Wir lagen im untersten Schiffsraum und ein Stockwerk ber uns hausten
die Mohammedaner. Eine Treppe verband uns. Manchmal kamen Mohammedaner
zu uns herab und erzhlten uns Neuigkeiten. Die Englnder sahen dies
nicht gerne.

Woher weit du diese Neuigkeiten? stellte ich einmal einen Bekenner
Allahs zur Rede, der mir mitgeteilt hatte, die Russen htten die
siebzehn Tchter des Deutschen Kaisers gefangengenommen. Woher weit du
es, da wir mitten auf dem Meere sind? Haben es dir die Mwen zugetragen?
Liest du es aus den Zickzackbewegungen der Fische?

Er hielt mir darauf eine groe Rede ber ein Ding, das er drahtlose
Telegraphie nannte und das ein Englnder namens Marconi erfunden habe.
Ich lie den dummen Schwtzer stehen.

Ich wei, da ihr Weien viele Geheimnisse erforscht habt: Ihr habt ein
Glasinstrument, das ihr Thermometer nennt und mit dem ihr das Wetter
macht; ihr habt ein Blechrohr, in das ihr eure Musik eingesperrt habt
und aus dem ihr sie herauslat, wenn andere Menschen schlafen wollen;
und obwohl dieses Blechrohr, das ihr Grammophon nennt, keine Nase hat,
singt es doch durch die Nase; ihr seid pfiffig und stehlt der Natur
gewandter ihre Geheimnisse als ich euch die Taschenuhren, -- aber
solchen Unsinn wie drahtlose Telegraphie drft ihr einem Hindu nicht
vorschwatzen!

Nein, ich glaube nicht an solche Taschenspielerknste und ich bin
berzeugt, die sogenannten drahtlosen Kriegsberichte der Englnder
entstehen auf eine ganz andere Weise, nmlich indem sie einfach fern vom
Schlachtfeld erfunden werden.

Und das haben mir spter meine Erfahrungen auch besttigt.

Am dritten Tage der Seefahrt gab es einen groen Tumult auf dem Schiff.

Es war um die Mittagszeit, das Meer lag leise atmend wie ein schlafendes
Mdchen und schien sich selbst im Schlummer unbewut zu schmen, da wir
es durch die Fensterluken beobachteten.

Ein sanfter Wind fchelte von ihrer Stirne die Mwen, die ich die Mcken
des Meeres nennen mchte.

Da hrten wir pltzlich, wie die Englnder auf dem Verdeck des Schiffes
durcheinander schrieen, wie sie aufgeregt hin und her liefen, bis
schneidende Kommandostimmen Ordnung in den Wirrwarr brachten.

Ein Mohammedaner strzte auf uns zu und tobte: Ein deutscher Kreuzer
ist in Sicht! Wir sind alle verloren!

Hat er explodierende Metallfische bei sich? erkundigte ich mich, aber
er lie sich keine Zeit, mir zu antworten. Er raste wieder die Treppe
hinauf zu seinen Stammesgenossen.

Ich hrte, wie die Falltre geschlossen wurde, die uns von dem Verdeck
absperrte: wir waren wie in einem Kfig gefangen.

Ein Murren erhob sich, wilde Gedanken jagten sich in unseren Kpfen.

Doch ein Brahmane stimmte ein Gebet an, wir lieen unsere Stimmen
mitklingen und unsere Wnsche drangen zu den Himmeln empor, hindurch
durch die Falltre und die Planken des Schiffes.

Wir Hindus flehten zu Schiwa, die Englnder flehten zu ihrem Gott, die
Mohammedaner flehten zu Allah. Zu vielerlei Gttern, in vielerlei
Sprachen schrie Menschennot nach Errettung, aber ich glaube, im Grunde
war es ein und dasselbe Gebet.

Als ich mein Gebet verrichtet hatte, trat ich an eine der Fensterluken,
stie die anderen, die mir den Platz streitig machen wollten, mit den
Ellenbogen krftig zurck und schaute auf den Ozean hinaus.

Ein Rauchwlkchen stieg am Horizont auf, wuchs, kam nher, und es sah
aus, als ob ein Schiff langsam aus den Wogen emporstiege: zuerst der
Schornstein, dann das Deck, der Rumpf -- und nun war das ganze Schiff
sichtbar und lief auf uns zu mit der Schnelligkeit einer Ratte.

Man konnte es im hellen Tageslicht deutlich beobachten.

Da begannen die Maschinen unseres Schiffes laut aufzusthnen, wir wurden
von einem Ruck durcheinandergeworfen, und ein Wettrennen auf Leben und
Tod begann zwischen den beiden Dampfern.

Und ich sprach zu mir: Wie es das Schicksal will, wird es geschehen.
Will es das Schicksal, so bleibe ich am Leben, will es das Schicksal, so
ertrinke ich. Mir ist beides recht. Wohl ist es betrblich, da ich
nicht, wie meine Vorfahren, am Galgen sterben soll, da ich die
Tradition unterbreche. Und ich wollte, ich htte erst das hilflose
Ermatten berstanden, bei dem mir das Wasser in den Mund und Nase
dringen wird, bis sich die Wellen gurgelnd ber mir schlieen! Mge das
Schicksal meinen Todeskampf abkrzen!

Und wie ich, dachten wohl alle, alle, die an Bord waren. Ausgenommen
vielleicht die Englnder, die die Rettungsboote in ihrer Nhe hatten.

Ich lie mein Leben an mir vorbergleiten und fragte: Was hast du mir
bisher geschenkt? Viele Prgel und manche hungrige Nacht, aber auch
manchen wohlgelungenen Beutezug. Du hast mir manches bse Wesen in den
Weg gefhrt, wie Jim Boughsleigh, aber auch manches gute Wesen, wie
Malatri, die Brillenschlange. Ich bin so gut und so schlecht gewesen,
wie es mir meine Vermgensverhltnisse erlaubten. Wenn ich einen
ungekannten Feind hinterlasse, so tut es mir leid, da ich sterbe, ohne
ihn umgebracht zu haben; wenn ich einen ungekannten Freund hinterlasse,
so tut es mir leid, da ich seine Bekanntschaft nicht gemacht habe. Mge
meine Seele in einem besseren Leibe, als es mein gegenwrtiger ist, zu
neuem Leben erwachen, -- und wenn es nicht in meiner Heimat sein darf,
so mge es in einem Lande sein, wo die fremden Brieftaschen gefllter
sind und die Wchter sich eines gesunden Schlafes erfreuen!

Unser Schiff rannte durch die Wellen mit einer Schnelligkeit, die ich
ihm niemals zugetraut htte. Vor der Fensterluke spritzte der Gischt
dicht empor, so da ich nichts mehr sehen konnte. Und wenn ich nicht
gewut htte, da wir an Bord eines tapferen, unbesiegbaren englischen
Schiffes wren, wrde ich sagen: wir flchteten.

Jeden Augenblick erwartete ich, jenes explodierende Metallfischlein kme
geschwommen und streckte seinen spitzen Eisenkopf durch die Schiffswand.
Jeder Atemzug war mir eine Gnadenfrist.

Wann kommst du, Tod?

Ich glaube, wir fahren langsamer, sprach ein Hindu neben mir.

Ich merkte auf und nun kam es auch mir so vor. Der Gischt vor dem
Lukenfenster spritzte niedriger, das Stampfen der Maschine wurde leiser.

Nun war auch der Blick ber das weite Meer wieder freier -- ich sphte,
ich reckte mich hochauf: der deutsche Kreuzer war verschwunden.

Vielleicht hatte ihn Schiwas Faust in das Meer gedrckt, wie man den
Kopf eines strrischen Stieres niederdrckt.

Wir sind gerettet! jauchzten die Mohammedaner ber uns. Und umarmten
sich.

Wir Hindus aber blieben ernst, ein unhrbares Aufatmen befreite unsere
Brust, unsere Glieder lsten sich aus dem Starrkrampf der
Todesbeklemmung.

Und wieder drangen die Gebete empor.

Die Englnder dankten: #Gott# hat uns gerettet.

Die Mohammedaner dankten: #Allah# hat geholfen.

Die Hindus dankten: #Schiwa# hat uns beigestanden.

Die Englnder feierten die Erlsung aus Todesgefahr mit Sekt und Whisky.

Die Mohammedaner feierten sie mit heiligen Gelbden.

Wir Hindus feierten sie mit einem gesunden Schlaf.

Und die Heizer an der Maschine bekamen einen Korb Wein vom Kapitn
gespendet.

brigens begegneten wir am nchsten Morgen abermals dem deutschen
Kreuzer und es stellte sich heraus, da es ein englisches Handelsschiff
war, das bei unserem Anblick schleunigst davongedampft war, weil es uns
fr einen deutschen Kreuzer gehalten hatte ...

So hatten wir uns gegenseitig bewiesen, da Britannien das Meer
beherrscht ...

Schmerzlicher als unter dieser Stunde der Aufregung litt ich unter der
langen Abgeschlossenheit in dem stickigen Schiffsraum. Uns Hindus, die
wir so eng mit der Natur verwachsen sind, da wir mit ihr eine groe
Familie bilden, von Sonne, Mond abzusperren -- es war unertrglich. Ich
fhlte mich lebendig begraben.

Ich habe manchmal die Wahl gehabt zwischen einer Gefngnisstrafe und
zwanzig Peitschenhieben auf mein Rckenende, und ich habe stets die
Peitschenhiebe vorgezogen.

Das haben die Weien nie begriffen. In ihren Augen gibt es nichts
Entehrenderes, als ffentlich geprgelt zu werden. Ich aber frage: Was
hat mein Ehrgefhl mit meinem Popo zu tun? Was ist das fr ein
Ehrgefhl, das eine Peitsche mir rauben kann?

Ihr knnt mich lahm geieln, deshalb bleibe ich doch ein Hindu der
Kriegerkaste. Aber wenn ihr auch alle Hindus ausrotten wrdet, deshalb
bliebet ihr doch nur Weie. Da kann euch kein Mensch und kein Gott
helfen.

Ihr macht ein groes Wesen von eurem Ehrgefhl, zu dessen Verherrlichung
ihr mannigfache Lcher in die Luft schiet, aber was wahrer Stolz ist,
knntet ihr von dem rmsten Hindu lernen. Ich will dir ein Beispiel
geben: Wohl ist der Hindu euer Knecht, aber in seiner krglichen
Lehmhtte ist er der Herr, und sein Weib wrde es nie wagen, sich in
seiner Gegenwart zu setzen. Bei euch hingegen gebrden sich just
diejenigen Mnner als die Herren der Welt, die zu Hause den Mund nicht
ffnen drfen.

Unseren Stolz beugt kein Richtschwert -- euer Stolz zittert vor einem
Pantoffel.

Gerne htte ich mir jeden Tag zehn Peitschenhiebe aufzhlen lassen, wenn
man mich dafr nur eine halbe Stunde auf Deck gelassen htte! Ach, ich
sah die Gestirne nur durch ein schmales Fenster, ich hrte nicht den
Gesang des Windes, und wenn ich den Blick hob, sah ich ber mir harte
Schiffsplanken.

Ich habe einmal einen weien Knaben in Bombay gesehen, der sammelte
Raupen. Er nahm sie von den blhenden Bumen und sperrte sie in einen
dunklen Pappkasten, in den er ein paar erbrmliche Luftlcher gestoen
hatte. Mit diesen Raupen verglich ich uns.

Und eines Nachts hielt ich es nicht mehr aus, ich mute den Mond wieder
einmal freien Auges sehen und mich berzeugen, ob er noch weinte?

Meine Brder schliefen den festen Schlummer des Sklaven, als ich mich
erhob, unhrbar die Treppe hinaufzuschleichen. Unhrbarer noch, als ich
damals im Hause der Lady die Stufen emporgekrochen war.

Schon war ich an dem Stockwerk der Mohammedaner vorbei und schaute ber
mir die offene Falltre. Ich sah den Vollmond mir zu Hupten und hob wie
anbetend die Arme. Ich stieg hher und fhlte den Wind nach mir haschen.
Und nun konnte ich auch einige Gerte auf dem Verdeck unterscheiden und
erblickte den einen Schornstein des Schiffes.

Die Luft war voller Dmonen, die sich winselnd balgten, und der Rauch,
der dem Schornstein entqualmte, schnitt tckische Fratzen.

Noch ein paar Schritte und ich mute droben sein. Aber als ich
vorsichtig den Kopf aus der Luke hob, sprte ich einen krachenden Schlag
auf dem Schdel und hrte eine bse Stimme: Willst du wohl drunten
bleiben, Kanaille?

Da zog ich meinen Kopf schleunigst zurck.

O, die Englnder hielten gute Wacht.

Ich stieg bekmmert die Treppe hinab und setzte mich in stummer Klage
auf eine Stufe.

Der Schein einer elektrischen Taschenlampe traf mich von oben, ich
schaute aufwrts und sah in der Luke der Falltreppe ein weies Gesicht,
das herabsphte und fluchend herunterspuckte.

Dann ward es wieder dunkel.

Mit verchtlichem Achselzucken erhob ich mich und setzte mich einige
Stufen tiefer.

Das war wieder eine echt englische Heldentat gewesen, einen Wehrlosen
anzuspucken. Schule Jim Boughsleigh. Aber vielleicht verdienen es die
Vlker, die fr Englands Habgier ihr Blut opfern, nicht besser.

Wie lange ich auf der Treppe sa, kann ich nicht angeben. Meine Sinne
flchteten aus der harten Gegenwart in die freundlichen Grten der
Selbsttuschung und ergtzten sich an dem Spielen mit eitlen Hoffnungen.

Als sie zurckkehrten und ich mir wieder meiner Lage bewut ward, war
die Last meiner Sorgen doppelt schwer geworden. Ich sttzte den Kopf in
die Hnde und wnschte: o mge doch das Schiff mit uns allen auf den
Meeresboden sinken.

Pltzlich fhlte ich mich beobachtet. Ich sah um mich und gewahrte einen
Mohammedaner, der am Fue der Treppe stand und wohl schon lngere Zeit
meinem Mienenspiel gefolgt war.

Er starrte mich schweigend an. Soweit ich es im Dunkeln ersphen konnte,
malte ich mir sein Bild: ein kleines Mnnlein, mit gebeugtem Rcken.
Tiefe, ruhige Augen.

Wir musterten einander eine Weile, ohne zu sprechen. Diesem wortlosen
gegenseitigen Suchen zweier Unglcklichen haftete eine merkwrdige
Feierlichkeit an.

Wir prften unsere Seelen mit den Blicken -- zwei Freunde, die sich in
tiefer Not begegnen und sich stumm verstehen.

Ich legte die drei mittleren Finger der rechten Hand ber die
Mittelfinger der linken und hob sie zur Stirn.

Gespannt harrte ich, ob der Mohammedaner das Zeichen erwidere?

Er stieg gemessen die Stufen der Treppe empor, bis er dicht vor mir
stand. Kein Zucken in seinem Gesicht, keine Bewegung verriet, was in ihm
vorging.

Mir war zumute wie in einem Tempel.

Und ohne den Blick von mir zu lsen, vollfhrte er das geheimnisvolle
Zeichen.

Langsam lie er die Hnde sinken. Dann beugte er sich zu mir nieder und
flsterte das eine Wort: Leise!

Er ahmte das Pfeifen und Rascheln einer Ratte nach -- blickte nach oben
-- die Wache rhrte sich nicht.

Da setzte er sich neben mich auf die Treppe, -- und nun war er nicht
mehr der feierliche Mohammedaner mit den gemessenen Gesten, sondern ein
gesprchiges altes Mnnlein, das hastig lispelnd mit mir plauderte, wie
ein altvertrauter Bekannter.

Ich merkte freilich wohl, da er bei dem scheinbar sorglosen Plaudern
mich eindringlich beobachtete, und ich glaube, er htte bei der
kleinsten verdchtigen Schwankung meines Tonfalls sich sogleich wieder
in den unnahbaren Stummen zurckverwandelt.

Woher kennst du das Zeichen, Freund? forschte er.

Einer deines Stammes hat es mich gelehrt.

Wo?

In Bombay.

Wann?

Am Tage, ehe man uns auf dieses Schiff brachte.

Erzhle es mir genau!

Ich erfllte sein Begehren. Er hrte mir ruhig zu, manchmal mit dem Kopf
beifllig nickend, manchmal leise kichernd.

Von Zeit zu Zeit gab er mir mit der Hand ein Zeichen, eine Pause zu
machen, ahmte wieder die Ratte nach, blickte nach oben, und da keine
Gefahr drohte, lie er mich weiter sprechen.

Als ich geendet hatte, sagte er:

Das war Abu-Kalib! Allah segne ihn! Und strke ihn im Sterben, wenn ihn
die Englnder erwischen!

Wenn er dich kennt, weshalb gab er dann den Brief mir, dem Fremden, und
keinem von euch?

Schlaukpfchen! Weil kein mohammedanischer Soldat in Bombay auch nur
fr die Zeitspanne eines Augenblinzelns unbeobachtet blieb! -- Wo hast
du den Brief?

Hier!

Ich zog ihn aus meinem Gewand, fhlte, ob das Siegel noch unverletzt
sei, und reichte ihm das Schreiben.

Er kte es.

Ist bei euch unten eine Wache? lispelte er.

Nein. Wozu auch?

Pst! Leise, mein Freund!

Er fate meine Hand und zog mich die Treppe hinab. Dabei quiekte er ein
Rattenkonzert von erstaunlicher Naturtreue -- die Wache oben rhrte sich
nicht. Vielleicht war sie eingeschlummert.

