The Project Gutenberg EBook of Hohe Sommertage, by Gustav Falke

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Title: Hohe Sommertage
       Neue Gedichte

Author: Gustav Falke

Release Date: May 5, 2004 [EBook #12268]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HOHE SOMMERTAGE ***




Produced by Charles Franks and the DP Team




Hohe Sommertage




Neue Gedichte

von Gustav Falke




Hamburg--Alfred Janssen--1902




Seinen lieben Freunden

Karl und Elisabeth Schtze

herzlichst zugeeignet.




Inhalt


Sommer
Der Parkteich
Trber Tag
Vergebliche Bitte
Liebesgestammel
Waldgang
In tiefer Scham
Aus tiefer Qual
Im Entschlummern
Bitte
Erinnerung
Besitz
Ausklang
Zu Hause
Heimkehr
Vor Schlafengehen
Mondlicht
Musik
Es schneit
Die Weihnachtsbume
Meinem Sohn zur Taufe
Die Mutter
Steernkiker
Lengen
Verbaden Leew
An de Gorenport
Go' Nach
Ltt Ursel
De Snurkers
De ltt' Boom
De Stormfloth
Ritornelle
Frhlingstrunken
Ein silbernes Mrchen
Pfingstlied
Wunsch
Seele
Irrende Seele
Rosentod
Auf meinen ausgestopften Falken
Morgen zwischen Hecken
Und gar nicht lange
Die bunten Khe
Auf der Bleiche
Wsche im Wind
Winterwald
Winter
Die Netzflickerinnen
Das Mdchen mit den Rosen
Das Nixchen
Feierabend
Das Mdel
Im Schnellzug
Reigen
Der Backfisch
Der seltene Vogel
Idyll
Pusteblumen
Konsequenz
Die Ruber
Denkmalkantate
Bescheidener Wunsch
Zweimal ist vier
Prolog zur Nietzsche-Gedenkfeier
Prolog zur Bcklin-Gedenkfeier
Der Trauermantel
Tag und Nacht
Das Birkenwldchen
Der Freier
Der Frhlingsreiter
Scherz
Die Schnitterin
Das Geisterschiff
Die treue Schwester
Sara Limbeck
Thies und Ose
Wie die Stakendorfer die Lbecker los wurden
Das Opferkind




Sommer


Ihr singt von schnen Frhlingstagen,
Von Bltenduft und Sonnenschein,
Ich will nichts nach dem Frhling fragen,
Nein Sommer, Sommer muss es sein.

Wo alles drngt und sich bereitet
Auf einen goldnen Erntetag,
Wo jede Frucht sich schwellt und weitet
Und schenkt, was Ses in ihr lag.

Auch ich bin eine herbe, harte,
Bin eine Frucht, die langsam reift.
O Glut des Sommers, komm! Ich warte,
Dass mich dein heier Atem streift.




Der Parkteich


Ein stiller Teich trumt im verlassnen Park,
Von sonnendunklem Laub dicht berschattet.
Nur manchmal, wenn der Wind heftiger rauscht,
Huscht ein verlorner Lichtstrahl bers Wasser,
Und zittert ein erschrockenes Wellchen auf
Und hastet ngstlich in das Uferkraut.

Einsamer Weg fhrt um den stillen Teich,
Gleich ihm von hngenden Zweigen berdmmert.
Halbausgelschte Spuren sind im Weg
Vom Regen halb verwaschen und vom Wind
Sacht berstubt. Von wem erzhlen sie?

Mir ist, als msste diese groe Stille
Ein Mdchenlachen pltzlich unterbrechen,
Aus ihrem grnen Traum aufstren. Wenn der Wind
Das Laub ein wenig hebt, und in dem Spiegel
Des dunklen Teichs ein Licht aufblitzt, gedenk ich
Eines tieflieben, jungen Augenpaares,
Das ich aus einem stillen Mdchentraum
Manchmal aufleuchten sehe, und ich meine,
Es htte hier wohl einmal vor dem Bild
Parkstillen Friedens lieblich sich erhellt.

Ein sanftes Wellchen hebt sich an das Ufer.
Will es den Platz mir zeigen, wo sie stand?
Wo sie gesessen? Leise rauscht das Laub.
Es ist ein Flstern. Ach, was flstert's doch?
Nichts. Nur ein Laub im Wind. Doch in mir wacht
Ein Holdes auf und sucht nach Worten, findet
Nur einen lieben Namen, und der schwebt,
Leise dem Wind vertraut, ber den Teich.

Bewahr den Namen, mrchentiefe Stille,
Bewahre ihn, dass er, ein ser Laut
Der lieblichen Natur, hier Heimat hat.
Und kehrt sie wieder, wandelt einmal noch
Durch diesen Frieden, der nun doppelt heilig,
Mag sie, wie ich heut, lauschend stehn und fragen:
Was flstert doch das Laub? Und mag errten
Und lcheln, meint sie, bern Teich her ruft
Ein andrer sie mit Namen.


                          Leise rauscht
Das sommerdunkle Laub rings um den Teich.
Ein Sonnenlcheln zittert auf dem Spiegel.
Und horch! Ein Mdchenlachen? Nein, Herz, nein.
Traumstille Einsamkeit nur atmete
Einmal aus ihrem Frieden selig auf.




Trber Tag


Ein feuchtes Wehen whlt im Laub und streut
Ins nasse Gras ringsum den Tropfenfall,
Und wo noch gestern laute Lust, trumt heut
Schwermtiges Schweigen berall.

Die frhen Rosen frieren so im Wind.
Gestern, als heier Mittag darauf lag,
Brach ich die schnste dir. Wo bist du, Kind?
Wo ist die Rose? Wo der helle Tag?

Auch morgen, wenn die Sonne wieder scheint,
Und ganz voll Duft mein kleiner Garten ist,
Ruft dich mein Herz und weint
Und wei nicht, wo du bist.




Vergebliche Bitte


Maiblumen, deinem Herzen nah,
Blhten an deinem Kleide.
Ich bat: "Schenk mir den Frhling da."
"Nein," riefst du mir zu Leide.
"Es war nur Spiel, war nur zum Scherz,
Dass ich mich damit schmckte."
Und wie ein Stich ging mir's durchs Herz,
Als deine Hand die Blumen schnell
Vom Busen riss und auf der Stell
Zerpflckte, zerpflckte.

Was gabst du mir die Blumen nicht,
Mir, dem die Jugend schwindet,
Und der auf deinem Angesicht
Ihr letztes Glck noch findet?
Mir war's, als so umsonst ich warb
Um diese Frhlingsspenden,
Als ob nun mit den Blumen starb
Auch meiner Jugend goldner Tag,
Und seine letzte Blte lag
Zerpflckt von deinen Hnden.




Liebesgestammel


Es ist alles nicht auszusagen,
Was ich um dich gelitten.
Du musst meine schlaflosen Nchte fragen,
Da ich mit Beten um dich gestritten,
Mit Wnschen und Sehnen und Hoffen viel
Trieb ein thrichtes Liebesspiel.

Und wenn ich dann an deiner Seite
Wunderseliges tief gesprt,
Und, wie auf seinem Teppichgebreite
Des Moslems Stirn die Erde berhrt,
Vor dir anbetend die Seele geneigt,
Die sich so gern in Stolz versteigt,
Da ist mir so recht in Wonnen und Bangen
Das Wesen der Liebe aufgegangen.
So willenlos, keusch, himmelsrein
In eine Seele versunken sein,
Holdeste Zweieinigkeit
Ohne Sinnenwiderstreit.

Aber getrennt, ging ich umher
Eine einsame Seele, die keiner versteht.
Sie bangt um ihren Himmel sehr
Und wei nicht, wo die Strae geht,
Schlgt in rastlosem Sehnsuchtsspiel
Tausend Brcken nach ihrem Ziel,
ber die mit zitternden Knien
All ihre weinenden Wnsche ziehn.

Ich bin dein,
O wrst du mein!
Hlfe mir Beten, hlfe mir Bitten--
Aber ich will mich des Hoffens entschlagen.
Es ist alles nicht auszusagen,
Was ich so lange um dich gelitten.




Waldgang


Heut bin ich durch den fremden Wald gegangen,
Abseits von Dorf und Feld und Erntemhen.
Den ganzen Tag trug ich ein Herzverlangen
Nach diesem Gang. Nun stahl das erste Glhen
Des Abends heimlich sich ins Dmmerreich
Des Buchenschlages, und das Laub entbrannte
In einem roten Gold ringsum, und gleich
Glhwrmchen lag's auf Moos und Kraut. Ich kannte
Nicht Weg und Steg und lie dem Fu den Willen,
Der ziellos ging, indes die Augen schweifen.
Hier stand ich still und sah, erschreckt vom schrillen
Raubvogelruf, den Weih die Wipfel streifen.
Dort lockte mich die schwarze Brombeerfrucht,
Ein Schneckenpaar, das einen Pilz bestieg,
Und eines spten Falters scheue Flucht.
Und um mich war das Schweigen, das nicht schwieg,
Das Laute spann, spinnwebenfeine Laute,
Womit es sich dem alten Wald vertraute.

Und als ich stand und so der Stille lauschte,
Ganz hingegeben ihrem Raunen, lenkte
Ein Buntspecht, der durchs niedere Laubdach rauschte,
Meine Auge nach sich, und nun es sich senkte,
Sah ich zwei Herzen in des Bumchens Rinde,
Verschrnkte Herzen, heut erst eingeschnitten;
Es tropfte noch das Blut der jungen Linde,
Die fremder Liebe willen Schmerz gelitten.
Und als ich weiter schritt, gab mir zur Seite
Ein junges Angesicht traumhaft Geleite.

Und Zwiesprach hielt ich mit dem Weggesellen
Von kranken Nchten und vergrmten Tagen,
Und lie das rote Blut der Liebe quellen
Und alle Wunden meines Herzens klagen.
Und Tempelstille heiligte den Wald,
Nur meiner Seele groe Qual ward laut.
Der holde Schatten ward zur Lichtgestalt,
Und ihr zu Fen sank ich in das Kraut
Und flsterte: "Geliebte". Stammelte:
"Geliebte. Liebstes. Seele. Hr mich an.
Ich kann nicht mehr. Die Wege, die ich geh,
Sind so voll Dornen. Sieh mein Blut; es kann
Nicht still werden."--

                        --So lag ich, lag
Am Wege so; und um mich starb der Tag.
Da stand ich auf und war allein und ging
Auf schmalem Pfad, der durchs Gestrpp sich wand,
Dem Ausgang zu. Dort berm Felde hing
Der stille Mond und kleidete den Rand
Des Waldes weit in Frieden und in Licht,
Mir aber kam die selge Ruhe nicht.

Am Waldrand stand, flimmernd im Mondenschein,
Ein Eichbaum. Von der rissigen Rinde hub
Ein eingekerbtes Kreuz sich ab. Allein
Die Klinge, die dem Stamm die Wunde grub,
War abgebrochen, und das rostige Stck
Stak unterm Kreuz noch in dem alten Baum.
Was redete das Kreuz? Von totem Glck?
Von totem Leid? Von einem toten Traum?

