The Project Gutenberg EBook of Mary, Erzaehlung, by Bjornstjerne Bjornson

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Title: Mary, Erzaehlung

Author: Bjornstjerne Bjornson

Release Date: December 20, 2003 [EBook #10507]

Language: German

Character set encoding: ISO Latin-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MARY, ERZAEHLUNG ***




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MARY, ERZHLUNG

von

BJORNSTJERNE BJORNSON

       *       *       *       *       *

Das Gut und die Familie


Die Kstenlinie des sdlichen Norwegen ist hufig unterbrochen. Daran
sind die Berge und die Flsse schuld. Das Gebirge luft in Hgel und
Landzungen aus, denen oft Inseln vorgelagert sind; die Strme haben
Tler gegraben und mnden in Buchten.

In solch einer Bucht, dem "Kroken", lag das Gehft. Ursprnglich hie
der Hof Krokskog, woraus die dnischen Beamten in ihren Protokollen
"Krogskov" machten; jetzt heit er Krogskog. Die Besitzer nannten sich
einstmals Kroken; Anders oder Hans Kroken, das waren die Hauptnamen.
Spter nannten sie sich Krogh, der General vom Geniekorps sogar von
Krogh. Jetzt heien sie recht und schlecht Krog.

Alle Leute, die auf den kleinen Dampfern von oder nach der nahen Stadt
hier vorbeikamen und an der Landungsbrcke unterhalb der Kapelle
anlegten, wuten davon zu erzhlen, wie behaglich und traulich geborgen
Krogskog doch dalge.

Die Berge am Horizont nahmen sich groartig aus; hier vorn aber waren
sie niedriger. Zwischen zwei vorspringenden, bewaldeten, langgestreckten
Hgelrcken lag der Hof. So dicht drngten sich die Huser an die Anhhe
zur Rechten, da es den Dampferpassagieren vorkam, als knne man vom
Dach des Hauses auf den Hgel hinberspringen; der Westwind fand hier
keinen Einla; wie beim Versteckspiel konnte man zu ihm sagen: "Ein Haus
weiter!" Das gleiche konnte man auch zum Nord- und Ostwind sagen. Einzig
der Sturm von Sden her kam zu Gast, aber auch nur in aller
Bescheidenheit. Die Inseln, eine groe und zwei kleine, hielten ihn auf
und stutzten ihn zurecht, bis sie ihn weiterziehen lieen. Die hohen
Bume vor dem Hause wiegten nur gerade rhythmisch ihre hchsten Wipfel;
die Haltung verloren sie nicht.

Diese stille Bucht hatte den besten Badestrand der ganzen Gegend.
Besonders die Jugend kam im Sommer an den Samstagabenden oder Sonntags
aus der Stadt, um im Wasser auf dem sandigen Grunde herumzutollen oder
nach der Groen Insel hin und zurck zu schwimmen. Von Krogskog aus
gesehen, lag der Badestrand zur Linken, da, wo der Flu mndete, wo die
Landungsbrcke war, und wo, ein wenig hher und dem Hgel nher, auch
die Kapelle sich befand, umgeben von den Krogschen Familiengrbern. Von
da bis hinauf zu den Husern rechts war es ein gutes Stck. Hier oben
war kaum je der Lrm der Badenden und Spielenden zu hren. Anders Krog
aber kam gern selbst hinunter, um ihnen zuzusehen, wenn sie auf der
Sandbank oder im Walde drauen auf der Landspitze Feuer angezndet
hatten. Er kam vermutlich, um ein Auge aufs Feuer zu haben. Aber davon
hrte und merkte niemand etwas. Er war bekannt als "der hflichste Mann
der Stadt", oder "der erste Gentleman der Stadt." Seine groen,
eigentmlich leuchtenden Augen glitten wie ein freundlicher Willkommgru
ber alle Gesichter; die wenigen Worte, die er sprach, enthielten nichts
als gute Wnsche. Er selbst stieg den Hgel weiter hinan auf seinem
gewohnten, langsamen Rundgang. Seine hohe, leicht vornbergebeugte
Gestalt war oben im Wald zu sehen, und so lange blieb es still. Aber was
hatten sie hier sonst fr einen Spa. Meist waren es Arbeiter und
Handwerker aus der Stadt, Turnvereine, Gesangvereine, Kinder. Sie
scharten sich bei der Landungsbrcke und bei der Kapelle; da zogen sie
sich aus.

Die Strandstrae fhrte unmittelbar daran vorbei. Aber im Sommer fuhr
selten jemand dort entlang; da fuhr man lieber mit den kleinen Dampfern
oder in Booten. Wenn die Badenden oben auf dem Hgel einen Posten
aufstellten, waren sie sicher, da keiner sie berrasche.

Oben auf dem Hof selbst war es still, immer still. Die schnste
Vorderfront des Hauptgebudes sah nicht einmal auf die Bucht hinaus,
sondern aufs Feld. Das Haus bestand aus zwei hohen Stockwerken mit
abgestumpften Dachecken. Ein langes, breites Haus.

Die Grundmauer vorn war ziemlich hoch; eine bequeme Treppe fhrte
hinauf. Das ganze Gebude war weigestrichen, die Grundmauer aber und
die Fenster schwarz. Die Nebenhuser lagen nher dem Hgel zu; vom
Dampfer aus waren sie nicht zu sehen. Zu beiden Seiten des Hauptgebudes
groe Grten. Der Garten nach der See zu stand voller Obstbume, der
links vom Hause war ausschlielich Blumen- und Kchengarten.

Zwischen den Hhen lag ein lnglicher Streifen flachen Wiesenlandes. Es
war vorzglich bestellt. Die groen hollndischen Khe hatten es gut
hier.

Die Geschichte des Gutes und der Familie hatte der Wald vorausbestimmt.
Der Wald war gro und ppig und war glcklicherweise frhzeitig unter
hollndische Pflege und Sparsamkeit geraten, damals als hollndische
Kuffs die Waldbesitzer in Norwegen aufsuchten. Hier bekamen sie ihre
Holzladung und versorgten die Norweger dafr mit ihrer Kultur und deren
Erzeugnissen. Krogskog hatte besonderes Glck dabei; denn vor nun
dreihundert Jahren geschah es, da der Besitzer eines Kuffs, der in der
Bucht lag und lud, sich in des Bauern blondhaarige Tochter verliebte.
Das Ende vom Liede war, da er die ganze Herrlichkeit kaufte. Ein
wundervoll gemaltes Bild von ihm und ihr hngt noch in der guten Stube,
der Eckstube nach der Bucht hinaus. Das Portrt zeigt einen langen,
hageren Mann mit ungewhnlich leuchtenden Augen. Er war dunkelhaarig und
ein wenig krummnackig. Der Stamm mu krftig gewesen sein, denn so sehen
die Krogs noch heutigentags aus. Der erste hollndische Besitzer hie
nicht Krog; er wohnte auch nicht hier; aber der Sohn, der den Hof
bernahm, war nach seinem Grovater mtterlicherseits Anders Krog
getauft, und er nannte seinen Sohn nach seinem eigenen Vater Hans.
Fortan wechselten die beiden Namen miteinander ab. Wenn noch mehr Shne
da waren, hie einer Klas und einer Jrges, woraus im Lauf der Zeit
Klaus und Jrgen wurde. Die Mischehen mit den hollndischen Verwandten
setzten sich nmlich fort, so da die Familie zu gleichen Teilen
hollndisch und norwegisch war; der Haushalt wurde lange Zeit ganz
hollndisch gefhrt.

Aber es war, als wenn sich die Rassen trotzdem nicht vermischten.
Wahrscheinlich weil das hollndische Element nicht rein hollndisch
war,--in diesem Falle htte es sich leichter mit dem norwegischen
Element verschmolzen,--sondern mit spanischem Blut durchsetzt war. Das
schwarze Haar, die leuchtenden Augen, der hagere Krper vererbten sich
von Glied zu Glied bei den Mnnern; das blonde Element aber und die
krftig gebaute Gestalt blieb den Frauen eigen; in ihnen flo
norwegisches Blut, vermengt mit hollndischem. Selten sah man ein andres
Zugestndnis der mnnlichen Linie an die weibliche oder umgekehrt, als
da helles und dunkles Haar sich in rotem fanden, oder da die
leuchtenden Augen auch einmal auf ein Frauenantlitz bergingen.

Es war eine Eigentmlichkeit der Familie, da in allen Ehen mehr Mdchen
als Knaben geboren wurden. Die Krogs waren schne Menschen und
durchgehend wohlhabend; infolgedessen war die Familie weitverbreitet und
angesehen. Man sagte ihnen nach, sie hielten ihre Leute und ihre Habe
gut zusammen.

Ihnen allen gemeinsam war ein weises Mahalten. In Norwegen ist es ja
allgemein, da ein Vermgen nicht durch drei Generationen besteht. Wird
es nicht in der zweiten vergeudet, dann sicherlich in der dritten. Hier
hielt es sich. Fr den Hauptsitz der Familie waren die Wlder heute eine
ebensolche Quelle des Reichtums wie vor dreihundert Jahren.

Erblich in der Familie war der Hang zum Wandern. In der Bibliothek des
Hofes waren mehr Reisebeschreibungen als Werke aus anderen Gebieten, und
es wurden ihrer bestndig mehr. Schon die Kinder hatten am Reisen
Interesse, d.h. sie machten Plne nach Bchern, Bildern und Karten. Sie
spielten reisen auf den Tischen. Sie wanderten von der einen Stadt, die
aus farbigen Papierhusern aufgebaut war, zu den andern gleicher Art.
Sie schoben Schiffe hin und her, die auch aus buntem Papier waren und
die Bohnen, Kaffee, Salz und Hlzer fhrten. Drauen auf der Bucht
ruderten, segelten und schwammen sie von der Landungsbrcke zu den
Inseln hinber. Von Europa nach Amerika, von Japan nach Ceylon. Oder sie
zogen ber die Hgelrcken, d.h. ber die Kordilleren zu den
allerdenkwrdigsten Indianerstdten.

Kaum waren sie erwachsen, so ging es auf die Wanderschaft; es fing
meistens mit einer Reise zu den hollndischen Verwandten an. So kam vor
vielleicht zweihundert Jahren ein Mann dahin, der freilich sofort mit
einem hollndischen Ostindienfahrer weiterreiste, aber nach Amsterdam
zurckkehrte in dem Wunsch, Baumeister und Ingenieur zu werden, was
damals zusammengehrte. Er zeichnete sich aus und wurde spter als
Lehrer in seinem Fach nach Kopenhagen berufen. Da ging er zum Heer ber
und wurde schlielich General im Geniekorps. Durch Erbschaft und Arbeit
hatte er sich ein Vermgen erworben, nahm den Abschied und siedelte sich
in Krogskog an, das er einem kinderlosen Bruder abkaufte. Er nannte sich
Hans von Krogh. Er baute das jetzige Hauptgebude aus Stein, eine wenig
gebruchliche Bauart in einer norwegischen Waldgemeinde. Der alte
Ingenieur wollte seinen Spa haben. Obwohl er nicht verheiratet war,
baute er es gerumig "fr die Kommenden." Alle Huser des Gehfts baute
er um; er grub und pflanzte; er lie einen Grtner aus Holland kommen,
den alten Siemens, von dessen strengem Wesen und heiem Streben nach
Reinlichkeit und Ordnung noch heute berichtet wird. Fr ihn baute der
General das Treibhaus und die Grtnerwohnung.

Der General wurde sehr alt. Nach ihm geschah nichts Besonderes, bis der
Jngere von zwei Brdern nach Amerika ging und sich dicht am Michigansee
ansiedelte, wo damals noch Neuland war. Das wurde als ein groes
Ereignis angesehen. Er hie Anders Krog, und es ging ihm gut da drben.
Nur wunderte man sich, da er sich nicht verheiratete. Er wollte einen
seiner Neffen zu sich nehmen, um ihm seinen Besitz zu berlassen. So kam
es, da der ltere Bruder des jetzigen Eigentmers von dannen zog. Er
hie Hans.

Aber siehe da, ein jung norwegisch Mdchen, auch eine Verwandte, kam
genau zur selben Zeit hin, und in sie verliebte sich der alternde Onkel.
Er bot seinem Neffen an, ihm die Kosten der Rckreise zu erstatten. Dem
jungen Mann aber erschien das unwrdig. Er blieb und fing ein eigenes
Geschft an, und zwar einen Holzhandel, denn darauf verstand er sich.
Das Geschft ging auerordentlich gut. Als er nach dem Tode seines
Vaters nach Hause sollte und den Hof bernehmen, wollte er nicht. Der
jngere Bruder Anders war inzwischen Kaufmann geworden; er betrieb das
grte Kolonialwarengeschft der Stadt. Jetzt mute er auch den Hof
bernehmen.

Ein eigentlicher Geschftsmann war der junge Anders Krog nicht. Aber
seine Gewissenhaftigkeit ohnegleichen und sein rcksichtsvolles Wesen
bewirkten, da bald alle bei ihm kauften. Ein andrer htte reich dabei
werden mssen; aber das wurde er nicht. Als er Krogskog bernahm, war
sowohl das Geschft in der Stadt wie vor allem auch der Hof erheblich
verschuldet. Keins von beiden hatte er billig bekommen. Reisen hatte er
freilich auch mssen, aber es waren jedes Jahr nur vier Wochen gewesen,
einmal nach England, ein andermal nach Frankreich usw. Sein grter
Wunsch war allerdings, einmal bis nach Amerika zu kommen, aber dazu
hatte er denn doch nicht den Mut. Er begngte sich damit, von dem neuen
Wunderlande zu lesen; Lesen war seine grte Freude; nach ihr kam das
Hantieren im Garten. Das verstand er besser als der Grtner.

Dieser stille Mann mit den leuchtenden Augen war schchtern wie ein
Mdchen von vierzehn Jahren. An jedem Werktag morgen suchte er sich
einen einsamen Platz--d.h. wenn so einer da war--auf dem kleinen
Dampfer, der ihn nach der Stadt brachte, solange die Bucht nicht
zugefroren war. Beim Aussteigen war er voll Rcksicht gegen die andern;
ehrerbietig grend eilte er an ihnen vorbei, wenn er an Land gekommen
war,--und war dann in seinem Hause am Markt zu finden bis zum Abend, wo
er auf die gleiche Weise heimkehrte. Das heit: wenn er nicht radelte.
Im Winter fuhr er mit dem Wagen oder bernachtete in der Stadt, wo er in
seinem eigenen Hause zwei bescheidene Mansardenstuben bewohnte.

Er hatte das Zeug zu dem besten Ehemann, den man sich in der Stadt
vorstellen konnte. Aber seine unberwindliche Bescheidenheit machte jede
Annherung unmglich,--bis die rechte kam. Da war er aber schon ber
vierzig Jahr. Es ging ihm wie seinem Namensvetter, dem Onkel am
Michigansee, da ein junges Mdchen aus seiner eigenen Familie erschien
und ihn eroberte. Und das war ausgerechnet das einzige Kind dieses
Onkels.

Er stand eines Sonntag morgens in Hemdsrmeln in seinem Kchen- und
Blumengarten an der Nordseite des Hauses, als ein junges Mdchen mit
einem groen Strohhut die beiden unbehandschuhten Hnde auf das weie
Staket legte und zwischen den groen Knaufen des Gitters
hindurchschaute.

Anders Krog, der vor einem Blumenbeet kauerte, hrte ein schelmisches
"Guten Tag" und fuhr in die Hhe. Seine Augen nahmen das Mdel wie eine
Offenbarung in sich auf. Sprachlos und unbeweglich stand er mit seinen
erdigen Hnden da und starrte sie an.

Sie lachte und sagte: "Wer bin ich?" Da kam ihm die Besinnung zurck.
"Sie sind--Sie sind sicher--", er kam nicht weiter, aber sein Lcheln
hie sie willkommen. "Wer bin ich?"--"Marit Krog aus Michigan." Er hatte
von seiner Schwester, die jenseits des linken Hgelrckens wohnte,
gehrt, Marit Krog sei unterwegs. Aber er hatte nicht geahnt, da sie
schon da war.--"Und Sie sind der Bruder meines Vaters", antwortete sie
in etwas englischem Tonfall. "Wie Ihr beide Euch hnlich seid!--Nein,
wie Ihr Euch hnlich seid!"--Sie stand und starrte ihn an. "Darf ich
nicht hineinkommen?"--"Ja, selbstverstndlich,--aber erst--erst mu ich
doch--", er blickte auf seine Hnde und auf die Hemdsrmel.--"Ich kann
ja ins Haus gehen?" sagte sie unternehmungslustig. "Das knnen
Sie,--selbstverstndlich! Gehen Sie bitte durch die Haupttr hinein. Ich
werde das Mdchen schicken",--und er begab sich eilig nach der Kche.

Sie lief vorn vor das Gebude und die Treppe hinauf. Sie mute einen
ungeheuer groen Schlssel, der wie der ganze Eisenbeschlag ein altes
Kunstwerk war, umdrehen, um in das Vorzimmer zu gelangen, das sehr viel
Licht hatte. In ihr steckte ein Stck von einem Maler, sie hatte Augen
fr so etwas. Sie sah sofort, da all diese groen und kleinen Schrnke
wunderschne hollndische Arbeit waren, und da das Zimmer grer war,
als es den Anschein hatte; denn die Mbel nahmen viel Platz ein. Eine
schne altertmliche Treppe mit Schnitzwerk fhrte zu ihrer Rechten in
das zweite Stockwerk hinauf. Geradeber mute der Eingang in die Kche
sein; sie dachte es sich und sie roch es auch. Das besttigte sich ihr,
als das Mdchen herauskam. Durch die offne Tr sah sie in eine Kche
hinein, deren Fuboden mit Marmorfliesen belegt war; die Wnde waren mit
blaubemalten Kacheln bekleidet, und auf dem Gesims, das die Wand in zwei
Hlften teilte, stand blankgeputztes Kupfergeschirr in allen Gren.
Eine hollndische Kche.

Hier im Vorzimmer stand sie auf Teppichen so dick, wie sie noch nie
welche betreten hatte. Ebenso schwer waren die Teppiche auf der Treppe,
die von Messingstangen gehalten wurden, wie sie dicker nie welche
gesehen hatte. Hier gehen die Menschen auf Kissen, dachte sie, und ihr
kam gleich das Bild in den Sinn, das Haus sei ein ungeheures Bett.
Spter nannte sie es immer "das Bett." "Wollen wir jetzt nach Hause ins
Bett?" sagte sie dann lachend. Zu beiden Seiten sah sie Tren und malte
sich die Zimmer dahinter aus. Links von ihr, d. h. an der rechten Seite
des Hauses, komme erst ein kleineres Zimmer nach vorn und dahinter, nach
der Bucht hinaus, ein groer Raum ber die ganze Breite des Hauses. Und
das traf zu. Zur Rechten stellte sie sich das Haus der Lnge nach in
zwei Zimmer geteilt vor. Auch das stimmte. Es war nicht weiter
verwunderlich, denn ihres Vaters Haus am Michigansee war nach diesem Bau
eingerichtet. Oben dachte sie sich einen breiten Gang quer durch das
Haus und kleinere Zimmer zu beiden Seiten des Flurs. Waren aber hier
unten schon unglaublich dicke Teppiche, so waren sie da oben womglich
noch dicker, richtige Kissen. Dies Haus lie kein Gerusch aufkommen.
Hier lebten stille Menschen.

Das Mdchen hatte die Tr an der Seite geffnet, die zur See hinausging.
Marit trat ein und sah sich alle Malereien und Schnurrpfeifereien im
Zimmer an; es war allerdings berladen, aber jedes einzelne Stck war
sorgfltig ausgesucht, zum Teil mit intimem Geschmack; das sah sie
sofort. Hier waren unter anderem Gemlde, die einen hohen Wert haben
muten. Was sie aber besonders beschftigte, war der Gedanke, da sie
erst jetzt ihren alten Vater verstand, obwohl sie von klein an mit ihm
zusammengelebt hatte, ganz allein mit ihm; ihre Mutter hatte sie frh
verloren. Aus so viel Feinem und Kostbarem war er zusammengesetzt. Ein
bichen bunt durcheinander und daher unbeachtet. War's nicht, als komme
er jetzt und stelle sich neben sie und lchele sein diskretes, warmes
Lcheln, weil er sich verstanden wute?

Da kam er ja! Durch die offne Tr sah sie ihn die Treppe
herunterkommen. Jnger zwar, aber das tat nichts, die Augen waren nur
noch schner und inniger,--er kam daher mit demselben Gang, denselben
Armbewegungen, genau so vornbergebeugt und behutsam sich nhernd. Und
wie er sie jetzt ansah und mit ihr sprach und sie willkommen hie ...
mit den gleichen abgetnten Worten, da ahnte sie in alldem die tiefe
Achtung vor dem Individuellen, die in ihren Augen ihren Vater vor allen
auszeichnete, die sie kannte. Der Vater hatte dnneres Haar, sein
Gesicht war runzlig, der Mund hatte nicht mehr alle Zhne, die Haut war
verschrumpft ... Gerade diese Erinnerung fllte ihre Augen mit Trnen.
Sie blickte empor in seine jngeren Augen, hrte seine frischere Stimme,
fhlte den Druck seiner wrmeren Hand. Sie konnte nicht dafr, sie
schlang beide Arme um Anders Krogs Hals, schmiegte sich an seine Brust
und weinte.

Nun, damit war es entschieden. Er stand fr nichts mehr.

Nach einer Weile saen sie beide zusammen in dem Boot, mit dem sie
gekommen war. Sie ruderte um die Landspitze herum. Teils um seiner
selbst willen, teils auch wegen der Badenden, die zusahen, hatte er ein
paar schchterne Versuche gemacht, ihr das Ruder abzunehmen. Aber seit
dem Augenblick, da sie beide Arme um seinen Hals legte, hatte er sich
seiner Macht begeben. Er wute im voraus, da er so tun mute, wie dies
reiche rote Haar es wnschte. Er sa und sah in ihr sommersprossiges
Gesicht und auf die sommersprossigen Hnde, auf ihre prchtige Gestalt
und ihren frischen Mund. Er sah ber dem Halskragen die feinste weie
Haut; es war etwas in den Augen, das genau dazu pate. Er wurde nicht
fertig, bis sie am Ziel waren. Auch auf dem Wege zum Hof der Schwester
wurde er nicht fertig, weder mit ihrer weichen Stimme, noch mit ihrem
Gang, noch mit ihren Fen, noch mit ihrer Kleidung, noch mit den Zhnen
und dem Lcheln und am allerwenigsten mit dem, was sie da
holterdipolter erzhlte,--es war etwas Verwirrendes in allem.

Am nchsten Morgen fuhr er nicht in die Stadt. Sowie der Dampfer, auf
dem er htte sein mssen, um die Landspitze herum war, kam ihr weies
Boot. Sie hatte eine Magd bei sich, die Wache halten sollte, denn jetzt
wollte auch sie baden.

Als sie fertig war, kam sie herauf. Sie wollte bis Mittag bleiben.
Nachher gingen sie zusammen ber den Hgelsattel zurck, das Boot hatten
sie nach Hause geschickt.

Am andern Tage fuhr sie mit ihm in die Stadt. Tags darauf mute auch die
Tante mit, aber diesmal wollte sie mit dem Wagen fahren. Und so jeden
Tag etwas Neues. Die beiden Geschwister lebten nur fr sie. Sie nahm es
hin, als msse es so sein.

Als sie drei Wochen so mit ihnen gelebt hatte, kam ein Kabeltelegramm
vom Bruder Hans mit der Nachricht, Onkel Anders sei pltzlich gestorben;
Marit solle vorbereitet werden.

Dies war der schwerste Gang, den Anders Krog je gegangen war,--ber den
Hgelrcken zur Schwester, mit diesem Telegramm in der Tasche. Gerade
als er das trauliche gelbe Haus, umgeben von Wirtschaftshusern und
Bumen, drunten in der Ebene vor sich liegen sah, hrte er die
Essensglocke vergnglich in den heiteren, sonnigen Tag hinaustnen. Da
wartete der gedeckte Tisch. Er setzte sich hin; er hatte das Gefhl, als
knne er nicht weiter. Er mute ja hinunter und den frohen Tag morden.

Als er endlich auf den Hof gelangte, ging er zusammen mit einigen
Arbeitern, die von weither zum Mittagessen kamen, zur Hintertr hinein.

Hier traf er die Schwester, die ihn ins Hinterzimmer hineinntigte.
Ebenso wie er erschrak sie und wurde traurig; aber sie war eine mutigere
Natur und bernahm es, Marit, die nicht zu Hause war, aber jeden
Augenblick kommen mute, die Mitteilung zu machen.

Vom Hinterzimmer aus hrte Anders Krog dann nachher einen Ruf und einen
Aufschrei, den er nie wieder verga. Er sprang bei diesem Schmerzenslaut
auf, konnte sich aber nicht berwinden, das Zimmer zu verlassen; ein
wehes Schluchzen von drinnen hielt ihn fest. Es wurde strker und
strker, unterbrochen von kurzen Ausrufen. Die gleiche unmittelbare
Kraft in ihrem Schmerz wie in ihrer Freude. Es jagte ihn in der Stube
umher, bis die Schwester die Tr ffnete: "Sie mchte Dich sehen."

Da mute er hinein; mit Aufbietung all seiner Willenskraft zwang er sich
dazu. Sie lag auf dem Sofa; aber er lie sich kaum sehen, als sie sich
aufrichtete und die Arme ausstreckte: "Komm, komm! Jetzt bist Du mein
Vater."--Er eilte hin und beugte sich ber sie; sie legte den Arm um
seinen Hals und drckte ihn fest an sich; er mute hinknien.

"Du darfst mich nie mehr verlassen! Nie, nie!" "Nie!" entgegnete er
feierlich. Sie drckte ihn fest an sich, ihre Brust wogte an seiner, ihr
Gesicht lag feucht und glhend an seinem. "Du darfst mich nie
verlassen!"--"Nie!" wiederholte er aus tiefstem Herzen und schlang die
Arme um sie.

Sie legte sich wie getrstet wieder hin und hielt seine Hand; sie wurde
ruhiger. Wenn die Anflle kamen und er sich mit zrtlichen Worten ber
sie beugte, wirkte es besnftigend.

Er wagte nicht nach Hause zu gehen; er blieb die Nacht ber da. Sie
konnte nicht schlafen, und er mute bei ihr sitzen bleiben.

Erst am nchsten Tage hatte sie sich klar gemacht, was nun geschehen
solle. Sie wollte hinreisen, und er sollte mit. Das kam ihm hchst
unerwartet. Aber weder er noch seine Schwester wagten, ihr zu
widersprechen. Da gelang es der Schwester, sie auf andre Gedanken zu
bringen. Sie sagte: "Ihr solltet Euch erst verheiraten." Marit sah sie
an und sagte: "Ja, das ist richtig. Das sollten wir wahrhaftig tun!" Und
nun beschftigte sie das so stark, da es sie von ihrem Schmerz
ablenkte. Anders war nicht gefragt worden; aber das war auch nicht
ntig.

Dann kam der erste Brief von Hans. Er hatte alles mit dem Begrbnis des
Onkels geordnet und erzhlte, in welcher Weise. Er erbot sich, das
Geschft und den Besitz des Onkels zu bernehmen.

Anders hatte zu seinem Bruder unbegrenztes Vertrauen; er nahm das
Angebot an, und damit wurde die Reise berflssig. Sobald Hans einen
berblick ber den ganzen Nachla hatte, setzte er die Kaufsumme fest
und fragte bei dem Bruder an, ob er sich mit diesem Betrage an Hansens
Geschft beteiligen wolle. Der Betrag, der in Bankguthaben und Aktien
bestand, wurde sofort ausgezahlt. Schon diese Summe war gro genug, um
nicht allein Anders schuldenfrei zu machen, sondern um auch Marit zu
gestatten, nach Herzenslust herumzuwirtschaften und zu reformieren. Er
wnschte, sie solle das ganze Erbe fr sich behalten, aber darber
lachte sie. Er wurde also Kompagnon seines Bruders und war fr
norwegische Verhltnisse fortan ein recht wohlhabender Mann.

In ihrer Ehe ging nach einigen Monaten eine Vernderung mit Marit vor.
Sie gab sich wunderlichen Einfllen hin; die Grenzen zwischen Traum und
Wirklichkeit verwischten sich. Dabei wollte sie alles umgestalten, was
unter ihrer Aufsicht stand, sowohl in ihrem Heim hier drauen, wie in
dem Stadthause. Aus diesem Hause muten die Mieter hinaus. Sie wollte es
fr sich allein haben.

Seine Zeit war ausgefllt von all ihren Einfllen, besonders aber von
ihr selbst. Seine Dankbarkeit fand nur krgliche Worte, aber sie lag in
seinen Augen, in seiner Hflichkeit, die an Umfang noch zugenommen
hatte; vor allem aber lag sie in seiner sorglichen Achtsamkeit. Er hatte
Angst, das wieder zu verlieren, was so unerwartet gekommen war; oder
da irgend etwas Schaden nehmen knne. Seiner bescheidenen Natur schien
das Glck unverdient.

Sie schmiegte sich auch immer enger an ihn. Sie hatte eine Formel
gefunden, die sie hufig wiederholte: "Du bist mein Vater--und mehr!"
Und eine andere: "Du hast die herrlichsten Augen von der Welt, und die
gehren mir." Mit der Zeit gab sie manches von dem auf, womit sie sich
beschftigte; statt dessen wollte sie ihm vorlesen. Von klein auf hatte
sie ihrem Vater vorgelesen; das sollte wieder aufgenommen werden. Sie
las ihm englisch-amerikanische Bcher vor, besonders Verse. Sie hatte
die klangvolle Vortragsweise, in der englische Verse gesprochen werden
mssen, und machte sie wahr durch ihre eigene glaubwrdige Art. Sie
hatte eine weiche Stimme, die die Worte behutsam und still wie aus der
Erinnerung heraus anfate.

Als die Zeit fortschritt, muten sie beide tglich zusammen ins
Treibhaus. Die Blumen darin waren ihr Vorboten dessen, was in ihr wuchs;
sie wollte jeden Tag nach ihnen sehen. "Ob sie wohl darber reden?"

Und dann eines Tages, als das erste Anzeichen da war, da der Winter
hier von der Kste weichen wollte, und sie gemeinsam oben am sonnigen
Hang das erste Grn gepflckt hatten, da merkte sie, da sie schwach
wurde; jetzt kam ihre groe Stunde. Ohne sonderliche Schmerzen vorher,
ihre Hand in seiner, gebar sie eine Tochter. Die gerade hatte sie sich
gewnscht. Aber es war ihr nicht bestimmt, das Kind aufzuziehen; denn
drei Tage spter war sie tot.

       *       *       *       *       *

Die neue Marit


Der Arzt befrchtete lange, Krog wrde auch sterben. Rein an
beranstrengung. In seiner langen Einsamkeit war er nicht daran gewhnt
gewesen, sich so hinzugeben oder so unendlich viel zu empfangen, wie ihm
das Zusammenleben mit ihr gebracht hatte. Erst ihr Tod offenbarte, wie
schwach er geworden war, wie wenig Widerstandskraft er noch hatte. Der
schwache Rest brauchte Monate, um sich so weit zu erholen, da er die
Nhe anderer Menschen ertrug. Man erzhlte ihm, das Kind sei zu seiner
Schwester gebracht. Sie fragten ihn, ob er es sehen mchte. Fast
unwillig wandte er sich ab. Das erste, was er ernstlich erwog, als er
sich krftiger fhlte, war, sich von dem Geschft zu befreien. Er beriet
sich darber mit "Onkel Klaus", einem Verwandten, einem wunderlichen
alten Junggesellen, der allgemein so genannt wurde. Durch seine
Vermittlung wurde das Geschft veruert. Nicht aber das Haus, in dem es
sich befand,--das sollte in allen Teilen zur Erinnerung an sie
unverndert bleiben.

Anders Krogs erster Gang war zur Kapelle und zum Grabe, und das griff
ihn so an, da er wieder krank wurde. Sobald er sich erholt hatte, gab
er seine Absicht kund, auf Reisen zu gehen und fortzubleiben. Seine
Schwester kam erschrocken zu ihm herber; das sei doch wohl nicht wahr?
"Du willst uns und das Kind doch nicht verlassen?"--"Ja, ich kann es in
meinen eigenen Stuben nicht aushalten", antwortete er und brach in
Trnen aus.--Aber er msse doch auf jeden Fall das Kind erst
sehen?--"Nein, nein! Das am allerwenigsten."

Er reiste ab, ohne es gesehen zu haben.

Aber natrlicherweise war es das Kind, das ihn wieder nach Hause zog.
Als es drei Jahr alt war, wurde es photographiert,--und diese
Photographie ... solch einer hnlichkeit mit der Mutter, solchem
kindlichen Liebreiz konnte er nicht widerstehen. Von Konstantinopel aus,
wo er sich gerade aufhielt, schrieb er: "Jetzt habe ich bald drei Jahre
gebraucht, um das, was ich in einem erlebt habe, noch einmal zu
durchleben. Ich kann nicht sagen, da ich es mir schon ganz zu eigen
gemacht habe. Namentlich wird viel Neues hinzukommen, wenn ich die
Sttten wiedersehe, wo wir zusammen waren. Aber soweit bin ich durch das
tiefere Hineinleben dieser Jahre doch gekommen, da ich diese Sttten
nicht mehr scheue; im Gegenteil, ich sehne mich jetzt nach ihnen."

Die Begegnung mit der neuen Marit wurde ein Fest fr ihn. Nicht sofort;
denn zuerst hatte sie natrlich Angst vor dem fremden Mann mit den
groen Augen. Aber es erhhte seine Freude, wie sie vorsichtig, nach und
nach ihm nher kam. Als sie schlielich auf seinen Knien sa mit den
beiden neuen Puppen, einem Trken und einer Trkin, und ihm diese in die
Nase steckte, damit er niesen sollte, weil die Tante das auch getan
hatte, da sagte er mit Trnen in den Augen: "Ich habe nur eine Begegnung
erlebt, die noch herrlicher war."

Sie siedelte also mit dem Kindermdchen in sein Haus ber. Ihr erster
gemeinschaftlicher Gang war zum Grabe der Mutter, auf das sie Blumen
legen sollte. Das tat sie auch; aber sie wollte sie wiederhaben. Nichts
half, was sie auch versuchten. Das Mdchen pflckte ihr schlielich
andere; aber die wollte sie nicht; sie wollte ihre eignen. Sie muten
ihr also die Blumen lassen und die neuen aufs Grab legen. Er dachte:
"Das ist nicht die Mutter."

Der Versuch wurde wiederholt. Jeden Tag sollte das Grab der Mutter mit
Blumen geschmckt werden, und von ihr. Er teilte die Blumen in zwei
Teile; die eine Hlfte trug er, die andere sie. Er wnschte, sie solle
ihre hinlegen und seine wieder mit nach Hause nehmen. Aber es gelang
nicht. Ja, schlimmer als das; denn als sie den Kirchhof verlieen,
bestand sie darauf, er sollte seine Blumen auch wieder mit nach Hause
nehmen. Und er mute nachgeben. Am nchsten Tage versuchte er etwas
anderes. Sie trug ihre Blumen zu der Mutter Grab, er aber gab ihr
Zuckerwerk, damit sie die Blumen liegen lassen sollte. Wirklich, sie gab
die Blumen gegen das Zuckerwerk ab, das sie in den Mund steckte. Aber
als sie gingen, wollte sie die Blumen auch noch haben. Das verstimmte
ihn.

Dann kam er auf den Einfall, die Mutter frre, Marit msse sie
zudecken. Da meinte sie, Mutter solle doch heraufkommen, in ihr eigenes
Bett. Er hatte ihr nmlich gesagt, das leere Bett neben seinem sei
Mutters, und sie fragte bestndig, ob Mutter nicht bald komme. Sie knne
nicht kommen, sagte er; sie liege da drauen und frre. Das fhrte
schlielich zum Ziel. Sie breitete selbst die Blumen ber die Grabsttte
und lie sie liegen. Auf dem Heimweg wiederholte sie mehrmals: "Jetzt
friert Mutter nicht mehr."

Er berlegte, was sie unter Mutter verstehen mochte. Er wnschte, sie
solle die Bilder ihrer Mutter kennen, bte aber vorher ihren Sinn an
Bildern von Tieren und Gegenstnden. Dann ging er zu Bildern von seiner
Schwester und von sich selbst und von Personen ber, die sie kannte. Als
sie damit ziemlich vertraut war, kam das erste Bild der Mutter an die
Reihe. Es machte keine Schwierigkeiten; sie durfte noch mehrere sehen
und lernte sie schnell von anderen unterscheiden. Nach Tisch, als sie
schlafen ging, wollte sie Mutter im Arm haben. Er verstand sie erst
nicht, und sie wurde ungeduldig. Da brachte er ihr das erste Bild der
Mutter; sie nahm es gleich in den Arm, deckte es zu und schlief ein.
Aber erst als sie mit vier Jahren einmal in der Kche eine Mutter sich
um ihr krankes Kind mhen sah, berzeugte er sich, da sie wute, was
eine Mutter sei; denn sie sagte: "Warum kommt meine Mutter nicht und
zieht mich an und aus?"

Mit der Zeit wurden Vater und Tochter sehr gute Freunde. Noch mehr
Freude aber machte es ihm, als sie gro genug war, da er ihr von Mutter
erzhlen konnte. Von Mutter, die bers Meer herber zu Vater gekommen
sei und Maritchen mitgebracht habe. Wo Vater und Mutter zusammengegangen
waren, gingen sie nun beide; jeden Spazierweg. Er ruderte sie, wie
Mutter ihn gerudert hatte; sie fuhren zusammen zur Stadt, wie sie beide
getan hatten. Dort sa Marit auf den Sthlen, die Mutter gekauft, und
auf denen sie gesessen hatte. Bei Tisch hatte sie Mutters Platz, bei
den Blumen im Treibhaus und im Garten war sie die Mutter, und sie half,
wie Mutter es getan hatte. Ein gar kluges, schnes Kind! Mit dem roten
Haar und der schimmernd weien Haut der Mutter, mit ihren groen Augen
und denselben fein geschwungenen Brauen. Vermutlich wrde sie auch ihre
gebogene Nase bekommen. Die Hnde mit den langen Fingern hatte sie nicht
von der Mutter, auch die Gestalt nicht. Der bergang vom Kopf zum Nacken
mit der sanften Neigung stammte eher vom Vater. Die Schultern hatten
nicht die schne geschwungene Linie wie der Mutter Schultern, sondern
waren mehr abfallend, und die Arme flossen sanfter daraus hervor. Es
trieb ihn jeden Abend nach oben, zuzusehen, wenn sie ausgezogen wurde.
Die Verschmelzung des mnnlichen und des weiblichen Typus der Krogs, die
bisher so selten gewesen, die aber schon teilweise von der Mutter
reprsentiert worden war, gab es hier in der Vollendung. Marit scho
hoch auf, ihre Augen waren gro und der Kopf fein geformt.

Er konnte sie nicht dazu bewegen, mit Kindern umzugehen; das langweilte
sie. Sie gingen nicht schnell genug auf ihre Ideen ein, die freilich
recht eigentmlich waren. Die Felder hier waren doch ein Zirkus; der
Vater hatte ihr von Buffalo Bill erzhlt. Indianer sprengten durch die
Arena, sie selbst an der Spitze auf einem weien Pferde. Die Hgel waren
die Logen, die voll Menschen waren. Das konnten die anderen Kinder nicht
sehen. Auch das Reisenspielen auf dem Tisch, das ihr Vater sie gelehrt
hatte, verstanden sie nicht.

Als Siebenjhrige ntigte sie ihren Vater, ihr ein Rad zu kaufen und sie
fahren zu lehren; er selbst fuhr ausgezeichnet. Das war aber doch der
Tropfen, der den Becher zum berlaufen brachte und ihn bestimmte, sich
nach Untersttzung umzusehen.

Er hatte in Paris eine entfernte Verwandte kennen gelernt, eine Frau
Dawes; sie war in England verheiratet gewesen; als aber ihr einziges
Kind starb, hatte sie sich scheiden lassen und lebte in Paris als
Pensionsinhaberin. In dieser Pension hatte er sie tglich bewundert. Er
war kaum je einem klgeren Menschen begegnet. Er fragte bei ihr an, ob
sie zu ihm kommen, seinem Hause vorstehen und sein Kind erziehen wolle.
Sie sagte ohne Zgern telegraphisch zu, und in weniger als einem Monat
hatte sie alles verkauft, war abgereist und hatte sich in ihren neuen
Wirkungskreis begeben. Ein Hftleiden, das sie schon lange plagte, hatte
sich verschlimmert, so da ihr das Gehen schwer fiel. Aber von ihrem
Rollstuhl aus, den sie mitgebracht hatte, und den ihre behbige Person
vollstndig ausfllte, leitete sie das ganze Haus, ihn selbst
inbegriffen. Er war ganz erschrocken ber ihre Tchtigkeit. Sie kam
selten aus ihrem Stuhl heraus, aber trotzdem wute sie alles, was
geschah. Wnde hemmten ihren Blick nicht, eine Entfernung gab es nicht
fr sie. Grtenteils lie sich das aus der Schrfe ihrer Sinne
erklren, aus ihrer Fhigkeit, Worte und Zeichen zu deuten, in Mienen
und Augen zu lesen, zu riechen und zu hren, Schlsse zu ziehen aus dem,
was sie wute,--und siebentens und letztens daraus, da sie zu fragen
verstand. Aber einiges war auch nicht zu erklren. Drohte einem, den sie
lieb hatte, eine Gefahr, so fhlte sie das, wo sie auch war. Sie schrie
auf--in solchen Augenblicken sprach sie immer englisch--und war auf den
Beinen und Feuer und Flamme. So zum Beispiel an dem denkwrdigen Tage,
da Marit mit ihrem Rad in den Flu gefallen war und durch Mnner vom
Dampfer aus aufgefischt wurde; denn unten an der Landungsbrcke, wohin
sie gewollt hatte, war das Unglck geschehen. Da stieen sie und Frau
Dawes aufeinander, die eine triefend von Nsse und heulend, die andere
triefend von Schwei und auch heulend.