Als ich am Eingang zu unserem Raume stand, zgerte ich einen Augenblick.
War es nicht sndhaft, einen unreinen Mohammedaner in unser Lager zu
fhren? -- Aber seufzend gestand ich mir, da ich in den letzten Wochen
unter dem Zwange des Krieges so oft hatte gegen unsere Sittengebote
verstoen mssen, da mir die Gtter wohl auch dieses Vergehen noch
verzeihen wrden.

So traten wir denn auf den Zehenspitzen ein, stiegen ber die
Schlafenden hinweg, nach einer Fensterluke, durch die der Mond seine
neugierigen Strahlen warf.

In dieser Beleuchtung sah ich zum ersten Male den Mohammedaner
deutlicher: die vielen Runzeln in seinem Gesichte zeugten von vollbewut
erlittenen, herben Lebensschicksalen. Und nun begriff ich auch, warum er
beim Sprechen lispelte und das Pfeifen der Ratte tuschender als ein
Hindu nachahmen konnte: er pfiff durch eine breite Zahnlcke.

Ehe er das Schreiben ffnete, sah er mir scharf in die Augen.

Ich verstand sein Mitrauen, las in seinem Blick die Frage: Bist du
auch nicht von den Englndern bestochen? und deutete als klarste
Antwort auf das Zeichen Schiwas an meiner Stirn.

Er nickte befriedigt und brach das Siegel auf.

Und whrend er las, weiteten sich seine Augen, Entsetzen verzerrte sein
Antlitz, er taumelte, lie das Blatt sinken, als berstiege es das
Fassungsvermgen seines Hirnes, weiter zu lesen.

Ich erschrak und bereute es beinahe, ihm das Schreiben anvertraut zu
haben.

Am Ende war es doch kein heiliges Werk, wie mir Abu-Kalib beteuert
hatte?

Am Ende hatte ich mich zum Mitwisser, zum Mitschuldigen eines blutigen
Frevels gemacht?

Aber ehe ich diese Befrchtungen weiter denken konnte, fesselte mich
wieder des Mohammedaners seltsames Benehmen.

Er hatte das Schreiben dicht vor die Augen gehoben, so da ich im
Mondschein durch das Pergament hindurch die Umrisse seines Kopfes wie
den gespenstischen Schatten eines Raubtierschdels sah. Nun senkte er
das Blatt wieder und mir starrten die Zge eines Irrsinnigen entgegen.
Er ergriff meine Hand mit seiner fiebernden Rechten, whrend er sich die
Linke in den Mund prete, um nicht aufschreien zu mssen.

Ich stand erschttert. Bis ich fhlte, wie sich der Druck seiner Hand
lste und er aus seinem Krampfe erwachte.

Und nun hing er an meinem Hals und weinte an meiner Brust -- der alte
Mann wie ein Kind.

Ich wute mir sein Weh nicht zu erklren, aber ich wagte nicht zu
fragen. Ich legte meinen Arm um seinen gekrmmten Rcken, er zuckte
zusammen unter dieser zrtlichen Bewegung, und nun hatte er sich wieder
auf sich selbst besonnen.

Allah wird dich lohnen und dir die Wonnen des Paradieses schenken!
lispelte er. Und indem er auf die Reste des Siegels aus dem Fuboden
wies, warnte er: Entferne dies, lasse es die Englnder nicht finden! Es
kann dich den Kopf kosten!

Ich bckte mich, las die Reste zusammen -- und als ich mich wieder
aufrichtete, war der Mohammedaner entwischt. Ich hrte von der Treppe
her das Piepen einer Ratte -- vermischt mit schluchzendem Kichern.

Heute wei ich, was in dem Schreiben stand: es war des Sultans Aufruf
zum heiligen Krieg.

Aber nicht zum heiligen Krieg gegen die deutschen Dmonen, wie die
Offiziere gelogen hatten, sondern zum heiligen Krieg gegen die
Englnder.

Ich hatte die Reste des Siegels vom Boden aufgesammelt und, um sie
sicher zu verbergen, verschluckt. Die Folge bewies mir, da Siegellack
ein schlechtes Nahrungsmittel ist. Heftiges Bauchgrimmen lohnte mir das
fromme Werk und besttigte die alte Erfahrung, da uns unsere guten
Taten in der Regel die #bittersten# Schmerzen eintragen.

Bald genug sollten mich unerwartete Ereignisse belehren, da der alte
Mohammedaner den Inhalt des Schreibens nicht geheimhielt.

Wirrer und aufgeregter dnkte mich am nchsten Morgen der Widerhall der
Schritte uns zu Hupten. Vielleicht aber kam es mir auch nur so vor, da
ich bisher nie so aufmerksam auf dieses Gerusch geachtet hatte.

In der Nacht aber erhob sich ber uns ein drohendes Gemurmel, schwoll zu
grenden Rufen, Schreie kreischten und bald war es, als ob ein Rudel
wilder Hunde losgelassen sei.

Wir wachgewordenen Hindus sahen einander verwundert an und ein Brahmane
sagte:

Ein Narr, wer sich gegen das Schicksal auflehnt!

Ich unterschied in dem Lrm, wie Holz zerbrochen wurde, wie Glas
klirrte, und mein Eindruck war: die da oben demolieren ihr Gefngnis.

Und nun trampelten Schritte auf der Treppe -- die Mohammedaner drngten
unter wildem Heulen nach dem Verdeck -- Schsse fielen.

Ein Handgemenge schien zu toben.

Einen Augenblick dachte ich daran, meine Brder zu entflammen, den
Mohammedanern zu Hilfe zu kommen. Aber ich besann mich rechtzeitig, da
die Bekenner Allahs mir ebenso fremd und unrein gelten wie die Weien.
Mgen die Gtter sie beide vernichten!

Was htten auch wir Unbewaffneten gegen die wohlgersteten Englnder
ausrichten knnen? Und berdies: Verdient, wer erfolgreich lgt, hrtere
Strafe als der Tor, der #sich belgen lt#?

Ich, als Hindu, habe tiefere Achtung vor dem Lgner als vor dem
Belogenen -- und ich glaube, auch ihr Weien fhlt insgeheim gleich mir,
denn weshalb lget ihr sonst so oft?

Da der Lrm ber uns und auf der Treppe kein Ende nehmen wollte, so
beschlo ich, mich persnlich von dem Stand der Dinge zu berzeugen.
Vielleicht siegten die Mohammedaner und wir konnten aus der fremden
Tapferkeit Nutzen ziehen?

Du siehst, ich fhlte schon ganz englisch.

Ich ffnete also die Tre -- prallte aber sogleich zurck. Zwei
englische Soldaten hielten mit gezcktem Revolver Wache vor der Tr.
Dieser Posten stand fortan bei Tag und bei Nacht vor unserem Raum und
hinderte jeden Verkehr zwischen uns und den Mohammedanern.

Seit der Meuterei der Mohammedaner glich das Schiff einem schwimmenden
Zuchthaus.

Nur ein einziges Mal durften wir Hindus an Deck und das war am Tage nach
jener Revolte. Unsere Offiziere lieen uns in Reihen von zwei und zwei
antreten und trieben uns die Treppe hinauf.

Oben standen wieder die bewaffneten Englnder uns Unbewaffneten
gegenber -- ganz wie damals auf dem Kasernenhof, als man uns zur
Nachtbung auf das Schiff gebracht hatte.

Wie lange hatte ich den Himmel nicht mehr gesehen! Und wie hatte er sich
verndert! Es war nicht mehr der liebe blaue Himmel Indiens, der luftige
Wohnsitz der Gtter, nicht mehr der se Himmel, der wie der
durchsichtige, zarte Schleier vor einem klugen Frauenantlitz ist --
nein, es war ein schmutziges Tuch, das sich ein altes Weib vor das
verrunzelte Gesicht gebunden hatte, ein trber, dunstiger, migelaunter
Himmel.

Ein Himmel, der nicht hren und nicht sehen wollte, was nun geschah.

Denn nun trat ein Offizier vor und hielt eine jener Reden, in denen die
Englnder Meister sind. Kein Volk der Erde versteht es so vortrefflich,
gleichzeitig zu sndigen und sich moralisch zu entrsten. Es gleicht
einer Hure, die ber den Ku eines reinen Mdchens Zeter schreit. Einem
bestochenen Richter, der einen hungrigen Brotdieb zum Pranger
verurteilt. Und wenn die Englnder jemals der Gttin der Wahrheit einen
Tempel bauen, so mten sie ihr Standbild auf den Kopf stellen und ihr
eine Schnapsflasche in die Hand geben.

Der Offizier sprach davon, da die Mohammedaner den heiligen Eid, den
sie dem Knig geleistet htten, schmhlich gebrochen htten. Davon, da
ihnen dieser Eid unter lgnerischen Vorspiegelungen erpret worden war,
sprach er nicht.

Er sprach davon, da die Englnder die vterlichen Freunde der
Mohammedaner seien, und wie schndlich es sei, solche vterliche Liebe
durch Meuterei zu lohnen. Davon, da die Englnder gleichzeitig dem
Sultan sein Land nehmen und es mit ihren Spiegesellen teilen wollten,
sprach er nicht.

Er sprach davon, da die Englnder blutenden Herzens die Mohammedaner
fr den gebrochenen Soldateneid strafen mten, denn England sei der
berufene Schtzer des Rechts auf dieser Welt. Davon, da sie, wie ich
spter hrte, verbndet sind mit den Meuchelmrdern von Serbien und dem
ehrenwortbrchigen Zaren von Ruland, sprach er nicht.

Es war eine lange Rede und sie enthielt fast mehr Lgen als Worte. Wir
hrten sie an, wie man eben eine Rede anhrt, wenn einem geladene
Gewehre nach der Brust schielen, und beneideten die Mwen, die
davonfliegen konnten.

Dann begann das Strafgericht. Die Englnder zhlten aus den Reihen der
Mohammedaner jeden zehnten Mann aus, zwangen ihn vor die Front zu treten
und banden ihm die Hnde auf den Rcken.

Auch den Alten, dem ich das Schreiben Abu-Kalibs ausgehndigt hatte,
traf das Los. Wir suchten uns mit den Blicken, und wenn er die
Augensprache verstand, las er von meinem Antlitz Worte, die -- htten
die Englnder sie vernommen -- unsere Familientradition wieder zu Ehren
gebracht und mich am Galgen baumeln gemacht htten.

Der Alte hob, als die Reihe an ihn kam, feierlich seine Hnde den
Stricken entgegen, und es sah beinahe aus, als segne er die Ketten, ehe
sie ihn fesselten. Sie banden ihn so fest, da sein Rcken noch
gekrmmter war als sonst.

Und obgleich ich nicht gerne einen Menschen lobe, auer mich selbst, mu
ich sagen: dieses greisenhafte Mnnchen ging dem Tode mit einem
Gleichmut entgegen, der jedem Hindu zur Ehre gereicht htte.

Mge seine Seele sich auf ihren weiteren Wanderungen so weit
vervollkommnen, da die Gtter sie in einigen Jahrtausenden wrdig
finden, in dem Leib eines Hindus, und sei es auch nur der untersten
Kaste, zu wohnen.

Die Gefesselten wurden weggefhrt, und uns trieb man wieder in unseren
Stall zurck.

Kaum waren wir unten, da erschienen die Englnder bei uns, um unsere
Habseligkeiten zu durchstbern. Ja, wir muten uns sogar nackt vor ihnen
ausziehen, damit sie erfhren, ob wir nichts Verdchtiges unter unseren
Kleidern verborgen trgen.

Wie klug war der Rat des Alten gewesen, die Spuren des Siegels zu
tilgen!

Die Englnder fanden nichts bei mir, auer zwei fremden Geldtschchen.
Und auch bei den anderen fanden sie nichts.

Wir lauschten, ob wir die Schsse vernhmen, die die Seelen der
gefesselten Mohammedaner wie Peitschenhiebe aus ihren Krpern treiben
sollten -- aber kein Schu gellte.

Wahrscheinlich haben sie sie #gehenkt#, dachten wir.

Doch auch diese Vermutung war irrig. Die Todesstrafe wurde erst
vollzogen, als wir an Land waren, als wir an einer Kste ausgeladen
wurden, die sie gypten nannten.

Wem gehrt dieses Land? frugen wir.

Es gehrt uns Englndern.

Wieso?

Wir haben es uns genommen.

Mit welchem Recht?

Da lachten sie und sagten, wir htten keine Kultur.

Ich habe das Wort Kultur noch gar oft gehrt und gelesen, aber ich bin
mir trotz angestrengten Grbelns nicht klar geworden, was Kultur
eigentlich ist? Kultur ist, wenn man Schulen baut, und Kultur ist, wenn
man Kanonen baut. Kultur ist, wenn man den Frieden preist, und Kultur
ist, wenn man den Krieg besingt. Kultur ist, wenn man die Armen speist,
und Kultur ist, wenn man den noch rmeren ganze Lnder raubt. Kultur
ist, wenn man seine Religion ehrt, und Kultur ist, wenn man andere ihrer
Religion abtrnnig macht.

Ich wei nicht, was Kultur ist, aber ich bin stolz, wenn man mir sagt,
ich htte keine. Obwohl ich andererseits sage: wenn die Englnder Kultur
haben, dann haben auch wir Hindus welche!

Ich glaube, Kultur ist im Grunde nur eine der Ausreden, um welche die
Weien nie verlegen sind, wenn es gilt, fr hliche Dinge einen schnen
Namen zu finden.

Jim Boughsleigh hatte mir versichert, gypten sei ein wunderschnes
Land, aber ich merkte nichts davon. Ich fand, es sei eine sandige Wste,
in der es nachts so kalt war, da ich bitterlich fror.

Und auch das erste Erlebnis, das wir dort hatten, war alles andere eher
als wunderschn.

Wir wurden nmlich aus den Zelten, in denen man uns untergebracht hatte,
herausgeholt, um der Hinrichtung der gefesselten Mohammedaner
beizuwohnen. Man stellte sie auf einen Sandhgel und die Englnder
schossen auf sie, bis keiner mehr lebte.

Der Alte war einer der ersten, die umfielen. Er krmmte sich zusammen,
wie eine ersaufende Ratte, dann streckte er sich in einem kurzen Krampf
und blieb so liegen.

Die Mohammedaner murmelten Gebete, whrend man ihre Brder erscho.
Vielleicht war es auch etwas anderes, was sie murmelten.

Bleiben wir in gypten? frug ich den Offizier, der uns in unsere Zelte
zurckfhrte.

Vielleicht!

Gibt es in gypten deutsche Dmonen?

Nein! Aber es nahen trkische Feinde!

Sind die Trken auch Dmonen?

Ja!

Verwandeln sie sich des Nachts auch in Frsche?

Der Offizier sah mich gro an und gab mir keine Antwort mehr.

Vier Tage blieben wir in diesem Land. Und auf alle Fragen, die wir
stellten, bekamen wir die Antwort vielleicht.

Eine bange Unruhe bemchtigte sich wieder unserer. Was hatten die
Englnder mit uns vor? Wrden sie auch unter uns ein Blutbad anrichten?

Ich konnte die Zukunft nicht erraten, aber jedenfalls war ich froh, da
ich in unserer Kompagnie der #neunte# Mann war, und nicht der #zehnte#.

Um die Mittagsstunde des vierten Tages befahl mich der Kolonel zu sich.

Ich grte ihn ehrerbietig und dachte mir das Gegenteil.

Hre, Galgenstrick, begann er, du bist ein intelligenter Bursche! Du
hast dich bisher als tapferer Soldat gezeigt!

Das war mir neu. Aber ich dachte mir: vielleicht hat es den Englndern
imponiert, da man bei mir zwei fremde Geldtschchen gefunden hatte. Ich
schwieg, denn man darf einem Vorgesetzten nicht ungefragt antworten, und
wenn er noch so greulichen Unsinn redet.

Du bist tapfer, mein Junge, wiederholte der Kolonel, und du sollst
sehen, da wir Englnder die Tapferkeit belohnen!

Mich durchzuckte die Hoffnung: vielleicht lt er dich zur Belohnung
nach Indien zurckkehren?

Aber der Kolonel sagte: Du bist hiermit zum Sergeanten befrdert!

Ich mu wohl, obwohl ich mich zu beherrschen wei, ein etwas langes
Gesicht gemacht haben, denn er fuhr fort: Freust du dich nicht? Weit
du nicht, welche Vorteile es hat, Sergeant zu sein?

Ich sagte: Ich will nicht Sergeant sein!

Warum nicht? staunte er.

Weil ich dann den anderen Befehle geben mu. Unter uns Hindus aber
befinden sich einige Brahmanen, und es wre eine unlschliche Snde,
wollte ich mir anmaen, einem Brahmanen Befehle zu erteilen!

Dummes Zeug! In unserer Armee gibt es keine Kastenunterschiede, sondern
nur Soldaten! -- Wegtreten!

Ich wandte mich zum Gehen; da er aber bemerkte, da ich noch etwas auf
dem Herzen hatte, rief er mich nochmals zurck und forschte: Nun? Was
ist dir noch rtselhaft?

Ich nahm meinen Mut zusammen und sprach: Ich habe beobachtet, da
Vorbereitungen zur Weiterfahrt getroffen werden. Wohin wird man uns
bringen?

Das wei ich noch nicht. -- Hast du sonst noch etwas zu fragen?