Ein leiser Wind kam bers reife Korn,
Die Bsche rauschten, und in Schatten sank
So Kreuz wie Klinge. Nur ein drrer Dorn
Am Fu des alten Baums stand nackt und blank
Im Licht des Mondes. Und es war einmal,
Dass er im Grn die roten Blten trug,
Flammend, ein selig Frhlingsfeuer.--Qual
Lag in dem Seufzer, den der Wind verschlug,
Und ich ging heim und dachte in der Nacht
Dem Leben nach, das alles sterben macht.




In tiefer Scham


Ich weinte auf mein Brot und wrgte dran
Und konnt's nicht wrgen und stand auf vom Mahl
Und ging hinaus ins kalte, kahle Feld
Und bot dem Mrzwind meine heie Qual.

An einem Dornbusch hing ein Fetzen Tuch.
Wer warf es weg, wen wrmte es zuletzt?
Vielleicht wie er bin ich ein Bettler nun,
Und was so warm mich hielt, ist ganz zerfetzt.

Wenn du dein Herz in deine Hnde nimmst
Und giebst es hin, da, nimm's, und ohn Entgelt,
Man nimmt es, dankt und wirft dir's pltzlich hin:
Ich mag's nicht mehr! dann stirbt dir eine Welt.

Dann stehst du da, entblt und bettelarm
Und weit nicht hin vor Scham, vor nackter Scham.




Aus tiefer Qual


Kind, sieh nicht deinen Vater an,
Er hat sich gar so sehr geschmt,
Sich eine lange, bange Nacht
Um diese seine Scham gegrmt.

Und geh zu deiner Mutter, Kind,
Und spiel mit ihr im Sonnenschein
Und sprich ihr auch vom Vater nicht,
Scham will allein im Dunkeln sein.

Geh, Kind, vor deinem groen Blick
Erschrickt mein Herz und fasst sich nicht
Und weint. Und war noch gestern, Kind,
So rein wie deiner Augen Licht.




Im Entschlummern


Leise Fe gehn im Gras,
Eine Stimme flstert was.
Ich hr es deutlich vom Garten her;
Ein Halbschlaf drckt die Lieder schwer.

Es spielt in meinen Traum hinein:
Die Fe mssen meine sein,
Sie wandeln her, sie wandeln hin,
Vergangenes geht mir durch den Sinn:

Viel ser Duft und Sonnenlicht,
Und eine Hand, die Rosen bricht.
Vor ihrem Bilde glhten sie,
Vor ihrem Bild verblhten sie.

Der Schlaf drckt mir die Augen schwer.
Ich hre die leise Stimme nicht mehr.
--Vor ihrem Bilde glhten sie,
--Vor ihrem Bild verblhten sie.




Bitte


Holder Frhling hauch mich an,
Dass ich neu erstehe,
Was ein Herz ertragen kann,
Ich ertrug's an Wehe.

Einst so blhend, diese Brust,
Soll sie ganz erkalten?
Ach, ich bin mir kaum bewusst,
Lass den Tag so walten.

Wem ein schnes Glck verging,
Drauf er treulich baute,
Wer sich an ein Hoffen hing,
Das wie Mrzschnee taute,

Lieblos scheint ihm wohl die Welt
Und so kalt zum Sterben;
All was er in Hnden hlt,
Sind nur tote Scherben.

Holder Frhling hauch mich an
In den neuen Tagen;
Was ein Herz ertragen kann,
Ach, ich hab's ertragen.

Tausend Knospen schwellen dir,
Duft weht auf und Lieder.
Eine Blte schenk auch mir,
Eine einzige wieder!




Erinnerung


In meinen Versen weint und lacht,
Was mir mein Leben reich gemacht.
Wie mir das stille Trstung giebt:
Ich habe dich so sehr geliebt.

Auch du blickst wohl darauf zurck;
Und war's dir auch kein groes Glck,
War's doch vielleicht, mag's wenig sein,
Ein Wegestreckchen Sonnenschein.




Besitz


Die Sonne berstrahlt dein Bild,
Mein Herz wird warm und freut sich.
Dein liebes Bild.
Alles Licht ferner Tage erneut sich.

So recht in tiefstem dankbar sein,
Dass ich dir durfte begegnen,
Diese Frucht blieb mein.
Kann Liebe ein Leben reicher segnen?

Ich durfte dich nicht besitzen, es war
Viel Schmerz meiner Liebe beschieden.
Es war.
Nun ist alles Freude und Frieden.




Ausklang


Immer bleibst du lieblich mir,
Immer hold im Herzen,
Immer brennen heilig hier
Dir geweihte Kerzen.

Breiten um dein Angesicht
Einen frommen Schimmer,
Und so bist du, reinstes Licht,
Eigen mir fr immer.




Zu Hause


Ich war, in tiefer Bitternis verwirrt,
In Not und Nacht vom Wege abgeirrt.

Ich blickte auf nach einem Trost und Schein,
Und alle meine Sterne schliefen ein.

Nur fernher klang ein leiser weher Laut,
Dem hab ich meine Schritte anvertraut.

Ich war gerettet. Schmerz fand sich zu Schmerz.
Und weinend fiel ich wieder an dein Herz.




Heimkehr


Du weit, ich hab dich lieb gehabt,
Und immer gleich, an jedem Tag,
Ob ich ein wenig Glck uns fing,
Ob still in Sorgen abseits ging.

Da kam ein Frhlingssonnenschein
Und kam ein junger Rosentag,
Ich stand in lauter Rausch und Traum
An eines fremden Gartens Saum.

Aus holder Morgenlieblichkeit
Klang da ein Lied, so s, so s,
Dass ich im Lauschen mich verlor
Und hatt fr deinen Ruf kein Ohr.

Doch gab des Gartens Thr nicht nach,
Ein zweifach Schlsslein lag davor,
Das hat den Trumer aufgeweckt,
Ihn auf sich selbst zurckgeschreckt.

Er riss sich los und kehrt nun heim
Und drngt sein Herz an deines hin.
Trotz Rausch und Traum, du fhlst, es blieb
Das alte Herz und hat dich lieb.




Vor Schlafengehen


Die Kinder schlummern in den Kissen,
Weich, weichen Atems, nebenan,
Ein Traum vom heutigen Tag, und wissen
Nicht, was mit diesem Tag verrann.

Wir aber fhlen jede Stunde,
Die uns mit leisem Flgel streift,
Und wissen, dass im Dmmergrunde
Der Zeit uns schon die letzte reift.

Wir sitzen enggeschmiegt im Dunkeln.
So trumt sich's gut. Und keines spricht.
Durchs Fenster fllt ein Sternenfunkeln,
Vom Ofen her ein Streifchen Licht.

Einmal, im Schlaf, lacht eins der Kleinen
Ganz leis. Was es wohl haben mag?
Springt es mit seinen kurzen Beinen
Noch einmal frhlich durch den Tag?

Ein Muschen knabbert wo am Schrgen,
Knisternd verkohlt ein letztes Scheit,
Die alte Uhr hebt an zu schlagen--
Da sprichst du leis: Komm, es ist Zeit.




Mondlicht


Das blasse Licht des vollen Mondes geistert
Durchs schlechtverhngte Fenster uns ins Zimmer.
Du schlfst. Die Kinder auch. Mir aber meistert
Der Magier der Nacht den Schlaf wie immer,
Und wachen Ohrs, das alles hrt, ausfragt
Und deutet, lieg ich. Unsre ltste leiht
Verworrnem Traum, der sie durch Schrecken trgt,
Angstvollen Laut, richtet sich auf und schreit
Entsetzt einmal den Namen ihrer Schwester.
Ich ruf sie an: Schlaf! Still! dir trumt! Gleich weicht
Der bse Alp von ihr.--O diese Nester
Von Nachtgespenstern, die der Mond beschleicht
Und aufstrt, Nester, eingebaut
In unsrer Seelen abgelegene Ecken
Und Winkel, die uns zu betreten graut.
Wie still, unschuldig, ruht auf unsern Decken
Das Licht des Monds und ist doch voller Tcken.
Es ruht! Nein, wandelt. Dieses breite Band
Milchigen Lichtes seh ich weiterrcken,
Langsam. So tastet leise eine Hand,
Die Arges vorhat und behutsam gleitet,
Nach ihrem Raub. Nun schiebt das kalte Licht
Sich mhlich auf dein Bett hinber, breitet
Sich ber deine Kissen. Dein Gesicht,
Fhlt es das Licht? Du rckst, weichst, kriegst
Ganz weg vor diesem Licht. Knnt deinen Traum
Ich jetzt belauschen. Mit der Stirne liegst
Du eingewhlt in deines Kissens Flaum,
Wie weggeduckt vor diesem bsen Licht,
Das jetzt auf deinem schwarzen Scheitel lastet,
Schwer lastet. Du, wie leblos, rhrst dich nicht.
So sitzt, vom Blick der Schlange schon betastet,
Der Vogel wie erstarrt, noch eh der Schlund
Des giftigen Wurms ihn wegschluckt. Langsam lsst
Das Licht von dir. Und aus dem dunklen Grund
Des Grauens tauchst du auf. Noch geht gepresst
Dein Atem, stockend. Doch du wendest wieder
Die Stirn nach oben. Dein Gesicht ist blass,
Und einmal zucken deine feinen Lider,
Als wrdest du nun wach. Du murmelst was.
Ich ruf. Ein Seufzer nur. "Annie!" Kein Laut.
--Mich frstelt. Wenn nur erst der Morgen graut.




Musik


Eine Musik lieb ich mehr
Als die schnste der grten Meister.
Tglich klingt sie um mich her,
Klingt tglich lauter und dreister.

Ich liebe sie sehr, und doch, es giebt
Stunden, da muss ich sie schelten,
Dann ist fr die, die das Herz so liebt,
Ein Donnerwetter nicht selten.

Da schweigt sie wohl erschrocken still,
Doch dauert die Pause nicht lange,
Und wenn ich der Ruhe mich freuen will,
Ist sie wieder im besten Gange.

Zuletzt geb ich mich doch darein
Und lache: lass klingen, lass klingen!
Und hr durch des Hauses Sonnenschein
Vier Kinderfe springen.




Es schneit


Der erste Schnee, weich und dicht,
Die ersten wirbelnden Flocken.
Die Kinder drngen ihr Gesicht
Ans Fenster und frohlocken.

Da wird nun das letzte bischen Grn
Leise, leise begraben.
Aber die jungen Wangen glhn,
Sie wollen den Winter haben.

Schlittenfahrt und Schellenklang
Und Schneeblle um die Ohren!
--Kinderglck, wo bist du? Lang,
Lang verschneit und erfroren.

Fallen die Flocken weich und dicht,
Stehen wir wohl erschrocken,
Aber die Kleinen begreifen's nicht,
Glnzen vor Glck und frohlocken.




Die Weihnachtsbume


Nun kommen die vielen Weihnachtsbume
Aus dem Wald in die Stadt herein.
Trumen sie ihre Waldestrume
Weiter beim Laternenschein?

Knnten sie sprechen! Die holden Geschichten
Von der Waldfrau, die Mrchen webt,
Was wir uns alles erst erdichten,
Sie haben das alles wirklich erlebt.