Frau Dawes machte tglich ihre Runde durch das Haus und, wenn es ntig
war, auch um das Haus herum. Weiter kam sie selten. Auf diesem Rundgang
sah sie alles, auch das, was erst spter geschah, versicherten die
Mgde.

Sie hatte etwas Schwimmendes an sich. Sie schwamm bestndig in Papier.
Ihre Korrespondenz, die, wie Anders Krog behauptete, alle Personen
umfate, die sie einmal in Pension gehabt hatte, setzte sie
ununterbrochen fort. In allen Sprachen und ber alle Dinge; denn ihre
zweite Hauptbeschftigung war: das, was sie las--und sie las bis tief in
die Nacht hinein--in ihre Korrespondenz hineinzubringen. Sie drehte sich
nach dem Tisch mit dem Schreibpult um, sie wandte sich fort vom Tisch,
um zu lesen. An der Stuhllehne war eine Lesepultmechanik angebracht,
worauf das Buch lag; in der Hand hielt sie es selten. Sie zog Memoiren
jeder andern Lektre vor, und davon plauderte sie nachher in ihren
Briefen. In zweiter Reihe kamen Kunstzeitschriften und Reiseliteratur.
Sie hatte ein kleines Vermgen und kaufte sich alles, was ihr gefiel.

Das Kind unterrichtete sie nebenbei. In der Wohnstube an dem groen
Tisch saen sie, "Tante Eva" in ihrem Thronsessel, die Kleine ihr
gegenber. Immer aber, wenn es ntig war, mute Marit an Tante Evas Pult
kommen. Der Unterricht ging so leicht vonstatten, da die Kleine oft
verga, da es Schule war. Ja, selbst der Vater, der seine Bibliothek
dicht daneben hatte, verga es oft, wenn er hereinkam und das Gesprch
oder die Erzhlung mit anhrte.

War der Unterricht leicht, so waren andre Dinge sehr schwierig und
fhrten zu Kmpfen. Das ganze Verhalten des Kindes wollte sie ndern,
und da war ihr der Vater im Wege. Aber er wurde natrlich geschlagen,
und noch ehe er ahnte, was Frau Dawes beabsichtigte. Marit sollte
gehorchen lernen, sie sollte einen Begriff von bestimmter
Zeiteinteilung, von Ordnung, von Hflichkeit, von Takt bekommen. Sie
sollte jeden Tag Klavier ben, sie sollte bei Tisch hbsch gerade
sitzen und sich die Hnde unzhlige Male am Tage waschen; sie sollte
immer sagen, wohin sie gehe. Und nichts von all dem wollte sie.
Eigentlich auch der Vater nicht.

Frau Dawes hatte einen einzigen festen Punkt, von dem sie ausgehen
konnte. Das war der unerschtterliche Glaube des Kindes an die
Vollkommenheit seiner Mutter. Frau Dawes wute sie davon zu berzeugen,
da die Mutter nie spter als um acht Uhr schlafen gegangen sei. Sie
habe immer vorher ihre Kleider ordentlich auf einen Stuhl gelegt und
ihre Schuhe vor die Tr gestellt.

Von dem, was die Mutter getan und bis zur Vollkommenheit getan hatte,
ging sie zu dem ber, was die Mutter getan htte, wenn sie an Marits
Stelle gewesen wre; und vor allem, was sie _nicht_ getan htte, wenn
sie Marit wre. Das war schwieriger. So als Frau Dawes versicherte, die
Mutter sei immer nur so weit geradelt, wie man sie sehen konnte. "Woher
weit Du das?" fragte Marit.--"Ich wei es daher, da Dein Vater und
Deine Mutter nie voneinander getrennt waren."--"Das ist wahr, Marit",
fiel der Vater ein, froh, da er auch einmal zu dem ja sagen konnte, was
Frau Dawes einfiel; denn das meiste war doch durchaus nicht wahr.

Je weiter der Unterricht fortschritt, desto mehr Freude machte es Frau
Dawes selbst, und desto greren Einflu gewann sie auf das Kind. Sie
machte es sich zur Aufgabe, das Traumleben Marits auszuroden, das ein
Erbteil der Mutter war und in ppiger Blte stand, solange der Vater
zuhrte und seinen Spa daran hatte.

Einmal im Frhjahr kam Marit schnell herein und erzhlte ihrem Vater, in
dem alten Baum zwischen den Grbern der Mutter und der Gromutter sei
ein kleines Nest und in dem Nest seien ganz, ganz kleine Eier. "Das ist
ein Gru von Mutter, nicht?" Er nickte und ging mit ihr, um es zu
besehen. Als sie aber nher kamen, flog der Vogel auf und piepte
jmmerlich. "Mutter sagt, wir sollen nicht nher heran?" fragte sie
ihren Vater.--Er bejahte es. "Dann wrden wir Mutter stren?" fragte sie
weiter. Er nickte.----Sie gingen seelenvergngt wieder nach Hause und
sprachen den ganzen Weg von Mutter. Als Marit Frau Dawes hiervon
erzhlte, sagte sie: "Das sagt Dein Vater nur, um Dich nicht zu
betrben, Kind. Knnte Deine Mutter Dir eine Botschaft senden, so kme
sie selbst."--Die Revolution, die diese wenigen grausamen Worte
anrichteten, war nicht abzusehen. Sie vernderten auch das Verhltnis
zum Vater.----

Die Schule ging ihren regelrechten Gang, die Erziehung auch, bis Marit
nahezu dreizehn Jahr alt war, lang und dnn und grougig mit ppigem,
rotem Haar und weier, zarter Haut ohne Sommersprossen, was Frau Dawes'
besonderer Stolz war.

Da kam der Vater eines Tages aus der Bibliothek herein und unterbrach
den Unterricht. Das war in den ganzen Jahren nicht ein einzigesmal
geschehen. Marit bekam frei; Frau Dawes ging mit dem Vater in die
Bibliothek. "Bitte lesen Sie diesen Brief!"--

Sie las und erfuhr,--wovon sie nicht die leiseste Ahnung gehabt
hatte,--da der Mann, der vor ihr stand und ihr Gesicht whrend des
Lesens beobachtete, ein Millionr war, kein Kronen-, nein, ein
Dollarmillionr. Er hatte seit dem Tode des Onkels nach der ersten
vorlufigen Ausbezahlung der Bankguthaben und Aktien als Kompagnon des
Bruders nichts wieder abgehoben,--und dies war das Resultat.

"Ich gratuliere Ihnen", sagte Frau Dawes und fate seine rechte Hand mit
ihren beiden. Ihr standen die Trnen in den Augen. "Ich verstehe Sie,
lieber Krog; Sie wnschen, da wir jetzt auf Reisen gehen?" Er sah sie
mit seinen leuchtenden Augen lachend an. "Haben Sie etwas dagegen, Frau
Dawes?"--"Durchaus nicht, wenn wir die ntige Bedienung mitnehmen; ich
bin ja einmal so schlecht zu Fu."--"Das sollen Sie haben, und berall
halten wir uns einen Wagen. Der Unterricht kann fortgesetzt werden,
nicht wahr?"--"Ob er kann! Nur um so besser!" Sie lachte und weinte
zugleich, und sie sagte selbst, so glcklich sei sie noch nie gewesen.

Vierzehn Tage spter hatten die drei mit einem Diener und einem Mdchen
Krogskog verlassen.

       *       *       *       *       *

Der Thronwechsel


So gingen zweieinhalb Jahre hin, in denen der Vater einige Male in
Norwegen war, aber die anderen nicht. Dann dachten sie ernstlich daran,
einen Sommer in Krogskog zu verbringen. Aus diesem Grunde standen sie
alle drei in einem Konfektionsgeschft in Wien. Frau Dawes und Marit
sollten neue Kleider haben, besonders Marit, die aus ihren
herausgewachsen war. Es war in den ersten Tagen des Mai, und es handelte
sich um Sommerkleider.

"Dein Vater und ich, wir finden beide, Du mut jetzt lange Kleider
haben. Du bist schon so gro." Marit blickte zu ihrem Vater hin, aber
die Stoffe, die vor ihnen ausgebreitet lagen, hielten seinen Blick fest.
Frau Dawes sprach statt seiner. "Dein Vater hat oft gesagt, wenn Du mit
ihm gehst, sehen die Herren Dir so nach den Beinen."--Der Vater wurde
unruhig; selbst das Frulein hinter dem Ladentisch merkte, da ein
Gewitter in der Luft lag. Sie verstand die Sprache nicht, aber sie sah
die drei Gesichter. Schlielich hrte der Vater Marit mit einer fremden,
aber freundlichen Stimme antworten: "Soll ich jetzt lange Kleider haben,
weil Mutter, als sie in meinem Alter war, auch welche trug?"--Frau Dawes
sah erschrocken Anders Krog an; er aber wandte sich ab. Dann wieder
Marit: "Tante Eva, Du warst doch natrlich mit Mutter zusammen, als sie
damals lange Kleider bekam? Oder Vater vielleicht?"

Dann wurde nicht mehr von langen Kleidern gesprochen. Es wurde
berhaupt nicht mehr gesprochen. Sie gingen fort.

Weiter geschah nichts. Es ergab sich von selbst, da sie am nchsten
Tage, statt zum Unterricht zu kommen, mit dem Vater ausfuhr, um die
Sache mit den Kleidern zu ordnen. Des weiteren, da sie sich von dort in
die Museen begaben. Sie setzten diese tglichen Ausfahrten bis zur
Abreise fort. Mit dem Unterricht war es vorbei. Als sei nichts
vorgefallen, gingen sie jeden Abend zu Dreien ins Konzert oder in die
Oper oder ins Schauspiel. Sie wollten die Zeit, die ihnen noch blieb,
ausnutzen.

In den ersten Tagen des Juni waren sie in Kopenhagen. Hier erwartete sie
ein Brief von Onkel Klaus. Jrgen Thiis, sein Pflegesohn, sei Leutnant
geworden; Klaus wolle drauen in seinem Landhause einen Frhlingsball
geben, aber er warte damit, bis sie heimkmen. Wann sie kmen?

Darauf freute sich Marit sehr. Den schnen, schlanken Jrgen kannte sie.
Er war der Sohn des Bezirksamtmanns, seine Mutter war Klaus Krogs
Schwester.

Also mute jetzt ein Ballkleid komponiert werden; die Erwgungen waren
sehr kurz, keiner sagte vorlufig ein Wort. Das Spannende der Sache, ob
dieses Kleid wohl lang sein werde, verschlo jeder in seiner Brust. Als
der groe Augenblick des Manehmens kam, fragte die Dame, die es tat:
"Das gndige Frulein soll doch ein langes Kleid haben?" Marit sah zu
Frau Dawes hin, die rot wurde. Was aber schlimmer war: die Dame selbst
wurde auch rot. Sie nahm eilig nach dem kurzen Kleide Ma, das Marit
anhatte.

Am zwanzigsten Juni fand also der Ball statt. Ein schwler Tag ohne
Sonne. Die Gste standen im Garten vor dem groen Landhause, als das
Boot anlegte, mit dem Marit und ihr Vater kamen; sie waren die letzten.
Sie stieg allein aus. Der alte Klaus stapfte lang und drr und mit
ungeheuer weiten Beinkleidern zu ihr hinunter, ohne Hut mit blanker
Glatze und feuchtglnzendem Gesicht. Er hielt sie durch eine
Handbewegung zurck, whrend er zu Anders Krog im Boot hinuntersah:
"Willst Du nicht heraufkommen?"--"Nein, nein! Tausend Dank!" Das Boot
stie ab. Jetzt erst sah er Marit an, die Frau Dawes in ihrem langen
Brief als die grte Schnheit beschrieben hatte, die sie je gesehen. Er
starrte sie an, verbeugte sich und kam nher; er roch nach Tabak und
schmunzelte mit seinem groen, weit offnen, unappetitlichen Munde. Bot
ihr dann seinen Arm. Sie aber in ihrem langen rmellosen Mantel tat, als
bemerkte sie es nicht. Er stutzte, folgte ihr aber zu den andern. Und
dann sagte er: "Hier bringe ich die Ballknigin." Das verletzte sie und
verletzte alle, so da der Anfang nicht vielversprechend war. Jrgen,
der Held des Abends, drngte sich vor, um sich zu erbieten, ihr Hut und
Mantel abzunehmen. Sie aber grte obenhin und ging weiter. Es lag Stil
darin. Unter den Zurckbleibenden entstand sofort ein Geflster. Die
Art, wie sie vorberging, ihr Gesicht, ihre Haltung, ihr Gang, die
blendend schne Haut, die leuchtenden Augen, die Wlbung darber, die
feingeformte Nase ... das war alles aus einem Gu und alles vollendet.
Jrgen Thiis war hin. Er selbst war ein groer, schlanker Mensch vom
Krogschen Typ; nur die Augen waren ganz anders. Jetzt hingen sie wie
festgenagelt an der Tr, hinter der sie verschwunden war. Er wartete auf
der Treppe.

Und wie sie wieder heraus und auf ihn zukam, um an seinem Arm zu den
andern hinunter zu gehen,--in einem kurzen Kleide aus lichtem,
wasserblauem Krepp mit durchbrochnen seidenen Strmpfen von derselben
Farbe und in Silberbrokatschuhen mit antiken Schnallen, war sie ein
Bild. Die Bewunderung war einstimmig. Es wurde von nichts anderem
gesprochen, bis man zu Tisch ging. Auch da hrte es noch nicht auf; es
gab Gesprchsstoff fr die ganze Stadt. Da ein so klassisch
geschnittenes Gesicht mit so leuchtenden Augen in dem weien, weien
Teint obendrein noch in einem Glorienschein von rotem Haar stand! Das
Ganze war harmonisch zu der hohen Gestalt mit den leicht abfallenden
Schultern und einer Bste, die noch nicht voll entfaltet, aber von einer
Freiheit und Unabhngigkeit war, als knne sie losgelst werden. Die
Arme, die Handgelenke, die Hftbildung, die Fe ... es wurde beinahe
komisch; denn einige junge Herren stellten mit dem grten Eifer die
Behauptung auf, die Knchel seien das Allerschnste. Sie htten nicht
ihresgleichen. So dnn,--und mit dieser schwellenden Rundung nach
oben--? Nein, nirgends!

Jrgen Thiis verga das Reden, ja sogar eine Zeitlang das Essen, das ihm
sonst doch das Schnste auf der Welt war. Er ging wie ein Schlafwandler
mit ihr. Wenn man sie sah, war er an ihrer Seite oder hinter ihr her.

Wegen des Balles hatten sich ihr Vater und Frau Dawes nach dem Hause in
der Stadt begeben. Sie wurden beim Morgengrauen geweckt von lautem
Schwatzen und Lachen vor dem Hause und schlielich gar mnnlichen und
weiblichen Hurrarufen; die Ballgste hatten Marit nach Hause begleitet.

Am ndern Tage bekamen die Alten Besuch von Verwandten und Freunden. Die
lteren Leute, die auf dem Ball gewesen waren, erklrten Marit fr die
Schnste, die sie seit Menschengedenken gesehen htten. Der alte Klaus
war abends um neun noch in die Stadt gerudert und zu einigen Freunden
gepilgert, blo weil sie kommen und sehen sollten.

Am Nachmittag prsentierte sich Jrgen in Uniform und mit neuen
Handschuhen. Er wollte sich erlauben, nach dem Befinden des gndigen
Fruleins zu fragen. Das gndige Frulein habe noch nichts von sich
hren lassen.

Als sie schlielich kam, war sie von etwas ganz andrem erfllt als von
dem gestrigen Tage. Das merkte Frau Dawes sofort. Auch erzhlte die
Ballknigin nicht das geringste von dem Balle. Sie beschrnkte sich
darauf, zu fragen, ob sie aufgeweckt worden seien. Dann a sie. Als sie
fertig war und wieder hereinkam, erzhlte ihr Vater, Jrgen sei
dagewesen, um zu fragen, wie es ihr gehe. Marit lchelte. Frau Dawes:
"Findest Du Jrgen nicht nett?"--"Doch."--"Worber lchelst Du
denn?"--"Er hat so viel gegessen."--Jetzt fiel der Vater lachend ein:
"Das macht sein Vater, der Amtmann, auch so! Und regelmig sucht er
sich die besten Stcke aus."--"Freilich."

Frau Dawes sa und wartete auf das, was jetzt kommen wrde; denn es kam
etwas. Marit ging hinaus; nach einer Weile erschien sie mit Hut und
Sonnenschirm wieder. "Willst Du ausgehen?" fragte Frau Dawes. Marit
stand da und zog sich die Handschuhe an. "Ich gehe aus und bestelle mir
Visitenkarten."--"Hast Du keine Visitenkarten?"--"Doch; aber die alten
gefallen mir nicht mehr."--"Warum nicht?" fragte Frau Dawes sehr
verwundert; "Du hast sie doch damals in Italien so hbsch
gefunden?"--"Ja;--aber der Name gefllt mir nicht mehr, meine
ich."--"Der Name?" Beide blickten auf. Marit: "Es ist gerade, als wenn
er gar nicht mehr zu mir gehrt,--meine ich."--"Marit gefllt Dir
nicht?" fragte Frau Dawes. Der Vater warf leise hin: "Es war der Name
Deiner Mutter." Sie antwortete nicht gleich; sie fhlte die entsetzten
Augen des Vaters.--"Wie mchtest Du denn heien, Kind?" Das war wieder
Frau Dawes, die sprach. "Mary."--"Mary?"--"Ja. Das pat besser,--meine
ich." Die stumme Verwunderung der andern bedrckte sie augenscheinlich.
Sie sagte: "Wir wollen ja jetzt doch nach Amerika. Da sagt man
Mary."--"Aber Du bist Marit getauft", sagte ihr Vater schlielich
zaghaft.--"Was schadet das?"--Frau Dawes: "Es steht in Deinem
Taufschein, Kind; es ist Dein Name."--"Ja, in den Urkunden steht es
vielleicht, aber nicht in mir." Die beiden andern starrten sie an.

"Es tut Deinem Vater weh, Kind."--"Vater kann mich ja ruhig weiter Marit
nennen."--Frau Dawes blickte sie traurig an, sagte aber nichts weiter.
Marit war mit ihren Handschuhen fertig. "In Amerika werde ich Mary
genannt. Das wei ich. Hier habe ich eine Probekarte. Es macht sich doch
gut?" Sie holte eine ganz kleine Karte aus der Tasche. Frau Dawes besah
sie und reichte sie Anders Krog hin. Mit feiner Schrift stand auf feinem
Papier: "Mary Krog."

Der Vater schaute lange, schaute immer wieder auf die Karte. Legte sie
dann auf den Tisch, nahm seine Zeitung und tat, als lese er.

"Es tut mir leid, Vater, da Du es so auffat."--Anders Krog wiederholte
leise, ohne von der Zeitung aufzusehen: "Marit ist der Name Deiner
Mutter."--"Ich habe Mutters Namen auch lieb.--Er pat aber nicht fr
mich."

Damit ging sie leise hinaus. Frau Dawes, die am Fenster sa, blickte ihr
die Strae entlang nach. Anders Krog legte die Zeitung hin; er konnte
nicht lesen. Frau Dawes versuchte, ihn zu trsten. "Es ist was Wahres
dran", sagte sie. "Marit pat nicht mehr fr sie."

"Der Name ihrer Mutter", wiederholte Anders Krog, und die Trnen liefen
ihm ber das Gesicht.

       *       *       *       *       *

Drei Jahre spter


Drei Jahre spter fuhr Mary nach langem Regen an einem schnen
Frhlingstage mit einer Verwandten, Alice Clerq, in Paris die Avenue du
Bois de Boulogne hinunter auf das vergoldete Parktor zu. Sie hatten sich
in Amerika kennen gelernt und sich hier in Paris im vorigen Jahre
wiedergetroffen. Alice Clerq wohnte jetzt mit ihrem Vater in Paris. Der
alte Clerq war frher der bedeutendste Kunsthndler von New York gewesen
und hatte eine Norwegerin aus der Familie Krog geheiratet. Nach dem Tode
seiner Frau verkaufte er sein riesiges Geschft. Die Tochter war mit der
Kunst aufgewachsen und hatte eine grndliche Ausbildung darin genossen.
Sie hatte die Museen der ganzen Welt gesehen, hatte ihren Vater sogar
bis nach Japan geschleppt. Ihr Htel in den Champs Elyses war voll von
Kunstgegenstnden. Dort hatte sie auch ihr Atelier; sie war nmlich
Bildhauerin. Alice war nicht mehr jung, eine krftige, rundliche Person,
gutmtig und lustig.

Dies Jahr kam Anders Krog mit seiner Begleitung aus Spanien. Die beiden
Freundinnen sprachen gerade ber ein Bild Marys, das aus Spanien an
Alice geschickt war und nach Norwegen weiter wanderte. Alice behauptete,
der Knstler habe es offenbar auf eine hnlichkeit mit Donatellos
"Heiliger Ccilie" abgesehen. Durch die Stellung des Kopfes, die Form
der Augen, die Linie des Halses und den halb geffneten Mund. Aber so
interessant dieser Versuch sein mge, fr die hnlichkeit sei er von
Schaden. Zum Beispiel sei es ein Verlust fr das Bild, da die Augen
nicht zu sehen seien; die habe sie ja niedergeschlagen wie bei
Donatello. Mary lachte. Gerade um diese hnlichkeit herauszubekommen,
habe sie ihm gesessen.

Nun erzhlte Alice von einem norwegischen Genieoffizier, den sie kennen
gelernt habe, als sie mit seiner Mutter im Sommer in Norwegen gewesen
sei. Er habe das Bild bei ihr gesehen und sich ganz in dieses Portrt
verliebt.--"So", sagte Mary wie abwesend.--"Es ist kein gewhnlicher
Mensch, kannst Du glauben, und auch kein gewhnliches Verliebtsein."
--"Nanu?"--"Ich bereite Dich vor. Er kommt natrlich bei mir mit Dir
zusammen."--"Ist das ntig?"--"Sehr. Denn sonst mu ich es ausbaden."
--"Ist er denn gefhrlich?" Alice lachte: "Mir wenigstens."--"Sieh
einer an! Ja, das ist etwas anderes."--"Jetzt verstehst Du mich falsch.
Warte, bis Du ihn siehst."--"Ist er so schn?"--Alice lachte: "Nein,
er ist geradezu hlich!--Na, warte nur ab."--Sie fuhren weiter, das
Gedrnge wurde grer; es war einer der Haupttage.--"Wie heit er?"
--"Franz Ry."--"Ry? So heit unsere rztin auch. Frulein Ry."
--"Ja, das ist seine Schwester; er spricht oft von ihr."--"Sie hat
eine herrliche Figur."--Da richtete Alice sich auf: "Und er? Wenn ich
mit ihm ber die Strae gehe, drehen die Leute sich um, weil sie ihn
noch einmal sehen wollen. Ein richtiger Riese! Aber keiner von den
fettgepolsterten. Nein, sehr gro und geschmeidig." --"Also gut
trainiert?"--"Riesig. Auf nichts ist er so stolz wie auf seine Kraft,
und nichts zeigt er so gern!"--"Ist er denn dumm?"--"Dumm? Franz Ry?"
--Sie lehnte sich wieder zurck, und Mary fragte nicht weiter.

Sie kamen spt drauen an; endlose Wagenreihen zogen an ihnen vorbei
heimwrts aus dem Bois. Die drei breiten Fahrwege der Avenue waren
gedrngt voll. Je nher sie dem eisernen Tor kamen, wo die Wege
zusammenliefen, desto dichter wurden die Wagenreihen. Diese
Zurschaustellung von hellen und bunten Frhjahrstoiletten an dem ersten
sonnigen Tage nach dem Regen war ein einzigartiges Schauspiel. Zwischen
den neubelaubten Bumen wirkten die Wagen wie gefllte Blumenkrbe im
Grn, einer hinter dem andern, einer neben dem andern, ohne Anfang und
ohne Ende.

Am Tor kamen sie in die Nhe der wogenden Menge von Fugngern. Aber
kaum waren sie mitten drin, als sich von rechts nach links hinber eine
unruhige Bewegung fortpflanzte. Dort rechts muten die Leute etwas
sehen, was von hier aus nicht zu sehen war. Einige schrien und zeigten
nach den Seen hinber, die Wagen fuhren auf Kommando zur Seite oder in
die Querwege hinein, die Bewegung wuchs, bald war sie allgemein.
Schutzleute und Parkwchter rannten hin und her, die Wagen stauten sich
so dicht, da keiner mehr vom Fleck kam. Ein breiter Mittelgang war bald
weit hinunter frei. Alle sphten und fragten,--da kam es! Ein paar
durchgegangene Pferde mit einem groen Wagen. Auf dem Bock sah man den
Kutscher und den Groom. Es mute sich ein Kampf abgespielt haben, so da
man Zeit bekam, den Weg frei zu machen, oder die Pferde muten in sehr
groer Entfernung scheu geworden sein. Hier, diesseits des Tores, waren
alle Gefhrte aus dem Mittelweg verschwunden; Alices Wagen stand beinahe
zu uerst am linken Fuweg. Hinter sich hrten sie Geschrei; vermutlich
wurde die ganze Avenue freigemacht. Aber niemand blickt dahin, alles
sieht nach vorn. Ein stattliches Gespann kommt in rasender Fahrt auf sie
zu. Von Neugier getrieben, wogen zu beiden Seiten die Massen vor und
zurck. ngstliche Menschen drauen vor dem Tor riefen: "Schliet das
Tor!"--Ein rasender Protest, ein tausendstimmiger Hohn von drinnen
antwortete ihnen. Alle Wageninsassen hatten sich erhoben, manche standen
auf den Sitzen. Auch Alice und Mary. Es machte den Eindruck, als werde
die Fahrt toller, je nher die Tiere kamen. Kutscher und Groom rissen
aus Leibeskrften an den Zgeln; aber das stachelte die Tiere nur an.
Ein Mann im Zylinder beugte den Oberkrper aus dem Wagen, vermutlich um
festzustellen, wo er sich den Hals brechen werde. Ein paar Hunde liefen
mit eifrigem Protest hinterher, hier oben lockten sie noch mehrere
andere auf die Bahn hinaus, die sich aber nicht weit vorwagten. Die zwei
oder drei, die es taten, prallten gegeneinander, da einer sich
berstrzte und berfahren wurde, der Wagen machte einen Satz, der Hund
heulte auf,--seine Kameraden hielten eine Weile inne.

Da lst sich ein Mann aus den Massen am eisernen Portal und tritt mitten
auf den Weg. Man schrie, man schwang Stcke und Regenschirme und drohte
ihm. Ein paar Schutzleute wagten sich einige Schritte hinter ihm her und
winkten und riefen; das gleiche tat diesseits ein Parkwchter, lief aber
in Todesangst wieder zurck. Statt auf die Rufe und Drohungen zu achten,
nahm der Mann die Pferde aufs Korn, trat nach links, dann nach rechts,
dann wieder nach links ... offenbar um sich ihnen entgegenzuwerfen.

Sowie die Menge das erfat hatte, wurde sie still, ja, es wurde so
still, da man die Vgel in den Bumen singen hren konnte, hren auch
das ferne, dumpfe Getse der nimmer stillen Riesenstadt, das vom Winde
herbergetragen wurde. Es gab dem Vogelgezwitscher einen einfrmigen
Unterton. Merkwrdig, da die Pferde genau so gespannt dastanden wie die
Menschen; sie rhrten keinen Fu. Nur die Hunde waren wieder in
Bewegung.

Nun hatte der wilde Zug den Mann mitten auf der Strae erreicht. Er
drehte sich pfeilschnell nach derselben Seite wie die Pferde, lief neben
ihnen her und warf sich dann dem nchsten in die Flanke ...

"Das ist er!" rief Alice mit leichenblassem Gesicht und packte Mary so
krampfhaft, da sie beide ins Stolpern kamen. Schrill und wild
kreischten weibliche Stimmen auf. Ein dumpfes Gebrll von Mnnerstimmen
folgte. Jetzt hing er an dem einen Pferde. Alice schlo die Augen, Mary
wandte sich ab. Lief er mit oder wurde er geschleift? Sie anhalten
konnte er nicht.

Wieder einige Sekunden lang eine frchterliche Stille, nur die Hunde und
die Hufe der Pferde hrte man. Dann ein kurzer Aufschrei und dann
tausende, und dann Jubel, wilder, endloser Jubel. Wehende Taschentcher,
Hte und Sonnenschirme. Die Menge strmte zu beiden Seiten wie eine
Sturmflut wieder in die Avenue hinein. Hier oben war die Strae in einem
Augenblick gedrngt voll. Die rasenden Tiere standen schaumbedeckt und
zitternd dicht bei Alices Wagen. Sie sah einen grauen Englnder, einen
schlanken alten Herrn mit weiem Bart und im Zylinder, und sie sah eine
junge schlanke Dame an seinem Arm hngen und hrte den Alten sagen:
"Well done, young man!"

Ein schallendes Gelchter folgte. Und jetzt erst sah sie ihn, dem die
Worte gegolten hatten, wie er die Pferde bei den Nstern gepackt hatte,
ohne Hut, mit aufgerissener Weste und blutenden Hnden, jetzt aber das
schweibedeckte, aufgeregte Gesicht lustig dem Englnder zuwandte.
Gerade im selben Augenblick gewahrte er Alice. Sie stand ja noch immer
auf dem Sitz ihres Wagens. Ohne Zgern lie er Pferde und Wagen mitsamt
dem Englnder stehen und bahnte sich den Weg zu ihr: "Verehrteste,
bringen Sie mich fort aus diesem Wirrwarr!" sagte er laut in seiner
breiten ostlndischen Mundart. Ehe sie antworten, ja noch ehe sie vom
Sitz herunterkommen, geschweige ehe der Groom sich vom Bock
herabschwingen konnte, hatte er die Wagentr geffnet und war bei ihnen
im Wagen. Er half erst Alice von der Bank herunter, dann ihrer Freundin.
Darauf sagte er auf franzsisch zum Kutscher: "Fahren Sie mich nach
Hause, so schnell Sie loskommen knnen. Sie wissen die Adresse
wohl."--"Ja, Herr Hauptmann", antwortete der Kutscher mit ehrerbietigem
Gru und bewundernden Blicken. Als Franz Ry sich hinsetzen wollte,
verzog er das Gesicht und rief, indem er sich an den Fu fate: "Au,
Donnerwetter, das Ekel hat mich getreten. Jetzt merke ich es erst." In
diesem Augenblick begegnete er Marys groen, verwunderten Augen; er
hatte sie bisher nicht angesehen, nicht einmal, als er ihr vom Sitz
heruntergeholfen hatte. Die Vernderung in seinem Gesichtsausdruck war
so gewaltig und so berwltigend komisch, da die beiden Damen in lautes
Lachen ausbrachen. Er fate mit der blutigen Hand an seinen Hut--und
merkte, da er keinen aufhatte. Da lachte er auch.

Der Kutscher hatte inzwischen den Wagen ein paar Meter vorwrts
bugsiert, nun versuchte er zu wenden.

"Ja, ich brauche wohl nicht erst zu sagen, wer das ist?" lachte Alice.
"Nein!" sagte er und starrte Mary an, da sie rot wurde.

"Aber, mein Gott, wie konnten Sie das wagen!"--Alices Stimme
war's.--"Ach, das ist nicht so gefhrlich, wie es aussieht", antwortete
er, ohne ein Auge von Mary zu wenden. "Es ist blo ein Kniff. Ich habe
es schon vorher zweimal gemacht." Er sprach nur zu Mary. "Diesmal sah
ich gleich, da blo das eine Pferd den Verstand verloren hatte; das
andere wurde nur mitgerissen. Ja, da nahm ich mir also das tolle vor.
Pfui Teufel, wie sehe ich aus!" Jetzt erst entdeckte er, da seine
Weste zerrissen, da seine Uhr weg war, und da seine blutende Hand ihn
beschmutzte. Mary bot ihm ihr Taschentuch an. Er blickte auf das feine,
gestickte Gewebe und dann auf sie: "Nein, gndiges Frulein, das wre,
als wollte man Baumrinde mit Seide flicken."

Gleich drauen vor dem Tor an der rechten Seite wohnte er, also war es
keine Entfernung. Mit herzlichem Dank, ohne die blutige Hand
darzubieten, stieg er aus.

Als er schlank und riesig ber den Fuweg von dannen hinkte und der
Wagen wendete, sagte Alice leise auf englisch: "Wer so ein Modell haben
knnte, Mary!"--Mary sah sie verwundert an: "Ja, lt sich denn das
nicht machen?"--Alice gab Mary den Blick noch verwunderter zurck:
"Nackt meine ich." Mary machte beinahe einen Luftsprung, beugte sich
dann nach vorn und sah Alice gerade ins Gesicht. Alice begegnete ihren
Augen mit einem schelmischen Lachen.

Mary lehnte sich zurck und starrte vor sich hin.

       *       *       *       *       *

Franz Ry mute sich wegen seines Fues einige Tage Schonung auferlegen.
Als er sich wieder bei Alice meldete, wurde verabredetermaen Mary
benachrichtigt. Aber es berkam sie eine solche Unruhe, da sie sich
nicht hinzugehen getraute. Beim nchsten Mal trieb die Neugier, oder was
es sonst war, sie hin. Aber sie kam sehr spt, und kaum stand sie ihm
gegenber, da wnschte sie, sie wre nie gekommen. Er hatte etwas so
Intensives, da die vornehme Dame es als Aufdringlichkeit, ja fast als
Beleidigung empfand. Ihr Wesen war in Aufruhr, sie folgte ihm mit den
Augen, mit den Ohren; die Gedanken sausten in ihr und das Blut auch. Es
mu doch mal vorbergehen, dachte sie. Aber das war nicht der Fall.
Alices Verzauberung oder richtiger ihre Verliebtheit erhhte das
Schwindelgefhl. War er eigentlich so hlich? Diese breite, steile
Stirn, diese kleinen, sprhenden Augen, der zusammengekniffene Mund, das
vorspringende Kinn, das hatte alles in allem etwas ungewhnlich
Kraftvolles, aber es wurde spahaft, weil er beinahe gar keine Nase
hatte. Spahaft war auch das meiste, was er sagte. So immer aufgelegt
und lustig, da um ihn her bestndig Heiterkeit war, so unerschpflich
voller Einflle. Seine Manieren hatten nichts Gewaltsames; er war im
Gegenteil die Hflichkeit selbst; er war aufmerksam, zuweilen sogar
galant. Es lag nur an dem berwltigenden in ihm. Seine Sprache und
seine Augen allein waren wie ein Gewitter. Aber auch seine Gestalt tat
das ihre, diese kraftvolle Hand, dieser massige Fu, der fast nur Spann
war, diese Schultern, der Nacken, der Brustkasten, das alles sprach mit,
wirkte erdrckend, demonstrierte. Man kam keinen Augenblick davon los.
Und seine Rede flo unaufhaltsam.

Mary kannte nur die Unterhaltungsform der internationalen Gesellschaft.
Eine leichte Konversation ber Wind und Wetter, ber die
Tagesereignisse, ber Literatur und Kunst, ber Zuflligkeiten auf
Reisen und beim Aufenthalt, das ganze immer mit anderthalb Ellen
Abstand. Er dagegen war ganz individuell und nahebei. Dabei fhlte sie,
da sie selbst auf ihn wirkte wie Wein. Er wurde immer berauschter und
immer bermtiger. Das regte auf und machte unruhig. Sobald sie
anstandshalber fort konnte, verschwand sie, benommen, verwirrt und
eigentlich in einer wilden Flucht. Sie gab sich selbst das feierliche
Versprechen, nie wiederzukommen.

Erst spter am Tage ging sie zu ihrem Vater und zu Frau Dawes hinein.
Sie erwhnte kein Wort von ihrer Begegnung. Das hatte sie das vorige Mal
auch nicht getan. Frau Dawes sagte, sie solle sich einmal die Karte
ansehen, die auf dem Tisch liege.--"Jrgen Thiis? Ist denn der
hier?"--"Er ist den ganzen Winter hier gewesen. Jetzt hat er erst
erfahren, da wir angekommen sind."--"Er bat um Gre an Dich", warf der
Vater ein, der wie gewhnlich sa und las.

Es war wirklich eine Erholung, an Jrgen Thiis zu denken. Im vorigen
Winter war sie verschiedentlich mit ihm hier in Paris zusammengewesen.
Bei mehreren Gelegenheiten war er ihr Kavalier, so zum Beispiel bei den
offiziellen Bllen im Elyse und im Htel de Ville. Ein Kavalier, mit
dem sie in allen Stcken Ehre einlegte. Hbsch, elegant, zuvorkommend.
Der Vater erzhlte, Jrgen wolle zur Diplomatie bergehen. "Dazu gehrt
doch wohl Kapital?" sagte Mary. "Er wird Onkel Klaus beerben",
antwortete Frau Dawes. "Weit Du das bestimmt?"--"Bestimmt nicht."--"Ist
es denn wahr, da Onkel Klaus in letzter Zeit mehrfach Verluste gehabt
hat?" Frau Dawes schwieg. Der Vater antwortete: "Das kann schon
sein."--"Ja, untersttzt er ihn denn?" Keiner antwortete. "Dann kann ich
nicht finden, da Jrgens Aussichten so glnzend sind", sagte sie
abschlieend.--

Franz Ry war im Auftrage der Regierung in Paris und war infolgedessen
oft abwesend. Das war gerade jetzt der Fall, so da Mary sich sicher
fhlte. Aber als sie eines Morgens frh zu Alice kam,--sie wollten
zusammen in die Stadt,--sa er da! Er sprang auf und eilte ihr entgegen.
Seine Augen berschtteten sie mit Bewunderung und Freude, er nahm ihre
Hand in seine beiden Hnde. Etwas strahlend Glcklicheres hatte sie nie
gesehen. Mary fhlte, wie sie rot wurde. Alice lachte, was die Sache
noch schlimmer machte. Aber seine Redseligkeit, die heute selbst fr
seine Verhltnisse auergewhnlich war, half ihnen darber weg. Jetzt
strzte er sich in eine kolossale Fabrik hinein, von der er direkt
herkam, und ri sie mit. Die halbnackten Mnner mit ihren Haken an dem
Strom des siedenden, rotglhenden, wallenden Eisenerzes,--die Gewalt der
Maschinen und die Menschen dazwischen wie vorsichtige Ameisen in einem
Wald von Riesen. Er versuchte ihnen das auch in den Einzelheiten zu
erklren. Es gelang vllig; aber es dauerte lange und hielt vor, bis die
beiden Freundinnen fort muten.

Als sie im Wagen saen, war Alice uerst aufgerumt. Es war nmlich
ganz klar, heute hatte er einen starken Eindruck gemacht.--

Am Tage darauf verlie Mary mit einem amerikanischen Ehepaar Paris im
Automobil. Sie blieb mehrere Tage fort. Aber es war ihr erstes, als sie
wieder zurckkam, Alice aufzusuchen. Wahrhaftig: Franz Ry war da. Er
und Alice sprangen in lebhafter Freude auf, Alice kam ihr entgegen und
umarmte und kte sie: "Du Ausreier, Du Ausreier!" rief sie. Da Franz
Rys Augen funkelten, ist zu wenig gesagt; sie schossen frmlich Salut.
Von dem Augenblick an, da sie ihn begrte, stand sein Mund nicht mehr
still. Er benahm sich so tricht verliebt, da es Alice ganz angst
wurde. Glcklicherweise mute er ein Ende machen; er hatte eine
Konferenz. Mary war nachher wieder ganz aufgerhrt; die See wollte sich
nicht legen. Alice sah es und wollte sie beruhigen mit eifrigen,
ngstlichen Versuchen, ihn ihr zu erklren. Aber das verwirrte nur noch
mehr; Mary ging.

Am Nachmittag, als sie zu den andern ins Zimmer trat--sie hatte ein
wenig geruht, es hatte ihr notgetan--hrte sie Klavierspiel. Sie wute
sofort, da es Jrgen Thiis war, der den beiden Alten Gesellschaft
leistete. Er war wirklich ein Knstler, und er hatte eine Vorliebe fr
den Flgel, den sie hatten. Den wollten sie mit nach Norwegen nehmen.
Sie ging gleich zu ihm hin und dankte ihm, da er so aufmerksam gegen
ihren Vater und Tante Eva sei; leider mten die beiden so oft allein
bleiben. Er antwortete, es sei ihm eine unendliche Freude, da sie seine
Musik schtzten, und das Klavier sei zu verlockend, in der Tat ersten
Ranges. Die Unterhaltung bei Tisch und nachher zeigte Mary, wie die drei
zusammenstimmten; sie war entbehrlich.

Sie war wirklich dankbar dafr, so da es ein gemtlicher Abend wurde.
Es wurde viel von der Heimat gesprochen, nach der die beiden Alten
Sehnsucht hatten.