Ja, Herr! wir haben bisher nur weie Vorgesetzte gehabt -- weshalb
werden nun auch aus #unseren# Reihen Vorgesetzte gewhlt?

Weil in dem Lande, in das wir kommen, Offiziersmangel herrscht!

Ich lauschte auf. Eben hatte er noch gesagt, er wisse nicht, wohin wir
kmen, und jetzt sprach er von einem ganz bestimmten Land. Er log fr
einen Englnder recht schlecht.

Wieso herrscht Mangel an Offizieren, Herr? frug ich listig. Haben die
Feinde so viele von ihnen gettet?

Da wurde der Kolonel sehr bse und schrie: Rede keine Albernheiten!

Er lief ein paarmal hin und her und lachte in ironischer Wut: Na, das
Fragen wird dir in Frankreich schon vergehen! Und blieb so dicht vor
mir stehen, als ob er mir die Nase zum Abbeien anbieten wollte, und
knurrte: Ich sehe, du taugst doch nicht zum Sergeanten! -- Scher' dich
zum Teufel!

So blieb ich wenigstens vor der Snde bewahrt, mich ber einen Brahmanen
zu erheben.

Als ich wieder in unserem Zelte war, warf ich mich nieder und dankte
Schiwa. Ich betete: Beschtze mich in Frankreich und hilf mir, die
deutschen Dmonen vernichten! Und wenn du mir gndig sein willst, so
lasse fr jeden Deutschen, den ich tte, noch zwei Englnder umkommen!
Lasse mich heil in meine Heimat zurckkehren! Wenn du aber meinen Tod
beschlossen hast, so lasse mich auf dem Schlachtfeld sterben, lasse mich
nicht in die Hnde der deutschen Dmonen fallen, welche uns Hindus
schlachten und verzehren! Wenn du aber auch dieses beschlossen hast, so
mache, da mein Fleisch giftig sei, damit der deutsche Dmon, der mich
zum Frhstck frit, qualvoll verenden mu! Lssest du mich aber leben,
so will ich nach Benares zum heiligen Strom wallfahren, und alles, was
ich inzwischen mit Hilfe der Gtter stehlen werde, will ich dir opfern!
Oder wenigstens einen Teil davon! Und bewahre mich vor Kultur und allen
anderen beln!

Damit war mein Gebet noch lange nicht zu Ende, aber mitten im Gebet kam
pltzlich das Signal zum Aufbruch und wir wurden auf das Schiff gejagt.

Nicht alle Hindus waren so fromm gewesen wie ich, einige hatten sich zum
Sergeanten befrdern lassen, und mir quoll die Galle, als ich einem tief
unter mir stehenden Wassertrger gehorchen mute.

Zu unserem Erstaunen wurden wir in dem Raum des Schiffes untergebracht,
in dem bisher die Mohammedaner gehaust hatten. Die Mohammedaner aber
blieben mit einigen englischen Offizieren zurck in gypten. Es hie,
sie seien nicht wrdig, gegen die deutschen Dmonen zu kmpfen, aber ich
denke mir, die Englnder frchteten eine neue Revolte. Wohin sie die
Mohammedaner gebracht haben, wei ich nicht. Aber sicherlich haben die
wenigsten ihre Heimat wiedergesehen.

Der Schiffsbauch unter uns blieb leer. Aber nicht lange. Denn nach
mehrtgiger Fahrt legten wir fr ein paar Stunden an der Kste an und
luden Menschen ein, wie ich noch nie hlichere gesehen habe:
tiefschwarze Neger.

Wir wollten zuerst gar nicht glauben, da es Menschen seien, sondern
hielten sie fr Tiere. Aber man sagte uns, auch sie seien Verbndete der
Englnder und Franzosen.

Seitdem hat sich meine Ehrfurcht vor den heiligen Affen stark
vermindert, denn wer wei, ob nicht auch die Affen heimliche Verbndete
der Englnder sind.

Und weiter ging die Meerfahrt, immer weiter. Und immer klter wurde es.
Meine Brust schmerzte mich, ich spuckte Blut.

Wenn mir das in meiner Heimat passiert war, so hatte ich heiligen
Kuhmist auf meine Brust gelegt. Hier aber, auf dem Meere, gab es dieses
kstlichste aller Heilmittel nicht, und so wurde ich krnker und
krnker.

Es kam auch einmal der Schiffsarzt zu uns herunter und sah mich an, und
er wute einen fremdlndischen Namen fr meine Krankheit, nmlich
Simulant.

Wir alle froren jmmerlich, doch trsteten uns die Englnder: Je weiter
wir nach Norden kommen, desto wrmer wird es! Das ist ein Naturgesetz!

Aber bei den Weien scheinen nicht einmal die Naturgesetze etwas zu
taugen.

       *       *       *       *       *

Mister Galgenstrick hustete heftig.

Bist du mde, mein Freund? frug ich. Er sah mich gereizt an. Ich bin
weder mde, noch bin ich dein Freund!

Doch schien ihn diese Grobheit zu reuen, denn er meinte gleich darauf:
Aber ich hasse dich auch nicht. Du hast mir schne Bilder gebracht.

Ich wollte das elektrische Licht andrehen, denn es war dster geworden.
Galgenstrick bat mich: Tue es nicht! ffne lieber das Fenster!

Das darf ich nicht, es ist kalt drauen. Die Klte wrde deine
Krankheit verschlimmern!

Eben deshalb habe ich darum gebeten. Meine Seele lechzt danach, in
einen anderen Leib berzugehen.

Darauf konnte ich nichts erwidern.

Ich wartete, bis Mister Galgenstricks Mienen sich wieder gltteten und
er zu erzhlen fortfuhr:

       *       *       *       *       *

Die Stadt, in deren Hafen wir nun anlegten, liegt in Frankreich und
heit Marzel. Geschrieben wird sie M-a-r-s-e-i-l-l-e.

Sie hat einen sehr schnen Hafen, in dem viele Schiffe lagen und auf das
Ende des Krieges warteten. Es kommen immer mehr dazu, und als ich einmal
einen englischen Kameraden frug, warum diese Schiffe unttig im Hafen
ruhen, lachte er:

Zur Hebung des franzsischen Auenhandels.

Mir fiel berhaupt bald auf, da in den Augen der Englnder ein leises
Lcheln zuckt, wenn sie ber Frankreich reden, und ich vermute, sie
betrachten die Franzosen als eine Art weie Hindus und lassen sie eine
hnliche Rolle in diesem Krieg spielen wie uns.

Die Franzosen sind kleinere Menschen als wir, aber sie sind viel
lebhafter, sie gestikulieren heftig, und auch wenn man, wie ich, ihre
singende Sprache nicht versteht, kann man meistens erraten, was sie
meinen. Sie reden sehr viel und sehr schnell. Man sollte es kaum fr
mglich halten, da die Frauen dort noch mehr sprechen als die Mnner,
aber es ist #doch# so.

Ich habe von ihrer Sprache nur drei Wrter behalten knnen, die ich oft
hrte: Oui, pardon und cochon.

Bei unserer Einfahrt in den Hafen begrten uns die Schiffe mit lautem
Jubel. Alle Schiffe hatten sich mit bunten Fahnen behngt, und ich
glaubte zuerst, der Kaiser von Frankreich habe Geburtstag.

Spter habe ich erfahren, da es in Frankreich keinen Kaiser gibt,
sondern nur einen Prsidenten, der aber auch nichts zu sagen habe, da
vielmehr jedes halbe Jahr ein neues Ministerium (ich wei nicht, was
das ist) gebildet wird, um das Gegenteil von dem frheren Ministerium
zu tun, und da man dies Republik nennt.

Geflaggt aber hatten die Schiffe und die ganze Stadt Marzel, weil eine
groe, gnstige Entscheidungsschlacht stattgefunden hatte: die Russen
hatten die Deutschen bei den Masurischen Seen vernichtend geschlagen.

Im Hafen wurden uns unsere Waffen zurckgegeben und wir wurden durch die
Stadt in die Kaserne gefhrt.

Dieser Einzug ist meine schnste Erinnerung an den Krieg. Die Menschen
drngten sich auf den Straen, Freude leuchtete von ihren Gesichtern,
sie riefen uns jauchzende Begrungen zu, schwenkten Tcher.

Es war das einzige Mal, da uns Hindus von den Weien die Ehrfurcht
bewiesen wurde, die uns gebhrt.

Besonders begeistert begrten uns die Frauen. Sie warfen uns Kuhnde
zu und Blicke, fr die jeder Hindu sein Weib totprgeln wrde.

Whrend des Einmarsches geschah ein Wunder: es fielen vom Himmel weie
Papierfetzen, die aber zu Wasser zerschmolzen. Die Europer nennen sie
Schnee. Ich hatte so etwas noch nie gesehen und frchtete mich
gewaltig. Allein man beruhigte mich: dieser Schnee fiele jeden Winter,
er sei ganz ungefhrlich. Man sagte mir auch, man mache daraus Mnner --
aber das glaube ich nicht. Denn wenn die Weien aus Schnee Menschen
machen knnten, weshalb htten sie dann uns Hindus und die abscheulichen
Neger zu Hilfe holen mssen?

Aus allen Fenstern guckten Mnner und Frauen, und aus einem Hause -- du
kannst dir meine Freude denken -- schauten Hindus herab. Es war ein
groes Gebude, und von seinem Dache wehte eine groe Fahne mit einem
roten Kreuz. Genau, wie sie an dem Hause flattert, in dem ich jetzt
liege.

Ich habe am nchsten Tage den Versuch unternommen, mit meinen Brdern in
diesem Hause zu sprechen, ihnen meine Schicksale zu erzhlen und sie
nach ihren eigenen Erlebnissen zu fragen. Ich fand auch nach vielem
Suchen das Haus, aber man lie mich nicht hinein. Ja, es wurde uns sogar
ausdrcklich verboten, mit Verwundeten zu reden.

Heute kann ich mir dieses Verbot nur allzu gut erklren.

Sonst aber hatten wir in Marzel ziemlich viel Freiheit. Wir durften frei
auf den Straen gehen, durften uns alles betrachten. Die Leute von
Marzel waren sehr freundlich zu uns, sie stopften uns die Taschen voll
Zigaretten, schenkten uns wollene Decken und lachten herzlich, wenn wir
uns in unserer, ihnen unverstndlichen Sprache bedankten. Da wir ihre
Speisen nicht genossen, wuten sie bereits.

Einmal begegnete mir auf der Strae ein Zug von Menschen, denen eine
Fahne vorausgetragen wurde, auf der ein weies Weib in Waffen abgemalt
war. Ich fragte einen Mann auf englisch, wer diese Lady sei? Er
antwortete mir in derselben Sprache, aber er sprach lange kein so reines
Englisch wie ich.

Und ich erfuhr, diese Lady sei eine Jungfrau aus O-r-l-e-a-n-s (was
wieder ganz verrckt ausgesprochen wird) und die Englnder htten sie
verbrannt.

Ich stimme sonst selten mit den Englndern berein, aber da mute ich
ihnen vollkommen recht geben. Ein Weib, das die Vermessenheit hat, einem
Manne gleichen zu wollen, gehrt gettet. Jeder Hindu wird diese Ansicht
teilen. Nur wei ich nicht, weshalb die Englnder uns die
Witwenverbrennungen verbieten, wenn sie selbst frher Weiber
verbrannten?

berhaupt scheinen die frheren Englnder viel vernnftigere Menschen
gewesen zu sein als die heutigen.

Ein andermal kam ich an einem Laden vorbei, da waren Tiere ausgestellt.
Auch eine groe Schlange war dabei, die zusammengekrmmt in einem
Glaskasten lag und schlief. Vielleicht trumte sie von ihrer Heimat?

Ich mute an Malatri, die Brillenschlange, denken und ein Schluchzen zog
mir den Hals zu.

O Malatri, htte ich dich hier gehabt, wie htte ich dich streicheln und
kssen wollen, meine glatte Freundin! Ich htte dir meine Sehnsucht
geklagt nach dem warmen Indien, und du httest meine Sprache verstanden
und mit mir getrauert!

O Malatri, warum bist du allein aus diesem Leben geflohen und hast mich
nicht mitgenommen, der ich dein bester Freund war?

Ich wischte mir die Trnen von der Nase -- da fiel mein verschleierter
Blick auf ein kleines Glaskstchen, in dem auf einem Leiterchen ein
grner Frosch sa.

Aha, ein gefangener Deutscher! sagte ich mir und ward wieder heiter.

Die ersten Tage gefiel mir Marzel ber die Maen, doch als meine Neugier
gestillt war, nistete sich die Langeweile in meiner Seele ein und begann
ihre Eier auszubrten.

Daher rieten mir meine Kameraden, die Mittage in einem jener Huser zu
verbringen, welche die Weien Kaffeehaus nennen. Aber dort war es noch
langweiliger.

Ich wei nicht, weshalb die Weien diese Sttten aufsuchen, in denen sie
ein Getrnk trinken, das sie zu Hause sicherlich billiger, besser und in
reinerer Luft bekommen; in denen sie Spiele spielen, bei denen sie ihr
Geld verlieren und Streit miteinander bekommen; in denen zehn Menschen
gleichzeitig Musik machen, und wenn man durch Hndeklatschen seinem
Mifallen Ausdruck gibt, erst recht nicht aufhren.

Vielleicht tun es die Weien, um sich zu kasteien.

Am heftigsten emprte es mich, da in diesen Sttten so viele #Frauen#
herumsaen, statt, von ihren Gebietern eingesperrt, zu Hause zu arbeiten
und in harter Fron die Schmach, ein Weib zu sein, abzuben.

Aber ich habe ja schon gesagt, da die Weien nicht wissen, wie man eine
Frau vernnftig behandelt.

Noch deutlicher sollte ich das erfahren, als ich an einem der nchsten
Abende, an dem ich lnger Urlaub hatte, in ein anderes Lokal ging,
dessen Besuch mir die Kameraden empfohlen hatten.

Wir Soldaten genossen dort freien Eintritt, whrend alle anderen
Menschen Geld bezahlen muten, um in das Gebude zu gelangen, das auen
mit vielen farbigen Lichtern geschmckt war.

Zuerst kam man in einen groen Vorraum und dort gaben die Menschen ihre
Hte und die Mntel ab. Ich dachte, sie wrden sich vielleicht noch
weiter ausziehen, aber das taten sie nicht.

Die Frauen, welche die Hte und die Mntel in Empfang nahmen, hatten
zuletzt eine Unmenge von diesen Bekleidungsstcken, und ich begreife
nicht, weshalb sie nicht im Laufe des Abends damit durchbrannten. Aber
die Weiber haben ja keinen Verstand.

Aus dem Vorraum fhrte eine Treppe in einen weiten, hellerleuchteten
Saal, in dem viele Tische standen.

Ein Mann, der ein merkwrdiges Kleid mit vielen Goldknpfen anhatte,
fhrte mich an einen Tisch und machte mir ein Zeichen, ich sollte mich
hinsetzen.

Das tat ich, wenn auch widerstrebend. Denn ich hatte Angst, die Weien
wrden wieder Musik machen -- eine Befrchtung, die sich leider bald
erfllte.

Als ich mich umsah, stand der Mann mit den Goldknpfen noch immer hinter
mir und reichte mir ein bedrucktes Heft. Aus Geflligkeit nahm ich es
ihm ab -- da wollte der freche Mensch Geld dafr haben, und ich gab ihm
das Heft wieder zurck.

Ich betrachtete mir den Saal, in dem schon viele Leute und auch einige
Hindus saen, und mich interessierte besonders ein groes Tuch, das an
der Wand vorne hing. Darauf war allerlei Geflgel gemalt, aber mit
menschlichen Krpern.

Gerade wollte ich einen in der Nhe sitzenden Bruder fragen, in welchem
Lande es solche geflgelte Menschen gibt und ob sie auch Eier legen, als
pltzlich die Musik einsetzte. Und wenn bei den Weien Musik gespielt
wird, sind sie ruhig und reden nichts, und das ist der einzige Vorteil,
den die weie Musik hat.

Drei Stcke spielte die Musik, und es war sehr vorsichtig von den
Musikern, da sie versteckt saen und man sie nicht sehen konnte.

Das mittelste Stck war die englische Nationalhymne, die von allen
Leuten mitgesungen wurde und von mir auch, weil ich die Erfahrung
gemacht habe, da ich dann Zigaretten geschenkt bekomme.

In Bombay hatten sie eine ganz andere englische Nationalhymne gehabt als
diese, welche lautet:

     _It's a long way to Tipperary
      It's a long way to go.
      It's a long way to Tipperary,
      To the sweetest girl I know.
      Good-by, Picadilly!
      Farewell, Leicester Square!
      It's a long, long way to Tipperary,
      But my heart's right there!_

Ich wei nicht, wo Tipperary liegt und wer der Herr Picadilly ist, zu
dem man in dieser Nationalhymne Adieu sagt, noch wei ich, wer die
Frau Leicester Square ist, zu der man Lebewohl sagt, ich wei nur, da
mir dieses Lied vorkommt wie ein groer Bldsinn. Und ich verstehe
nicht, da die Englnder so eine dumme Nationalhymne singen, wenn sie in
die Schlacht ziehen, um andere fr sich kmpfen zu lassen.

Nach dem dritten Musikstck wurde es finster und das groe Bild mit den
Geflgelmenschen rollte sich bis zur Decke in die Hhe.

Und da sah ich, da hinter dem Bild noch ein groer erleuchteter Raum
war, in dem ein Wald gemalt war. Ich freute mich und dachte, vielleicht
kommen jetzt Affen in den Wald.