Da stehn sie nun an den Straen und schauen
Wunderlich und fremd darein,
Als ob sie der Zukunft nicht recht trauen,
Es muss da was im Werke sein.

Freilich, wenn sie dann in den Stuben
Im Schmuck der hellen Kerzen stehn
Und den kleinen Mdchen und Buben
In die glnzenden Augen sehn,

Dann ist ihnen auf einmal, als htte
Ihnen das alles schon mal getrumt,
Als sie noch im Wurzelbette
Den stillen Waldweg eingesumt.

Dann stehen sie da, so still und selig,
Als wre ihr heimlichstes Wnschen erfllt,
Als htte sich ihnen doch allmhlich
Ihres Lebens Sinn enthllt;

Als wren sie fr Konfekt und Lichter
Vorherbestimmt, und es msste so sein.
Und ihre spitzen Nadelgesichter
Blicken ganz verklrt darein.




Meinen Sohn zur Taufe


Als wir deine Schwestern getauft,
Hab ich die herrlichsten Rosen gekauft,
Brauchte sich keine zu verstecken,
War jede ein Schmuck frs geweihte Becken.

Inzwischen ist mir's bescheiden geglckt,
Dass ein eigen Grtchen das Haus mir schmckt;
Und an der Seitenwand spinnt sich ein zartes
Rosengerank. Das ist was Apartes.

Eigene Rosen. Wie die doch gleich
Anders leuchten. Mein Sohn, du bist reich.
Kein besseres Omen kann dir blhen
Als dieses helle Rosenglhen.

Das Leben bietet der Blumen nicht viel,
Giebt uns meist nur blattlosen Stiel,
Alles, was wir von auen bekommen,
Ist leicht in die hohle Hand genommen.

Aber was von innen heraus
Wchst und blht, das machts aus;
Aus Eigenem die Krnze binden,
Die uns die Tage hold umwinden.

Nennst du nichts im Leben dein
Als einen vollen Herzensschrein,
Wirst du nach uerm Glanz nicht fragen
Und frhlich eigene Rosen tragen.

Das ist nun kurz mein Taufgebet,
Wie es mir durch die Seele geht,
Whrend der Priester mit frommen Worten
Dir ffnet der Kirche ehrwrdige Pforten.

Frmmigkeit ist eine edle Frucht,
Wchst drauen und in der Kirche Zucht.
Sei fromm, mein Sohn, in Nehmen und Geben,
Suche Gott und ehre das Leben.




Die Mutter

(Ein Traum)


Es war im Garten. Frhliche Gesellen
Umgaben mich. Wir tranken. Und in hellen
Pltschernden Bchen sprudelten die Worte
Von jungen Lippen. Aber nah der Pforte,
In einer einsamen, erhhten Laube,
Sa meine Mutter. Eine reife Traube
Lag vor ihr auf dem Teller, und sie a
Und hrte nicht auf uns. Wie sie so sa,
Wegbreit nur von uns und doch abgeschieden,
Einsam in ihres Alters blassem Frieden,
Zwang mir's den Blick magisch dahin, doch konnte
Ich nicht vom Platz, den Jugend bersonnte
Und laute Lust umklang. Auf einmal schwand
Das alles, und es langte eine Hand,
Alt, rhrend welk und khl, wie aus der Erde
An meinem Bettrand auf mit Bittgebrde:
Willst du mir deine Hand nicht geben? Ach,
Kaum dass ich gab, und weinend wurd ich wach.




Steernkiker


O du leev Deern,
Wahen mit di?
Du schttst as'n Steern
An mi vorbi.

Un wnsch ik mi wat
Un steit mi dat fri,
So wnsch ik mi dat:
De Steern de hrt mi.

Denn keek ik di an
Bi Dag un bi Nacht,
Un so makst du den Mann
To'n Steernkiker sacht.




Lengen


Ik kann nich slapen,
All lang hev ik wacht,
Dat Finster steit apen,
Wa schn is de Nacht.

Dar blinkt de Man,
Wit achter dat Meer;
Mi kmmt en Thran,
Ik weet wull, waher.

Ik hr in de Bm
Den lisen Wind
Flstern un drm
Vun di, min Kind.

Wa is dat nu wull,
Slppst du week un fast?--
In'n Goren full
En Appel vun'n Ast.

En Steern blink un bev
Un schtt achtern Dik.--
Keen htt di so leev,
Keen so, as ik.




Verbaden Leev

Un hev ik mi vergeten,
Un hev ik mi verschull,
Uns Herrgott mt dat weten,
Min Hart weer gar to vull.

Dree lange, lange Jahren
Leeg dat as glnige Kahl'n,
Ik wull min Leev bewahren,
Un kost dat dusend Qual'n.

Uns Herrgott mt dat weten,
Dat ik dat swigen wull,
Un hev mi doch vergeten,
Min Hart weer gar to vull.




An de Gorenport


Aewer de Wischen weit de Wind
So week as de Atem vun en Kind,
Un kmmt doch vun dat grote Meer,
Vun de wille Nordsee her.

De liggt dar nu wull ganz so still
As'n Kind, dat slapen will,
So lising gluckt an'n Strand de Welln,
As wull en wat in'n Drom vertelln.

Ik drm hier an de Gorenport
Un bn en Kind up mine Ort,
Un legg ganz sach de Handn tosam,
Un sprek ganz sach 'n leeven Nam.




Go' Nach


Go' Nach, giv mi noch mol de Hand,
De is so warm un week;
Drch't Finster schient de helle Man
Uns up de witte Deek.

Dit is'n Stunn, bevor de Slap
Uns inlullt sach un st,
Wo ut'n reine Minschenbost
De schnsten Blomen blt.

Min Hart is as en Sommerbeet,
Un di, di blht dit Flach.
Giv mi noch mol din warme Hand,
Un du versteist mi sach.




Ltt Ursel

    Ltt Ursel,
    Ltt Snursel,
Wat snkerst du 'rum?
Di steit din ltt Ns wull
Na Appel un Plumm'.

    Ltt Ursel,
    Ltt Snursel,
Din Ns is man'n Spann,
Doch is dat'n Ns all
Fr Ptt un fr Pann.

    Ltt Ursel,
    Ltt Snursel,
Dar hest'n Rosin,
Dar snd dre ltt Steen in,
Un all' dre snd din.




De Snurkers


De Klock sleit acht,
Nu Kinners, go' Nacht.
Man gau un man fixen
Herut ut de Bxen,
Man flink ut de Schoh
Un rinne in't Stroh.

De Klock sleit negen,
De Oellsten, de sgen,
De Ltt, mit sin Snuten,
Kann ok all wat tuten.
Dat is'n Konzert,
Is wirkli wat wert.

De Klock sleit tein,
Nu, Olsch, ward dat fein,
Nu legg di man slapen,
Du hast dat schn drapen,
Nu klingt dat erst recht,
Ik snurk as'n Knecht.




De ltt' Boom


Ik bin de ltt' Boom
De an de Landstrat steit,
Plckt allens an mi' rm,
Wat weglangs geit.

Een plckt sik'n Blatt,
De anner en Blt,
De smitt se denn wag,
Und de pedd denn de Ft.

Doch hett in min' Aest
Sik'n Vagel inwahnt,
Un kt mi de Snn,
Un strakt mi de Mand.

Denn hev ik min Freud
Und trst mi ok meist:
Wat helpt't, ltt' Boom,
Du steist, wo du steist.




De Stormfloth


  Wat brllt de Storm?
    De Minsch is'n Worm!
  Wat brllt de See?
    'n Dreck is he!

De Wind, de weiht, up springt de Floth
Un sett up den Strand ern natten Fot,
Reckt sik hger und leggt up't Land,
Patsch, ere grote, natte Hand.

De ltte Dik, dat ltte Dorp,
De Floth is daraewer mit eenen Worp.
Dar is keen Hus, dat nich wankt und bevt,
Dar whnt keen Minsch, de morgen noch levt.

  Wat brllt de Storm?
    De Minsch is'n Worm!
  Wat brllt de See?
    'n Dreck is he!




Ritornelle


Weie Syringen.
Ein schlankes Mdchen weint im Frhlingsgarten,
Ich kann das Bild nicht aus der Seele bringen.

Gelbe Narzissen.
Ein Feuerfalter ward vom jhen Winde
Gleich einem Funken eurem Scho entrissen.

Rote Rosen.
Das Dmchen nahm euch khlen Danks entgegen;
Ihr sterbt nun gleich Verirrten, Heimatlosen.

Dunkle Cypressen.
Ein schwarzer Schatten fllt auf meine Strae:
Ich kann die goldnen Tage nicht vergessen.

Apfelblte.
Ist es das Vorgefhl der knftigen Frucht schon,
Das wie mit holder Scham dich berglhte?

Lorbeerbume.
So ernst, so schweigend, wie im tiefsten Sinnen--
Die schnsten Krnze schenken uns die Trume.

Goldregen.
Je mehr du protzst und prahlst mit deinem Glnze,
Je schwler duftet mir dein Gift entgegen.

Immortellen.
Unsterblich sein, das heit doch nur, ihr Zhen,
Langsamen Todes sterben, statt des schnellen.

Weinrebe.
Schlank, zartster Anmut, doch voll sen Feuers,
Und schmiegsam. Ganz so will ich jede Hebe.

Blutrote Georginen.
Der Bauerndirne, dem verschmten Schelme,
Msst, vllig tuschend, als Versteck ihr dienen.

Weie Winden.
Um toten Dornbusch? Ach, ihr Schwachen msst ja,
So will's Natur, an irgend was euch binden.

Stachelbeere.
Reif lieb ich dich nicht mehr, doch hart und herbe
Weckst du den Wunsch: wenn ich ein Kind noch wre!




Frhlingstrunken


Heute hat es zum erstenmal
ber die jungen Knospen gewittert,
Heut hat im Garten zum erstenmal
Um die Erdbeerblten ein Falter gezittert.

Ich laufe die Steige auf und ab,
Wie von jungem Weine trunken.
ber mir, blankflgelig,
Schieen die Schwalben wie Sonnenfunken.

Es ist eine Freude in mir erwacht,
So muss es im Mark des Bumchens glhen,
Das dort, wie selig, im Winde sich wiegt
Und will bald blhen, bald blhen!




Ein silbernes Mrchen


Wie Spinneweben fein
Hngt in den Bumen der Mondenschein,
Ist alles wie Silber: Baum, Beet und Steig,
Und wie glitzernde Glckchen die Blten am Zweig.

Klingt auch ein silbernes Stimmchen darein,
Stimmt lieblich zu all dem silbernen Schein.
Zckt.--Wie sich der Flieder wiegt,
Frau Nachtigall fliegt
In den Mond hinein.




Pfingstlied


Pfingsten ist heut, und die Sonne scheint,
Und die Kirschen blhn, und die Seele meint,
Sie knne durch allen Rausch und Duft
Aufsteigen in die goldene Luft.

Jedes Herz in Freude steht,
Von neuem Geist frisch angeweht,
Und hoffnungsvoll aus Thr und Thor
Steckt's einen grnen Zweig hervor.

Es ist im Fernen und im Nah'n
So ein himmlisches Weltbejah'n
In all dem Lieder- und Glockenklang,
Und die Kinder singen den Weg entlang.