Kaum war er fort, so sagte Frau Dawes: "Was ist Jrgen doch fr ein
gemtlicher, gebildeter Mensch, liebes Kind!"--Der Vater blickte Mary an
und lchelte. "Worber lachst Du, Vater?"--"ber nichts", er lachte
noch mehr. "Du mchtest wissen, wie er bei mir angeschrieben ist?"--"Ja,
wirkt er auf Dich?" Frau Dawes war ganz Ohr. "A--ach."--"Das kommt ja so
gedehnt heraus?"--"N--n--nein."--"Nun also?"--"Im Grunde gefllt er mir
gut."--"Doch es ist ein Aber dabei--?" Jetzt lchelte sie. "Ich mag
nicht, da seine Augen sich frmlich an mir festsaugen." Der Vater
lachte: "Genau wie beim Essen, nicht?"--"Ja freilich!"--"Ein Lebemann,
siehst Du, wie sein Vater."--"Aber genau wie sein Vater hat er auch
viele gute Eigenschaften", warf Frau Dawes ein. "Das hat er", sagte
Anders Krog ernsthaft. Mary antwortete nicht. Sie sagte Gutnacht und bot
ihm die Stirn zum Ku.----

Ein paar Tage spter, ganz frh am Morgen, suchte Mary Alice in ihrem
Atelier des Hinterhauses auf. Anders Krog hatte irgendwo altes
chinesisches Porzellan gesehen, auf das er Lust bekommen hatte; aber
Alices guter Rat war hierzu von grter Wichtigkeit. Mary war berzeugt,
sie allein zu treffen, in der Regel freilich mit irgendeinem Modell.

Sie ging direkt hinein, ohne mit dem Pfrtner zu sprechen. Alice ffnete
ihr selbst. Sie hatte ihren Atelierkittel an, und ihre Hnde waren
schmutzig, sie konnte sie Mary nicht geben. "Hast Du ein Modell da?"
flsterte sie. "Ich wollte gerade anfangen," antwortete Alice leise mit
einem seltsamen Lcheln, "das Modell wartet im Zimmer nebenan. Aber komm
nur!" Als Mary hinter dem Vorhang hervortrat, erkannte sie den Grund,
warum das Modell im Zimmer nebenan wartete; Franz Ry sa in diesem
Zimmer. So frh am Morgen und tief in Gedanken. Er bemerkte nicht
einmal, da sie hereinkamen. Es war das erstemal, da Mary ihn ernst
sah. Das stand der mnnlichen Gestalt und seinem kraftvollen Gesicht
ungleich besser als jene ausgelassene Lustigkeit. "Sehen Sie, wer da
kommt!" sagte Alice. Er sprang auf.----

Die Unterhaltung heute war sehr ernst. Er war in gedrckter Stimmung.
Mary konnte unschwer erraten, da die anderen von ihr gesprochen hatten.

Sie waren deshalb alle drei etwas befangen. Bis Alice ein Thema aus der
Morgenzeitung aufgriff. Zwei Morde aus Eifersucht, von denen der eine
geradezu entsetzlich war, hatten sie alle erschttert, besonders Franz
Ry. Er behauptete, die Auffassung von der Ehe stamme bei den
romanischen Vlkern aus einer Zeit, da die Frau Eigentum des Mannes war
und Untreue folglich mit dem Tode bestraft wurde. Durch das Christentum
sei freilich spter der Mann auch Eigentum der Frau geworden. Hierber
entstand eine lebhafte Diskussion. Mary stimmte ihm darin bei, da
keiner der Eheleute dem ndern gehre. Sie seien freie Individuen und
knnten ber sich selbst bestimmen. In der Ehe wie vor der Ehe. Nur die
Liebe sei entscheidend. Hre die Liebe auf, weil der eine Teil oder auch
beide durch die Entwicklung anders geworden seien, als sie bei
Begrndung der Ehe waren, oder treffe einer von ihnen einen Menschen,
der seine Seele und seine Gedanken gefangen nehme und seinem Leben eine
andere Richtung gebe, dann msse der Verlassene resignieren. Nicht
verdammen oder tten. Aber ihre Meinung und Franz Rys Ansicht gingen
auseinander, als sie erwogen, was zwei Eheleute von Rechts wegen
scheiden drfe. Namentlich als sie darauf kamen, was davon zurckhalten
msse. Sie war hier viel bedenklicher als er. Er schlug scherzend vor,
sie solle doch sagen: "Eheleute haben volle Freiheit, sich scheiden zu
lassen; aber sie drfen keinen Gebrauch davon machen." Sie schlug vor,
er solle sagen: "Eheleute mssen in der Regel geschieden werden; haben
sie keinen wirklichen Grund, mssen sie sich einen pumpen."

Sie kamen in diesem Gesprch tiefer als bis zu den Worten. Es bezauberte
ihn wie eine neue Art von Schnheit an ihr, wie souvern sie war. Das
gab ihrer Erscheinung einen neuen Glanz. Es war keine Herrschsucht
darin. Es war nur eine Schutzwehr, aber die hchste. Ihr ganzes Wesen
war darin konzentriert. Ein "Rhr' mich nicht an!" in Augen, Stimme und
Haltung. Vielleicht, wenn es sein mute, bereit zur Mrtyrerglorie. Sie
wurde viel grer. Aber auch hilfloser. Gerade solche Wesen stehen zu
hoch und stolpern beim ersten Schritt. Dann pflegen sie furchtbar zu
fallen.

Er starrte sie an und verga zu antworten, verga, wo er war. Ihm war,
als rufe ihm einer zu: "Gib acht auf sie!" In seine Liebe zog mit
gebieterischem Kommando die Ritterlichkeit ein.

Sie sah, wie er sich dem Gesprch fernhielt; aber das hinderte sie
nicht; das Thema war ihr zu lieb. Als er wieder bei der Sache war, hrte
er, wie sie ihr Innerstes enthllte, zweifellos ohne es zu ahnen. Sie
sprach aus, was sie gedacht hatte, seit sie sich so etwas hatte klar
machen knnen. Es war ihr so natrlich, wie das Kleid zu heben, wenn es
schmutzig war, oder drauen im Meer zu schwimmen, wenn der Fu keinen
festen Boden mehr fand. Die Individualitt mu frei werden, mu wachsen,
darf nicht gebeugt und nicht befleckt werden; das war das Erste und das
Letzte.

Aber gleichzeitig fhlte sie sich seltsam zu dem Menschen hingezogen,
der sie zu bewegen vermochte, das auszusprechen. Sie hatte es so lange
nicht mehr getan. Sie wute nicht, da die Persnlichkeit, die unsere
Gedanken erlst, selbstverstndlich Macht ber uns hat. Sie fhlte nur,
da sie sprechen mute--und sich mit sich selbst beschftigen. Eine
wunderse Empfindung, die sie zum erstenmal hatte.

Folglich wurde das Thema ausgesponnen. In Worten, die immer weiter und
weiter in sie selbst hineinschlpften und schlielich sich in einer
Stille von Blicken und Atemzgen verloren. Alice war zu ihrem Modell
hineingegangen. Sie waren befangen, als sie merkten, da sie allein
waren. Sie verstummten, und ihre Blicke wichen sich aus.

Nach flchtigem Verweilen bald auf dem einen, bald dem anderen der
vielen Kunstgegenstnde, richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf einen
Faun ohne Arme, der sie angrinste. Sie sprachen ber dieses Stck alter
Kunst, nur um nicht zu schweigen. Wo der gefunden sein mochte? Aus
welcher Zeit er stamme? Er sei gewi sehr teuer gewesen. Sie sprachen in
gedmpften Worten mit liebkosender Stimme, und die Augen glitten umher.
Sie standen auch nicht auf ganz sicheren Fen. Sie fhlten sich
leichter, wie wenn sie sich in hheren Luftschichten befnden. Dabei die
Empfindung, da alles, was sie dachten, offen daliege, und da sie
selbst durchsichtig seien.

Jetzt kam Alice wieder. Sie blickte sie mit Augen an, die die beiden
aufweckten. "Sind Sie jetzt mit der Ehe fertig?" fragte sie; denn sie
hatten ja ber die Ehe gesprochen, als sie hinausgegangen war.

--Mary fiel ein, sie habe etwas zu besorgen, und ihr Wagen warte. Franz
Ry erinnerte sich auch seiner Obliegenheiten. So gingen sie zusammen
fort, durch den Hofraum, durch das Vestibl und die Tr auf den Wagen
zu. Aber sie fanden den Ton von vorhin nicht wieder, und sprachen
deshalb nicht.

Den Hut in der Hand, ffnete er ihr den Schlag. Sie stieg ein, ohne
aufzublicken. Als sie sich hingesetzt hatte und ihm zunicken wollte,
harrten ihrer die heiesten Augen, in die sie je geblickt hatte. Voll
Leidenschaft und voll Ehrerbietung.

Zwei Stunden darauf war er wieder bei Alice. Lnger hatte er mit seinen
himmelstrmenden Hoffnungen nicht allein sein knnen.

Wo er in der Zwischenzeit gewesen sei? In der Stadt, um sich einen Abgu
von Donatellos Heiliger Ccilia zu kaufen. Er msse vergleichen. Aber
Alice knne sich im voraus denken, da Donatellos Ccilia klglich
durchgefallen sei.

Jetzt bekam Alice ernstlich Angst: "Lieber Freund, Sie werden sich noch
alles verderben. Das liegt in Ihrer Natur." Er sagte stolz: "Ich habe
mir noch nie im Ernst ein Ziel gesteckt, das ich nicht erreicht
htte."--"Das glaube ich gern. Sie knnen arbeiten, Sie knnen
Hindernisse berwinden, Sie knnen auch warten."--"Das kann ich!"--"Aber
Sie knnen sich nicht beherrschen, Sie knnen nicht abwarten, da sie zu
Ihnen kommt."--"Was soll das heien, Alice?"--Es tat ihm weh. "Es soll
Sie daran erinnern, lieber Freund, da Sie Mary nicht kennen. Sie kennen
die Welt nicht, in der sie lebt. Sie sind ein Waldbr."--"Kann sein, da
ich ein Waldbr bin. Dagegen sage ich nichts. Aber wenn sie nun Freude
an einem Waldbren hat? Man kann sich in solchen Dingen nicht tuschen."
Er wollte sich seine festliche Stimmung nicht trben lassen. Darum kam
er bittend auf sie zu; er wollte sie sogar umarmen; er hatte es sehr mit
dem Umarmen.

"Nein, seien Sie artig, Franz! brigens stren Sie mich schon zum
zweitenmal."--"Sie sollen auch gestrt werden, Sie sollen nicht die da
drin in Ihrem Gefngnis modellieren. Liebe Alice, Sie mein einziger
Freund, Sie sollen mir mein Glck modellieren!"--"Ja, was kann ich
weiter fr Sie tun, als ich getan habe?"--"Sie knnen mir den Zutritt zu
ihrem Hause verschaffen." Alice berlegte. "Das ist nicht so
leicht."--"O,--Sie werden schon etwas ausfindig machen. Sie mssen, Sie
mssen es!" Er redete und bettelte und umarmte sie solange, bis sie
nachgab und es ihm versprach.

Ob sie es nun falsch anstellte,--jedenfalls ging es schief. "Wenn ich
meinen Vater bitte, einen jungen Herrn zu empfangen, der ihm nicht
vorgestellt ist, mu er es falsch auffassen", sagte Mary. Alice gab das
ohne weiteres zu. Sie war wtend auf sich selbst, da sie daran nicht
gedacht hatte. Anstatt mit Mary zu berlegen, ob sich die Sache nicht
anders machen lasse, gab sie es ganz auf. Sie war noch rgerlich, als
sie Franz Ry das Ergebnis mitteilte; sie habe das Gefhl, sagte sie,
Mary wnsche keinen Vermittler. Sie schrfte ihm wieder ein, vorsichtig
zu sein.

Franz Ry war ganz unglcklich. Alice versuchte auch nicht, ihn zu
trsten.

Tags darauf kam er wieder. "Ich kann's nicht aufgeben", sagte er. "Ich
kann auch an nichts anderes denken."

Solange sa er und so oft wiederholte er dieselbe Litanei in allen
Tonarten, und so unglcklich war er, da er der gutmtigen Alice leid
tat. "Hren Sie," sagte sie, "ich werde Sie zusammen einladen. Dann
kommt vielleicht die Einladung zu Krogs von selbst."--Er sprang auf.
"Das ist eine herrliche Idee. Tun Sie das, Liebste!"--"Ich kann es nicht
gleich tun. Anders Krog ist unwohl. Wir mssen warten." Er starrte sie
enttuscht an. "Aber knnen Sie uns beide nicht mal wieder
zusammenbringen?"--"Ja, das kann ich."--"So tun Sie es,--sobald wie
mglich! Sie Liebste, Beste, sobald wie mglich!"

Das gelang. Mary war gleich zu einem Wiedersehen bereit.

Sie trafen sich bei Alice, um zusammen in die Ausstellung in den
Champs-Elyses zu fahren.

Zusammen vor Kunstwerken zu stehen, ist wie ein Gesprch ohne Worte. Die
wenigen Worte; die gesprochen werden, rufen hundert andere wach. Aber
die werden nicht ausgesprochen. Der eine fhlt durch den andern, oder
glaubt es zu tun. Sie begegnen sich in einem Bilde, um in einem anderen
wieder getrennt zu werden. Dabei lernen sie sich in einer Stunde besser
kennen als sonst in Wochen. Alice fhrte sie von Bild zu Bild; aber sie
selbst war mit sich beschftigt,--je lnger, je vollstndiger. Sie sah
alles mit Knstleraugen an. Die beiden andern, die mit den Bildern
anfingen, gingen immer mehr dazu ber, durch die Bilder einander zu
erforschen. Es wurde ein Flsterspiel mit schnellen Blicken, knappen
Worten und leicht andeutenden Fingern. Die aber, die sich auf heimlichen
Wegen zueinander hintasten, haben zugleich eine unermeliche Freude
daran. Und lassen diese Freude auch wohl ahnen. Ein Spiel wie bei
Vgeln, die unter dem Wasser schwimmen und weit hinten emportauchen,--um
dann wieder zueinander hinzustreben. Das Glck der Stunde wurde erhht
durch die vielen Augen, die auf ihnen ruhten.

Unten bei den Skulpturen fhrte Alice sie ganz nach vorn in den
Mittelbau. Sie blieb vor einem leeren Sockel stehen und wandte sich an
den Aufseher. "Ist der Athlet noch nicht in Ordnung?"--"Nein, gndiges
Frulein, leider nicht", antwortete er. "Dann ist es wohl noch einmal
schief gegangen?"--"Ich wei nicht, gndiges Frulein." Alice erklrte
Mary, die Statue eines Athleten sei bei der Aufstellung zerbrochen. "Ein
Athlet?" fragte Franz Ry, der etwas abseits stand und jetzt eilig
herzukam. Die beiden andern lchelten. "Ein Athlet? Sprachen Sie nicht
von einem Athleten?"--"Ja", sagten sie und lachten. "Ist dabei etwas zu
lachen?" fragte er. "Ich habe einen Vetter, der ist Athlet." Nun lachten
die beiden Damen erst recht. Franz Ry war hchlichst erstaunt. "Ich
kann Ihnen versichern, er ist der prchtigste Mensch, den ich kenne. Und
so erstaunlich tchtig. Das liegt in unserer Familie. Als Knabe war ich
zwei Sommer bei ihm im Zirkus." Die andern lachten. "Worber zum Teufel
lachen Sie? Ich habe in meinem Leben keine herrlicheren Tage erlebt als
im Zirkus." Die beiden Damen eilten unter Lachen in wilder Flucht dem
Ausgang zu. Er mute ihnen folgen; aber er war beleidigt. "Ich begreife
nicht, worber Sie lachen", sagte er, als sie alle im Wagen saen,
lachte aber mit.

Das kleine Miverstndnis hatte die Folge, da sie alle in der besten
Stimmung waren, als sie vor Marys Wohnung hielten.

Alice und Franz Ry fuhren ohne sie weiter. Er wandte sich berglcklich
zu Alice und fragte, ob er heute nicht ein braver Junge gewesen sei? Ob
er sich nicht im Zaum gehalten habe? Ob seine "Affre" nicht brillant
stnde? Er lie sich nicht Zeit, auf ihre Antwort zu hren, er lachte
und schwatzte und wollte sie schlielich nach oben begleiten. Hiervon
wollte Alice aber nichts wissen. Da verlangte er als Belohnung, wenn er
es sein lasse, da Alice sie beide auf eine Spazierfahrt ins Bois de
Boulogne mitnehmen solle, nach Schlo Bagatelle hinaus. Die Fahrt msse
morgens um neun Uhr gemacht werden. Da dufte der Wald am strksten, da
sei der Gesang der Vgel am schnsten und da seien sie noch allein. Sie
versprach es ihm.

Am nchsten Freitag holte Alice Mary kurz vor neun Uhr morgens ab, dann
fuhren sie weiter zu Franz Ry.

Schon von weitem sah Alice ihn auf dem Fuweg auf und ab wandern. Aus
Gang und Haltung ahnte ihr Bses. Mary konnte ihn nicht sehen, bis sie
hielten. Da aber warf all die Glut seines Gesichts eine Flamme auf
ihres. Er schwang sich auf den Wagen wie auf ein erobertes Schiff. Alice
suchte eilig seine Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, um es nicht
gleich zu einem Ausbruch kommen zu lassen. "Was fr ein herrlicher
Morgen," sagte sie, "gerade weil er nicht ganz sonnenklar ist. Nichts
ist schner als ein gedmpfter Ton ber einer so farbenfrohen Landschaft
wie der, durch die wir jetzt kommen." Aber er hrte nicht, er fate
nichts auer Mary. Der weie Schleier, der von ihrem roten Haar
zurckgeschlagen war, der halbgeffnete, frische Mund brachte ihn um den
Verstand. Alice meinte, der Wald dufte viel strker, seit die
japanischen Baumarten herangewachsen seien. Immer, wenn diese Bume
berauschende Wellen in den hergebrachten europischen Waldduft
hineingssen, sei's, als flgen fremde Vgel mit fremdartigem Schrei
zwischen den Bumen auf. Sofort behauptete Franz Ry energisch, die
heimischen Vgel des Waldes htten davon einen anderen Gesang bekommen.
So wunderbar schn, wie sie diesen Morgen sngen, meinte er, htten sie
noch nie gesungen.

Alices Angst vor einer Explosion stieg. Sie wollte ihn ablenken, indem
sie ihn auf die Farbenkontraste von Wald und Wiese und Fernsicht
aufmerksam machte. Gerade der Weg nach Bagatelle hinaus ist so reich
daran. Aber Franz Ry sa rckwrts und mute sich jedesmal erst
umdrehen, bis er sehen konnte, was Alice ihm zeigen wollte. Das machte
ihn ungeduldig, um so mehr als Mary und er jedesmal in ihrem Gesprch
unterbrochen wurden. "Wollen wir nicht lieber aussteigen und ein Stck
gehen?" fragte er. Aber davor hatte Alice die meiste Angst; auf was fr
Gedanken konnte er da nicht kommen?!

"Sehen Sie sich doch um!" rief sie ihm zu. "Ist es nicht, als wenn die
Farben hier Chre singen?"--"Wo?" fragte er gereizt.--"Herrgott, sehen
Sie doch blo das verschiedene Grn in demselben Wald! Sehen Sie doch
nur! Und daneben wieder das Grn der Wiese!"--"Mir liegt nichts daran,
das zu sehen! Nicht ein Deut!" Er drehte sich wieder zu den Damen um und
lachte. "Wre es nicht doch besser, auszusteigen?" bestrmte er sie
wieder. "Es ist doch was anderes, im Walde herumzulaufen, als ihn
anzusehen. Ebenso mit dem Rasen."--"Das Betreten des Rasens ist
verboten!"--"Zum Donnerwetter, so gehen wir eben auf der Landstrae und
besehen uns alles. Das ist viel schner, als in dem engen Wagen zu
sitzen!" Mary stimmte ihm zu.

"Zum Spazierengehen habe ich Sie aber nicht hier herausgefahren. Wir
wollten den Anblick des historischen Schlosses Bagatelle genieen und
den Wald, in dem es liegt. So was gibt es nicht wieder. Und dann wollten
wir doch soweit wie mglich hinaus. Daraus wird aber nichts, wenn wir
gehen."

Dieser Appell hielt sie eine Weile im Schach. Die Besitzerin des Wagens
mute doch den Ausschlag geben. Aber Mary war mittlerweile auch
bermtig geworden. Ihre Augen, die gewhnlich etwas Nachdenkliches
hatten, leuchteten vor Lebenslust. Heute lachte sie ber seine vielen
drolligen Einflle; sie lachte ber das Geringfgigste. Sie wollte in
einemfort Blumen haben, wenn sie welche sah. Jedesmal mute angehalten
werden, um Blumen und Laub zu pflcken. Sie packte den Wagen voll, so
da Alice schlielich protestierte. Da warf sie alles miteinander hinaus
und verlangte energisch, selbst auch hinauszuknnen.

Sie hielten und stiegen aus.

Sie waren jetzt weit ber Bagatelle hinaus und lieen den Wagen
umkehren. Er solle langsam ein Stck zurckfahren, sie kmen nach.

Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, als Franz Ry anfing, Rad zu
schlagen, d.h. er warf sich seitlings auf den Hnden herum, um wieder
auf die Fe zu fallen, dann wieder auf die Hnde und so weiter,
schneller und immer schneller. Dann drehte er um und kam auf dieselbe
Weise zurck. "Das ist eins von meinen Zirkuskunststcken", sagte er
strahlend. "Jetzt kommt ein anderes!" Er warf sich in der Luft herum und
kam wieder auf die Fe genau an derselben Stelle, wo er hochgesprungen
war. Dann noch einmal. "Sehen Sie? Genau wo ich hochgesprungen bin!" Er
triumphierte und machte es noch zwei-, noch drei-, vier-, fnfmal vor.

Sie bewunderten ihn. Es war auch bewundernswert, wie der groe, starke
Mann das mit einer Leichtigkeit ausfhrte, da es wirklich schn aussah.
Angefeuert durch ihr Lob fing er an, sich mit solcher Geschwindigkeit
herumzuwirbeln, da den andern beim bloen Zusehen schlecht wurde. Schn
war es auch nicht. Sie wandten sich ab und schrien. Das machte ihm
furchtbaren Spa. rgerlich rief Alice: "Sie sind wahrhaftig wie ein
Schuljunge von siebzehn Jahren!"--"Wie alt sind Sie eigentlich?" fragte
Mary. "ber dreiig." Da lachten sie aus vollem Halse.

Das htten sie nicht tun sollen. Dafr mute er sie strafen. Ehe Alice
es ahnen konnte, fate er sie um die Taille und tanzte mit ihr im
rasendsten Galopp die Chaussee hinunter, da der Staub aufwirbelte. Die
schwerfllige Alice wehrte sich aus Leibeskrften und schrie. Aber es
half nichts; es machte ihm nur Spa. Ihr Hut fiel zu Boden, ihr Schal
flog hin, Mary lief hinterher und nahm beides auf, aber sie krmmte sich
vor Lachen. Denn diese plumpen, vllig nutzlosen Widerstandsversuche
waren nicht mitanzusehen. Schlielich machte er Kehrt, und sie kamen in
dem gleichen rasenden Trab wieder zurck und machten bei Mary Halt.
Alices Gesicht ganz verstrt, schweitriefend und rot. Ihre kurzatmige
Wut, die keine Worte fand, lie Mary kreischen vor Lachen. Franz sang
ihr: "Hopsa--sa! hop--sa--sa!" vor, bis sie sprechen und ihn tchtig
ausschelten konnte. Da lachte er.

"Und Sie?" wandte Mary sich jetzt an Franz Ry, "hat es Sie gar nicht
angestrengt?"--"Nicht sonderlich. Ich knnte gleich mit Ihnen dieselbe
Tour machen!" Mary erschrak. Sie hatte Alice gerade den Hut gegeben und
stand nun da mit dem Schal und ihrem eigenen Hut, den sie abgenommen
hatte, in der Hand, warf aber mit einem Aufschrei die beiden Gegenstnde
hin und sauste nach der entgegengesetzten Seite davon, dahin, wo der
Wagen hielt.

Keinen Augenblick war es Franz Ry in den Sinn gekommen, seine Drohung
auszufhren. Es war nur Scherz gewesen. Aber als er sie laufen sah, und
zwar mit einer Geschwindigkeit, die er weder ihr noch berhaupt einer
Dame zugetraut htte, war das fr sein Offiziersherz wie eine
Herausforderung. Alice merkte es und sagte schnell: "Tun Sie's nicht!"
Die Worte stellten sich ihm so eindringlich in den Weg, da er zweifelnd
stehen blieb. Mary aber dahinten auf der Strae in dem weien Kleide und
dem roten Haar darber, mit einem so geschwinden und leichten Tanz der
Fe, da allein dieser Rhythmus schon lockte, ja, das raubte ihm die
Besinnung, das schleuderte ihn in die Bahn, eh' er selbst es wute.
Gerade als Alice zum zweitenmal und ganz verzweifelt rief: "Tun Sie's
nicht!"

Der helle Streifen da vorn ber dem Straenstaub fiel wie Sonne in seine
Augen und in seine Phantasie. Er blendete ihn. Er lief ganz bewutlos
weiter. Er lief, als rufe da vorn immerzu jemand: "Fang mich! Fang
mich!" Er lief, als gelte es des Lebens hchsten Preis, sie einzuholen.

Sie hatte einen bedeutenden Vorsprung. Gerade das spornte seine ganze
Kraft bis zum uersten an. Ein Wettlauf ums Glck mit einer, die
gefangen werden mchte. Siedend hei brauste ihm das Blut in den Ohren,
die Begierde wallte auf. Die strmische Sehnsucht all dieser Tage und
Nchte trieb vorwrts zum Sieg. Wollte endlich einmal reden. Oder
richtiger,--da bedurfte es keines Redens; er wrde sie in seinen Armen
haben!

Jetzt wandte sie den Kopf,--sah ihn, stie einen Schrei aus, raffte das
Kleid zusammen,--jetzt setzte sie die Fe wahrhaftig noch schneller! Er
war wie toll. Er hielt ihren Schrei fr einen Lockruf. Er sah sie nach
vorn winken und glaubte, das solle bezeichnen, wo sie stehen bleiben
wolle und frei sein. Es hie also sie einzuholen, bis sie dahin kam.
Auch er gab sich den letzten Sporn, und der brachte ihn im Nu dicht in
ihre Nhe. Er meinte, ihren Duft zu spren, bald mute er ihren Atem
hren. Er war so erregt, da er gar nicht wute, er berhre sie, bis sie
sich umsah. Sie lie sofort das Kleid los und nach ein paar Stzen stand
sie still. Sein Arm legte sich um ihre Taille, er glhte und zog sie
leidenschaftlich an sich,--da hrte er ein sehr bitteres: "Lassen Sie
mich los!" Die Atemnot machte es so eigen scharf. Er war ganz entsetzt,
dachte aber, er msse sie sttzen, bis sie wieder zu Atem gekommen sei,
und deshalb hielt er sie fest. Da, mit der gleichen schneidenden Schrfe
der Atemnot: "Sie sind kein Kavalier!" Er lie sie los.

Man hrte Huf schlag, der Wagen kam rasch heran. Die beiden auf dem Bock
muten den Vorgang mitangesehen haben; ihnen hatte sie gewinkt. In
seiner blinden Hetze hatte er nur sie gesehen.

Jetzt ging sie auf den Wagen zu; sie hielt sich das Taschentuch vors
Gesicht; sie weinte. Der Diener sprang vom Bock und ffnete ihr den
Schlag.

Er lie sie stehen, trostlos, wie gelhmt in seinem Denken. Da kam
Alice. Sie hatte ihren Schal und Marys Hut in der Hand und ging direkt
auf den Wagen zu, ohne ihn zu beachten. Als er zu ihr hin wollte, winkte
sie ihm ab.

       *       *       *       *       *

Am dritten Tage nach diesem Ereignis lie er sich bei Alice melden. Sie
sei nicht zu Hause. Am Tage darauf bekam er denselben Bescheid. Dann
mute er auf einige Tage verreisen. Aber sowie er zurckkam, meldete er
sich wieder. Sie sei eben fortgegangen, antwortete der Diener. Da schob
er ohne weiteres den Diener beiseite und ging hinein.

Alice war ganz in Anspruch genommen von einer Reihe von
Kunstgegenstnden, die auf Tischen und Sthlen lagen oder standen. "Aber
Alice?" sagte er leise und schmerzlich. Sie war erschrocken; doch er
gewahrte im gleichen Augenblick ihren Vater hinter ihr. Da tat er, als
habe er nichts gesagt, und trat nher.

Die Kunstgegenstnde wurden beiseite gestellt; Franz Ry half dabei. Der
Vater verlie das Zimmer. "Aber Alice?" wiederholte Franz Ry nun
vorwurfsvoll. "Sie wollen mir doch wohl nicht Ihr Haus verschlieen? Und
gerade, wo ich so unglcklich bin?" Sie antwortete nicht. "Wir sind doch
immer so gute Kameraden gewesen und haben uns so gut vertragen!" Sie
stand abgewandt und gab keine Antwort. "Selbst wenn ich mich dumm
benommen habe, kennen wir beide uns doch zu gut, als da es uns trennen
knnte?"--"Es mu doch Grenzen geben", hrte er sie sagen.--Er bedachte
sich eine Weile: "Grenzen? Grenzen? Aber hren Sie mal, Alice, zwischen
uns ist doch nichts."--Ehe er weiterreden konnte, warf sie schnell ein:
"Es geht doch nicht an, sich im Beisein anderer so zu benehmen!" Sie war
feuerrot.--"Ja, was meinen Sie--?" Er verstand sie nicht. Sie wandte
sich ab: "Mich im Beisein anderer so zu behandeln ..." ergnzte sie.
"Was mu Mary denken?"--Jetzt erst ging ihm ein Licht auf, da er sich
auch gegen sie, gegen Alice nicht richtig benommen habe; er hatte die
ganze Zeit nur an Mary gedacht. Jetzt schmte er sich. Schmte sich ganz
entsetzlich und ging auf sie zu. "Ich bitte Sie um Verzeihung, Alice,
ich war so froh, da ich nichts berlegt habe. Erst jetzt kommt mir das
zum Bewutsein. Verzeihen Sie mir armem Snder! Nein, sehen Sie mich
an!" Sie wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen waren unglcklich und
standen voll Trnen; sie begegneten den seinen, die auch unglcklich,
aber flehend waren. Da dauerte es nicht lange, bis ihre und seine eins
waren. Er streckte die Arme aus, umarmte sie und wollte sie kssen; aber
das durfte er nicht. "Alice, liebe, se Alice, Sie wollen mir doch
wieder helfen?"--"Es hat keinen Zweck. Sie zerstren alles."--"Ich will
fortan jedes bichen tun, was Sie wnschen."--"Das haben Sie frher auch
schon versprochen."--"Aber jetzt habe ich zugelernt. Jetzt halte ich es.
Auf Ehre!"--"Man kann sich nicht auf Ihre Versprechungen verlassen. Denn
Sie haben eben kein Verstndnis."--"Kein Verstndnis?"--"Nein, Sie ahnen
ja nicht, wie sie ist!"--"Ich gebe zu, da ich mich getuscht haben mu;
denn noch in diesem Augenblick ist mir nicht klar, worber sie so bse
wurde."--"Das kann ich mir denken."--"Ja, denn als sie alles hinwarf und
fortlief, glaubte ich tatschlich, sie tue es, damit ich
hinterherlaufe."--"Hrten Sie denn nicht, da ich zweimal rief: 'Tun
Sie's nicht!'"--"Ja; aber ich verstand auch das nicht."--Alice setzte
sich entmutigt hin. Sie sagte nichts mehr; es half ja doch nichts. Er
nahm ihr gegenber Platz: "Erklren Sie mir's, Alice! Haben Sie nicht
gesehen, wie sie lachte, als ich mit Ihnen davontanzte?"--"Haben Sie
noch nicht begriffen, was fr ein kolossaler Abstand zwischen ihr und
uns andern ist?"--"Mary Krog ist nicht anspruchsvoll und nicht
bermtig. Nicht im geringsten."--"Nein, das ist sie nicht. Sie
verstehen mich schon wieder falsch. Whrend wir andern gewhnliche
Sterbliche sind, die ruhig mal derb angefat werden knnen, lebt sie in
einer Ferne, der bis jetzt niemand auch nur um einen halben Meter
nhergekommen ist. Nicht aus Stolz oder aus Einbildung."--"Nein,
nein!"--"So ist sie eben. Wre sie nicht so, dann wre sie lngst
gekapert und verheiratet. Sie werden doch nicht glauben, da es ihr an
Bewerbern gefehlt hat?"--"Nein, das lat sich denken."--"Fragen Sie
Frau Dawes! Sie fhrt in ihren tausend Briefen Buch darber. Sie
schreibt jetzt von nichts anderem."

"Aber wie ist das zu verstehen, liebe Alice?"--"Das ist ganz leicht zu
verstehen. Sie ist freundlich und umgnglich und gefllig, was sie
wollen. Aber sie lebt in einem Elfenlande, das niemand betreten darf.
Darber wacht sie mit der unverbrchlichsten Sorgfalt und dem feinsten
Takt!"--"Also unberhrbar?"--"Absolut! Da Sie das noch nicht einmal
gemerkt haben!"--"Ich hatte es gemerkt,--aber ich verga es."

Franz Ry sa da, als lausche er in die Ferne. Er hrte wieder diesen
hellen Angstruf, der durch die Luft zitterte, als er ihr nher kam; er
sah das aufgeregte Winken nach dem Wagen, er fhlte ihren zitternden
Krper, er vernahm den Zornesausbruch, der mit aller Kraft, die sie noch
hatte, herausgeschleudert wurde; er sah sie weinend fortgehen. Mit
einemmal begriff er! Was fr ein dummer, brutaler Verbrecher er doch
war!

Er blieb sitzen, stumm und tief unglcklich.

Aber es lag nicht in seiner Natur, sich zu ergeben. Bald erhellte sich
sein Gesicht. "Schlielich war es doch nur ein Spiel, liebe
Alice."--"Fr sie war es mehr. Daran zweifeln Sie doch auch wohl nicht
mehr?"--"Ihr ist schon fter nachgestellt worden, meinen Sie?"--"Auf
alle mgliche Weise!"--"Darum ging die Phantasie mit ihr
durch?"--"Natrlich. Das sahen Sie doch?"--Er schwieg. "Aber hren Sie
mal, lieber Franz,--war es fr Sie nicht auch mehr als ein Spiel? War es
nicht das Entscheidende?"

Er lie beschmt den Kopf sinken. Dann ging er ein paarmal auf und ab
und kam zu ihr zurck. "Sie ist souvern. Sie will nicht erobert sein.
Ich htte stehen bleiben sollen--?"--"Sie htten ihr berhaupt nicht
folgen sollen. Und sie wre jetzt Ihr eigen gewesen." Er setzte sich wie
mit einer schweren Last auf den Schultern wieder hin.

"Hat sie etwas gesagt?" fragte Alice mit forschendem Blick.--Er htte
lieber geschwiegen, aber die Frage wurde wiederholt. "Sie sagte, ich sei
kein Kavalier."

Alice fand das sehr schlimm. Darauf fragte er, ob Mary zu ihr etwas
gesagt habe. Im Wagen? "Kein Wort. Aber ich habe geredet. Ich schalt auf
Sie. Tchtig."--"Sie hat auch spter nicht mehr davon gesprochen?"
--Alice schttelte den Kopf. "Ihr Name ist aus dem Wrterbuch
gestrichen, mein Freund."----

       *       *       *       *       *

Einige Tage spter bekam er einen Rohrpostbrief, der ihn in aller Eile
davon unterrichtete, sie seien vormittags elf Uhr wieder in der
Ausstellung der Champs Elyses. Als er das Billet bekam, war die Uhr
schon elf.

Mary war zu Alice gekommen mit der Bitte, sie zu begleiten. Sie solle
ihr Urteil ber eine hollndische Kstenlandschaft abgeben, die ihr
Vater kaufen wolle. Der Preis erscheine ihnen allen recht hoch,
mglicherweise knne Alice gnstigere Bedingungen erzielen. Marys Wagen
hielt unten. Alice lie sie allein, schrieb eilig an Franz Ry und
machte sich dann fertig, was gegen ihre Gewohnheit heute sehr lange Zeit
in Anspruch nahm. Sie kamen in die Ausstellung, suchten das Bild auf und
gingen ins Bureau, wo sie warten muten, machten dann ihr Angebot, gaben
ihre Adresse auf und begaben sich wieder ins Parterre; denn sie wollten
den Athleten suchen. Jetzt stand er da in seiner ganzen mnnlichen
Kraft. Alice trat zuerst davor hin und rief: "O Gott, das ist ja--"
hielt aber inne und wandte sich von Mary ab. Sie besah die Statue von
allen Seiten, immer und immer wieder, ohne ein Wort zu sagen. Gerade
das, was an Franz Ry auffiel, da seine Kraft nicht uerlich in
Muskelkissen sichtbar war, sondern als Spannkraft in dem
wohlgeformtesten, geschmeidigen Krper lag, fand sich hier wieder. Das
war Franz Rys Haltung und seine Kopfstellung, seine breite, schrg
ansteigende Stirn, seine Hand, sein kurzer, krftiger Fu,--alles war
hier! Die Statue wirkte wie ein Schlachtgesang. Zum erstenmal fand sie
ein Wort dafr, wie Franz Ry wirkte. Dies hier ri sie mit wie der
Rhythmus eines Marsches. Genau das, was sie oft empfunden hatte, wenn
sie Franz Ry gehen sah. War diese hnlichkeit ein sonderbarer Zufall,
oder hatte wirklich Franz Ry ... ihr wurde hei, und sie mute ein
Stck von der Statue fort--zu einer andern hin.

Mary hatte sich die Zeit ber hinter Alice gehalten, die sie ganz
vergessen hatte. Nun, da Alice allein stand, stieg unwillkrlich die
Frage in ihr auf: begreift Mary, was sie sieht?

Alice wartete eine Weile, ehe sie zu beobachten anfing. Mary stand jetzt
lange unbeweglich vor der Statue mit dem Rcken nach Alice. Alice wurde
neugierig. Sie ging auf einem Umwege zwischen andern Skulpturen hindurch
nach drben, setzte ihr Pincenez auf und sah hin. Marys Augen waren
halbgeschlossen, ihre Brust wogte. Sie ging langsam im Kreise um die
Statue herum, trat etwas zurck, kam wieder nher und blieb halb
seitlich davor stehen.

Da sah sie sich nach Alice um und erblickte sie, wie das Pincenez gerade
auf sie gerichtet war; Alice hielt es sogar noch fest, um deutlicher zu
sehen. Man konnte sich nicht tuschen: Alices Gesicht war ein einziges
Schelmenlachen.

Es gibt Dinge, von denen keine Frau will, da eine andere sie versteht:
Marys Blut geriet in Wallung; gergert und gekrnkt, empfand sie Alices
Blick wie eine "insulte"--das Wort wurde franzsisch gedacht. Sie drehte
schnell dem Athleten den Rcken und ging nach dem Ausgang zu. Aber sie
blieb hier und da stehen, um sich den Anschein zu geben, als betrachte
sie andere Kunstwerke. In Wirklichkeit, um ihrer Erregung Herr zu
werden. Endlich hatte sie den Ausgang erreicht. Sie blickte sich nicht
um, ob Alice nachkomme; sie ging in die Vorhalle hinaus und von da
weiter.

Aber gerade, als sie drauen stand, kam Franz Ry dahergestrmt. So
eilig, als sei er hinbestellt und habe sich versptet. Franz Ry ri den
Hut vom Kopf, bekam aber kein Nicken als Antwort, nur ein paar khle
Augen. "Aber nein, jetzt mssen Sie auch nicht mehr bse sein!" sagte er
gutmtig und knabenhaft in seinem breitesten Ostlndisch. Sie taute auf,
ja, sie konnte nicht anders, sie lchelte sogar und war tatschlich nahe
daran, seine ausgestreckte Hand zu fassen,--als sie sah, wie seine Augen
blitzschnell an ihr vorbeiglitten und mit einem ganz, ganz kleinen
Triumph wieder zurckkehrten. Da wandte auch sie den Kopf und begegnete
Alices Augen. In ihnen lag eine ganze Welt von Schelmerei und Freude.
Eine abgekartete Sache also! Da ging eine Verwandlung mit Mary vor. Wie
von der hchsten Kirchturmspitze blickte sie auf die beiden
hinunter--und lie sie stehen. Ihr Wagen hielt in einiger Entfernung;
sie winkte, und er kam in groem Bogen heran. Ihr Vater hatte auf seinem
Wagen keinen Diener; sie machte sich selbst den Schlag auf, ehe Franz
Ry hinzuspringen konnte. Sie stieg ein, als sei kein Mensch da. Von
ihrem Sitz aus sah sie sich nach Alice um,--an Franz Ry vorbei. Die
korpulente Alice kam langsam herangewatschelt. Schon von weitem war zu
sehen, da sie einen harten Kampf mit unterdrcktem Lachen zu bestehen
hatte. Und als sie herangekommen war und Mary vornehm dasitzen sah, den
Kopf nach der andern Seite gewandt, whrend auf dieser Seite Franz Ry,
der Riese, wie ein verdonnerter Rekrut stand, da konnte sie sich nicht
lnger halten, sie brach in ein Gelchter aus, das ihre ganze behbige
Person von Grund auf erschtterte. Sie lachte, da ihr die Trnen ber
die Backen liefen. Sie lachte so, da sie nur mit Not und Mhe und nicht
ohne Hilfe das Trittbrett fand und sich hinaufzog. Sie sank laut lachend
neben Mary auf den Sitz, da der Wagen wackelte. Sie hielt das
Taschentuch vors Gesicht und prustete hinein. Sie sah Marys purpurrotes
Beleidigtsein und Franz Rys blasses Entsetzen, sie lachte nur immer
mehr. Sogar der Kutscher mute mitlachen; er wute den Teufel warum. So
fuhren sie ab.