Aber es kamen sechs franzsische Ladies und die Leute machten Ah, weil
sie so alt waren.

Die Ladies hatten englische Uniformen an, nur an den #Beinen# hatten sie
keine Uniform.

Und sie sangen auf englisch ein Lied: Da sie die tapferen Highlnder
wren und alle deutschen Barbaren tten wrden, und sie stocherten dabei
mit den Beinen in der Luft herum, und ich glaube wirklich, da kein
Deutscher diesen Anblick htte ertragen knnen.

Die Leute gerieten denn auch in eine schreckliche Begeisterung und
schwenkten die Taschentcher und schrien minutenlang. Leider aber wurden
sie wieder ruhig, so da die Ladies weiter singen konnten.

Und sie sangen eine zweite Strophe, die hatte denselben Inhalt wie die
erste.

Und dann eine dritte, die hatte denselben Inhalt wie die zweite.

Und immer warfen sie dabei ihre Beine in die Luft und ich mu zugeben:
das war eine Leistung in ihrem Alter.

Dann kamen die Geflgelmenschen wieder herunter und gingen noch ein
paarmal in die Hhe, damit die Ladies Kuhnde werfen konnten, und es
wurde wieder hell.

Ich war sehr rgerlich ber diese Ladies. Noch zorniger aber war ich
ber eine franzsische Mi, die am Nebentisch sa und ununterbrochen zu
mir herberlchelte und ihre Augen verdrehte. Wenn ich Malatri, die
Brillenschlange, bei mir gehabt htte, htte ich sie auf dieses Weib
losgelassen.

Sie mu irgendeiner Kaste angehrt haben, denn auch sie hatte sich mit
roter Farbe bestrichen -- allerdings nicht auf der Stirn, wie wir
Bekenner Schiwas, sondern auf den Backen.

Als die Mi sah, da ich auf ihre Blicke aufmerksam wurde, lchelte sie
noch freundlicher und fragte etwas in ihrer unverstndlichen Sprache.
Ich wollte freundlich sein, und antwortete das eine der drei
franzsischen Wrter, die ich wei, nmlich oui!.

Da stand sie auf und setzte sich an meinen Tisch und begann, Sigkeiten
zu knabbern.

Nun steigerte sich meine Wut noch erheblich: wie kann eine Frau sich
unterstehen, in Gegenwart eines Mannes zu essen, und auch noch an
demselben Tisch! Eine Hindufrau htte nie den Mut dazu.

Zum Glck klingelte es in diesem Augenblick und die Geflgelmenschen
flogen wieder an die Decke.

Diesmal waren drei Mnner in dem Wald, die machten auf Leitern
Turnkunststcke. Es war nichts Besonderes, jeder indische Gaukler kann
es besser, aber ich war ihnen dankbar, da sie wenigstens dabei nicht
sangen.

Auch die franzsische Mi neben mir fing an zu turnen, indem sie immer
nher an mich heranrckte. Sie hatte ein Taschentuch in der Hand, das
roch nach verwelkten Blumen. Und weil sie nicht aufhrte zu schwatzen
und die Augen zu verdrehen, sagte ich das zweite franzsische Wort, das
ich wei, nmlich pardon!.

Darber lachte sie herzlich, zeigte mir ihre Zhne, von denen die
meisten aus Gold waren, und streichelte meine Hand.

Nun wollte ich nicht unhflich sein und sagte das dritte franzsische
Wort, das ich wei, nmlich cochon!.

Da wurde sie noch rter, als sie angestrichen war, und lie meine Hand
los, stand wtend auf und ging fort.

Ich sah ihr verdutzt nach, denn gerade hatte sie angefangen, mir besser
zu gefallen.

Aber ich machte mir weiter kein Kopfzerbrechen ber den Fall. Ich sah
noch eine Weile zu, was die Mnner in dem Wald anstellten, und dann ging
ich fort.

Auf dem Wege zur Kaserne erblickte ich an einer Straenecke einen
Menschenauflauf, der sich um einen weien Zettel drngte, welcher an
einer Tafel hing.

Was bedeutet dies, Herr? frug ich einen englischen Soldaten aus der
Menge.

Er drehte sich um und ich bemerkte, da er sich in dem heiligen Zustand
befand, den ich so oft an Jim Boughsleigh beobachtet hatte.

Sttze mich, Junge! sagte er und hngte sich in meinen Arm. Und im
Weitergehen, wobei er mich bald nach rechts, bald nach links zog und
manchmal nach beiden Seiten zugleich ziehen wollte, erklrte er mir:
Ein Telegramm! In der Hauptstadt der deutschen Barbaren macht das Volk
aus Hunger Revolution!

Er freute sich kindisch ber diese Neuigkeit, und wenn ich ihn nicht
festgehalten htte, htte auch er mit den Beinen in die Luft gestochert.

Mich aber beschlich bittere Traurigkeit ob der Nachricht. Hungersnot!
Also hatten die Deutschen schon alle Hindus in ihrem Lande aufgefressen!

Und ich, statt meine Brder zu rchen, war noch immer in Marzel.

O, wie ich diese deutschen Dmonen hate! O, wie sehnte ich mich nach
dem Augenblick, wo ich den ersten von ihnen unter meinem Messer htte!

Nach allem, was ich gehrt hatte, waren die Deutschen nichts anderes als
wilde Tiere, blutgierige Dmonen, die auszurotten eine Pflicht, eine
Wohltat fr die Menschen sein mute!

Mgen alle Deutschen unter den grlichsten Folterqualen zugrunde
gehen! knirschte ich.

Brav, Junge, lallte der Tommy an meinem Arm torkelnd. Hol' sie der
Teufel und seine Gromutter!

Er hob die rechte Hand, beschrieb damit einige Kreise in der Luft, was
ihm aber nur halb gelang, weil seine Hand anders wollte als sein Kopf,
und schrie heiser: Zerschmettern werde ich sie -- alle schlag' ich sie
kaputt -- so!! Und wenn ich ihn nicht gehalten htte, wre er vor
lauter Begeisterung der Lnge nach hingeschlagen.

Pltzlich aber ging -- wie das im heiligen Zustand fters vorzukommen
pflegt -- sein Heldenmut in Rhrung ber, er fing an zu schluchzen, hing
sich an meinen Hals und heulte:

Braunes Vieh, du bist der einzige wahre Freund! Gib mir einen Ku!
Stinktier! -- O, wr ich doch zu Hause geblieben! Was liegt mir an dem
ganzen, verfluchten Krieg! ... Ksse mich, Rabenaas!

Und dabei streckte er mir seine gespitzten Lippen entgegen. Weil ich
aber den Kopf zurckzog, verlor er das Gleichgewicht, stolperte und fiel
zu Boden.

Ich bin erschossen! schrie er. Eine Kanone hat mich durchbohrt!

Nur mit groer Mhe gelang es mir, ihn aufzuheben. Ich lehnte ihn an die
Wand eines Hauses. Er blieb eine Minute mit geschlossenen Augen stehen,
dann berkam ihn wieder die Tapferkeit.

Wo ist ein Deutscher? grlte er, und diesmal berschlug sich nur seine
Stimme, nicht mehr er selbst.

Es ist keiner da! beruhigte ich ihn.

Das ist sein Glck! -- Komm, gehen wir weiter! Fhre mich, braune
Kanaille!

Ich zog ihn fort.

Ich htte ihn am liebsten allein gelassen, aber er klammerte sich so
fest in meinen Arm, da ich ihm nicht entkommen konnte.

Ich mu dir ein Bild zeigen, erklrte er pltzlich. Ein Bild, was sie
fr Halunken sind, die Deutschen! Lehne mich an die Laterne, mein
Junge!

Als seinem Wunsche willfahrt war, kramte er in den Taschen herum und
suchte das Bild. Er warf zuerst den Inhalt seiner rechten Hosentasche
auf das Straenpflaster, dann den Inhalt der linken Hosentasche. Mit
einem Mal schien ihm eine Erleuchtung zu kommen, er nahm seine Mtze ab
und holte aus dem Futter eine Ansichtskarte.

Da!

Ich nahm die Karte und betrachtete sie: sie zeigte eine Photographie,
unter der in Englisch und zwei anderen Sprachen stand: Deutsche
Soldaten verteilen Brot an hungrige Belgierkinder.

Fragend sah ich den Tommy an.

Er ri mir die Karte aus der Hand, wobei er um ein Haar wieder mit dem
Erdboden Bekanntschaft gemacht hatte, glotzte sie gro an und grinste:
Das ist die falsche! Das ist eine ... von den Karten ..., die die
deutschen Flieger ... heruntergeschmissen haben ...!

Das Sprechen fiel ihm schwerer und schwerer. Er sprach, als ob er zwei
Zungen im Munde htte.

Wie? entsetzte ich mich. Die Deutschen knnen #fliegen#?

Und es lief mir eiskalt ber den Rcken.

Ach, nun konnte ich mir das Bild auf dem Vorhang deuten: die
Geflgelmenschen waren Deutsche gewesen!

Der Tommy hatte meine Frage berhrt; er hatte eine neue Karte aus dem
Mtzenfutter gekramt, und diesmal war es die richtige: Deutsche
Soldaten erschieen einen fnfjhrigen Knaben, nachdem sie ihm die Ohren
abgeschnitten haben!

Ich brllte vor Wut laut auf, als ich dieses Bild sah. O, diese
deutschen Dmonen -- wie lechzte ich nach ihrem Blut!

Weshalb stellte man uns ihnen noch nicht gegenber? Wie lange sollten
wir unseren Ha noch bezhmen?

_It's a long way to Tipperary_, begann mein Begleiter zu singen, _it
is a long_ --, bums, da krachte es.

Der Tommy war den Laternenpfahl abwrts geglitten und sa nun auf dem
Pflaster.

Steh auf, rttelte ich ihn. Du mut in die Kaserne!

Mit Anstrengung ffnete er seine Augen zu einem unsicheren Blinzeln.
_Good bye, Picadilly_ ... grunzte er, lie den Kopf sinken und
schnarchte.

Steh auf! wiederholte ich dringlicher. Du wirst bestraft, wenn du zu
spt in die Kaserne kommst! Bedenke, da du ein Soldat des Knigs von
England bist, Herr!

Der Knig von England soll mir den Buckel herunterrutschen! brummte er
im Halbschlaf und streckte sich der Lnge nach auf dem Pflaster aus.

Da berlie ich ihn seinem heiligen Zustand und eilte allein der Kaserne
zu.

Er hatte mich lebhaft an Jim Boughsleigh erinnert. Sein Charakter
hinterlie mir einen Nachgeschmack von faulen Eiern, und seine
Taschenuhr ging so sehr nach, da ich sie am nchsten Abend wegwarf.

Vor der Kaserne und im Hof herrschte, obwohl es schon eine Stunde vor
Mitternacht war, noch lebhafte Bewegung. Geschtze wurden hin und her
gefahren, nachgeprft, Pferde wurden untersucht, -- ich wute, was dies
zu bedeuten hatte, und Freude erwrmte mein Herz: endlich, endlich
setzten wir zum Sprung an auf die Kehlen der deutschen Dmonen.

Kleine, rollbare Instrumente fesselten meine Aufmerksamkeit.

Was ist das? bat ich um Belehrung.

Maschinengewehre.

Was wird mit diesen Maschinen hergestellt?

Und ich erfuhr, da man mit dieser Waffe mehrere Hundert Menschen in der
Minute tten kann.

Haben auch die Deutschen solche Maschinengewehre?

Nein! berhaupt sind sie klglich bewaffnet und es fehlt ihnen schon
lange an Munition!

Der weie Soldat, der mir diese Auskunft gab, hatte sicherlich geglaubt,
mir damit Mut und Angriffslust zu schrfen. Darin tuschte er sich. Ich
will lieber mit einem Gegner kmpfen, der ebenso stark bewaffnet ist wie
ich, als mit einem Schwchling. Ich wnsche mir mnnliche Feinde, die
mich zwingen, alle meine Krfte anzuspannen, auf der Hut zu sein und das
Hchste zu leisten, dessen ich fhig bin. Ein Kampf mit Unfhigen
entehrt den Sieger ebenso, wie eine Disputation mit geistig Unterlegenen
verdummt.

brigens scheinen die Franzosen ihre Maschinengewehre als heilige
Gegenstnde zu verehren, -- sonst wrden sie sie doch nicht mit Vorliebe
auf #Kirchtrmen# aufstellen.

Bald genug bewahrheitete sich meine Vermutung, da unser Aufbruch nahe
bevorstnde. Aber wie so anders als unser Einzug in Marzel spielte sich
die Abfahrt ab.

Beim Einzug Jubel, Jauchzen, Tcherschwenken -- bei der Abfahrt weinende
Frauen, jammernde Kinder, Gesang, der wie Schluchzen klang.

Wir Hindus verstanden diese Traurigkeit nicht. Hatten die Weien keine
klugen Vter, die sie lehrten, wie mich der meine: Lerne lachen, wenn
es dir weh ums Herz ist, und lerne weinen, wenn du vor Heiterkeit tanzen
mchtest!

Oder glauben diese trichten Weien, durch Trnen das Schicksal in
seinen Entschlssen wankend machen zu knnen? Das Schicksal hat lange
vor deiner Geburt dein Leben in allen Einzelheiten vorausbestimmt, und
es hat dir einen kostbaren Talisman gegeben gegen alle trben
Erlebnisse: die Gleichgltigkeit. Die Weien halten sich fr zu wichtige
Wesen.

Ich hatte gedacht, wir wrden wieder in das Schiff verladen werden, aber
diesmal wurden wir in Eisenbahnwagen verpackt. Man sollte es gar nicht
glauben, wieviel Menschen in so einen Eisenbahnwagen hineingehen. Hatten
wir uns in dem Schiffsbauch gefhlt wie die Heringe in einer Tonne, so
glichen wir jetzt eher dem Sekt in einer Flasche, und wenn jemand
unvermutet die Wagentre geffnet htte, wren wir mit einem lauten
Knall herausgequollen, wie der Sekt aus der entkorkten Flasche.

Viele Wagen zhlte der Zug, und es fuhren auer uns Hindus noch mit:
Franzosen, Englnder und die hlichen Neger.

Wohin fahren wir, Herr? frug ich einen Sergeanten.

Ich wei es nicht!

Werden wir viele Tage unterwegs sein?

Ich wei es nicht!

Da wandte ich ihm den Rcken und sagte zu meinen Beinen Gute Nacht,
denn sie fingen an einzuschlafen.

Eine Militrkapelle, die lngs der Wagen des Zuges aufgestellt war,
setzte mit einem Marschlied ein. Mitten durch den Lrm der Musik gellte
ein Pfiff der Lokomotive, wir wurden wild durcheinandergeworfen -- der
Zug fuhr.

Oui, pardon, cochon! flsterte ich vor mich hin. Lebewohl, Marzel, du
warst eine schne Stadt! Und wenn man die Weien aus dir hinauswerfen
und dafr Hindus ansiedeln knnte, wrdest du noch gewinnen! Wie hat
mich dein Schmutz angeheimelt! Lebewohl, auch du, Schlange in dem
Glaskasten, adieu Marzel!

Betrachte auch du, Herr, den Lokomotivpfiff als ein Zeichen zum Aufbruch
und lasse mich nun allein! Ich bin mde.

       *       *       *       *       *

Lchelnd ber diesen eleganten Hinauswurf erhob ich mich.

fter als einmal hatte ich an diesem Mittag in den Augen Mister
Galgenstricks jenes durchtriebene Leuchten drollig-naiver Spitzbberei
beobachtet, das mir bei meinem ersten Besuche aufgefallen war. Kein
Zweifel: Galgenstrick hatte in Marseille auch einige Abenteuerchen
erlebt, die er mir #verschwieg#. Ganz so eisern, wie er sich dessen
rhmte, hatte er sein Mienenspiel doch nicht in der Gewalt.

Ich setzte mich zu Hause an meinen Schreibtisch, legte mir die Notizen
und Manuskriptpapier zurecht und griff in meine Rocktasche, um mir die
gewohnte Arbeitszigarette anzuznden, da -- ja, zum Kuckuck, wo war denn
mein Zigarettenetui?!

Anna!

Gn' Herr?

Sehn Sie doch mal nach, ob im Mantel meine Zigaretten stecken!

Nach einer Pause, in der ein Stabsarzt ein halbes Regiment eingehend auf
seine Felddiensttauglichkeit htte untersuchen knnen, brachte mir
Frulein Anna den Bescheid:

Im Mantel is fei' nix!

's is gut!

Teufel, wo war mein Etui hingeraten? Es wird doch nicht am Ende ..., aber
nein, pfui, so etwas von Galgenstrick zu denken! Wir Weien sind
wirklich schlechte Kerle!

Vormittags telephonierte _Dr._ Heberg an.

Jawohl? begrte ich ihn.

Jawohl und da hrt sich einfach alles auf! Wie kannst du dich
unterstehen, einem schwer lungenkranken Patienten Zigaretten zu
schenken!! Bist du denn ganz von Gott verlassen?

Also doch! Hatte mir der ... der ... na, whlen wir mal einen milden
Ausdruck: der #Bazi# mein Etui geklaut! Aber ich konnte es doch nicht
bers Herz bringen, diese Missetat _Dr._ Heberg zu verraten.

Er hatte mich so flehend um ein paar Zigaretten gebeten, log ich, ich
konnt's ihm nicht abschlagen!