Wissen die Kindlein auch zumeist
Noch nicht viel vom heiligen Geist,
Die Hauptsach spren sie fein und rein:
Heut mssen wir frhlichen Herzens sein.




Wunsch


Die alte Sehnsucht: auf den Gassen liegt
Die Sonne eines ersten warmen Tags.
Fern, fern ein Weg durch Wiese und durch Feld
Und unterm Schatten jungen Buchenschlags.

Der strebt nach einer tiefen Einsamkeit,
Ein braunes Dach lugt zwischen Zweigen aus:
Kommst du? Und wie die kleine Pforte klingt,
Grt mich mein Glck. Hier bin ich ganz zu Haus.




Seele


Dmmerung lscht die letzten Lichter,
Noch ein irrer Schall und Schein,
Und die Nacht hllt dicht und dichter
Alles Leben ein.

Und die Erde will nun schlafen;
Aber ruhelos bist du,
Steuerst aus dem stillen Hafen
Deinen Sternen zu.




Irrende Seele


Meine arme, irrende Seele,
Wirst du nach Hause finden?
Welche Wege musst du noch gehen,
Bis du ein Licht und Ziel wirst sehen.

Lange bist du durch Unland gegangen,
Und wolltest, wie oft, verzagen,
Bist zitternd in die Knie gesunken
Und hast aus bittern Quellen getrunken.

Meine arme, irrende Seele,
Noch immer hlt dich ein letztes Hoffen:
Es muss aus allen Dunkelheiten
Doch ein Weg nach Hause leiten.




Rosentod


Was lsst mich zaudern, mir vom Rosenstrauch
Des holden Kelches satte Lust zu brechen?
Wirft doch vielleicht der nchste Morgenhauch
Sie schon entblttert vor des Grtners Rechen.

Die Schwestern leuchten rings in junger Glut,
Der grne Busch in seiner Mutterfreude--
Mir ist's, als ob ich heiliges Lebensblut
Um eine eitle Augenlust vergeude.

Im engen Glas ein kurzes Treibhausglck,
Ein Leben siecht in einem toten Scherben
Und sehnt sich aus der Kerkerhaft zurck,
In Freiheit an der Mutter Brust zu sterben.

Sahst du ein armes Herz zum letztenmal
In einem hellen Hoffnungsfrhling blhen
Und dann nach herber Tuschung kurzer Qual
Nur um so schneller in sich selbst verglhen?

So scheint noch einmal duft- und farbenfrisch
Die Rose sich im Glase zu erneuen,
Um pltzlich ber deinen stillen Tisch
Und dein Gedicht den blassen Tod zu streuen.




Auf meinen ausgestopften Falken


Nicht mehr ber Wipfel gleitest du,
ber meinen Schreibtisch breitest du,
Ausgestopfter Balg, nun deine Schwingen,
ugst auf mich herab und auf mein Singen.

Gleichen Namens, wunderliche Vettern,
Umgetrieben beid in manchen Wettern,
Du nun ruhend, ich noch in den Lften
Frhlich flgelnd ber Tod und Grften.

Von der Lampe stillem Licht umflutet,
Wie dein Auge mir lebendig glutet!
Und mir ist, ich seh in deine Schwingen
Wieder warmes, rasches Leben dringen.

Blendwerk! Phantasie! Gespenstisch Leben!
Wirst dich nie mehr in die Lfte heben.
Aber mich, nach meinen Erdentagen,
Welche Flgel werden mich noch tragen?




Morgen zwischen Hecken


Weit hinten liegt die groe Stadt,
Die graue Stadt in Dunst und Rauch.
Hier spielt im Licht das grne Blatt
Und schaukelt sich im Morgenhauch.

Hier ist das Leben hold verstummt,
Trumt lieblich in sich selbst hinein;
Nur eine frhe Biene summt
Nschig um se Becherlein.

Und manchmal ein verwehter Laut,
Wie fernen Meeres Wogenschlag.
Was dort um Mauern braust und braut,
Herr, fuhr's zu einem klaren Tag!




Und gar nicht lange


Es steht ein Bumchen kahl im Feld
Und friert in allen Winden.
Und will sich aus der weiten Welt
Kein Vogel zu ihm finden.

Und gar nicht lange, ber Nacht,
Und tausend Blten blinken,
Und seine Krone berdacht
Ein Nest verliebter Finken.




Die bunten Khe


Drei bunte Khe in guter Ruh
Und des Nachbarn Hanne dazu
Traf ich heute in der Frh,
Junghanne und ihre bunten Kuh.

Das gab einen guten, glcklichen Tag,
Die Sonne auf allen Wiesen lag,
Die ganze Welt war so bunt und blank.
Der Hanne und ihren Khen Dank!

Was glaubt ihr, trifft man in der Frh,
Statt der drei bunten drei schwarze Kh
Und statt der Hanne die alte Gret?
Der ganze Tag ist verwnscht und verweht.




Auf der Bleiche


Bringst du Leinen auf die Bleiche?
Kommt dir nicht der Wind darber?
ber Dmme, ber Deiche
Wirbelt er vom Meer herber.

Willst mit Klammern, willst mit Steinen
Dir den weien Schatz erhalten?
Einmal wird mit deinem Leinen
Doch ein fremder Wille schalten.

Kommt's in deiner Tchter Ksten,
Kommt's in deiner Enkel Hnde,
Ist der Faden auch vom Besten,
Das Gewebe nimmt ein Ende.

Hier ein Flicken, dort ein Flicken.
Soll man's kunterbunt besetzen?
Weg damit! so will sich's schicken.
Und der Wind spielt mit den Fetzen.




Wsche im Wind


Tollt der Wind ber Feld und Wiese,
Hat seinen Spa er berall,
Aber am liebsten neckt er die Liese
Mit einem tckischen berfall.

Will sie ihr Zeug auf die Leine bringen,
Zerrt er: Liese, dies Hemd ist mein!
Um jedes Laken muss Liese ringen,
Jedes Stck will erobert sein.

Giebt es der Sausewind endlich verloren,
Schlgt er noch im bermut
Ihr das nasse Zeug um die Ohren:
Da, liebe Liese, hng's auf und sei gut.




Winterwald


Wo ist der lustige Waldvogelsang
Und das spielende Laub? Verweht,
Was ist das fr ein fremder Klang,
Der im Wald umgeht?

Das ist die Axt, die frisst am Holz
Seit Wochen sich satt, o weh!
Da liegt nun mancher grne Stolz,
Ein toter Held, im Schnee.

Was in Lften gelebt und mit Wetter und Wind
Manch trotzigen Strau bestand,
Jetzt biegt es und knickt es ein hungernd Kind
Und bindet's mit frierender Hand.

Auf rmlichem Herd ein Funkentanz
Und ein Knistern. Verglht, versprht!
Und war einmal ein grner Kranz
Und ein Glck. Wo blieb es? Verblht.




Winter


Ein weies Feld, ein stilles Feld.
Aus veilchenblauer Wolkenwand
Hob hinten, fern am Horizont,
Sich sacht des Mondes roter Rand.

Und hob sich ganz heraus und stand
Bald eine runde Scheibe da,
In dstrer Glut. Und durch das Feld
Klang einer Krhe heisres Krh.

Gespenstisch durch die Winternacht
Der groe dunkle Vogel glitt,
Und unten huschte durch den Schnee
Sein schwarzer Schatten lautlos mit.




Die Netzflickerinnen


Schweigend an den Dnen hin
Sitzen die Fischerfrauen und flicken
Die schweren Netze. Guten Fang
Mag der Himmel den Mnnern schicken.

Guten Fang und gute See.
Manches Netz ist schon drauen geblieben,
Und manches Boot ohne Fischer und Fisch
Irgendwo an den Strand getrieben.

Die See macht still, und karg ist das Wort
Der Frauen, die dort im Sande sitzen,
Kurz wie der Schrei der Mwen, die
Ruhelos ber die Dnen flitzen.




Das Mdchen mit den Rosen


Zwei Rosen, die an einem Strauch
Zusammen aufgeblht,
Von einem knospenhaften Hauch
Noch lieblich berglht,

Ein Mdchen brach wohl ber Tag
Das schwesterliche Paar:
Der Mutter, die im Sterben lag,
Bracht sie die eine dar,

Die andre aber legte dann
Mit ihrem ersten Schmerz
Sie weinend dem geliebten Mann,
Trostheischend, an das Herz,

Und glhte selig auf und stund,
Noch halb den Tod im Sinn,
Und bot den jungen Rosenmund
Dem warmen Leben hin.




Das Nixchen


Ein Nixchen ist ans Land geschwommen,
Steht unter einem Bltenbaum,
Die warmen Sommerwinde kommen
Und trocknen ihr den feuchten Saum.

Mit groen Augen sieht die Kleine
Stumm in die heie Flimmerglut;
Wie wird in all dem Sonnenscheine
Dem Nixchen wunderlich zu Mut.

In ihre khle Mdchenkammer
Fllt nur ein ganz gedmpftes Licht,
Als wie durch einen langen Jammer
Ein schwacher Strahl der Hoffnung bricht.

Hier aber ist ein Glei und Glimmer,
Ihr thun davon die Augen weh;
Doch reglos steht sie, staunt nur immer,
Die kleine blonde Wellenfee.

Auf einmal fngt sie an zu weinen,
Wei nicht warum, weint leis sich aus,
Und schlpft dann auf behenden Beinen
Zurck ins khle Wasserhaus.




Feierabend


ber reifen hren liegt
Stiller, goldner Abendschein.
Eine junge Mutter wiegt
Sacht ihr Kind und singt es ein.

Letzter heller Sensenklang
Zittert bers Feld hinaus,
Und der Schnitter ruht am Hang
Feiernd bei den Seinen aus.

Sein gebruntes Angesicht
Leuchtet ber seinem Sohn,
Doch er strt den Schlfer nicht,
Und die Htte wartet schon.

Leichter Herdrauch steigt und weht
ber Wipfel her. Nicht fern
Winkt das Dach. Und drber steht
Friedefromm der Abendstern.




Das Mdel


Ein Mdel sah ich gehen,
Ich stand am Gartenthor,
Mich konnte das Mdel nicht sehen,
Goldregen hing davor.

Ganz nah ging es vorber,
Htt's mit der Hand erreicht,
Und neigte ich mich hinber,
Die Lippen erhaschte ich leicht.

Aber das Mdel schaute
So kindlich in die Welt,
Dass ich mir's nicht getraute.
Dich ksst nur die Mutter, gelt?

Nur ein Zweiglein brach ich
Und warf's ihm auf den Hut,
Grad auf den Hut. Es stach mich
Schelmenbermut.

Ei, das erschrockene Frtzchen!
Und wie die Augen sahn!
Geh weiter, Mutterschtzchen,
Es hat's der Wind gethan.




Im Schnellzug


Der Schnellzug strmt durchs Sommerland,
Und drauen in den Winden,
Da weht und winkt viel buntes Band,
Zu binden mich, zu binden!

Die Htte dort in Heckenruh,
Die Sonne in den Scheiben,
Die Friedeflle ruft mir zu,
Zu bleiben doch, zu bleiben!

Und jetzt die Heide, bltenblau,
Durchkarrter Weg ins Weite;
Grad stapft die alte Botenfrau
Im Torfmull. Nimm's Geleite!