Wieder eine miglckte Expedition nach den khnsten Hoffnungen! Es
dauerte lange, bis Alice etwas sagen konnte. Natrlich fing sie damit
an, Franz Ry zu bedauern. "Du bist zu streng gegen ihn, Mary. Gott, wie
unglcklich er aussah!" Und wieder berkam sie das Lachen. Mary aber,
die die ganze Zeit ber dagesessen und nur auf eine Gelegenheit gewartet
hatte, brach jetzt los: "Was geht mich Dein Protg an?" Und als sei das
nicht genug, beugte sie sich vor und sah in Alices lustige Augen hinein.
"Du verwechselst uns beide wohl. Du bist selbst in ihn verliebt. Meinst
Du, ich habe das nicht lange gesehen? Ihr mt ja selbst am besten
wissen, in was fr einem Verhltnis Ihr zueinander steht. Mich geht es
nichts an. Aber das 'Sie', an dem Ihr festhaltet,--ist doch wohl nur ein
Deckmantel?"

Alices Lachen erstarb. Sie wurde bla, so bla, da Mary erschrak. Mary
wollte die Augen wieder abwenden, konnte es aber nicht. Alices Augen
hielten sie whrend des schmerzlichen berganges fest, bis sie
erloschen. Da sank Alices Kopf mit einem langen, schweren Seufzer
hintenber. Wie das Sthnen eines verwundeten Tieres.

Mary sa daneben, erschrocken ber den eigenen Schu.

Aber es war geschehen.

Unerwartet und hastig hob Alice den Kopf und lie den Kutscher halten.
"Ich mu in dies Htel." Der Wagen hielt, sie ffnete die Tr, stieg aus
und schlo sie hinter sich. Mit einem langen Blick auf Mary sagte sie:
"Good bye!"--"Good bye!" war die leise Antwort.

Beide fhlten, es war fr immer.

Mary fuhr weiter. Sowie sie zu Hause war, ging sie geradenwegs in den
Salon; sie wollte ihrem Vater etwas sagen. Schon drauen vor der Tr
hrte sie Klavierspiel und wute, da Jrgen Thiis da war. Aber das
hielt sie nicht zurck. In Hut und Sommermantel stand sie pltzlich
unerwartet im Zimmer. Jrgen Thiis sprang vom Klavier auf und ging ihr
entgegen, seine Augen waren voll Bewunderung; sie glhte nmlich vor
Erregung. Aber etwas Stolzes und Abweisendes in all dem Funkeln
bewirkte, da er es aufgab, sich ihr zu nhern. Da bekamen seine Augen
das Saugende, Gierige, das sie so tief verabscheute. Mit leichtem Gru
ging sie an ihm vorbei auf den Vater zu. Er sa wie gewhnlich in einem
groen Stuhl mit einem Buch auf den Knien. "Du Vater, was meinst Du,
wollen wir jetzt nach Hause reisen?"

Alle Gesichter hellten sich auf. Frau Dawes rief: "Denk nur, Jrgen
Thiis hat gerade gefragt, wann wir reisen; dann will er mit."--Mary
wandte sich nicht zu Jrgen Thiis, sondern fuhr fort: "Ich glaube, das
Schiff fhrt morgen von le Havre ab."--"Ja, ganz recht," antwortete ihr
Vater, "aber bis dahin werden wir wohl nicht fertig?"--"Doch, das werden
wir," sagte Frau Dawes, "wir haben ja den ganzen Nachmittag."--"Ich will
mit Vergngen helfen", sagte Jrgen Thiis. Dafr bekam er einen
freundlichen Blick von Mary, ehe sie ber den Preis Bericht erstattete,
den Alice fr die hollndische Kstenlandschaft, die ihr Vater haben
wollte, angesetzt hatte. Dann ging sie hinaus, um ihre eigenen Sachen
einzupacken.

Sie trafen sich alle vier um halb acht im Hotel beim Diner. Mary fand
sich, etwas abgespannt, auch ein; Jrgen Thiis ging ihr entgegen und
sagte: "Gndiges Frulein haben doch diesmal Franz Ry kennen
gelernt?"--Der Vater und Frau Dawes waren ganz Aufmerksamkeit; sie
verrieten dadurch, da Jrgen soeben mit ihnen darber gesprochen haben
mute. Immer wenn sie die Bekanntschaft eines Herrn machte, bekamen
nmlich die beiden Angst. Mary wurde rot; sie fhlte es, und daher
vertiefte sich das Rot noch. Die beiden starrten sie an. "Ich habe ihn
bei Mi Clerq gesehen", antwortete Mary. "Mi Clerqs Mutter und sie sind
mehrere Sommer in Norwegen gewesen und dort mit Franz Rys Familie
zusammengetroffen; sie sind aus einer Stadt. Soll ich noch weitere
Aufklrungen geben?" Jrgen Thiis erschrak. Die andern starrten sie an.
Er sagte eilig: "Ich habe gerade zu Ihrem Vater und zu Frau Dawes
gesagt, da unter uns jngeren Offizieren Franz Ry als der beste gilt,
den wir berhaupt haben. Ich habe es also nicht bse gemeint."--"Das
habe ich auch nicht von Ihnen gedacht. Aber wenn ich selbst von dieser
Bekanntschaft hier nicht gesprochen habe, darf es auch von keinem
Fremden zugetragen werden, finde ich."--Ganz erschrocken sagte Jrgen
Thiis, da ... da ... da er keine andere Absicht dabei gehabt habe
als, als, als ... "Das wei ich", schnitt sie ihm das Wort ab.

Dann gingen sie zusammen hinunter. Bei Tisch--sie hatten einen fr sich
allein--nahm Jrgen Thiis das Thema natrlich wieder auf. Das knne
nicht so abgetan werden. Die Offiziere, sagte er, bedauerten, da Franz
Ry zum Geniekorps bergegangen sei. Er sei ein hervorragender Stratege.
Ihre bungen, sowohl die theoretischen wie die praktischen, htten ihm
Gelegenheit gegeben, sich auszuzeichnen. Jrgen fhrte Beispiele an, die
sie aber nicht verstanden. Da wartete er mit Anekdoten ber Franz Ry
auf. Aus dem Leben mit den Kameraden, aus seinem Beruf. Die sollten
beweisen, wie beliebt und wie schneidig er sei; Mary aber fand, sie
bewiesen eher, wie jungenhaft er sei. Jrgen trat also den Rckzug an:
er habe es nur erzhlen hren; Franz Ry sei ja lter als er. "Wie
finden Sie ihn denn?" fragte er pltzlich sehr unschuldig. Mary zgerte,
die ndern blickten auf. "Er redet so sehr viel."--Jrgen lachte. "Ja,
was soll er machen? Er hat soviel Kraft."--"Mu die sich an uns andern
auslassen?" Darber lachten sie alle, und damit war die Spannung gelst,
in der bis jetzt alle befangen waren. Krog und Frau Dawes fhlten sich
sicher vor Franz Ry. Auch Jrgen Thiis.

Sie kamen um halb neun wieder nach oben. Mary entschuldigte sich,--sie
sei mde. Von ihrem Zimmer aus hrte sie Jrgen Thiis spielen. Sie lag
und weinte.

       *       *       *       *       *

Der nchste Abend auf dem weiten, stillen Meer. Es dmmerte leise der
Sommernacht entgegen; zwei Rauchsulen in der Ferne,--sonst nichts. Ein
ununterbrochenes helles Grau oben und unten. Mary lehnte sich an die
Reeling. Kein Mensch weiter war zu sehen; das Stampfen der Maschine war
der einzige Laut.

Sie war eben unten beim Konzert gewesen, war aber vor den andern nach
oben gegangen. Ein Gefhl unsglicher Einsamkeit trieb sie hinauf zu
diesem inhaltlosen Ausblick. berall Wolken als Grenze.

Nichts als Wolken; nicht einmal ein Widerschein der untergegangenen
Sonne.

Was war ihr selbst von dem Glanz der Welt geblieben, aus der sie kam?
War nicht in ihr und um sie herum die gleiche Leere? Das Wanderleben war
jetzt vorbei; weder ihr Vater noch Frau Dawes konnten oder wollten es
fortsetzen; das wute sie. In der Bucht, wo sie wohnten, war kein
Nachbar, an dem ihr lag. In der Stadt eine halbe Stunde davon kein
Mensch, an dem sie hing. Sie hatte sich keine Zeit dazu gelassen. Sie
war nirgends heimisch. Ihr Leben war keins, das aus der Scholle
herauswchst und mit allem verknpft ist, was daran hngt. Wo sie
hinkam, schien die Unterhaltung zu stocken, damit ein anderes Thema, das
ihr angepat war, aufgenommen werden konnte. Die Globetrotter, die mit
ihr durch die Welt zogen, sprachen von Reiseerlebnissen, von Museen und
Musik an den Orten, die sie zusammen aufgesucht hatten. Manchmal auch
ber Probleme, die mit ihnen schwammen, wohin sie auch fuhren. Aber kein
einziges darunter, das ihr nahe ging. Die Redensarten, auf die es ankam,
konnte sie auswendig. Es war eigentlich eine Art Sprachbung oder ein
zweckloses, miges Geschwtz.

Die Huldigungen, die ihr dargebracht wurden, und die bisweilen in einen
Kultus ausarteten, fingen schon an, als sie noch ein Kind war und es fr
Spiel ansah. Spter war es ihr so zur Gewohnheit geworden wie die Touren
eines Kontres. Ein einzelner Zwischenfall, der die ganze Familie in
Aufregung gebracht hatte, ein paar Flle, die weh getan hatten, waren
lngst vergessen; das ganze war jetzt Alltglichkeit ohne Ernst. Sie
stand einsam und mit leeren Hnden da.

Es ging ein Zucken durch ihren Krper, als ihr Franz Rys riesige
Gestalt vor Augen trat. So deutlich, so scharf in allen Einzelheiten,
da ihr war, als knne sie sich nicht vom Fleck rhren.

Er war nicht wie die anderen. Hatte das sie in Aufregung gebracht?

Bei dem bloen Gedanken an ihn zitterte sie. Ohne da sie es wollte,
stand Alice neben ihm in ihrer ppigen Lsternheit, mit frivolen Augen
... In was fr einem Verhltnis standen die beiden? Es wurde ihr dunkel
vor den Augen, es stach, es kochte in ihr. So stand sie und weinte.

Sie hrte ein dumpfes Brausen von etwas Gewaltigem. Sie wandte sich nach
der Richtung. Ein Ozeansteamer kam ihnen entgegen, so unvermutet und so
ungeheuer gro, da sie den Atem anhielt. Er wuchs aus dem Meer heraus
ohne Warnungssignal. Er scho in rasender Fahrt auf sie zu, wurde grer
und immer grer, ein Feuerberg von groen und kleinen Lichtern. Unter
schumendem Brausen kam er und zog er vorbei. Nur einen Augenblick, und
er war ein Bild in der Ferne.

Wie das sie ergriff!

Dies vorberrauschende Leben, das von Erdteil zu Erdteil eilt, voll
Arbeit und Gedanken in ewigem, fruchtbarem Austausch.

Whrend sie hier in einer kleinen Tonne umherschwamm, die von den Wellen
des Weltkolosses geschaukelt wurde, da man sich festhalten mute.

Sie stand wieder allein in der groen Wste. Wie verraten. Es war doch
wie ein Verrat, wenn alles, was sie in drei Erdteilen gesehen und gehrt
hatte an Volksleben und Festen, kirchlichen wie nationalen, an
Kunstwerken und an Musik,--gewissermaen zurckblieb, wo sie es gesehen
und gehrt hatte, whrend sie einsam in einer unheimlichen,
bewegungslosen Einde stand.

       *       *       *       *       *

Daheim


Es kam erstaunlich anders.

Schon als sie an Land stieg, sah sie bei Jung und Alt die
ungeheucheltste Freude ber das Wiedersehen. Alle Gesichter strahlten.
Ebenso auf dem Wege zum Marktplatz; jeder freute sich; jeder grte.
Whrend sie keinen Gedanken fr diese Leute gehabt hatte, hatten sie
ihrer gedacht. Vom Haus am Markt wollten sie spter am Tage mit dem
Kstendampfer nach Krogskog weiterfahren. In der Zwischenzeit bekamen
sie Besuch von ihren Verwandten. Die muten ihnen doch sagen, wie froh
sie seien, sie endlich wiederzusehen. Sie muten auch von der Freude
berichten, die das spanische Bild Marys hervorgerufen hatte, erst hier,
dann in der Hauptstadt und jetzt auf einer Rundreise durch das Land mit
anderen Bildern. Man schreibe,--ja, sie habe doch gelesen, was man
schreibe?--Nein, sie habe berhaupt keine Zeitungen gelesen, nur hier
und da ein Blatt, das an ihrem jeweiligen Aufenthaltsort erschienen sei.
"Liest Du denn keine hiesigen Zeitungen?"--"Doch, wenn Vater sie mir
zeigt." Ob ihr denn ihr Vater nichts davon erzhlt habe, und Frau Dawes
auch nicht?--"Nein."--"Ja, nun sei sie in ganz Norwegen bekannt. Dies
sei doch das dritte Bild von ihr; oder gar das vierte? Und dies sei das
schnste. Die illustrierten Zeitschriften htten es gebracht. Ein
englisches Kunstjournal, "The Studio", habe es auch reproduziert. Ob sie
das nicht wisse?"--"Nein."--Die Jugend sei ganz stolz auf sie. Darum
htten sie mit ihrem Frhlingsfest bis zu ihrer Heimkehr gewartet. "Da
soll Staat mit Dir gemacht werden."--"Mit mir?"--"Wir wollen nach
Marielyst, der Dampfer von hier und einer aus der Nachbarstadt, wir
treffen uns dort. Jrgen Thiis hat von Paris aus den ganzen Plan
entworfen."--"Jrgen Thiis?"--"Ja, hat er nichts davon gesagt?"--"Nein."

Kaum war sie allein, so ging sie zu ihrem Vater ins Zimmer, der im
Begriff war, einige Kunstgegenstnde auszupacken, die er gekauft hatte,
und die hier aufgestellt werden sollten. "Vater, hast Du die Bilder von
mir ausstellen lassen?" Er lchelte und sagte unschuldig: "Ja,
allerdings habe ich das getan, liebes Kind. Und viele haben ihre Freude
daran gehabt. Man hat mich brigens darum gebeten. Man hat mich jedesmal
darum gebeten." Er sagte es so nett. Da er ihr nichts davon gesagt
hatte und auch Frau Dawes und gleichzeitig wohl auch Jrgen Thiis es
verboten hatte, fand sie reizend. Sie tat etwas, was sie sonst sehr
selten tat, sie ging hin und gab ihm einen Ku.

Also das war es, worber ihr Vater so eifrig mit Frau Dawes und Jrgen
Thiis getuschelt und geflstert hatte? Deshalb waren die Zeitungen aus
der Heimat ihr vorenthalten worden. Alles war verabredet,--sogar der
Vorschlag, gerade jetzt nach Hause zu reisen! Sie hatte Jrgen Thiis
beinahe lieb.

Als sie nach Krogskog abfuhren, hatte sich eine Menge Jugend auf der
Brcke eingefunden. Sie riefen: "Auf Wiedersehen am Sonntag!"

Sie fand die Landschaft hinreiend schn. Die kleine halbe Stunde bis
Krogskog war wie ein Begren guter alter Bekannter, ein fortwhrendes
Begren. Jetzt war auch die partielle Verlegung der Strandstrae an der
Kste entlang fertig. Es war wirklich lustig, wie sie sich um die
Landzungen herumschlngelte und oft in die Felsen hineinschnitt. ber
Krogskog fhrte der Weg wie frher durch die Ebene von einer Landspitze
zur andern, dicht an der Landungsbrcke vorbei und dicht unter der
Kapelle mit dem Kirchhof.

Nein, wie behaglich Krogskog dalag: Sie hatte behalten, wie einsam es
lag; aber sie hatte vergessen, wie reizvoll es war! Diese stille, blanke
Bucht mit den Seevgeln! Das Gekrusel da hinten, wo der Flu mndete,
die groe Ebene hoch oben zwischen den Hgeln, und die Hhen so
grnbewachsen. Waren die Bume vor dem Wohnhause wirklich nicht hher?
Wie gut sich das langgestreckte Haus machte mit den schwarzen Fenstern
und der schwarzen Grundmauer. Aus dem einen Schornstein stieg dichter
Rauch auf; er wirbelte ein lustiges Willkommen in die Luft. Sie sprang
vor den andern an Land und lief hinber. Ein Mdchen von neun, zehn
Jahren kam heruntergerannt, blieb, als sie Mary gewahrte, stehen, machte
Kehrt und rannte all was sie konnte zurck. Mary aber holte sie vor der
Treppe ein. "Jetzt hab' ich Dich!" sie drehte sie zu sich herum: "Wie
heit Du?" Es war ein hellhaariges, lachendes Ding, das nicht
antwortete. Auf der Treppe standen die Mdchen und eine von ihnen sagte,
sie heie Nanna und sei hier Laufmdchen. "Dann sollst Du mein Mdchen
sein!" sagte Mary und nahm sie die Treppe mit hinauf. Sie nickte jeder
einzelnen zu, merkte aber, wie enttuscht sie waren, als sie eilig
weiterging, ohne mit ihnen zu sprechen. Sie sehnte sich danach, den Fu
auf die dicken Teppiche zu setzen, die seltsame Beleuchtung im Vorzimmer
um sich zu fhlen, die groen, kostbaren Schrnke und alle Malereien und
Raritten aus der hollndischen Zeit wiederzusehen. Sie sehnte sich mehr
noch danach, hinauf in ihr eigenes Gemach zu kommen. Diese Lautlosigkeit
auf der Treppe und nachher auf dem langen, dmmerigen Gang--die hatte
nie ein solches Flsterspiel mit ihr getrieben wie heute. Etwas Weiches,
Halbverstecktes, Vertrautes und Nahes zugleich. Das redete noch zu ihr,
als sie vor der Tr zu ihrem Zimmer stand, es hielt sie so fest, da es
eine Weile dauerte, bis sie die Tr ffnete.

Ah, der Raum lag in vollem Sonnenlicht, es kam von dem Fenster an der
Lngswand, das auf die andern Huser und auf die Anhhe hinausging.
Blasseres Licht vom Fenster gerade gegenber, das auf den Obstgarten und
drunten auf die Bucht sah. Die blinkte durch die Bume. ber den Bumen
sah man die Inseln und das hellgraue Meer. Vom Hgel aber, der im
schnsten Blten- und Laubschmuck stand, zog Frhlingsduft herein. Das
Zimmer selbst in seiner weien Reinheit lag da wie ein Scho, der all
dies aufnahm. Hier drinnen scharte sich alles ehrerbietig um das Bett,
das mitten in der Stube stand. Es war nicht nur wie fr eine Prinzessin;
es war die Prinzessin selber; alles andere neigte sich davor.

       *       *       *       *       *

Der Ausflug nach Marielyst war in jeder Beziehung wohlgelungen. Aber an
dem Tage kam zwischen Mary und Jrgen eine Verstimmung auf.

Das ging so zu. Jrgen Thiis kam mit einer groen, starken Dame an
Bord--ihre breite Stirn, die warmen Augen, die kleine Nase und das
vorspringende Kinn trieben ein leichtes Rot in Marys Wangen, das sie zu
verbergen suchte, indem sie sich erhob und fragte: "Sie sind doch die
Schwester des Hauptmanns im Geniekorps Franz Ry?"--"Ja", antwortete
Jrgen Thiis; "wir haben der Sicherheit halber einen Arzt mitgenommen."
---Mary: "Das freut mich sehr; ich habe natrlich durch Ihren Bruder von
Ihnen gehrt. Er hat Sie sehr lieb."--"Das tun wir berhaupt alle",
versicherte Jrgen Thiis und entfernte sich.

Frulein Ry selbst hatte nichts gesagt, aber ihre forschenden Augen
berstrmten Mary mit Bewunderung. Jetzt setzte sie sich neben sie.
"Bleiben Sie lange daheim?"--"Das wei ich nicht. Vielleicht reisen wir
berhaupt nicht mehr; mein Vater ist zu schwach."--Frulein Rys kluge
Augen notierten das frmlich. Sie sagte eine ganze Weile nichts mehr.
Mary aber dachte bei sich: wie taktvoll, da sie nicht von ihrem Bruder
anfngt.

Die beiden gingen whrend des Ausflugs einander nicht von der Seite. Sie
standen auch zusammen, als nachher im Freien Erfrischungen gereicht und
Reden gehalten wurden. Die Festfreude stieg Jrgen Thiis zu Kopf. Man
kam zu ihm und stie mit ihm an, und er wurde sentimental und redete.
Auf das Ideal, das ewige Ideal. Glcklich der Mann, dem es schon in
seiner Jugend begegne! Er trage es in seiner Brust wie einen
wegweisenden, unauslschbaren Scheinwerfer auf dem Pfade des Lebens!--Er
trank das Glas bis zum Grunde aus und schleuderte es bleich und bewegt
zu Boden.

Dieser frchterliche Ernst kam den frhlichen Menschen so unerwartet,
da sie lachen muten. Alle miteinander!

Frulein Ry sagte zu Mary: "Sie sind doch viel mit Leutnant Thiis
zusammen gewesen?"--"Diesen Winter und im vorigen auch", antwortete Mary
leichthin und a ihr Eis.

Ein junges Mdchen stand daneben. "Es ist eine merkwrdige Sache mit
Jrgen Thiis", sagte sie. "Zu uns ist er so nett; aber gegen die
Soldaten soll er so schlecht sein." Erstaunt wandte Mary sich zu ihr um.
"Wieso schlecht?"--"Er soll sie so qulen, soll so furchtbar streng sein
und so ganz sonderbar, und um das kleinste strafen." Mary richtete ihre
allergrten Augen auf Margrete Ry. "Ja, das ist Tatsache", antwortete
die leichthin; sie a auch ihr Eis.

Als gegen Abend der Tanz zu Ende war und sie zum Schiff hinunterzogen,
Mary an Jrgens Arm, da sagte sie zu ihm: "Ist es wahr, da die
Mannschaften Ihres Kommandos ber Sie klagen?"--"Das kann schon sein,
gndiges Frulein." Er lachte.--"Ist das zum Lachen?"--"Ja, zum Weinen
jedenfalls nicht, gndiges Frulein", er war so recht vergngt, er htte
sie am liebsten in den Arm genommen und wre mit ihr nach der
Landungsstelle hinunter getanzt; das taten viele andere auch. Aber Mary
weigerte sich. "Mir hat es weh getan, das zu hren", sagte sie. Da
merkte er, da es ihr Ernst war. "Ich will Ihnen sagen, gndiges
Frulein, der Norweger wei im groen und ganzen nicht, was Gehorsam und
Disziplin sind. In der kurzen Zeit, da wir ihn unter unserm Kommando
haben, mssen wir es ihm beibringen."--"Auf welche Weise?"--"Mit
Kleinigkeiten natrlich."--"Indem Sie ihn mit Kleinigkeiten
qulen?"--"Ja. Ganz recht."--"Mit Dingen, deren Notwendigkeit er nicht
einsieht?"--"Ja gewi. Er soll sich das Rsonnieren abgewhnen. Er soll
gehorchen. Und das, was er tut, soll er korrekt tun. Absolut korrekt."

Mary antwortete nicht. Aber als jetzt ein Paar an ihre Seite kam, sprach
sie mit denen und setzte das fort, bis sie die Landungsbrcke erreicht
hatten.

Auf dem Schiff sah sie, da Jrgen Thiis verstimmt war. Als sie von Bord
gingen, stand er nicht an der Landungsbrcke. Ohne jede Verabredung
begleitete die ganze Gesellschaft sie heim nach dem Haus am Markt. Sie
sangen und lrmten vor der Tr, bis sie auf den Altan heraustrat und
Blumen ber sie streute,--die mitgebrachten und alle, die sie irgend
fand. Sie gingen lachend und geruschvoll auseinander. Aber als sie von
dannen zogen, suchte sie unter ihnen nach Jrgen; er war nicht da. Das
tat ihr leid; sie hatte ihm einen der schnsten Tage ihres Lebens
schlecht gelohnt. Alle waren so reizend zu ihr gewesen.

Grere und kleinere gesellschaftliche Zusammenknfte lsten jetzt
einander ab; aber Jrgen Thiis war verschwunden. Zuerst war er eine
Zeitlang daheim bei seinen Eltern gewesen, jetzt war er in Kristiania.
Mary hatte nie weiter an Jrgen Thiis gedacht; aber nun, da er sich
fernhielt, besann sie sich darauf, wieviel von jenen schnen Begegnungen
mit ihren Altersgenossen auf sein Konto kam. Der wunderliche Toast, den
er auf die "Treue gegen das Ideal" ausgebracht hatte, ... als er sprach,
da hatte sie nur gedacht: wie sentimental Jrgen Thiis doch sein kann!
Jetzt dachte sie: vielleicht galt das mir? Sie war an solche
bertreibungen gewhnt, und sie machte sich absolut nichts aus Jrgen
Thiis. Aber wenn sie berlegte, wie rasend verliebt er schon bei ihrem
ersten Zusammentreffen gewesen war, und da er in all diesen Jahren
genau so geblieben war, wann und wo sie sich auch begegneten, da wurde
das doch ein wenig mehr. Die gierigen, verzehrenden Augen bekamen
dadurch beinahe etwas Rhrendes. Da er es nicht ertrug, mit ihr
zusammen zu sein, wenn sie das geringste gegen ihn hatte, bewies ja
auch, wie gern er sie hatte. Da er nichts sagte, sondern einfach
fortblieb, gefiel ihr.

Da kam eines Tages Mille Falke, die hbsche, sanfte Frau des
lungenkranken Oberlehrers, zu ihr heraus. Sie habe einen Brief von
Jrgen Thiis bekommen. Eine Gesellschaft von zehn Personen in Kristiania
habe eine Fahrt nach dem Nordkap geplant. Sie htten schon vor zwei
Monaten die Pltze bestellt,--und jetzt sei etwas dazwischen gekommen.
Man habe Jrgen Thiis gefragt, ob er nicht die Billets bernehmen und
zehn Personen heranholen knne, um mit ihnen diese herrliche Fahrt zu
machen. Unten in den Kleinstdten lebe man in besserer Kameradschaft, da
sei es leichter, eine solche Gesellschaft zusammenzubringen. Jrgen
Thiis habe sich bereit erklrt,--wenn Mary Krog dabei sein wolle; er
wisse, dann bekomme man die andern schon zusammen.

Frau Falke setzte Mary das in ihrer Schmeichelkatzenart auseinander, der
nur wenige widerstehen konnten. Mary hatte freilich nicht die geringste
Lust, in der Sommerhitze auf dem Deck eines Dampfers zu sitzen und alles
abzubrechen, was hier unternommen wurde; es war gar zu nett. Aber sie
wollte Jrgen Thiis nicht gern noch einmal krnken. Sie sprach mit ihrem
Vater und mit Frau Dawes: sie hrte noch einmal Frau Falke an--und
willigte ein.

In der ersten Hlfte des Juli versammelte sich die Gesellschaft eines
Nachts an Bord eines Kstendampfers, der sie nach Bergen bringen sollte.
Von dort wollte man die Reise antreten. Es waren sechs Damen und vier
Herren. Eine der Damen war die wrdige Vorsteherin der Schule, die
Mutter des einen Herrn und die ehemalige Lehrerin von drei der Damen.
Sie war das moralische Zentrum. Dann war ein jungverheiratetes Paar da,
das die ganze Reise ber geneckt wurde. Es lohnte sich; denn beide waren
sehr lebhaft und gaben es reichlich zurck. Ein junger Kaufmann schnitt
zwei Damen die Kur--behauptete man wenigstens--ohne sich klar zu werden,
welche er am liebsten mochte. Das zu entscheiden, half ihm die ganze
brige Gesellschaft; die beiden Damen am eifrigsten. Ein junger
Philologe wurde gleich in der ersten Nacht auf dem Kstendampfer "der
Verlassene" getauft. Mit Ausnahme der alten Dame machten alle anderen
einen furchtbaren Radau, und keiner tat ein Auge zu. Er allein konnte
nicht tanzen und auch nicht singen und auch nicht die Kur schneiden. Er
konnte nicht mal vertragen, wenn man ihm den Hof machte, dann wurde er
nmlich verlegen. Die Folge war, da alle, auch Mary, "dem Verlassenen"
den Hof machten, blo um sich an seinem jmmerlichen Zustand zu weiden.
Der Urheber dieser Scherze war immer Jrgen Thiis; er neckte so
leidenschaftlich gern. Seine Erfindungsgabe in dieser Beziehung konnte
man nicht immer frei von Bosheit nennen.

Im Anfang ging er frei aus. Aber nach und nach wagte sich sogar "der
Verlassene" an ihn heran. ber seinen Appetit, seine Herrschsucht und
besonders ber seine untertnige Dienerrolle Mary gegenber wurde
allgemein gestichelt. Mary hatte die wachsamen Augen der Krogs fr
bertreibungen, so da sie mitlachte, auch wenn es ber die
Untertnigkeit gegen sie herging. Er lie sich nicht im geringsten
stren. Er a genau soviel, war genau so pedantisch als Fhrer der
Gesellschaft und blieb unerschtterlich Marys erfinderischer, unablssig
hilfsbereiter Diener.

Das Schiff war voll Passagiere; darunter viele Auslnder. Aber die
frhliche Gesellschaft von Jrgen Thiis wurde der Mittelpunkt. Die Natur
machte so hufig Anspruch auf die Bewunderung der Reisenden, da nicht
allzu groe Reibungen vorkamen. Es war, als werde etwas Gewaltiges
vorgetragen. Ein Wunder lste das andere ab. Dazu kam der lange Tag. Die
Nchte wurden immer krzer; schlielich gab es berhaupt keine Nacht
mehr. Sie fuhren in lauter Licht hinein, und das berauschte. Sie wurden
nicht mde. Sie tranken, sie tanzten und sangen; schlielich waren sie
alle auf denselben Ton gestimmt. Es wurden Vorschlge gemacht, die sonst
unmglich gewesen wren; in die Wildheit der Landschaft, in den Rausch
von Licht paten sie hinein. Als Mary eines Tages bei starkem Sturm
ihren Hut verloren hatte, sprangen zwei Herren ihm nach. Der eine war
natrlich Jrgen Thiis. Die Gemter waren hoch ber den Alltag hinaus
gespannt. Wenn einer oder der andere mde wurde, schlief er Tage und
Nchte durch. Aber die meisten hielten aus, jedenfalls solange es
vorwrts ging. Unter ihnen Mary.

Jrgen Thiis hatte es durch seine ehrerbietige Energie dahin gebracht,
da alle Leute Mary mehr oder weniger genau so behandelten wie er
selbst. Es kam auch nicht die geringste Strung vor, was besonders ihrer
eigenen formvollendeten Art und ihrer aufmerksamen Rcksichtnahme zu
danken war.

Als sie von Bord gingen und wieder den Kstendampfer bestiegen, forderte
sie aus dem Gefhl aufrichtiger Dankbarkeit Jrgen Thiis auf, mit ihr
nach Krogskog zu kommen. "Ich kann nicht so pltzlich Schlu machen",
sagte sie.

Und er blieb mehrere Tage dort. Alles fand er schn und behaglich. Der
Kunstsinn, der ihm eigen war, ging mehr aufs kleine; er schwrmte z.B.
fr ethnographische Schnurrpfeifereien, und deren gab es hier eine
Menge. Die Zimmer und ihre Einrichtung waren so ganz nach seinem
Geschmack. Frau Dawes, der gegenber er frei heraus redete, vertraute er
sich an; dies Behagliche, Gedmpfte stimme ihn erotisch, sagte er. Er
phantasierte viele Stunden lang auf dem Klavier; und immer in dieser
Richtung.

Mary behandelte er unter vier Augen mit der gleichen Ehrerbietung wie in
Gegenwart anderer. Seit sie ihn kannte, hatte sie nicht ein einziges
Wort von ihm gehrt, das als Einleitung zu einer Werbung aufgefat
werden konnte; ja nicht einmal ein Wort, das eine Einleitung zur
Einleitung htte darstellen knnen. Und das gefiel ihr.

Sie streiften zusammen durch Wald und Feld; sie ruderten zusammen zum
Besuch bei Verwandten. Er hatte den Schlssel zu ihrem Badehaus. Er ging
hin, wenn noch keiner auf war, oft nach ihren Spaziergngen noch einmal.

Mary selbst war umgnglicher geworden. Er sagte es einmal. "Ja,"
antwortete sie, "die jungen Menschen hier leben mehr wie ein
Geschwisterkreis zusammen und sind daher anders, freier und frischer.
Das hat mich angesteckt."

Eines Morgens mute er zur Stadt und Mary begleitete ihn. Sie wollte
Onkel Klaus, seinen Pflegevater, besuchen. Sie hatte ihn, seit sie
heimgekommen war, noch nicht gesehen.

Er sa in einer Rauchwolke wie eine Spinne in ihrem grauen Netz. Er
sprang auf, als er Mary eintreten sah, war beschmt und fhrte sie in
die gute Stube. Jrgen hatte Mary darauf vorbereitet, da er schwerlich
guter Laune sei; er habe wieder kleine Verluste gehabt. Sie saen auch
kaum in der kahlen, steifen guten Stube, als er anfing, ber die
schlechten Zeiten zu klagen. Wie seine Art war, machte er den Rcken
krumm und spreizte die Beine auseinander, um die Ellbogen auf die Knie
sttzen und die langen Finger gegeneinander stemmen zu knnen.--"Ja, Sie
haben es gut; Sie amsieren sich blo!" Vielleicht wollte er das wieder
gutmachen. Er sagte: "Ich habe nie ein schneres Paar gesehen!"

Jrgen lachte, wurde aber rot bis an die Schlfen. Mary sa unbeweglich;
es berhrte sie nicht.

Jrgen begleitete sie zurck nach dem Krogschen Haus am Markt, das dicht
daneben lag. Er sagte unterwegs kein Wort und verabschiedete sich
flchtig. Spter kam Nachricht von ihm, er msse bis zum Abend in der
Stadt bleiben; dann fahre er mit seinem Rade nach Krogskog hinaus. Das
war gegen die Verabredung; aber sie fuhr heim.

Auf der Dampferfahrt nach Hause nahm sie den Gedanken auf: Jrgen Thiis
und sie ein Paar? Nein! Das war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Er
war ein schner eleganter Kerl, ein tadelloser Kavalier, ein wirklicher
Knstler auf dem Klavier. ber seinen hellen Kopf und seinen Takt war
nur eine Meinung. Selbst das, was sie frher so abgestoen hatte, seine
Genusucht, die in Blick und Mienen auftauchen und ihnen dies
Verzehrende geben konnte, von dem sie sich abwandte ... vielleicht war
von dieser Grundlage aus das andere kultiviert worden? Das Gefhl fr
das Vollkommene in Kunst, Disziplin und Sprache? Aber doch blieb da
etwas Unaufgeklrtes. Es war ihr gleichgltig, was es war; denn sie warf
all diese Betrachtungen ber Bord. Es ging sie nichts an.

Sie hatte eine Bauernfrau gesehen, die in ihrer Jugend bei ihnen gedient
hatte; zu der setzte sie sich. Die Frau freute sich: "Na, wie geht es
Ihrem Vater? Jetzt bin ich so alt geworden; aber ich sage, soviele ich
kennen gelernt habe,--einen netteren Mann als Ihren Vater habe ich nie
getroffen. Er ist und bleibt der Beste."

Das kam so unerwartet und so warm heraus, da es Mary rhrte. Die Frau
erzhlte dann eine Geschichte nach der anderen von der Gte ihres Vaters
und von seinem rcksichtsvollen Wesen. Sie hatte solange zu erzhlen,
bis sie da waren. Zuerst dachte Mary, etwas Schneres sei ihr lange
nicht widerfahren. Aber dann wurde ihr bange. Sie hatte fast vergessen,
wie sehr sie selbst ihn liebte, hatte sich abgewhnt, ihm das zu zeigen.
Warum? Warum war sie von soviel anderem in Anspruch genommen und nicht
von ihm, der der Liebste und Beste von allen war?

Sie lief eilig nach dem Hause hinauf. Obwohl der Vater krnklich war,
war sie in letzter Zeit fast nie bei ihm gewesen.

Als sie nher kam, sah sie Jrgens Rad an der Treppe stehen und hrte
ihn spielen. Aber sie eilte vorbei zu ihrem Vater hinein, der in seinem
Arbeitszimmer am Pult sa und schrieb. Sie schlang die Arme um ihn und
kte ihn, blickte ihm in die guten Augen und kte ihn noch einmal. Mit
ihrem scharfen Sinn fr Komik lachte sie, als sie sein Erstaunen sah.
"Ja, sieh mich nur an, denn ich tue es gar so selten. Aber es ist
trotzdem wahr, da ich Dich grenzenlos lieb habe." Wieder kte sie ihn.
"Mein liebes Kind!" sagte er und lchelte mitten in dem berfall vor
sich hin. Er war glcklich, das merkte sie. Allmhlich kam in seine
Augen das eigentmliche Leuchten, das keiner wieder vergessen konnte.
Sie dachte bei sich: dies tue ich fortan jeden einzigen Tag.

Jrgen und sie hatten eine Radtour in die Umgegend verabredet. Am
nchsten Tage waren sie unterwegs. Der Verwandte, zu dem sie kamen, ein
Kompagniechef, freute sich sehr ber den Besuch. Sie muten zwei, drei
Tage dableiben. Die junge Welt aus der Nachbarschaft wurde dazu geladen
und es kam eine Partie auf die Alm zustande,--wieder fr Mary etwas
Neues. "Ich kenne alle Lnder, nur mein Vaterland nicht." Im nchsten
Jahr wollte sie aber eine Reise durch Norwegen machen; dazu brauchte sie
keine besondere Reisebegleitung. Mit dieser Aussicht wurde es eine
knigliche Heimfahrt.

Gerade als Jrgen und sie ihre Rder an die Balustrade anlehnten, kam
die kleine Nanna aus der Tr gelaufen und eilig die Treppe herunter. Sie
weinte, bemerkte aber die Ankommenden nicht; sie wollte nach der andern
Seite. Als Mary rief: "Was ist los?" blieb sie stehen und schluchzte:
"Oh, kommen Sie, kommen Sie, ich sollte jemand holen!" Ebenso schnell
wieder die Treppe hinauf, um zu verknden, da sie jetzt kmen. Jrgen
hinterdrein, dann Mary. Es ging durch das Vorzimmer, die Treppe hinauf,
den Gang entlang bis zur letzten Tr rechts. Da drinnen lag Anders Krog
auf dem Fuboden, und neben ihm kniete schluchzend Frau Dawes. Er hatte
einen Schlaganfall bekommen. Jrgen hob ihn auf, trug ihn auf sein Bett
und legte ihn zurecht. Mary aber strzte wieder hinunter ans Telephon
wegen des Doktors.

Der Doktor war nicht zu Hause; sie suchte ihn berall. Dazwischen schrie
in ihr die Verzweiflung, da sie nicht bei ihm gewesen war, als dies
geschah. Sie hatte sich doch gerade das Versprechen gegeben, jeden Tag
lieb zu ihm zu sein,--und hatte ihn doch verlassen! Ja, noch heute hatte
sie sich auf den nchsten Sommer gefreut, wo sie ohne ihn im Lande herum
reisen wollte. Was war aus ihr geworden? Was war los mit ihr?

Sobald sie den Doktor gefunden hatte, eilte sie zum Vater zurck. Da war
er ausgezogen, und Jrgen war fort. Frau Dawes aber sa am Kopfende des
Bettes auf einem Stuhl mit einem Brief in der Hand, grenzenlos
unglcklich. Kaum gewahrte sie Mary, so reichte sie ihr den Brief, ohne
die Blicke von dem Kranken zu wenden.

Der Brief war aus Amerika von einem Mary unbekannten Mann, der ihnen
mitteilte, da Bruder Hans ihr und sein Vermgen verloren habe. Er
selbst sei schwachsinnig, sei es sicher schon lange gewesen.

Mary war es bekannt, da es in der mnnlichen Linie der Familie Krog
nichts Auergewhnliches war, wenn alte Leute geistesschwach wurden.
Aber sie war erschrocken, da ihr Vater keine Kontrolle gebt hatte!
Auch das war ein bedenkliches Zeichen.

Ihr Vater mute mit diesem Brief auf dem Wege zu Frau Dawes gewesen
sein, als ihn der Schlag gerhrt hatte. Die Tr war nmlich geffnet,
und er lag dicht daneben.