Und die Folge ist, da er heute nacht einen schweren Anfall hatte! Zum
letzten Male sage ich dir's: Wenn du noch ein einziges Mal --

Und wie geht's deiner Frau?

Schlu!

_Dr._ Heberg klingelte ab. Wieder einmal war ich fr fremde Snden
gescholten worden. Das Schicksal will es so, dachte ich amsiert, frei
nach Galgenstrick. Und wenn das Schicksal etwas will, kann man nichts
dagegen machen!

Aber ich nahm mir doch vor, dem Mister Galgenstrick klarzumachen, da er
meine Rocktaschen auerhalb des Bereiches seiner Weltanschauung zu
lassen habe. Ich berlegte mir auf dem Weg ins Lazarett eine Rede, und,
wie es mit meinen meisten Reden geht, ich kam nicht dazu, sie zu halten.

Denn ich fand Galgenstrick in einem so erbrmlichen Zustand, da ich ihm
kein bses Wort sagen konnte.

Seine kecken Augen hatten einen fiebrigen, hysterischen Glanz, seine
Hnde, seine geschickten Hnde zitterten auf der Bettdecke.

Auf dem Nachttischchen stand eine Medizinflasche, die ich noch nie
bemerkt hatte, und neben der Flasche lag friedlich -- mein
Zigarettenetui.

Ich ffnete es: Zigaretten waren keine mehr darin, wohl aber ein kleiner
Zettel, auf dem in ungelenker Bleistiftschrift stand: _Excuse, Sire._

Diese echt Galgenstrickische Art der Bitte um Verzeihung vershnte mich
auf der Stelle. Die Angelegenheit war erledigt.

Ich steckte das Etui in die rckwrtige Hosentasche und frug: Hast du
schlecht geschlafen, Galgenstrick? Dein Aussehen gefllt mir nicht.

Er nickte eifrig. Ich habe whrend der Nacht kein Auge geschlossen; so
oft sich der Gott des Schlafes niederbeugte, meine Wimpern anzuhauchen,
scheuchten ihn meine rastlosen Gedanken zurck. Sie klfften ihn an, bis
er sich nicht mehr zu nhern wagte und mich wehmtigen Blickes meinen
wachen Trumen berlie.

Und worber hast du denn so erregt nachgedacht, Galgenstrick?

Er zuckte frstelnd zusammen, strich sich die Bettdecke dichter an den
Leib und sprach ernst: Ich habe versucht, mir Stze zurechtzulegen, in
denen ich dir meine weiteren Erlebnisse berichten knnte. Aber es wollte
mir nicht gelingen, die Geschehnisse zu ordnen, ratlos stehe ich ihnen
gegenber: wie die Perlen einer zerrissenen Kette liegen die Ereignisse
wirr zerstreut vor meiner Erinnerung, und ich wei nicht, ob es mir
gelingt, sie wieder aneinanderzureihen. Ich habe zerstckelte Menschen
gesehen und friedlich schlummernde Leichen; ich habe verzweifelte
Schreie gehrt und Gebete, die ber jeden Schmerz triumphierten; ich
habe brennende Drfer gesehen und Sttten des Trostes -- aber all diese
Tne und Bilder verschmelzen in meinem Gedchtnis zu Formlosigkeit. Der
Eindrcke, der neuen Gesichte waren zu viele ...

Er hatte mehr zu sich selbst gesprochen als zu mir. Nun schwieg er, und
seine erhitzten Augen starrten ins Uferlose.

Pltzlich hob er seine Hnde, ballte sie gegen einen unsichtbaren Feind
und lie sie langsam wieder sinken. Dann legte er die Mittelfinger der
rechten Hand auf die mittleren Finger der linken Hand und beschrieb mit
geschlossenen Augen jenes Zeichen, das ihn der Mohammedaner gelehrt
hatte.

Ich hatte den Eindruck, als handle er in Bewutlosigkeit, als fhre er
Reflexbewegungen aus.

Doch dem war nicht so. Denn, als sei nichts geschehen, ffnete er nun
die Augen, wandte sich mir zu und sagte:

Ich will dir erzhlen, so gut ich es vermag.

Ich konnte mich eines leisen Schauers nicht erwehren, eines Schauers,
wie ich ihn einmal bei den Produktionen eines Willensknstlers empfunden
habe, der es fertiggebracht hatte, sich selbst in hypnotischen Schlaf zu
versenken und selbst wieder zu erwecken.

       *       *       *       *       *

Kannst du, Herr, es nachempfinden, wie einem Vater zumute sein mu, der
sich innig bemhte, seinen Sohn in seinem Geiste und auf Grund seiner
Erfahrungen zu einem guten Menschen zu erziehen, und der nun ansehen
mu, wie der Sohn in schlechte Gesellschaft gert, deren leichtsinnigen
Ratschlgen er williger folgt als den gereiften Mahnungen des Vaters?

Armer Vater, vergeblich rufest du dein Kind zur Umkehr: schon ist es zu
weit entfernt, deine Stimme zu hren. Vergebens hoffst du, es werde den
Kopf zurckwenden, deine verzweifelte Gebrde sehen und in einer Wallung
der Liebe an deine Brust zurckeilen!

Wie einem solchen Vater erging es mir, Sahib, als ich zu erleben
verurteilt war, wie die Hindus im Verkehr mit den Weien abtrnnig
wurden den Gebruchen der Heimat, der Rasse. Ich habe dir schon erzhlt,
da einige von uns sich hatten zu Sergeanten befrdern lassen, und ich
will hinzufgen, da noch mehrere den Versuchungen anheimfielen, die in
Marzel lockten: sie gaben sich mit weien Frauen ab, ja, was noch
schlimmer ist, sie aen sogar Speisen, die nicht nach unseren Gebruchen
zubereitet waren.

Ach, Herr, und auch ich war so schwach, mich unterjochen zu lassen von
einer Begierde, die mir fremd gewesen war: von der Sucht nach jenem
brennenden Dmon, der mir zum ersten Male aus Jim Boughsleighs
Whiskyflasche entgegengegrinst hatte.

Ich verlangte nach diesem betubenden Gift, als ich frierend, hustend
und blutspeiend in dem stickigen Eisenbahnwagen eingepfercht sa, durch
dessen Fugen und Trspalten der eisige Wind kroch. Auf manchen Stationen
machte der Zug halt, fremde Menschen betrachteten uns neugierig, riefen
uns Aufmunterungen zu -- die wir aber bald genug nicht mehr
beantworteten. Einige Male hielten wir auch stundenlang auf offenem
Felde, inmitten von Schneegestber. Keiner wute, warum. Es war uns auch
gleichgltig.

Ich verlangte nach dem Flaschendmon, als man uns in einem fremden Orte
auslud, durch ein verlassenes Dorf trieb, eine endlose Landstrae
entlang, auf der uns Soldaten, Kanonen, aber auch abgehrmte Frauen,
halberfrorene Kinder begegneten.

Ich verlangte nach dem Dmon, als wir endlich, todmde, unsere
erstarrten Glieder in einer Kirche auf den Boden strecken durften, um
wenige Stunden zu schlafen. Und meine Brder htten mich fast geprgelt,
weil ich durch mein Husten den Gott des Schlafes verjagte.

Da ich in meiner Brust tausend spitze Dolche sprte, erhob ich mich, um
im Dorfe nach heiligem Kuhmist zu suchen, da meiner Krankheit Linderung
werde.

Aber vor der Tre stand ein Posten, der mich mit grimmigen Scheltworten
zurcktrieb. Und im gleichen Augenblick begann ein wildes Schieen nach
dem nchtlichen Himmel.

Wollt ihr die Sterne herunterschieen? frug ich verwundert den Posten.

Ruhe! Mach', da du in deinen Stall kommst! fauchte er mich an.

Ich aber lie mir Zeit, die Ursache des seltsamen Schieens zu erkunden,
in das sich nun deutlich auch Kanonendonner mischte.

Da sah ich hoch am Himmel einen Lichtschimmer sich bewegen, ein kleines
Licht mit einem grauen Riesenleib, der surrend knurrte.

Nie noch habe ich ein so furchtbares Lufttier gesehen, nie einen so
schreckenerregenden Dmon. O, ich verstand, da sich die Franzosen und
Englnder vor diesem Ungetm frchteten, das sie Zeppelin nannten. Es
soll furchtbare Kugeln ausspeien, die Brand und Verwstung zeugen.

Als ich in die Kirche zurcktrat, umringten mich meine Brder, und ich
erzhlte ihnen, was ich gesehen hatte.

Wir warfen uns zu Boden, beteten zu Schiwa und Wischnu, da sie diesen
Luftdmon vernichten mgen, und mit ihm die deutschen Dmonen! ...

Am Morgen wurden wir weitergetrieben, immer weiter nach Norden. Etliche
von uns fielen um, erschpft vor Klte und Hunger, und wir durften ihnen
nicht helfen. Mgen die guten Gtter sich ihrer Seelen erbarmt haben!

Und mit unserer Mhsal wuchs unser Ha gegen die Deutschen. Immer neue
Schandtaten dieser Dmonen erfuhren wir durch unsere Vorgesetzten.

Einmal begegneten uns Wagen, die waren mit roten Kreuzen bemalt. Sie
waren dicht verhngt, so da wir den Inhalt nicht sehen konnten, aber
wir hrten aus ihrem Innern Sthnen, Schreien und Wimmern.

Und unser Kolonel sagte: Das haben die deutschen Barbaren verschuldet,
die den Krieg mitten im Frieden angefangen haben! Und deshalb mssen sie
vernichtet werden!

So sind es #deutsche# Drfer, die ringsum brennen?

Ja, wir sind mitten in Deutschland! In der Provinz Brandenburg!

Ich wollte ihn fragen, warum in Deutschland die Bauern alle Franzsisch
sprechen -- aber ehe ich den Mund ffnen konnte, geschah etwas
Entsetzliches: unter heulenden Fistelstimmen ging ein Regen von dicken
Eisenstcken auf uns nieder, die sich beim Anprall auf die Erde in
glhende, feuerspeiende Teufel verwandelten.

Der Kolonel griff sich nach dem Kopf, taumelte nach vorne und blieb, mit
dem Gesicht in den Schnee fallend, bewegungslos liegen. Wildes Geschrei
erhob sich, wir stoben auseinander, und wenig htte gefehlt, da wir uns
in der sinnlosen Verwirrung gegenseitig mit unseren Messern angefallen
htten. ber die am Boden sich krmmenden Krper hinweg rannten wir
instinktiv zurck -- heraus aus der Hlle, deren Dmonen uns heulende
Eisenblle nachschleuderten.

Hinter einem Hgel sammelten wir uns wieder.

Wir Hindus sprachen kein Wort. Ich dankte dem Schicksal, das mich
behtet und aufbewahrt hatte, meine Brder zu rchen.

Die Weien flsterten aufgeregt miteinander. Manche von ihnen schrieben
Briefe und Karten an ihre Frauen und gaben sie sich gegenseitig.

An wen htte #ich# schreiben sollen? ...

In der Nacht fhrte man uns in einem groen Bogen gen Westen. Lautlos
stapften wir ber den gefrorenen Schnee; die Sterne, die in Indien so
gtig blicken knnen, starrten mit feindseliger Klte auf unseren Zug
herab, der sich in Windungen vorwrtsschob -- einer riesigen Malatri
vergleichbar.

Und diese aus zitternden Menschen gebildete Schlange kroch ber Hgel,
durch Schluchten, wlzte sich ber zugefrorene Bche und Flsse. Wir
Hindus wurden ungeduldig: Weshalb treibt man uns in der Irre umher,
statt uns den Feinden gegenberzustellen?

Die Englnder gaben uns zur Antwort: Nur noch ein Weilchen! Dann wird
euer Wunsch erfllt. Wir meinen es gut mit euch, deshalb kommt ihr in
die vorderste Reihe, wo es am ungefhrlichsten ist; wir aber bleiben
waghalsig weiter rckwrts.

Und so geschah es auch.

In die vorderste jener Erdfurchen, die sie Schtzengrben nennen,
legten sie uns Inder. In einer Frostnacht, die uns die Glieder schier zu
steifen Stben fror, lsten wir die Franzosen ab, die bisher in dieser
Furche gehaust hatten. Lautlos, als glte es einen Einbruch, wechselten
wir die Pltze.

Und da lagen wir drei Tage, durften kein wrmendes Feuer entznden und
warteten vergeblich, da uns die Englnder den versprochenen Reis nach
vorne brchten.

Eisenkugeln flogen ber unsere Kpfe hinweg -- wir beachteten sie nicht
mehr.

Ich war so matt, da ich im Stehen stundenlang schlief. Einmal weckte
mich der rauhe Gesang jenes Liedes, das ich einst in Bombay hatte aus
dem Gefngnis singen hren, jenes seltsamen Liedes, das ich fr ein
religises halte und das mit den Worten beginnt: Deutschland,
Deutschland ber alles.

Sind die Deutschen so nahe? frug ich einen Sergeanten.

Sie liegen fnfzig Meter von uns im Schtzengraben.

Ich wei nicht, wie weit fnfzig Meter sind, aber es mu eine geringe
Strecke sein.

Konnten wir doch auch den Dunst gekochten Fleisches bis zu uns herber
riechen.

Haben denn die Deutschen etwas zu essen? Ich dachte, sie litten
Hungersnot?

Das tun sie auch! Sie essen Ratten und Muse und zwingen die gefangenen
Hindus, gleichfalls diese Tiere zu essen!

Ich stierte ihn entsetzt an. Ehe ich solch unreines Fleisch esse,
sollen sie mir alle Glieder einzeln vom Leibe reien!

Das werden sie sowieso tun, wenn du in ihre Hnde fllst! Sie martern
alle Gefangenen zu Tode!

Und fressen sie dann, ich wei es! schlo ich das Gesprch.

Ich war berzeugt, da es nicht der Dunst von gebratenen Ratten war, der
zu uns herberdrang, sondern der Geruch gersteter Hindus. Der gutmtige
Sergeant hatte mir nicht die ganze schreckliche Wahrheit sagen
wollen ...

Wieder hatte mich die Erschpfung berwltigt. Der Kopf war mir auf die
Brust gesunken. Ich trumte:

Durch die Straen Bombays wandelte ich an der Seite meines Vaters. Um
seinen Hals baumelte ein Hanfstrick, aber er achtete dessen nicht,
sondern sprach liebevoll mit mir und ich hrte wieder seine Worte: Der
Menschen Schicksal ist den Gttern nur ein Wrfelspiel. Wir kamen an
dem Regierungspalast vorbei und von seinem Trmchen herab wehte eine
blutrote Fahne. Auf der Fahnenstange aber kauerte Abu-Kalib, der
Mohammedaner, und weinte und klagte: Armer Freund! Und er machte das
geheime Zeichen, und ihm gegenber, auf einer Palme, hockte ein heiliger
Affe und ahmte das Zeichen nach. Ich lachte hellauf und drohte dem
klugen Tier -- aber da war es kein Affe mehr, sondern eine groe
Whiskyflasche, in der Jim Boughsleigh gefangen sa. Und er jammerte: O,
mich is schlecht, very hundsmiserabel schlecht is mich! Da hob ich
einen Stein auf, um ihn nach Jim Boughsleigh zu werfen. Aber nicht der
Stein flog, sondern ich selbst, denn ich war einer der Geflgelmenschen
geworden, die ich in Marzel auf dem bemalten Tuch gesehen hatte. Und ich
flog ber die Stadt hinweg und landete in gypten. Da stand das
Tierspital, das bisher in Bombay gewesen war, und jene Dame aus Marzel
sa an der Pforte und rief: Malatri hat nach dir verlangt, sie will
dich sprechen! Und da kam auch schon Malatri durch ein Loch in der Tre
gekrochen und hatte vier groe Beine bekommen und --

Ich fuhr empor. Dicht ber mir, am Rande des Schtzengrabens, stand ein
riesenhafter Mensch und schlug mit dem Gewehrkolben nach mir. Ich
schleuderte meinen vergifteten Dolch gegen seine Kehle, sprang aus dem
Graben und rannte durch ineinander verbissene Menschenknuel laut
schreiend geradeaus.

Frage mich nicht, was ich sah, noch was ich hrte. Ich kannte mich nicht
aus, achtete nicht, wer Feind, wer Freund war, ich scho um mich, lief,
warf mich hin, sprang wieder auf, ri das Bajonett von meinem Gewehr, um
es als Messer zu gebrauchen, und -- sprte pltzlich einen Schlag gegen
meine Achsel, der mich umwarf.

Ein Mensch stolperte ber mich, fate meinen Hals, wrgte mich -- ich
verlor die Besinnung.

       *       *       *       *       *

Ich wei nicht, wie lange meine Seele sich von mir getrennt hatte. Waren
es Stunden, waren es Tage -- nur Schiwa vermag es zu sagen.

Sie kehrte wieder in demselben Augenblick, als zwei Hnde mich bei den
Beinen packten. Ich wollte mich aufrichten, aber ein stechender Schmerz
in der Achsel drckte mich zu Boden. Und die tausend Dolche in meiner
Brust waren glhend geworden und verbrannten mich von innen heraus.

Wer bist du? fragte ich den Weien, der meine Beine gepackt hatte, auf
englisch. Er war ein jugendlicher Mann, ich erkannte es trotz seines
Vollbartes. Um den Arm trug er eine Binde mit einem roten Kreuz.