Und jetzt das Feld, goldgelber Flachs,
Und fern ein Blitz von Sensen;
Und dort der Knirps sonnt wie ein Dachs
Sich faul bei seinen Gnsen.

O Junge, hast du's gut! Ich wollt',
Ich lg dort auf dem Bauche,
Indes der Zug vorberrollt,
Und gaffte nach dem Rauche.




Reigen


Sind es bunte Schmetterlinge,
Die um Blumenbeete weben?
Sind es rosige Apfelblten,
Die im leichten Lenzhauch schweben?

Ei, die kleinen Schmetterlinge,
Wie sie so gesittet kreisen,
Ei, die kleinen Apfelblten,
Wie sie sich als Tnzer weisen.

Schmetterlinge? Apfelblten?
Jedes hat zwei Kinderfe,
Kinder sind's, ein Kinderreigen,
Und getanzte Frhlingsgre.

Jeder Schritt ein schmig Fragen,
Jedes zierliche Verneigen
Ein Bejahen; frhlingshafter
Kann sich nicht der Frhling zeigen.

Ja, das schnste Frhlingsliedchen,
Ritornell, Sonette, Stanzen,
Ach, kein Dichter kann's so singen,
Wie es Kinderfe tanzen.




Der Backfisch


Tanzen! Tanzen!
Hab Herz und Kopf von vielem voll,
Ach, das Leben ist sonnig!
Aber wenn ich tanzen soll,
Tanzen soll,
Wonnig ist's, wonnig!

Der Herr Lehrer am Klavier,
Reizend ist er mitunter.
Vierhndig spielten heute wir,
Ging alles drber und drunter.
Sah er mich von oben an,
Komisch an, der kluge Mann:
Sie wollen wohl wieder tanzen?

Malen, ach, es ist himmlisch s!
Besonders im Freien skizzieren.
Holt man sich manchmal auch nasse Fu,
Was wird's die Kunst genieren?
l, Aquarell,
Kohle, Pastell,
Ach, es geht nichts darber,
Nur tanzen ist mir lieber,
So ein Walzer von Strau
Sticht alles aus.

Radeln? All Heil!
Auf dem Zweirad leist ich mein Teil.
Frisch wie der Wind
In die Wett mit dem Wind.
Aber alle Rder der Erde sind
Nichts gegen meine zwei Sohlen,
Kommt einer zum Tanz mich holen;
Wer es auch sei, ich sag nicht nein,
Muss nur grad kein Ekel sein.
Tanzen, ach tanzen! La la la la la la....
Wre nur erst das Ballfest da!




Der seltene Vogel


Geht ein kleiner Mann spazieren,
Unterm Schirm spazieren.
Kommt ein Sturmwind um die Ecken,
Ei, wie that das Mnnlein erschrecken.
Knnte sich verlieren.

Macht der Wind kein Federlesen,
Gar kein Federlesen,
Und nun muss das Mnnlein fliegen,
Hui, wie ist es aufgestiegen,
Wie ein Flgelwesen.

Fliegt das Mnnlein eine Stunde,
Eine ganze Stunde,
Krht vor Angst wie eine Krhe,
Liegt der Jger auf der Sphe,
Jger mit dem Hunde.

Puff! den Vogel muss er haben,
Muss den Vogel haben.
Und das Mnnlein, ohne Flgel,
Saust in einen Maulwurfshgel,
Denkt, es wird begraben.

Blafft der Hund und scharrt und schnuppert,
Hat es bald erschnuppert.
Ist kein Trpfchen Blut geflossen,
Nur sein Hschen ist durchschossen,
Und sein Herzchen bubbert.

Klopft der Jger ihm die Kleider,
Klopft ihm ab die Kleider.
That es links und rechts umdrehen
Und den Vogel sich besehen,
Ei, da war's ein Schneider!




Idyll


Unter zarten Birkenzweigen,
Erster junger Frhlingsglanz,
Blst der Schfer seinen Reigen,
Doch kein Volk tritt an zum Tanz.

Nur die Schafe gehn und grasen,
Wei und schwarz im Sonnenschein,
Und zwei aufgescheuchte Hasen
Springen quer ins Feld hinein.

Aber um die Frhlingsblten
Tanzen bunte Falter hin,
Um die Herde mit zu hten,
Kommt die junge Schferin.

Lockten sie die sen Klnge,
Lenkte sie die leichte Pflicht?
Leuchtend wie die Frhlingshnge
Lacht ihr liebliches Gesicht.

Und verstummt ist das Getne,
Rings ein ses Schweigen nun:
Ksst der Schfer seine Schne,
Mssen Pflicht und Flte ruhn.




Pusteblumen


Ein Schaf und zwei Lmmlein
Und all drei schneewei,
Und grn ist die Wiese,
Und hei ist's, hei.

Am Heckchen, am Bschchen,
Khl schattet's herab,
Sitzt Bbchen und rauft rings
Die Pusteblumen ab.

Die Flckchen im Winde,
Wie segeln sie fein,
Die Lmmerchen hpfen
Auf alle vier Bein.

Das Bbchen wird mde,
Ihm trumt eins geschwind:
Viel Lmmerchen tanzen
Wie Flckchen im Wind.

Er pustet dazwischen,
Die Backen geblht,
Hei, geht's umeinander,
Und jed Lmmchen mh--h--t.




Konsequenz


In meinem Grtchen, zwei Fu vom Weg,
Hinter dem niedern Gittergeheg,
Blht mir ein blauer Syringenstrauch,
Meine Freude, und meiner Kinder auch.
Aber die Buben von den Gassen,
Die Racker, knnen das Rubern nicht lassen.

Wenn sie frh in die Schule gehn,
Ein Kleinster bleibt begehrlich stehn,
Ein zweiter stellt sich daneben auf
Und schielt mit ihm zum Bumchen hinauf,
Mchten gerne von den Syringen
Ein Zweiglein mit in die Klasse bringen.

Kommt ein dritter, hops, wie er hupft,
Hat sich ein paar Bltter gerupft,
Aber der Grnkram gengt ihm nicht,
Er ist mal auf Syringen erpicht.
Noch einmal, hops!--Euch will ich kriegen.
Ich klopf ans Fenster. Hei, wie sie fliegen.

So ein Bubenvolk ist schlimm,
Gefllt ihm was, gleich denkt es: nimm!
Aber dass auch die Mdel--ich bitt,
Kommen da welche gleich zu dritt,
Recken die Hlschen, drehen die Kpfchen
ngstlich und schlenkern mit den Zpfchen.

Hebt sich die lngste auf den Zeh'n,
Einmal, zweimal, es will nicht gehn.
Gehuschel, Getuschel. Mdel sind klug;
Hat sie, bevor ich ans Fenster schlug,
Das kleinste schnell auf den Arm genommen
Und die allerschnsten Syringen bekommen.

Ich drohe ihr, sie lacht mich an,
Wie nur ein Mdel lachen kann,
Spitzbbisch, schelmisch und doch ganz lieb.
Es ist ein allerliebster Dieb,
Und da--ich will recht finster blicken
Und kann nur lachen und freundlich nicken.

In Zukunft sind die Syringen frei,
Ob Mdel, ob Buben, ist einerlei.
Was ihr im Sprung erhschen knnt,
Ihr Diebsgelichter, sei euch gegnnt.
Nur braucht ihr das selber nicht grade zu wissen,
Mein Bumchen wrde mir arg zerrissen.




Die Ruber


Ich war, ein Knabe, in den Wald gegangen
Mit meinen Brdern. Wie die wilden Rangen
Den Ferienmorgen durch die Bsche trieben,
Dass er entfloh, als htt er Hasenlufe.
Und selber jagten sie sich umeinander,
Hierhin, dorthin, wie steuerlose Brander.
Und wirklich war bald nichts vom Wald geblieben,
Als funkenberstreute Aschenhufe.

Ein rechter Ruber, seines Werts durchdrungen,
Und sei er auch der Schule just entsprungen,
Kann nicht der Brger glatte Wege wandeln,
Wo Frster und Magister ihm begegnen.
Er braucht das Dickicht, wo kein Hund ihn wittert,
Braucht finstre Hhlen, buschwerkbergittert,
Wo kein Gesetz ihm lahmt das khne Handeln
Und keine Prgel in sein Handwerk regnen,

O Freiheit, deine roten Flammen schlugen
So strmisch nie, und keine Hnde trugen
So hochgemut die lodernden Fanale,
Wir waren Ruber und dazu Indianer,
Zum "Groen Adler" wurde Hnschen Meier,
Und Mllers Fritzchen zum "Gefleckten Geier",
Die Friedenspfeife ging zum dritten Male
Von Hand zu Hand, und blass sa der Quartaner.

Und schweigend qualmten um die drren Reiser
Die tapfern Krieger, jeder Held ein Weiser
Im groen Rat: Und durch die Buchenrunde
Zog sacht der Rauch des Feuers und der Pfeifen.
Dann ging die Flasche mit dem Himbeersafte,
Die der verwegene Huptling sich verschaffte,
"Der groe Bffel", still von Mund zu Munde.
Ein Pfiff! Und nach dem Kriegsbeil galt's zu greifen.

Ihr Knabenspiele unter Sommerbuchen,
Wo soll ich kstlichere Freuden suchen,
Als die aus eurem tollen Treiben sprossen,
Wie helle Rosen aus den wilden Ranken.
Doch Dornen hatten, weh! auch diese Rosen,
Und sie zerrissen nicht allein die Hosen,
Auch rotes Blut ist jmmerlich geflossen,
Und dann, zu Haus, der Rubermutter Zanken.

Und einmal mussten wir die Huptlingsrcken,
O Schmach fr Helden, untern Stecken bcken.
Den groen Bffel nahm man fest beim Horne,
Der groe Adler musste Federn lassen,
Denn aus der Asche unsrer Hhlenscheite
Erstand ein Klger, der in alle Weite
Die Klage rief. Die ward zum Todesdorne
Fr unsern Mut und lie uns feig erblassen.

Der Wald in Flammen! Weh, die Schreckenskunde!
Wir zitterten. Nun ist die letzte Stunde
Fr euch gekommen, und die Messer blitzen,
Kreisrund den Skalp von eurem Haupt zu trennen.
Der Wald in Flammen! Frster, Polizisten,
Kerker, Schafott, ringsum die Stadtgardisten--
Doch nein, man wird euch schon die Haut nicht ritzen.
Mut, groer Bffel! Nur die Weiber flennen.

Die Zhne fest! Und Hiebe gab es, Hiebe!
Und ist die Zchtigung ein Werk der Liebe,
Kein Vater liebte heier seine Knaben
Und mehr als sie verdienten, wie ich meine:
Zwei junge Buchen waren drauf gegangen,
Und unsres Wigwams rauchgeschwrzte Stangen
Schrien unsre Schandtat in das Ohr des Raben,
Der Krumen las an unserm Opfersteine.




Denkmalkantate


Bimmbamm, Bimmbumm,
Bitte, bitte, bettel, bettel,
Klingelbeutel geht herum,
Blankes Silber, blaue Zettel,
Nickel ist und Gold willkommen,
Alles wird mit Dank genommen,
Bitte, bitte!