Mary las den Brief zweimal und wandte sich an Frau Dawes, die sa und
weinte. "Ja, ja, Tante Eva,--das mu getragen werden."--"Getragen
werden? Getragen werden? Was meinst Du? Das Geld? Das lumpige Geld! Aber
Dein Vater! Dieser herrliche Mensch, mein bester Freund!" Sie blickte
unverwandt auf seine geschlossenen Augen und weinte unaufhrlich,
whrend sie ihm die zrtlichsten Namen gab, die hchsten Lobesworte,
aber auf englisch. In der fremden Sprache fielen die Worte wie aus einer
fernen Zeit ber ihn; Mary lag auf den Knien daneben und las sie auf.
Sie brachten von jedem Tage in dem Zusammenleben der beiden Alten die
Entbehrungen, den Dank,--einen Niederschlag dessen, was sie an guten
Worten, an freundlichen Blicken, an Gaben und Nachsicht empfangen hatte.
Es kam so reich und so warm heraus mit der freudigen Kraft des guten
Gewissens; denn Frau Dawes hatte versucht, ihm alles zu sein, so weit es
in ihren Krften stand. So goldene Worte jetzt ber Marys Haupt ihm zu
Ehren ausgeschttet wurden, sie selbst machten sie arm. Denn sie war ihm
so wenig gewesen. Oh, wie sie es bereute, wie verzweifelt sie war.

Jrgen Thiis erschien drauen auf dem Gange, gerade als sie aufstand.
Sie bckte sich nach dem Brief und wollte ihm das Papier geben, als Frau
Dawes, die ihn auch gewahrte, ihn bat, sie in ihr Zimmer zu fhren; sie
msse auch zu Bett. "Gott wei, wann ich wieder aufstehe! Wenn es mit
ihm zu Ende ist, ist es mit mir auch vorbei."

Jrgen eilte herzu, nahm die schwere Masse aus dem Stuhl auf und segelte
langsam mit ihr ab; er klingelte nach einem Mdchen, das sie dann zu
Bett brachte; er selbst ging zu Mary zurck. Sie stand unbeweglich da
mit dem Brief in der Hand, den sie ihm jetzt hinreichte.

Er las ihn aufmerksam und wurde bleich. Ja, er war eine Weile wie
betubt; Mary trat ein paar Schritte nher an ihn heran; aber er merkte
es nicht. "Das hat den Schlaganfall verursacht", sagte sie.

"Natrlich", flsterte er, ohne sie anzusehen. Gleich darauf ging er.

Mary stand wieder neben ihrem Vater. Sein schnes, feines Gesicht rief
nach ihr; sie warf sich wieder ber ihn und schluchzte. Denn ihm, den
sie am liebsten hatte, war sie am wenigsten gewesen. Vielleicht nur,
weil er selbst nie an sich gedacht hatte?

Sie verlie ihn nicht, bis der Doktor kam und mit ihm die Pflegerin. Da
ging sie zu Frau Dawes hinein.

Frau Dawes war verzweifelt und elend. Mary wollte sie trsten, aber sie
unterbrach sie heftig: "Ich habe es zu gut gehabt. Ich bin mir zu sicher
gewesen. Jetzt kommt der Ernst!" Mary erschrak bei diesen Worten; denn
das hatte ihr die ganze Zeit auf dem Herzen gelegen.

"Du verlierst uns beide, armes Kind! Und Dein Vermgen auch!" Mary war
es nicht lieb, da sie das Vermgen erwhnte. Frau Dawes fhlte das und
sagte: "Du verstehst mich nicht, armes Kind! Es ist nicht Deine Schuld,
es ist unsere. Wir haben Dir zu viel Willen gelassen. Aber Du warst auch
so hlich, wenn wir es nicht taten."

Mary blickte erschrocken auf: "Ich hlich?"--Frau Dawes: "Ich habe es
Deinem Vater gesagt, Kind, ich habe es ihm oft gesagt. Aber er war so
herzensgut, er beschnigte immer alles."

Jrgen kam mit dem Doktor herein. "Wenn irgend etwas hinzutritt, kann es
vorbei sein, gndiges Frulein."--"Bleibt er gelhmt?" fragte Frau
Dawes.--Der Doktor wich der Frage aus; er sagte nur: "Jetzt ist vor
allem Ruhe ntig." Es wurde still nach dieser Erklrung.

"Gndiges Frulein drfen nicht bei dem Kranken wachen, lieber zwei
Pflegerinnen." Mary antwortete nicht. Frau Dawes fing wieder zu weinen
an: "Ja, jetzt kommen andere Tage."--

Der Doktor ging, begleitet von Jrgen Thiis. Als Jrgen zurckkam,
fragte er leise: "Soll ich auch fort,--oder kann ich irgendwie
ntzen?"----"O nein, verlassen Sie uns nicht!" jammerte Frau Dawes.
Jrgen blickte Mary an, die nichts sagte; sie schaute auch nicht auf.
Sie weinte leise vor sich hin.

"Sie wissen, gndiges Frulein," sagte Jrgen Thiis ehrerbietig, "da
ich keinem Menschen lieber zu Diensten sein mchte."--"Das wissen wir,
lieber Freund, das wissen wir", schluchzte Frau Dawes.

Mary hatte den Kopf erhoben; aber bei Frau Dawes' Worten schwieg sie.

Als Mary nachher aus Frau Dawes' Stube kam, ffnete Jrgen eben die Tr
seines Zimmers, das Marys gerade gegenber lag. Er blieb in der weit
geffneten Tr stehen, so da sie den gepackten Koffer hinter ihm sehen
konnte. Sie stand still: "Sie wollen fort?"--"Ja", antwortete er.--"Hier
wird es jetzt still." Er wartete auf mehr; aber mehr kam nicht. "Jetzt
beginnt die Jagdsaison. Ich hatte Ihren Vater fragen wollen, ob ich in
seinen Wldern jagen drfe."--"Wenn Ihnen meine Erlaubnis gengt, steht
dem nichts im Wege."--"Tausend Dank, gndiges Frulein! Ja, da darf ich
doch auch mal hierherkommen?" Er verneigte sich tief und nahm ihre Hand.

Dann ging er zu Frau Dawes hinein, um ihr Adieu zu sagen. Da blieb er
mindestens zehn Minuten. Er kam gerade wieder heraus, als Mary zu ihrem
Vater hinberging.

Als sie ber ihren Vater gebeugt stand, regte er sich und schlug die
Augen auf. Sie kniete hin: "Vater!" Er schien nachzudenken und versuchte
zu sprechen; es gelang ihm aber nicht. Sie sagte eilig: "Wir wissen
es,--alles, Vater. Aber hab' deswegen keine Sorge! Uns wird es trotzdem
an nichts fehlen." Seine Augen bewiesen, da er verstanden hatte, wenn
auch langsam. Er wollte die Hand erheben, merkte aber, da er es nicht
konnte. Er blickte sie schmerzlich erstaunt an; sie beugte sich ber
ihn, kte ihn und weinte.

Aber es wurde unglaublich schnell besser. War es Marys Gegenwart und ihr
stetes Mhen um ihn, was ihm half? Die Krankenpflegerin behauptete es.

Jetzt kam eine Zeit, in der sie unermdlich war in ihrer Sorge um die
beiden Kranken; zugleich aber trat sie die Verwaltung von Haus und Hof
an. Sie bernahm die Buchfhrung und die Oberaufsicht. Sie fhlte sich
wohl dabei, denn sie hatte Talent, Ordnung zu schaffen und zu
dirigieren. Frau Dawes war sehr erstaunt darber.

Keine Sorge um die Zukunft, keine Sehnsucht nach alledem, was hinter
ihr lag. Sie sagte allen, die sie bedauerten, es sei freilich hart, da
die beiden Alten krank seien; aber sonst gehe es ihr so gut, wie sie es
sich nur wnschen knnte.

       *       *       *       *       *

An einem ungewhnlich warmen Tage Anfang August hatte sie von morgens an
sehr viel zu tun gehabt. Sie hatte Sehnsucht, sich ins Wasser zu
strzen, sowie sie Zeit hatte.

Zwischen fnf und sechs liefen sie hinunter, die kleine Nanna und sie.
Zuerst waren sie beide zusammen im Badehause; der kleinen Nanna machte
es solche Freude, wenn sie mit Marys schnem Haar zu tun hatte; heute
durfte sie es auflsen. Dann lief sie den Hgel hinauf bis an den groen
Stein, um von dort aus nach beiden Seiten Wache zu halten. Mary mochte
nichts anhaben, sondern wollte nach Herzenslust pltschern und
schwimmen. Sie nahm den Weg nach der Insel. Von dort aus konnte sie
selbst zu beiden Seiten die Einfahrt und die Wege bersehen. Alles
still, keine Gefahr. Also wieder zurck.

Die See umschmeichelte sie und trug sie, die Sonne spielte auf ihren
Armen, die das Wasser teilten; das Land vor ihr lag herbstsatt da mit
seinem fetten Heu; Seevgel schwebten in der Bucht, andere kreischten
ber ihr. "Und mir graute so vor dem Alleinsein--"

Als sie ans Ufer kam, mochte sie nicht heraus; sie legte sich auf den
Rcken und ruhte sich aus. Dann ein paar Ste und wieder eine
Ruhepause. Der Strand war so einladend; sie legte sich in die Sonne. Den
Kopf halb auf einem Stein, das Haar herabflieend. O, wie schn das war!
Aber irgend etwas mahnte sie, aufzusehen. Sie hatte keine Lust dazu.
Aber sie mute doch wohl einmal dahin sehen, wo das Mdchen sa. Ach,
was kmmerte sie das! Nanna hielt ja Wache. Aber soviel wurde doch
dadurch bewirkt, da das Wohlbehagen ihr verloren ging; sie machte ein
Ende. Als sie aufstand, um auf die Badehaustreppe zuzugehen, gewahrte
sie hinter dem groen Stein--Jrgen Thiis im Jagdanzug mit dem Gewehr
ber der Schulter! Das kleine Mdchen stand aufrecht auf dem Stein, ohne
sich zu rhren; sie starrte ihn an, als sei sie festgenagelt.

Eine heie Blutwelle durchflutete Mary--Zorn und Abscheu. War er
schamlos? Oder hatte er den Verstand verloren? uerlich tat sie, als
habe sie nichts gesehen,--warf sich kopfber in die See und schwamm auf
die Treppe zu, hielt sich ruhig daran fest,--und verschwand.

Aber ihr Atem ging heftig; ihr war so hei, da sie verga, sich
abzutrocknen, sich anzuziehen. Sie geriet in immer grere Hitze,
schlielich kochte sie vor Rachsucht und Wut. Der galante Jrgen Thiis
wagte sie zu beleidigen, wie sie noch nie im Leben beleidigt worden war.

Sie schlug sich solange mit diesem sinnlosen, unehrenhaften berfall
herum, bis sie mitten in Vorstellungen war, die sie weit fortfhrten.
Sie stand wieder vor der kraftvollen Gestalt des Athleten, sie fhlte
wieder Alices wissende Augen auf sich ruhen. Sie zitterte,--als sie
einen Schrei des Kindes da oben hrte. In ihrer Erregung war sie nahe
daran, auch zu schreien. Was konnte da nur los sein? Auf die Seite ging
kein Fenster hinaus. Aus der Tr zu sehen, wagte sie nicht, denn sie
hatte nichts an. Nie hatte sie sich so mit dem Anziehen beeilt, aber
gerade deshalb ging ihr alles verkehrt, und es zog sich in die Lnge.
Sie mochte nicht halbangekleidet vor Jrgen Thiis hintreten.

Als sie eben soweit war, da sie daran denken konnte, die Tr
aufzumachen, hrte sie auf der Landungsbrcke das Tripp-Trapp der
kleinen Nanna. Mary ri die Tr auf, die Kleine kam hereingestrzt und
warf sich ihr gleich in den Scho. Da versteckte sie den Kopf und weinte
und schluchzte, da sie kein Wort herausbringen konnte.

Mary gelang es, sie zu beruhigen, besonders als sie ihr versprach, sie
drfe jetzt ihr Haar kmmen. Da erzhlte sie, der Herr Leutnant habe
hinter dem Stein gestanden, bis sie es bemerkt habe. Sie habe gesessen
und gesungen und habe ihn gar nicht kommen hren. Er habe ihr gedroht.
Ach, und sie habe solche Angst gehabt, denn er habe so bse ausgesehen!
Ach, so bse habe er ausgesehen! Kaum sei Mary ins Haus gegangen, da sei
er hinuntergestrmt, direkt auf das Haus zu!

"Jrgen Thiis?"

"Dann schrie ich aus Leibeskrften! Da stand er still. Aber dann drehte
er sich um und kam auf mich zu. Ich hinunter vom Stein und hinein in den
Wald----" Sie konnte nicht weitersprechen. Sie verbarg wieder den Kopf
in Marys Scho und weinte.

Das wurde ja immer schlimmer! Marys Verstand konnte es anfangs kaum
fassen.

Nach und nach aber ging ihr ein Licht auf--er mochte ein anderer sein.
Er trug eine rasende Leidenschaft in sich. Er hatte den Mut starker
Rcksichtslosigkeit. Wenn er nun gekommen war, um...?

Stolz und stark, wie sie sich kannte, htte das fr ihn die Verbannung
auf immer bedeutet--nichts anderes.

Aber auf dem Heimwege lie sie Nanna vorausgehen. Aus dem einfachen
Grunde, weil sie kaum einen Fu vor den anderen setzen konnte,--so
strmten die Gedanken auf sie ein.

Wie konnte ein Mann sich tagtglich so beherrschen--einer so gewaltigen
Begierde gegenber? Eine lange, lange Anhufung mute vorauf gegangen
sein; sonst htte er nicht einem so unerhrten berfall auf sich
selbst--und auf sie--unterliegen knnen!

In diesen ganzen Jahren war er also von Begierde entflammt gewesen?
Seine Huldigungen, seine Ehrerbietigkeit, seine steten Bemhungen um
sie--war das alles Rauch aus dem unterirdischen Krater? Der eines
schnen Tages lohende Steine und glhende Asche ausspeit!

Also Jrgen Thiis war gefhrlich? Er wurde nicht kleiner dadurch; er
stieg! Der Zwang, den er sich auferlegt hatte--ihr zu Ehren, war
lblich! Wenn die Versuchung eines Tages den rebellischen Krften das
Tor ffnete--konnte sie ihm deswegen eigentlich bse sein?

Den ganzen brigen Tag, ja noch als sie sich auszog, dachte sie darber
nach. Am ndern Tage fate sie den Entschlu, jetzt msse es ein Ende
haben. Es wurde etwas in ihr aufgewhlt, das sie schon einmal
zurckgedmmt hatte; das Tempo durfte nicht unterbrochen werden, in dem
sie sich ihr Leben einzurichten wnschte. Deshalb nahm sie ihre Arbeit
energischer als je wieder auf, ja sie machte sich noch mehr zu schaffen.
Sie sah nmlich die Bcher ihres Vaters und die losen Aufzeichnungen
durch (deren es reichlich viele gab!), sie wollte Klarheit haben, wie
die Dinge im ganzen standen. Er hatte doch auch hier Vermgen, und er
konnte unmglich alles verbraucht haben, was er aus Amerika bekommen
hatte. Aber sie fand das Gesuchte nicht. Den Vater durfte sie nicht
damit behelligen, und Frau Dawes wute nicht Bescheid.

Aber so eifrig sie bei der Sache war,--etwas vom gestrigen Tage schlich
sich hinein. Jrgen hatte natrlich baden wollen, nach dem Bade
heraufkommen und sie begren. Nach dem, was vorgefallen war, kam er
nicht. Kam er berhaupt wieder? Ohne besonders aufgefordert zu sein? Er
hatte sich ja einstweilen zur Genge verrannt. Sie hrte an den
folgenden Tagen in der Umgegend schieen. Manche sagten auch, es werde
in grerer Entfernung geschossen. Aber er kam am zweiten Tage nicht,
kam am dritten nicht und am vierten auch nicht. Ihr gefiel das.

Weil ihre Gedanken so oft auf den Hhen und im Walde waren, stieg sie
eines Tages kurz vor dem Mittagessen hinauf. In der letzten Hlfte des
August ist der Wetterumschlag im sdlichen Norwegen hufig sehr kra. Es
war jetzt kalt; sie empfand es als eine Erfrischung, im Nordwind, der
sie umspielte, bergan zu steigen. Sie stieg etwas unterhalb der Huser
hinauf, da ging es leichter. Sie kletterte rasch, sie war daran gewhnt
und sehnte sich, hher hinaufzukommen, im Winde zu stehen und ber das
aufgerhrte Meer hinzuschauen. Schon von der ersten Anhhe aus geno sie
den Blick auf die Halden, wo die Leute das Heu zum Trocknen
ausbreiteten, ber die Bucht, die Inseln, das Meer, das heute ganz
schwarz war und viele Segler und etliche Dampfer trug. Doch ber ihr
machten die Krhen einen schauderhaften Lrm; da sa man sicher zu
Gericht. Sie sah eine und die andere durch die Luft schieen und weiter
gegen Norden zwischen den Hgeln verschwinden. Der Spektakel wurde immer
schlimmer, je hher sie kam. Da beeilte sie sich; vielleicht konnte sie
den Verbrecher retten. Ganz aufgeregt war sie, so da es ihr kalt ber
den Rcken lief. Sie meinte, wenn sie um den nchsten Vorsprung herum
sei, msse sie sie sehen knnen. Statt dessen sah sie, als sie den Kopf
hinbersteckte, ein gut Stck von ihr etwas weiter nrdlich einen Mann
auf dem Bauch liegen, direkt ber den Husern. Das war Jrgen Thiis!
Zuerst duckte sie sich; aber dann stieg ein frhliches Rachegefhl in
ihr auf, und in diesem Gefhl eilte sie schnell entschlossen hinan. Er
gewahrte sie und sprang verwirrt und beschmt in die Hhe, ri die Mtze
herunter, setzte sie wieder auf und wute nicht, wo er hinsehen oder
sich hinwenden sollte. Sie kam langsam nher und weidete sich an ihm.
Schon von weitem rief sie: "Auf die Art also gehen Sie auf
Jagd?--Vielleicht wollen Sie unsere Hhner schieen?" Als sie nher kam:
"Sie haben keinen Hund bei sich? Ach nein, unsere Hhner knnen Sie ja
auch ohne Hund schieen. Oder haben Sie etwa berhaupt keinen Hund?"

"Doch,--aber heute bin ich nicht zum Jagen hergekommen. Ich habe genug."

Diese einfachen, sanftmtigen Worte, bei denen er sie nicht anzusehen
wagte, warfen ihre Gefhle ber den Haufen. Sie wollte ihn nicht qulen.
Sie hatte genug von der Tyrannei des Onkels gehrt.

Die Krhen rasten schlimmer als bisher. "Hren Sie nur! Da wird Gericht
gehalten! Da Sie dem armen Snder nicht zu Hilfe kommen!"--"Da haben
Sie wahrhaftig recht!" sagte er, froh, da er loskam. Er bckte sich
nach seinem Gewehr und lief davon. Sie hinterdrein. Erst eine kleine
Anhhe hinan, dann den Weg entlang. Um zwei alte Bume herum tobten die
grauen Richter; es waren ihrer Hunderte. Aber kaum erblickten sie einen
Mann mit einer Flinte, als sie krchzend nach allen Seiten
auseinanderstoben. Ihre Aufgabe war beendet.

Und richtig: zwischen den beiden groen Bumen lag zerzaust und blutig
eine ungewhnlich groe Krhe in den letzten Zuckungen. Jrgen wollte
sie aufheben. "Nein, fassen Sie sie nicht an!" rief Mary und wandte sich
ab. Sie ging gleich wieder bis an den Abhang. Sie hrte ihn nicht
nachkommen und blieb stehen: "Sie kommen doch mit und essen bei uns?" Er
kam. Dann gingen sie schweigend bis an die Stelle, wo er gelegen hatte.
Er fragte hastig: "Wie geht es bei Ihnen zu Hause?"--Sie lchelte: "O
danke, den Umstanden nach recht gut."

Aus dem Schornstein wirbelte der Rauch in die Hhe. Vornehm wirken die
Dachziegel mit ihrer blauen Glasur auf den Hausern. Die groen Grten zu
beiden Seiten mit den sandbestreuten Wegen lagen da, als htten die
Hauser gestreifte Schwingen ausgebreitet. Das Ganze so lebensvoll, als
werde es sich im nchsten Augenblick in die Lfte heben. "Haben Sie
lange hier gelegen?" fragte sie unbarmherzig; sie hielt es ja fr eine
Art Belagerung. Er antwortete nicht. Sie begann den Abstieg; hier war es
ziemlich abschussig. "Soll ich Ihnen helfen?"--"O danke, ich bin
hufiger hier gegangen als Sie."

Es wurde eine stille Mahlzeit. Jrgen a immer sehr langsam, aber nie so
langsam wie heute. Mary war mit jedem Gericht schnell fertig und sa und
sah ihn an. Sagte dies und das und bekam hflich Antwort. Seine Augen,
die sonst gleich Wogen ber sie hinsplten, die sie in sich aufsaugen
wollten ... heute hoben sie sich kaum vom Teller. Pltzlich hrte er
auf. "Ist Ihnen nicht wohl?"--"Doch, danke; aber ich bin satt."--

Wenige Minuten spter kam er aus Anders Krogs Zimmer heraus. Mary war
kurz vorher von Frau Dawes gekommen und hatte gerade ihr Zimmer
geffnet. Jrgen Thiis sagte: "Ich finde, gndiges Frulein, Ihrem Vater
geht es viel besser."--"Ja, er kann schon dies und das sagen und den Arm
etwas bewegen."--Jrgen hrte das augenscheinlich nicht. "Ist dies Ihr
Zimmer?--Ich habe es noch nie gesehen." Sie trat beiseite; er schaute
und schaute. "Wollen Sie nicht eintreten?"--"Darf ich?"--"Bitte sehr!"
Er ging bis an die Schwelle und berschritt sie langsam; Mary folgte
ihm. Er stand still und atmete schwer; sie war neben ihm. War denn das
Zimmer mit Spitzen berzogen? Er konnte sich gar nicht zurechtfinden.
Das Bett, die Mbel, wei mit blau, oder blau mit wei, die Amoretten an
der Decke, die Bilder, darunter eins von ihrer schnen Mutter, mit
Blumen geschmckt. Und der Duft ... nicht allein von den Blumen, nein,
von ihr selbst und all ihrer Habe. Sie stand in ihrem blauen Kleid,--es
war das mit den kurzen rmeln,--neben ihm. In diesem reinen Duft, in
diesem Farbenzauber schmte er sich. Er schmte sich so, da er am
liebsten aus dem Zimmer gestrzt wre. Er konnte nicht Herr seiner
Stimmung werden; in seiner Brust begann es zu arbeiten und zu
schluchzen; ein Zittern berkam ihn. Ihm war, als msse er in Trnen
ausbrechen. Da schimmerte es von zwei weien Armen, und er hrte etwas
Leises, das auch blau und wei und wei und blau war. Die Tr wurde
hinter ihm geschlossen, wohl um ihn zu verbergen. Da schimmerten wieder
die weien Arme und er hrte deutlich: "Aber Jrgen!--Aber Jrgen!" Er
fhlte eine Hand auf seinem Arm und setzte sich hin. Sie hatte wirklich
"Jrgen" gesagt, zweimal "Jrgen." Jetzt strich sie ihm das Haar aus
der Stirn. So weich, so bltenzart. Es lste sich etwas in ihm; alles
Wunde und Harte schmolz unter ihrer Hand und zerrann. In einem
unsglichen Gefhl von Wrme. Die sich da ber ihn beugte, war
eigentlich die erste, die ihm beistand, seit er kein Kind mehr war. Er
hatte sich so verlassen gefhlt. Solches Vertrauen zu ihm lag in dem
Hndedruck. So unverdient. Das tat gut! Oh wie gut das tat! Ihm trumte,
er sei auch gut, sei in der Gewalt guter Mchte. Das Weie und Blaue
wlbe ein Zelt ber ihm. Unter diesem Zelt nhmen diese groen, guten
Augen seine Seele in sich auf. Er sagte als Entschuldigung ganz leise:
"Ich konnte es nicht lnger aushalten." Was er nicht lnger aushalten
konnte, verstand sie; sie prallte zurck.

"Mary", flsterte er. Ohne es zu wollen, dachte er laut. Das erschreckte
ihn und erschreckte sie. Sie wich weiter zurck von ihm, ihre Augen
wurden unklar; es versagte da etwas. Das sah er,--und ehe sie es ahnte,
ehe er selbst es wute, war er bei ihr. Er umschlang sie und prete sie
an sich. Er wurde wild, als er ihren Krper an seinem fhlte, und kte
sie, kte sie, wo er gerade hintraf. Sie bog aus, bald nach der einer
Seite, bald nach der ndern. Da bedeckte er ihren Hals mit Kssen. Sie
fhlte, jetzt galt es. Einen Arm hatte sie nur frei; aber damit stie
sie ihn von sich. Gleichzeitig bog sie sich so weit nach hinten, da sie
fast gefallen wre. Dadurch kam er ber sie, das zndete, und er wollte
es sich zu Nutzen machen. Aber er mute seinen rechten Arm lsen, um sie
umschlingen zu knnen. Gerade dadurch bekam sie ihren linken Arm frei,
stemmte ihn mit aller Macht ihm gegen die Brust, da sie sich nach der
Seite wenden konnte, und stand aufrecht. Ihre Augen trafen sich. Sie
waren wild, die Flammen in ihnen prallten gegeneinander. Keiner sprach
ein Wort. Ihre Atemzge gingen kurz und scharf.

"Mary!" ertnte ein Schrei drauen auf dem Gange. Das war Frau Dawes!
Frau Dawes, die das Bett nicht mehr verlassen konnte,--stand auf dem
Flur! "Mary!" noch einmal so verzweifelt, als sei sie einer Ohnmacht
nahe. Die beiden hinaus: Frau Dawes lehnte in ihrem Nachtgewand vor
ihrer offnen Tr an der Wand. Sie war am Umsinken, als Jrgen Thiis
herzugestrzt kam und sie unter den Arm fate. Die Treppe herauf kam ein
Mdchen nach dem andern, auch die kleine Nanna. Jrgen stand und hielt
Frau Dawes, bis sie sie mit vereinten Krften aufhoben und hineintrugen.
Es war furchtbar schwer. Soviel sie hoben und schleppten, sie bekamen
sie knapp ber die Schwelle ins Zimmer hinein. Dann langsam weiter; aber
jetzt kam noch das Allerschwerste: den Oberkrper ins Bett hineinheben;
denn das wollte ihnen nicht gelingen. Immer wenn der Oberkrper auf dem
Bettrand war, wollten die Beine nicht mit; dann glitt sie wieder
hinunter; sie selbst half nicht ein bichen, sie sthnte nur. Ehe Jrgen
richtig zufassen konnte, lag sie in ihrer ganzen Gre abermals am
Boden. Als sie den Oberkrper wieder einmal hochgehoben hatten, aber
nicht weit genug, da er durch seine eigene Schwere liegen geblieben
wre, waren sie ganz verzweifelt; sie wuten nicht, was sie machen
sollten. Das kleine Mdchen lachte laut auf und lief weg; Jrgen sandte
ihr einen wtenden Blick nach. Das war selbst fr Mary zuviel. Vor drei
Minuten noch hatte sie wie eine Verzweifelte gekmpft,--und nun berkam
sie eine so unbegreifliche Lachlust, da auch sie hinauslaufen mute. Da
stand sie mit dem Taschentuch vorm Munde und krmmte sich vor Lachen,
als die Pflegerin aus dem Zimmer ihres Vaters herauskam; er wollte
wissen, was los sei. Mary ging hinein. Sie konnte es ihm vor Lachen kaum
auseinandersetzen, wie nmlich Frau Dawes dalag und was fr
Anstrengungen Jrgen und die Mdchen machten. Ihren Vater qulte die
Frage, was Frau Dawes wohl auf dem Flur gewollt habe. Da verstummte
Marys Lachen. Ein Mdchen kam aus Frau Dawes' Zimmer und berichtete,
jetzt liege die gndige Frau im Bett. Sie mchte das gndige Frulein
sprechen.

Im Zimmer stand Jrgen am Fuende des Bettes; Frau Dawes lag und
sthnte und weinte und rief nach Mary. Kaum lie Mary sich in der Tr
blicken, da fing sie an: "Was war mit Dir, Kind? Mich berkam eine
schreckliche Angst,--was war los?" Mary ging zu ihr hin, ohne Jrgen
anzusehen. Sie kniete neben ihrer alten Freundin hin und legte den Arm
um ihren Hals: "Ach, Tante Eva!" sagte sie und schmiegte den Kopf an
ihre Brust. Nach einer Weile fing sie zu weinen an.--"Was ist denn? Was
ist denn? Was macht Dich so unglcklich?" jammerte Frau Dawes und strich
ihr immer und immer wieder mit der Hand ber das herrliche Haar.
Schlielich blickte Mary auf; Jrgen Thiis war fort. Aber sie schwieg.
"Nie habe ich solch ein Gefhl gehabt," fing Frau Dawes wieder an, "wenn
nicht etwas Entsetzliches bevorstand!" Mary schwieg. "War es etwas mit
Jrgen Thiis?" Mary sah sie an.--"O Gott, das habe ich mir
gedacht!--Aber bedenke, Kind, er hat Dich geliebt, seit er Dich zum
erstenmal gesehen hat, und nie eine andere. Das ist schwer, siehst
Du.--Und kein einziges Mal hat er Dir gegenber etwas wie eine Andeutung
gemacht,--oder doch?"--Mary schttelte den Kopf. "Das ist viel. Das
zeugt von Charakter. Zu Diensten ist er Dir gewesen und verehrt hat er
Dich,--ja, sei nicht zu streng! Erst jetzt, da Du arm bist, wagter
----ja, was war denn eigentlich los?"--Mary zgerte eine Weile; dann sagte
sie: "Erst war es, als werde ihm schlecht. Aber dann wurde er pltzlich
toll."--"Ach, ich knnte Dir auch etwas erzhlen ... Ja, ja, ja!" Sie
versank in Gedanken. Dann murmelte sie: "Wenn einer jahrelang so
herumgeht..."--"Wir wollen nicht darber reden!" unterbrach Mary sie und
stand auf.--"Nein, das ist ..."--"Nichts mehr davon!" wiederholte Mary.
Sie trat ans Fenster. Da hrte sie Frau Dawes hinter sich: "Er hat mit
mir gesprochen, mut Du wissen. Ob er jetzt seinen Antrag machen drfe.
Er knne sich nichts Schneres denken. Einspringen, wenn wir nicht
weiterknnen. Aber er findet, Du bist zu unnahbar." Mary machte
unwillkrlich eine Bewegung. Frau Dawes bemerkte es: "Sei jetzt nicht zu
streng, Mary! Weit Du, Kind, Dein Vater und ich, wir finden beide ..."
--"Nicht, Tante!" Mary drehte sich rasch nach ihr um--nicht gerade
unwillig, aber doch so, da das Gesprch nicht weitergehen konnte.

Mary blieb in der Stube. Sie wollte nicht Gefahr laufen, mit Jrgen
Thiis zusammenzutreffen. Als Mary Frau Dawes einmal eine Handreichung
leistete, sagte diese: "Du weit, Kind, er beerbt Onkel Klaus?" Als Mary
nicht antwortete, wagte sie fortzufahren: "Jrgen glaubt, Onkel Klaus
wird ihm helfen, wenn er sich verheiratet." Mary ging das zu einem Ohr
hinein, zum andern hinaus.

Als die Bahn frei war, suchte Mary ihr eigenes Zimmer auf. Sie
durchdachte die ganze Szene noch einmal und glhte vor Aufregung, aber
sie war verwundert, da sie eigentlich nicht erzrnt war. Es war ja doch
ganz entsetzlich.

Und gerade als sie dachte: "Was jetzt weiter?" klopfte es leise an die
Tr. Sie wurde sehr bse, sie wre am liebsten aufgesprungen und htte
die Tr verschlossen. Aber nach einer Weile sagte sie: "Herein!" Die Tr
ffnete sich und schlo sich, ohne da sie aufsah; sie sa in ihrem
groen Stuhl. Leise und demtig kam er heran und lie sich aufs Knie
nieder, indem er das Gesicht in ihre Hnde legte. Daran war nichts
Abstoendes. Er war tief bewegt. Sie blickte hinunter auf seinen
hbschen Kopf mit dem weichen Haar. Sie verweilte bei seinen langen
Knstlerfingern. Etwas Feines wirkte an ihm vershnend. Aber diese
Sentimentalitt! "Soll ich abreisen?" war das einzige, was er sagte. Sie
zgerte eine Weile, dann sagte sie: "Ja." Ganz leise. Er lie die Arme
sinken, griff nach ihrer rechten Hand und drckte seine Lippen darauf,
lange, aber ehrerbietig. Stand auf und ging.

Bei dem Ku, so ehrerbietig er war, durchrieselte ihren Krper ein
aufregendes Gefhl. Wie sie es vorhin gehabt hatte, als er sie kte
und kte, da sie einer Ohnmacht nahe war. Sie blieb verwundert sitzen.
Noch lange, nachdem er fort war. Sie dachte wieder ihren Kampf bis ins
kleinste durch und zitterte. "Warum bin ich nicht bse auf ihn?"

Da klopfte es wieder. Das Mdchen der Frau Dawes fragte an, ob sie nicht
herberkommen wolle. "Du hast ihn abreisen lassen, Kind?" Frau Dawes war
mehr als betrbt. Vor Eifer richtete sie sich auf und sttzte sich auf
den einen Arm. Ihre Mtze sa schief auf dem kurzen grauen Haar, der
fette Hals war rter als gewhnlich, als sei es ihr zu warm. "Warum hast
Du ihn abreisen lassen?" wiederholte sie. "Er wollte doch."--"Wie kannst
Du das sagen, Kind? Er war doch bei mir und jammerte. Er wollte fr sein
Leben gern hier bleiben! Du hast keinen Begriff davon. Du hast ihn ja
immer blo zurckgestoen. Und gefoltert." Sie legte sich ganz
verzweifelt wieder zurck. Das Wort "gefoltert" machte flchtig einen
komischen Eindruck; aber Mary hatte selbst die Empfindung, sie htte mit
ihm sprechen sollen, ehe sie ihn gehen lie. Denn gehen mute er.

Es kamen recht schwere Tage. Anders Krogs Befinden verschlechterte sich
bei einem Witterungsumschlag. Dazu kamen Verdauungsbeschwerden. Es fiel
ihm schwerer, sich verstndlich zu machen. Mary war viel bei ihm; dann
folgte er ihr mit den Augen, da es ihr fast Angst machte.

Frau Dawes schickte ihm kleine Zettel. Von ihrer Schreiberei lie sie
sogar im Bett nicht. Immer wenn solch ein Zettel kam, blickte er Mary
lange an. Da erriet sie, wovon die Zettel handelten.

Eines Tages sagte Frau Dawes zu ihr: "Du berschtzt Dich, wenn Du
meinst, Du kannst hier allein mit uns leben."--"Wie meinst Du
das?"--"Da Du im Frhling des gesellschaftlichen Lebens noch so mde
sein magst,--wenn der Herbst kommt, lockt es doch. Du bist zu sehr daran
gewhnt."--

Mary antwortete diesmal nicht; aber einige Tage spter--es war lange
nakaltes Wetter gewesen, und sie hatte nicht drauen sein knnen--sagte
sie zu Frau Dawes: "Du kannst recht haben, das Leben, das wir all diese
Jahre hindurch gefhrt haben, hat tiefe Wurzeln in mir geschlagen."--"O
ja, tiefere als Du selbst ahnst, mein Kind!"--"Aber was soll ich denn
tun? Von hier fort kann ich doch nicht? Ich will es auch
nicht."--"Nein.--Aber Du knntest Dir etwas Abwechslung verschaffen."
--"Wie denn?"--"Du verstehst mich recht gut, Kind! Wenn Du
verheiratet wrst, wrde er zeitweise hier mit Dir leben und Du
zeitweise mit ihm da, wo er hin mu."--"Eine wunderliche Ehe!"--"Ich
glaube nicht, da Du ihm sonst nherkommen kannst."--"Wem
nherkommen?"--"Dem, was das Leben von Dir verlangt. Und dem, woran Du
gewhnt bist."

Mary fhlte, das, was Frau Dawes da sagte, sei auch des Vaters Wunsch.
Da es ihr Schicksal sei, was ihm die grte Sorge mache. Da ihm eine
Ehe mit Jrgen unter Onkel Klaus' Obhut eine groe Beruhigung sei. Es
lag wie ein Druck auf ihr, da sie bis auf diesen Tag wenig Rcksicht
auf die Wnsche des Vaters genommen hatte.

Diese ganze Zeit, all diese Erwgungen erschienen ihr wie das Rezitativ
einer Oper, das zwei Handlungen miteinander verbindet.

Wenn sie jetzt, wo es herbstete, ber die Bucht hinschaute, fhlte sie
sich wie eine Gefangene. Stand sie oben auf der Hhe und sah mit den
schaumsprhenden Wogen den rauhen Herbst daherkommen, dann hatte sie das
Gefhl, er wolle sie fr den Winter einkerkern. Dann brauste es in ihr
auf; sie war an anderes gewhnt.

Auch in ihrem Blut brauste es. Sie hatte ihre Ruhe verloren. In der
Erinnerung erschien ihr Jrgen nicht abstoend. Die Atmosphre, die ihn
umgab, schien ihr sogar sympathisch.

Da ein Schlaganfall den Vater aufs Krankenlager geworfen hatte, und
da Jrgen gerade anwesend war, und da er dem Vater willkommen
war,--knpfte das kein Band? War das nicht wie Schicksal?

An Jrgens Seite in Stockholm[1] aufzutreten und spter weiter in die
Welt gesandt zu werden,--einen naturgemeren Abschlu ihres
Wanderlebens, eine vielseitigere Verwendung dessen, was sie dabei
gelernt hatte, konnte man sich schwer vorstellen.

Onkel Klaus mute helfen. Grndlich helfen. Sie war sich ihrer Macht
ber Onkel Klaus bewut.--

"Kurz und gut, liebe Tante Eva," sagte sie eines Tages, als sie neben
ihr am Bett sa und mit ihr plauderte: "Du kannst an Jrgen schreiben."

[Footnote 1: Schweden und Norwegen hatten damals ein gemeinsames
Ministerium des Auswrtigen.]

       *       *       *       *       *

Mary stand selbst auf der Brcke, als das Boot anlegte. Es war am
Sonnabend nachmittag, und wer irgend konnte, floh aus der Stadt, um die
letzten Herbsttage im Freien zu genieen. Es war ein schner Tag. Im
sdlichen Norwegen hat man solche Tage oft bis tief in den September
hinein. Mary war in Blau und hatte einen blauen Sonnenschirm, mit dem
sie Jrgen und ein paar Freundinnen winkte, die neben ihm standen. Alle
Leute an Bord kamen nach der Landungsseite herber, um zuzusehen.

Sowie Jrgen neben ihr stand, fhlte er, da er vorsichtig sein msse.
Er erriet, da sie ihn nur deshalb hier unten in Empfang nahm, damit ihr
Zusammentreffen nicht intim ausfallen knne.

Auf dem Wege nach oben sprachen sie ber die Schwalben, die sich jetzt
zum Aufbruch rsteten, ber den Verwalter, der krzlich einen mchtigen
Adler geschossen hatte, ber das Schreibbrett, das fr Frau Dawes
konstruiert worden war, ber die gute Grummeternte, ber die Obst-und
die Futterpreise.--Drinnen im Flur lief sie ihm mit einem kurzen
"Verzeihung!" weg. Sie flog die Treppe hinauf. Der Bursche, der Jrgens
Koffer brachte, trat hinter ihnen in die Tr; Jrgen und er standen da
und wuten nicht wohin. Da hrten sie Marys Stimme von oben: "Bitte
hierher!" Sie gingen hinauf. Sie ffnete das Fremdenzimmer, das neben
ihrem eigenen lag, und lie den Burschen den Koffer dahinein setzen. Zu
Jrgen sagte sie: "Wollen wir nicht jetzt zu Vater hineingehen?"--Sie
ging voran. Die Pflegerin war nicht da. Vermutlich um die
fortzuschicken, war sie vorhin nach oben gelaufen.

In den Augen des Kranken leuchtete es auf, als er hinter ihr in der
offenen Tr Jrgen bemerkte. Kaum war die Tr geschlossen, als Mary auf
ihren Vater zuging, sich ber ihn beugte und sagte: "Jrgen und ich
haben uns verlobt, Vater."

Alle Gte und alles Glck, das sich in einem Angesicht vereinen kann,
strahlte aus den Mienen des Vaters. Lchelnd wandte sie sich zu Jrgen,
der bla und verwirrt dastand und nahe daran war, auf Mary zuzustrzen
und sie zu umarmen. Aber er fhlte, sie wollte wohl seine berraschung,
seine Dankbarkeit und seine Anbetung, aber keine Zeremonien. Das tat
seinem Glck keinen Abbruch. Er begegnete ihren lchelnden Augen mit der
vollsten, innigsten Freude. Er drckte die Hand, die Anders Krog ihm
geben konnte, er blickte ihm in die trnennassen Augen und seine eigenen
fllten sich mit Trnen. Aber gesprochen wurde kein Wort, bis Mary
sagte: "Jetzt gehen wir zu Tante Eva!"

In einem Gefhl des Sieges ging sie voran. Bewundernd folgte er ihr.
Sein Herz war voll, nicht zum wenigsten von Begeisterung ber den
Gromut, mit der sie ihm verziehen hatte. Er dachte: drauen auf dem
Flur wird sie sich umdrehen, und dann ... Aber sie ging direkt auf Frau
Dawes' Tr zu und klopfte an.