Wir sind deine Freunde! antwortete eine englische Stimme mir zu
Hupten. Erschrocken wandte ich unter Schmerzen meinen Kopf und gewahrte
hinter mir einen zweiten Mann, der dasselbe Abzeichen trug und sich eben
anschickte, mich unter den Schultern zu fassen, um mich mit Hilfe seines
Begleiters auf eine Tragbahre zu legen.

Ich griff nach einer Waffe -- aber keine war im Bereich meiner Hnde zu
finden.

Lat mich liegen, chzte ich. Was wollt ihr von mir?

Wir sind deine Freunde! antwortete jener wieder und rief seinem
Kameraden einige unverstndliche Worte zu.

Ein heier Schreck durchflutete mich. Welche Sprache redeten die beiden?
-- War es Deutsch?

Ich ri meine Beine, die der eine von neuem gepackt hatte, strampelnd
los.

Seid ihr Deutsche? entrang es sich mir sthnend.

Ja, das sind wir. Nun aber schweige, sei vernnftig und lasse dich von
uns wegtragen!

Nein! schrie ich auf und wlzte mich in dem blutigen Schnee. Nein!
Ihr wollt mich fressen! Ich will nicht geschlachtet werden! Lieber will
ich hier verenden wie ein wundes Tier! Berhrt mich nicht!

Die beiden sahen sich kopfschttelnd an. Sie sprachen wieder in ihrer
fremden Sprache, und ich suchte, angstgepeinigt, in ihren Mienen ihre
Absichten zu lesen. Htte ich einen Revolver gehabt, ich htte sie
erschossen.

Schlielich zuckte der eine die Achseln, sie beugten sich nieder, hoben
mich mit eisernen Griffen auf die Bahre und trugen mich hinweg.

Ich brllte: Ihr Dmonen, Hunde, ihr wollt mich zerstckeln! Aber ich
esse euer unreines Fleisch nicht! Seid verflucht! Lat mich los!

Und ich spuckte meinen blutigen Auswurf nach ihnen. Aber sie lieen sich
nicht irre machen.

Ach, ich war zu schwach, mich ernstlich zur Wehr zu setzen. Meine
Gedanken verwirrten sich wieder, und meine Seele nahm von neuem Abschied
von meinem gefolterten Leibe. -- -- --

Als ich die Augen aufschlug, fand ich mich in einem groen halbdunklen
Zelt, auf einer Bahre liegend. Um mich herum standen hnliche Bahren und
auf jeder lag ein Mensch. Die Luft war von ungekannten, bitteren Dften
erfllt.

Ich hob den Oberkrper, um besser sehen zu knnen, fiel aber sogleich
unter wildem Schmerz in mich zusammen. Was war mit meiner Brust
geschehen? Ein dicker Verband lief von der Achsel um Arme und Brust. Wer
hatte mich in diese Tcher eingeschnrt?

Langsam kam mir die Erinnerung und mit ihr das atemlose Entsetzen: Du
bist bei den Deutschen, sie wollen dich schlachten ... man hebt dich
hier mit anderen Hindus fr das Opferfest auf ... eine Speisekammer
lebender Menschen.

Ich versuchte mich mit meinem Nachbarn zur Rechten zu verstndigen,
indem ich ihn leise anrief.

Er wandte langsam den Kopf nach mir -- ich sah in ein weies Gesicht.

Furchtbar: so fraen also die Deutschen auch #weie# Menschen!

Als ich die glanzlosen Augen auf mich gerichtet sah, verga ich schier
meine eigenen Schmerzen.

Leidest du sehr, Herr? lallte ich.

Der Weie, der mein Englisch nicht verstand, wandte den Kopf wieder weg
von mir und wimmerte kaum hrbar.

Ich hrte Schritte und entdeckte nun im Halbdunkel zwei Mnner in weien
Kitteln, die mit einer hnlich gekleideten Frau von Bahre zu Bahre
gingen. An jeder Bahre blieben sie eine Weile stehen, aber ich konnte
nicht unterscheiden, was sie machten.

Als sie sich mit meinem Nachbarn zur Rechten beschftigten, sprachen sie
mit ihm in deutscher Sprache. Das nahm mich wunder -- woher kannte der
kranke Englnder die Sprache der Barbaren?

Nun standen sie bei mir.

Die Frau -- es war eine Krankenschwester -- schob ihren Arm unter meinen
Rcken, um sanft meinen Oberkrper aufzurichten.

Wtend bi ich nach ihr.

Artig sein! sagte der eine Arzt mahnend zu mir. Wir tun dir nicht
weh!

Bist du ein Englnder? forschte ich.

Nein, ein Deutscher. Aber hier gibt es keine Vlkerunterschiede mehr,
sondern nur noch Kranke, denen wir helfen wollen. Du siehst hier auf den
Bahren Freund und Feind, Weie und Farbige --

Du lgst! schrie ich -- aber ich dmpfte sogleich meine Stimme, denn
die Anstrengung des Schreiens zerri mir die Brust. Du lgst!
wiederholte ich jmmerlich, ihr wollt mich tten! Feige Bestien!

Der Arzt sprach mit seinem Berufsgenossen einige Stze in deutscher
Sprache. Wahrscheinlich berlegten sie, ob sie Gewalt anwenden sollten.

Schlielich gingen sie mit der Schwester zum nchsten Kranken, ohne mich
angerhrt zu haben.

Ich lag, dumpf vor mich hinstarrend, und wenn sie nicht meine Arme fest
in den Verband mit eingewickelt gehabt htten, htte ich mir die Tcher
abgerissen. Lieber verbluten, als mich zu Tode foltern zu lassen.

Eine Weile spter kehrte die Schwester an meine Bahre zurck, einen
dampfenden Teller in den Hnden tragend.

Jetzt wollen sie dich zwingen, verbotenes Fleisch zu essen!!
durchzuckte es mich, und ich bi die Zhne zusammen.

Mochten sie mir sie mit Eisenzangen auseinanderreien, wenn sie konnten!

Aber -- o wundersame berraschung -- der Teller war angefllt mit
gekochtem Reis. Und die Schwester beugte sich zu mir nieder und gab mir
mit dem Lffel zu essen, wie eine Mutter ihr Kindchen fttert. Und jeden
Lffel des heien Reises blies sie zuvor.

Ich verschlang heihungrig die willkommene Nahrung.

Die Schwester lchelte und frug auf englisch: Siehst du, da wir es gut
mit dir meinen?

Ich musterte sie mitrauisch und gab ihr keine Antwort.

Willst du nicht deinen Verband erneuern lassen? Es wird deine Schmerzen
lindern! frug sie weiter. Ihre ruhige Stimme tat mir wohl. Aber wer
wei, vielleicht wollte sie mich nur in Sicherheit lullen.

Nein! erwiderte ich rauh. Ich will keine Wohltaten von euch deutschen
Barbaren!

Bei dem Worte deutsche Barbaren trat eine Trne in ihre Augen. Doch
sie erhob keinen Vorwurf, geduldig wischte sie mit einem Tuch die
Speisereste von meinem Mund und wandte sich anderen Kranken zu.

In meiner fiebernden Brust stritten sich die Gefhle. Ich sagte mir: Du
darfst den Deutschen nicht trauen, sie sind deine Feinde, und du hast so
viel Schndliches von ihren Sitten gehrt, da du sie verabscheuen
mtest, auch wenn nur die Hlfte davon wahr wre. Gleichzeitig empfand
ich, da sich diese Krankenschwester nicht verstellt hatte und da die
Gte, die aus ihrer Stimme leuchtete, ein Abglanz ihrer #Herzensgte#
war.

Weshalb hatten mir die Deutschen Reis als Labe gereicht, da es doch
hie, sie spotten unserer Speisegesetze?

War es Absicht, war es Zufall?

Ich beschlo, auf der Hut zu sein und doppelt streng zu beobachten.

Als die Nacht herannahte, machten die rzte abermals die Runde. Und
wieder forderte mich der eine in englischer Sprache auf, meinen Verband
erneuern zu lassen. Aber ich lie mich nicht von ihnen anfassen.

Die Krankenschwester frug mich, ob ich schlafen knne?

Obwohl ich fhlte, da der Gott des Schlafes mich vergessen werde,
bejahte ich doch diese Frage. Denn ich wute: nun mute bald die Stunde
gekommen sein, in der sich die Deutsche in Frsche verwandelten.

Als sich die Schwester mit einem guten Wunsche entfernt hatte, fate ich
den kranken Deutschen, der mir zur Rechten lag, scharf ins Auge.

O, ich wollte gut aufpassen! Es sollte mir nicht entgehen, wie er zum
Frosch zusammenschrumpfte!

Immer dunkler ward es, immer klter, es mute schon um die elfte
Nachtstunde sein -- und der Deutsche hatte noch immer Menschengestalt.

Ich war nicht der einzige Wachende im Lazarett.

Ich hrte, wie sich Kranke fiebernd hin und her warfen, hrte Husten und
Rcheln, hrte raschelnde Schritte von Wrtern, und einige Male, wie
Wasser in Glser gegossen wurde.

Vor allem aber hrte ich, wie der frostige Nachtwind an den Zeltwnden
ri und sie pfeifend peitschte.

Es mute Mitternacht sein -- und noch immer hatte sich der Deutsche
nicht in einen Frosch verwandelt.

Er schlief unruhig, heiser atmend, murmelte im Traum aufgeregte Worte,
und ich unterschied mehrmals ein Wort, dessen Bedeutung ich damals noch
nicht kannte, das Wort: Mutter.

Ist es nicht wundersam, da das erste deutsche Wort, das ich in mich
aufnahm, das Wort Mutter war?

Zuletzt berwltigte mich die Ermattung und ich entschlummerte.

Und ich erwachte mit der Gewiheit: die verruchten Englnder haben dich
schmhlich belogen! Die Deutschen sind keine bsen Dmonen ...

Nein, Herr, ihr seid keine Dmonen; ich erfuhr es aus euren Reden und
mehr noch aus euren Taten!

Ich erfuhr es, als wenige Tage spter das Lazarett zu unserem Entsetzen
beschossen wurde und ihr nicht an eure eigne Sicherheit dachtet, sondern
zuerst an die Rettung der Kranken.

Ich erfuhr es, als ihr mich mit euren derben, guten Hnden in den
Eisenbahnwagen trugt, der mich in diese Stadt brachte.

Und wenn ihr auch nur Weie seid, voll von trichten Vorurteilen wie
alle Nicht-Hindus, und mich mit euren Arzneien heilen wollt, statt mit
heiligem Kuhmist -- ich hasse euch nicht und bete zu Schiwa um euren
Sieg!

       *       *       *       *       *

Mister Galgenstrick machte eine lange Pause.

Ich betrachtete ihn ergriffen. Denn so gleichgltig uns auch das Lob
eines Hindus sein kann, mich erwrmte doch die naive Bewunderung dieses
Naturkindes, das durch alle seine verschrobenen Vorstellungen hindurch
die Reinheit deutschen Wesens ahnte.

Pltzlich nahm Galgenstrick meinen Arm, zog mich zu sich nieder und
flsterte mir ein Geheimnis ins Ohr: Ich glaube nicht, da die Gtter
mir das Leben lassen. Wenn sie es mir aber gndig vergnnen, in diesem
Leibe weiter zu wohnen, so will ich von neuem kmpfen! Aber nicht mit
euren Feinden gegen euch -- sondern mit euch gegen die Englnder!
Versprich mir, da du mir dazu verhelfen wirst!

Ich htte ihm sagen knnen, da wir Deutschen keine wilden Vlkerstmme
in unsere Reihen aufnehmen, da wir diese Kulturerrungenschaft neidlos
unseren Gegnern berlassen -- aber ich wollte den Kranken nicht durch
Widerspruch erregen.

So machte ich eine Geste, die er sich nach Belieben als Bejahung oder
Verneinung auslegen mochte.

Er lchelte befriedigt und ich schied von ihm mit dem Bewutsein, ihm
eine belebende Hoffnung hinterlassen zu haben, die seine Genesung
beschleunigen wrde.

Zwei Tage blieb ich dem Lazarett ferne, beschftigt mit der
berarbeitung von Galgenstricks Erzhlungen.

Am dritten Tage besuchte mich _Dr._ Heberg.

Ei, welch eine seltene Ehre! Hab' ich schon wieder einen Versto gegen
deine Verordnungen begangen und, deiner gestrengen Ansicht nach, mich
gegen Mister Galgenstricks Heilung versndigt?

_Dr._ Heberg tat einen krftigen Zug aus seiner Zigarre, blies langsam
den Rauch in die Luft und sprach einfach: #Mister Galgenstrick ist
tot.#

Ich trat erschrocken einen Schritt zurck: Was sagst du da? Mister
Galgenstrick ist --?

Tot!

Wir setzten uns.

_Dr._ Heberg dampfte wie ein Fabrikschornstein, ein Zeichen, da er
tief erregt war.

Ich schlo die Augen und sah im Geiste Mister Galgenstrick vor mir,
fhlte seinen spitzbbisch-naiven Blick.

Schade, murmelte ich, schade um den armen Teufel.

Mein Freund richtete sich vorwurfsvoll auf. Es sterben in unseren
Lazaretten Leute, um die es tausendmal mehr schade ist!

Da hast du natrlich recht -- aber dennoch ...

_Dr._ Heberg zerbrckelte rgerlich seine Zigarre. Scheuliches Kraut
-- gib mir eine von deinen Echten!

Ich erhob mich und bot ihm die Zigarrenkiste an.

Umstndlich nahm er sich einen Glimmstengel, zndete ihn an, schmauchte
befriedigt und sagte: Er ist friedlich gestorben. Bewutlos
hinbergedmmert ... Dank einigen Morphiumspritzen ... Aber die Stunden
vorher -- er machte eine abwehrende Handbewegung -- sprechen wir nicht
davon! ... Ich htte es brigens voraussagen knnen. Die linke Lunge
total kaputt und die rechte in einem bejammernswerten Zustand! ... Na,
Gott hab' ihn selig!

Schiwa! verbesserte ich, wehmtig lchelnd.

-- -- Armer Mister Galgenstrick! Du hast die Heimat nicht wiedersehen
drfen. Unter fremden Menschen bist du gestorben, ein Opfer englischer
Habgier.

Nicht der grten Opfer eins. Aber dennoch schienen mir deine Erlebnisse
interessant genug, sie aufzuzeichnen und in das grelle Licht der
ffentlichkeit zu stellen.

Ich habe nichts hinzugefgt, nichts weggelassen. Und so will ich, indem
ich Abschied nehme von dir, die Feder mit einem Ausruf in #deinem# Sinne
aus der Hand legen, indem ich sage:

Will es das Schicksal, so wird deine Lebensgeschichte nachdenkliche
Betrachtungen in den Lesern wecken; will es das Schicksal anders, so
werden mir die Leser diese Bltter mit unfreundlichen Urteilen lohnen;
wie es aber auch das Schicksal fgen mag, #mir ist beides recht#!




                     Der Sanittsdackel


Der Held dieser Geschichte ist ein Privatier. Keiner von den Privatiers,
die in einem Automobil elegant durch die Straen fahren und jeden
neuentdeckten unechten Raffael kaufen -- o nein, ein solcher Privatier
ist unser Held nicht.

Fr die Automobile hat er gar nichts brig -- mir war's gengend!
Hrt's mir auf mit d Stinkdroschken, d elendigen! -- und Gemlde
interessierten ihn erst recht nicht. Nicht als ob er keines besessen
htte! Gewi besa er eines und das hatte er sogar eigenhndig dem Maler
weggenommen, weil der Haderlump die Miete nicht bezahlen wollte.

Wie hie er doch gleich, der Maler? Mit F fing er an -- wart's amal
an Moment, wie hoat er do' glei'? -- na, also halt so ein norddeutscher
Kunstmaler.

Ein schnes Bildl war's, lauter echte lfarbe, und ein nacketes Frulein
stellte es dar. Sauber, sag i Eahna, sauber! Ja, mei Liaber, auf die
nacketen Weibsbilder, da verstehen sich die Herren Kunstmaler #besser#
als wie auf's Mietzins-Zahlen.

Da es mir schon herausgerutscht ist, da unser Held und Privatier
Hausbesitzer ist, so will ich auch gleich sagen, wo sein Haus steht. In
Schwabing. Eines von den modernen, solid gebauten Husern: wenn einer im
Parterre niest, wackeln im vierten Stock die Kronleuchter. Und wenn du
einen Nagel in die Wand schlgst, kannst du das ganze Zimmer neu
streichen lassen. Aber dafr ist ein Lift vorhanden, mit dem man fahren
kann, wenn er nicht gerade in Reparatur ist. Er ist aber immer in
Reparatur.

Halt, da ich die Zentralheizung nicht vergesse! Das ist was
Praktisches, so eine Zentralheizung: wenn du's recht gemtlich kalt
haben willst, brauchst du nur den Hebel auf Warm zu stellen.

Dies ist also das Haus des Herrn Privatier Joseph (sprich Pepi)
Brselmeier, und mit Recht steht im Mnchner Adrebuch hinter seinem
Namen das stolze Wort Realittenbesitzer.

Pepi Brselmeier ist ein vielbeneideter Mann.

Im Schweie seines Angesichtes hat er sich durchs Leben geerbt. Als er
zwanzig Jahre alt war, starb sein Vater -- da hrte er auf zu arbeiten.
Gerad' als er anfangen wollte! Als er das sechsundzwanzigste Jahr
erreicht hatte, starb seine Mutter -- da hrte er auf, seine Mitmenschen
zu gren. Und als er in das dreiunddreiigste Jahr hineinschwebte,
starb seine Tante Mali -- da hrte er auf zu denken.