Bimmbamm, bimmbumm,
Groe Leute soll man ehren,
Klingelbeutel geht herum,
Bitte, alle Taschen leeren,
Bitte, bitte, bettel, bettel,
Blankes Silber, blaue Zettel,
Bettel, bettel!

Bimmbamm, bimmbumm,
Den wir feierlichst begraben,
Klingelbeutel geht herum,
Dass er kann ein Denkmal haben.
Nickel ist und Gold willkommen,
Alles wird mit Dank genommen,
Bitte, bitte!

Bimmbamm, bimmbumm,
So ein Denkmal ist nicht billig,
Klingelbeutel geht herum,
Jeder sei nach Krften willig,
Bitte, bitte, bettel, bettel,
Blankes Silber, blaue Zettel,
Bettel, bettel!

Bimmbamm, bimmbumm,
Unsre Enkel soll es lehren,
Klingelbeutel geht herum,
Wie man das Genie muss ehren.
Was es selber nie bekommen,
Alles wird mit Dank genommen,
Bitte, bitte!

Bimmbamm, bimmbumm,
Festkonzert und Denkmalfeier,
Klingelbeutel geht herum,
Fnfzig Mark giebt Minchen Meier,
Bitte, bitte, bettel, bettel,
Blankes Silber, blaue Zettel,
Bettel, bettel!




Bescheidener Wunsch.


Wenn ihr uns nur wolltet lesen!
Was haben wir von dem Denkmalwesen?
Ach, wonach wir gedarbt im Leben,
Jetzt knnt ihr es so leicht uns geben:
Ein wenig Liebe. Der Tod macht uns billig.
Kauft uns. Aufs Denkmal verzichten wir willig.
Mehr freut uns, wenn ihr ein Lied von uns kennt,
Als wenn unser Bild in der Sonne brennt.
Eure Liebe sei unser Postament.




Zweimal zwei ist vier


Mit groen Gebrden und groen Worten
Treibens viele Leute allerorten.
Haben eine absonderliche Manier,
Zu sagen: zweimal zwei ist vier.
Orakeln im mystischen Tempelbass:
Liebe Brder, wenn's regnet, wird's nass!
Je weniger sie zu sagen haben,
Je toller gebrden sich die Knaben.
Doch wie sie sich geben und wie sie beharren,
Man merkt gleich, es sind Narren.
Sind auch etliche "Dichter" darunter,
Die treiben's erst munter!




Prolog zur Nietzsche-Gedenkfeier

der Literarischen Gesellschaft in Hamburg


Er fuhr vorber, hellen Angesichtes,
Der Tod, als ging's zu einer Hochzeitsfeier.
Wohin? Wem neidest du das Glck des Lichtes,
Du mit der Hast des beutefrohen Geiers?

Ein kurzer Blick, er hemmte seinen Flug
Und stand.
            Hast? Immer hab ich Zeit genug.
Ein Stndchen frher oder spter zhlt
Dem Freier wohl, der sich die Braut erwhlt;
Der Schnitter, dem das Korn entgegendampft
In satter Reife, nimmt sich Zeit zum Schrfen,
Und, lssiger noch, der Mller, der's zerstampft,
Er kann's auch morgen auf die Mhle werfen.
Und ich, der Jger ber alles Wild,
Dem kein Gesetz und keine Schonzeit gilt--

Und doch, du fuhrst wie ein verliebter Knabe,
Der nach des Mdchens sem Munde schmachtet.
Wer ist es? Wem bringst du die Hochzeitsgabe?
Dem Genius, dessen Seele, halb umnachtet,
Den Tag vertrumt, der ihm sonst Ernten bot, Nietzsche.
Und diesen Namen nannt der Tod
Mit Ehrfurcht und mit Liebe. Und er wand
Sich ab und schied. Ein Blitz fuhr bers Land.

       *       *       *       *       *

Die Trauerglocken, die in Weimar klangen,
Klagten: Nietzsche ist heimgegangen.

Ein khner Flieger, Freund von allen Winden,
Ein freier Vogel ber hchste Wipfel,
Ein Segler ber Meere, ber Gipfel,
Nichts kann ihm seine stolzen Flgel binden.
Da fhrt ein Blitz dem Starken ins Gefieder
Und strzt ihn nieder.

Die Kleinen, die der Groen Flug beneiden,
Die kleine Heckenzunft--das gab ein Schwatzen.
Er war gestraft. Das Recht blieb bei den Spatzen:
Wir sind gesund, wir konnten uns bescheiden,
Wir flogen nur um unsre Futterpltze,
Wir klugen Mtze.

Das schlimme Lied vom Genius und der Menge,
Die Schritt vor Schritt mit tausend Fen tastet,
Indessen er auf stillen Bergen rastet,
Einsam, hoch ber Enge und Gedrnge,
Zu Flgen rastet, die auf Sehnsuchtsschwingen
Zur Sonne dringen.

Und nun hinaus, hinauf! Da hemmt kein Zagen.
Der Himmel lockt mit seinen Wunderweiten.
Das ist ein selig, strmisch Flgelbreiten.
Ihr Winde alle, Freunde, kommt, mich tragen!
Vom Berg zur Wolke. Durch! Und dort, in Fernen,
Lockt Stern zu Sternen.

O Glck! O Lust! o Flug nach goldnen Ksten!
Tief unten rauscht das Meer und trmt die Wogen.
Du ungeberdige Flut, der ich entflogen,
Will es nach Tod und Trmmern dich gelsten?
Das tiefe Grollen deines Zorns klingt schn
In meinen Hhn.

Du fngst mich nicht! Soll diese Kraft vergehen,
So sei es an der Sonne Feuerherzen.
Das war ein Sterben, wren Gtterschmerzen:
Fliegen und schon in Todesflammen stehen.
--Da fhrt ein Blitz dem Starken ins Gefieder
Und strzt ihn nieder.

       *       *       *       *       *

Die Trauerglocken, die in Weimar klangen,
Klagten: Ein Held ist heimgegangen.

Ein Held und ein Eroberer. Burgen sanken
Auf seinem Weg in Trmmern, Tempel strzten
Und Opfersteine rings, wo die Gewohnheit
In dumpfer Andacht kniete. Er war hart
Und ging den Weg des Helden mitleidlos,
Zerschlug Altre, wo auch er geopfert,
Zertrat die Grten seiner Jugendspiele
Und ging von seinen Freunden, die er liebte,
Treulos, um nur in einem treu zu sein:
Treu seinem Willen, der zur Wahrheit wollte.
Und hrter ward sein Schwert mit jedem Schlag.
Wo ist die Hrte, die ihm trotzen mag?
Da zuckt ein Blitz. Der harte Stahl zerspellt,
Und schwertlos fllt der todessieche Held.

       *       *       *       *       *

Weint nicht um ihn. Aus seinen Wunden
Seht ihr die leuchtenden Rosen blhn?
Krnze des jauchzenden Lebens gebunden
Aus dem Frhlingsgeschenk seiner Wunden,
Und ihr ehrt und feiert ihn.

Licht war sein Herz und Licht seine Seele,
Ja! war sein Wort zu Leben und Tod.
Tapfer, den Tag und den Tanz in der Seele,
Galt seine Liebe dem Morgenrot.

Rausch der Kraft und jauchzendes Hoffen
Lieh seinem Lied den Adlerflug,
Der, bevor ihn der Blitz getroffen,
Klingend ans Thor der Zukunft schlug.

Seht, und die goldenen Angeln erklangen,
Und ein Licht und ein Glanz ward frei.
Die zu den Quellen des Lebens drangen,
Zhlen den Priestern des Lebens bei.

Weint nicht um ihn. Aus seinen Wunden
Seht die leuchtenden Rosen blhn.
Krnze des jauchzenden Lebens gebunden
Aus dem Frhlingsgeschenk seiner Wunden,
Und ihr ehrt und feiert ihn.




Prolog zur Bcklin-Gedenkfeier

der Gesellschaft hamburgischer Kunstfreunde

(Frulein Minna Persoon gewidmet.)


Ein Groer starb: _Bcklin_. Vor wenig Tagen
Gab man der Erde ihren Anteil wieder--
Und legte Rosen auf den Hgel nieder
Und dunklen Lorbeer. Leises Flgelschlagen
Der Stunden, die die stille Sttte streifen--
Und jedem Flgelschlag entblttert sacht
Sich eine Rose, die vielleicht am Strauch
Des Lebens letzten roten Gru gelacht
Dem, dessen Tod auch ihr Tod ward. Ein Hauch
Vergnglichkeit um dieses Grab geweht,
Um das der dauerhafte Lorbeer steht.

       *       *       *       *       *

Zwei Freunde, die in Feierstunden,
Sich in Florenz zu einander gefunden,
Hatten die halbe Winternacht
Dem toten Meister nachgedacht.
Ein Maler war's und ein Poet,
Fhlten sich eines Geistes durchweht,
Gossen ihren roten Wein
Glutvoll in seinen Ruhm hinein,
Klirrten die leeren Glser zusammen
Und schssen wie zwei Feuerflammen
Von ihrer Bank empor und gingen
Des Meisters Grab einen Gru zu bringen,
Wollten unterm Sternenschein
Seinem Genius eine Andacht weihn.

Sprach der Maler: So ist's recht,
Hat sich am Tage so mancher erfrecht
Dem Meister sein Gloria zu schrein,
Stimmte so mit den andern ein,
Aber ist der Lrm verweht,
Er wieder alte Wege geht,
An denen, die noch malen und dichten,
Seine Torturen zu verrichten.
Wer die Marterschrauben berdauert,
Der wird dann rhmlichst eingemauert
In ein Pantheon von groen Leuten,
Die man anfangs wollte huten.
Nun wei man aus ihren Kleiderfetzen
Sich selbst noch ein Wams zusammenzusetzen,
Gebrdet sich als Apostel gar
Und ist in den Flicken doch nur ein Narr.

"Nicht schlecht gewettert," lacht der Poet,
"Doch wird es, so lange die Welt besteht,
Nicht anders, Freund. Und zuletzt, die Narren
Schmcken des Groen Ruhmeskarren
Als lustige Fratzen wider Willen;
Muss jeder seinen Zweck erfllen.
Und wren am Ende die Teufel nicht,
Ein Engel htt kein besonder Gesicht."

"Du siehst wieder alles von oben an,"
Grollt der erregte Pinselmann,
"Aber steht man so mitten darinnen--"
"Freund, man muss auch das Oben gewinnen
Mit Kampf und blutenden Wunden viel.
Wre das Leben ein Tanz und Spiel,
Wer mchte die Arme zum Himmel erheben,
Dass er ihm einen Tag lnger mg geben?
Aber trotz der Widergewalten
Gelassen am eigenen Ich sich halten:
Zerrt nur, schraubt nur, Ihr reit mir nichts los!
So ward Bcklin gro."

So in Streit und Widerstreit
Unter des Sternfriedens Herrlichkeit
Zgelten sie das rasche Wort,
Je mehr sie dem geweihten Ort
Sich nahten, gingen schlielich nur
Schweigend auf eines Gedankens Spur,
Von einem tiefen Empfinden gewiegt,
Das alles laute Wesen besiegt.
Merkten, und merkten's auch wieder nicht:
Heller wurde der Sterne Licht,
War ein himmlischer Wunderschein,
Der hllte alles um sie ein.