Als Frau Dawes Jrgen gewahrte, schlug sie die fetten Hnde zusammen,
zerrte an ihrer Mtze und wollte sich aufrichten,--aber es gelang ihr
vor lauter Rhrung nicht. Sie sank wieder zurck, weinte glckselig vor
sich hin und streckte die Arme aus; Jrgen warf sich hinein, aber zum
Kusse kam es nicht.

Sobald ein vernnftiges Wort gesprochen werden konnte, sagte Mary:
"Findest Du nicht auch, Tante Eva, morgen mssen wir beide zu Onkel
Klaus?"--"Das einzig Richtige, Kind! Das einzig Richtige. Worauf braucht
Ihr zu warten?"--Jrgen strahlte. Mary zog sich zurck, damit die beiden
in aller Vertraulichkeit miteinander sprechen knnten.

Als sie wieder zusammenkamen, merkte er, da die Parole hie: "Ansehen,
aber nicht anfassen!" Das fiel ihm schwer; aber er gab zu, da einer,
der so vermessen gewesen war, im Zaum gehalten werden mute. Sie wollte
selbst ber sich verfgen.

In ihrem Triumphgefhl war sie schner als je. Es erschien ihm wie eine
Gnade, da sie "Du" zu ihm sagte. Das war auch alles, wozu sie sich
herablie. Er wartete und wartete; aber sie gab nicht mehr. Den ganzen
Tag nicht. Da nahm er seine Zuflucht zum Klavier und jammerte ganz
frchterlich darauf: Mary machte die Tren auf, damit Frau Dawes etwas
hren knne. "Der arme Junge!" sagte Frau Dawes.

Am ndern Tage kam sie erst kurz vor der Abfahrt des Dampfers nach
unten, mit dem sie zu Onkel Klaus wollten. "Heute bist Du richtig la
grande dame",--Jrgen musterte sie bewundernd; sie stand in ihrer
elegantesten Pariser Besuchstoilette vor ihm. "Du willst Onkel Klaus
wohl imponieren?"--"Das auch. Aber es ist doch heute Sonntag.--Sag'
mal," sie wurde pltzlich ernst, "wei Onkel Klaus von Vaters
Unglck?"--"Von seiner Krankheit?"--"Nein, von der Ursache der
Krankheit?"--"Das wei ich nicht. Ich komme von Hause.--Ich habe nichts
gesagt. Nicht mal zu Hause."--Das gefiel ihr. Deshalb wurde auch der
Gang zum Dampfer hinunter und nachher die Fahrt gemtlich und frhlich.
Sie sprachen leise von der Hochzeit, von dem Urlaub fr den ersten Monat
nachher, von dem Leben in Stockholm, von ihrer Reise dahin, von seinem
Weihnachtsbesuch zu Hause, von einem kleinen Abstecher nach Kristiania
jetzt gleich--kurz, an ihrem Himmel waren keine Wolken.

Onkel Klaus trafen sie in seiner Rauchhhle, wo sie ihn mehr ahnten, als
da sie ihn sahen. Er war selber ganz erschrocken, als Mary in ihrer
ganzen Herrlichkeit vor ihm stand. Er eilte ihnen in den groen steifen
Salon voran. Noch ehe sie saen, sagte Jrgen: "Ja, Onkel, heute kommen
wir, um Dir zu erzhlen--" er kam nicht weiter; denn Onkel Klaus sah an
ihren Gesichtern, was fr eine strahlende Neuigkeit sie brachten. "Ich
gratuliere, ich gratuliere!" Der groe Mann streckte jedem eine Hand
hin: "Ja, das sagen alle," triumphierte er, "Ihr beide seid das
schmuckste Paar, das je in der Stadt war. Denn", fgte er hinzu, "wir
andern haben Euch ja lange verlobt!" Kaum hatten sie sich gesetzt, als
sich sein Gesicht verfinsterte. Er sah Mary mitleidig an: "Dein Vater,
armes Kind!"--"Vater geht es jetzt besser", antwortete sie
ausweichend.--Onkel Klaus blickte sie forschend an: "Er kann ja wohl
nicht mehr ..." er hielt inne, er konnte es wirklich nicht ber sich
gewinnen, das auszusprechen, auch Mary nicht. Sie saen also eine Weile
schweigend da.

Als das Gesprch wieder in Flu kam, redeten sie ber die ungewhnlich
schlechten Zeiten. Es mache den Eindruck, als wollten die kein Ende
nehmen. Die Aktien htten keinen Wert, die Schiffahrt liege darnieder,
keine neuen Unternehmungen, das Geld arbeite nicht. Whrend sie hierber
sprachen, blickte Onkel Klaus Jrgen mehrmals an, als wolle er nach
etwas fragen, wenn er erst fort sei: Sie bemerkte es und gab Jrgen
einen Wink, er stand auf und entschuldigte sich: er habe sich mit
einigen Kameraden in der Stadt verabredet. Es war zwischen Mary und ihm
ausgemacht, da sie allein mit Onkel Klaus reden solle. Aber was mochte
Onkel Klaus mit ihr zu besprechen haben? Sie war gespannt.

Jrgen war kaum aus der Tr, da sagte Onkel Klaus mit bekmmerter
Miene: "Armes Kind, ist es wahr, da Dein Vater in Amerika groe
Verluste gehabt hat?"--"Er hat alles verloren", antwortete sie. Bla und
entsetzt fuhr der groe Mann in die Hhe: "Er hat alles verloren?"--Er
starrte sie mit weit offnem Mund an, wurde dunkelrot und rief: "Ja,
Gottsdonnerwetter, da kann ich verstehen, da man den Schlag
bekommt."--Er begann im Zimmer auf und ab zu rennen, als sei auer ihm
niemand da. Die weiten Hosen schlotterten ihm um die Beine, mit den
langen Armen fuchtelte er in der Luft herum. "Er ist doch schon immer so
ein leichtglubiger Tropf gewesen! Ein richtiger Dussel! Wenn man sich
vorstellt, einer hat ein so groes Vermgen im Geschft eines ndern
stecken, und er kmmert sich dann nicht weiter drum! Das ist doch eine
verdammte--" er hielt jh inne und fragte in hchstem Erstaunen: "Auf
was wollt Ihr denn heiraten--?"

Mary war tief verletzt, noch ehe diese Frage kam. In ihrer Gegenwart
sich so zu benehmen, vor ihren Ohren so etwas von ihrem Vater zu sagen!
Trotzdem antwortete sie mit ihrem reizendsten Lcheln und voll
Schelmerei: "Auf Dich, Onkel Klaus!"

Seine Verblffung war nicht zu beschreiben. Sie versuchte sie zu
dmpfen, ehe sie zum Ausbruch kam, sie bedauerte ihn scherzend--und zwar
auf englisch--was fr ein armer Mann er sei. Aber das prallte ab wie
Vogelgezwitscher an einem Bren. "Das sieht dem Jrgen, diesem Satan,
hnlich," brach er schlielich hervor, "gleich auf mich zu
spekulieren!"--Er rannte wieder durch die Stube, schneller als bisher:
"Haha! das konnte ich mir ja denken! Wenn was in die Quere kommt, mu
ich herhalten! In diesen Zeiten, wo ich kaum mein Essen verdiene! Solche
Unverschmtheit ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!"
Er sah sie nicht, er sah berhaupt nichts. Dieser reiche Mensch hatte
seinen Launen, seiner Wut, seiner Unverschmtheit immer freien Lauf
gelassen. "Schockschwerenot, Jrgen verdiente, da ich ihm auch das
entzge, was er jetzt bekommt. Immer will er mehr haben! Und nun sollte
ich--ha, ha! Ja, das ist ein Prachtbengel!"--

Mary sa totenbla da. Sie war nie bisher gedemtigt worden; nie bisher
hatte ein Mensch sie anders als eine Bevorzugte behandelt.

Aber den Kopf verlor sie nicht. "Ich fhre jetzt Vaters Bcher," sagte
sie khl; "daraus habe ich ersehen, da auch Ihr Geschfte zusammen
gemacht habt."--"Oh ja," sagte er, ohne stehen zu bleiben und ohne sie
anzusehen: "Oh ja--mit ein paar Hunderttausend. Aber wenn Du die Bcher
fhrst, weit Du wohl auch, da sie in diesen Zeiten fast nichts
einbringen."--"Das ist nun wohl bertrieben", antwortete sie. "Ja, was
willst Du mit den Papieren?" fragte er und blieb stehen. Aus einer
pltzlichen Eingebung heraus rief er: "Hat Jrgen Dich beauftragt, sie
zu verkaufen?"--"Jrgen hat mich zu nichts beauftragt", sagte sie und
stand auf.

Wie sie bla und gro und stattlich vor ihm stand und ihn mutig ansah,
war er der Unterlegene. Er starrte sie nur an. Sie sagte: "Ich bedaure,
da ich nicht eher gewut habe; was fr ein Mensch Du bist." Alle
berlegenheit fiel von ihm ab,--er stand dumm und schwerfllig da. Er
war nicht imstande zu antworten, ja nicht einmal sich zu rhren. Er lie
sie gehen. Und das wollte er gerade am wenigsten.

Durch das Fenster sah er ihr nach, sah sie nach dem Markt hinuntergehen.
Wie schn und stolz sie war, wie ein Bild.

Als Jrgen bald darauf kam, um Mary abzuholen oder vielmehr mit ihr
zusammen zu Tisch dazubleiben,--denn er war berzeugt, sie wrden zum
Essen eingeladen werden--bekam er nicht allein dieselbe Lektion, die sie
bekommen hatte, sondern eine viel saftigere, weil Onkel Klaus jetzt
auerordentlich unzufrieden mit sich selbst war. Dafr mute Jrgen
ben. "Warum, zum Donnerwetter, bist Du nicht selbst gekommen? Du
warst wohl zu feig dazu?--Und dann hast Du sie veranlassen wollen,
Aktien zu verkaufen, die jetzt gar keinen Wert haben! Ein verflucht
leichtsinniger Kerl bist Du doch immer gewesen."--Onkel Klaus hatte
unrecht; aber Jrgen kannte ihn, er wute, da man ihm jetzt nicht
widersprechen durfte. Er machte sich auf allen vieren davon und kam zu
Mary, erbarmungswrdiger als damals, wo sie ihn oben auf dem Hgel
getroffen hatte, wie er in das verlorene Paradies hinunterschaute. Sie
selbst hatte geweint vor rger und Enttuschung; aber sie hatte
Sprungfedern in sich; jetzt kam der Umschlag. Ihr Sturz aus ihrer
Siegesstimmung herab, die sie noch vor einer halben Stunde gehabt hatte,
war so jh, da die ganze Geschichte, wenn man Jrgens jmmerlichen
Zustand dazunahm, lcherlich wurde. Sie lachte so ausgelassen, so
kstlich befreit, da sogar Jrgen geheilt wurde. Nach Verlauf einer
Viertelstunde gingen die beiden jungen Menschen ber die Strae, um sich
ein leckeres Mittagessen mit Champagner zu bestellen. Whrend das
hergerichtet wrde, wollten sie einen Spaziergang machen. Aber kaum
standen sie drauen in der kstlich frischen Luft, da mute Jrgen
wieder hinauf und nach Krogskog telephonieren, sie wrden heimkommen und
dort zu Mittag essen. Es wrde ungefhr zwei Stunden dauern auf der
neuen Landstrae; das sollte ein herrlicher Spaziergang werden!

Sie schritten tchtig aus; der klare Herbsttag mit seiner frischen Brise
war khl,--so rechtes Wetter zum Wandern.

Der Weg an der See entlang durchschnitt die Landzungen; sie freuten sich
ber den steten Wechsel von Strand und Bergeshhe, von Bergeshhe und
Strand. Das Meer tiefblau, bis weit hinten voller Segel und Rauchsulen.
Heut war Sonntag, daher waren auch viele Lustjachten drauen; sie
krochen durch die Meerengen und wagten sich auf die offene See hinaus.

Bei ihrem schnellen Tempo waren die beiden bald aus der eigentlichen
Stadt heraus. Da lag ein hbsches kleines Haus in einem Garten. "Wem
gehrt das?" fragte Mary. Es sah so einladend aus. "Frulein Ry, der
rztin", antwortete Jrgen eifrig. "Ich habe ber all dem rger und der
Enttuschung doch vergessen, Dir zu erzhlen, da ich Franz Ry in der
Stadt getroffen habe!" Ohne es zu wissen, blieb Mary stehen. Ohne es zu
wollen, wurde sie rot. "Franz Ry?" fragte sie und blickte starr vor
sich hin. Dann ging sie weiter, noch bevor sie eine Antwort bekommen
hatte. "Er soll hier die Hafenarbeiten leiten. Du weit, Irgens ist
tot."--"Der Ingenieur? Der ist tot?"--"Und jetzt heit es, Hauptmann Ry
wird das bernehmen."--"Ist das eine Arbeit fr einen Mann wie
ihn?"--"So fragt gewi mancher.--Alle fragen, was er hier will?" lachte
Jrgen. Mary sah ihn an und er Mary. Dann ging er nher an sie heran:
"Aber jetzt kommt er zu spt." Er hatte als Antwort einen
verstndnisvollen Blick erwartet, in dem vielleicht ein bichen Glck
lag. Aber sie ging weiter, ohne ihn anzusehen, auch ohne etwas zu sagen.

Da trat eine lange Pause ein. Sie gingen schnell. Der Herbstwind wehte
erfrischend. Da wandte sie sich zu ihm, um ihm eine Freude zu machen.
"Weit Du, Jrgen, da Vater bei Onkel Klaus zweihunderttausend Kronen
stehen hat?"--"Zweihundertfnfzigtausend", antwortete Jrgen. Sie war
sehr erstaunt,--einmal darber, da Jrgen Bescheid wute, dann ber die
fnfzigtausend Kronen. "Onkel Klaus sprach von zweihunderttausend."
--"Ja, die Dein Vater in seine Unternehmungen und in das
Schiff hineingesteckt hat. Aber kurz bevor Dein Vater krank wurde,
hat er Onkel fnfzigtausend Kronen geschickt, die frei geworden
waren."--"Woher weit Du das?"--"Onkel hat es mir gesagt."--"Ich habe
nichts darber gefunden."--"Nein, Dein Vater hat sich mit dem Verbuchen
wohl nicht beeilt; das war seine Art so. Auerdem--," hier stockte
Jrgen, "kennst Du alle Geschfte Deines Vaters?" Sie wollte darauf
nicht eingehen; die Frage kam ihr nicht unerwartet. Aber wie konnte
Jrgen--? Vielleicht durch Frau Dawes. Jedenfalls freute sie sich. Sie
war stehen geblieben, sie wollte etwas sagen. Aber der Wind hob ihr die
Rcke hoch, lste ihr eine Haarstrhne und ri ihr den Schal ab.
"Herrgott, wie entzckend Du aussiehst!" rief er.--"Aber dann steht ja
nichts im Wege, Jrgen?"--"Wir knnen heiraten, meinst Du?"--"Ja", und
damit ging's weiter.--"Nein, Liebste, jetzt bringen die Aktien nahezu
nichts ein."--"Ja, was tut das? Wir mssen drauflosgehen, Jrgen!" Sie
strahlte vor Gesundheit und Mut. "Ohne Onkels Zustimmung?" fragte er
verzagt.--Sie stand wieder still: "Wrde er Dich enterben?"--Ohne direkt
zu antworten, sagte er schwermtig: "Wenn Du wtest, Mary, was ich mit
Onkel ausgestanden habe. Vom ersten Tag an, da er mich zu sich nahm. Wie
er mich geplagt hat. Wie er mir aufgepat hat. Bis auf diesen Tag bin
ich wie ein ungezogener Schuljunge von ihm behandelt worden. Seine
schlechte Laune hat er stets an mir ausgelassen." Auf seinem Gesicht
zeigte sich eine solche Mischung von Verbitterung und Unglck, da Mary
unwillkrlich rief: "Armer Jrgen,--jetzt fange ich an zu verstehen!"
Sie gingen weiter. Sie dachte daran, da seine Fhigkeit, sich zu
beherrschen in einer harten Schule erworben sei; da hatte er auch
gelernt, sich zu verstellen. Seine Zhigkeit mute sie bewundern; was
hatte er nicht alles durchgesetzt! Und allein seine Musik! Die war wohl
sein Trost gewesen. Jetzt verstand sie seine ungewhnliche Hflichkeit.
Jetzt verstand sie seine Sentimentalitt. Sie verstand, wodurch er so
streng und pedantisch geworden war und so hart gegen seine Untergebenen.

Sie sah ein, da auch sie vielleicht schuld gewesen, wenn es ihm
schlecht gegangen war. Seine lange, schweigende Liebe zu ihr hatte ihm
nur eine Last mehr aufgebrdet; denn sie hatte ihm kein aufmunterndes
Wort gegnnt; im Gegenteil! Was Wunder, da er schlielich wie verhext
war? "Armer Jrgen", sagte sie noch einmal und fate seine Hand. Das
erste Liebeszeichen, das sie ihm je gewhrt hatte. Sie mute es gleich
wieder zurcknehmen, weil sie die Rcke festhalten mute, denn um die
Landzunge pfiff ein scharfer Wind, und ein Segelboot schnitt gerade
unter ihnen durch das Wasser. Vom Boote aus wurde heraufgewinkt, und sie
winkten hinunter. Welch ein herrlicher Tag, wie schimmernd blau der
Fjord mit den roten Wimpeln berall.

Als sie zur Bucht hinunterkamen, fragte sie: "Glaubst Du wirklich, er
wrde Dich enterben, wenn wir uns verheiraten?"--"Wir haben nichts,
woraufhin wir heiraten knnen, Du Liebe!"--"Wir knnen doch diese
Papiere verkaufen", sagte sie mutig. "Ja, wenn wir so vorgehen, um uns
heiraten zu knnen, da wir sie jetzt verkaufen, wo sie so niedrig
stehen, ja, dann enterbt er mich sicher."--Aber sie wollte die Hoffnung
nicht aufgeben: "Und unser Wald?"--"Der mu erst jahrelang stehen."--

Wie gut Jrgen Bescheid wute! Wie genau er alles berlegt hatte!

Sie kamen auf die Strandstrae, die auf die letzte Landzunge bei
Krogskog zufhrte. Da stand ein alter wunderlicher Finnenhund. Mary war
gut Freund mit ihm. Er klffte ja immer ein bichen, wenn jemand in
seine Nhe kam; vielleicht konnte er nicht gut sehen; aber er wedelte
gleich mit dem Schwanz, wenn er einen Bekannten witterte. Heute war er
wie toll.

"Herrjeh," rief Mary, "ist er etwa auf Dich so wtend?" Jrgen
antwortete nicht, sondern bckte sich nach einem kleinen Stein. Als der
Hund das sah, rannte er, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, hinter
einen Reisighaufen am Wege. Von dort setzte er dann das Konzert fort.
"La ihn doch!" sagte Mary, als sie sah, da Jrgen die Schulinie
berechnete. "Es wre doch spaig, wenn er sich genau auf die Stelle
zurckzge, auf die ich ziele," sagte er, "dann bekommt er den Stein
nmlich gerade auf den Rcken." Dabei tat er, als werfe er; der Hund
setzte davon,--da warf er erst, und der Hund bekam den Stein genau auf
den Rcken. Er heulte auf. "Siehst Du!" sagte Jrgen triumphierend. "Es
gibt nicht viele, die so sicher treffen, kann ich Dir sagen."--"Kannst
Du ebenso gut schieen?"--"Ob ich es kann! Wirklich, Mary, alles, womit
ich mich befasse--viel ist es ja nicht,--das tue ich grndlich." Das
mute sie zugeben. Das rasende Gebell des Hundes in der Ferne besttigte
es auch.

Auf dem Richtsteig zum Hause hinauf sagte er: "Meinst Du, wir sagen Frau
Dawes oder Deinem Vater etwas?"--"Von Onkel Klaus?"--"Ja. Es wrde sie
nur betrben. Knnen wir nicht sagen, er habe gemeint, wir sollten bis
zum Frhjahr warten?"--Sie blieb stehen. Sie war nicht fr so etwas.
Aber Jrgen blieb dabei. "Ich kenne Onkel Klaus besser als Du. Ihm wird
es bald leid. Freilich wird er nicht nachgeben, aber er wird selbst mit
einem anderen Vorschlag kommen, ungefhr mit so etwas, wie ich jetzt
meine:--er mchte, wir warteten bis zum Frhjahr."

Mary war sich lngst darber klar, wie gut Jrgen unterrichtet sei; sie
mute deshalb auch zugeben, da er so etwas besser verstand als sie.
Aber an Schleichwege war sie nicht gewhnt. "La mich nur machen," sagte
er, "dann erspare ich den alten Leuten eine Enttuschung."

"Aber was soll ich denn sagen?" fragte Mary.--"Die Wahrheit, da Onkel
sich sehr ber unsere Verlobung gefreut hat, und da die Zeiten jetzt so
schlecht seien, da wir warten mten. Das verhlt sich doch tatschlich
so."

Damit war Mary einverstanden. Besonders weil es sie freute, da Jrgen
auf die Schonung der beiden Alten bedacht war. Er bekam dafr einen
aufrichtigen Dank--und wieder ihre Hand. Die behielt er in seiner bis an
die Treppe, ja noch die Treppe hinauf. Er dachte, das ist ein Pfand fr
einen Ku im Vorzimmer. Aber dann nehme ich mir zehn!

Er machte die Tr auf und lie Mary vorangehen. "Schnen Dank fr den
Spaziergang, Jrgen", sagte sie, indem sie an ihm vorbeiging und ihm
frhlich zunickte,--lief zur Treppe und nach oben. Er hrte sie in ihr
Zimmer gehen.--

Wie schonend Jrgen auch seine Worte whlte, als er von dem Resultat
berichtete,--es war eine schwere Enttuschung fr die alten Leute.
Sowohl Krog wie vor allem Frau Dawes fanden es unerklrlich; die
letztere sogar grausam. So sollte Mary den langen Winter ber hier
allein bleiben und Jrgen in Stockholm. Sie konnten sich vielleicht zu
Weihnachten ein paar Tage sehen, aber sonst nicht. Seltsamerweise bte
die Enttuschung der beiden Alten einen Rckschlag auf Jrgen aus. Er
sa wie ein flgellahmer Vogel da. Er sprach nicht, er antwortete Frau
Dawes kaum, er spielte auch nicht; aber er bereitete seine Abreise fr
den nchsten Morgen vor. Er wollte direkt nach Stockholm; seine Zeit war
um.

Nur Mary war guter Dinge. Es war, als gehe sie die ganze Geschichte
nichts an. Ihr hatte der Tag nichts Schlimmes gebracht; so schien es.
Das Triumphgefhl, das in ihr war, seit sie vor ihrem Vater die
Verlobung zu proklamieren geruht hatte, war nicht allein ungeschwcht,
es war strker als je. Sie ging ber die Flure und durch die Stuben und
summte vor sich hin; sie hatte tausenderlei zu tun, als sei sie es, die
eine lange, wichtige Reise vorhatte. Beim Abendessen trieb sie soviel
Unsinn, da Jrgen das unsichere Gefhl hatte, sie mache sich ber ihn
lustig. Er sagte ihr schlielich gerade heraus, er verstehe sie nicht.
Ihm scheine, sie solle ihn lieber bedauern. Sie bleibe doch wenigstens
hier in ihrem entzckenden Heim und in ihrer schnen Sorge fr ihre
beiden Lieben; er aber--? Jetzt habe er einen Ha auf das, was vor ihm
liege, weil es ihn von ihr fernhalte. Es tue ihm leid, da er sich vom
Dienst habe beurlauben lassen. Er verabscheue Stockholm. Er wisse, wie
zurckgesetzt ein junger Mann dort sei, der nicht zur hheren "socit"
gehre und obendrein Norweger sei. Er war unglcklich und machte seinem
Kummer Luft.

"Du hast doch bei Deiner Konfirmation so gut Bescheid gewut, Jrgen,
hast Du vergessen, da Jakob volle sieben Jahre um Rahel dienen
mute?"--"Habe ich etwa nicht lange genug um Dich gedient, Mary?"--"Weil
Du gar so frh damit anfingst, sind es so viele Jahre geworden. Es ist
eine schlechte Angewohnheit von Dir--zu frh anzufangen!"--"War es denn
mglich, Dich zu sehen, ohne ...? Du tust Dir selbst unrecht."--"Du
hattest doch andere Ziele, Jrgen, als mich zu erringen?"--"Die hatte
Jakob auch, der Geldjger! Und er hatte noch den offenbaren Vorteil, da
er Rahel inzwischen sehen konnte, so oft er wollte."--"Na,--einer, der
Jahre lang gewartet hat, Jrgen--" "--der kann auch noch ein halbes Jahr
Inger warten? Ja, Du hast gut reden, die nie auf etwas gewartet hat.
Nicht auf das geringste!"--Sie schwieg. "Da Du mich obendrein noch
necken willst, Mary!--Der (auch wenn er bei Dir ist) auf so schmale Kost
gesetzt ist!"--"Du beklagst Dich, Jrgen?"--"Ja, wahrhaftig."--"Du hast
allzu frh angefangen, mut Du bedenken." Sie lachte. Er wurde verlegen,
sagte aber nach einer Weile: "Du weit eben nicht, was warten
heit!"--"Ich wei jedenfalls, da einer, der auf schmale Kost gesetzt
ist, sich leichter daran gewhnen kann." Sie lachte wieder. Er war
gekrnkt und unsicher zugleich. Eine, die ihn wirklich lieb hatte, htte
sich kaum so benommen--am Abend vor einer mehrmonatlichen Trennung. Und
bei so klglichen Aussichten fr die Ehe, wie sie sie hatten.

Sie saen eine Weile bei ihrem Vater und sehr lange bei Frau Dawes.
Jrgen war still und sagte berhaupt nichts. Mary aber war vergngt.
Frau Dawes blickte die beiden verwundert an. Sie wandte sich zu Jrgen:
"Armer Junge, Du mut zu Weihnachten herkommen!" Mary antwortete statt
seiner: "Tante Eva, um Weihnachten ist es in Stockholm gerade am
lustigsten."

Pltzlich stand Mary auf und wnschte sehr unerwartet "Gute Nacht", erst
Jrgen, dann Frau Dawes. "Ich bin mde von unserer Tour und ich will
morgen frh aufstehen, um Jrgen zu begleiten."

Jrgen fhlte, dieser unerwartete Aufbruch war ein wohlberlegter
Streich. Sie wollte dem entgehen, ihm drauen auf dem Flur gute Nacht zu
sagen. Er schwur ihr Rache. Er verstand sich darauf.

Frau Dawes wollte wissen, ob zwischen ihnen etwas vorgefallen sei. Das
bestritt er. Sie glaubte ihm nicht; er mute allen Ernstes wiederholen,
er wisse von nichts. Aber seine Verstimmung verbergen, das konnte er
nicht. Er brachte es nicht einmal ber sich, dazubleiben, und lie sie
allein. Auf dem Flur war es gegen die Gewohnheit vllig dunkel. Er
tastete sich nach seiner Tr. Erst als er drinnen Licht angezndet hatte
und unwillkrlich auf ein Lebenszeichen aus ihrem Zimmer lauschte, fiel
ihm ein, da sein Schlo gelt worden war. Heute morgen hatte es
geknarrt. Ganz unbedeutend, aber geknarrt hatte es. Nie war er in einem
Hause gewesen, wo wie hier die kleinste Kleinigkeit, die in Unordnung
war, sofort repariert worden wre. Trotzdem Sonntag war. Er konnte sich
kein greres Glck vorstellen, als spter, wenn erst alles in Ordnung
war, hierher zurckzukehren, hier auszuruhen, und hier solange und
solcherart zu leben, wie sein tiefstes Bedrfnis nach Lebensgenu es ihm
vor Augen stellte.

Also galt es auszuhalten. Sich jetzt in ihre Launen zu finden wie frher
in des Onkels Launen. Bis seine Zeit kam!--

--Er war beim Ausziehen, als lautlos die Tr geffnet wurde und Mary in
ihrem Nachtgewand hereintrat. Blendend schn. Sie schlo die Tr hinter
sich und trat an die Lampe. "Du sollst nicht lnger warten, Jrgen!" Sie
lschte die Lampe aus.--

       *       *       *       *       *

Allein


Am nchsten Morgen verschlief sie die Zeit. Sie wurde durch Gesang und
Klavierspiel aufgeweckt. Im Halbschlummer erst und dann deutlich hrte
sie durch einen Strom herandrngender Erinnerungen Jrgens Stimme. Er
sang am Klavier bei offenem Fenster in den frhen Morgen hinein. Sein
heller, jubelnder Tenor trug Festesklnge zu ihr hinauf.

Schnell, ganz schnell war sie aus dem Bett und in den Kleidern; sonst
kam sie zu spt, um ihn zum Schiff hinunterzubegleiten. Bei dem raschen
Hantieren wurde sie ganz wach, und mchtiger strmten ihre Gedanken ihm
und seiner berauschten Seligkeit entgegen. Seinen tiefinnigen, Seele und
Sinne durchstrmenden Dank und seine Lobeshymnen wollte sie in der Nhe
genieen! Hoch emporgehoben und im Triumph herumgetragen werden wie die
Herrscherin seines Lebens. Aus freier Souvernitt hatte sie ihm des
Lebens hchsten Preis geschenkt. Jetzt war er belohnt fr seine lange
Qual! Vorurteilslos und ohne zu feilschen. Sie kannte ihn jetzt doch;
sie wute bis ins kleinste, wie er aussehen, wie er sich benehmen wrde,
wenn er sie hineinfhrte in sein Glck. Deshalb schwoll ihre Brust dem
Wiedersehen entgegen. Feiern sollte man sie und ihr danken!

Durch das kleine hollndische Kabinett kam sie in ihrem blauen
Morgenkleide und legte die Hand auf den Trgriff des groen Musikzimmers
nach der See hinaus, mute aber stehen bleiben, um Atem zu schpfen, so
gespannt war sie. Dabei geno sie seinen Triumph da drinnen. So
hingerissen war er von seiner eigenen Musik, da sie ihm ganz nahe kam,
ehe er sie bemerkte. Er blickte strahlend auf und erhob sich langsam und
still wie zu einem Fest. Er wollte die Stimmung nicht zerstren; er
breitete die Arme ihr entgegen, zog sie an sich, kte sie ehrbar aufs
Haar und streichelte ihr langsam und sorglich die Wange, die freilag; er
wollte zudecken und verbergen, ihr mit mnnlicher Gte ber die Scham
weghelfen, die sie naturgem empfinden mute. Er war ganz zart und
beruhigend.--

"Wir mssen jetzt wohl schnell essen", flsterte er freundlich zu ihr
hinunter, kte noch einmal ihr schnes Haar und atmete seinen Duft.
Dann fate er sie sanft, aber gleichsam fhrend, um die Taille. An der
Tr fragte er leise: "Du hast wohl gut geschlafen, da Du so spt
kommst?" Er ffnete mit der freien Hand vterlich die Tr und blickte
sie mitfhlend an, als er keine Antwort bekam. Sie war sehr bla und
ganz verwirrt. "Mein ses Mdchen", flsterte er trstend.

Bei Tisch war des Rcksichtnehmens kein Ende, besonders da sie nichts
essen konnte. Aber die Zeit war knapp; er mute fr sich selbst sorgen,
so da nicht viel darber gesprochen wurde. Mary sagte kein einziges
Wort. Aber sie fand, er hantiere mit Messer und Gabel auf eine ganz
neue, herrische Art. Verwandt der Art, wie er zu ihr sprach und wie er
sie ansah. Er wollte ihr offenbar Mut einflen. Nach dem, was gestern
geschehen war. Sie htte den Teller mit allem, was darauf war, nehmen
und ihm ins Gesicht schleudern mgen!

Sein Triumphgesang hatte ihm selber gegolten, die Siegeshymne seinem
eigenen Verdienst!

Bei allen Mahlzeiten stand eine Karaffe mit Wein auf dem Tisch. Er trank
langsam ein ganzes, groes Glas, wischte sich den Mund und stand mit
einem wrdevollen "Entschuldige!" auf.--Dann in der Tr: "Ich mu
nachsehen, ob der Knecht meinen Koffer geholt hat."

Einen Augenblick nachher war er wieder da. "Die Zeit ist knapp"; er
schlo die Tr hinter sich und ging hastig auf Mary zu, die jetzt am
Fenster stand. Er zog sie diesmal rasch an sich und wollte sie
Kssen...

"Nicht mehr dergleichen!" sagte sie mit ihrer ganzen alten Souvernitt
und wandte sich ab. Sie ging stolz hinaus ins Vorzimmer, zog sich eine
Jacke an, wobei ihr das herzueilende Mdchen half, whlte einen Hut,
sah nach dem Wetter und nahm dann einen Sonnenschirm. Das Mdchen
ffnete ihr die Haustr, Mary ging rasch hinaus, er hinterher, in seinem
tiefsten Empfinden verletzt. Er war sich keiner Schuld bewut.

Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Aber es kochte so in
ihr, da sie ihren Sonnenschirm fast zerbrochen htte, als sie ihn
schlielich aufspannen wollte. Er sah es.

"Du," sagte sie, und es klang, als habe sie eine ganz andere Stimme
bekommen, "ich halte nicht viel vom Briefschreiben. Ich kann auch keine
Briefe schreiben."--"Ich soll Dir also nicht schreiben--?!" Er hatte
auch eine andere Stimme bekommen. Sie antwortete nicht, und sie sah ihn
auch nicht an. "Wenn aber irgend etwas passiert--?" sagte er.--"Nun ja,
dann--! Aber dann hast Du ja Frau Dawes."

Als sei es damit noch nicht genug, fgte sie hinzu: "Du bist wohl
brigens auch kein Held im Briefschreiben. Also ist nicht viel dabei
verloren."

Er htte sie schlagen mgen.

Zum berflu mute nun auch noch der alte, wunderliche Finnenhund da an
der Brcke sein mit einem von seinen Leuten. Kaum wurde er Jrgen
gewahr, da fing das Konzert an. Es ntzte alles nichts, soviel seine
Herren auch ihm pfiffen und ihn riefen.

Alle wandten sich nach den Ankmmlingen um. Jrgen hatte sich sofort
nach einem kleinen Stein gebckt, und Mary hatte ihn leise gebeten, es
nicht zu tun. Der Dampfer legte gerade an, die allgemeine
Aufmerksamkeit, auch die des Hundes, wurde von ihnen abgelenkt, und auf
diesen Augenblick hatte Jrgen gewartet, um ihm den Stein direkt auf den
Leib zu werfen, da er laut aufheulte. Unmittelbar darauf wandte er sich
zu Mary und zog den Hut mit seinem verbindlichsten Lcheln und mit
tausend Dank fr die genossene Gastfreundschaft.

Sie mute anstandshalber warten, bis der Dampfer abfuhr; ja, sie mute
ein paarmal mit dem Sonnenschirm winken. Lchelnd und triumphierend
grte Jrgen mit mchtigem Hutschwenken vom Dampfer herber.

Wtend war sie! Aber er kaum weniger.

       *       *       *       *       *

"Er, der sich vor mir in den Staub htte werfen mssen und den untersten
Saum meines Kleides kssen!" Das war ihre Empfindung.

Schon gestern abend war das Gefhl von etwas Unfeinem in ihr
aufgedmmert. Er wollte sie nicht wieder loslassen. Sie mute eine List
anwenden und ihre Tr verriegeln. Aber sie hatte sich das als eine
krankhafte Folge seiner langen Sehnsucht ausgelegt, die zur Besessenheit
geworden war.

Jetzt war kein Zweifel mglich! Nur ein "Bewanderter" konnte es in
dieser Weise auffassen. Sie war betrogen. Das Allerschnste in ihr, das
von ihren feinsten Instinkten geschirmt und grogezogen worden, war
hineingelockt in einen widerwrtigen Irrtum.

Sie rang den ganzen Tag damit. Verraten und geschndet nannte sie sich.
Zuerst wlzte sie alle Schuld von sich. Dann nahm sie alles auf sich und
verdammte sich als unbrauchbar fr das Leben. Sie greife doch nur fehl,
sie verrate sich selbst. Einen Augenblick sagte sie: Mir ist Gewalt
angetan, obwohl ich mich freiwillig hingegeben habe! Im andern
Augenblick sagte sie: Das greift gewi viel weiter zurck, und ich finde
mich nicht heraus.

Welch ein Segen, da ihr Zimmer unberhrt und rein geblieben war. Das
nebenan wollte sie nie wieder betreten, nie mehr sehen.

Ihm wollte sie nicht gehren.

Aber wrde er denn schweigen? Darber war sie beruhigt. Auf dem Gebiet
lagen seine Schwchen nicht, sonst htte sie wohl irgend etwas erfahren.
Aber da ein einziger Mensch existieren sollte, der--! Sie weinte vor
ohnmchtigem Zorn. Das wrde ihren Lebensmut zerstren. Das wrde wie
ein Alp auf ihr liegen. Gerade wenn sie sich am hchsten fhlte.

Sehen wollte sie ihn! Ihm sagen, wofr sie ihn gehalten habe,--und wer
er sei. Zu wem sie habe hineingehen wollen,--und zu wem sie
hineingekommen sei. Er sollte nicht triumphieren knnen. Aber dazu mute
sie sein Leben kennen. Wen konnte sie fragen, wer kannte sich darin
aus?----

Als sie am nchsten Morgen aufwachte, war sie sich klarer. Einmal
darber, wie sie sich volle Gewiheit ber Jrgen verschaffen konnte;
das mute gelegentlich geschehen, so da keiner etwas merkte. Ebenso war
sie sich klar, da der Bruch mit ihm und die Begegnung, die den Bruch
vorbereitete, hingehalten werden mute--vor allem um der beiden Alten
willen. Das zweite und viel wichtigere war: ihr eigenes Leben wieder
aufzubauen, aus dieser schwlen Luft herauszukommen, die sie ins
Verderben gefhrt hatte. Da gab es nur einen Weg: ihre Arbeit
aufzunehmen, sich brauchbar dafr zu machen und aus den Resultaten neuen
Mut zu schpfen.

Arbeit und Pflichttreue! Sie sttzte sich auf die Ellbogen, als wolle
sie die Aufrichtung in ihrem Innern versinnbildlichen, und stand im
nchsten Augenblick auf den Fen, um sich fertig zu machen.--

Die fnfzigtausend Kronen, die ihr Vater also neulich Onkel Klaus
gegeben, und die sie in den Bchern nicht gefunden hatte,--deuteten die
nicht darauf hin, da ihr Vater noch einen Fonds in Amerika hatte--auer
dem brderlichen Geschft? Da die Zinsen, die er nicht aufgebraucht
hatte, dort in Aktien angelegt waren? Da krzlich 50 000 Kronen frei und
hierhergeschickt waren?

Seit Jrgen ihr vorgestern von den 50 000 Kronen erzhlt hatte, hatten
die ihr in all den ndern Geschichten keine Ruhe mehr gelassen. Sie
mute die amerikanische Korrespondenz des Vaters prfen; darin wrde es
stehen. Aber sie fand keine solche Korrespondenz,--bis sie eine Truhe
ffnete, die unten in dem Bcherregal stand, zu dem der Schlssel in
seinem Portemonnaie lag. Sie kannte die Truhe von ihren Reisen her; aber
sie hatte nie gewut, was sie enthielt. Hier fand sich die ganze
amerikanische Korrespondenz; hier fanden sich auch die Belege. Es machte
den Eindruck, als habe er schon zu Lebzeiten ihrer Mutter ihr Vermgen
und alles, was damit zusammenhing, besonders verwaltet. Dann mute aber
ein recht betrchtlicher Rest geblieben sein, selbst wenn der
Hauptbestand, eine Million Dollar, verloren war. Sie war wie im Fieber.
Ihr Vater mute den Brief so verstanden haben, als sei sein ganzer
Besitz in Amerika verloren gegangen. So hatte sie es aufgefat, und die
andern gleichfalls.

Den Kopf voll dieser Dinge, begab sie sich zum Vater. Sie setzte ihm
alles umstndlich auseinander und sagte, sie wolle gleich nach Amerika,
um Klarheit zu schaffen. Er erschrak. Aber bald sah er die Notwendigkeit
ein und fgte sich.

Frau Dawes war nicht so leichtglubig. Sie vermutete, es msse etwas
geschehen sein, wovon Mary sich ablenken wolle. Aber in Marys Wesen und
in ihrem Bericht ber ihre Entdeckung war etwas Heftiges, etwas, das
keinen Widerspruch duldete. Frau Dawes beschrnkte sich daher auf einige
schchterne Einwendungen: es gebe auf dem Meer um diese Jahreszeit so
viele Strme.

Drei Tage spter war Mary mit einem englisch sprechenden Mdchen auf dem
Wege nach Amerika. Sie werde, sagte sie, schon jemand finden, der ihr
wertvolle Hilfe leisten wrde. Sie kenne so viele.

Alles ging nach Wunsch. In weniger als anderthalb Monaten war sie wieder
daheim. Es war hohe Zeit gewesen, da sie hinberkam. Denn es sollte
gerade darber prozessiert werden, ob Anders Krog mit seinem ganzen
Besitz der Kompagnon seines Bruders gewesen sei, whrend er es doch nur
mit der Summe war, die im Geschft steckte.

Das konnte sie beweisen.

Dieser Erfolg machte ihr Mut. Warum nicht weiter gehen? Hier hatte sie
Kapital zur Verfgung, und sie hatte groe Lust, etwas zu beginnen. Auch
einen Holzhandel. Konnte sie das nicht so gut lernen wie jeder andere?
Die doppelte Buchfhrung? War die so schwer? Sie fing gleich an.