Die gute Tante Mali! Achtzigtausend Mark hat sie ihm hinterlassen, die
alte Bisgurn, die schiache! Da mir keiner ein schlechtes Wort ber sie
sagt!

Seitdem fllte Pepi Brselmeier seine Zeit damit aus, fr seine
Gewichtszunahme zu sorgen und seine Mieter zu schikanieren. Auf
zweiundfnfzig Lebensjahre und einen Meter siebzig Taillenweite hat er's
schon gebracht.

Und kein Mensch auf Gottes schnem Erdboden imponierte ihm. Von keinem
weiblichen Engel hatte er sich unterjochen lassen -- Heiraten? Da i
net rutsch'! -- hchstens zwickte er einmal vterlich eine Kellnerin
dorthin, wo die Mnchner Kellnerinnen vor Erfindung der Brotkarte einen
Beutel voll Hausbrot und Semmeln hab i net zu tragen pflegten.

Aber doch gab es ein Wesen, dem Pepi Brselmeier bedingungslos untertan
war, und das war Bim, sein Dackel.

Dackel ist eigentlich zu viel gesagt. Man nennt die Rasse richtiger
und wohltnender Promenadenmischung. Die Fe waren ja soweit ganz
echt -- wenn's nur nicht gerade htt' ein #Dackel# sein sollen. Wre
Bim der Hund eines literarisch gebildeten Menschen gewesen, so htte
er vielleicht in lyrischen Stunden vor sich hin gebellt:

      Vom Mopserl hab' ich die Statur,
      Vom Fox das Kokettieren,
      Vom Dackerl nur die Frechnatur
      Und Lust, nie zu parieren.

Ja, in Bims Stammbaum mssen schreckliche Eheirrungen vorgekommen sein!
berhaupt schon der Name Bim! Ein #echter# Dackel heit nach uralter
Mnchner Tradition entweder Waldl oder Maxl. Aber Bim ...!

Kam Pepi Brselmeier zum Frhschoppen in den Franziskaner, so sagte
die Kellnerin: Oh, ds liabe Viech! Da geh her, goldig's Mopserl!

Kam er zum Mittagessen in's Brgerbru, so sagte die Kellnerin: Und
an extraschnen Knoch'n hab' i aa reserviert, fr Eahneren Foxl!

Und abends, am Stammtisch, im Augustiner, sagte die Kellnerin: Weil's
d' nur grad wieder da bist, Schnauzerl!

Das Infamste aber war damals im Hofgarten passiert, als er seinen Hund
frei herumlaufen hatte lassen -- freili, anbinden wer' i's, ds arme
Dackerl! -- und einen polizeilichen Strafbefehl ber drei Mark gekriegt
hatte, wegen Freilaufenlassens eines Rattenpinschers.

Damals hatte er ein Eingesandt an die Zeitung geschickt, ein Eingesandt
-- na, Aufsehen htt's gemacht, wenn sie's verffentlicht htten.

Aber sie haben's nicht verffentlicht. Vielleicht weil's zu lang war.
Vielleicht auch weil er den Hundeaufseher darin einen geselchten Affen
genannt hatte.

Ha, die Redakteure! Die reinen Kunstmaler san's!

Und einen Menschen, der solchene Eingesandts schreiben konnte,
tyrannisierte Bim, der Dackel, obwohl er kaum den zehnten Teil so viel
wog als sein Herrle (einschlielich Hundemarke).

Denn was ist des Menschen Wille gegen den Willen eines Dackels?

Hundertmal schon hatte der Hausarzt zu Herrn Brselmeier gesagt: Herr
Realittenbesitzer, Sie sollten sich mehr Bewegung machen! Das viele
Fett ist nicht gut fr Ihr Herz, Herr Realittenbesitzer! Mehr zu Fu
gehen sollten S' halt, Herr Realittenbesitzer!

Moanen S' wirkli? hatte Pepi gefragt. Alsdann wer' i halt
umanandlaufa wie a Heuschreck'n! und heimlich hatte er sich gedacht:
Den Buckel steigst ma 'nauf, Medizinlackel, damischer!

Und hatte sich auf der Trambahn ein Jahresabonnement genommen.

Aber was der Hausarzt trotz eindringlicher Ermahnung und gesalzenster
Rechnungen nicht erreicht hatte, das vollbrachte Bim, der Dackel, ohne
ein Wort zu reden, ohne mit seinem Mopsschwanzerl zu wackeln. Denn in
der Mnchner Trambahn ist das Mitnehmen von Hunden verboten, und so
mute Herrle Brselmeier die Riesenstrecken Schwabing--Franziskaner,
Franziskaner--Brgerbru, Brgerbru--Augustiner, Augustiner--Schwabing
keuchend zu Fu zurcklegen.

Ja, er mute jeden Weg mindestens dreimal wandeln, denn Bim hatte die
selbstherrliche Gewohnheit, im Zickzack zu traben. Bald interessierte
ihn weit vorne irgendeine Hundesensation, und er sauste pltzlich davon,
da sein Herr unter Atembeschwerden und vllig zwecklosen Bim, da gehst
her!-Rufen ihm nachstrzen mute -- bald fiel es Herrn Bim pltzlich
ein, da er eine Straenecke zu beschnuppern vergessen hatte und er
machte kehrt, lief dreiig Meter zurck, beschnffelte das Eckhaus
einmal, zweimal, um dann -- nun ja, a Viech is halt a Viech!

Manchmal auch berkam ihn die Philosophitis, er setzte sich mitten auf
die Strae, versank in Nachdenken und war durch keinerlei Zureden zum
Weitergehen zu bewegen.

Natrlich htte Herr Brselmeier in solchen Fllen von seinem
Spazierstock mit dem Hirschgeweihgriff, der wie beinahe echt aussah,
Gebrauch machen knnen, aber nein: An am wehrlosen Tier wer' i mi
vergreif'n, -- i bin do' ka Ru!

So lebten Bim als Gebieter und Herr Brselmeier als folgsamer
Untergebener friedlich zusammen -- bis der Weltkrieg auch diese Harmonie
zweier schner Seelen jh zu zerstren drohte.

Der Krieg. Anfangs fand ihn Pepi Brselmeier ganz schn. Er hielt es fr
ganz in der Ordnung, da sich andere Leute totschieen lieen, damit er
ruhig seinen Frhschoppen weiter trinken konnte. Er schaffte sogar fr
sein Haus eine Fahne an und berlie es der Hausmeisterin, sie nach
Gutdnken herauszuhngen oder einzuziehen. Aber bald kamen die
Beschwerden.

Mit einem Herrn im Zylinder fing es an. Der kam eines Morgens um acht
Uhr, wenn ein anstndiger Brger noch im Bett liegt, und klingelte. Er
msse den Herrn sprechen.

Bim bellte, wie nur der Hund des #Hausherrn# bellen darf, und Herr
Brselmeier schlpfte mimutig in seinen Schlafrock, machte Toilette,
indem er einmal schnell mit der Hand durch die Haare fuhr, schlpfte in
die Pantoffeln -- Jessas, wo hat ds Hundsviech wieda den anderen
Pantoffel hi'bracht?! -- und schlrfte in den Salon, wo das nackete
Frulein hing von dem Maler, der wo mit F anfngt.

Und was wollte der Zylindermann? Herr Brselmeier mchte doch in den
Wohlfahrtsausschu seines Bezirkes eintreten, der Herr Weckerlbacher sei
auch drin und es sei doch ein guter Zweck und --

Er warf den Mann hinaus. Geht nt, geht beim besten Willen nt! I hab
koa Zeit, i bin Privatier!

Nicht als ob unser Held ein hartes Herz gehabt htte. Gewi nicht. Nur
keine Arbeit durfte man nicht von ihm verlangen. O, er tat auch was fr
die Armen! In der Zeitung in der ffentlichen Massenquittung ber
freiwillige Spenden, stand's deutlich zu lesen:

     N. N. 100Mk., Gott lohne es 250Mk., Jeder nach seinen
     Krften 75Mk., Joseph Brselmeier, Realittenbesitzer
     5Mk., Ungenannt 100Mk.

Die zweite Unannehmlichkeit, die ihm der Krieg bescherte, war die
peinliche Erfahrung, da mehrere Mieter um Nachla baten. Und da zeigte
es sich, da Pepi doch kein Unmensch war: denen, die's ntig hatten,
ermigte er die Miete gromtig. Ja, ja, is scho' recht! Wann Ihr Mann
aus'm Krieg hoamkommt, nachher gilt aber wieder der alte Mietpreis! Nix
z' danken, Frau Huber, nix z' danken!

Die dritte Unannehmlichkeit war die Wut ber den Hindenburg. Jawohl, die
Wut ber den Hindenburg. Ist das vielleicht ein Benehmen von diesem
Mann, eine so hfliche Ansichtskart'n berhaupt nicht zu beantworten?
Dem einbeinigen Hausierer im Augustiner hatte er die Karte abgekauft,
ein Mann war drauf abgemalt, der aus dem Spundloch eines Bierfasses
trank und darunter stand Nur koa Wasser net -- und so eine Postkarte
lie der Hindenburg einfach unbeantwortet!

Pepi Brselmeier gab der Hausmeisterin den strengen Befehl, bei keinem
der Hindenburg-Siege mehr zu flaggen. Das war seine Rache.

Nein, der Kriegszustand war nicht schn. Der Krieg wurde immer lnger
und die Weiwrscht' immer krzer. Das einzig Erfreuliche war, da sie,
ganz im Anfang, den Riedingerfranz, den er schon lange nicht leiden
konnte, am Stachus elendig zusammengehaut hatten, weil er
irrtmlicherweise fr einen Spion gehalten worden war.

Das Schlimmste aber -- doch nein, das mu ich ausfhrlich erzhlen.

Du, Pepi, da mut schon in dein' Beutel langen und ein Bllett kaufen,
hatte einer seiner Stammtischkumpane gesagt und ihm gleich ein
Drei-Mark-Bllett hingelangt. Es ist zum Besten von die Verwundeten! In
die "Vier Jahreszeiten"! Mit einem extra-igen Programm! Also ruckst halt
raus mit dei'm Taler!

Was war da zu machen? Der Pepi ruckte den Taler heraus und ging am
nchsten Abend in die Vier Jahreszeiten.

Alles, was wahr ist, es war ein extra-iges Programm.

Zuerst hat ein Herr Klavier gespielt, so schn wie ein Athlet hat er
gespielt. Zum Sterben fad ist es dem Pepi Brselmeier vorgekommen, und
er hat sich gewundert, da der Hausherr von den Vier Jahreszeiten das
erlaubt hat.

Aber Prinz Ludwig Ferdinand war auch da und hat fest applaudiert. Er hat
doch ein guat's Herz, der Ludwig Ferdinand. Und da haben der Pepi und
die anderen Leut' auch geklatscht.

Dann ist eine Sngerin gekommen.

Sie hat zwar einen Kropf gehabt, aber jodeln hat sie doch nicht knnen.

Sondern er war nur zur Verzierung da, der Kropf.

Aber dann! O, das war drei Markl wert! Dann kam ein Herr und hat einen
Vortrag gehalten mit Lichtbildern. ber die Sanittshunde.

Der Pepi hat nur grad so gestaunt.

Das Herz ist ihm aufgegangen. So gescheite Hunde! Ja, sollt man's denn
fr mglich halten? Pepi Brselmeier geriet in Ekstase. Das ist ja
groartig mit den Sanittshunden! Ja, dafr wrde er auch was stiften!
Fnf Mark, zehn Mark, -- ach was, Pepi, sei kein Geizkragen: zwanzig
Mark, jawohl, zwanzig Markln!

Der Pepi war ganz begeistert. Und er ist gleich Mitglied vom Verein fr
die Sanittshunde geworden.

Und wie er beim Herausgehen seinen Bim an der Garderobe wieder in
Empfang genommen hat, da hat er ihn noch zrtlicher angeschaut als
sonst, und hat ihn liebevoll gepatscht und hat gesagt: Ja, d
Viecherln! So a Bim is g'scheiter als wiar i! Und da hat er recht
gehabt, der Herr Realittenbesitzer.

Aber unterwegs, auf dem Weg zum Stammtisch, fiel unserm Pepi ein Satz
aus dem Vortrag ein, ein Satz, der ihn schon in den Vier Jahreszeiten
gegiftet hatte, und seine gute Laune schmolz merklich zusammen. Was
hatte der Herr Redner gesagt? Am besten eignen sich zum Sanittshund
die deutschen Schferhunde!

War das nicht eine Beleidigung fr seinen Bim? Glaubte der obergescheite
Herr im Frack vielleicht, die Dackeln sind dmmer als wie die
#langhaarigen# Hunde? War net bel! Ein so ein gescheites Tier als wie
einen Dackel gibt es berhaupt keins mehr in dieser Zoologie!

Gelt, Bim, du bist g'scheit? frug Herr Brselmeier zrtlich, aber Bim
gab keine Antwort, weil er grad mal wieder auf's andere Trottoir
hinbergelaufen war.

Und wenn dieser Mensch im Frack behauptete, die Schferhunde eigneten
sich am besten, so kam das einfach daher, weil er noch keinen Versuch
mit einem #Dackel# gemacht hatte!

Und pltzlich durchzuckte den Herrn Realittenbesitzer ein genialer
Gedanke: #Der Bim mu Sanittshund werden!# Ein #Sanittsdackel# mua er
wer'n! Damit da ds saudumme Gered' von d Schferhund amal an End'
hat!

Wenn der Pepi Brselmeier einmal einen Entschlu gefat hat, dann wird
er auch ausgefhrt. Und wenn sich gleich der ganze Augustiner auf den
Kopf stellt.

... Was #hat# denn das Herrle heut? dachte sich Bim einige Tage spter
und beguckte verurteilend seinen Besitzer. Was #hat# er denn?

Vor ihm stand Herr Pepi, in der einen Hand eine feldgraue Soldatenmtze,
die er Gott wei wo aufgetrieben hatte, in der anderen Hand einen
Mordsspaten, und lockte: Komm her, Bim, komm schn her! Spazieren geht
der gute Hund! Gassi gehn, Bim!

Aber der gute Hund dachte sich: Geh nur du Gassi, -- i bleib z' Haus!,
watschelte an seinen Frenapf, strkte sich und lpperte dann am
Wasserteller ein paar Tropfen.

Kopfschttelnd sah ihm Pepi zu. Wo er nur ds viele Wassersaufen her
hat! Von #mir# hat a's #nt#!

Bim wartete nicht ab, bis sein Herrle dieses Rtsel gelst hatte; er war
aufs Bett gesprungen und bereitete sich auf ein Schlummerstndchen vor.
Da nahm Herr Brselmeier sein Dackerl auf den Arm und trug ihn, nebst
Spaten und Soldatenmtze, die Treppe hinunter.

Alsdann! dachte Bim. Wenn er mich #trgt#, lauf' ich mit!

Ach, was sind Hoffnungen? Vor der Haustre setzte Pepi den Hund auf den
Boden, und nun ging es die Franz-Joseph-Strae hinunter, die
Leopold-Strae, die Ludwig-Strae entlang. --

Bim stutzte zum zweiten Male. Jetzt wei das Herrle nicht mehr den Weg
zum "Franziskaner"! Da hrt sich doch alles auf! Er hat doch heut noch
gar nix getrunken?

Das Herrle war links abgebogen und pfiff und schrie: Bim! Mit #mir#
gehst! Bim! Ja, weshalb kommst dann nt?

Schlielich gab Bim als der Klgere nach und kam. Das htte er #nicht#
tun sollen, denn jetzt legte ihn Pepi Brselmeier an die Leine.

Das ging nicht so leicht, wie es gesagt ist. Es war eine recht
schwierige Aufgabe fr den wohlbeleibten Herrn Pepi, sich bis zur
Bimhhe hinabzubeugen, und als er endlich unten angelangt war, hatte
sich Bim herumgedreht -- und man kann doch die Hundeleine nicht am
#Schwanz# anknpfen.

Aber schlielich war Bim angekettet und lief, mit sichtlichen Zeichen
der Entrstung, neben seinem Herrn her. An jeder Straenecke blieb er
stehen und gab seiner Verachtung Ausdruck.

Die Leute betrachteten schmunzelnd das Paar. Was wollte der Mann mit dem
Spaten, der Soldatenmtze und dem Dackel? Aber Herr Pepi achtete nicht
auf die Gaffer. Was lag dran, was die Leute (sprich Gschwerl) von ihm
dachten, Leute, die wo nicht einmal eine Flla (schreibe Villa)
besaen, viel weniger ein vierstckiges Mietshaus mit Zentralheizung und
Lift in Reparatur.

Wissen mcht' i, wo er hi'geht? dachte sich Bim. Jetzt is scho bald
elfi und d Weiwrscht im "Franziskaner" wer'n kalt!

Und bald erfuhr er das Ziel der Wanderung: die Isaranlagen, allwo Bim
seine erste Unterrichtsstunde im Sanittswesen erhalten sollte.