Und da stand des Meisters Gestalt,
Wie man Gott Vater abgemalt,
Der mit gelassener Gebrde
Sich runden heit den Kreis der Erde,
Baum, Tier und Menschen stellt hinein
Und freut sich: nun kann's Sonntag sein.
Zur Seite hockt ihm gemchlich Gott Pan
Und lsst die Flte lieblich klingen.
Bockfiger Faune Tanz zerstampft den Plan,
Und um die Zottelbren schlingen
Dryaden einen lustigen Reihn
Und Flgelbuben springen drein.--
Doch mhlich ordnet sich das Spiel und drngt
Dem Strand zu, wo Tritonen liegen
Und Nixen, Arm in Arm gehngt,
Sich leise auf den Wellen wiegen.
Und von dem munteren Zug geleitet,
Arm traut in Arm mit Pan, so schreitet
Bcklin zum Strand hinab. Pans Flte schweigt,
Doch aus den Muscheln der Tritonen steigt
Drhnend ein Gru, dass rings das Ufer bebt.
Der Gru verhallt. Still wird's. Vom Meere schwebt
Ein Segel her, naht eine Barke sich,
Drin steht der Tod mit seiner stummen Geigen
Und bittet jenen, in das Boot zu steigen.
Der grt und folgt. Leis schwankt der Barke Rand.
Ein Edelbild, das nicht vom Steuer wich,
Ein gttlich Weib bietet dem Gast die Hand.
Dann ist, umspielt von jungen Nereiden,
Das selige Schiff langsam vom Strand geschieden,
Nur eine milde se Geige klang
Noch lang im Wind, bis es die Nacht verschlang.

Und Pan? die Faune? die Dryaden? Nichts
War da, als nur ein Schimmer stillen Lichts,
Das von den Sternen um den Hgel wob.--
Und als der Maler seine Stimme hob
Und fragte: "Freund, was trumt dir? Lass uns gehn,
Des Meisters Ruhesttte anzusehn,"
Fhrt jener auf aus seinem Traum und lacht:
"Hab mit der Phantasie ein Spiel gemacht,
Ich sah das ganze Bocksbeinvolk im Reigen
Dem Meister Arnold Reverenz bezeigen.
Doch komm und lass uns an den Hgel treten,
Auch uns gehrt der Bcklin, uns Poeten."

Still lag das Grab im Frieden dieser Nacht,
Der Lorbeer glnzte im Licht der Sterne,
Und aus der halbverwelkten Rosenpracht
Verlor ein letzter Duft sich in die Ferne.--
Die aber jetzt an diesem Hgel standen
Und ihrer Weihe keine Worte fanden,
Ob sie aus dieser andachtstrunknen Nacht
Wohl eine Frucht mit in den Tag gebracht?
Was kann dies Grab aus seiner Kammer geben?
Dem Starken Hchstes: Lust und Kraft zum Leben.




Der Trauermantel


Einsamer Mohn glhte am Grabenrand,
Ein Falter zog um ihn zitternde Ringe.
Ein Trauermantel. Sonnig lag das Land,
Der einzige Schatten war die schwarze Schwinge
Des dunklen Gauklers dort, der um die Glut
Des roten Mohns, ein traumhaft Wesen, flog.
Und mhlich schien es mir, als ob das Blut
Der Blume aus den Wangen wich; sie zog
Erblassend, welkend, sich in sich zusammen,
Doch immer noch um die erloschnen Flammen
Zuckten die schwarzen Flgel, bis ein Wind,
Der bern Weg lief, sie ins Feld entfhrte.
War ich vom Licht, vom Flgelflimmern blind?
War es ein Schlaf, ein Traum, der mich berhrte,
Erzeugt in jenem Purpurkelch, der jetzt
Wie vorher flammte, sommerheier Glut?
Ein Nichts. Ein Spuk. Blendwerk. Und doch, zuletzt,
Es blieb ein leises Frsteln mir im Blut,
Und als ich abends mit den Freunden trank,
Die heiterm Tag ein heitres Ende machten,
Sprach ich von Herbst und Tod; sie aber lachten
Und stieen frhlich an. Ein Glas zersprang.




Tag und Nacht


Einen dichtesten, dunkelsten Schleier trug
Die Nacht. Qult alte Schuld und Not
Sie immer noch? Auf ihrem Flug,
Was sie mit leisem Flgel schlug,
Stand alles starr und tot.

Was kmmert es den jungen Tag,
Was die schweigsame Schwester beschwert,
Da er in holdem Schlummer lag;
Er fragt der Weinenden nicht nach,
Die seiner nie begehrt.

Auf falterfarbigen Flgeln hebt
Er freudejauchzend sich hinauf,
Und wie er ber den Wiesen schwebt,
Ein jedes Blmchen, das da lebt,
Lchelt zu ihm auf.

Nur der trbe Bach klagt leis
Zwischen Schilf und schwarzem Moor.
Gab ihm die Nacht ihr Geheimnis preis?
Er flstert und wispert, als ob er was wei,
Und raschelt und raunt im Rohr.




Das Birkenwldchen


Inmitten der Heide trumt
Ein Birkenwldchen, sumpfumsumt.
Die stillen Wasser blinken,
Daraus die Wurzeln trinken.

Hier geht sobald kein Menschenfu
Und klingt kein Sommervogelgru,
Hier ist in ihrer Klause
Die Einsamkeit zu Hause.

Und nchtens stellt bei Mondenschein
Ein Wispern sich und Flstern ein,
Und weie Schatten heben
Gespenstisch sich ins Leben.

Und mittags, wenn die Sonne glht,
Dass fast die Heide Funken sprht,
Scheint dort in khlen Schauern
Ein Seltsames zu lauern.

Ein Jger, den die Heideglut
Hintrieb, war einst dort eingeruht,
Ihm trumt'--er konnt's nicht sagen,
Er starb in wenig Tagen.




Der Freier


Es sa im hellen Sonnenschein
Gevatter Tod am Grabenrand,
Kreuzte gemchlich Bein und Bein
Und hielt ein Blmchen in der Hand.

Er trieb das alte Fragespiel
Und fragte ehrlich Blatt fr Blatt,
Bis er den kahlgerupften Stiel
In seinen harten Fingern hatt'.

Ein melancholisch Lcheln glitt
Leicht bers gelbe Kalkgesicht,
Dann stand er langsam auf und schritt
Durchs Stoppelfeld. Er eilte nicht.

Das Dorf lag hinterm nchsten Hang,
Und sicher war die Braut ihm auch,
So war denn auch sein Freiersgang
Gemchlicher als sonst der Brauch.

Noch einmal, vor dem letzten Haus,
Brach er ein Asterchen und riss
Ihm alle seidenen Blttchen aus
Und zhlte nicht, des Spiels gewiss.

Er warf den Stengel hinter sich
Und trat ins niedere Huschen ein:
Schn Annemarie, ich liebe dich
Und frage nicht ja und frage nicht nein.




Der Frhlingsreiter


Um Mitternacht
Bin ich jh erwacht.
Hufschlag hallte, ein Horn erklang,
Dass ich erschreckt ans Fenster sprang.

Der Mond schien hell,
Und da kam es zur Stell:
Ein Schatten voraus, dann ein milchwei Ross,
Darber des Mondes Silber floss,

Und ein Reiter ganz jung, einen blauen Kranz
Im Gelock. Hell blitzte des Hornes Glanz
In der Faust, und er stie in das Horn hinein,
Als sollte und msste geblasen sein.

O war das ein Klang
In dem Horngesang!
Eine se Kraft, eine blhende Kraft,
Eine zitternde, quellende Leidenschaft,

Ein Herz und ein Jubel, ein seliger Schrei!
Ein Klingen, ein Leuchten--da war es vorbei.
Hatte mich ein Traum bethrt?
Nicht einer hatte den Reiter gehrt,

Sie lachten mich alle am Morgen aus:
Da kommt der Trumer, der Dichter heraus.
Aber mein Tchterchen kam mit Hurra:
Seht mal, die ersten Veilchen sind da!

Und ich glaube, auch Krokus und Narzissen
Kommen schon.--Was wollt ich noch wissen?
Ich lchelte nur und sagte: Ja, ja,
Ich wei, die Veilchen sind wieder da.




Scherz


Als ich heute Nacht
Das Fenster aufgemacht,
Sah ich ein Bbchen mit zitternden Flgeln,
Das stolperte zwischen weien Hgeln;
Bald auf dem linken, bald auf dem rechten Zeh,
So stelzt es im Schnee.

War's Amor, der ein Stndchen gebracht,
berrascht von der ersten Winternacht?
Oder war es nur ein letzter
Kleiner dicker untersetzter
Blumengeist, der berrumpelt
Durch den ersten Schnee hinhumpelt
Und wei nicht so schnell
Wohin zur Stell,
Und, so was kommt vor, im Schrecken vergisst,
Dass er fliegen kann, geflgelt ist?

Ich rief ihn an: Pst! Kleiner!
Kriegt mich auf einmal von hinten einer
Am Kragen und schilt: Schlie das Fenster doch,
Du erkltst dich noch.

Meine Frau, die verstndige war's, sie hlt meist
Meine Mrchenerfindungen fr sehr dreist.
So hab ich ihr auch, was ich sah, verschwiegen
Und bin ganz still ins Bett gestiegen.




Die Schnitterin


War einst ein Knecht, einer Witwe Sohn,--
Der hatte sich schwer vergangen.
Da sprach sein Herr: Du bekommst deinen Lohn,'
Morgen musst du hangen.

Als das seiner Mutter kund gethan,
Auf die Erde fiel sie mit Schreien:
O lieber Herr Graf und hrt mich an,
Er ist der letzte von dreien.

Den ersten schluckte die schwarze See,
Seinen Vater schon musste sie haben,
Den andern haben in Schonens Schnee
Eure schwedischen Feinde begraben.

Und lasst ihr mir den letzten nicht,
Und hat er sich vergangen,
Lasst meines Alters Trost und Licht
Nicht schmhlich am Galgen hangen.

Die Sonne hell im Mittag stand,
Der Graf sa hoch zu Pferde,
Das jammernde Weib hielt sein Gewand
Und schrie vor ihm auf der Erde.

Da rief er: Gut, eh die Sonne geht,
Kannst du drei cker mir schneiden,
Drei cker Gerste, dein Sohn besteht,
Den Tod soll er nicht leiden.

So trieb er Spott, hart gelaunt,
Und ist seines Wegs geritten.
Am Abend aber, der Strenge staunt,
Drei cker waren geschnitten.

Was stolz im Halm stand ber Tag,
Sank hin, er musst es schon glauben.
Und dort, was war's, was am Feldrand lag?
Sein Schimmel stieg mit Schnauben.

Drei cker Gerste, ums Abendrot,
Lagen in breiten Schwaden,
Daneben die Mutter, und die war tot.
So kam der Knecht zu Gnaden.




Das Geisterschiff


Alle Schiffer kamen wieder,
Kay kam nicht.
Auf die Erde warf Meike sich nieder,
In den Sand das Gesicht.