Anders Krog schien aufzuleben, seit sie wieder daheim war. Die
Gewiheit, da das Vermgen, das auerhalb der Konkursmasse des Bruders
stand, gerettet war, war fr ihn eine groe Freude. Marys Zukunft lag
ihm so sehr am Herzen.

Dagegen nahm Frau Dawes sichtlich ab. Es war, als habe dieses ttige,
rastlose Menschenkind seine Krfte aufgebraucht. Selbst nach Jrgen
fragte sie nicht; ihre Korrespondenz hatte sie aufgegeben.

Mary leitete den Gutsbetrieb zusammen mit dem Prokuristen und verwaltete
das Vermgen gemeinsam mit einem Geschftsmanne. Nebenbei nahm sie
Unterricht und lernte. Zweimal wchentlich war sie in der Stadt.

So ging es in den November hinein. Da bekam Anders Krog einen Brief aus
Kristiania von einem nahen Verwandten, einem reichen Manne, dessen
einzige Tochter sich soeben verlobt hatte. Er bat, Marit mge doch zu
den Festlichkeiten hinkommen; es sollten in den beiden groen Familien
deren mehrere stattfinden.

Mary war selbst erstaunt, wie groe Lust sie pltzlich bekam. Der alte
Adam war nicht tot. Sie trllerte auf den Fluren und in den Stuben vor
sich hin, whrend sie ihre Reisevorbereitungen traf; sie sehnte sich
nach einer neuen Umgebung--und nach neuen Huldigungen. Sie suchte
Genugtuung darin! Das mute sie sich selbst zugeben.

Sie war kaum einige Tage dort, als Anders Krog einen Brief bekam, in dem
Marys Lob in den hchsten Tnen gesungen wurde. Nicht das Brautpaar, sie
sei der Mittelpunkt aller Blle gewesen; nicht das Brautpaar, sie werde
bevorzugt und gefeiert--in erster Linie von dem Brautpaar selbst. Ihre
einzigartige Schnheit, ihr vornehmes Wesen, ihre Kenntnisse und ihr
Taktgefhl wrden sie ihnen allen unvergelich machen. Sie mchten sie
so gern noch eine Zeitlang dabehalten.

Anders Krog schickte den Brief zu Frau Dawes hinein mit der Bitte, ihn
bald zurckzugeben; er wolle ihn noch oft lesen,--

Am Tage darauf war Mary wieder daheim. Sie trat des Morgens still bei
ihrem Vater in die Tr, und er erschrak, als er sie sah. Sie sei krank
geworden, sagte sie, und das sah man auch deutlich genug. Sie war nicht
nur bla, sie war grau, mit bernchtigen Augen und matter Stimme. Sie
gab ihrem Vater einen langen, zrtlichen Ku, wollte aber den Brief, den
er bekommen hatte, gar nicht sehen und nicht von ihrem Aufenthalt in
Kristiania reden. Jetzt erst auf ein paar Minuten zu Frau Dawes, dann zu
Bett und ausruhen.

Sie blieb kaum eine halbe Minute bei Frau Dawes, die sie in groer
Besorgnis zurcklie.

Mary schlief den ganzen Tag, a zu Abend eine Kleinigkeit und schlief
wieder die ganze Nacht.

Als sie aufstand, sah sie aus wie immer, war frisch und wach. Der
Prokurist, der Grtner und die Haushlterin kamen zu ihr und legten
Rechenschaft ab, und sie machte einen Rundgang durch das Haus. Dann kam
sie lchelnd nach oben zu ihrem Vater, der sehr glcklich war, als er
sie wieder so vor sich sah.

Sie kam, um ihm zu sagen, da jetzt einer baldigen Heirat nichts mehr im
Wege stehe. Jetzt htten sie ja Vermgen. Der Vater brachte unter groen
Schwierigkeiten heraus, das habe er auch schon gedacht. Seine Augen und
die eine Hand sagten das brige; da er nmlich nichts lieber sehe.

Aber als sie dasselbe zu Frau Dawes sagte und hinzufgte, sie habe
eigentlich Lust, gleich nach Stockholm zu fahren, um diesen Vorschlag zu
machen (Jrgens Name wurde nicht genannt), da gewann Frau Dawes die alte
Geistesschrfe wieder, richtete sich im Bett auf und fing laut zu
weinen an. Nun verlor Mary den Mut, warf sich ber das Bett und
flsterte: "So ist es, Tante Eva!" Sie weinte die verzweifeltsten Trnen
ihres Lebens. Aber als Frau Dawes' Kummer dadurch immer grer wurde,
hob Mary den Kopf: "Liebe Tante, Vater kann uns ja hren!"--Sie dmpften
ihre Stimmen ein wenig; Frau Dawes aber versicherte unter Trnen, dies
sei ja ihre eigene Geschichte! Erst als ihr Verlobter sie soweit gehabt
habe, sei ihr klar geworden, was fr ein erbrmlicher Kerl er war; "aber
da muten wir uns eben heiraten. Da siehst Du, Kind, wie wir Frauen
sind; wir werden nie klug."--

"Oh da Ihr diesen Menschen in mein Leben hineinziehen mutet!" jammerte
Mary. "Ich fhlte es instinktmig, da ich ihn mir fernhalten msse;
aber Ihr schlugt alle Bedenken zu Boden." Nach einer Weile: "Nein, so
mut Du das nicht auffassen, Tante Eva; ich mache Euch keine Vorwrfe.
Was ntzt jetzt auch alles Jammern? Hier bleibt nur eins: sich mit
geschlossenen Augen hineinstrzen."

Darin stimmte ihr Frau Dawes vllig bei. "Dann machst Du es wie ich:
wenn die Ehre gerettet ist, lt Du Dich von ihm scheiden."--"Nein, das
tue ich nicht. Dann haben wir etwas, das uns aneinander bindet.--O Gott,
o Gott!" sie jammerte, klammerte sich an ihre alte Freundin und
erstickte ihren Verzweiflungsschrei in den Kissen. Frau Dawes sa
hilflos da und sttzte sie. "Das verstehe ich nicht", sagte sie. Da hob
Mary rasch den Kopf: "Das verstehst Du nicht? Gerade um mich zu binden,
hat er es getan. Er kannte mich." Wieder warf sie sich verzagt und
verzweifelt ber das Bett. Zwischen den Ausbrchen oder vielmehr als
einen Teil dieser Ausbrche hrte man die Worte: "Es gibt keinen Ausweg!
Es gibt keinen Ausweg!"

Frau Dawes hatte nicht die Kraft und nicht den Mut, bei soviel Leid nach
Worten zu suchen.

Es mute sich austoben. Bis die Emprung sich abkhlte. Frau Dawes
merkte, wie allmhlich etwas anderes sich emporarbeitete. Mary hob den
Kopf, ihre verweinten Augen waren voll Ha: "Ich dachte, ich htte mich
einem Gentleman hingegeben. Aber ich geriet an einen Spekulanten." Damit
stand sie langsam auf. "Willst Du ihm das sagen, Kind?"--"Mit keinem
Wort! Nichts, absolut nichts dergleichen. Ich will sagen, wir mssen
heiraten."

       *       *       *       *       *

Drei Tage darauf wurde Jrgen Thiis im Ministerium des Auswrtigen ein
Brief berbracht. Er war von Mary. "Ich bin im Grand Htel und erwarte
Dich Punkt zwei Uhr drauen auf dem Trottoir."

Er wute sofort, was das zu bedeuten hatte. Er brach eilig auf, denn die
Uhr war dreiviertel zwei. Erst auf der Treppe fiel ihm auf, da er sie
"drauen auf dem Trottoir" treffen solle.

Sie wollte nicht mit ihm in ihrem Zimmer allein sein.

Das nderte seinen Plan. Er ging nach seiner Wohnung und erlste einen
kleinen schwarzen Pudel aus seiner Gefangenschaft, ein wertvolles Tier,
das er dressierte; denn es war ein rechter Tolpatsch.

Auf der Strae war richtiges Tauwetter, so da der Hund gleich Weisung
bekam, auf dem Trottoir zu bleiben, wo es sauber war. Nach ein paar
lustigen Seitensprngen hatte es Erfolg; der Hund hatte Angst vor
Jrgens dnnem Stock.

Schon von weitem sah er Marys schlanke Gestalt. Sie stand mit dem Rcken
nach ihm, gegen das Schlo gewandt. Kein Passant weiter, kein Mensch
sonst vor dem Htel. Sein Herz klopfte heftig; allzuviel Mut hatte er
nicht.

Sie wurde ihn gewahr, als der Hund auf sie zulief wie auf einen guten
alten Freund, Sie hatte Hunde sehr gern; einzig das Wanderleben hatte
sie abgehalten, sich einen anzuschaffen. Und dieser war so sauber, so
hbsch und so appetitlich, so ganz nach ihrem Geschmack, da sie sich
unwillkrlich zu ihm hinunterbeugte; im gleichen Augenblick sah sie
Jrgen. Sie richtete sich sofort in die Hhe: "Ist das Dein Hund?"
fragte sie, als htten sie sich vor einer halben Stunde hier auf der
Strae getrennt. "Ja", antwortete er, indem er ehrerbietig den Hut zog.
Da bckte sie sich wieder zu dem Hunde hinunter und streichelte ihn.
"Nein, wie bist Du niedlich! Du reizender Kerl! Nicht anspringen!"
--"Nicht anspringen!" klang es verstrkt von Jrgen her. Sie
richtete sich wieder in die Hhe. "Wohin gehen wir?" sagte sie, "ich bin
noch nie hier gewesen."--"Wir knnen ja geradeaus gehen und dann um die
Ecke, dann kommen wir an das John Ericson-Denkmal."--"Ja, das mchte ich
gern sehen." Sie setzten sich in Bewegung.

"Wirst Du herkommen?" rief Jrgen dem Hunde zu und hob den Stock. Jrgen
fhlte sich verletzt, da sie ihm nicht einmal die Hand gegeben hatte.
Wehleidig kam der Hund an; aber bald war er wieder vergngt, denn Mary
sprach mit ihm und streichelte ihn.

"Ich habe einen kleinen Abstecher nach Amerika gemacht", sagte
sie.--"Ja, das hab' ich gehrt."--

"Die fnfzigtausend Kronen, von denen Du sprachst, fand ich nicht in den
Bchern, und ich dachte mir, es msse noch eine Abrechnung da sein, die
das Vermgen in Amerika betraf. Und so war es auch. Folglich wurde es
ntig, hinzureisen, um zu retten, was noch zu retten war. Die Hauptsumme
war verloren."

"Wie verlief die Sache?"--"Ich habe das mitgebracht, was von den Zinsen
in all den Jahren nicht aufgebraucht war."

--"Das Geld war gut angelegt?"--"Ich glaube besser, als es in Europa
mglich gewesen wre."--

Hier gab es ein kleines Intermezzo. Der Hund war vom Trottoir
heruntergelaufen und bekam ein paar Hiebe. Das emprte Mary. "Herrgott,
der Hund wei das doch nicht."--"Oh, er wei es recht gut. Aber er hat
nicht gehorchen gelernt."

Sie gingen ziemlich schnell weiter. "Warum erzhlst Du mir das?" fragte
Jrgen. "Weil wir jetzt heiraten knnen."--"Ja, wieviel ist es
denn?"--"Zweihunderttausend."--"Dollar?"--"Nein, Kronen. Und dann noch
die Fnfzigtausend."--"Das ist nicht genug."--"Zusammen mit dem, was
wir sonst noch haben?"--"Dies 'sonst' bringt augenblicklich nahezu
nichts ein. Das weit Du doch."

Mary begann sich elend zu fhlen. Er merkte es ihrer Stimme an, als sie
sagte:

"Wir haben doch den Wald in Reserve."--"Der frhestens in drei Jahren
abgeholzt werden kann? Vielleicht erst in vier, fnf? Es kommt auf das
Wachstum an."--Mary sah ein, da, er recht hatte; warum hatte sie dies
erwhnt?

"Aber zehn, zwlftausend Kronen jhrlich ...?"--"In unserer Stellung
will das nicht viel sagen."

Wieder ein Intermezzo. Hier war kein Trottoir, sondern ein groer,
freier Platz mit rechtem Morast. Sie hatten beide den Hund vergessen.
Ein dicker, schmutziger Schifferhund, auch ein Pudel, war auf Landurlaub
mit ein paar Matrosen, die die Strae entlangschlenderten. Diesem
willkommenen Kameraden hatte Jrgens Hund sich angeschlossen. Er wurde
mit Not und Mhe zurckgerufen, schmutzig, wie er schon war. Als Mary
auch rief, kam er freudig und glckselig an, bekam aber einen Schlag mit
der Peitsche und winselte.--"Es ist doch merkwrdig," sagte Mary, "da
Du mit so einem netten Hund nicht Frieden halten kannst!" Sie dachte an
den alten Finnenhund bei ihren Nachbarsleuten daheim, gegen den er auch
so hlich gewesen war. Jrgen antwortete nicht. Der Hund aber lief
demtig hinterher, und als Jrgen sich davon berzeugt hatte, sagte er:
"Wei Onkel Klaus etwas von dem Vermgen?"--"Ich glaube, auer uns wei
kein Mensch etwas davon.--Warum fragst Du?"--"Es ist richtiger, mit
Onkel Klaus zu reden."--Sie blieb verwundert stehen: "Mit Onkel Klaus?"
Jrgen stand auch still. Jetzt sahen sie sich an. "Wir kommen weiter
damit", sagte Jrgen. "Bei Onkel Klaus?" sie sah ihn starr an. Sie
verstand ihn nicht. "Fr die Ehre der Familie tut er viel", sagte Jrgen
mit einem raschen Seitenblick, indem er weiterging. Sie war kreidebleich
geworden, folgte ihm aber. "Mssen wir uns Onkel Klaus anvertrauen?"
flsterte sie hinter ihm. Weiter konnte die Demtigung nicht gehen. "Wir
tun es!" antwortete er aufmunternd und beinahe frhlich; "jetzt sagt er
nicht nein." Hatte er das mit in Berechnung gezogen?

Er kam nher an sie heran: "Sieh mal, wenn Onkel Klaus nichts von dem
Vermgen wei, bekommen wir mehr!"

Er hatte es gut durchdacht! So widerlich ihr das war, es imponierte ihr
doch. Jrgen war gewi bedeutender, als sie geglaubt hatte. Wenn er erst
all seine Fhigkeiten entfaltet hatte, wrde er noch andere als sie
berraschen.

Sie zog sich zusammen wie ein Blatt bei bermiger Hitze. "Willst Du
die Sache mit Onkel Klaus selbst in Ordnung bringen?"--"Ich reise
natrlich sofort mit Dir nach Hause. Du httest nicht zu kommen
brauchen; eine Mitteilung htte gengt."

Sie ging mit gesenktem Kopf neben ihm her und zitterte am ganzen Leibe.
Seine berlegenheit ngstigte und lahmte sie; seine Erwgungen
verursachten ihr belkeit. Es war, wie schon einmal, da sie einen Fu
nicht vor den andern setzen konnte; sie konnte nicht weiter.

Da hrte sie Jrgen rufen: "Komm her, kleiner Satan!" Wieder der Hund.
Dieser schmutzige Lmmel von Kamerad hatte ihn abermals vom Weg der
Pflicht fortgelockt. Jrgens Stimme hatte so etwas Eigentmliches, wenn
sie befahl: sie war gedmpft und scharf zugleich.

Der Hund kannte sie und lie es dabei bewenden, zweifelnd aufzublicken.
Da er aber mit einem glcklichen Leichtsinn begabt war, warf er sich
pltzlich lustig auf seinen Kameraden und nahm das Spiel wieder auf,
als sei nichts geschehen.

Mary stand und zog eine Lehre daraus. Es war gerade an dem John
Ericson-Denkmal, wo dies geschah. Sie blickte zu dem Kunstwerk auf; sie
schaute in John Ericsons groe, gute, nachdenkliche Augen, bis ihre
eigenen sich mit Trnen fllten. Sie war so unglcklich.

Whrenddessen plagte sich Jrgen mit dem Hunde. Sein Erziehungsprinzip
war, da der Hund nie im Streit mit seinem Herrn seinen Willen bekam.
"Komm her, Du kleiner Rumtreiber", sagte er schmeichelnd. Der Hund war
ganz verdutzt. Er hielt mitten im Spielen inne. "Na, so komm doch,
Freundchen!" Er sprang mit ein paar lustigen Stzen auf ihn zu, er
dachte an gute, gemtliche Stunden; vielleicht war dies so eine? Aber
woran es nun lag,--ihm stiegen Zweifel auf, er warf sich herum und
wlzte sich bald wieder mit seinem schmutzigen Freunde auf der Strae.

Die Vorbergehenden standen still; sie hatten ihren Spa an dem
Ungehorsam des Hundes. Das reizte Jrgen. Mary fhlte es, und sie wollte
dem Hunde helfen; sie stand hinter Jrgen und sagte leise auf
franzsisch: "Es ist nicht recht, ihn erst zu locken und dann zu
schlagen." Aber da wurde Jrgen noch eigensinniger. "Davon verstehst Du
nichts", antwortete er auch auf franzsisch und lockte den Hund wieder.

Mit der unberlegten Leichtglubigkeit, die freundlichen kleinen Hunden
eigen ist, hielt der Hund im Spiel inne und sah nach ihm hin. Den Stock
hinter sich, kam Jrgen auf ihn zu und lockte ihn. Er war wtend ber
das Lachen der andern, versteckte seine Wut aber hinter sanften Worten.
"Komm doch, Freundchen!"

"Trau' ihm nicht!" rief ein englischer Matrose; aber es war zu spt.
Jrgen hatte ihn schon an dem einen langen Ohr gepackt. Der Hund heulte
auf, Jrgen mute ihn gekniffen haben. Mary rief auf franzsisch:
"Schlag ihn nicht!" Aber Jrgen schlug ihn trotzdem. Nicht sehr hart,
aber der Hund heulte frchterlich; er hatte solche Angst. Jrgen schlug
ihn wieder; auch jetzt nicht hart, mehr um die ganze Gesellschaft zu
rgern. Der Hund schrie so gottsjmmerlich, da Mary nicht hinsehen
konnte. Sie blickte hinauf in John Ericsons gute, groe Augen und sagte:
"Mit diesen Schlag hast Du mich von Dir getrennt, Jrgen!"

Im Nu lie er den Hund los und richtete sich auf. Er sah ihre flammenden
Augen, das weie Gesicht und die schlanke, stolz aufgerichtete Gestalt.
ber ihr John Ericsons Haupt.

Nur einen Augenblick. Dann hatte sie sich umgedreht und schritt in
leichtem, frohem Tempo davon--der Hund hinterher.

Die Leute lachten, die englischen Matrosen mit herausforderndem
Spott,--Jrgen ging hinterher.

Aber als sie merkte, da der Hund ihr folgte und nicht ihm, und als
seine Augen die ihren suchten, um zu erfahren, was sie jetzt wolle, da
schlug ihre ganze Angst in ausgelassene Frhlichkeit um. Das war so ihre
Art. Sie klatschte in die Hnde und lief, und der Hund sprang klffend
um sie herum.

Der Bann war gebrochen, die Schande getilgt,--nun ade Jrgen und alles,
was drum und dran ist!

"Nicht wahr, Du kleiner Befreier?" Der bellte.

Sie sah sich nach Jrgen um. Er getraute sich anstandshalber nicht so
schnell zu gehen.

"Aber wir beide getrauen uns, nicht wahr?" Sie klatschte wieder in die
Hnde und lief, und der Hund lief bellend mit.

Dann schlug sie ein langsameres Tempo an; sie spielte mit ihm und
plauderte mit ihm; Jrgen war ja so weit zurck. "Eigentlich mtest Du
'Liberator' heien, aber der Name ist zu lang fr so einen kleinen,
schwarzen Hanswurst. Du sollst John heien,--ja, das sollst Du! Du
sollst nach dem heien, der mich angeblickt hat, da ich Mut bekam!"
Wieder lief sie weiter und der Hund mit. "Du folgst mir und nicht ihm!
Das ist recht, das ist gut! Das hat der auch getan, nach dem Du heit.
Er folgte den Sklavenpeitschen nicht; er hielt zu denen, die Freiheit
brachten!" Jetzt bogen sie um die Ecke, Jrgen war nicht zu sehen.

--Als er nachher ins Hotel kam, lie sie sich verleugnen; und doch hatte
er sie hineingehen sehen. Er sagte, sie habe seinen Hund. Ja, davon
wisse man nichts.

Er mute gehen. Er hatte sie wie auch den Hund verloren.

Oben auf ihrem Zimmer aber fragte Mary den Hund: "Willst Du mir gehren?
Willst Du bei mir bleiben, Du kleiner, schwarzer John?" Sie klatschte in
die Hnde, damit er sein frhliches Ja bellen solle. Damit war die
Eigentumsfrage entschieden. Sie bekam einen Brief von Jrgen, vermutlich
ber diesen Punkt; den verbrannte sie ungelesen.

Sie nahm an, sie werde ihn auf dem Bahnhof treffen, wenn der Zug nach
Norwegen abfuhr, und dann werde er sein Recht fordern. Sie kam mutig
angefahren, ihren frischgewaschenen, gekmmten und parfmierten Hund
neben sich. Jrgen war nicht da.

       *       *       *       *       *

Sie schlief die ganze Nacht, den Hund auf ihrer Reisedecke.

Aber mit dem Morgen kamen die Gedanken. Nun war sie allein. Hatte allein
die Verantwortung.

Bis jetzt hatte sie sich ja selbst mit aller Gewalt in den einzigen
engen Ausweg hineingehetzt: sich sofort mit Jrgen zu verheiraten, auf
einer Reise ins Ausland dem Kinde das Leben zu geben--und dann bis ins
Unendliche auszuhalten.

Aber sich mit einem Menschen zu verheiraten, den sie verabscheute, nur
um sich ein Feigenblatt zu leihen,--wie unverstndlich ihr das jetzt
geworden war! Sie hatte es versucht, weil man in ihrer Umgebung so
dachte, und weil sie in einer Sonderstellung war; die duldete keinen
Fleck auf dem Festgewande.

Aber jetzt sagte sie "pfui, pfui!" ganz laut. Und als der Hund sofort
aufblickte, fgte sie hinzu: "Dies war meine 'Hundereise', will ich Dir
sagen! Der Abschlu meiner 'Hundegeschichte'!"

Aber was nun?

Sie wute, was man noch tun konnte. Aber dann mute man zwei Mitwisser
haben, Jrgen und noch einen. Das war zuviel. Dann konnte sie nicht
stolz und frei dahinschreiten,--und das mute sie knnen.

Ja, was nun?

Solange die "Hundereise", die "Hundegeschichte" ihr wie ein Befehl
erschienen war, wie etwas um ihrer Ehre willen unumgnglich Notwendiges,
hatte sie an die letzte, an die allerletzte Zufluchtssttte nicht im
Ernst gedacht.

Jetzt war es ernst.

Sie sah traurig in die treuherzigen Augen des Hundes, als suche sie auch
hier einen Ausweg. Sie begegnete der unverflschtesten Lebenslust und
Anhnglichkeit. Sie schmiegte ihren Kopf in sein Fell und weinte. Sie
war noch so jung,--sie hatte keine Lust zu sterben.

Zum erstenmal weinte sie ber sich selbst; sie tat sich leid. Sie konnte
nicht begreifen, womit sie dies verdient habe. Auch konnte sie sich
nicht klar werden, wie es gekommen war.

Der Hund merkte, da sie nicht froh sei. Er leckte ihr die Hnde und
guckte ihr in die Augen. Er winselte, weil er hochwollte und sie
trsten.

Da nahm sie ihn auf und beugte sich ber ihn, was er als Spiel auffate.
Er schnappte nach ihren Hnden. Darauf ging sie ein. Die frhlichste
Kinderei begann zwischen den beiden und wollte gar kein Ende nehmen,
weil er nicht genug bekommen konnte; immer wenn sie aufhrte, fing er
wieder an.

Da begann sie mit ihm zu plaudern: "Kleiner, schwarzer John, Du kommst
mir wie ein Neger vor. Du erinnerst mich daran, da Dein Name die Neger
befreit hat. Befreit von der Sklaverei. Du hast mich davor bewahrt, in
die Sklaverei zu kommen.

"Aber es ist eine schlechte Befreiung, weit Du, wenn ich nicht mit Dir
weiter leben darf. Findest Du das nicht auch?" Und dann weinte sie
wieder.----Mit dichtverschleiertem Gesicht fuhr sie durch die Stadt von
einem Bahnhof zum andern, den Hund neben sich auf dem Sitz. Sie sah
keinen Bekannten. Aber wenn die wten--?

Oh, diese gerichtete und gettete Krhe, die Jrgen aufheben wollte, und
vor der sie weglief,--sie wute gar nicht, da sie die so genau gesehen
hatte! Den zerfetzten Hals, den zerhackten Bauch, die leeren
Augenhhlen,--das rote Fleisch grinste sie an, sie kam whrend dieser
ganzen schrecklichen Fahrt nicht davon los.

Hier drauen war's Winter. Sie hatte seit vielen Jahren keinen Winter
mehr gesehen. Die absterbende, hinwelkende Natur hatte sie gesehen, aber
nicht die Umwandlungskraft des Winters, die die Verdung mit dem
allerweiesten Wei zudeckt und in Wald und Feld willkrlich
Vernderungen schafft. Der Fjord war noch nicht zugefroren; er rauschte
schwarzgrau von allen Seiten heran, herausfordernd, hart, wie ein
Ungeheuer, das nach Kampf drstet.

Die Fahrt durch die Stadt hatte ihre Phantasie aufgerhrt, die jetzt in
die Gewalt der Naturkrfte geriet. Ihre Ohnmacht wurde ihr umso tiefer
fhlbar. Konnte _sie_ den Kampf aufnehmen? Konnte sie ans Ziel kommen,
bis die Zeit der Umwandlung da war? Sie mute sich vorher ins Wasser
strzen.

Wie sie mit diesen Gedanken spielte,--sah sie ihres Vaters Gesicht vor
sich. Wie konnte sie leben, ohne ihm zu sagen, was bevorstand? Nie, nie
konnte sie ihm das sagen. Sie konnte ihm nicht einmal sagen, da es mit
Jrgen aus sei. Er wrde das nicht ertragen knnen.

Wenn sie statt zu reden--verschwnde?! Du ewiger Himmel; das wrde ihn
auf der Stelle tten.

Auf der ganzen Fahrt keine Angst mehr vor den andern und nicht ein
bichen Angst vor sich selber, einzig und allein vor ihm.--

--So ermattet, so voller Seelenangst kam sie heim, da sie zu weinen
anfing, als sie das Haus erblickte. Einen so schweren Gang waren wohl
nicht viele gegangen. Selbst die Freudensprnge des Hundes, als er
festen Boden unter sich hatte, konnten sie nicht ablenken. Sie ging nach
oben, um sich zu waschen und umzukleiden, und bat, man mge ihren Vater
und Frau Dawes benachrichtigen, da sie wieder da sei. Das kleine
Mdchen war mit in ihrem Zimmer und half ihr; es war Mary nicht
angenehm, da Nanna in jedem freien Augenblick mit dem Hunde spielte;
aber sie sagte nichts.

Sie sah sehr angegriffen aus. Da sie geweint hatte, war deutlich zu
sehen.

Aber das war vielleicht ganz gut. Dann merkte er doch gleich, da es
nicht gut stehe. Wenn er es nur berstnde! Sie mute ihm dann schnell
auseinandersetzen, da die Reise lang und beschwerlich gewesen sei, und
da Jrgen das Vermgen in ihrer Stellung nicht ausreichend finde, um
sich daraufhin zu verheiraten. Sie mten auf Onkel Klaus warten.

Wenn sie weinen mute, und das mute sie sicher, so mde und verzagt,
wie sie jetzt war, so war das eine Vorbereitung fr das nchste Mal.
Wenn er es nur berstnde.

Aber was sollte sie anders tun? Wenn sie nicht sofort kam, ahnte er
Unheil und ngstigte sich, und das konnte er auch nicht vertragen.

Sie zitterte, als sie vor der Tr stand. Nicht blo aus Angst vor ihm,
nein, auch weil sie nicht vor ihm niedersinken und ihm alles sagen und
sich bei ihm ausweinen durfte. Wie schrecklich das alles war.--

Aber das Leben ist manchmal barmherzig.

Er war nicht von ihrer Ankunft benachrichtigt worden, weil er schlief.
Die Pflegerin stand drauen auf dem Flur, um Mary Bescheid zu sagen,
wenn sie komme. Warum sie nicht anklopfte und es ihr durch die Tr
zurief? Weil das nun einmal so ihre Art war. Als Mary jetzt herauskam,
stand aber die Pflegerin nicht auf dem Flur, sondern auf der Treppe. Das
Mdchen brachte nmlich das Mittagessen fr den Kranken; das holte die
Pflegerin sonst immer selbst, und geniert, da sie es heute nicht hatte
tun knnen, wollte sie ihr doch wenigstens entgegengehen und es ihr auf
der Treppe abnehmen.

Gerade in diesem Augenblick ffnete Mary die Tr zu ihres Vaters Zimmer.
Sie blieb auf der Schwelle stehen, weil die Pflegerin jetzt auf sie
zukam und flsterte: "Er schlft, gndiges Frulein!"

Der Hund aber kmmerte sich nicht darum. Der war schon drin, hatte die
Pfoten auf den Bettrand gelegt und das Gesicht war dicht vor dem Antlitz
des Kranken, der gerade aufwachte. Aufwachte, wo diese schwarze Fratze
ihm in die Augen starrte. Sie ffneten sich weit und schweiften voll
Entsetzen durch das Zimmer, wo sie Marys Blick begegneten. Sie stand
bleich und wie gelhmt vor Schreck in der Tr. Er wandte den Kopf nach
ihr hin, seine Augen blieben an ihr hngen, es kam ein Seherblick in
sie. Dann sank der Kopf zurck.

"Er stirbt!" schrie die Pflegerin hinter ihr auf. Sie setzte das Tablett
hin und eilte zu ihm.

Mary konnte es zuerst nicht glauben; aber als sie es begriff, warf sie
sich mit einem herzzerreienden Schrei ber ihn. Der fand im Zimmer
nebenan bei Frau Dawes einen Widerhall. Als sie dorthin eilten, lag sie
ohne Bewutsein. Sie kam nachher so weit zu sich, da sie die Zunge
bewegen konnte. Sie stammelte allerhand in einem krausen Englisch, das
keiner verstand;--der Arzt aber sagte, es sei mit ihr gewi auch bald
aus. Der Vater war tot.

Mary klammerte sich an ihren Verstand, als halte sie ihn in ihren
Hnden. Jetzt galt es, jetzt galt es; nur nicht nachgeben. Nicht
schreien, nicht denken. Denn sie hatte ihn ja nicht gettet! Es hie:
fassen und begreifen, was die andern sagten, und dem Vorschlag
beistimmen, da ihres Vaters Schwester geholt werden solle. Es galt,
ihrem eigenen Jammer nicht freien Lauf zu lassen, als sie die Trauer der
Tante sah. Es galt, es galt! "Hilf mir, hilf mir," schrie sie, "da ich
nicht wahnsinnig werde!" Und zum Doktor sagte sie: "Ich habe ihn nicht
gettet,--oder doch?"

Er schickte sie zu Bett, machte ihr kalte Umschlge und verlie sie
nicht. Auch er versicherte, es gelte!

Erst als die kleine Nanna am andern Morgen frh mit dem Hunde zu ihr kam
und der bei ihr im Bett liegen wollte, konnte sie weinen.

Im Lauf des Tages wurde es besser; denn durch das Telephon strmte eine
so gewaltige Menge von Telegrammen ins Haus, und es war eine so
herzliche, oft tiefbewegte Teilnahme in ihnen ausgedrckt, da ihre
Trauer davor schmolz. Dieses Mitgefhl, diese Bewunderung fr ihren
Vater und der innige Wunsch, sie zu trsten und zu strken, halfen ihr.
Durch die unvorsichtige Abschrift einer dieser telephonischen Depeschen
erfuhr sie, da auch Frau Dawes tot war. Man hatte sich nicht getraut,
es ihr zu sagen. Aber die groe allgemeine Teilnahme half ihr auch
darber hinweg. Jetzt erst verstand sie die Teilnahme ganz. Alle auer
ihr hatten gewut, da sie die beiden verloren hatte, und da sie nun
ganz allein stand.

Am meisten erschtterte sie ein Telegramm aus Paris, das folgenden
Wortlaut hatte: "Meine geliebte Mary! Wenn Dich in Deinem groen Schmerz
das Bewutsein trsten kann, da Du bei mir ausruhen kannst, so bestimme
ber mich; ich will mit Dir reisen, ich will zu Dir kommen, ganz wie Du
wnschst! Treulich Deine Alice."

Sie ahnte, wer Alice benachrichtigt hatte.

Auch Jrgen telegraphierte: "Wenn ich Dir im geringsten ntzlich sein
oder Dich trsten kann, so komme ich sofort. Ich bin zerschmettert und
verzweifelt."

Die gleiche rhrende und ehrenvolle Teilnahme zeigte sich auch beim
Begrbnis, das drei Tage spter stattfand. Man hatte es um Marys willen
mglichst frh angesetzt.

Es kamen Blumensendungen ohne Ende, vor allem aber ein Kranz von Alice.
Frische norwegische Blumen.

Er wurde zu Mary hinaufgebracht, sie wollte ihn sehen. Das ganze Haus
war von Blumenduft erfllt, mitten im Winter; der Hauch der Liebe
breitete sich ber die Schlummernden.

Sie war nicht unten; sie mochte die Srge und die Blumen und die
Vorbereitungen nicht sehen. Unten in den Zimmern wurden denen, die
weither kamen, Erfrischungen gereicht.

Aber es erschienen viel mehr Menschen, als das Haus fassen konnte, und
unten an der Kapelle war ein noch grerer Andrang.

Der Pfarrer fragte, ob er zu dem gndigen Frulein hinaufkommen drfe.
Sie lie ihm danken, sagte aber nein.

Gleich darauf fragte die kleine Nanna, ob "Onkel Klaus" sie begren
drfe. Er hatte ein rhrendes Telegramm geschickt und angefragt, ob er
ihr irgendwie behilflich sein knne. Auerdem war der Kranz von ihm so
groartig,--wie die Dienstboten versicherten--da man auch den nach oben
gebracht hatte, damit sie sich ihn ansehen solle.

Sie sagte ja. Und herein kam der groe Mann im schwarzen Anzug,
schnaufend, als falle ihm das Atmen schwer. Kaum war er im Zimmer und
sah Mary wie eine Elfenbeinstatue mit dem schwarzen Kleid neben ihrem
Bett stehen, da setzte er sich auf den nchsten Stuhl und brach in
Trnen aus. Es klang, als wenn in einer groen Uhr die Feder springt und
das ganze losschnarrt. Es war das Weinen eines Mannes, der seit seiner
Kindheit nicht mehr geweint hatte. Ein Weinen, das sich ber sich selbst
entsetzte. Er sah nicht auf.

Aber er hatte etwas auf dem Herzen, das merkte sie. Es war, als wolle er
ein paarmal einen Anlauf nehmen, aber dann packte ihn das Weinen noch
schlimmer. Da winkte er mit der Hand ab. Das galt nicht ihr, das galt
ihm selbst; er konnte nicht. Er stand auf und ging. Die Tr machte er
nicht hinter sich zu. Sie hrte ihn schluchzen den Flur entlang und die
Treppe hinunter. Vermutlich brach er jetzt sofort auf.

Mary war ergriffen. Sie wute, ihr Vater war sein bester, vielleicht
sein einziger Freund gewesen. Aber sie ahnte, da das Weinen nicht nur
ihrem Vater galt; es lag auch unmittelbare Teilnahme darin und Reue.
Sonst wre er unten am Sarge geblieben.

Die schne Glocke der Kapelle begann zu luten. Der Hund, der den ganzen
Tag bei ihr im Zimmer hatte bleiben mssen und sehr unruhig gewesen war,
strzte jetzt ans Fenster, das auf die See hinausging, und legte die
Pfoten aufs Fensterbrett, um hinauszusehen. Mary trat zu ihm.

Im selben Augenblick fuhr Onkel Klaus fort. Unten in den Zimmern aber
wurde ein Choral angestimmt, das Trauergefolge kam. Die beiden Srge
wurden von Bauern der Umgegend getragen. Als der erste herauskam, sank
Mary in die Knie und weinte, als solle das Herz ihr brechen. Weiter sah
sie nichts.

Sie lag auf dem Bett, das Glockengelute schnitt ihr ins Herz; sie hatte
das Gefhl, es msse Furchen durch die Seele ziehen. Ihre Sinne
verwirrten sich immer mehr; sie war berzeugt, ihr Vater habe, als sie
in der Tr stand, in sie hineingesehen, und daran sei er gestorben. Frau
Dawes war ihm wie immer gefolgt. Er war die einzige, groe Liebe ihres
Lebens gewesen. Jetzt waren sie beide bei ihr. Auch ihre Mutter in einem
weien, schleppenden Kleide. "Du frierst, Kind!" Sie nahm sie in die
Arme, denn Mary war wieder ein kleines Kind und ganz unschuldig. Darber
schlief sie ein.

Aber als sie aufwachte und drauen und drinnen keinen Laut hrte,--das
Haus war leer ... da faltete sie die Hnde und sagte halblaut: "Es war
das beste fr uns drei. Das Schicksal war barmherzig mit uns."

Sie sah sich nach dem Hund um; sie brauchte Teilnahme. Aber irgendeiner
mute ihn hinausgelassen haben, whrend sie schlief.

Das gengte, um wieder in Trnen auszubrechen. Perle auf Perle aus der
unerschpflichen Schmerzensquelle rann ihr ber Wangen und Hnde, wie
sie so dalag und den schweren Kopf sttzte.

"Jetzt kann ich anfangen, wieder an mich selbst zu denken. Jetzt bin ich
allein."

       *       *       *       *       *

Entscheidung


Am nchsten Tage ging sie zu den Grbern hinunter. Ihr Schmerz wurde
durch einen kleinen Zwischenfall abgelenkt.

Es war Sonnabend und morgen war einer der wenigen Sonntage des Jahres,
da in der Kapelle Gottesdienst stattfand. Zu solchen Tagen pflegten wohl
die Grber geschmckt zu werden. Da das rechte Nachbargehft frher zu
Krogskog gehrt hatte, hatten die Leute hier ihren Begrbnisplatz. Die
Frau war hingekommen, um ein frisches Grab zu schmcken, und der alte
Wolfshund hatte sie begleitet. Natrlich flog Marys kleiner Pudel
treuherzig auf ihn zu, und zu Marys und der Frau Erstaunen nahm der alte
Hund nach einer umstndlichen und vorsichtigen Beriechung den kleinen
Narren in seine Freundschaft auf. Er, der sonst keine jungen Hunde
leiden mochte, verliebte sich in ihn. Er litt, da er ihn an den Ohren
zerrte und ihn in die Beine bi, ja, er legte sich vor ihm nieder und
spielte den berwundenen. Mary machte das solche Freude, da sie die
Frau ein Stck begleitete, um dem Spiel zuzusehen. Und sie wurde dafr
belohnt; denn sie hrte warme Lobesworte ber ihren Vater und einen
Widerhall all dessen, was in diesen Tagen in der Umgegend gesprochen
worden war und den Grund zu seinem Nachruhm legte.

Als sie mit dem Hunde, der jetzt sehr aufgekratzt war, wieder nach Hause
ging, dachte sie: werde ich wohl Mutter hnlich? Ist irgend etwas in
mir, das bisher keinen Platz gehabt hat? Etwas Idyllisches?

Es warteten ihrer an diesem Tage zwei Dinge.

Das eine war ein Brief von Onkel Klaus, er nannte sie "Hochverehrtes,
liebes Patenkind, Frulein Mary Krog."

Da er ihr Pate war, hatte sie nicht geahnt. Das hatte ihr Vater ihr nie
gesagt; wahrscheinlich wute er es gar nicht.

Onkel Klaus schrieb:

"Es gibt Gefhle, die zu stark fr Worte sind, zumal fr geschriebene.
Ich bin kein Held der Feder; ich nehme mir nur die Freiheit, Dir
schriftlich mitzuteilen,--weil ich es mndlich nicht konnte,--da ich an
demselben Tage, da mein unvergelicher Freund, Dein Vater, starb, und
Frau Dawes, Deine edle Pflegemutter, gleichfalls starb, und Du allein
zurckbliebst, Dich, mein liebes Patenkind, zu meiner Erbin eingesetzt
habe.

Mein Vermgen ist bei weitem nicht so gro, wie allgemein angenommen
wird; ich habe auch in der letzten Zeit viel Pech gehabt. Aber es ist
schlielich doch genug fr uns beide, wenn Du Deinen Teil verwaltest und
nicht Jrgen. Ich gehe nmlich davon aus, da Ihr jetzt heiratet.

Seit vielen Jahren habe ich Frau Dawes' Testament bei mir liegen, wie
ich auch ihr Geld in Verwaltung gehabt habe. Gestern habe ich das
Testament geffnet. Sie hat Dir alles vermacht, was sie besitzt. Es sind
wohl an sechzigtausend Kronen. Aber es ist mit diesem Gelde ebenso
bestellt wie mit dem Gelde Deines Vaters: es trgt zurzeit so gut wie
keine Zinsen.

Dein Pate Klaus Krog."

Mary antwortete sofort:

"Mein lieber Pate!

Dein Brief hat mich tief gerhrt. Ich danke Dir von ganzem Herzen.