Ich mu jetzt leider einen Punkt berhren, dem ich bisher ngstlich aus
dem Wege gegangen bin, um nicht in den Ruf eines erotischen
Schriftstellers zu kommen: Bims Liebesleben in der Natur. Tja, das ist
ein heikler Punkt. Bim verschwendete seine Gunstbezeigungen nicht nur an
die Hndinnen der zwanzig Rassen, von denen er abstammte, nein, dieser
Wstling wagte es, jedes Hundefrulein, das seine Bahn kreuzte, kurzweg
anzusprechen und ihr in der Hundesprache verfhrerische Galanterien
zuzuflstern. Frulein Bernhardinerin sehen heute wieder entzckend
aus! Gndigste Mpsin werden mit jedem Wurf schlanker! Frulein
Windhund tragen ein todschickes Halsband! Wohl Familienerbstck?

Auch angesichts dieser Knste konnte Herr Pepi mit Recht sagen: Wo er
ds nur grad her hat? Also von #mir# hat a's #nt#!

Sofort beim Eintritt in die Isarauen fiel nun dem Don Juan Bim eine
braune Dackelin auf, eine Dackelin ... ich sage nur das eine Wort
preisgekrnt.

Aber die #Dackelin# wurde an der Leine gefhrt, Bim wurde an der Leine
gefhrt -- nur wer die Sehnsucht kennt, wei, was sie litten.

Es war ein heller, sonniger Herbsttag und immer wieder frug Herr Pepi
seinen Dackel: Hrst, wie d' Amseln pfeif'n? Hrst as? und immer
wieder antwortete Bim in Gedanken: Heut hat's ihn derwischt! Ganz
narret is er heut! Hat er vielleicht 'denkt, d Amseln wern miauen?

An einer Bank in den Anlagen, dicht am Ufer der seichten Isar, band Herr
Brselmeier seinen Hund fest, hielt ihm die Soldatenmtze unter die Nase
und schmeichelte:

Da, riech, Bim! Schn Witterung nehma mua's Hunderl! D Mtz'n sucha
mua das g'scheite Dackerl! Ja! Gelt, du bist g'scheit?

Bim warf einen scheelen Blick auf die Mtze. Vollstndig dari-dari is
er heut! dachte er. Was geht mi d Mtz'n o'!

Und whrend Bim Betrachtungen darber anstellte, da jetzt die Weiwrst
sicher lngst gar geworden seien, schaufelte der Herr Realittenbesitzer
schwitzend eine Grube. Wohl zehnmal hielt er sthnend in der Arbeit
inne, wischte sich den Schwei von der Stirne und brummte: Und ds soll
g'sund san, hat der Dokta g'sagt! -- Aber jetzt wird si's bald weis'n,
ob d Dackeln Sanitter san oder nt!

Endlich war die Grube brauchbar. Er legte die Mtze hinein und
schaufelte locker Erde darber. Wird's scho' finden, mein Bim! Feit si'
nix!

Als er sich der Bank wieder zuwandte, fand er dort einen freundlichen
Herrn, der behaglich die Hnde auf dem Rcken gefaltet hatte, und mit
Bim scherzte.

A hbsch's Mopserl ham S' da! meinte der Herr.

Ds is koa Mopserl! fertigte ihn Pepi kurz ab. Wann ds a Mopserl is,
san Sie a Rindviech!

Mit diesen liebenswrdigen Worten band er den guten Hund los,
klatschte in die Hnde und schrie: Wo is 's Mtzerl? Wo is? Suach,
Bim!

Bim schaute ihn gro an. Bei dieser Hitze Mtzen suchen, das fehlte ihm
grad noch!

Suach, Bim, suach!

Der fremde Herr lachte, und der Pepi Brselmeier rgerte sich. Kriagst
a Zuckerl, Bim! A extragroes Zuckerl! -- Wo hat's Herrle s' Mtzerl
hi'toa?

Der Bim wute ganz genau, wo das Herrle das Mtzerl hingetan hatte. Er
hatte ja alles mit angesehen. Aber so dumm sein wird er und sie
ausgraben! Das wr' das Neueste, da er gehorchen tt! Nein, nein, das
fhrte der Bim nicht ein. Er sprang an seinem Herrn empor, lief in die
Anlagen und fra Gras.

Der fremde Mann lachte aus Leibeskrften.

Da is gor nix zum Lachen! schrie der Pepi und wurde jetzt ernstlich
wild. Was verstengan #Sie# vom Hundsdressieren! Genga S' hoam und
belstingen S' d Leut' nt, S Hammel, S ganz ausg'schamter! -- Und
du, Bim, Hundsviech, miserabliches, hrst jetz glei' auf mit dera
Spinatfresserei!! Suachst jetz glei' 's Mtzerl, Bankert, lendiger! --
Da gehst her oder i hau dir ds Mordstrum Spaten um deine
scheinheilingen Ohrwascheln! -- Herrgottsakrament berananda, willst
jetzt parier'n oder nt?!

Der Bim wollte nt.

Wie er das Herrle so schimpfen hrte, sagte er sich: Jetz is die
Tollwut bei eahm aus'brocha! setzte sich in Galopp und lief in die
Isar.

Und was sah sein beglcktes Auge da?

Susanna im Bade!

Da schwamm sie, die herrliche Dackelin, und warf ihm einen Blick zu --
einen Blick ...!! Ewig dein!

Und sie schwammen um die Wette, isarabwrts, nach der Eisenbahnbrcke zu
-- und in den Isaranlagen stand ein Mann und brllte: Bim! Biiiiiiim!
Und immer aufgeregter und beinahe weinerlich: Bim! I tua dir ja nix!
und zuletzt ganz verzweifelnd: Bim -- guat's Hunderl -- komm doch blo,
i gib dir 's Zuckerl! Wann's d' nur grad kommst!!

Aber nicht der Bim kam, sondern der fremde Herr trat nher, nahm die
Hnde vom Rcken, in denen jetzt die grne Mtze sichtbar ward, die ihn
als Anlagenaufseher legitimierte, und sprach gewichtig: Nmlich, wie
hoaen S' dann nachher?

Ds is a Gemeinheit! schrie der Pepi. Ds is a ganz a hinterlistige
Zwiespltigkeit is das!

Nehma S' Eahna fei' in Obacht! drohte das stdtische Amtsorgan. Sonst
mach i Eahna z'wegn Amtsbeleidingung kriminalisch, mei Liaba!

Und derweil versauft der Bim! jammerte Pepi Brselmeier und wollte
davonlaufen. Aber der Aufseher hielt ihn am rmel fest und donnerte: Da
bleib'n S'!! Im Namen ds Gstzes!

Und weil der Pepi nix mit dem Namen ds Gstzes zu tun haben wollte,
blieb er halt da. Und sein Name wurde aufgeschrieben und sein Stand und
die Wohnung und sein halber Stammbaum dazu, weil wir ordnungsliebende
Behrden haben.

Noch eine geschlagene halbe Stunde ist der Pepi nachher in den
Isaranlagen umhergeirrt und hat den Bim gesucht und sich einen riesigen
Durst angeschrieen.

Und htt' sich doch diese Mhe sparen knnen!

Denn wie er zerschmettert, den Spaten unter'm Arm, im Brgerbru
ankam, da empfing ihn die Kellnerin mit den Worten: Grad is Ihr Foxl
kemma!

Richtig, da sa er unter dem Stammtisch, nagte an einem Knochen und
zwinkerte seinem Herrle einen Blick zu, der ungefhr besagte:

Bist jetz wieda so weit, da ma mit dir verkehr'n ko'?

Und drei Minuten spter sa Bim auf Herrles Scho und hrte herablassend
dessen Bitte um Verzeihung an: Brauchst koa Sanittsdackel wer'n, Bim!
Naa, naa, ds berlass'n ma d spinneten Schferhund'! Weil's d' nur
grad wieda da bist!

Und zwei Tage spter war auch ein polizeilicher Strafbefehl grad wieda
da. -- Wegen vorschriftswidriger Verwstung der stdtischen
Isaranlagen und wiederholtem Freilaufenlassen eines Zwergpudels.




                     Die Vershnung


Gustav Bender, Schorsch Hmmerer und Fritz Jung bildeten sozusagen den
eisernen Bestand der im verborgenen blhenden pfelweinkneipe Zum
kleinen Paradies. Allabendlich gegen neun Uhr erschienen sie, saen an
demselben Tisch, auf demselben Stuhl, tranken dieselbe Anzahl Schoppen
pfelwein. Und es aen dazu: Gustav Bender einen Handks, Schorsch einen
Schweizerks und Fritz ein paar Schweinsf'.

Da der Mensch ist, was er it, lt diese verschiedenartige Ernhrung
auch auf eine tiefgehende Verschiedenheit der Charaktere schlieen. In
der Tat herrschte nicht einmal an den hchsten Feiertagen lnger als
fnf Minuten Eintracht an diesem Stammtisch, -- der das berbleibsel
einer ehemals vielkpfigen Kegelgesellschaft reprsentierte, die infolge
eines Ausflugs mit Frauen ein jhes Ende genommen hatte.

Nor kaa Weiwer mitnemme! Sonst is der Unfridde fertig! hatte damals
Gustav als weltweiser Mann prophezeit. Und er hatte recht behalten. Kam
es daher, da ein Teil der Frauen seidene Blusen trug, whrend ein
anderer Teil nur in halbseidenen strahlte, oder kam es daher, da Gustav
abends ein Couplet vortrug, dessen letzte Strophe man kaum nach
mehrjhriger Ehe seiner Frau ganz heimlich ins Ohr flstern konnte, --
kurz: die meisten Kegelbrder fanden pltzlich, da die andern kein
Verkehr fr sie seien. Nur die drei verschiedenartigsten Elemente des
Klubs bewahrten ihre gegenseitige Anziehungskraft und fanden sich zu
einem Stammtisch zusammen.

Gustav, der Grtner, war Sozialdemokrat. Das heit: eigentlich war er
#kein# Sozialdemokrat, aber weil die beiden andern so gerne auf die
Roten schimpften, hielt er es fr seine Oppositionspflicht, als
Sozialdemokrat zu fungieren. Schorsch, der Kolporteur, war Zentrumsmann.
Das heit: ganz im Vertrauen gesagt, er war #kein# Zentrumsmann. Aber
weil die beiden andern so sehr auf die Schwarzen schimpften, vertrat er
den Zentrumsstandpunkt. Und mit derselben berzeugungstreue und aus
demselben Motive war Fritz, der Zigarrenhndler, stramm liberal.

Jeden Abend begann der politische Kampf von neuem, und wenn es fr jede
persnliche Beleidigung einen Ordnungsruf gegeben htte, so wre stets,
fnf Minuten nach Erffnung der Diskussion, die Rednerliste infolge
Wortentziehungen erschpft gewesen.

Am ersten August erschien Fritz mit besonders feierlichem Gesicht im
Kleinen Paradies. Im Knopfloch steckte ein schwarz-wei-rotes
Bndchen. Beinahe hochdeutsch klang es, als er bestellte: Eun Glas
Eppelwei'!

No?? fragte Schorsch. Was is? Bistde Hoflifferant 'worn?

Hoheitsvoll erklrte Fritz: Verdient htt' ich's schon lang! Awwer was
annerscht is bassiert: der Kaiser hat e Redd gehalte!

Des hat er schon ftersch gedhaa! sagte Gustav, der Sozi.

Awwer #was# for e Redd, mei Liewer! ereiferte sich Fritz. Kaan so
Stu, wie #Ihr# allweil verzappt! E Redd, die sich gewsche hat! Wit'r,
was er gesagt hat? Und Fritz erhob sich respektvoll vom Stuhl: Es
gebbt kaa Barteie mehr, hat er gesagt, es gebbt nor noch Deutsche!

Stille entstand am Stammtisch. Das Wort ging ihnen allen zu Herzen. Der
Fritz sah sich triumphierend um, als stamme der Ausspruch nicht aus des
Kaisers Mund, sondern von ihm selbst.

Zuerst ergriff der Sozi wieder das Wort. Iwwerhaapts sgt der Kaiser
net "es gebbt", sonnern "et jiebt!" verkndete er.

Uff de Dialekt kimmt's net aa, dozierte Schorsch, der Schwarze. Was
kann der Kaiser derrfor, da er kaa geborener Frankforder is? -- Awwer
dessentwege hat er #doch# de Nagel uff de Kopp getroffe! Es gebbt kaa
Barteie mehr, -- no, Fritz, Gustav -- umarme mer uns!!

Sie erhoben sich, umarmten sich, kten sich. Es is halt doch der
#Friddens#kaiser! sagte der Gustav. Sogar uns versehnt er! Alle drei
waren ergriffen. Es gibt nur noch Deutsche, dachte jeder, und ihm wurde
seltsam warm dabei.

Lasse mer de Willem lewe! schlug der Schorsch vor und erhob sein
pfelweinglas.

Lasse mer'n lewe, er hat's verdient! schlo sich der Fritz an, und mit
einem Blick auf den Gustav fgte er hinzu: Derfst schon #aach# mit
aastoe, -- wannstde aach so e schepper Sozi bist!

#Was# bin ich? fuhr der Gustav auf. E schepper Sozi bin ich, du
liweraler Dreckspatz?

Ruhe, meune Herrn! besnftigte Schorsch, beinahe wieder hochdeutsch.
Denke Se draa: es gebbt kaa Barteie mehr!

No ja, brummte der Sozi einlenkend. Awwer beleidige lass' ich mich
net! Net for alles um die Welt! Am wenigste von so 'me liwerale
Hansworscht!

Der Friede war wiederhergestellt. Das Gesprch beschftigte sich mit den
Kriegsaussichten.

Ich wer' mich aach als Freiwilliger melde, sagte der Sozi. Ich wer'
dene Franzosebrieder emal zeige, was Aldfrankforder Schmiss' sin!

Du?! meinte der Fritz verchtlich. Du mit dei'm Allerweltsbauch? Du
bruchst ja en ganze Schitzegrawe for dich allaans!

Euch liwerale Hungerleider freilich kann mer in der Westetasch
mitnemme! gab's ihm der Gustav zurck.

Geht des vielleicht uff mei' Schweinsfie'? schrie der Fritz erregt
und hieb mit der Faust auf den Tisch. Du roter Giftnickel! Jetz is
Schlu mit dene Revoluzzer-Sprich, jetz --

Awwer Ruhe, meune Herrn! legte sich Schorsch wieder ins Mittel.
Iwwerlege mer uns liewer, wie mer dene Saurusse 's Fell verkloppe! Und
er begann seinen Kriegsplan zu entwickeln. Direkt auf Moskau msse man
losmarschieren. Gleichzeitig msse ein Armeekorps von Petersburg aus,
und ein anderes von der Krim den Russen in den Rcken fallen, und --

Umgehe?! lachte der Fritz. Da guckt mersch widder: immer hinne 'erum,
so sin se, die schwarze Heimticker! Grad so mache se 's aach im
Reichstag!

#Was# mache mer? #Wie# mache mersch? brllte pltzlich der Schorsch.
Noch e Wort unn ich haag derr aans uff dein freisinnige Zelleriekopp!
Ich gebb derr e rechtsliwerale Ohrfeig' uff die #rechte# Back', unn e
linksliwerale uff die #linke# Back', da de --

Willstde gleich Fridde halte, schwarz' Karnickel, mischte sich der
Gustav ein. Unn du liweraler Dickkopp zahlst en Schoppe Bue!

Zahle? Ich? Dein vaterlandslose Bauch soll ich mste? schrie der Fritz
und wurde ganz rot vor Wut. Mensch, wann ich die Ortskrankenkass' net
schone wollt', ich dht --

Awwer, meune Herrn, --

Halt's Maul, Jesuit! Immer wolle se vermittele, die Schwarze, des is
ihr Haaptgeschft! Awwer mer kennt euch! Ich rat' dersch, Fritz, zieh
dich hinner dei' Schweinsfie zurick, odder --

Was is "odder"? Der Schorsch bebte am ganzen Leib. Du liweraler
Schleechtschwtzer! Du Bassermannsche Gestalt!

Geschftskatholik!!

Das war zu viel. Der Schorsch erhob den einen, erst halb abgenagten
Schweinsfu zum Wurf, -- und auf Fritzens neuem Kragen platzte das erste
Schrapnell. Im selben Augenblick hatte der Sozi seinen Handks flach auf
die Hand gelegt und schlug damit auf Gustavs Nase, auf der der Handks
hngen blieb, so da es aussah, als trge die Nase einen
Miniatur-Mhlstein.

Aber auch der Gustav war nicht faul gewesen. Da hastde mei'
Friddensvermittelung! brllte er, und auf Schorschs Kopf hauchte ein
Teller sein porzellanenes Dasein aus.

Und nun spielte sich jene Szene ab, von der der Wirt zum Kleinen
Paradies spter behauptete: Es hat die strategische Leitung gefehlt!

Die drei Freunde bildeten einen unentwirrbaren Knuel, aus dem von Zeit
zu Zeit Schreie sich loslsten, wie: Spierst de's? -- Autsch, gemei'
Vieh!

... Als der Gustav eine halbe Stunde spter zu Hause anlangte, bekam
seine Frau einen Heidenschreck. Um Gottes wille, Gustav, -- wie guckst
de aus!!

Aber der Gustav beruhigte sie mit einer heroischen Feldherrngeste, und
schmerzlich lchelnd sprach er: Fraa, es gebbt kaa Barteie mehr, --
#mer hawwe uns versehnt!# --




Inhalt

                           Seite
  Mister Galgenstrick         5
  Der Sanittsdackel        243
  Die Vershnung            273



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MISTER GALGENSTRICK***


******* This file should be named 23243-8.txt or 23243-8.zip *******


This and all associated files of various formats will be found in:
http://www.gutenberg.org/dirs/2/3/2/4/23243



Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://www.gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://www.gutenberg.org/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