Sie weinte und rang die weien Arme:
Kay, komm, Kay!
Sie flehte und fluchte, dass Gott erbarme:
Kay, komm, Kay!

Da lief ein Schiff auf schwarzer Welle
Nachts an den Strand,
Da kam ihr toter Herzgeselle
Und nahm sie bei der Hand.

Sie fhlte es bis in die spitzen Zehen
Und bis in ihr blondes Haar.
Und Meike musste mit ihm gehen
Und segeln immerdar.




Die treue Schwester


Vater und Mutter lagen im Grab,
Und der Bruder wollt bers weite Meer.
Wiebke hing an seinem Hals,
Verzagt und weinte sehr.

Meine Lampe will ich ans Fenster stelln,
Kein Stern hat hellem Schein,
Herzbruder, und wenn du wiederkehrst,
Dein Schiff luft sicher ein.

Ans Fenster stellte die Lampe sie
Und wartete an sieben Jahr,
Alle Schiffer kannten ihr Licht,
Das brannte hell und klar.

Sieben Jahre und sieben noch.
Lsch doch deine Lampe aus.
Sie schttelte ihren weien Kopf:
Er kommt doch einmal nach Haus.

Und eines Nachts, und die See ging schwer,
Und sie sahen, am Fenster brannte kein Licht;
Da sprachen sie, er ist heimgekehrt,
Ihr Glaube trog sie nicht.

Und morgens, sie wollten den Bruder sehn,
Im Hafen war kein Schiff, kein Boot,
Und sie gingen und fanden die Lampe leer,
Und Wiebke sa und war tot.




Sara Limbeck


Schn Sara, des Ritter Limbecks Weib,
War jung und immer fidel,
Der Ritter aber war krank an Leib
Und alt an Herz und Seel!
Und gab's im Schloss ein frhlich Bankett
Mit Saras lustigen Kumpanen,
Der Ritter Limbeck lag im Bett,
Bekam nichts von Kapaun und Fasanen.

Und oftmals verdross es schn Sara zu Haus,
Dann musste die Kutsche vor,
Mit vier schwarzen Rappen fuhr sie aus,
Laut knarrte das alte Thor.
Der Ritter richtete sich auf,
Die Knochen zusammengerissen;
Das gibt wieder frhlich Gejaid und Gesauf!
Und er sank zurck in die Kissen.

Schn Sara lebte in Saus und Braus,
Ritter Limbeck starb allein.
Sie drckte sich keine Thrne heraus,
Jetzt wollt sie erst lustig sein!
Ritter Limbeck lag in der kalten Gruft,
Und oben klirrten die Becher,
Und war mancher Schelm und war mancher Schuft,
Der wurde verliebter und frecher.

Und bers Jahr, und die gleiche Nacht
Und der gleiche Stundenschlag,
Da der Limbeck sein letztes Kreuz gemacht,
Und im Schloss war ein lrmend Gelag,
Da fuhr die groe Kutsche vor,
Von vier schwarzen Rappen gezogen,
Und Sara fuhr durch das knarrende Thor,
Und die schwarzen Rappen flogen.

Frau Sara fuhr feldein, feldaus,
Die Nacht war schwarz und schwer,
Frau Sara kam nicht wieder nach Haus,
Man sah sie niemals mehr.
Nur nachts, wenn Wandrer irr und wirr
Verlorenen Weg sich suchen,
Erschreckt sie auf einmal ein schwarz Geschirr
Und ein Schnauben und Peitschen und Fluchen.

Das ist die lustige Sara, die nun
Nchtlich kutschieren muss,
Und knnte beim Ritter Limbeck ruhn
Fr einen letzten Kuss.
Nun fhrt sie hundert Jahre wohl noch
Querfeld, trotz Zaun und trotz Hecken.
Durch! Wie die Kutsche so gro gibt's ein Loch,
Den Bauern zum hllischen Schrecken.




Thies und Ose.


In Wenningstedt bei Karten und Korn
Erschlug einst ein Bauer in jhem Zorn
Seinen Gast. Thies Thiessen war stark,
Und der Hansen ein Stnker um jeden Quark.

Nun lag er bleich und im Blut auf dem Stroh.
Aber wo war Thies Thiessen? Wo?
Sie suchten ihn und fanden ihn nicht,
Und der Galgen machte ein langes Gesicht.

Ose, des Mrders Weib, kam in Not.
Vier Kinder wollten von ihr Brot.
Ihr Kram ging zurck. Stck fr Stck
Ward verkauft, und sie suchte bei Fremden ihr Glck.

Doch stand sie in Ehren bei jedermann
Und that ihnen leid. Die Zeit verrann,
Und Thies Thiessen war und blieb
Weg, als wre die Welt ein Sieb.

So wurden es Jahre. Auf einmal fing's
Zu tuscheln an, bis nach Rantum ging's:
Habt ihr gesehn? Schon lange. Nanu!
Meint ihr? Und sie nickten sich zu.

Sie war doch sonst ein ehrlich Weib,
Nun schreit ihre Schande das Kind im Leib.
Mit wem sie's wohl hlt? Das Mannsvolk ist toll!
--Das war ein Geschwtz, alle Stuben voll.

Die fromme Ose ertrug es in Scham,
Kein Wort ber ihre Lippen kam.
Nur einem fra es am Herzen und fra,
Bis ihm der Schmerz in den Fusten sa.

Und eh sich's die Lstermuler versahn,
Stand er auf: Ich hab's gethan!
Und standen alle und glotzten sehr:
Thies Thiessen? Gott sei bei uns! Woher?

Nicht verrat ich das Dnenloch,
Und ihr findet es nimmer. Sie aber fand's doch.
Und geht's um den Hals, das Kind ist mein.
Und verdammt, wer's nicht glaubt. Ich blu's ihm ein.

Und er sah elend aus und schwach,
Und er hielt sie wie ein Gespenst in Schach,
Bis ihnen allen allmhlich klar,
Dass der da wirklich Thies Thiessen war.--

Der Hansen war tot, von keinem vermisst,
Ein Sufer war er und schlechter Christ.
Aber der Thiessen, ein Kerl ist er doch!
Und die Ose, gibt's eine Bravere noch?

Alle die Jahre in Elend und Not
Teilte sie ihr Hungerbrot
Treulich ihm mit. Und jetzt weinte sie da
An seinem Hals. Es ging allen nah.

Sie kauten und spuckten und sahen sich an
Und schoben sich sacht an Thiessen heran
Und brummten und schttelten ihm die Hand.
Das war ihr Gericht. Und so blieb er im Land.




Wie die Stakendorfer die Lbecker los wurden


Nach Stakendorf kamen die lbischen Herrn
Vor Zeiten alljhrlich und kamen gern,
Zwangen die Bauern, den Zehnten zu zahlen,
Und zogen nach Haus mit Protzen und Prahlen.

Einst kamen sie wieder zur Fastnachtszeit
Und sckelten ein und machten sich breit,
Lieen im Gildehaus festlich sich tzen
Und saen glorios auf den Ehrenpltzen.

Die Bauern brauten ein gutes Bier.
Knausern sie gern, sie knausern nicht hier,
Sie lassen sich heute am wenigsten lumpen
Und fllen den durstigen Gsten die Humpen.

Bald glnzen die Backen, die Stirnen stehn
In Schwei, kaum knnen die uglein noch sehn.
Hier sinkt ein Haupt, da lallt eine Zunge,
Dort keucht eine fette lbische Lunge.

Und immer werden die Humpen nicht leer,
Die Lbecker trinken und knnen nicht mehr,
Bald liegen sie alle, den Kopf auf den Armen
Und schlafen und schnarchen zum Erbarmen.

Da hat die Bauern der Teufel gezwickt,
Da haben die Bauern gebohrt und gewrickt,
Den Tisch und die nchsten Sulen durchlochten
Die tckischen Schelme, so schnell sie vermochten.

Die lbischen Brte, wie hingen sie schlapp,
Die bbischen Bauern, sie sagten nicht papp,
Sie stopften sie all in die Lcher und schlugen
Zur Sicherheit noch einen Pflock in die Fugen.

Die Herren schlafen, kein Schlag weckt sie auf,
Die Herren schnarchen, ein Ratsherrngeschnauf!
Auf einmal da laufen die Bauern zusammen:
Zeter und Mord! Das Haus steht in Flammen.

Hei, kamen die Schlfer so schnell aus dem Traum,
Ein Zerren, ein Reien, und leer war der Raum.
Nur die stattlichen Brte alle
Blieben zurck in der elenden Falle.--

Seitdem, und wer verdenkt es den Herrn,
Hielten sie sich weislich fern.
Zwar haben sie frchterlich Rache geschworen,
Doch lie man die Bauern ungeschoren.

Frei vom Zehnten Stakendorf blieb,
Den Lbeckern war ihr Bart zu lieb.




Das Opferkind


Bei Heiligenstedten, der Strdeich war's,
Der Deich wollte nicht halten.
Da war ein Loch, man krigt es nicht zu,
Die Flut wei zu splen, zu spalten.
So viel man auch stopft mit Erde und Stein,
Das Meer stt ein neues Loch hinein.

Da war Not. Wich der Deich,
Das Land musste ersaufen.
Eine alte Frau wusste da Rat,
Man knnt es dem Teufel abkaufen:
Freiwillig muss ein Kind da hinab,
Das hilft, freiwillig hinein da ins Grab.

Ein Kind! Einer Mutter Kind!
Hlt jede ihrs fester am Herzen.
Und wenn die ganze Marsch ersuft,
Kann eine ihr Kind verschmerzen?
Da war Not. Das Loch muss zu.
He, Tatersch, hr mal, bettelst du?

Hier, tausend Thaler! Klimpert's nicht gut?
Der Zigeunerin funkeln die Augen.
Tausend Thaler! Da, nehmt den Balg!
Kann doch nur zum Bettel taugen.
So Schilling fr Schilling erscharrt sich's schlecht.
Gebt her! Wer ist gern Hungers Knecht.

Sie legen ein Brett ber das Loch
Und ein weies Brot in die Mitte.
Der hungrige Knabe schwankt daher,
Kleine, hastige Schritte.
Jetzt langt er nach dem Brot. Da: das Brett
Schlgt ber und wirft ihn ins nasse Bett.

Kein Schrei. Alles stiert
Stumm aufs Quirlen und Quellen.
Da taucht es auf, ein blass Gesicht,
Aus den lehmigen Wellen,
Taucht auf und spricht ein Wrtchen blo:
"Ist nichts so weich als Mutters Scho."

Und taucht zum zweiten Mal auf und spricht:
"Ist nichts so s, als Mutters Liebe."
Wie das Wort alle packt und brennt.
Wenn doch das Kind endlich unten bliebe!
Da kommt es zum dritten und spricht aufs neu:
"Ist nichts so fest als Mutters Treu."

Dann sinkt es weg.--Sie atmen auf,
Nun muss das Werk geraten!
Die Gule keuchen, die Karren knarrn,
Es chzen und knirschen die Spaten.
Erde und Stein hinein ins Loch!
Ein teurer Deich, aber jetzt hlt er doch.









End of the Project Gutenberg EBook of Hohe Sommertage, by Gustav Falke

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
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Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
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concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
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