Aber Dein groes Geschenk darf ich nicht annehmen.

Jrgen ist doch Dein Pflegesohn, und ich mchte ihm in keiner Weise im
Wege stehen.

Du darfst mir das nicht belnehmen. Ich kann unmglich anders handeln.

ber Frau Dawes' Testament werde ich spter meine Bestimmungen treffen
und sie Dir dann mitteilen.

Deine dankbare

Mary Krog."

Als sie den Brief fertig hatte, hrte sie einen Wagen vorfahren. Gleich
darauf wurde ihr eine Visitenkarte berbracht; darauf stand: Margrete
Ry, cand. med.

Es dauerte eine Weile, bis sie hereinkam; sie hatte ihren Reisemantel
abgenommen; es war ein kalter Tag. Das erhhte Marys Spannung
betrchtlich, so da sie, als die hohe, krftige Frauengestalt mit den
guten Augen in der Tr stand, bla wurde und zitterte. Sie merkte, was
das auf die guten Augen fr einen Eindruck machte, die jetzt ihr ganzes
Mitgefhl ber sie hinstrmten. Als kennten sie beide sich seit vielen
Jahren, ging Mary ihr entgegen, legte den Kopf an ihre Schulter und
weinte. Margrete Ry zog das unglckliche Mdchen warm an ihre Brust.

Sie setzten sich. Sie wollte sich erkundigen, wann Mary ins Ausland
gehe. Mary war sehr erstaunt: "Habe ich darber mit jemandem
gesprochen?"--Margrete Ry erklrte ihr, sie habe es von der Pflegerin
erfahren. "Ach," antwortete Mary, "was ich in dem Zustand gesagt habe,
wei ich nicht mehr. Ich habe jedenfalls nachher nicht wieder daran
gedacht."

"Also Sie wollen nicht fort?" Mary bedachte sich eine Weile. "Ich kann
es wirklich noch nicht sagen. Soweit bin ich noch nicht wieder zu mir
selbst gekommen." Margrete Ry wurde verlegen. Das sah Mary, oder
richtiger, sie fhlte es. "Wollen Sie etwa auch ins Ausland?" fragte
sie. "Ja. Ich wollte hren, ob ich Ihnen irgendwie dienlich sein kann,
dann wollte ich meine Reise nach Ihrer einrichten."--"Wohin reisen Sie
denn?"--"Ich reise im Interesse meines Studiums und fange mit Paris an.
Die Pflegerin sagte mir, dahin wollten Sie auch", fgte sie hinzu. Sie
war ganz schchtern geworden. Sie hatte Mary helfen wollen und kam sich
nun aufdringlich vor. "Ich wei, Sie meinen es gut", antwortete Mary.
"Es kann ja sein, da ich von Paris gesprochen habe. Ich erinnere mich
nicht. In Wirklichkeit habe ich noch nichts beschlossen."--"Ja, dann
mssen Sie schon verzeihen. Dann beruht alles auf einem Miverstndnis."
Frulein Ry stand auf.

Mary hatte das Gefhl, sie msse sie zurckhalten; aber sie hatte nicht
die Kraft. Erst an der Tr vertrat sie Frulein Ry den Weg. "Ich mchte
in den nchsten Tagen einmal mit Ihnen sprechen, Frulein Ry." Sie
sagte es sehr leise und blickte nicht auf. "Heute fhle ich mich nicht
krftig genug", fgte sie hinzu.--"Das sehe ich. Das habe ich auch
angenommen. Deshalb habe ich Ihnen etwas mitgebracht, wovon Sie
vielleicht Gebrauch machen knnen. Es ist das beste Krftigungsmittel,
das ich kenne."

Nein, wie sympathisch ihr ganzes Wesen Mary berhrte. Sie dankte ihr
herzlich.

"Wenn ich etwas gesunder bin, komme ich also."--"Sie sollen mir
willkommen sein."--"Ja," sagte Mary errtend, "es ist Ihnen doch nicht
unangenehm, zu mir zu kommen?"--"In Ihr Haus am Markt?" fragte Margrete
Ry; sie wurde auch rot.--"In unser Haus am Markt, ja. Aber ich kann
wohl gar nicht mehr 'unser' sagen?" Ihr kamen wieder die Trnen. "Wenn
Sie mich nur verstndigen, komme ich hin."

Acht Tage spter kam sie.

In einem wtenden Novembersturm, wie man ihn schlimmer in jener Gegend
nie erlebt hatte. Das Wasser war noch nicht zugefroren, so da Dampfer
verkehren konnten. Aber nur mit Not und Mhe. Und bei der Stadt muten
sie Halt machen.

Margrete Ry war hchlichst erstaunt, als sie an diesem Tage die
Nachricht erhielt, sie mge in das Krogsche Haus am Markt kommen.

Sie kam in ein warmes behagliches Haus hinein und war doch gewohnt, es
ausgestorben mit heruntergelassenen Vorhngen zu sehen. Sie wurde eine
breite, altmodische Treppe hinaufgefhrt; es war die ganze Stilart der
alten Stadthuser zu Beginn des vorigen Jahrhunderts.

Mary sa in einem roten Boudoir, das seit den Lebzeiten ihrer Mutter
unverndert geblieben war. Sie sa auf dem Sofa unter einem groen
Portrt der Mutter. Als sie aufstand in ihrem schwarzen Kleide, bleich
und mit mden Augen unter dem roten Haar, da erschien sie Margrete Ry
wie die Verkrperung des Schmerzes, die schnste, die man sich
vorstellen konnte. Es lag eine Feiertagsruhe auf ihrem Wesen. Sie sprach
so leise, wie der Sturm drauen es irgend gestattete.

"Ich fhle, Sie ehren das Leid eines anderen Menschen. Ich bin auch
berzeugt, da Sie verschwiegen sind."--"Das bin ich."--Es dauerte eine
Weile, bis Mary sagte: "Was fr ein Mensch ist Jrgen Thiis?"--"Was fr
ein Mensch er ist?"

"Aus verschiedenen Grnden nehme ich an, da Sie mir das sagen
knnen."--"Da mu ich aber erst fragen: sind Sie nicht mit Jrgen Thiis
verlobt?"--"Nein."--"Man hat es gesagt."--Mary schwieg.--"Ja, sind Sie
denn auch nicht mit ihm verlobt gewesen?"--"Doch."--Da sagte Margrete
rasch und freudig: "Aber Sie haben die Verlobung aufgehoben?"--Mary
nickte.--"Das wird manchem eine Freude bereiten; Jrgen Thiis ist Ihrer
nicht wrdig." Das schien Mary nicht in Erstaunen zu setzen. "Sie wissen
etwas?" fragte sie.--"Ein Frauenarzt, liebes Frulein, wei mehr, als er
erzhlen kann."--"Aber ich glaube doch, er hat mich geliebt", sagte
Mary, um sich zu entschuldigen.--"Das haben wir alle gemerkt",
antwortete Margrete. "Er liebte Sie sicher mehr als je eine zuvor." Und
sie fgte hinzu: "Das war nicht zu verwundern ... Aber in Kristiania
habe ich ein junges, ses Mdel gekannt, die damals seine Einzige war!
Sie war ganz aus dem Huschen, und da sie sich nicht heiraten konnten,
gab sie sich ihm hin."--"Was tat sie?" Mary schrak auf; hatte sie recht
gehrt? Es strmte drauen so sehr, da man einander schwer verstehen
konnte. Margrete wiederholte deutlich und mit Betonung: "Sie war ein
warmherziges Ding und glaubte, sie sei wirklich seine Einzige."--"Sie
konnten sich nicht heiraten?"--"Sie konnten sich nicht heiraten. Da gab
sie sich ihm hin."

Mary fuhr in die Hhe, blieb aber stehen. Sie hatte etwas sagen wollen,
hielt aber inne.

"Erschrecken Sie nicht so, Frulein Krog, das ist nichts Seltenes." Bei
dieser Auslegung war es Mary, als sinke sie in eine tiefere Klasse
herab. Sie setzte sich langsam wieder hin. "Sie haben gewi in solchen
Dingen gar keine Lebenserfahrung, Frulein Krog."--Mary schttelte den
Kopf.--"Dann wundert es mich, da Sie beizeiten von Jrgen Thiis
losgekommen sind; der hat Routine."--Mary antwortete nicht. "Wir nahmen
an, Sie wrden noch vor dem Herbst heiraten. Besonders als Ihr Vater und
Frau Dawes krank wurden."--"Das wollten wir auch, aber es stellte sich
als unmglich heraus."

Margrete konnte nicht ergrnden, was hinter dieser rtselhaften Antwort
steckte. Aber sie sagte mit forschenden Augen: "Da wuchs wohl seine
Begierde ganz bedeutend?"--Es bebte in Mary, aber sie zwang es nieder.
"Sie scheinen ihn zu kennen?"--Margrete bedachte sich eine Weile: "Ja,"
sagte sie, "ich bin ja lter als Sie,--auch lter als er. Aber--zu
meiner Schande sei's gesagt,--in Kristiania vergaffte ich mich auch in
ihn. Das merkte er--und versuchte sein Heil." Sie lachte.

Mary wurde bleich, sie erhob sich und trat ans Fenster. Drauen
peitschten Sturm und Regen mit wachsender Gewalt gegen die Scheiben; sie
muten jetzt ganz laut sprechen. Mary stand eine Weile und blickte in
das Unwetter hinaus, kam dann zurck und stellte sich aufgeregt und
unruhig vor Margrete hin.

"Wollen Sie mir versprechen: niemals einem Menschen zu sagen, worber
wir heute geredet haben?--Unter keinen Umstnden?"--Margrete sah sie
verwundert an: "Ich soll niemandem erzhlen, da Sie mich nach Jrgen
Thiis gefragt haben?"--"Ich wnsche absolut, da keiner es
erfhrt."--"Auf wen geht das?"--Mary sah sie an: "Auf wen das geht?" Sie
verstand die Frage nicht. Margrete aber stand auf: "Ein Mensch kam
eigens in diese Stadt, um Ihnen zu sagen, da Jrgen Thiis Ihrer nicht
wrdig sei. Er kam zu spt. Aber mir scheint, er verdient zu erfahren,
da Sie jetzt selbst dahintergekommen sind, was fr ein Mensch Jrgen
Thiis ist."--Mary antwortete eifrig: "Dem sagen Sie's! Dem knnen Sie es
sagen.--So ist er deshalb gekommen?" fgte sie langsam hinzu. "Es ist
mir lieb, da Sie mir das gesagt haben! Mein zweites Anliegen war
nmlich ... (sie hielt einen Augenblick inne); das zweite, was ich Ihnen
zu sagen hatte, war ... Sie sollen Ihren Bruder gren. Von mir."--"Das
will ich tun. Und ich danke Ihnen dafr! Sie wissen, was Sie meinem
Bruder sind." Marys Augen wichen ihr aus. Sie kmpfte eine Weile mit
sich. "Ich bin eine von den Unglcklichen," sagte sie, "die ihr eigenes
Leben nicht ins Lot bringen knnen,--nicht das, was geschehen ist. Ich
kann den Faden nicht finden. Aber mir ist, als wenn Ihr Bruder Anteil
daran habe."--Sie wollte wohl noch mehr sagen, vermochte es aber nicht.
Sie trat statt dessen wieder ans Fenster und blieb da stehen. Das
Unwetter drauen drang mit tausendstimmiger Wut ins Zimmer. Es schrie
frmlich nach ihr. "Herrgott, was fr ein Wetter", sagte Margrete mit
lauter Stimme. "Ich freue mich, in das Wetter hinauszukommen", sagte
Mary, indem sie sich mit leuchtenden Augen umwandte. "Sie wollen in
diesem Wetter hinaus?" rief Margrete. "Ich will nach Hause gehen!"
antwortete Mary. "Noch obendrein gehen?!" Mary kam heran und stellte
sich vor sie hin, als wolle sie etwas Gewaltiges, Ungestmes sagen. Sie
hielt freilich inne; aber das Unausgesprochene strmte empor in ihre
Augen, in ihr Gesicht, in ihre Brust, da sie die Arme in die Luft
reckte und mit einem lauten Aufsthnen auf das Sofa ihrer Mutter
niedersank. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Hnden.

Da kniete Margrete vor ihr hin. Mary lie sich umarmen und wie ein
mdes krankes Kind an ihre Brust ziehen. Auch das Weinen brach rhrend
und hilflos wie das Weinen eines Kindes aus ihr hervor; ihr Kopf sank
auf die Schulter der Freundin.

Nur einen Augenblick. Dann richtete sie sich mit einem Ruck empor. Denn
Margrete hatte ihr zugeflstert: "Ihnen fehlt etwas. Sagen Sie es mir!"

Kein Wort als Antwort. Da wagte Margrete nichts mehr zu sagen. Sie stand
auf; sie fhlte, hier war nichts mehr fr sie zu tun.

Mary tat auch nichts, um sie zurckzuhalten. Sie war auch aufgestanden,
und so sagten die beiden sich Lebewohl.

Aber als Margrete an der Tr stand, konnte sie doch nicht umhin, noch
einmal zu fragen: "Wollen Sie wirklich hinaus--?" Mary nickte, als wolle
sie sagen: "Genug davon! Das ist meine Sache."

Da ging Margrete.

        *        *       *       *       *

Die Laternen brannten schon, als Mary vor ihrem Hause stand. Sie konnte
sich bei den Windsten nur mhsam aufrechthalten, die sich von
Sdwesten her zwischen den Husern durchpreten. Sie hatte einen
wetterfesten Mantel um mit einer Kapuze und hohe, gut schlieende,
wasserdichte Stiefel. Sie ging so rasch sie konnte. Eine einzige
Vorstellung war von dem Gesprch mit Margrete Ry in ihr
zurckgeblieben. Aber die jagte sie vorwrts, die peitschte ihr mit dem
Regen zusammen in den Rcken:--Margretes entsetzte Augen und ihr
bleiches Gesicht, als sie gesagt hatte: "Ihnen fehlt etwas? Sagen Sie's
mir!" Himmlischer Vater, sie wute es! So wrden alle sie ansehen, wenn
sie es erfuhren! So tief hatte sie die Leute enttuscht und gekrnkt in
ihrem Glauben an sie. Ihr war's, als seien sie alle hinter ihr her, als
fliehe sie vor ihnen. Vor dem Krhenschwarm! Sie strmte dahin und war
auerhalb der Stadt, ehe sie selbst es merkte. Hier drauen, wo keine
Laternen mehr standen, war es stockfinster; sie mute eine Weile
stillstehen, bis sie den Weg sehen konnte. Aber dann ging's erst recht
vorwrts! Sie hatte den Orkan halb von hinten, halb von der Seite.

Das war der Richterspruch, der sie aus Land und Reich verjagte! Der sie
noch weitertrieb! Ihr war's von der ersten Stunde an, da ihr Klarheit
wurde ber ihre Lage, gewesen, als habe sie ein Paket geschenkt
bekommen, das sie bis jetzt nicht aufgemacht hatte. Sie hatte die ganze
Zeit ber geahnt, was darin war; aber eigentlich hatte sie es erst
gestern aufgemacht. In dem Paket war ein groer schwarzer Schleier, in
den sie sich und ihre Schande einhllen konnte, der Schleier des Todes.
Aber auch der Schleier wurde ihr nur bedingungsweise geschenkt. Unter
einer Bedingung, die sie von Kind auf kannte. Damals war ihr die
Geschichte einer Grotante erzhlt worden, die es hatte verheimlichen
wollen, da sie whrend der Abwesenheit des Mannes schwanger geworden
und deshalb heimlich Abend fr Abend mit bloen Fen auf dem eiskalten
Fuboden umhergelaufen war. Sie hatte den natrlichen Tod sterben
wollen, der die Folge davon sein mute. Dann wte keiner, da sie sich
das Leben genommen habe, und das Warum kam nicht heraus.

Aber irgendeiner hatte sie Nacht fr Nacht so auf und ab gehen hren;
daher kam es doch heraus.

Das wollte sie jetzt besser machen!

Die Schwche, die vor Margrete so unerwartet ber sie gekommen, war
vllig geschwunden. Jetzt hatte sie Kraft zu ihrem Vorhaben.

Als solle ihr Mut sofort auf die Probe gestellt werden, tauchte neben
ihr etwas Schattenhaftes auf. Es trat ungeahnt aus dem Dunkel hervor und
so bengstigend nahe, da sie zu laufen anfing. Das Entsetzen, als sie
durch das Toben der Elemente zu hren meinte, es komme hinter ihr
hergelaufen! Da fand sie ihre Fassung wieder und blieb stehen. Da blieb
das hinter ihr auch stehen. Sie ging weiter; da ging das Schattenhafte
auch weiter. Nein, dachte sie: wenn ich nicht den Mut habe, dieser
Sache auf den Grund zu gehen, so habe ich auch den Mut nicht zu dem
ndern. Damit drehte sie sich um und ging direkt auf das Ungeheuer zu,
das sie verfolgte: es wieherte gutmtig,--es war ein junges Pferd. Es
war gesattelt und suchte in seiner Verlassenheit den Menschen. Sie
streichelte es und sprach mit ihm. Es war doch ein Gru des Lebens, ein
Verlassener, der eine Verzweifelte trstete. Aber als es weiter mitging,
lieferte sie es auf dem nchsten Bauernhof ab. Sie mute allein sein.
Die Leute waren hchlichst erstaunt. Da jemand in dem Wetter drauen
war, und noch dazu eine Frau! Sie floh hastig aus der Helle wieder ins
Dunkel hinaus.

Das kleine Ereignis hatte sie gestrkt; sie wute jetzt, da sie Mut
hatte. Und rasch schritt sie vorwrts.

Sie mute jetzt ber den ersten Hgel, den der Weg durchquerte. Ob es
wirklich so war, oder ob es ihr nur so schien: der Sturm nahm bestndig
zu. Er mute doch bald seinen Hhepunkt erreicht haben. Aber fr sie lag
all ihr eigener Jammer und ihre Schande darin. Gerade das gab ihr Kraft.
Nicht vor dem Tode hatte sie Furcht,--nur vor dem Leben.

Im Weiterschreiten durchdachte sie alles noch einmal. Sie wollte ihr
Kind nicht verraten, nicht sich selbst retten, indem sie das Kind tten
lie. Es nicht zu fremden Leuten geben und dann verleugnen. Nicht leben
ohne Selbstachtung.

Wenn ein Bewerber kme--und sicher kmen jetzt genau so viele wie
frher!--sollte sie es ihm dann gestehen? Oder schamlos verschweigen? Es
gab nur eins, was sie mit Ehren tun konnte: mit ihrem Kinde zusammen
untergehen. Zu nichts anderem fhlte sie sich fhig. Aber das mute so
geschehen, da keiner etwas merke. Sie mute an einer Krankheit sterben;
also hie es, sich diese Todeskrankheit zuzuziehen.

Das war sie sich selber schuldig. Denn sie war sich heute genau so
sicher wie an jenem Abend, als sie zu Jrgen hineinging, da sie nicht
deswegen unglcklich zu werden verdiene.

Es war ein ungeheurer Irrtum, ja;--aber daran war sie unschuldig. Es war
gewi auch stark mit Naturtrieb verquickt gewesen,--trotzdem war es eine
Handlung, deren sie sich nicht schmte. Sie war es sich selber schuldig,
mit dem unverkrzten Mitgefhl aller zu sterben, die sie je gekannt
hatte. Sie war das auch denen die in ihr die erste von allen gesehen
hatten. Sie hatte nicht illoyal den Glauben dieser Menschen an sich aufs
Spiel gesetzt.

Jetzt war sie vorn auf der Landzunge, und der frchterliche Kampf, der
hier begann, wurde unversehens zu einem Kampf um dies eine. Es war, als
wollten alle Mchte der Welt ihr die Selbstachtung entreien und sie
verdammen. Hier war offnes Meer und meilenweit her rollten die Wogen in
wachsender Emprung heran. Wenn sie dann am Felsen anprallten, sprhten
sie meterhoch auf. Die allerhchsten kamen mit den letzten, schneidenden
Spritzern bis zu ihr hinauf. "Da hast Du's! Da hast Du's!" Und der
Sturm, der gegen die zerrissene Felsenkante anraste, wollte sie durch
die Macht des Luftdrucks herunterreien. Obschon der Regenmantel die
Kleider gut zusammenhielt, war's doch, als wolle der Sturm sie ihr vom
Leibe herunterziehen: "Steh nackt in Deiner Schande, in Deiner Schande!"

Aber das rasende Schumen der Wogen schchterte sie nicht ein, sich
schuldig zu fhlen, auch der Sturm konnte sie nicht bis an die
Eisenstange treiben und vielleicht gar hinber. Sie bckte sich, ja sie
mute bei den schlimmsten Sten stillstehen; aber dann ging's wieder
weiter, und sie hielt ihren Weg ein. "Ich gebe meinen Ehrenkranz nicht
her,--ich will mit ihm sterben! Deshalb sollt _ihr_ mich nicht haben!"

Sie gelangte glcklich um die Spitze herum und auf die andere Seite und
von dort in die Ebene zwischen diesem Hgel und dem nchsten. Hier war
einmal ein Bergrutsch den Hang hinunter gegangen und unten lag das
Gerll, ber das jetzt der Weg fhrte. In diesem verwitternden Gerll
stand ganz allein dicht am Wege eine einzige schwanke Birke. An die
Birke dachte sie, als sie gerade an die Stelle kam; bei solchem Sturm
mute sie doch gebrochen sein? Nein, sie stand. Mary blieb daneben
stehen und holte tief Atem. Die Birke beugte sich, da Mary jeden
Augenblick dachte: jetzt bricht sie; aber sie schnellte elastisch wieder
in die Hhe. Sie selbst konnte sich nicht lange an dieser Stelle halten,
so entsetzlich scharf pfiff der Orkan gerade hier um die Ecke; die junge
Birke aber, die so hoch emporragte und eine so ppige Krone hatte und
selbst so zart und schwach war, die stand stolz da, ganz aus eigener
Kraft; an ihr prallte alles ab.

Sie wollte den Gedanken ausspinnen, als sie weiterging und in die Ebene
einbog. Aber gerade hier bekam der Sturm die Macht, ihr den Regen ins
Gesicht zu peitschen; jeder Tropfen war wie eine scharfe Nadel. Ach
nein, dachte sie, solch Gefhl wre es, wenn ich versuchte, dem Sturm zu
trotzen, der meiner harrt.

Die Lichter auf den Hfen, das einzige, was sie sah, verkndeten
Frieden. Aber sie wute, was der Friede ihr bringen werde.

Sie schritt auf dem Wege an der Bucht entlang weiter; aber sie wurde
allmhlich mde. Sie merkte es daran, da die Bilder berhand nahmen;
die Wirklichkeit verschwand hinter Bildern. Alte Vorstellungen aus
Bchern. Als sie auf die zweite Landzunge zustrebte, war das Meer, das
hier wieder offen vor ihr lag, gar kein Meer, sondern lauter
Seeungeheuer, die mit aufgesperrtem Rachen vor Begierde brllten,
hunderte und aber hunderte. Und die rasenden Raubtiere in der Luft mit
den grausigen Schwingen hatten denen da unten versprochen, Mary ihnen
zuzuwerfen. Sie hielt sich mit ihrer letzten Kraft an der Felswand fest;
aber jetzt kam ein Graben, sie fiel hinein und durchnte ganz. Es sind
also noch mehr Feinde da, dachte sie und krabbelte wieder heraus.
Glcklicherweise war die Landzunge schmal; bald war sie an der Biegung
nach der nchsten breiten Ebene. Dann kam nur noch ein Berg. Nicht um
das Leben zu retten, wollte sie nicht hinausgeschleudert werden, nur um
die Ehre zu retten. Fand man sie in der See oder war sie ganz
verschwunden, so wrden alle sagen, sie habe den Tod gesucht--und dann
auch nach dem Grunde forschen.

Jetzt aber hrte sie durch die Dunkelheit den alten Finnenhund bellen.
Ganz nahebei. Sie war schneller gegangen, als sie gedacht hatte, sie war
ja schon beim Nachbargehft, Jetzt sah sie auch die Lichter.

Schon der Gedanke, einem Wesen zu begegnen, das an ihr hing, bewegte
sie. Sie liebte das Leben. Sie glaubte selbst nicht mehr, da sie so
untauglich zum Leben sei. Als diese wohlbekannte Stimme aus dem Dunkel
nach ihr rief, war ihr zumut, wie einem Schiffbrchigen, der am Ufer
Menschen sieht.

Als sie ber das Gehft ging, verlie der Hund seinen Posten und kam
klffend, schweifwedelnd und triefend heran, um sich seine Begrung zu
holen. Sie strich ihm dreimal zum Abschied ber den Kopf und eilte
weiter. Kurz darauf hrte sie ihn wieder bellen, aber anders, viel
heftiger. Sie mute unwillkrlich an Jrgen denken. Wie berhaupt auf
dieser ganzen letzten Wegstrecke, die sonst nur ihrem Vater geweiht
gewesen war. Wie hundertmal war sie hier von klein auf mit ihrem Vater
gegangen und geradelt. Jetzt war auch das von Jrgen verschandelt. Sie
konnte hier nicht mehr ohne ihn gehen. Keinen Schritt in ihrem Leben
mehr ohne ihn.

Sie blickte unwillkrlich nach oben, aber Himmel war nicht zu sehen.

Ganz erschpft rstete sie sich, den letzten Hgelrcken zu
berschreiten. Sie passierte ihn gedankenlos, ohne das Gefhl, da es
das letztemal war; aber auch ohne Bangen.

Das, worauf sie jetzt geradenwegs zuging, stand so fest in ihren
Gedanken wie der Weg unter ihren Fen. Der fhrte ber die Feldmark
von Krogskog auf die Landungsbrcke. Es war so finster, da ihre Augen,
die sich jetzt doch an die Dunkelheit gewhnt hatten, die weien Mauern
der Kapelle erst dicht an der Landungsbrcke wahrnahmen. Ihre Gedanken
schweiften hinber zu den Grbern auf dem Kirchhof; aber gleich kamen
sie zurck, um sich zu sammeln fr das Ziel ihrer Wanderung. Ohne Zgern
setzte sie den Fu auf die Brcke und ging hinunter. Hier drute kein
Orkan, hier peitschte ihr kein Regen ins Gesicht; die beiden waren zu
freundlich gesinnten Mchten geworden, sowie sie den Boden von Krogskog
betreten hatte. Die Hhen und die Inseln boten hier Schutz. Unter andern
Umstnden htte sie eine Erleichterung gefhlt, und vielleicht den
Frieden in dem heimischen Hafen empfunden,--jetzt war jeder Gedanke
abgestumpft. Ganz mechanisch eilte sie weiter. Mechanisch machte sie ein
paar Knpfe ihres Regenmantels auf, um den Schlssel herauszuholen;
mechanisch steckte sie ihn ins Schlo und ffnete die Badehaustr. Erst
als sie drinnen stand in der Stockfinsternis, kam sie zum Bewutsein und
erschrak. Der Sdwestwind, der hier noch brig geblieben war, schlug die
Tr zu, da schauderte sie zusammen. Es war, als sei sie nicht allein.

Sie mute sich jetzt ausziehen und die Treppe hinuntersteigen, um
eiskalt zu werden. Eis-eiskalt! Dann sich wieder anziehen und nach Hause
gehen zum Fieber und zu den andern Dingen, die hinterher kamen. Htte
das Fieber die erwartete Wirkung nicht, dann hatte sie etwas, was
nachhalf. Sie hatte es bei Frau Dawes in einem Fach gefunden. Dann trfe
das Fieber die Schuld.

Aber nun, da sie mit dem Ausziehen anfangen wollte, war's, als krampfe
sich alles in ihr zusammen, und eine Gnsehaut berlief sie. Vor dem
Wasser, vor dem eiskalten Wasser, in das sie hineinmute, hatte sie
Angst. Huh, hier dicht bei war gewi schon Eis. Sie mute mit den
nackten Fen das Eis betreten! Sie wollte doch auf jeden Fall die
Strmpfe anbehalten; die konnte sie nachher trocknen, damit keiner
Verdacht schpfe. Aber das eis-eiskalte Wasser ... wenn sie einen
Herzkrampf bekme? Nein, sie wollte sich bewegen, wollte schwimmen. Aber
wenn sie sich am Eise schnitt, wenn sie wieder herauswollte? Sie mute
auch die Unterkleider anbehalten. Aber wrden die bis zum nchsten
Morgen trocknen? O doch, wenn sie sie an den Ofen hing. Sie mute
zuriegeln, damit alles in Ordnung war, wenn das Mdchen hereinkam. Wenn
sie dann nur noch bei Bewutsein war! Sie war nie krank gewesen; sie
wute nicht Bescheid damit.

Als sie in diese langen berlegungen verfiel, hatte sie den Regenmantel
aufgeknpft. Nun, da sie die Kapuze abnehmen mute, geschah das
Unerwartete, da sie ganz unwillkrlich statt dessen mit dem Kleide
anfing und es oben am Halse aufknpfte, wo das Medaillon ihrer Mutter
hing. Da zitterten ihr die Hnde, und auch ihren Krper berlief ein
Beben. Sie hatte nicht an das Medaillon gedacht; nein, viele Jahre
nicht, auch jetzt dachte sie nicht daran; daher rhrte das Zittern
nicht. Aber das Medaillon kam sozusagen bei dem Zittern nach oben. Sie
mute es jetzt doch abnehmen. Wenn sie es nur nicht verge! Nein, sie
wollte es gleich in die Tasche stecken.

--So!--

Da kam ein neues Grauen. Ganz deutlich hrte sie feste Schritte auf der
Landungsbrcke, die nher und nher kamen. Das Zittern hrte auf;
instinktiv knpfte sie erst das Kleid am Halse wieder zu, dann ganz,
ganz schnell auch den Mantel. Wer hatte hier etwas zu tun? Im Badehause
keinesfalls.

Doch just hierher kam es! Ein fester Griff, die Tr flog auf, eine
mchtige Gestalt im Wettermantel stand im Rahmen; der Kopf mit der
Kapuze ragte ber die Trffnung weg. Eine elektrische Taschenlaterne
leuchtete ihr gerade ins Gesicht, sie stie einen heftigen Schrei
aus,--es war Franz Ry.

Da berkam sie eine Ohnmacht, da sie dem Umsinken nahe war; aber sie
wurde umschlungen und hinausgetragen, alles in einem Nu. Sie hrte die
Tr ins Schlo schnappen; sie wurde auf den Arm genommen und
fortgetragen. Kein einziges Wort konnte sie sagen; auch er sagte nichts.

Aber am Ende der Landungsbrcke kam sie wieder zu sich; das merkte er.
Bald hrte er denn auch: "Das ist Gewalt!" Keine Antwort. Gleich darauf
ein heftiger Versuch, sich loszumachen, und wieder klang's nur lauter
und lebhafter: "Das ist Gewalt!"--Keine Antwort. Er schlang nur den
andern Arm zrtlich um sie. Sie fragte heftig: "Wie kommt es, da Sie
hier sind?"--Da antwortete er: "Meine Schwester!"

Die Stimme, diese Stimme legte sich zrtlich um sie. Aber sie wehrte
sich dagegen: "Wenn Ihre Schwester es gut mit mir meint und Sie auch,
dann lassen Sie mich los!" Er ging weiter: "Lassen Sie mich los, sag'
ich! Das ist unwrdig!" Sie ri sich so heftig von ihm los, da er sie
anders fassen mute, aber auf seinem Arm blieb sie. Mit trnenerstickter
Stimme sagte sie: "Ich lass' es mir von keinem Menschen gefallen, da er
ber mich bestimmt." Da antwortete er: "Sie mgen sich losreien, soviel
Sie wollen,--ich trage Sie nach Hause. Wollen Sie mir nicht gehorchen,
so lasse ich Sie berwachen!" Die Worte legten sich wie ein eiserner
Reifen um sie; sie wurde ganz still: "Sie lassen mich bewachen?"--"Das
tu' ich; denn Sie sind Ihrer selbst nicht mchtig."

Etwas Trichteres hatte sie in ihrem ganzen Leben nicht gehrt. Aber sie
wollte mit ihm nicht darber disputieren. Sie antwortete nur: "Und Sie
meinen, das habe einen Zweck?"--"Das meine ich. Wenn Sie sehen, wir
wollen alles fr Sie tun, was in unserer Macht steht, dann geben Sie
nach, denn sie haben ein so gutes Herz." Sie schwieg eine Weile, dann
sagte sie: "Ich kann keine Hilfe von einem Menschen annehmen, der nicht
die rechte Achtung vor mir hat,"--sie fing zu weinen an.

Da blieb Franz Ry stehen und blickte, so gut er konnte, unter seiner
Kapuze zu ihr auf. "Ich nicht die rechte Achtung vor Ihnen?! Meinen Sie,
dann trge ich Sie? Fr mich sind Sie das Feinste, das Schnste, was ich
kenne. Darum trage ich Sie. Sie mgen getan haben, was Sie wollen--ich
wei, Sie haben es aus dem vornehmsten Gefhl heraus getan; anders
knnen Sie nicht handeln! Sind Sie betrogen, haben Sie sich furchtbar
geirrt,--so liebe ich Sie nur noch mehr--jetzt ist es gesagt!--dann sind
Sie doch ja auch unglcklich, meine ich! Dann kann ich Ihnen vielleicht
doch irgendetwas sein. Das wre das schnste, was mir geschehen kann.
Ich will Sie verlassen, wenn Sie es absolut wnschen. Ich will mit Ihnen
zum Altar gehen, wenn Sie soviel Zutrauen zu mir haben. Ich will den
Schuft totschlagen, wenn Ihnen damit gedient ist. Ich will alles tun,
was Sie wollen, wenn Sie nur glcklich dadurch werden. Denn das ist fr
mich das schnste."

Er hielt inne, fing aber wieder an:

"Ich habe nicht geglaubt, da ein Mensch soviel Qual ertragen kann, wie
ich empfunden habe, als ich heute abend hinter Ihnen herging. Hier
strzt sie sich hinunter, dachte ich. Dann mu ich mich auch
hinunterstrzen. Bei diesem Unwetter bedeutet das sicher fr uns beide
den Tod; aber das hilft nichts. Das war's auch nicht, was mich peinigte.
Nein, nur da Sie so unglcklich, so verzweifelt waren. Da Sie sich fr
unwrdig des Lebens halten konnten. Sie, die um keinen Preis der Welt je
etwas Unwrdiges tun konnte. Nie, niemals bin ich einem Menschen
begegnet, dessen ich mir in dieser Beziehung sicherer war. Und doch
konnte ich Ihnen das nicht sagen. Und durfte Ihnen nicht helfen. Ich
kannte Sie,--ich getraute mich nicht in Ihre Nhe.

"Aber nun habe ich Sie doch gerettet. Denn Sie knnen nicht sterben
wollen, jetzt, nachdem Sie mich angehrt haben. Oder doch?" Er hatte sie
schluchzen hren; er hatte gefhlt, wie sie ihre Arme um seinen Hals
schlang, da sie seine Worte fast erstickte. Jetzt lie er sie langsam
zu Boden gleiten. Aber der Arm, den sie ihm um den Hals gelegt hatte,
lste sich nicht. Als sie auf der Erde stand, legte sie auch den andern
Arm um seinen Hals und barg leise schluchzend ihr Gesicht an seiner
Brust; ihr Herz schlug an seinem den Takt dazu, den raschen Takt der
Freude.--

--Oben auf dem Hof hatten sie telephonisch Nachricht bekommen, das
gndige Frulein sei unterwegs in dem schlimmsten Wetter, das je
dagewesen sei. Aus dem Stadthause wurde immer und immer wieder
angefragt, ob sie noch nicht da sei.

Das kleine Mdchen war schon mehrmals mit dem Hunde drauen auf der
Treppe gewesen, ohne da der Hund gebellt htte. Diesmal aber bellte
er,--mehr noch, er setzte im Galopp davon.

Im Hause war man in der denkbar grten Aufregung. Keiner fand etwas
Sonderbares darin, da Unglck und Verzweiflung sie in Wetter und Sturm
hinausgetrieben hatten. Sie bedurfte dessen! Sie sehnte sich danach, ihr
Leben aufs Spiel zu setzen; sie legte keinen Wert mehr darauf. Als jetzt
das kleine Mdchen hereingestrmt kam: "Sie ist da! Sie ist da!" weinten
sie alle vor Freude. Sie hatten schon lngst warme Zimmer und warmes
Essen bereit. Nun legten sie noch ein Gedeck auf, denn Nanna kam wieder
hereingestrmt und berichtete, sie sei nicht allein; die Kleine hatte
einen Mann reden hren. Da sei gewi Jrgen Thiis endlich gekommen!
meinten sie. "Nein, es war nicht seine Stimme. Es war doch eine richtige
Mnnerstimme!"

Die Freude des Hundes, als er sie sah, kannte keine Grenzen. Er
winselte, er klffte, er sprang ihr direkt ins Gesicht und wollte gar
nicht aufhren. Als Franz Ry mit ihm sprach, begrte er ihn wie einen
alten Bekannten, wandte sich aber gleich wieder Mary zu. Das kleine
zottige Wesen sprhte frmlich Feuer. Es verkrperte die Freude der
Heimat, sie gesund wiederzusehen. Ein Gren der Toten und der Lebenden.
Das war ihre Empfindung. Sie dachte, vielleicht sei er auch ein
Vorspiel zu ihrer eigenen wiedererwachenden Freude, wenn sie einmal das
ausgestandene Grauen ganz los werden konnte.

Als sie mit dem Hunde hineinkam, der wie toll vor Freude war, da standen
die smtlichen drei Mdchen da, und die Kleine hinter ihnen. Sie hielten
in ihrem Freudenausbruch inne, als sie den riesigen Menschen hinter ihr
heraufkommen sahen; denn in seinem Wettermantel hatte Franz Ry etwas
bernatrliches. Aber nur einen Augenblick, dann riefen sie: "Nein, da
gndiges Frulein bei solchem Wetter drauen sind! Wie haben wir uns
gengstigt. Die Verwalterin im Stadthause verstndigte uns! Im Dorf ist
Feuer. Alle Mannsleute sind da. Wir htten sonst Hilfe geschickt. Gott
sei Dank, da Sie wieder da sind!"

Mary verbarg ihre Rhrung, indem sie schnell nach oben ging. Sie kam in
ihr warmes Zimmer, wo die Lampe schon angezndet war.

"Ist all diese Liebe und Frsorge neu? Oder habe ich sie frher nur
nicht beachtet?"

Der Hund winselte solange vor der Tr, bis sie ihn einlie. Seine
Dankbarkeit war so aufdringlich, da sie sich nur mit Mhe umziehen
konnte. Besonders schwierig wurde es, als sie die Strmpfe wechselte.

Schlielich machte sie sich das Haar zurecht, da fiel ihr das Medaillon
ihrer Mutter ein; sie holte es wieder hervor und band es um den Hals.
Sie schaute es an--zum erstenmal nach langen Jahren--und drckte und
kte es. Darauf steckte sie ein Licht an und ging damit ber den Flur
in ihres Vaters Zimmer. Sie setzte das Licht hin, beugte sich ber sein
Bett und drckte einen Ku auf sein Kopfkissen. Dann wieder hinaus; aber
vor der Tr des Fremdenzimmers stand sie still. "Hier soll er schlafen,
damit es morgen wieder geffnet werden kann. Dann ist alles Hliche
weg!" Zu dem Mdchen, das gerade nach oben kam, sagte sie, das
Fremdenzimmer msse geheizt werden. Das sei schon geschehen, antwortete
das Mdchen. "Darf ich Fruleins Lampe hineinstellen?" Sie bekam sie.
Mary stand und sah ihr nach. Waren sie wirklich immer so gewesen?

Das Mdchen blieb im Zimmer, um alles zurecht zu machen. Sie selbst ging
auf die Treppe zu. Da blieb sie wieder stehen. Der Hund, der schon unten
gewesen war, kam winselnd wieder herauf. Er wollte sie nicht wieder
verlieren. Sie streichelte ihn voll Dankbarkeit; das war gewissermaen
eine kleine Abzahlung auf das groe Dankgefhl, das sie jetzt ganz
erfllte. "Morgen--heute bin ich zu mde--morgen sage ich Franz Ry
alles. Alles, was mir geschehen ist. Alles! Dann finde ich mich
vielleicht selbst auch heraus." Mit diesem stolzen Vorsatz ging sie die
Treppe hinunter, stand aber still, ehe sie unten angelangt war.
"Seltsam! Ganz seltsam! Mir ist, als knnte ich es der ganzen Welt
sagen."

Der Hund stand vor der Tr zu dem hollndischen Zimmer; da witterte er
Franz Ry.

Sie ging und machte die Tr auf. Aber kaum stand sie selbst auf der
Schwelle, da rief Franz Ry, als sei es ihm schwer gefallen, solange zu
schweigen: "Gott im Himmel, ist das hier schn!" Als er den Hund neben
ihr sah, fgte er hinzu: "Und wie lieb man Sie hier haben mu!" Sein
Gesicht leuchtete.

"In Uniform?" fragte sie.--"Ja, ich bin nmlich direkt von einer groen
Hochzeit fortgeholt worden!" Er lachte.

Das brachte sie auf einen Gedanken. Whrend der Hund an ihrem Kleide ri
und zerrte, blickte sie frhlich zu Franz Ry auf: "Hier auf Krogskog
hat frher schon einmal ein General vom Geniekorps gelebt."--










End of Project Gutenberg's Mary, Erzaehlung, by Bjornstjerne Bjornson

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MARY, ERZAEHLUNG ***

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